Sonntag, 30. April 2017

EIN KÖDER FÜR DIE BESTIE (Cape Fear 1962 J.Lee Thompson)


Vor 8 Jahren sagte der Anwalt Sam Bowden gegen den Frauen misshandelnden Max Cady aus. Nun nach seiner Haftentlassung taucht er im Wohnort Bowdens auf um Rache zu nehmen. Da Cady sich mittlerweile gut genug mit dem Gesetz auskennt, um immer genau im legalen Rahmen zu handeln, und da seine Drohungen stets zu subtil ausfallen als dass man ihm damit etwas nachweisen könnte, kann Bowden nichts gegen die lauernde Gefahr unternehmen. In seiner Verzweiflung greift der Anwalt zu ungesetzlichen Wegen...


Der das System ausnutzt...

Kap der Angst“ ist ein wahrlich gutes Remake, und gerne wird behauptet dass es eine seiner Stärken wäre den Figuren in Sachen Legalität mehr Graustufen zu bescheren, sprich Gut und Böse nicht so sauber zu trennen wie das Original. Dabei wird gerne übersehen dass „Ein Köder für die Bestie“ diesbezüglich lediglich wesentlich subtiler vorgeht und auch Sam Bowden vom ersten Tag an kein reiner Saubermann ist. Von Anfang an nutzt er das System für seine Sache, so wie es umgekehrt Cady tut. Der Film lebt hintergründig von dieser Spiegelung, man muss sie nur entdecken. Es ist diese Herangehensweise und manche inhaltliche Veränderung des Remakes, welche das Original im Vergleich glaubwürdiger und damit wirkungsreicher erscheinen lässt, so dass man wahrlich über beide Versionen nicht meckern kann.

Cady ist eine Gefahr. Daran lässt J. Lee Thompson von Anfang an nicht zweifeln. Die bedrohliche Filmmusik unterstreicht diesen Eindruck. Cadys deutliche Anspielungen lassen keine andere Deutung zu. Er wird tätig werden. Immer wieder wird von ihm wie ein Tier gesprochen, und wenn man mit der Zeit erleben darf wie er eine junge Frau zurichtet, dann kann man dem fast zustimmen. Da passt es ganz gut zu besagter Bezeichnung, dass Cady immer wie ein Tier um Bowden herumschleicht. Stets wartet er auf die richtige Gelegenheit. Und wenn die Stunde für Cady Richtung Finale geschlagen scheint, dann taucht er zunächst mit tierischer Bewegung ins Wasser, um sich darauf hin wie ein Krokodil, einzig den Kopf aus dem Gewässer ragend, dem Ziel zu nähern.

Trotz dieses hammerartigen Vergleiches kommt „Ein Köder für die Bestie“ keines Falls vorverurteilend mit bitterem Schwarz/Weiß-Denken daher. Wie erwähnt ist Bowden nicht das unschuldige Lämmchen, welches Kenner des Remakes im Original aus ihm machen möchten. Dennoch wird er zur Identifikationsfigur, und da Thompson sehr gekonnt die Spannungsschraube andreht, kann man gar nicht anders. Bowden erlebt Psychoterror vom feinsten, und wir verstehen seine Verzweiflung illegal handeln zu wollen, selbst wenn wir sie nicht gut heißen.

Ich war überrascht, dass „Cape Fear“ (Originaltitel) in seiner Erstverfilmung weit weniger sanft daher kommt, als ich es ihm für seine Entstehungszeit zugetraut hätte. Das fällt ganz besonders im Umgang mit der Pädophilen-Thematik auf, die jeden Familienvater aufschrecken lassen würde. Im hier besprochenen Film wird sie gar wichtiger als in der Neuverfilmung, und das beschert „Ein Köder für die Bestie“ endgültig einen düsteren Schleier, der es unmöglich macht nicht vom Stoff gepackt zu werden. Selten war die Form der Bedrohung so deutlich. Sie ist offensichtlich und gleichzeitig nicht zu verhindern. Sie klagt das Rechtssystem an und nimmt es gleichzeitig in Schutz, eben weil das System keinen Wert mehr besitzen würde, wenn wir es dort aushebeln würden, wo es Bowden von Vorteil wäre.

„The Executioners“ (Alternativtitel) ist sich dieser und vieler anderer Elemente seiner Story bewusst. Er benennt sie nicht nur, er arbeitet mit ihnen und beweist auf diese Art wie intelligent er ausgefallen ist. Glaubwürdige Figuren bis in die kleinste Rolle, ein Spannungsbogen der sich sehen lassen kann, eine Geschichte mit der sich jeder identifiziert bekommt und das ganze in stimmige Schwarz/Weiß-Bilder eingefangen, so mag klassisches Kino zu gefallen, gerade wenn es sich weit moderner guckt als vermutet. „Ein Köder für die Bestie“ funktioniert nicht nostalgisch augenzwinkernd, theoretisch verstehend was einst gemeint war. Er ist wie ein Schlag ins Gesicht, wuchtig in seiner Wirkung, ein echts Liebhaberstück - und in seiner Glaubwürdigkeit dem sehr guten, aber an mancher Stelle zu konstruiert ausgefallenem Remake, eine Nasenlänge voraus.


Weitere Besprechungen zum Film: 


AMEISEN - DIE RACHE DER SCHWARZEN KÖNIGIN (It Happened at Lakewood Manor 1977 Robert Scheerer)


Durch Bauarbeiten scheucht man eine bislang friedlich für sich lebende Ameisengattung auf, die für den Menschen giftig ist. In einem nahegelegenen Hotel kommt es durch sie zu mehreren Todesfällen...


Bloß kein Wasser verschwenden...

Die 70er Jahre Tierhorror-Welle brachte meist eher sympathische Werke hervor, egal ob sie schlicht gestrickt waren wie „Grizzly“, augenzwinkernd wie „Piranhas“, reißerisch wie „Der Polyp“ oder dämlich wie „Rabbits“. Auch wenn der große Wurf meist auf sich warten ließ und manche Werke wie „Baracuda“ und „Orca - Der Killerwal“ nur in zweiter Reihe mit dem Genre spielten, die meist konservativ ausgefallenen Werke fielen meist angenehm routiniert aus, mal pessimistisch ausgefallen wie in „Mörderspinnen“, mal experimentell wie in „Monster Shark“, gerne auch blauäugig wie in „Ameisen - Die Rache der schwarzen Königin“.

Nur hat es dieser leider nicht zum angenehmen Ergebnis seiner Konkurrenz geschafft. Dabei kann man ihm manch spannenden Moment, wie eine Rettungsaktion mit einer Feuerwehrleiter, oder der Zwang sich mit etlichen Ameisen auf den Körpern ruhig verhalten zu müssen, durchaus zusprechen. Leider setzt man uns oberflächliche und unangenehme Charaktere vor, die ständig aneinander vorbei reden, falsche Schlüsse ziehen, von Empathie nie etwas gehört haben und sehr schnell eingeschnappt sind. Da findet kein vernünftiger Dialog statt, selten ein sinnvoller, Sympathie kommt erst ansatzweise gegen Ende auf, und da eigentlich auch nur für den Helden, dem wir andererseits überhaupt erst die Extremsituation im Finale durch seine Ignoranz zu verdanken haben.

Dass sich der Autor nicht in andere Menschen hineinversetzen kann, merkt man nicht nur an den Stereotypen, die schließlich grundsätzlich zu einem Tier-Horror dazu gehören, sondern auch an widersprüchlichen Szenen. Da gibt die Feuerwehr ihren Einsatz auf, weil die Leiter zu kurz für die oberen Stockwerke ist. Kurz darauf rettet ein Bagger einen auf einer Markise heruntergestürzten Mann mittels der Baggerschaufel. Die restlichen Eingeschlossenen zu überreden selbigen Weg zu gehen wird ebenso übersehen, wie die Möglichkeit den im Hintergrund noch immer parkenden Feuerwehrwagen hinzuzuholen. Es mag sein dass wir manchen Unsinn der deutschen Synchronisation zu verdanken haben, so wird beispielsweise von einem Geschehnis gesprochen ehe es stattgefunden hat, es ist aber auch gut möglich, dass diese Fehler bereits im Originalton auftreten.

Einzig an der Deutschvertonung kann es ohnehin nicht liegen, schließlich wird so gar nicht nachgedacht. Warum man sich im Ameisen belagerten Haus keine Zeit verschafft, indem man mittels Wasser die Viecher wegspült, was schließlich die naheliegendste Lösung wäre, wird nicht beantwortet und verhindert innerhalb der klassischen Tierattacken das Aufkommen von spannenden Szenen. Wie soll man diese Momente bitte ernst nehmen, wenn Menschen vor Ameisen flüchten, ohne sich mit solch simplen Methoden gegen sie zu wehren? Das hätte den Gegner schließlich nicht zwingend zu leicht zu besiegen wirken lassen, wie das Werk „Die Tollwütigen“ bei ähnlicher Situation beweist. Sich derart naheliegender Methoden zu bedienen hätte zudem den Zugang zu den Charakteren erleichtert.

„Ants - Die Rache der schwarzen Königin“ (Alternativtitel) ist ein erzkonservativer Film, bei dem das Publikum dabei zusehen soll wie ein Problem mittels Solidarität gelöst wird. Das fand man damals scheinbar ganz toll, sei es nun zur Angstbewältigung oder lediglich zur Stärkung besagtem Solidaritätsgefühls. „Taranteln - Sie kommen um zu töten“ beweist sogar, dass bei diesem Rezept ein sympathischer Film entstehen kann, ebenfalls nur an einem Tag spielend wie „Hotel des Todes“ (Alternativtitel). Der TV-Film von Robert Scheerer, in welchem ausschließlich mit echten Ameisen gearbeitet wurde, bekommt jedoch aufgrund der bereits genannten Fehler den Bogen nicht.

„Ameisen - Der Tod kommt auf 6 Beinen“ (Alternativtitel) hätte kein zweiter „Phase IV“ werden müssen, dessen Klasse ohnehin nur schwer zu erreichen wäre. Aber solch ein simples Ergebnis wie „In der Gewalt der Riesenameisen“ hätte mir bereits gereicht, damit er funktioniert. Dieser beweist, dass man bei einem lächerlichen Szenario mit Hilfe sympathischer Charaktere dennoch ein brauchbares Produkt abliefern kann. „Panic at Lakewood Manor“ (Alternativtitel), der von seiner Grundidee weit weniger lächerlich daher kommt und wie erwähnt sogar spannende Momente aufweist, hätte dies Kraft für einen ernstzunehmenden Genre-Beitrag gegeben.

Aber wer schon einem Wissenschaftler völlig unbegründetes, haltloses esoterisches Umweltgeschwätz in den Mund legt, wenn dieser als Experte ins Szenario hinzustößt, und wer einem Hotelbesitzer nicht die Intelligenz zutraut es gut zu heißen bei mehreren Todesfällen unbekannter Herkunft das Haus zu evakuieren, sowie einem Bauunternehmer nicht die Kooperation mit Behörden nach einem tragischen Unfall zutraut, der kann freilich kein glaubwürdiges Szenario erschaffen - zumal wir bei der Gattung Tier-Horror nicht von Filmen sprechen, die komplett bodenständig und realistisch daher kommen müssen. Einen gewissen Grad Unsinnigkeit tragen sie alle in sich, das macht sie sogar sympathisch. „Ants!“ (Alternativtitel) schießt diesbezüglich jedoch über das Ziel hinaus, bleibt zwar aufgrund kleinerer Stärken gourtierbar, lässt aber immer wieder durchblitzen wie viel besser er in den Händen anderer Autoren ausfallen wäre.


Weitere Besprechungen zum Film: 


Mittwoch, 26. April 2017

ÜBER DEN DÄCHERN VON NIZZA (To Catch a Thief 1955 Alfred Hitchcock)


Es ist schon etliche Jahre her, dass John Robie für seine Taten als Profieinbrecher bekannt war. Nach abgesessener Strafe lebt er nun schon einige Jahre auf ehrliche Art. Aber als eine Reihe von Einbrüchen begangen wird, die in ihrer Ausführung stark an Robies damalige Methoden erinnern, wird er wieder zum Hauptverdächtigen für die Polizei. Um seine Unschuld zu beweisen versucht John auf eigene Faust herauszufinden wer hinter den Verbrechen steckt...


Wütende Ex-Kollegen auf der einen Seite, die Polizei auf der anderen...

„Über den Dächern von Nizza" - viel klassischer kann das vergangene Kino der 50er Jahre wohl kaum ausfallen. Wir haben hier einen smarten Helden mit zwielichtiger Vergangenheit, wir haben eine blonde, junge Frau, die ihn anhimmelt, ihm aber auch misstraut, wir haben allerhand doppeldeutige Anspielungen, die dennoch brav und rein daher kommen, und wir wohnen gestellten Liebeleien bei, die es so im wahren Leben nie geben würde, die auf dem Bildschirm aber bezaubernd wie eh und je daher kommen. Kabbeleien zwischen Mann und Frau gehören ebenso zum Rezept wie Verwechslungen, Klunker und reiche Damen. Und da der Held trotz seiner Vergangenheit  ein Gentleman ist, ist das Ganze zudem stilvoll abgefilmt, von Regie-Profi Alfred Hitchcock, der zwar eher in ernsteren Genres unterwegs war, mit Werken wie diesem hier aber immer wieder auch mal bewies dass er auch anders kann.

Ich weiß nun nach der dritten Sichtung eines Cary Grant-Filmes noch immer nicht was ich von ihm als Schauspieler halten soll, ein großes Talent strahlt mich da nicht an, der gute Mann weiß aber wieder einmal zu wirken, vielleicht nicht so gut wie es manche Konkurrenz vergangener Tage getan hätte, aber gut genug um in der Rolle des Gentleman-Diebes zu überzeugen. Damit ist ein wichtiger Baustein des Filmes erfüllt. Grace Kelly weiß den weiblichen Gegenpart mit ihrer süßen, sanft-biestigen Ausstrahlung ein wenig besser zu erfüllen, hat aber keine herausfordernde Rolle ergattert, so dass sie ihre Rolle mit Leichtigkeit erfüllt. Das passt recht gut zum Inszenierungsstil Hitchcocks, schaut sich „To Catch a Thief“ (Originaltitel) doch ohnehin sehr leichtfüßig, so sehr sogar, dass ich in ihm keinen Thriller erkennen kann, ein Genre welches der Streifen hin und wieder angeheftet bekommt.

„Über den Dächern von Nizza“ weiß in seiner ur-klassischen Art als das zu funktionieren, was er sein will: als romantische Gaunerkomödie, aufgrund der Geschichte den Bereich des Kriminalfilms streifend, aber da dieser viel zu augenzwinkernd angegangen wird, kann er nicht zum vordergründigen Genre des Streifens gezählt werden.

Man erkennt selbst mit dem angestaubten Blick von heute, dass der Film einst großes Kino war, mit all den Stärken und Schwächen die dazu gehörten. Realismus muss hier niemand suchen, ebenso wenig wie kritischen Umgang mit der High Society oder anderen Elementen der Gesellschaft. Im Gegenzug besitzt „Über den Dächern von Nizza“ aber auch keine Scham. Doppeldeutigkeiten, die Aufnahme in den Ausschnitt einer reichen Dame, der gar zum Zentrum einer Casino-Szene wird: Hitchcock klagt weder an, noch hält er sich bedeckt. Was er erzählt wirkt für die damalige Zeit teilweise gar provokant, wenn auch immer die Grenze zum Erlaubten einhaltend.

Inmitten dieses fürs Kino stets inszeniert wirkende Szenario schleicht sich zumindest immer dann ein Hauch Realität ein, wenn wir die französische Polizei stets in ihrer Landessprache ermitteln hören. In solchen Momenten wird in der von mir gesichteten Fassung im Originalton mit deutschen Untertiteln dem Zuschauer keine Übersetzung gewährt. Durch das fehlende Einblenden englischer Untertitel scheint dies auch für die Amerikaner zu gelten, und diese Entscheidung finde ich sehr gut, zumal viele andere Filme genau in diesem Punkt unglaubwürdig werden. Dass der Reststreifen eher Kino pur ist, und somit nichts mit dem wahren Leben zu tun hat, ist jedoch gut so, denn genau auf diese Art versprüht der Film seine Magie, die auch mich zu packen wusste. „Über den Dächern von Nizza“ mag ein wenig Anlaufzeit benötigen, bis er zu gefallen weiß, aber der Moment kommt, und von da an ist man seinem Charme verfallen - bishin zum himmlischen finalen Kuss, der inmitten veralteter Kino-Klischees süßer wohl kaum einzufangen ist.


Sonntag, 23. April 2017

10 CLOVERFIELD LANE (2016 Dan Trachtenberg)


Als Michelle nach einem Autounfall erwacht, findet sie sich im unterirdischen Bunker von Howard wieder, der ihr erklärt, dass die Erde nach einem Angriff unbewohnbar geworden ist und sie hier gemeinsam mit dem ebenfalls im Bunker wohnenden Emmett einige Jahre aushalten müssten, ehe man wieder raus kann. Das merkwürdige Verhalten Howards lässt Michelle an der Wahrheit dieser Geschichte zweifeln...


Fakten gegen Indizien...

„10 Lane Cloverfield“ bietet weder das Found Footage-Verfahren des Kino-Hits „Cloverfield“, noch dessen Monster. Hinter dieser Nicht-wirklich-Fortsetzung steckt die Idee des Produzenten J.J. Abrams eine Art lose Reihe leicht verwandter Szenarien miteinander zu verbinden, vielleicht vergleichbar mit John Carpenters in den 80er Jahren gescheiterter Idee mit „Halloween 3“ jährlich immer wieder andere Horrorgeschichten innerhalb der mit Michael Myers gestarteten „Halloween“-Reihe herauszubringen.

Das Werk, in welchem Spielfilm-Neuling Dan Trachtenberg die Regie übernahm, mag somit vom Titel her eine Art Schwindel sein um mehr Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, dies wird jedoch nicht für einen Film unter Wert durchgezogen, denn „10 Lane Cloverfield“ kann sich wahrlich sehen lassen. Als jemandem den bereits das Plakat zum Film gefallen hat, hat es mich gefreut, dass die Idee der dort angewandten Schriftgrafik auch im Vor- und Abspann eingesetzt wird. Und die Ausgangssituation des Films klang mit einem John Goodman in der Hauptrolle ebenfalls reizvoll. Ich bin somit recht guter Dinge an „The Cellar“ (Alternativtitel) herangegangen und war während des Sichtens dementsprechend glücklich solch ein gelungenes Stück Kammerspiel vorzufinden, das wahrlich keine Wünsche offen lässt.

Vielleicht mag der Beginn etwas unnötig oberflächlich inszeniert sein, da wir da aber nur von wenigen Minuten sprechen, bevor Michelle im Bunker erwachen darf, ist der maue Anfang auch nicht der Rede wert, zumal er uns eine Charaktereigenschaft Michelles offenbart, die noch wichtig wird und auch für das Schlussbild des Streifens von Bedeutung ist. Trachtenberg bindet einen ohne Wenn und Aber an Michelle. Es ist sie, durch die wir das Treiben im Film erleben, es ist ihre Perspektive der Dinge, welche die Geschehnisse beeinflusst. Mögen wir auch manches Mal an ihrem Denken und ihrem Tun zweifeln, am Ende gibt es ohnehin kaum eine Szene, in welcher sie nicht zu sehen ist. Sie ist die Identifikationsfigur, mit ihr müssen wir durch die Grundsituation durch.

Welcher Dinge diese Situation ist, bekommen wir dementsprechend vor Michelle nicht heraus. Wir wissen immer nur so viel wie sie selbst weiß. Diverse Ereignisse scheinen Beweise für eine Lüge zu sein, andere Ereignisse scheinen die Geschichte um eine unbewohnbare Erdoberfläche zu bewahrheiten. Ebenso ergeht es die Frage um den Charakter Howards. Klare Beweise zeigen seine Hilfsbereitschaft und seine Ehrlichkeit, Indizien deuten jedoch eine zusätzliche Seite des undurchschaubaren Mannes an. Handelt es sich hierbei um eine Wahrheit die parallel neben einer anderen Wahrheit existiert, immerhin können positive Charaktereigenschaften neben negativen co-existieren, oder ist es ein durch den Wunsch nach Freiheit hervorgerufenes Hineinsteigern in Fehlschlüsse nur scheinbarer Fakten was Michelle an ihm zweifeln lässt?

Durch den langsamen und nüchternen Stil, mit dem Trachenberg seinen Film erzählt, erreicht der Regisseur einen Spannungsbogen, der fast rein über Dialoge aufrecht erhalten wird. Die Anwesenheit einer dritten Person verhindert das zu starre Schwarz/Weiß-Denken Michelles. Durch diese Person wird das Treiben im Bunker erst wirklich realistisch und verhindert, dass wir zu extrem in die „Howard ist ein Psychopath“-Richtung denken. Somit verhindert er auch, dass „Valencia“ (Alternativtitel) überhaupt zu sehr in die „vom Psychopathen gefangen gehalten“-Richtung gedrängt wird, mit welcher „10 Cloverfield Lane“ zu viel von seiner Individualität eingebüßt hätte.

Die Geschehnisse von „10 Cloverfield Lane“ lassen sich tatsächlich nicht vorher sagen. Der spannende Genre-Mix aus Thriller, Drama und möglichem Science Fiction bleibt immer auf einem interessant erzählten Hoch. Nie geben die Verantwortlichen der Geschichte dem Zuschauer die Gewissheit sich auf etwas verlassen zu können. Gleichzeitig ist der Plot um die Eingeschlossenen abwechslungsreich genug erzählt, um die Geschichte nicht auf der Stelle treten zu lassen. Und Howards ungewöhnliches, fast unberechenbar scheinendes, Verhalten sorgt für eine unterschwellige Unruhe, bei der man immer das Gefühl hat, dass da bald etwas aufkocht, immer auf die Explosion wartend.

Das schwer einzuordnende, sehr konservativ gehaltene Verhalten Howards, welches einen Gegenpol zum eher alltäglich lockeren Verhalten von Michelle und Emmett bildet, sorgt nicht nur für besagte Spannungskurve und ist nicht nur der Glaubwürdigkeit wegen von Nutzen, wenn es um die Frage geht wer für Fälle wie diesen einen solchen Bunker bauen und/oder missbrauchen würde, es wird von den Verantwortlichen des Streifens glücklicher Weise auch dafür genutzt philosophische Fragen am Rande aufzuwerfen, mit denen sich der Zuschauer entweder beschäftigen kann oder auch nicht.

Bin ich es dem Hausherr aus Dankbarkeit schuldig, mich seinen Lebensgewohnheiten anzupassen, wenn dieser mir das Leben gerettet hat und mir gewährt mit ihm auf engstem Raum zu leben, während die ganze Welt vor die Hunde gegangen ist? Kann ich meinem Freiheitsdrang nachgehen, der bedeutet mich gegen jene Person zu stellen, der ich mein Leben zu verdanken habe? Wo fängt das Recht auf das Individuum an, wo hört es auf? Wie viel ist es wert gerettet zu werden? Schließlich ist Leben Leben, und ohne Howard hätte Michelle ihres nicht mehr. Die ganzen Fragen fußen schließlich zudem lediglich nur auf Annahmen darüber, dass mit Howard etwas nicht stimmen würde. Sich mürrisch, wunderlich und bestimmend verhalten ist immerhin kein Beweis für Wahnsinn, lediglich für eine andere Sichtweise der Dinge. Und alles was gegen Howard spricht, sind Vermutungen, Indizien und Ahnungen.

„10 Cloverfield Lane“ lebt von dieser Ungewissheit, und dies sogar sehr gut. Zwar gibt es immer wieder Momente, in welchen man die ein oder andere Figur aufgrund nicht nachvollziehbarem Verhaltens am liebsten ohrfeigen möchte, schließlich glaubt man je nach Filmphase an verschiedene Möglichkeiten der Wahrheit, diese ärgerlichen Verhaltensweisen gehen jedoch nie auf Kosten der Glaubwürdigkeit der Figuren. Diese sind alle drei im einzelnen durchdacht und gehen tiefer als die meisten Figuren amerikanischer Blockbuster. Für einen solchen ist Trachtenbergs Werk aber auch erfreulich zurückhaltend umgesetzt und beweist, dass man auf diese Art trotzdem beste Unterhaltung jenseits von verkopften Kunst-Kino bieten kann.

Auch in seiner Schlussphase bleibt „10 Cloverfield Lane“ hoch interessant und packend inszeniert, und dankenswerter Weise schließt der Film nicht so geheimnisvoll wie er begann. Im Gegensatz zum Restfilm und zum indirekten Vorgänger „Cloverfield“ werden offene Fragen beantwortet, während gleichzeit manches nicht gelüftete Randgebiet der Wahrheit den Zuschauer noch einige Zeit nach dem Sichten beschäftigen kann. Es ist schön dass der Schluss des Filmes einem hierfür Spielraum schenkt. Das rundet ihn mit seinen philosophischen Fragen in der ersten Filmhälfte ab, so dass man wahrlich von einem gelungenen Erlebnis sprechen kann, welches einen geistreicher zu unterhalten weiß als die meisten anderen US-amerikanischen Filme, die bei uns im Kino gezeigt werden.


Weitere Reviews zum Film: 


ZWEI DURCH DICK UND DÜNN (Il ritorno di Shanghai Joe 1974 Bitto Albertini)


Der gutherzige Scharlatan Bill entdeckt auf der Suche nach Wasser für ein durstiges Dorf zufällig eine Ölquelle, welche sich der reiche Barnes unter den Nagel reißen will. Dessen Pläne das Dorf um seinen Reichtum zu bringen werden stets durch den umherziehenden Chinesen Shanghai Joe verhindert, der sich nach einiger Zeit mit Bill zusammen tut...


Zwei Fäuste und zwei Handkanten...

Ich hatte meinen Spaß mit dem eher tolpatschig umgesetzten, aber äußerst charmanten Versuch mit „Karate Jack“ die Genres Eastern und Western zu vereinen. Dementsprechend war ich erfreut zu lesen, dass es eine Fortsetzung gibt. Leider hatten die Produzenten mit „Zwei durch dick und dünn“ andere Pläne als mit dem Original, denn der deutsche Titel sollte sich nicht nur wie ein Bud Spencer/Terence Hill-Film anhören, man versuchte mit diesem Projekt tatsächlich an den Erfolgen des schlagfreudigen Duos anzuknüpfen, welches zu Beginn seiner Erfolgswelle in Spaß-Western unterwegs war. „Karate Jack“ war mit seinem anderen Genre-Mix als Alternative zur Western-Komödie gedacht und gewann lediglich durch die deutsche Synchronisation ein wenig an Humor. Eine leichte Verwandschaft zu den Spencer/Hill-Filmen war aber tatsächlich dort bereits erkennbar.

Das Einstreuen so ziemlich jeden Eastern-Klischees ließ den Vorgänger jedoch trotzdem anders wirken. Seine unbeholfene Art, das scheinbare Fehlen einer zu erzählenden Geschichte und die Besetzung des so gar nicht wirksamen Chen Lee machten aus dem Film etwas Besonderes. Er war zu charmant um ihn wirklich als missglückt zu bezeichnen und zu wackelig angegangen um ihn wirklich ernst nehmen zu können.

Die unter Regisseur Bitto Albertini entstandene Fortsetzung ist hingegen ein Formelprodukt, eine von Produzenten durchdachte Marketing-Idee zu einer Zeit, in welcher es noch nicht bewiesen war, dass man das Konzept der Spencer/Hill-Komödien nicht einfach mit ähnlichen Hauptfiguren kopieren kann. Auch Werke wie „Vier Fäuste schlagen wieder zu“ und „Vier Fäuste und ein heißer Ofen“ versuchten sich an einer solchen Kopie, dies sogar noch direkter angeknüpft als der hier besprochene Streifen, nach diesen missglückten Gehversuchen war man jedoch schlauer und ließ es bleiben die beiden beliebten Haudegen ersetzen zu wollen.

Anbei wurde Shanghai Joe für die Fortsetzung ebenfalls ausgetauscht. Statt Chen Lee agiert nun Chen Lie, klingt gleich, liest sich anders - aber vor allen Dingen schaut er sich auch anders, denn nun ist Shanghai Joe professioneller besetzt, was den Reiz dieser Figur im Wilden Westen mindert. Mit ernsterer Mine als sein Vorgänger agierend, obwohl die Fortsetzung im Gegensatz zu Teil 1 eine Komödie sein soll, besitzt er nicht mehr den Charme des Original Shanghai Joes, auch wenn die Neubesetzung definitiv besser kämpfen kann.

Leider ertönt aber auch mit jedem Kampf des Helden ein eigens für ihn komponiertes Shanghai Joe-Lied, deutlich orientiert an den Soundtracks der Spencer/Hill-Filme, aber eben leider so gar nicht passen wollend in einen schundigen Karatefilm, der im Wilden Westen spielt. Nicht nur dass die Fortsetzung dadurch um den flotten Soundtrack des Originals beraubt wurde (welches Caiano damals einfach von einem seiner früheren Filme übernahm), die Erkenntnis, dass eine musikalische Untermalung während der Kampfszenen diesen die Atmosphäre raubt, ging ebenfalls verloren.

So schaut sich „Return of Shanghai Joe“ (Alternativtitel) arg bemüht und leider auch anstrengend für den Zuschauer, der weder einen kurzweiligen Spencer/Hill-Klon vorgesetzt bekommt, noch solch unbeholfenen Spaß wie „Karate Jack“. Es wird diesmal eine echte Geschichte erzählt, die andererseits wiederum ziemlich uninspiriert ausgefallen ist. Und als Pluspunkt hat man Klaus Kinski diesmal für eine größere Rolle gewinnen können. Aber was nutzt dies, wenn das Endprodukt in seiner zu konstruierten Art lediglich langweilt, eben weil sie die Leichtfertigkeit eines funktionierenden Trivialproduktes vermissen lässt? Wer auch immer auf die Idee kam der Reihe ein neues Etikett aufkleben zu müssen, er wurde mit dieser Schnapsidee zumindest nicht belohnt, denn eine weitere Geschichte um Shanghai Joe ist nicht mehr entstanden. Zu wissen, dass dieses Produzentendenken nicht gefruchtet hat, beschert mir zumindest eine innere Zufriedenheit und somit eine Art Trostpreis nach dem Sichten eines missglückten Filmes.


Samstag, 22. April 2017

BLAIR WITCH 3 (Blair Witch 2016 Adam Wingard)


Der Bruder der seit Jahren vermissten Heather macht sich mit Freunden und Bekannten auf in die Wälder von Burkitsville, um das mysteriöse Haus zu finden, welches die letzten Aufnahmen der Dokumentarfilmerin zeigten. Schon bald geschehen im Wald merkwürdige Dinge...


Der menschliche Wurm...

Als 1970 Rainer Erler mit „Die Delegation“ die Filmmethode des Found Footage erfand, gelang ihm ein interessanter Ausnahmefilm, der die Medienwelt jedoch nicht nachhaltig beeindruckte. Deodatos 1980 erschienender Kannibalen-Schocker „Nackt und zerfleischt“ wies ebenfalls Passagen dieser Art zu Drehen auf, machte aber eher durch seine drastischen Gewaltdarstellungen von sich reden, anstatt durch den interessanten Doku-Stil, so dass er stilistisch wie intellektuell stark unterschätzt wurde und nur von Gore-geilen Horror-Freaks beachtet. Mit „The Blair Witch Project“ rückte 1999 das Genre des Found Footage erstmals für das breite Publikum in den Fokus. Von kleinen Nachahmern wie „The St. Francisville Experiment“ und die Amateurfilm-Zuschauerbeleidigung „The Dark Area“ einmal abgesehen, beides Filme die nur der Allesgucker der Videothekenwelt beachtete, blieb es jedoch erneut ruhig um die reizvolle Art mit Ruckelkameras Geschichten einmal anders zu erzählen.

Erst als „Paranormal Activity“ 2007 ein großer Zuschauererfolg wurde, da wurden auch kleine, wie große Studios endlich auf die Methode des Found Footage aufmerksam. Nachfolger wie „Cloverfield“ und „[Rec]“ wurden lukrative Hits, nervenkitzelnde Werke wie „Die Höhle“ gingen in der Flut billiger Direkt-DVD-Produktionen wie „Paranormal Entity“ und „RAW - Der Fluch der Grete Müller“ aber fast unter, während der Auslöser dieser Welle x Fortsetzungen erfuhr, inklusive Spinn-Off „Paranormal Activity - Die Gezeichneten“ und einer parallelen Fortsetzung, die in Japan zu Ehren des Originals gedreht wurde. Dass in dieser Welle nichts von einer Fortsetzung von „The Blair Witch Project“ zu hören war, verwunderte aufgrund der mit wenig Kosten zu scheffelnden Geldmacherei schon.

Zwar war man mit dem Misserfolg der 2000 erschienenden Fortsetzung „Blair Witch 2“ sehr übel in die Nesseln getreten, verachtete das Publikum doch diesen unterschätzten Versuch Teil 1 auf andere Art fortzusetzen, doch sollte dies all die geldgeilen Produzenten Amerikas eigentlich nicht wirklich davon abhalten weiter zu machen. Trotzdem war es erst 2016 endlich so weit. „The Blair Witch Project“, jener Film der die Wirksamkeit des Found Footage im Horror-Genre erkannte, bekam eine weitere Fortsetzung beschert, zu einer Zeit wo kein Hahn mehr nach ihr krähte und viele Cineasten ohnehin genervt vom Found Footage-Verfahren waren.

Er erschien also zu einer Zeit, in der man nichts um die Zuschauermeinungen im Internet geben musste, erst recht nicht als Freund der ersten Fortsetzung, die für „Blair Witch 3“ jedoch ignoriert wird. Und so ging ich trotz der kritischen Worte im Netz unvoreingenommen an die zweite Fortsetzung jenes Gruselfilmes heran, der mir einst die Angst lehrte und auch in etlichen Wiedersichtungen das Gefühl gab es vor lauter Furcht nicht allein zu Hause auszuhalten. Eine solch enorme Wirkung habe ich von „Blair Witch 3“ freilich gar nicht erst erwartet.

Etwas mehr Grusel-Feeling hätte es aber dann doch sein dürfen, denn der von den Regisseuren des Originals mitproduzierte „The Woods“ (Arbeitstitel) schaut sich bereits in der Vorphase, lange vor den ersten Gruselszenen, ziemlich mau, wenn rein technisch die Erwartungshaltung zwar mit neuen interessanten Aufnahmemöglichkeiten steigt, parallel dazu aber immer wieder zu bemerken ist, dass das Verständnis für Psychologie, welches Teil 1 sowohl im Erzählerischen als auch im Spiel mit dem Zuschauer bewies, so gut wie gar nicht vorhanden ist. Die obligatorischen Streitereien in der Gruppe, sowie diverse andersartige Gefühlsausbrüche, wirken nicht mehr authentisch. Sie entstehen, selbst betrachtet aus dem Blickwinkel der Ami-Kultur, in unglaubwürdigen Momenten aus nichtigen Gründen, lange bevor Elemente wie Hunger, Durst und Angst das alltägliche Verhalten manipulieren können.

Dennoch weiß allein der stimmige Wald zu wirken. Und dass die Verantwortlichen der Geschichte einen Störfaktor in die Gruppe eingebaut haben, der möglicher Weise das Projekt manipuliert, beschert der ansonsten wiedergekäuerten Story von Teil 1 einen Zusatzreiz. Sehr viel mehr war auch nicht nötig, bereits Teil 1 lebte vom „weniger ist mehr“-Prinzip und ließ den Zuschauer teilweise lediglich auf einen schwarzen Bildschirm, oftmals sogar nur auf verwackelte Aufnahmen der Botanik, starren. Immer dann wenn „The Blair Witch Project 3“ (Alternativtitel) seinen berühmten Teil 1 kopiert, schaut sich die zweite Fortsetzung tatsächlich auch am besten. Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass jene Momente am besten wirken, in denen wir Aufnahmen aus Teil 1 sichten, die direkt eindringliche Erinnerungen daran wecken, wie unheimlich das Original ausgefallen war.

Das ist alles andere als ein Lob für eine Fortsetzung, und tatsächlich kann man schon einmal vorweg nehmen, dass „Blair Witch 3“ kein sympathisches Stück Film geworden ist. Als halb funktionierendes Stück mangelhafter Durchschnittskost ist er aber zumindest nicht wirklich schlecht ausgefallen. Zwar wird Adam Wingards Beitrag der Reihe gegen Ende immer ungruseliger und leider auch unsinniger (keine Ahnung was die so gar nicht nachvollziehbare Szene soll, in welcher die Hauptdarstellerin sich wie ein Wurm durch einen engen, unterirdischen Gang wuselt), ein Hauch Restatmosphäre bleibt aufgrund der gewählten Handlungsorte und der gruseligen Hintergrundgeräusche aber immer bestehen.

Im Internet wird dem Film oft vorgeworfen, dass er zu viel zeigt, und ab diesem Moment, in dem er sich in diesem Punkt vom kultigen Teil 1 distanziert, bergab ginge. Das kann ich nicht bestätigen. Es wird mehr gezeigt, aber nicht wirklich nennenswert mehr. Der Phantasie bleibt genügend Raum gelassen, wahre neue Erkenntnisse um die Legende der Hexe von Blair gibt es nicht. Aufgrund des mangelnden Gefühls für Stimmung und Glaubwürdigkeit tut es „Blair Witch 3“ sogar gut, dass er versucht hat mit flotteren Aktionen gegen den mangelnden Gruselgehalt anzukämpfen. Aber freilich machen solche Verzweiflungstaten nach längeren scheiternden Gehversuchen auch keinen guten Film mehr.

Es ist schade, dass „Blair Witch 2“ seinerzeit so wenigen zu gefallen wusste, der hatte immerhin eine tolle Idee die Reihe mittels Found Footage-Szenen aus dem Bereich des Found Footages herauszukatapultieren. Und ich denke das war die richtige Entscheidung. „The Blair Witch Project“ hätte im klassischen Filmverfahren weiter fortgesetzt werden müssen, dann wären sicherlich brauchbare Nachzügler dabei herausgekommen, vielleicht auch leicht verdaulichere als die etwas ungewöhnliche, für simple Geister zu sperrig erzählte, Geschichte der ersten Fortsetzung. Zumindest beweist nun „Blair Witch 3“, dass man nicht ewig auf erneut in die Wälder ziehende Dokufilmer setzen kann, das haut weder Eingefleischte noch Neulinge der Reihe vom Hocker - zumindest so lange, wie keiner mit an Bord ist, der das nötige Gespür dafür beherrscht, wie aus dem Original und dem Nachzügler „Paranormal Activity“ derart angsteinflößende Filme werden konnten.


Weitere Reviews zum Film: 


Donnerstag, 20. April 2017

THE REDWOOD MASSACRE (2014 David Ryan Keith)


Teenager sind mitten im Wald auf der Suche nach einem Haus, in dem einst ein schreckliches Familienmassaker stattfand, um zum 20. Jahrestages dieses Verbrechens dort Party zu machen. Nach und nach werden sie Opfer eines maskierten Irren, der mordend durch den Wald stampft...


Der Umleger...

Der semi-professionell umgesetzte „The Redwood Massacre“ mag manch einem aufgrund der sehr hohen Blutrate trotz seiner routiniert erzählten, allein schon in der „Freitag der 13.“-Reihe schon x-fach wiederholten, Geschichte gefallen haben, ich persönlich konnte im fertigen Produkt nicht einmal ein Stück mittelmäßige Kost für den hungrigen Dauergast im Genre erkennen. Zwar umgeht Regisseur und Autor David Ryan Keith die Peinlichkeiten eines „Slasher“ und Co, obwohl auch er sichtlich ein Fan der Vorlagen aus den 70er und 80er Jahren ist, andererseits verhindert sein zu professioneller Inszenierungsstil wiederum, dass man mit dem fertigen Produkt so großzügig umgehen könnte, wie mit Werken a la „Lock the Doors - Trügerische Sicherheit“, die einen Amateurfilm-Bonus besitzen.

Was soll man sagen? Um wirklich auch nur halbwegs gefallen zu können, ist einfach zu viel falsch gemacht worden. Ein maskierter Killer der immer und überall im Wald auftaucht, sobald sich Opfer gefunden haben, grast nicht einmal den bereits in der „Freitag der 13.“-Reihe minimal gesäten Spannungsbogen ab, bietet also nicht einen Hauch von dem was den Zuschauer angespannt im Sessel sitzen lassen würde. Wenn nun noch brutale Morde im Wald allein nicht ausreichen und im Zuge der Torture-Porn-Welle ausgewählte Opfer noch in einer Hütte gefoltert werden müssen, dann hat Keith einen weiteren Teil dessen nicht verstanden, was die Filme, die als Vorbilder des Streifens herhielten, ausmachte.

Müde Verbeugungen, wie das Türzuschieben aus „Blutgericht in Texas“, oder die Kopfbedeckung, die an „Freitag der 13. 2“ erinnert, welches wiederum aus „Der Umleger“ entliehen wurde, können nicht das ersetzen, was das simple Rezept eines Jason-Filmes ausgemacht hat. Zwar ist „The Redwood Massacre“ in tollen Waldkulissen gedreht, deren Unendlichkeit durch den Hintergrund deutlich wird und damit eine beunruhigende Stimmung hätte entfachen können, neben der Digitaloptik, die nie an das Bild klassischer Kameras heranreichen kann, verhindert ein noch größeres Problem das Entfalten einer nervenkitzelnden Atmosphäre: der mieserable Soundtrack.

Bedeutungsschwanger schwebt er über allen Szenen, hochdramatisch komponiert wenn simpelste Probleme in billig zusammengeschusterten Dialogen besprochen werden, übertrieben düster in nicht ansatzweise spannenden Momenten ausgefallen, und episch im Zweikampf gegen das maskierte Opfer erklingend, so als ob man gerade eine Kriegsschlacht in einem Historienfilm Hollywoods sichten würde. Zumindest weiß der zu aufdringliche Soundtrack Keith gegen Ende dabei zu helfen ein angebliches Finale vorzutäuschen, bevor der Film dann doch noch einen Bogen schlägt.

Das ist eine der wenig guten Ideen. Ich bin tatsächlich darauf hereingefallen, obwohl der Gegner recht schlicht ins angebliche Jenseits befördert wurde, was aber daran liegt, dass „The Redwood Massacre“ zuvor nicht gerade durch Einfallsreichtum zu überzeugen wusste, und ich ihm solch einen plumpen Schluss tatsächlich zugetraut hätte. Als kleiner Lichtblick hält zudem das Entstehen einer Freundschaft zwischen zwei Stereotypen her, von der einer in Vergleichsfilmen die typische Hassperson bis zum Schluss gewesen wäre, so dass sie sich hier überraschend zum vertrauenswürdigen Verbündeten mausern darf, was aber nur dann inmitten der komplett klischeelastigen Geschichte eine den Film positiv beeinflussende Veränderung hervorgerufen hätte, wenn man auch den Mut besessen hätte, sie als Final Girl einzusetzen.

Kurzum: „The Redwood Massacre“ steckt so tief in Stereotypen und Klischees einer immer wieder erzählten Geschichte fest, dass er in seiner sich endlos drehenden Gewaltorgie lediglich zu langeweilen weiß. Sympathische Figuren und ereignisreiche Momente sichtete man auch im Vorbild der „Freitag der 13.“-Reihe kaum, dafür besaßen die meisten von denen allein schon aufgrund des Soundtracks ein gewisses Maß düsterer Grundatmosphäre. Dass „The Redwood Massacre“ zudem noch auf DVD ohne deutschen Untertitel herausgekommen ist, so dass der Englischunkundige zum arg mäßig ausgefallenen Deutschton schalten muss, ist auch nicht gerade hilfreich für ein besseres Seherlebnis. Allerdings verfälscht die eher schlechte Synchronisation nicht die Qualität des Streifens. Der ist auch im Originalton langweilig und unoriginell ausgefallen. Einzig schade ist es um die wirksame Maske des Killers und das einladende Coverdesign, das richtig Lust auf den Film gemacht hat.


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Montag, 17. April 2017

DIE UNHEIMLICHE MACHT DER NINJAS (Iga ninpôchô 1982 Mitsumasa Saito


Wer auch immer Lady Ukyo besitzt, herrscht über das ganze Land. Donjo verbündet sich mit einem mächtigen Zauberer, der ihm ein Liesbeselexier mixt, welches Ukyo an Donjo binden soll. Ninja Jotaro, der die Zwillingsschwester Ukyos liebte, die zur Herstellung des Trankes sterben musste, versucht die Pläne Donjos zu durchkreuzen...


Warum man niemals eine wertvolle Teekanne verschenken sollte...

Sicherlich war das hier Erzählte 1982 schon nicht mehr neu, und auch im Härtegrad steht „Die unheimliche Macht der Ninjas“ hinter manch heftiger gearteten Werken zurück. Letztendlich ist der wilde Genre-Mix aus Eastern, Fantasy, Abenteuer, Märchen und Romantik aber trotzdem ein netter kleiner Zeitvertreib für zwischendurch geworden, der zumindest Leuten wie mir, die seltener Gast im asiatischen Kampfsportfilm sind, zu gefallen weiß. Da ich mich im Genre nicht so gut auskenne, weiß ich nicht wie innovativ die Kampfmethoden Donjos übernatürlicher Helfer sind. Somit konnte ich mich für den Säure kotzenden Einen und den „Critters“-artig Stacheln abschießenden Anderen begeistern.

Dass die eigentliche Geschichte Standard im Genre ist und die Kampfsportszenen lediglich routiniert ausgefallen sind, weiß ich auch als Ausnahmegast im Genre, letztendlich ist beides aber gut genug ausgefallen, um einen nicht ganz so ernst gemeinten Film tragen zu können. Wo andere Werke durch die Stärke des Helden bei sich ewig in Kreis drehender Story langweilen können, eben weil lediglich ständig die Gegner wechseln, da wissen die Gegner Jotaros auf gleicher Stärke, manchmal gar mächtiger zu kämpfen, so dass die Geschichte mal die gute und mal die böse Seite zum Sieger erklärt - nicht ohne am Ende den Guten ein Happy End zu bescheren, aber selbst dieses findet nur unter einem sehr großen Opfer statt.

Was der Magier von den Plänen des dümmlichen, wie machtgeilen und aufbrausenden Donjos hat, wird nie ganz klar, teilweise wähnte ich ihn für kurze Zeit als Fallensteller der guten Seite. Aber der Zauberer soll so böse sein, wie er dargestellt wird, gewinnt aber trotzdem in der Schlussszene an Sympathie, wenn er den Film mit einem humoristischen, selbstkritischen Kommentar schließt. Nicht nur er ist es, der „Ninja Wars“ (Alternativtitel) trotz der harten und halbwegs realistischen Umsetzung trotzdem zum Märchen werden lässt, auch die romantische Grundstimmung, zum Beispiel durch den Panflöte spielenden Ninja verkörpert, verweist den von Liebe und Macht handelnden Kampfsportfilm immer wieder auf das Genre Märchen, wenn auch eines für Erwachsene, mit diversen Fantasyelementen härter gezeichnet.

Viel mehr gibt es über „Death of a Ninja“ (Alternativtitel) nicht zu sagen. Manches Mal fällt der Plot etwas verwirrend aus, gerade was den Köpfetausch für die Augen europäischer Zuschauer betrifft, für welche die Asiaten schnell sehr ähnlich aussehen. An anderer Stelle geht es wiederum besonders schlicht und naiv vonstatten. Ruhige Szenen wechseln sich mit Actionmomenten ab, Einzelkämpfe mit Massenschlachten. Der im deutschen Titel hervorgehobene Begriff der Ninjas findet thematisch eher nebensächlich statt, kann auch eine reine Übersetzungsthematik der Deutschen sein. Ich weiß es nicht, der deutsche Untertitel war leider an der deutschen Synchronisation orientiert, nicht am Originalton. So oder so geht es um gut ausgebildete, über Magie verfügende Kämpfer, da interessiert es letztendlich nicht weiter ob diese sich nun Ninja nennen oder nicht.


KARATE JACK - ICH BIN EUER HENKER (Il mio nome è Shanghai Joe 1972 Mario Caiano)


Als Chinese im Wilden Westen ist er ohnehin schon ein gern verspotteter Exot. Als sich Karate Jack jedoch auch noch mit einem mächtigen Sklavenhändler anlegt, sind auf seinen Kopf 5000 Dollar ausgesetzt, so dass sein Leben in der Fremde von nun an noch unangenehmer ausfällt als ohnehin schon. Zum Glück weiß Karate Jack sich bestens gegen seine zahlreichen Gegner zu verteidigen...


Auge um Augapfel und Zahn um Zahnprothese...

Die gewagt klingende Idee eines Mixes aus den Genres Western und Eastern, umgesetzt in Italien, klang zwar reizvoll, aber dass „Karate Jack - Ich bin euer Henker“ tatsächlich unterhaltsam ausfällt, hätte ich nicht gedacht. Dementsprechend positiv überrascht wurde ich von einem Film, den man aufgrund seiner Schlichtheit und Banalität nie wirklich weiter empfehlen würde, der andererseits aber auch genau weiß was er eigentlich will und was er ist.

Die Geschichte geht eher episodenhaft vonstatten, ist Karate Jack doch unbesiegbar mit seinen ominösen Kampftechniken, die jegliches physikalische Gesetz außer Kraft setzen, und dementsprechend humoristisch guckt sich das gar nicht als Komödie ausgelegte Werk. Von unfreiwilliger Komik zu sprechen, würde die Verantwortlichen des Streifens dümmer aussehen lassen als sie es waren, ist der ironische Umgang im Spiel mit den Klischees beider Genres doch nicht zu übersehen, so dass der nach Außen ernste Plot recht augenzwinkernd erzählt ist.

Die Figur des Karate Jack ist klassisch demütig dargestellt. Er kämpft nur wenn es sein muss. Gutes wird mit Gutem vergolten, Schlechtes mit Schlechtem, und in seinem Reisesack trägt der Held allerhand Heilmittelchen, Teekräuter und anderweitige Mysterien Asiens mit sich herum. So freiwillig übertrieben, und damit unsinnig, wie „Der Mann mit der Kugelpeitsche“ (Alternativtitel) erzählt ist, in der ungekürzten Fassung schaut er sich zumindest ein wenig sinnvoller als in der damaligen deutschen Version, welche sowohl den Rückblick auf Jacks Ausbildung ausblendete, als auch den darauf aufbauenden Dialog im Endkampf gegen wen Ebenbürtiges.

Doch so weise und demütig Jack auch auftritt, immer wieder erfährt sein Tun aufgrund der Extreme der Inszenierung Widersprüche. Da reißt der gute Mann seinem Gegner völlig unnötig Augäpfel heraus, oder schickt seinem Erzgegner den abgeschnittenen Schopf eines Auftragskillers als Botschaft. Da man „Knochenbrecher im Wilden Westen“ (Alternativtitel) nicht als ernste Angelegenheit guckt, ist das aber nicht nur egal, es steigert den pulpigen Charme eines ungewöhnlichen und sympathischen Filmes.

Wer aufgrund der Werbeplakate und Mediencovers in Deutschland und im Ausland glaubt Klaus Kinski hätte tatsächlich eine größere Rolle ergattert, den muss ich enttäuschen. Klaus, ebenfalls mit dem Namen Jack beschenkt, kommt nach etwa einer Stunde für einen Auftritt weit unter zehn Minuten in „Karate Jack - Ich bin euer Richter“ (Alternativtitel) vor, und dieser gehört auch nicht gerade zu seinen großen Leistungen. Andererseits habe ich Kinski selten freiwillig so augenzwinkernd agieren sehen wie hier geschehen. Fast schon neigt seine Darbietung zur Albernheit.

Zum Ende hin wird Karate Jack als eine Art Lucky Luke dargestellt, der weiter reiten muss, um dort tätig zu werden, wo Menschen Hilfe benötigen. Dafür lässt er sogar seine große Liebe sitzen, ein weiterer Beweis dafür wie ethisch wundervoll der angeblich hochgradig ehrbare Mann agiert. Dass seine Aufgabe eigentlich gar nicht erfüllt ist, Menschen also weiterhin versklavt werden und weiterhin ein Kopfgeld auf Karate Jacks Kopf ausgesetzt ist, interessierte die Verantwortlichen von „Mein Name ist Karate Jack“ (Alternativtitel) nicht, die haben einen derart episodenhaften Flickenteppich abgeliefert, dass es ihnen egal ist, dass der Hauptgegner überhaupt nicht besiegt wurde.

Letztendlich ist es egal, eben weil „Shanghai Joe“ (Alternativtitel) nur als spaßiger Nonsens funktioniert, auch wenn man ihm in der Ausnahme manch gut inszenierte Szene zugestehen kann, in welcher dann auch die Kameraperspektiven etwas einfallsreicher ausfallen als im Restfilm. Es hat zwar tatsächlich mit „Zwei durch dick und dünn“ eine Fortsetzung gegeben, ob es darin aber tatsächlich noch um den Erzgegner aus Teil 1 geht, kann man wohl anzweifeln, ist aber auch egal, denn nach dem überraschend positiven Ergebnis des hier besprochenen Streifens bin ich so oder so neugierig auf Teil 2 und freue mich schon auf den Moment, wenn er sich in meinem Besitz befindet.


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Sonntag, 16. April 2017

BLACK ZOMBIES (Demoni 3 1991 Umberto Lenzi)


Als ihr Wagen liegen bleibt kommen drei amerikanische Touristen bei Gleichaltrigen Brasilianern in einer heruntergekommenen Plantagenvilla unter, auf der einst Sklaven gehalten wurden. Mittels der Tonbandaufnahme einer vor kurzem beigewohntem Voodoo-Zeremonie erweckt einer von ihnen die begrabenen Toten vom benachbarten Friedhof...


Sehnsucht nach Sugar Hill...

„Black Zombies“ ist ein ganz später Nachzügler der ersten Zombiewelle, der es einige Jahre nach Abbruch dieser, zumindest im europäischen Bereich, noch einmal wissen wollte, klassisch erzählt, ohne modernen Schnickschnack versehen und inszeniert von Umberto Lenzi, der hauptsächlich im italienischen Kino der 70er und 80er Jahre von sich reden machte. Das klingt nach einem spannenden Projekt, nach einer Chance etwas gutes Vergangenes wieder aufleben zu lassen, aber dass nach „Black Zombies“ weiterhin tote Hose im europäischen Zombiefilm herrschte, braucht bei dem miesen Ergebnis welches Lenzi abliefert nicht verwundern.

Ich benötige in einem Zombiefilm keinen geistreichen Plot, kann mich auch mit den dünnen Versionen a la „Großangriff der Zombies“ und „Hölle der lebenden Toten“ anfreunden, und dass die moderne Zombiethematik sich wunderbar mit der klassischen Voodoo-Zombie-Thematik kreuzen kann, bewies in den 70er Jahren „Die schwarzen Zombies von Sugar Hill“. Ich kann bei dieser Thematik mit Klischees diverser Kulturen leben, die Vorurteile beinhalten, ich kann mit Hokuspokus ebenso leben, wie mit übertriebener Brutalität, europäische Zombiefilme der alten Zeit schaut man nicht weil man Arthouse erwartet. Aber was Lenzi uns mit „Demoni 3“ (Originaltitel) abliefert, der mit besagtem Titel dreist eine Verwandschaft zu den beiden „Dance of the Demons“-Filmen von Lamberto Bava vortäuschen möchte, ist nicht nur dünn geraten, sondern auch lustlos abgedreht.

Die Zeremonie welcher der Bruder der Heldin zu Beginn beiwohnt besteht aus ödem Herumgetrommel, lustlos-extatischem Tanz, im Zentrum ein älterer Schwarzer mit weißen Kontaktlinsen sitzend, der eher wie ein Kuschelbär, als wie ein dämonischer Magier wirkt. An der Front zur Hauptgeschichte sieht es nicht besser aus. Sechs Zombies bietet man uns lediglich an, auferstanden auf dem Friedhof ohne das Entsteigen aus den Gräbern zu zeigen (welch vertane Chance) und trotz dem ungewöhnlichen Erscheinungsbild nicht einmal den simplen Charme der reitenden Leichen einfangend, was aber auch daran liegt, dass die schwarzen Zombies nicht halb so gut aussehen wie Ossoris Templer.

Zumindest lässt Lenzi sie mit hellen Laken bekleidet eine Kette hinter sie herziehen, was eine Verwandschaft zu den klassischen Spukgeistern aus Kindergeschichten aufbaut. Doch auch dies weiß nicht wirklich zu wirken, zumal man das Rasseln der Ketten nicht gut hört und man meist von einem der Protagonisten erfährt, dass ein solches Geräusch gerade zu hören war. Die Location der heruntergekommenen Plantagenvilla will leider ebenso wenig hergeben, und Lenzos Unvermögen sei Dank, schafft er es nicht einmal dann einen funktionierenden Spannungsbogen zu erzeugen, wenn das Licht ausgeht und man mit spärlicher Öllampenbeleuchtung nachts durch die Bruchbude schleicht.

Zur vollkommenen Katastrophe wird „Black Demons“ (Alternativtitel) jedoch dann, wenn die Logik geradezu provokativ mit Füßen getreten wird. Zwei Minuten nachdem der Einheimische darüber witzelt, dass die Eingeborenen an Hokuspokus glauben, warnt er seine Gäste ängstlich vor den dunklen Mächten, bzw. vor dem Fluch der auf dem Haus liegt. Ähnliche Widersprüche finden sich zuhauf, ebenso in der Mentalität. Da bedauert der Einheimische die Verbrechen, die an diesem Ort einst an Schwarzen vorgenommen wurden, und behandelt nur einen Augenblick später sein schwarzes Dienstmädchen so herablassend wie es nur geht. Wenn zu Beginn unheimliche Dinge geschehen sucht er bei dieser treuen Dienerin eher die Schuldige als bei gleichrassigen Fremden, von denen er so gar nichts weiß. Und als er sie während einer weißen Zeremonie erwischt, bezichtigt er sie der schwarzen. Die Wahrheit erfährt er mit dem Tod der Frau, den er trotz der Einsicht, dass sie doch nur die bösen Geister vertreiben wollte, zu keiner Sekunde bedauert.

Hat man diesen oft im italienischen Film vorzufindenden Rassismus geschluckt, darf man sich zudem noch darüber wundern, dass urplötzlich aus dem Nichts von einer Flucherfüllung gesprochen wird, wo auch immer die plötzlich herkam. Zumindest hat man nun die Erkenntnis, dass sechs Weiße sterben müssen, damit die Zombies ihren Frieden finden. Die sechs leeren Gräber entdeckt man erst hinterher, diese sorgten nicht für die plötzliche Kenntnis eines solchen Fluches. Lenzi schafft es somit an vielen Stellen nicht die extrem simple Geschichte halbwegs glaubwürdig zu halten, und seine für ihn agierenden untalentierten Mimen verhelfen „Black Zombies“ erst recht zu keinem guten Ergebnis.

Nein, das war mal so gar nichts, was schon schade ist, da erst humoristisch angehauchte Zombiefilme in den 90er Jahren, ja eigentlich schon seit Mitte der 80er Jahre, eine Chance auf dem Filmmarkt hatten, und selbst diese waren rar gesät. Hätte Lenzi nur das simple Niveau diverser Vorgänger erreicht, hätte die Rechnung bereits aufgehen können, schließlich sah es allgemein rar um sich echt anfühlende, italienische Genrefilme aus. Einen Fan-Kreis für Zombiefilme im klassischen Italo-Stil hätte es sicherlich noch gegeben. Lenzi erschuf in der Regel nicht mehr als mittelmäßig geartete Filme. Ausgerechnet „Black Zombies“, bei dem solch ein schlichtes Niveau ausgereicht hätte, inszenierte er schlecht. Schämen soll er sich dafür!


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Samstag, 15. April 2017

HATCHET FOR THE HONEYMOON (Il rosso segno della follia 1970 Mario Bava)


Nach außen ist John Harrington Ehemann und Besitzer eines Brautmodesalons. Sein wahres Ich drängt es jedoch danach junge Frauen in Brautkleidern zu töten. Das hilft ihm dabei das Puzzle seiner Kindheit zu lüften, wer seine Mutter einst umgebracht hat. Keiner weiß von dem Doppelleben des Psychopathen, auch nicht seine Ehefrau Mildred. Einzig Inspektor Russell ahnt etwas, kann John jedoch nichts beweisen. Während John sich nach einer Scheidung sehnt, lehnt Mildred eine Trennung regelrecht ab und klammert sich geradezu gehässig an ihren Mann. Als ihr Gatte daraufhin zum Beil greift, um das Problem auf seine ihm bekannte Art zu lösen, sucht Mildred, besitzergreifend wie sie ist, John selbst nach ihrem Tod heim...


Schreie wie aus einem Horrorfilm...

Dass „Hatchet for the Honeymoon“ ein Herzensprojekt für Mario Bava gewesen sein muss, sieht man dem ungewöhnlichen Horror-Thriller, der ein wenig an die Thematik um „Dexter“ erinnert, in jeder seiner Poren an. Bereits die Geschichte ist kein Durchschnitt, reflektiert Hauptfigur John doch recht gut was er ist, und würde man die Geschichte doch durch die Rückkehr der toten Mildred instinktiv der Komödie zuordnen, während Bava jedoch einen ernsten Genre-Beitrag abgeliefert hat, der lediglich einen augenzwinkernden Unterton besitzt. Eben aufgrund dieser gegen die Erwartungen arbeitenden Geschichte tut es ungemein gut, dass Bava den Film so konsequent gut erzählt und dabei in künstlerisch wertvolle Bilder taucht, die seinesgleichen suchen.

Jegliche Kameraperspektive, jeder Zoom, jede Kamerafahrt, jede Farbsetzung, jegliches Spiel mit Schatten und Blickwinkeln ist wohlüberlegt gewählt, soll optisch brillant wirken, meist sogar psychologisch, oder unterschwellig etwas aussagen. Bei diesen hübsch anzuschauenden Bildern wäre „Red Wedding Night“ (Alternativtitel) selbst bei mauer Geschichte noch ein Seherlebnis, aber das auf einem Roman basierende Drehbuch von Santiago Moncada liefert zusätzlich eine würdige Grundlage, satirisch bissig geschrieben und von Bava spannend und hochinteressant inszeniert, einen Stoff abliefernd, der einen packt und nicht mehr loslässt.

Weit vor dem Höhepunkt der grotesken Wendung nach einer Stunde, wenn Mildred zurückkehrt, weiß einem die Geschichte bereits zu packen. Bereits hier weiß alles zu wirken: das Katz- und Mausspiel mit der Polizei, der Wahn bezogen auf die Kindheit, das harmlose Ich nach Außen, die Bestie im Inneren - meiner Meinung nach am besten dann verkörpert, wenn John einer naiven Mitarbeiterin nach ihrer Kündigung für die bevorstehende Hochzeit ein Brautkleid schenkt, nur um sie daraufhin zu töten. Die Schauspielerin spielt das Opfer derart glücklich und naiv, dass es einem tatsächlich im Herzen weh tut, dass sie in die Falle des Psychopathen geraten ist - obwohl eigentlich er die Identifikationsfigur ist und uns dazu verleitet gegen unsere Natur eigentlich zu ihm zu halten. Nicht aber in dieser Szene, in der wir tatsächlich mit dem Opfer mitleiden.

Mir persönlich hat es als Nichtkenner der Buchvorlage gut gefallen, dass Moncada sich nicht dazu verleiten ließ, Mildreds Rückkehr nach ihrem Tod als offene Frage im Raum darüber stehen zu lassen, ob sie tatsächlich zurückgekehrt ist, oder ob John Wahnvorstellungen hat. Ganz im Gegenteil verweisen viele Elemente von Anfang an darauf, dass wir es wirklich mit einer Geistererscheinung zu tun haben. Und der verdrehte Kniff, dass andere Mildred sehen, John jedoch nicht, bereitet nicht nur die großartige Schluss-Pointe des Filmes vor, sie besitzt auch ansonsten ihren Reiz, erneut die humoristisch angehauchte Bissigkeit des Drehbuchs aufweisend, eingepackt in die augenzwinkernde, ansonsten ernste Erzählweise, die Bava wählte.

„An Axe for the Honeymoon“ (Alternativtitel) ist klassisches Kino, das noch etwas erzählen möchte, eingepackt in eine moderne Geschichte, die sich selbst heute noch innovativ und anders guckt. Die Charaktere werden intensiv beleuchtet, die Psychologie ist fehlerfrei durchdacht, die erzählte Geschichte interessant gewählt und vielschichtig ausgefallen, und der Zuschauer kann sich mit den Problemen der Hauptfigur identifizieren, spätestens in der letzten halben Stunde. Wer hat schließlich noch keine zu enge Bindung, ob aktiv oder als enger Beobachter eines Bekannten, miterleben müssen, sei es nun in der Partnerschaft, oder durch Freunde und Familie?

Laura Betti schafft es in ihrer Rolle der Mildred mal absichtlich aufgesetzt, mal ganz subtil, sämtliche Facetten ihres Charakters glaubwürdig zu verkörpern. In der Szene, in der sie weiß, dass sie sterben wird, zeichnen sich die freilich nicht hörbaren Gedanken, die in Mildred sekündlich wechseln, in Bettis Gesicht deutlich ab, ohne dass Betti zur Grimassenschneiderin wird oder ihr Gesicht zu einem zuckenden Etwas werden lässt. Die Darbietung des Hauptdarstellers Stephen Forsyth weiß hingegen nicht immer zu wirken. Zwar spielt er John in den meisten Szenen recht gut, wobei ihm seine ungewöhnliche Augenfarbe hilfreich zur Seite steht, wenn er vom unterschwellig bösem Charakter jedoch zum böse dreinblickenden Täter wird, verliert die Figur leider ihre Glaubwürdigkeit, was dann auch zum einzigen Schwachpunkt eines ansonsten tadellos inszenierten Filmes wird.

Das ändert freilich nichts mehr am hoch brillanten Ergebnis. „Blood Brides“ (Alternativtitel) ist ein wahres Liebhaberstück, einer von Bavas besten Werken, wenn nicht sogar das beste überhaupt, den Intellekt ebenso fütternd wie den Durst nach guter Unterhaltung. Jede Kameraeinstellung weiß zu begeistern, jede Phase der Geschichte weiß zu packen, und dies nicht nur aufgrund des zurückhaltenden Humors, aber gerade auch wegen dem subtilem Umgang mit diesem. „The Red Mark of Madness“ (Alternativtitel) ist Drama, Thriller, Horror und einen Hauch Komödie in einem, einen manches Mal mitleiden lassend, ein anderes Mal schadenfreudig daneben stehend. Und für all diese Phasen liebt man diesen verspielten Film.


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BARON BLOOD (Gli orrori del castello die norimberga 1972 Mario Bava)


Ein Nachfahre des Menschen folternden und von einer Hexe verfluchten Baron Blood erweckt seinen legendären Vorfahren versehentlich durch ein verspielt gemeintes Ritual zu neuem Leben. Dieser mordet fortan fleißig weiter...


Rumpelbarönchen...

Im selben Jahr, in dem Mario Bava beim Film „Lisa und der Teufel“ künstlerische Narrenfreiheit genießen durfte, entstand der ebenfalls mit Elke Sommer besetzte „Baron Blood“, der weit unter dem Niveau von Bavas üblichen Arbeiten im Horror-Genre liegt. Ob das am finanziellen Misserfolg besagtem Herzensprojekt lag, oder daran, dass er in den Vorbereitungen für diesen zu stark involviert war, um sich besser auf die Realisierung des hier besprochenen Projektes zu konzentrieren (ich habe keine Ahnung in welcher Reihenfolge 1972 beide Werke erschienen sind), beides wäre ein Erklärungsansatz für den lustlos abgefilmten „Baron Vampire“ (Alternativtitel).

Vielleicht war besagter Film auch nur eine vertraglich gebundene Auftragsarbeit, denn ein Blick auf das Drehbuch hätte bereits verraten müssen, dass die Samuel Z. Arkoff-Produktion nicht viel Potential hergibt. Allein die Charakterzeichnung der drei Helden arbeitet gegen eine funktionierende Geschichte, kann man sich bei deren Leergeschwätz doch keinesfalls mit einem von ihnen identifizieren. Da werden hanebüchenste Theorien aufgestellt, da wird ohne jeglichen Beweis gegen Menschen gehetzt, und das Drehbuch gibt ihren Mutmaßungen am Ende auch noch Recht, ohne den Zufall dahinter hervorzuheben. Zudem ziehen sie im Finale in den Kampf gegen Baron Blood, ohne auch nur den Hauch eines Planes zu besitzen.

Dass aus einer Klischees erfüllenden, routiniert klassischen Gruselgeschichte schon manch sympathischer Film entstanden ist, liegt an der Art der Umsetzung, die in liebevoller Herangehensweise genügend Charme entstehen lassen kann, um eine belanglose oder zu oft wiedergekäuerte Geschichte positiv wirken lassen zu können. Mit Blick auf „The Blood Baron“ (Alternativtitel) scheint Bava dies jedoch gar nicht erst versucht zu haben. Sein monströser Baron hüpft durchs Bild wie ein Rumpelstilzchen, kann also weder Grusel noch Schrecken einjagen, geschweige denn zumindest charmant morbide wirken, und auch dass sein Auftauchen meist in Dunkelheit gehalten wird, wertet die Sache nicht auf. Da ärgert es um so mehr, dass auch die menschlich verkleidete Variante des Bösewichts, nicht zu wirken weiß.

Nicht nur, dass der gute Mann fehlbesetzt wirkt, er wird zudem nicht dämonisch genug eingesetzt. Zum einen ist er in zu wenigen Szenen zu sehen, zum anderen besitzt er keine Ausstrahlung, wie sie beispielsweise Boris Karloff in seiner ähnlich angelegten Rolle in „Der Rabe - Duell der Zauberer“ besaß. Das Handeln des im Rollstuhl sitzenden Scheinheiligen ist zu willkürlich geraten, gerade gegen Ende, wenn er seine Gäste zunächst verabschiedet, um sie sich im nächsten Moment schließlich doch noch zu schnappen. Dies nicht um sie aus sadistischem Antrieb in Sicherheit zu wiegen, sondern einfach weil das Drehbuch dies jetzt so will. Wie der Bösewicht sein Ende erfährt, ist ebenfalls einfallslos wie lustlos inszeniert, dabei hätte gerade der Überfall der ehemaligen Opfer auf den Baron ein tolles Bild abgeben können unter besserer Maske.

Die versagt aber bereits mit Blick auf die weiblichen Rollen. Wer auch immer fürs Make Up verantwortlich war, hat gestümpert oder hatte zu wenig Zeit bessere Arbeit zu leisten. Ohnehin scheint „Chambers of Torture“ (Alternativtitel) auf die Schnelle abgedreht zu sein, wie die Außenaufnahmen zeigen. Es ist das Glück von „The Thirst of Baron Blood“ (Alternativtitel), dass er in einem solch schön gewähltem Schloss spielt und dass manches Horrorklischee für ihn arbeitet. Auch manche wenige Aufnahmen zeigen zumindest einen Hauch dessen, welches Talent Bava üblicher Weise besitzt, z.B. die Sequenz, in welcher der Nagelsarg mit Blick auf das darin liegende Opfer geöffnet wird. Damit wird aus „The Torture Chambers of Baron Blood“ (Alternativtitel) trotz all der Negativpunkte zumindest ein mittelmäßiger Horrorfilm für geduldige Stammzuschauer. Leider überwiegen im Gesamtbild dennoch die negativen Elemente.

PS: Anbei ist der deutsche Untertitel, der von mir erstandenen DVD des Labels e-m-s, angehäuft mit übelsten Rechtschreibfehlern.


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Montag, 10. April 2017

EHEINSTITUT AURORA (1962 Wolfgang Schleif)


Über das Eheinstitut Aurora nimmt Eva Horn, die unschuldig wegen des Mordes an ihrem Mann verhaftet wurde und sich eine Woche auf Freigang befindet, Kontakt zu dem dort arbeitenden Vorzeige-Ehewilligen Christinov Tomkin auf, den ein Freund der jungen Witwe für den wahren Mörder hält. Während sich zwischen den beiden eine Liebschaft anbahnt, zweifelt Eva immer mehr an der Unschuld Christinovs...


Der abge-Brandt-e Sohn...

Der auf einem Hörzu-Roman basierende „Eheinstitut Aurora“ ist angereichert mit allerhand persönlicher Schicksale, die der Kriminalgeschichte nicht immer dienlich sind. Dominant wie sie auftauchen, nimmt des öfteren das Genre Drama die Überhand und der Kriminalfall schleicht unauffällig nebenher. Das liegt aber auch daran, dass die Kriminalgeschichte mit Fehlen eines echten Ermittlers wenig klassisch daher kommt. Wer aufgrund der Zeitüberschneidung also auf einen Wallace-ähnlichen Stoff hofft, ist im falschen Film gelandet. Da die Heldin bereits verurteilt ist, wird privat ermittelt, und davon bekommen wir herzlich wenig mit, da der befreundete Schnüffler (der dies nicht beruflisch ist) uns stets nur Vermutungen und Ergebnisse liefert, aktiv untersuchend jedoch nie gezeigt wird.

Er ist ohnehin nur eine der Nebenfiguren einer Geschichte, die sich darauf konzentriert zu zeigen was während ihres Freiganges mit Eva Horn passiert und was parallel dazu im gerne mogelnd agierenden Eheinstitut Aurora passiert. Eva weiß nicht genau was sie zur Wahrheitsfindung beitragen soll, so dass auch sie nur selten zum Werkzeug einer funktionierenden Kriminalgeschichte wird. Und das Einbringen des ewig verschuldeten Sohnes der Betreiberin besagten Eheinstitutes, bringt den Kriminalfall keinen Deu vorran, stiftet lediglich ein wenig Verwirrung, benötigt dafür aber viel mehr Spielzeit als für die Geschichte förderlich wäre.

Dementsprechend kommt der oftmals flott und sympathisch erzählte Film über einige längere Phasen eher sperrig daher und kann sich nur deshalb mager über Wasser halten, weil er auch immer wieder humoristische Momente aufblitzen lässt, beispielsweise im überraschenden Opern-Vorsingen einer reichen Millionärin oder in der zwielichtigen Art der Eheinstitutsleiterin, die von Elisabeth Flickenschildt verkörpert wird. Diese hat Erfahrung mit solch halblegalen Charakteren, irgendwo schwankend zwischen hassenswert und sympathisch, im hier vorliegenden Fall, aufgrund der harmlosen Betrügereien, aber hauptsächlich Sympathien beim Zuschauer einsteckend.

Ob es richtig ist sich zu beklagen, dass der Kriminalpart zu kurz kommt, weiß ich nicht, ist das dominierende Genre doch jenes des Dramas. Dieses wiederum ist mir jedoch zu episodenhaft und zu zerfahren ausgefallen, würde es ohne den Kriminalfall wiederum doch nur zum Teil, und dann ziemlich gehaltlos, funktionieren. Somit ist „Eheinstitut Aurora“ für mich trotz unterhaltsamer Momente, gerade gegen Ende, wenn der Film endlich zu seiner Geschichte steht, ohne sich mit Nebensächlichkeiten ablenken zu lassen, nichts Halbes und nichts Ganzes. Sicher kann der geduldige Stammzuschauer beider Filmgattungen ein Auge riskieren, zumal die Schauspieler in ihrer Leistung nichts zu wünschen übrig lassen. Aber ein tadelloser, kleiner Film zur Ablenkung für zwischendurch ist hier leider nicht zu entdecken.


Sonntag, 9. April 2017

CHARADE (1963 Stanley Donen)


Regina Lampert dachte eben noch an Scheidung, als sie kurz darauf ihr Haus ausgeräumt vorfindet und vom Tod ihres Gatten erfährt. Der führte ein Doppelleben und verfügte über 250.000 Dollar, die er aus einem gemeinsamen Diebstahl mit drei Kameraden aus dem Krieg ergattert hatte, freilich indem er die anderen hinterging. Nun vermuten diverse Interessengemeinschaften, dass Regina über das Vermögen verfügt, und schon bald trachtet man der jungen Witwe nach dem Leben. Sie weiß nicht mehr wem sie trauen kann...


Der Tod im Pyjama...

Stanley Donen war mit seinen 30 Spielfilmen die er schuf in diversen Genres zu Hause. Ob Kinderfilm, Komödie, Romantik, Science Fiction oder Musikfilm, Donen schuf allerhand Klassiker, darunter „Arabeske“, „Saturn City“, „Du sollst mein Glücksstern sein“ und den hier besprochenen „Charade“. Der ist ein kunterbunter Genre-Mix, so dass Donen der richtige Mann für den Job war, vernachlässigt er doch keine der Filmrichtungen, die in „Charade“ enthalten sind, als da wären Thriller, Komödie, Romantik und Kriminalfilm. Stets schwankt das Werk zwischen Spannungsbogen und Komik, während parallel die sich anbahnende Liebesgeschichte zu interessieren weiß.

Sie hat es am schwersten inmitten all der Zweifel und Verdächtigungen, weiß der Zuschauer doch nicht wem er trauen darf, noch mehr als es die Rolle Audrey Hepburns tut, schließlich könnte auch sie der überraschend verräterische Trumpf am Schluss sein. Dementsprechend verspielt irrational findet die Liebesgeschichte inmitten des mörderischen Plots statt, entwickelt der Love Interesst mit jedem Auffliegen einer Lüge doch einen weiteren angeblichen Charakter und ist Regina trotz dieses pflegelhaften, vielleicht sogar mordsgefährlichen, Verhaltens doch unglaublich in den älteren Herren verschossen, der öfter seine Namen als seine Hemden wechselt und trotzdem noch am ehesten das Vertrauen der verwirrten Witwe gewinnen kann.

In „Charade“ wimmeltes nur so vor Schurken und möglichen Mördern. Tote gibt es reichlich, falsche Fährten noch mehr. Manche davon ahnt der geschulte Zuschauer von heute sicherlich bereits bevor sie offiziell aufgedeckt werden, letztendlich kann man dem Streifen diesbezüglich aber einen einfallsreich wendungsreichen Plot athestieren, dessen Schlussauflösung zu gefallen weiß. Von einem großen Filmereignis würde ich persönlich trotzdem nicht sprechen. Ich fand „Charade“ lediglich amüsant und kurzweilig, und empfand ihn als ein angenehmes Vergnügen für zwischendurch.

Überrascht war ich vom oftmals schwachen Spiel Audrey Hepburns, die teilweise eher Grimassen schneidet anstatt tatsächliche Gefühlsregungen zu simulieren. Da kommt es ihrer schwachen Darbietung sehr gelegen, dass der Stoff humoristisch angereichert wurde. Andererseits schien Donen viel von ihr zu halten, war „Charade“ doch schließlich nicht das einzige Werk welches beide zusammen drehten. Im Gegensatz dazu spielt der in „Arsen und Spitzenhäubschen“ von mir noch kritisch beäugelte Cary Grant sowohl die humoristischen Seiten, als auch die bösartigen recht gekonnt. Gealtert weiß er meiner Meinung nach ohnehin mehr Charisma zu versprühen als 20 Jahre zuvor, das kommt ihm in dieser Rolle freilich zugute.

Mit George Kennedy und Walter Matthau sind noch zwei weitere bekannte Gesichter mit an Bord. Zwar liefert keiner von ihnen eine Glanzleistung ab (Grant anbei trotz allem Lobes auch nicht), aber das ist nicht weiter wild, da „Charade“ hauptsächlich von seinem guten Plot lebt und von der flotten Umsetzung, die das Geschehen nie auf der Stelle treten lässt. „Charade“, der bislang noch drei mal unter anderen Titeln neu verfilmt wurde, ist die typisch sympathische Sonntagnachmittagsunterhaltung für zwischendurch, nicht mehr und nicht weniger.


Weitere Reviews zum Film: 


ARSEN UND SPITZENHÄUBCHEN (Arsenic and Old Lace 1944 Frank Capra)


Am Tag seiner Hochzeit erfährt Mortimer Brewster, dass seine beiden Tanten Abby und Martha in ihrem Haus Menschen vergiften und sie vom Neffen Teddy, der sich für Präsident Roosevelt hält, im Keller vergraben lassen. Mortimer versucht die Toten Teddy in die Schuhe zu schieben und ihn in eine Anstalt einweisen zu lassen. Während er die Vorbereitungen dazu trifft, stößt sein krimineller, lange verschollener Bruder ins Geschehen, der ebenfalls eine Leiche zu verstecken sucht...


Ein Taxifahrer wird zur Kaffeekanne...

Der ganz offensichtlich auf einem Theaterstück basierende „Arsen und Spitzenhäubchen“ erinnerte mich heute bei meiner ersten Sichtung an die erst später entstandenen „Cocktail für eine Leiche“, bei der ebenfalls eine Leiche in einer Truhe versteckt wird, während allerlei Menschen das Haus heimsuchen, in welchem die Truhe steht und an „Ladykillers“, dem ich zutrauen würde, dass sein Autor durch das hier aufgeführte Stück inspiriert worden ist, gehen doch auch hier morbide Geschehnisse und schwarze Komik, in Kombination mit Rentnern in wichtigen Rollen und Kriminellen im Haus, wunderbar harmonierend nebeneinander einher.

Ich weiß dass Frank Capras „Arsenic and Old Lace“ (Originaltitel) einen hohen Ruf besitzt, und dies rein von der Situationskomik und den schrägen Einfällen am Rande auch zu Recht, allerdings empfand ich den im Mittelpunkt stehenden Cary Grant als fehlbesetzt, ließ dessen Spiel doch eher vermuten was an seiner Rolle witzig ist, anstatt dass er mich tatsächlich zum Lachen brachte. Der Running Gag alles erst einen Moment zu spät zu kapieren, die Gefahr selbst in den Wahnsinn abzurutschen und auch die Slapstickeinlagen mit vollem Körpereinsatz hätten manch andere humortalentierte Schauspieler gewitzter hinbekommen, auch wenn ich Grant die ein oder andere gelungene Szene durchaus zugestehe.

Ansonsten gibt es nichts zu beklagen in einem Stück in welchem alte Ladys das Ermorden älterer Herren für selbstverständlich halten, ein Mann Bücher gegen das Heiraten schreibt, ein Polizist sich für einen tollen Theaterautor hält, ein Taxifahrer für seinen ihn ewig warten lassenden Dauerkunden ein Taxi ruft, ein Massenmörder wie Frankensteins Monster aussieht (worauf er auch stets aufmerksam gemacht wird) und eine Ehefrau am Tag ihrer Hochzeit von ihrem Gatten gebeten wird nun nach Hause zu gehen, um sich schlafen zu legen. Irrwitzige Ideen überschlagen sich in einem Tempo, dass man kaum an ein glückliches Ende glaubt, so turbulent wie es hier zugeht, teilweise mit einer Komik garniert, die sich so modern schaut wie Werke heutiger Tage.

Es ist kaum zu glauben, dass dieser kleine, lustige Klassiker noch nicht neuverfilmt wurde. Wahrscheinlich ist es auch besser so, denn eine Modernisierung des Stoffes ist überhaupt nicht nötig. Warum der benachbarte Friedhof nicht mehr ins Geschehen integriert wird, will sich mir nicht ganz erschließen, aber die Selbstverständlichkeiten gegen die unser Held hier stets anzukämpfen hat, entschädigen für so manche erklärungsbedürftige Lücke. Letztendlich konzentriert sich „Arsen und Spitzenhäubchen“ lediglich auf das wichtigste, den funktionierenden Humor, verwirrende Verwicklungen und eine funktionierende Dynamik in der Story, und dass er sich eigentlich wie abgefilmtes Theater schaut, lässt das alberne Getue nur um so ehrlicher wirken, ist die Komödie in Wahrheit doch nicht weit entfernt von diesem Urzustand.


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