Mittwoch, 30. August 2017

THE ASPHYX (1972 Peter Newbrook)


Ende des 19. Jahrhunderts entdeckt ein Adliger bei seinem morbiden Hobby Tote zu fotografieren einen Fleck auf jeglichen Bildern, die direkt während des Sterbeprozesses festgehalten wurden. Was zunächst als die Körper verlassenen Seelen vermutet wird, erweist sich bei einer zufälligen Filmaufnahme als ein Wesen, welches sich dem Körper nähert, anstatt sich von ihm zu entfernen. In dem Adligen wächst der Gedanke einen solchen Todesgeist einzufangen, in der Hoffnung dadurch unsterbliches Leben zu erlangen...


Was blaue Kristalle von weißen unterscheidet...

Etwas naiv mag sie ja ausgefallen sein, aber reizvoll ist die Geschichte von „The Asphyx“ durchaus, auch wenn sie in weit fortgeschrittenen Zeiten der Nutzung des Mediums Films auf den Glauben setzt, dass einzig zu Beginn der laufenden Bilder ein gerade Sterbender, und somit ein Asphyx, auf Film eingefangen wurde. Wahrscheinlich erwartete man vom Zuschauer automatisch, dass dieser ohnehin weiß gerade nur einer fiktiven Geschichte beizuwohnen, wofür sollte man also all zu glaubwürdig werden? Auch das eher an Theater anstatt an Spielfilme erinnernde Agieren der Schauspieler spricht für solch eine Denkweise, und letztendlich hätten die Verantwortlichen von „The Asphyx“ damit auch recht, eine solch naive Geschichte bleibt im Bewusstsein des Zuschauers auch beim tieferen Eintauchen Fiktion. Aber gerade deshalb hätte der Grusler von Regisseur Peter Newbrook im Gegenzug unbedingt stimmungsvoller ausfallen müssen.

Man mag sich kaum ausmalen welch wundervoller Film unter der Produktion der Hammer-Studios aus dieser sympathischen Geschichte entstanden wäre, die sich nie all zu lange auf einer Idee ausruht und seine Protagonisten während ihrer Forschung erfreulicher Weise sogar oftmals Falsches vermuten lässt. An anderer Stelle finden die Fortschritte der Forschung wiederum zu arg beschleunigt statt und die Erkenntnisse scheinen wie aus dem Nichts zu kommen. So wie der Asphyx erklärt wird, steht zum Beispiel keinerlei Zusammenhang zu einer Vermutung durch sein Einfangen könne man ewiges Leben erlangen. Genau dieser Schluss wird jedoch ohne Zweifel automatisch aus ersten Erkenntnissen gezogen.

Das könnte man alles noch als Kleinkrämerei bezeichnen, wenn „Experiments“ (Alternativtitel) an sich als kleiner Grusler für zwischendurch funktionieren würde, aber dafür stehen ihm drei Dinge im Weg. Zum einen ist das theoretisch morbide Szenario viel zu lebensfroh eingefangen, selbst in anfänglich dramatischen Momenten, zum anderen wurde sich im Bereich der Deko wenig Mühe gegeben. Alles wirkt steril, der stimmige Gothik-Look vergleichbarer Werke dieser Zeit fehlt. Am ärgerlichsten ist jedoch die Besetzung der Hauptrolle ausgefallen. Wo ein Cushing eine Glanzleistung aus den Vorgaben des Charakters herausgeholt hätte, wirkt ein durchaus engagierter Robert Stephens mimisch leider wie ein Komiker, der in ein ernstes Genre gesetzt wurde. Zu fröhlich wie der Grundton des Streifens kommt er mimisch daher, und wenn die Geschichte zum Ende hin düstere Wolken über das Geschehen legt, bekommt der gute Mann nicht einmal die tragischen Momente mit seinem lustig scheinenden, zu rundem Gesicht glaubwürdig gespielt.

Man kann es dementsprechend als Stärke des Drehbuchs bezeichnen, dass diese dramatischen Momente trotzdem halbwegs zu wirken wissen. Der Gedanke was das dort Geschehene für einen Menschen wirklich bedeuten muss ist erschütternd, aber eben auch nur in solcher Theorie gedacht. Den zu unecht spielenden Darstellern in ihrer zu schlicht ausgefallenen Theaterdeko kann man diese Empathie nicht wirklich entgegenbringen. Dafür wirkt alles zu gespielt und frei jedweder morbiden Atmosphäre abgefilmt. Das wirkt sich leider auch auf andere Bereiche aus. Das abwechslungsreiche, augenzwinkernde Wechselspiel der Selbstmordmethoden im Laufe der Geschichte, hätte ein sympathisches Gimmick für den Film werden können, zumindest wenn man den Figuren charakterlich einen solch experimentierfreudigen Touch zusprechen würde. Da man dies jedoch nicht tut, wirkt der Wechsel der Tötungsmethoden unglaubwürdig und aufgesetzt anstatt kultig.

Die Geschichte ist stark genug ausgefallen, um das Treiben theoretisch interessiert bis zum Schluss zu verfolgen. Aber immer wieder erwichte ich mich dabei mir vorzustellen wie dieser naive, wie hochgradig sympathische Plot wohl in den Händen besserer Filmemacher ausgefallen wäre. Wäre die Zeit für derartige Filme nicht längst vorbei, würde ich mit einer Neuverfilmung sympathisieren, aber die würde bei heutigen Methoden wohl kaum besser ausfallen als der bislang einzige Versuch aus dem Jahre 1972. Freilich freue ich mich trotzdem, dass es der damals billig auf VHS verramschte Film mittlerweile bei uns auf DVD geschafft hat. Den nicht korrekturgelesenen deutschen Untertitel, der vor fehlenden Wörtern, Rechtschreibfehlern und zu kurz eingeblendeter längerer Textstellen nur so strotzt, hat „The Asphyx“ jedoch auch in seiner Mittelmäßigkeit nicht verdient.


Weitere Besprechungen zu The Asphyx: 


Sonntag, 27. August 2017

DER GIFTZWERG (Dutch 1991 Peter Faiman)


Doyle lebt in einem Internat. Sein Vater ist reich, seine Mutter, eine gewöhnliche Frau, hat seit der Trennung kaum noch Kontakt zu ihrem Sohn. Dieser, dekadent geworden durch die Erziehung seines Vaters, verachtet seine Mutter. Deren neuer Lebensgefährte Dutch bietet sich an Doyle zum Erntedankfest vom fernen Internat nach Hause zu fahren. Der miesgelaunte Junge ist von dieser Idee überhaupt nicht begeistert. Auf der Fahrt entbrennt ein Kampf zwischen dem elitären Jungen und dem einfachen Arbeitertyp...


Der Eisbrecher...

Zwei Menschen, die sich nicht ausstehen können, reisen zur Erntedankfestfeier gemeinsam quer durch Amerika. Als das Auto mit dem man unterwegs ist kaputt geht, greift man in der Not auf allerlei Alternativen zurück um vorwärts zu kommen. Auch wenn diese Alternativen ebenfalls lediglich die Straßen benutzen, so erinnert das Szenario doch stark an John Hughes brillanten „Ein Ticket für zwei“, der mit Steve Martin und John Candy besetzt war. Auch „Der Giftzwerg“ ist ein John Hughes-Film. Der übernahm zwar nicht die Regie, aber als Autor und Produzent trägt das Werk dennoch ganz deutlich seine Handschrift.

Der Kampf zwischen Arbeiterklasse und den bösen Reichen wird ebenfalls nicht zum ersten Mal in einer Hughes-Produktion thematisiert. Ob eher zweitrangig in „Allein mit Onkel Buck“, versöhnlich in „Pretty in Pink“ und „Der Frühstücksclub“, oder angreifend in „Ist sie nicht wunderbar?“, Hughes benötigt dieses Thema ähnlich stark wie das Arbeiten mit jungen Menschen, in „Dutch“ (Originaltitel) wird das Thema gar aggressiv wie in letztgenanntem Vergleichsfilm betrieben. Die Reichen sind die Bösen, die körperlich Arbeitenden die Guten. Das ist etwas klischeeüberladen, aber das ist „Driving Me Crazy“ (Alternativtitel) ohnehin, darf doch auch der Festtagsschmalz ebenso wenig fehlen, wie das Hineinschnuppern in die Armut zur obligatorischen charakterlichen Läuterung am Schluss.

Wer jedoch die Bücher von John Hughes kennt, der weiß, dass seine Filme stets trotzdem gourtierbar sind, und so ist es freilich auch mit „Der Giftzwerg“, der sicherlich nicht zu den Höhepunkten von Hughes Schaffen gehört, allein schon weil er sich ständig an seinen eigenen Werken bedient, aber ein gut aufgelegter Ed O‘Neill, der sowohl gegen sein Al Bundy-Image anspielt, als auch diverse Zutaten aus dieser Rolle für seinen Dutch verwendet, und ein wie immer sympathischer, wenn auch diesmal auf unausstehliche Art, agierender Ethan Embry (der sich hier noch Ethan Randall nennt) machen aus dem motralinsauren Stück ein routiniert nettes Unterhaltungsfilmchen, das man sich durchaus mal geben kann, wenn man denn nichts Besonderes erwartet.

Hughes tendiert diesmal überraschend stärker zur Tragik anstatt zur Komik, bietet in beiden Bereichen jedoch simple Routine, im Tragikbereich leider auch allzuoft Kitsch, was aufgrund der ohnehin schon starken Tendenz zu Stereotypen und Vorurteilen gegenüber Besserverdienenden dem ein oder anderen nicht schmecken wird. Wahre Höhepunkte hat „Der Giftzwerg“ nicht zu bieten. Ein zweiter „Kevin - Allein zu Haus“ ist mit diesem Werk nicht entstanden. Dass dies die Idee hinter dem Projekt war, erkennt man sofort. Aber wer die Nachteile des Stücks übersehen kann, wird ohnehin nicht all zu streng mit einem Werk umgehen, dass, typisch Hughes, das Herz am rechten Fleck hat. Damit ergeht es dem weniger kritischen Publikum ähnlich wie Doyle mit Dutch: am Ende sympathisiert man mit dem was (angeblich) fehlerhaft war.


Samstag, 26. August 2017

THE LOBSTER (2015 Yorgos Lanthimos)


David lebt in einer Gesellschaft, in der Singles 45 Tage Zeit haben sich eine Partnerin zu suchen. Ansonsten werden sie in ein Tier ihrer Wahl verwandelt. In einem Hotel, das einzig zum Zwecke der Partnerschaftsfindung existiert, soll er seine Zukünftige finden...


Singles, die sich verschlucken, können sterben...

„The Lobster“ ist ruhig erzählt, mit nüchternem Grundton versehen, und selbst theoretisch laute Momente, wie die Einstiegssequenz, werden mit größter Zurückhaltung inszeniert. In der Gesellschaft in welcher David lebt sucht man zwar zwanghaft die Partnerschaft, nicht aber im romantischen Sinne. In einer Welt voll von aufgedrückten Zwängen gibt es kein Sichwohlfühlen, keinen Spaß und selbstverständlich keine Zwanglosigkeit. Gesucht wird als Mittel zum Zweck. Und als ob die Welt Davids uns nicht ohnehin schon grotesk genug erscheint, lebt man dort zudem in dem Glauben Liebe ließe sich nur finden, wenn man als Mensch auch mindestens eine Eigenschaft gemeinsam hat.

Wenn wir die parallel zur beschriebenen Gesellschaft existierende im Wald erleben, eine Gruppe von freiwillig gebliebenen Singles, erinnert der Plot ein klein wenig an Jean-Pierre Jeunets „Delicatessen“, in welchem die Vegetarier in der Kanalisation lebten. Die Singles hier werden zum Freiwild der Partnerschaftsgesellschaft. Ein Partnersuchender, der einen freiwilligen Single erlegt, bekommt einige Tage zusätzlich beschert, um seine Herzensdame zu finden. Umgekehrt ist es in den Wäldern der freiwilligen Singles strengstens verboten zu flirten, geschweige denn eine Partnerschaft einzugehen.

Und ja, da bekommt, wie so oft in Besprechungen zu lesen, der Partnerschaftswahn und der Singlewahn unserer Gesellschaft sein Fett weg. Dies allerdings nicht so dominant geschehen wie oftmals behauptet, und dies auch gar nicht so sehr im Zentrum der Kritik stehend, wie von vielen Schlaumeiern bemerkt. Viel mehr geht es ebenso wie in Yorgos Lanthimos hervorragendem „Dogtooth“ um das Leben unter Zwang. Waren es im Vorgängerfilm ahnungslose Opfer, die sich nicht wehren konnten, welche den Zwängen ausgesetzt waren, geht es in „The Lobster - Hummer sind auch nur Menschen“ (Alternativtitel) um die Faszination, die man auch in unserer Welt erleben darf, dass sich Menschen geradezu freiwillig von anderen gesetzten Regeln unterwerfen, dies als frei jeder Alternative ansehen und sich dabei trotzdem unwohl fühlen. Was uns fast gar nicht mehr grotesk erscheint, wird mit Blick auf eine Alternativwelt als eben dies wieder herausgekitzelt, um uns das Bewusstsein für diesen Irrsinn in unserer Welt noch einmal bewusst zu machen.

So hervorragend das auch klingen mag, an „Dogtooth“ kommt der etwas kommerzieller ausgefallene „The Lobster - Eine unkonventionelle Liebesgeschichte“ (Alternativtitel) nicht heran. Zwar bewegt auch er sich noch weit entfernt vom Mainstream und ist in seiner sehr distanzierten und oftmals gefühlsbefreiten Art eher dem Arthouse-Kino zuzuordnen, die Stärke seiner ersten Hälfte schafft er jedoch nicht vollends in die zweite mit hinüberzunehmen. Angekommen in der Singlewelt im Wald verweilt man dort leider bis zum Schluss, nur leider weiß dies humoristisch nicht so genial zu punkten wie die Geschehnisse im Hotel.

Einzig die Liebesgeschichte zieht einen Vorteil daraus, darf sie doch aufgrund der Regeln im Wald dramatisch ausfallen (was im Gegensatz zur Restinszenierung dann auch wirklich nachempfunden werden kann) und zudem die Ironie der kompletten Erzählung darstellen: es geht nicht um Glück, nicht um den Sinn der hinter den Regeln steckt, sondern einzig um die Einhaltung dieser. Ein sich glücklich gefundenes, wahrhaftig liebendes Paar ist weder in der einen, noch in der anderen Gesellschaft unter diesen Umständen gewünscht. Mit dieser Aussage setzt Lanthimos eine gelungene Pointe, entlarvt es die Idealisten beider Seiten doch endgültig im Irrsinn ihrer propagierten Weltbilder, einmal ganz davon abgesehen, dass uns Lanthimos in beiden Welten bereits zuvor besagte Lüge offenbart, indem er die extremsten Regeleinhalter der jeweiligen Gesellschaft teils offensichtlich, teil nur für gute Beobachter versteckt, innerlich das Gegenteil dessen fühlen lässt, was man eigentlich fühlen darf.

So wertvoll dies für den Gehalt der Geschichte und überhaupt für ihre sinnvolle Fortführung und Vollendung auch ist, dennoch schaut sich die zweite Hälfte (man mag es aufgrund des Plots kaum glauben) weit gewöhnlicher als die uns völlig kaputt erscheinenden Geschehnisse der ersten Hälfte. Mit Sicherheit hätte man an zweiter ein wenig kürzen können, damit sich nicht eine solch starke Ernüchterung einstellt, die ich im Laufe des letzten Drittels allmählich empfunden habe. Ein gut gesetzter Schluss entschuldigt zumindest ein wenig dafür und lässt den mitdenkenden Zuschauer mit einigen wirklich guten Denkansätzen alleine zurück.


Weitere Besprechungen zu The Lobster: 


ALLEIN MIT ONKEL BUCK (Uncle Buck 1989 John Hughes)


Da man aufgrund des Herzinfarktes des Vaters seiner Frau schnell verreisen muss und nicht viel Zeit für eine vernünftige Lösung bleibt, bittet Bob widerwillig seinen chaotischen Bruder Buck auf seine drei Kinder aufzupassen. Buck willigt ein und lernt beim Babysitting die Tücken des spießigen Vorstadtlebens kennen. Während er sich schnell in die Herzen der beiden kleinen Kinder einlebt, beißt er sich an der Teenager-Tochter Tia die Zähne aus...


Auch Hobby-Zahnärzte golfen...

Die Komödie des Teenagerverstehers John Hughes kam trotz dessen Erfolge mit „Ferris macht blau“ und „Der Frühstücksclub“ zunächst nicht in die deutschen Kinos. Erst der Erfolg von „Kevin - Allein zu Haus“ sorgte dafür, dass der eigentlich zuerst gedrehte „Allein mit Onkel Buck“ hinterhergeschoben wurde, da hier ebenfalls Macaulay Culkin, wenn auch in einer wesentlich kleineren Rolle, präsent war, was schließlich auch den recht unnötig formulierten deutschen Titel erklärt (der im Vergleich zu „Kevins Cousin allein im Supermarkt“ jedoch noch recht harmlos ausfiel). Dass man zuvor nicht wirklich an einen Erfolg des Filmes in deutschen Lichtspielhäusern glaubte, muss nicht verwundern. Das Drehbuch wirkt unausgegoren, der typische Hughes Teenageraspekt wird durch allerlei Nebenhandlungsstränge verwässert, und die Kernaussagen sind ur-bieder ausgefallen in ihrer arg extremen Pro-Familien-Mentalität.

Wenn man nun noch manche unfein gesetzten, ruckartigen Zwischenpointen sichtet, die den diesbezüglich sonst vorhandenen Feinsinn John Hughes‘ vermissen lassen (oft gut zu vergleichen mit von ihm gedrehten oder produzierten Filmen, die ähnliche Sequenzen enthalten) und im Vergleich zur zuvor getätigten Zusammenarbeit zwischen Hauptdarsteller und Regisseur („Ein Ticket für zwei“) auch auffällt, dass John Candys Chaoskomik nicht so ausgeklügelt eingebracht wird wie dort, dann kann man langsam verstehen, warum man einen Film, dessen vordergründig einziger Inhalt aus dem Parodieren amerikanischer Familienkrankheiten besteht, dem deutschen Publikum nicht gerade im Kino präsentieren wollte.

Betrachtet man aber nur diese eine, recht theoretische Seite von „Allein mit Onkel Buck“ wird man ihm nicht gerecht. Wenn auch nicht Hughes‘ Vorzeigefilm verkörpernd, so hat er doch trotz aller Kritikpunkte das Herz am rechten Fleck. Zudem tauchen einige der geäußerten Kritikpunkte nur aufgrund der Vergleiche anderer Werke des Regisseurs auf der Negativliste auf. So ist John Candy als Zugpferd z.B. immer noch ein Hingucker, auch wenn nicht jedes Chaos, welches er anstiftet, ein humoristischer Treffer ist. Der Mann ist trotzdem noch immer saukomisch und füllt mit Onkel Buck eine Rolle aus, die ihm auf den Leib geschrieben ist.

Und auch wenn die Teenagerthematik sich diesmal nicht so echt anfühlt wie in Hughes großen Erfolgen, auch die konstruiert wirkende Kinovariante des Einfühlens in die Probleme erwachsen werdender Kinder weiß humoristisch wie emotional zu punkten, zumal die provokative Tia mit Jean Louisa Kelly wahrlich gut besetzt ist, erst recht wenn man bedenkt, dass dies ihr allererster Auftritt in einem Film ist. Hughes mixt das sonst im Vordergrund stehende Teenagerelement mit besagter Chaoskomik Candys und verwirrt den Zuschauer ein wenig damit nun extremste Spießereien gemixt mit irren Comicsituationen ebenfalls hinzuzugießen.

Das lässt „Uncle Buck“ (Originaltitel) gelegentlich etwas desorientiert wirken, da Spießerdenken manches Mal radikal der Kampf angesagt wird (Elterngespräch mit Schuldirektorin) und manches Mal der Spießer als Vorzeigemensch präsentiert wird, den es zu immitieren gilt, wohingegen dessen Vorurteile am Ende zur Versöhnung nicht konsequent genug über Bord geworfen werden. Eine Spur ehrlicher hätte die Geschichte in Bezug auf die Beziehung zwischen Bruder/Schwägerin und Onkel Buck ruhig schließen können, auch wenn der Film lediglich ein Feel-Good-Movie sein soll, der analytisch nicht sehr tief geht.

Letztgenanntes ist jedoch auch der Grund dafür, warum man mit „Allein mit Onkel Buck“ nicht all zu streng umgehen sollte, zumal er zu unterhalten weiß und uns gut aufgelegte (Nicht)Stars präsentiert, die fast schon eher episodenartig spaßige Momente versprühen. So braucht es auch nicht verwundern, dass ein Jahr später anders besetzt eine Fernsehserie folgte, das Konzept war letztendlich ideal für eine solche. Im Kino wäre ich sicherlich ein wenig enttäuscht gewesen, da erwartet man von einem Film mehr, zumal „Allein mit Onkel Buck“ mit zu wenig tragischen Elementen ein wenig auf den Pfaden eines „Eine Wahnsinnsfamilie“ wandelt ohne dessen Niveau zu erreichen, bzw. dies überhaupt zu wollen. Buck ist die Komödienvariante dieser Art Film ohne nennenswerten Tiefgang oder tatsächlicher Ursachenergründung. Er ist ein oberflächlicher Spaß mit manchen nicht funktionierenden Pointen und einigen sehr spaßigen. Ich mag ihn, auch wenn mich nach wie vor die unnötig eingebrachte, zu konservativ wirkende Familienmoral stört.


Sonntag, 20. August 2017

THE FINAL GIRLS (2015 Todd Strauss-Schulson)


Die junge Max wird zusammen mit ein paar Bekannten in einen Horrorfilm gesogen, in dem einst ihre mittlerweile verstorbene Mutter mitgespielt hat. Nun muss sich die Gruppe inmitten des Filmes an die üblichen Regeln des Slasher-Genres halten, in der Hoffnung nicht vom Serienkiller getötet zu werden...


Selfie mit einem Serienkiller...

Der Horrorfilm wird gut und gerne parodiert, und hierfür werden verschiedenste Wege genutzt. „Scary Movie“ setzte wie einst "Frankenstein Junior" und „Was macht der Tote auf der Wäscheleine“ auf zitierte Szenen aus speziell gewählten Filmen, meist auf zotige Art, „Tucker and Dale vs. Evil“ und „Wasting Away“ nutzten die Idee der Plotverdrehung, um ein häufig verwendetes Klischee des Bösestempels für eine bestimmte Gruppe Mensch/Wesen zu veralbern, „Behind the Mask“ nutzte die Entmystifizierung des übernatürlichen Scheins von Slasher-Killern, um die Regeln dieses Sub-Genres zu veralbern, und „The Final Girls“ versucht den typischen 80er Jahre-Slasher mittels einer Metaebenenerzählung zu parodieren, indem Zuschauer in einen solchen hingesogen werden und den Regeln des Genres unterliegen.

Ganz gelingen will ihm dies trotz deutlicher Anspielung auf „Freitag der 13.“ nicht wirklich, obwohl er sich nicht einzig auf die Killerregeln von Streifen dieser Zeit konzentriert. Das sexuell notgeile Verhalten amerikanischer Kino-Teenies wird aufgegriffen, der Kulturzusammenstoß in Sachen Mode und Verhaltensweisen beider Jahrzehnte dient der humoristischen Konfrontation, und auch Hintergrundgeräusche, Rückblenden, Filmlänge und Schrifteinblenden finden ihren Platz im Veralbern der berühmten und geliebten Vorbilder. Somit haben auch jene Zuschauer, denen subtile Übereinstimmungen mit dem zu parodierenden Genre nicht auffallen, Berührungspunkte mit dem Medium Film um sich auf der Metaebene zurecht zu finden.

So konsequent wie sich „The Final Girls“ mit diesen Zusatzelementen befasst, ist der finale Gag des Streifens eigentlich leider ein offenes Buch, zumal man in der Phase, in welcher die Geschichte noch in unserer Realität spielt, immer wieder darauf gestoßen wird, dass Max und ihre Bekannten in eine Doppelvorstellung gehen. Nun macht ein erratener Schluss einen Film nicht gleich zu einem schlechten Ergebnis, oftmals reizt das Erleben des Erahnten sogar, so dass dies positiv auf ein cineastisches Werk wirken kann, dem Schluss-Gag ergeht es hier diesbezüglich jedoch nicht anders als den vielen anderen humoristischen Seitenhieben dieses nett gemeinten Streifens: er will nicht wirklich funktionieren.

Inmitten einer solide wirkenden Inszenierung, deren Handlungsverlauf halbwegs normal erzählt ist, neigt man an den zu parodierenden Stellen stets zu zotenhafter Übertreibung. Selbst die Jason-Maske wird sehr übertrieben verarscht. Dieses extreme Herumgealber weiß durchaus manches Mal zu belustigen, meist wirkt der Humor aufgrund dieser Herangehensweise jedoch zu gewollt und fast schon ängstlich, so als wolle man bloß sicher gehen, dass der Zuschauer auch wirklich gerade versteht was hier veralbert werden soll. Den psychologischen Kern solcher Filme hat man ohnehin nicht begriffen, der bleibt unangetastet. Und die Symboliken, die in „Behind the Mask“ so gekonnt per Interviewsequenzen benannt und damit humoristisch verarbeitet werden, scheinen in „The Final Girls“ ebenfalls niemandem bewusst zu sein.

So erlebt man einen oberflächlich angegangenen Parodieversuch mit überdrehtem Herumgealber inmitten einer halbwegs bodenständig angegangenen Grundhandlung, die allein deswegen nicht so überdreht ausfallen darf wie die Parodieelemente, weil sie einen wichtigen dramatischen Aspekt zur Grundlage hat, der für die innerfilmische Dramatisierung wichtig ist. Schließlich ist Max nie wirklich über den frühen Tod ihrer Mutter hinweggekommen und trifft nun auf deren Film-Ich, mit dem sie sich aufgrund ihres Beschützerinstinktes anfreundet. Interessanter Weise wissen die emotionalen Momente weit mehr zu überzeugen, als die parodistischen, und dies obwohl sie immer wieder von besagten Zoten unterbrochen werden und auch manches Mal zum überzogenen Kino-Kitsch tendieren.

Trotzdem muss man schon ein sehr dickes Fell besitzen, um den tragischen Aspekt der Geschichte, gerade gegen Ende, nicht mitfühlen zu können. Komplett funktioniert dies freilich nicht, da die eingesogenen „realen“ Figuren ebenso Kinoklischee der heutigen Filme sind, wie die „fiktiven“ Figuren Stereotype des 80er Jahre-Kinos sind. Das ist meiner Meinung nach auch ein Fehler für einen Film, der eigentlich die Kinokrankheiten von damals verulken möchte. Sowohl dem Parodieelement, als auch der emotionalen Ebene schadet diese Fehlentscheidung jedoch nur bedingt, denn hier wie dort funktioniert „The Final Girls“ stets halbwegs, dramatisch intensiver als humoristisch, aber zumindest intensiv genug um halbwegs amüsiert bis zum Schluss des Filmes zu gelangen.

Wirklich unterhaltsam, geschweige denn parodistisch befriedigend ist das Ergebnis jedoch nicht ausgefallen, dafür erscheint „The Final Girls“ zu gewollt und wirkt einfach selbst zu sehr wie ein Film, eben auch weil vieles nur theoretisch beim Zuschauer ankommt. Man versteht was gemeint ist, aber man nimmt es eher mit einem Achselzucken wahr als mit einem Lacher oder einem emotionalen Einfinden. Wer auf den Aspekt der Metaebenen verzichten kann und es gerne zotig mag, der sollte das Slasher-Genre eher mit „Club Mad“ veralbern lassen. Da stimmt zumindest der Grundton um hemmungslos herumalbern zu können. „The Final Girls“ weiß zwar was er will, aber nicht wirklich was er ist und wie er seine Ziele effektiv verfolgen kann. Bis auf ein paar sympathische Parodiemomente, einige Lacher und besagte emotionale Momente hat er leider wenig zu bieten.


Weitere Besprechungen zu The Final Girls:  


Samstag, 19. August 2017

SHERLOCK 13 - DAS LETZTE PROBLEM (Sherlock: The Final Problem 2017 Benjamin Caron)


Sherlock erfährt auf unangenehme Weise, dass er eine Schwester hat. Sie ist die intelligenteste unter den Geschwistern, und da sie zum Bösen neigt, wird sie in einem Sanatorium für besonders schwere Fälle isoliert auf einer Insel gefangen gehalten. Zur Zeit scheint es ihr jedoch auf irgendeine Art zu gelingen ihr Gefängnis zu verlassen...


Die Bakerstreet Boys...

Es klang alles so verlockend. Sherlock hat eine Schwester, sie ist die intelligenteste der Geschwister, neigt aber zu bösartigen Taten... Was hätte man mit dieser Ausgangslage alles anstellen können? Und da Staffel 4, zu der „Das letzte Problem“ gehört, mit den ersten beiden Filmen wieder zur alten Stärke zurückfanden, war ich tatsächlich optimistisch was den Abschlussfilm anging. Aber was soll man sagen? Leider ist der dritte Teil besagter Dekade nicht geglückt, schaut sich zwar interessant genug um neugierig dranzubleiben, aber die Ansätze, auf die sich alles stützt, sind für ein Duell zwischen Bruder und Schwester nicht die besten Voraussetzungen.

Wenn der Plot zu Beginn noch sympathisch an „Das Testament des Dr. Mabuse“ erinnert, verläuft sich das weitere Geschehen immer mehr Richtung „Saw“, und so etwas ist im „Sherlock“-Universum eine zu plumpe Grundlage. Watson, Microft und Sherlock müssen unter übelsten Bedingungen Rätsel lösen um zu überleben, und dass die ganze Sache nicht wirklich glaubhaft erscheint, eben weil die Schwester viel zu klug für solch infantilen Mumpitz wäre, lässt bereits kein hochwertiges Ergebnis zu.

Auf zumindest schlichtem Unterhaltungslevel will das Ganze jedoch auch nicht funktionieren, vielleicht weil uns die Schwester trotzdem zu distanziert präsentiert wird, ohne dabei wenigstens eine gewisse Mystik auszustrahlen. Auch Hintergründe Sherlock betreffend, die in seiner Vergangenheit lauern, sind nur teilweise befriedigend ausgefallen, erklären zwar (zugegeben auf Schulpsychologie-Art) den Charakter zu dem er schließlich wurde, dies aber auf eine konstruierte Weise, die gerne unglaublich clever wäre ohne es tatsächlich zu sein. Zumindest gegen Ende weiß das ein oder andere gelöste Rätsel zu gefallen, die finale Situation scheint mir aber dann auch für eine hochintelligente Person zu plump gestrickt, egal welch emotionales Wrack man als Genie auch sein mag oder nicht.

Der Aufhänger mit dem Mädchen im Flugzeug, welches ein wenig an den Anfang von „Die Langoliers“ erinnert, wirkt zu aufgesetzt, zumindest dieser Part der Geschichte wird aber mit ein wenig Augenzudrücken solide zu Ende geführt. Wenn alles vorbei ist findet die Geschichte schließlich immerhin einen sympathischen Schluss, auch dank der Wiedervereinigung der auseinandergerissenen Streithähne in „Der lügende Detektiv“, dass man gerade jetzt gerne eine fünfte Staffel mit ganz klassischen Detektivgeschichten sehen würde. Stattdessen suggeriert das Ende jedoch auch ein Ende der Serie. Ich habe nichts dergleichen gelesen, aber scheinbar ist jetzt wirklich Schluss. Falls dem so ist: schade dass der letzte Film der Reihe so mittelmäßig ausgefallen ist.


Sonntag, 13. August 2017

SHERLOCK 12 - DER LÜGENDE DETEKTIV (Sherlock: The Lying Detective 2017 Nick Hurran)


Durch seine Heroinsucht gesellschaftlich endgültig völlig abgedriftet, behauptet Sherlock eine bestimmte Berühmtheit aus dem öffentlichen Leben sei ein Serienkiller. Nicht einmal Watson glaubt dem kurz vor dem Tod stehenden Meisterdetektiv...


Es ist wie es ist...

Nachdem der Vorgänger „Die sechs Thatchers“ sehr zurückhaltend in der Dosierung seines Soap-Gehaltes war, sprudelt dieser im zweiten Film der vierten Staffel nun regelrecht über. Wut, Frust, Trauer, Ignoranz schwebt über der Beziehung zwischen Holmes und Watson, und dass das weder stört noch die Geschichte hemmt liegt daran, dass die Geschehnisse der Episode 11 nichts anderes zugelassen haben. Die Figuren der Serie müssen nun erst einmal verarbeiten was dort passiert ist, und da ist die Situation mit einmal kurz drüber schlafen nicht gelöst.

Vielleicht hätte der eigentliche Hauptfall deswegen nicht derart an den Rand gedrängt werden müssen. Endlich hat es Sherlock einmal mit einem klassischen Psycho-Serienkiller zu tun, und über diesen hätten wir charakterlich sicher alle gerne mehr erfahren, als uns „Der lügende Detektiv“ bereit ist zu bieten. Dieses Zukurzkommen liegt aber auch an der umständlichen Erzählform, mit welcher die Geschehnisse von Episode 12 ins Rollen gebracht werden. Diese wiederum ist nötig, um das übliche Zuschauertäuschungsspiel, an welchem die Autoren so viel Freude besitzen, aufrecht zu erhalten.

So hegt man zwar keinerlei Zweifel an der Schuld des Psychokillers, auch trotz des verunsichern wollenden Beititels, aber andere Fragen die im Raum stehen, und natürlich der soziale Aspekt zwischen Holmes und Watson, und der Gedanke, dass Holmes eigentlich einen Auftrag im Namen von Watsons Gattin zu erfüllen hat, sorgen für anderweitige Rätsel, welche man als Zuschauer inmitten eines absichtlich wirr erzählten Plotes zu lösen versucht. Ist Sherlock aus emotionalen Gründen, die er scheinbar nie hat, Richtung Drogen gerutscht? Oder gehört diese Selbstzerstörung zu seinem Weg seinen für ihn fast unmöglich auszuführenden Auftrag zu erfüllen?

Das mag für Außenstehende lahm klingen, und wer sich ausgerechnet mit dieser Folge erstmals in die Serie einklinkt, wird wohl kaum angesteckt werden, aber es macht einen ungeheuren Spaß dem manchmal etwas zu gewollten Treiben in „Der lügende Detektiv“ zu folgen, zumal Drama, Thrill und Komik wie gewohnt harmonieren, einander zuspielen, in ihrer jeweiligen Gewichtung die Emotionen des Zuschauers hin und her zu wirbeln wissen. Gerade Watsons Dialoge mit einer imaginären Person berühren mehr, als man es der Serie zugetraut hätte.

Weitaus ernster als lustig schließt die Episode, die nun den Übergang zum längst fälligen Spiel Moriartys bereit stellt. Sicherlich ist der hier besprochene Film in vielerlei Hinsicht nur das Übergangswerk zwischen Episode 11 und 13, eben weil es so viele Dinge zuvor zu klären gab, den Verantwortlichen der Serie ist jedoch ein wirklich gelungener Teil geglückt, der trotz des ein wenig zu kurz kommenden Serienkillers locker mit den besseren Teilen der Reihe mithalten kann. Es ist schade, dass ausgerechnet die lang ersehnte Moriarty-Folge, die der hier besprochenen Episode folgen sollte, das bisherige Niveau der vierten Staffel nicht ebenfalls zu erfüllen wusste.


SHERLOCK 11 - DIE SECHS THATCHERS (Sherlock: The Six Thatchers 2017 Rachel Talalay)


In der Zerstörung diverser Thatcher-Skulpturen, die alle vom selben Künstler angefertigt wurden, glaubt Sherlock Moriartys angekündigtes Spiel entdeckt zu haben. Doch hinter diesem mysteriösen Muster steckt etwas völlig anderes...


Der Stick, der gegenseitiges Vertrauen schenkt...

Dass ich von der dritten Staffel nicht sonderlich begeistert war, wird mancher Stammleser eventuell noch in Erinnerung haben, zu sehr konzentrierte man sich auf die Agententhematik, zu kurz kamen die klassischen Kriminalgeschichten. „Die Braut des Grauens“, ein Special zwischen Staffel 3 und 4 angesiedelt, welches inhaltlich dazwischen spielend geguckt werden kann aber nicht muss, beschritt wieder bessere Wege und machte somit Hoffnung auf die neuen Episoden, die mit einem Jahr Verspätung nun drei Jahre nach der Vorgängerstaffel erschienen, womit auch genügend Zeit für die Autoren gegeben war, sich wieder auf die guten Seiten der Serie zu besinnen.

Zwar interessiert sich auch die vierte Staffel, und ganz besonders ihr erster Spielfilm „Die sechs Thatchers“, erneut für den großen Agentenwirbel anstatt für einen klassischen Kriminalfall, aber das Ergebnis spricht für sich. Der Einstieg in die Staffel ist gewohnt flott, pointiert und stilsicher umgesetzt, immer zwischen poppig modern und besonnenem Grundton mit der nötigen Würde ausbalanciert und intelligent genug erzählt, so dass der Held der Geschichte glaubwürdig zu funktionieren weiß. Die Figuren stehen wie gehabt im Mittelpunkt, und in diesem ersten Teil der vierten Staffel arbeitet dieser Grundsatz einzig für das im Vordergrund stehende Ereignis, sprich der Soap-Gehalt hält sich in Grenzen.

„Die drei Thatchers“ ist im Vergleich zum Rest der Reihe recht Action-lastig ausgefallen, zumindest suggeriert er dies in seinem flotten Erzähltempo, dabei kommen die gewitzten Dialoge und eine möglichst logische Erzählung nicht zu kurz. Aufgrund der Fixierung Sherlocks auf den toten Moriarty gibt es relativ früh erste Überraschungen zu erleben, weitere folgen, inklusive der Täteraufdeckung am Schluss, die es trotz fehlender Kriminalhandlung diesmal zu erleben gibt. Zwar ergibt die Szene, in welcher die Person gestellt wird und redefreudig alles gesteht, wenig Sinn und bildet damit den Tiefpunkt des ansonsten geglückten Filmes, dennoch weiß die Auflösung zu gefallen, auch wenn sie weit mehr Nebensache dieser Folge ist, als man meinen sollte.

Der Schluss der eigentlichen Handlung wird Freunden der Reihe keine Ruhe lassen. Nicht nur dass die Episode der sechs Thatcher-Skulpturen äußerst dramatisch endet, sie lässt auch viele Fragen und Türchen für den Nachfolger offen, so dass Neugierde für die kommenden Teile geweckt wird. Als Stammzuschauer weiß man allerdings, dass von nun an nichts mehr so sein wird, wie es einmal war, dementsprechend geht man mit etwas Wehmut an die Nachfolger heran, während man sich gleichzeitig als Kenner der Serie fragt, wie Sherlock die Aufgabe, die ihm am Ende gestellt wird, bei seinen sozialen Defiziten lösen kann.


Samstag, 12. August 2017

ADEL VERPFLICHTET (Kind Hearts and Coronets 1949 Robert Hamer)


Seine Mutter gehört der adligen Familie D‘Ascoynes an, aber als sie einen Italiener heiratet, und damit jemandem unter dem Niveau der Familientradition, entscheidet sie sich für das bescheidenere Leben außerhalb des Adels. Als sie stirbt und von den D‘Ascoynes den letzten Wunsch verwehrt bekommt in der Familiengruft beerdigt zu werden, wächst in dem mittlerweile erwachsen gewordenen Sohnemann Louis Mazzini der Plan aus Rache jegliche Familienmitglieder zu töten, bis er laut Rangfolge den Herzogentitel erhält...


Der Ausgestoßene mittendrin...

Ich habe „Adel verpflichtet“ zum ersten Mal gesichtet und wusste von ihm nur, dass er Dieter Hallervorden zu seinem „Didi und die Rache der Enterbten“ inspirierte, da Alec Guiness acht Figuren aus ein und der selben Familie mimte und Hallervorden dies ebenfalls tun wollte. Um so überraschter war ich, wie sehr die Familie vergleichsweise in den Hintergrund rückt und wie stark sich die Geschichte auf Louis konzentriert, was mit dieser Reduktion jedoch die Stilsicherheit des Filmes unterstützt, vermeidet man damit doch all zu zotig auszufallen, was wohl auch erklärt warum der weibliche Part, den Guinnes ebenfalls übernahm, ganz besonders kurz ausfällt. Denn man kann sagen was man will: schwarze Komödien mit Würde und Stilempfinden umzusetzen ist ein Talent, welches den Engländern so schnell niemand erfolgreich nachahmt.

So lebt die Komödie nur selten von eingeworfenen Witzchen, sondern setzt auf die unterschwellige Komik, welche die morbide Geschichte und die in ihr enthaltenen Figuren fast schon automatisch mit sich ziehen. Treffsicher werden kurze Momente der Albernheit gekonnt und gut getarnt eingebracht, und gesellschaftliche Witzeleien, wie diverse Ansichten über Alkohol, Adel und die Treue in der Ehe, werden auf solch natürliche und oftmals subtile Art eingestreut, dass sich alles wie aus einem Guss schaut, vorgetragen mit einem gewissen Ernst, wenn auch nur um den Adel und dessen Schrullen zu veralbern, dennoch in beide Richtungen funktionierend.

Allein die Hauptfigur strahlt von ihrem Charakter her eine unglaublich gut funktionierende Komik aus. Louis‘ Denken, welches uns durch seine Off-Kommentare stets vor Augen geführt wird, outet ihn stets als weniger rational, als er es von sich glaubt zu sein. Seine Rechtfertigung zu Morden schiebt er auf seine Mutter, dabei tragen seine Phantasien erst Früchte, wenn ein persönlicheres Motiv aufkommt. Und das Ziel seines Hasses, die Arroganz des Adels, verliert er immer mehr aus den Augen, nicht bemerkend wie sehr er sich selbst immer mehr in das verwandelt was er einst verabscheute.

Der Kampf um den Herzogtitel wird ihm immer wichtiger. Die ursprüngliche Rache bleibt nur noch Ausrede, eine Phrase um der Wahrheit nicht ins Gesicht sehen zu müssen. Und wie es sich für eine gute Geschichte gehört, orientiert sich die Handlung an anderen Schwerpunkten. Louis Wandel und Selbstlügen dienen lediglich der unterschwelligen Belustigung, eben weil „Kind Hearts and Coronets“ (Originaltitel) eine schwarze Komödie ist, und Louis gegen Ende nicht mehr morden müsste, um den Herzogentitel zeitnah zu erhalten. Der Weg zum Ziel und die Überraschung, die alles zum wanken bringt, sind dem Autor vordergründig wichtiger.

Das Drehbuch gönnt sich nach einer längeren Einleitung die Möglichkeit zu Beginn von Louis‘ Taten fast wie ein Episodenfilm zu wirken. Erst nach und nach besinnt sich die Geschichte konsequenter dem durchgehenden roten Faden, der zwar nie verloren ging, nun aber erst die einzelnen Morde in die zentrale Geschichte von Louis Leben mit einspielen lässt. Die Fassade der Würde, die Louis nach außen spielt und an die er mit der Zeit immer mehr selbst glaubt, verleiht dem Film selbige Maske. In stilvoller Inszenierung tobt er sich humoristisch ordentlich aus, verteilt Ohrfeigen in sämtliche gesellschaftlische Nischen, meidet dabei aber jeglichen Klamauk, selbst wenn manche Idee geradezu danach schreit. Ich habe selten einen vor Humor sprühenden Film gesehen, der sich nach Außen so würdevoll tarnt, so dass manch einer, der subtilen Humor nicht gut erkennt, sich sicherlich wundern dürfte was daran nun Komödie sein soll.


Weitere Besprechungen zu Adel verpflichtet: 


EXTINGUISHED (2017 Ashley Anderson, u.a.)


Gerade ist er noch traurig, da die Frau die er liebt seine Gefühle nicht erwidert, da zieht eine junge Frau kurzfristig nebenan ein, welche die Flamme des Herzens eines einsamen, aber schüchternen Mannes wieder lodern lässt. Doch genau jene Flamme ist es, die den guten Mann bei jeder Begegnung mit ihr in Schwierigkeiten bringt...


Flammenstärke...

Vom Figurentyp her erinnert der Animationsstil ein wenig an „Die Unglaublichen“ und Co, da braucht man bei „Extinguished“ nicht mit irgendwelchen Experimenten rechnen. Optisch schaut er sich schön, aber keineswegs gewagt, innovativ oder alternativ. Für ein von Studenten umgesetztes Werk guckt sich das Ganze jedoch professionell, ein Amateurfilm ist der unter fünf Minuten laufende Film nicht geworden. Man könnte gar meinen er wäre als offizieller Vorfilm eines größeren Kinowerkes konzipiert, so wie es bei Kurzfilmen wie „Lifted“ und „Gone Nutty“ der Fall war.

Letztendlich stützt sich „Extinguished" auf eine einzige Idee, und dies ist der Gedanke dass das flammende Herz eines Verliebten wörtlich gemeint ist und mit der unkontrollierten Flamme die da lodert allerlei Wirbel verursacht wird, zumindest so lange bis der Verliebte zu seinen Gefühlen steht, und eine zweite Gegenflamme im Herzen der Angebeteten für das nötige Gleichgewicht sorgt - oder für ein gemeinsames Chaos. Was von beidem bleibt den Gedanken des Zuschauers überlassen, der Streifen der Regisseure Ashley Anderson und Jacob Mann schließt mit der Zusammenkunft der beiden und interessiert sich nicht für das danach. Da dieser Moment jedoch so süß eingefangen ist wie der Rest, geht das auch in Ordnung.

Dass diese Erzählung im Prinzip ein wenig zu schlicht ausgefallen ist, liest man sicherlich bereits heraus. Aber „Extinguished“ will keine große Welle machen, will nichts lautes und wildes innerhalb seines Genres sein. Ganz im Gegenteil wird die Romantik nicht, wie sonst im Genre, nur als theoretischer Aufhänger thematisiert. Sie wird zum eigentlichen Sub-Genre welches man mitfühlen soll, so dass die leise und schlichte Gangart des Streifens Sinn ergibt, was jedoch nichts daran ändert, dass er nach süßlichen und sympathischen 3 1/2 Minuten auch schnell wieder vergessen sein wird.


Freitag, 11. August 2017

STIRB LANGSAM (Die Hard 1988 John McTiernan)


Deutsche Terroristen nehmen das hochmoderne und riesengroße Nakatomihochhaus unter ihre Kontrolle und die Menschen der dort Weihnachten feiernden Belegschaft als Geisel. Der New Yorker Polizist McClane ist eher zufällig mit vor Ort und nimmt losgelöst von Geiseln und Verbrechern in dem großen Gebäudekomplex allein den Kampf gegen die Terroristen auf...


Terroristen, die keine sind, mit kleinen Füßchen...

Es gibt Menschen, die schauen sich den oft kopierten „Stirb langsam“ zu jedem Weihnachtsfest an. Ich könnte ihn nicht so oft sichten, zumal ich mich in Filme wie diese ohnehin nicht mehr so gut hineinfühlen kann, wie noch in jüngeren Jahren, und mein Favorit gegenüber des hier besprochenen Filmes war ohnehin immer „The Last Boy Scout“, der sprach mich ganz persönlich mehr an. Aber ganz unabhängig davon ist John McTiernans Action-Kracher, der das Genre für kommende Jahre maßgeblich mit beeinflussen sollte, eine rundum gelungene Sache, mit Klischees versehen, selbstverständlich, aber ohne diese würde ein Actionfilm, der grundsätzlich im Kino und nicht in der Realität zu Hause ist, ohnehin nicht funktionieren.

Das wirklich tolle am Drehbuch von „Stirb langsam“ ist, dass es immer weiß wann ein Klischee dick aufgetragen zu wirken weiß (Gut-Böse-Zeichnung, die Actionszenen allgemein) und wann es in einer reduzierten Form besser funktioniert (emotionaler Bereich). Dies zusammen mit einer Erzählung, die so viel wie möglich in die zu erzählende Geschichte an Ideen hereinzupacken weiß, und dies ohne den Radius der eigentlich erzählten Geschichte unnötig zu erweitern, macht aus „Die Hard“ (Originaltitel) dank menschlicher Helden, unmenschlicher Verbrecher, einem würdevollen Terroristenanführer, einer Geschichte in der nicht alles ist wie es scheint und einer meist großartigen Besetzung jenen Film, den die Freunde des Genres heute noch zu loben wissen. Im schnelllebigen Genre des Actionfilms und bei dem dazugehörenden Publikum, das sich nur selten für Filmklassiker interessiert, ist dies keine Selbstverständlichkeit.

Während ich kürzlich bei „Lethal Weapon“ feststellen musste, dass er nur noch mit einem Augenzwinkern und viel Wohlwollen bei einem erwachsenen Publikum zu funktionieren weiß, bin ich positiv überrascht, dass „Stirb langsam“ nach wie vor auf hohem Niveau zu unterhalten weiß. Das liegt mitunter daran, dass dem Zuschauer nicht nur auf Actionbasis immer etwas geboten wird (ganz im Gegenteil gibt es diebezüglich auch Ruhephasen und einen langsam Einstieg in die Geschichte), sondern inhaltlich werden immer wieder Leckerlies eingestreut, die das Interesse des Zuschauers aufrecht erhalten.

So setzt man nicht einzig auf das stupide Feuerwerk in Dauerberieselung, sondern auch auf Drama und Thrill, führt hierfür einige Figuren recht spät ein oder lässt welche in anderer Konstellation als bisher gewohnt aufeinander stoßen. Der einseitige Plot wird stets zusätzlich gefüttert, und selbst dieser wirkt in der Ein-Mann-Perspektive bedrohlich, eben weil die Kriminellen die gefährlichen Suspekte sind und nicht McClane als der Beschützer der braven Bürger. Die Gegner strahlen noch eine echte Bedrohung aus, und McClane ist trotz einiger Ausnahmeszenen nicht derart übermächtig gezeichnet, als dass man nicht mehr mit ihm mitfiebern könnte.

Er blutet und leidet, er stößt an seine Grenzen zu wissen was der nächste Schritt sein soll, und dank des Klischees untauglicher Polizisten und FBIs vor der Tür, ist er tatsächlich meist auf sich allein gestellt. Damit machen seine ironischen und sarkastischen Sprüche mehr Sinn als die Oneliner vergleichbarer Actionfilme. Dort wie hier würde der Film jedoch besser ohne sie funktionieren. Wirklich förderlich waren für die Stimmung des Streifens lediglich ein Kommentar zur Schuhgröße von Terroristen, diverse Selbstbeschimpfungen, wenn McClane wieder kaum wahrhaben will auf was er sich als nächstes einlässt, und ein weiterer treffsicherer Kommentar, den ich leider wieder vergessen habe.

Dank einer für Actionverhältnisse bodenständigen Geschichte und wenig infantilem Getue, kann man „Stirb langsam“ tatsächlich noch ernst nehmen und mit Würde gucken, zumal die Verantwortlichen des Streifens das ideale Gleichgewicht schufen zwischen der Perspektive dass ohnehin alles nur Kino sein soll und dem Blickwinkel, dass sich die Chose an den richtigen Stellen trotzdem echt genug anfühlen soll, um mit dem Einzelkämpfer mitfiebern zu können. Ernst, Ironie und kurz durchschimmernde Komik, wie Dramatik wissen in ihrer eingebauten Dosis zu funktionieren, und da Bruce Willis zur Entstehungszeit noch nicht der alt eingesessene Actionheld war, bereitet es Freude ihm im Laufe der Geschichte dabei zuzusehen, wie aus ihm die coole Sau wird, die er daraufhin in diesem Genre fast immer von Anfang an mimen musste.


Weitere Besprechungen zu Stirb langsam:


Trailer,   OFDb

DIE RÜCKKEHR DER REITENDEN LEICHEN (El ataque de los muertos sin ojos 1973 Amando de Ossorio)


Vor 500 Jahren tat sich eine Dorfbevölkerung zusammen, um Frauen folternde Tempelritter ins Jenseits zu befördern. Am Tag der 500-Jahrsfeier dieses Ereignisses erstehen die Templer aus ihren Gräbern auf, reiten ins Dorf und nehmen Rache für das was ihnen einst angetan wurde...


Pyrotechniker sind die wahren Helden...

Der Titel „Die Rückkehr der reitenden Leichen“ steht für eine Rückkehr der Schreckgestalten aus „Die Nacht der reitenden Leichen“, er steht für die Rückkehrer nach 500 Jahren, er steht aber nicht, wie der Titel bei anderer Auslegung suggerieren kann, für eine direkte Fortsetzung von Amando de Ossorios ein Jahr zuvor entstandenem Originalfilm. Aufgrund dessen apokalyptisch angedeutetem Ende hätte dies auch wenig Sinn gemacht. Viel mehr schuf de Ossorio mit der Fortsetzung, und ebenso mit den zwei weiteren die noch folgen sollten, ein alternatives Szenario mit abgeänderten Regeln und parallelen Ereignissen, die sich nur in der Vergangenheit der Templer auf das beziehen, was uns auch im Vorgänger über sie berichtet wurde.

Wie ein Mischwesen aus Vampir und Zombie wirken sie in Teil 2 nun nicht mehr, was gerade aufgrund der finalen Situation verwundern darf. Das Klischee klassischer Zombies erfüllen sie aber weiterhin recht wenig, reiten unsere Untoten doch nicht nur, so wie es auch der Titel bereits erwähnt, getötet wird zudem mittels der Schwerter und dies rein aufgrund von Rache und nicht, wie üblich bei einer Zombiethematik, zur Nahrungsaufnahme. So wie sie einst durch okkulte Rituale ihr zukünftiges Leben nach dem Tod vorbereiteten, so müssen sie diesmal auch, zumindest in der Langfassung, erst über eine Opfergabe wiedererweckt werden. Warum das nötig ist, wenn die Überlieferungen ohnehin ihre Rückkehr nach 500 Jahren prophezeien, sei einmal dahin gestellt, würde es doch bedeuten sich mit der Logik des Streifens auseinanderzusetzen, und da kann der Film nur verlieren.

Aufgrund seiner widersprüchlichen, wie simplen Story und aufgrund von Filmrollen, die alle tief in Stereotype feststecken, ist „Attack of the Blind Dead“ (Alternativtitel) ein willkommenes Fest für Trash-Fans, die in Werken wie diesen nur die unfreiwillige Komik erkennen wollen. Mir ging es damals genauso, und Teil 2 war diesbezüglich mein liebster Teil der Reihe, allein schon wegen dem taffen Helden im Zentrum, der auf Robert Wagner-Art gerne Kinnhaken verteilt und diesbezüglich auch nicht vor auferstandenen Templern Halt macht. Eine fragwürdige Alte, um die sich Bösewicht und Held streiten, sowie ein Kinder opfernder Bürgermeister als Rundum-Arschloch runden das Gesamtbild billigster Schwarz/Weiß-Zeichnungen inmitten einer oftmals unsinnigen Handlung ab.

Aber man kann „Die Auferstehung der reitenden Leichen“ (Alternativtitel) auch als sympathischen Retro-Film genießen, der anerkennungswerter Weise gar nicht erst versucht den erfolgreichen Vorgänger zu kopieren. Dank einer flotteren Umsetzung erstehen die Filmmonster bereits nach 20 Minuten auf. In der 50. Minute findet bereits das Massaker innerhalb des Dorfes statt. Es gibt mehr Templerszenen, blutigere Szenarien, einen flotteren Ablauf und veränderte Erkenntnisse und Handlungsweisen der Templer. Für diese völlig andere Herangehensweise an den Stoff wurde zwar die dichte Atmosphäre der langsamen Erzählung des Vorgängers geopfert, den Templern bei ihrem tatkräftigen Rachefeldzug zuzusehen entschädigt dafür aber recht gut, vorausgesetzt man erwartet keine solch guten Spezialeffekte und solch brutale Bilder wie sie im Horrorfilm heutzutage üblich sind. Gerade das Dorfmassakrer ist überraschend zahm ausgefallen, was aufgrund diverser Detailaufnahmen von Säbelstichen in anderen Szenen um so mehr verwundern darf.

Aber den zweiten Teil der reitenden Leichen-Reihe schaut man nicht aufgrund glaubwürdiger Goreszenen oder gar aufgrund einer gruseligen Stimmung. Es ist der morbide Look von Templerkleidung, Ruinen und Friedhof der zu gefallen weiß. Es ist die Geisterbahnatmosphäre, welche die ungruseligen, aber unglaublich charmant aussehenden Totenkopf-Templer auszustrahlen wissen. Und es ist freilich auch der wundervolle Soundtrack, der „Mark of the Devil 5“ (Alternativtitel) oftmals stimmiger wirken lässt, als er eigentlich ausgefallen ist. Es sind einzelne Szenen, die de Ossorio im Gegensatz zum Komplettfilm ausgezeichnet gelungen sind. In solchen kommt kurzfristig stets echte Horrorstimmung auf. Und ein (in Horrorfilmen oft nicht gern gesehenes) Kind gleich zwei Mal spannungsfördernd einzusetzen, ohne dass das Gör gleich nervt, ist schon eine Leistung für sich.

Wer sich über „Die Rückkehr der reitenden Leichen“ lustig machen will, hat es nicht schwer den nötigen Stoff dafür zu finden, den bietet das brüchige Drehbuch alle Nase lang. Aber wer sich auf das Feeling einlassen kann, welches dem Erschaffer der Reihe vorschwebte, der wird mit dieser anderen Betrachtung nicht nur auf naive Art unterhalten, der darf zudem in eine alternative Filmwelt eintauchen, welche den Blickwinkel dessen was das Mainstream-Publikum für gut oder schlecht hält weit hinter sich zurücklässt, und dies nicht nur aufgrund verständnisvollem Augenzudrückens, sondern hauptsächlich aufgrund der Stimmung, die dieser Film dann zu versprühen vermag. Allein die Schlussszene, über die nur all zu gerne hämisch gelästert wird, erscheint dann gleich viel stimmungsvoller und rundet das Seherlebnis, gerade in Bezug auf die Alternativerzählung zu Teil 1, interessant ab.


Weitere Besprechungen zu Die Rückkehr der reitenden Leichen: 


Mittwoch, 9. August 2017

FROZEN GROUND (The Frozen Ground 2013 Scott Walker)


Polizist Jack stößt bei einer Mordermittlung auf das Muster eines Frauenmörders, der bislang unentdeckt seinen perversen Neigungen nachgehen konnte...


Parallelereignisse...

Um im Meer an Psycho-Thrillern zum Thema Massenmörder/Frauenmörder herauszuragen braucht man eine besondere Idee. In „Frozen Ground“ setzt man deshalb nicht nur auf die prominente Besetzung mit John Cusack und Nicolas Cage, man gönnt sich zudem die Idee beide ihre jeweiligen Erlebnisse parallel geschehen zu lassen, inklusive Überschneidungen, die nur selten damit enden, dass beide Darsteller gleichzeitig in den selben Szenen zu sehen sind. Cage als Jack ermittelt gegen Cusack als Robert, Robert versteckt sich, während er gleichzeitig die erste Zeugin, die er versehentlich hinterlassen hat, finden muss, eine Prostituierte, die fast sein Opfer geworden wäre, und der fast niemand ihre Schreckensgeschichte geglaubt hätte, wenn Polizist Jack nicht gewesen wäre.

Robert ist nicht nur Mörder, er spielt perverse Spiele mit seinen Opfern. Er hält sie gefangen, foltert sie, schläft mit ihnen und macht in der Einöde schließlich Jagd auf sie, wie man es mit Tieren macht. Ähnlich wirr wie diese Aufzählung klingt, wirkt das komplette Täterprofil, zumal Robert seine Taten „Dexter“- und „Mr. Brooks“-ähnlich durch sein nach außen hin harmloses Familienleben verschleiert, im Gegensatz zu denen aber nicht nach außen glaubwürdig den Normalo mimen kann, so dass dieser Aspekt bereits unglaubwürdig erscheint. Da Cusack in extremeren Szenen wiederum viel zu brav dreinschaut, kauft man ihm auch den Rest seines Charakters nicht ab, was nicht weiter wild ist, da die zähen Szenen der Gefangenschaft ohnehin eher reißerisch anstatt empathisch oder bedrohlich wirken.

Jacks Untersuchungen fallen auf der anderen Seite auch nicht prickelnd aus. Stets versucht er die Prostituierte zur Vernunft zu bringen. Dabei verzichtet man auch nicht auf das alte Klischee, dass sich der Polizist der Zeugin gegenüber öffnen muss, damit sie dies umgekehrt ebenfalls tut. Dementsprechend bekommt Jack einen tragischen Hintergrund beschert, den Cage dafür nutzt den schon oft verwendeten Dackelblick aufzusetzen, der in „Stadt der Engel“ und „Peggy Sue hat geheiratet“ zwar zu funktionieren wusste, hier jedoch erfolglos aufgesetzt wirkt, sich damit also zu den Negativpunkten des Streifens einreihen darf.

„Frozen Ground - Eisiges Grab“ (Alternativtitel) will aufgrund von Spannungsarmut, uninteressant erzählter Story und wegen seiner lustlos spielenden Stars nicht ansatzweise funktionieren. Er holt zwar optisch einige wunderschön fotografierte, triste Bilder heraus, die zu der Demotivation der Protagonisten passen, aber das ist auch das einzig nennenswerte an Scott Walkers Regiedebut, dem bislang keine weitere Regiearbeit nachgefolgt ist. Ich habe keine Ahnung ob der Mann mehr kann, als er hier zu leisten fähig war, aber immerhin ist das Drehbuch bereits so schlecht ausgefallen, dass auch wer Erfahrenes sich an dem Projekt sicherlich die Zähne ausgebissen hätte. Cusack legte im selben Jahr mit „Numbers Station“ zumindest noch einen besseren Film nach.


Weitere Besprechungen zu Frozen Ground: 


Dienstag, 8. August 2017

DIE NACHT DER REITENDEN LEICHEN (La noche del terror ciego 1972 Amando de Ossorio)


Weil sie sich über ihre Reisebegleiter ärgert springt Virginia mitten im Nirgendwo aus dem fahrenden Zug und läuft zu den Burgruinen, die sie aus der Fernse sah. In der Nacht erstehen auf deren Friedhof verstorbene Tempelritter wieder auf und töten Virginia. Als ihre Reisebegleiter von ihrem Tod erfahren, wollen sie herausfinden was passiert ist...


Blinde Bestien...

Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich Ende des letzten Jahrzehnts im Gemeinschaftsforum der OFDb eine intensive Diskussion über das Genre Trash ins Leben rief, als ich besagtes Genre bei „Die Nacht der reitenden Leichen“ einführen wollte und nicht den Widerstand verstand, den Liebhaber des Filmes dagegen einwendeten. Seit meiner Jugend stand Amando de Ossorios Film für unfreiwillig komischen Trash, und als etwas anderes wollte ich ihn nicht wahrhaben.

Heutzutage schäme ich mich für dieses ignorante Verhalten, verwende ich den Begriff des Trash-Films doch nur noch höchst selten und kann ihn in seiner verachtenden Form auch nicht mehr leiden. In meinem 2012 gegründeten Blog finden sich noch allerlei Filmbesprechungen, die ich im vorangegangenen Jahrzehnt geschrieben habe und die jenen Respekt vermissen lassen, den ich mir sogar erst recht kürzlich vor einigen Jahren erst viel zu spät angeeignet habe. Glücklicher Weise habe ich „Die Nacht der reitenden Leichen“ bisher nie besprochen und nur hin und wieder herablassend erwähnt, so dass ich heute frei Schnauze vom Film berichten kann, ohne eine ehemalige Besprechung komplett umschreiben zu müssen, habe ich doch erstmals das Potential erkannt, welches der Film zu entfalten weiß.

Denn auch wenn ich größte Angsthasen kenne, die sich vor den Templern Ossorios nie gruseln würden, und auch wenn man mit ihren dürren Ärmchen und dem Schockgeräusch beim Zeigen eines Totenschädels auf äußerst naivem Grusel aufbaut, so sind dies doch keine Gründe „The Blind Dead“ (Alternativtitel) der Lächerlichkeit Preis zu geben. Der vier Jahre nach Romeros „Die Nacht der lebenden Toten“ entstandene Mix aus Zombiefilm, Vampirfilm und Templer-Legende ist ein Liebhaberstück des europäischen Horrorfilms, äußerst naiv ausgefallen, zugegeben, aber auch sehr charmant umgesetzt.

Die kultige Musik weiß genügend Unbehagen über das klassische Szenario zu legen, damit „Night of the Blind Dead“ (Alternativtitel) zu funktionieren weiß. Das Outfit der Templer weiß zu gefallen, ihr Ritt in Zeitlupe mit dem dazugehörenden Geräusch verfehlt seine Wirkung ebenso wenig. Ossorios Film mag nicht gruseln, aber er vermittelt das Retro-Flair eines Gruselfilms, lässt einen glauben das Grusel-Flair emotional nur knapp verpasst zu haben, bei all seinem morbiden Reiz, gerade innerhalb der stimmigen Kulisse der Burgruinen.

Überzeugende Schauspieler und ein Gefühl für wohlig unwohlige Atmosphäre hauchen in Kombination mit den bereits erwähnten Pluspunkten „Tombs of the Blind Dead“ (Alternativtitel) genau jenes Leben ein, das ihn mit ehrlichen, ehrfürchtigen Augen betrachtet zu jenem sehenswerten Kultfilm macht, den manch einer aus zu arroganter Perspektive in ihm nicht sehen will. Da das Szenario im Gegensatz zu den drei Fortsetzungen (die alles eher eigenständige Variationen des Stoffes für sich darstellen) zudem mit einem zusätzlichen Zombie trumpft, der als Opfer der Templerrituale entstanden ist, weiß Teil 1 über das Templer-Thema hinaus einige Aspekte mehr zu bieten - bis hin zur wunderbaren Schlussszene, deren Auswirkungen wir für die Menschheit nur erahnen können.

Sicherlich kann man sich zu recht fragen warum erwähnte ehemalige Opfer von einst nicht bereits den Fortbestand der Menschheit bedroht haben. Und wie sieht es bitte aus, wenn die Templer sich nach erledigter Arbeit morgens wieder brav in ihre Gräber legen? Und ist diese Art nach dem Tod zu leben den ganzen Aufwand im 13. Jahrhundert wert gewesen? „La noche del terror ciego“ (Originaltitel) ist sicherlich nicht frei von Unsinnigkeiten und Lücken in der Logik. Die stimmige Umsetzung und der versprühte Retro-Look machen dies jedoch alles wieder wett. Mich hat „Die Nacht der reitenden Leichen“ erstmals rundum und kompromisslos unterhalten.

Selbst in die lesbisch angehauchte Rückblickszene konnte ich mich diesmal bestens einfühlen, was aber auch am wundervollen Soundtrack lag, wie er typisch für Erotikfilme dieser Zeit wurde. Zudem habe ich den Streifen erstmals im Original mit deutschen Untertiteln geschaut, das hat ihn atmosphärisch auch noch eine Spur besser gucken lassen. Unfreiwillige Komik nahm ich dadurch zu verstehen, was Ossorio mit Fertigstellung des Films vorschwebte, nicht mehr intensiv wahr. Ich bin froh, dass ich mittlerweile von dieser Arroganz geheilt bin und in der Lage bin Filmen auch dann eine echte Chance zu geben, wenn sie höchst naiv umgesetzt wurden.


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FREDDY'S NEW NIGHTMARE (New Nightmare 1994 Wes Craven)


Als Heather Langenkamp ähnlich bedrohliche Träume hat, wie ihre Rolle der Nancy in Nightmare on Elm Street, forscht sie nach und erfährt, dass Wes Craven an einem neuen Nightmare-Film schreibt. Als ihr Sohn Kontakt zu Freddy Krueger aufnimmt, muss sie erkennen, dass es die Filmfigur von einst irgendwie geschafft hat ins reale Leben einzudringen...


Eine Kralle mehr als üblich...

Als man 1991 mit Teil 6 der Nightmare-Reihe das Ende Freddy Kruegers inszenierte, war Erfinder Wes Craven in keinster Weise an dem Projekt beteiligt. Wenn hier irgendwer Krueger sterben lässt, dann ich, soll der Kult-Regisseur geäußert haben und ließ den mordenden Kinderschänder-Traumdämon zurückkehren, ohne eine direkte Fortsetzung abzuliefern. Die wichtigsten Protagonisten der Teile 1 und 3, also aus genau jenen Filmen, an denen Craven beteiligt war, erleben als sie selbst gespielt das neue Grauen in Hollywood, also quasi in der realen Welt. Für dieses interessant klingende Projekt konnte Craven von Robert Englund, über Heather Langenkamp, bishin zu John Saxon alle wichtigen Originaldarsteller zurückgewinnen, so dass einem guten Ergebnis eigentlich nichts im Weg stehen sollte.

Damals empfand ich den Streifen dann auch als Highlight der Reihe, mochte ich doch das Spiel mit den Metaebenen, die Erklärung warum Freddy in die Realität gelangt und das immer größer werdende Verschwimmen zwischen Privatperson und Filmrolle. Heute sichte ich ihn eher mit müdem Blick und betrachte ihn als Übung für die „Scream“-Reihe, in der ebenfalls ordentlich mit Metaebenen gespielt wird, denn so reizvoll die Idee von Teil 7 auch klingen mag, sie wurde nicht lange genug überdacht, bevor man sich an die Verfilmung dieses Stoffes heranwagte.

Langenkamp wirkt in ihrer aufgebretzelten Hollywood-Diva-Art längst nicht mehr so sympathisch wie in jüngeren Jahren, was von Craven eventuell noch gewollt sein kann. Warum die Geschichte jedoch weit weniger verwirrend ausgefallen ist als man vermuten würde, das Kind der Langenkamp so extrem im Zentrum steht, bis es stark zu nerven beginnt und das ganze Spektakel viel Specialeffect-lastiger ausgefallen ist anstatt spannend zu geraten, will mir nicht in den Sinn kommen. Kurz gesagt: wie konnte man nur solch eine sympathische Geschichte derart verwursten und fast schon familientauglich umsetzen, bis nur noch das Grundgerüst zu interessieren weiß?

Die einzelnen Randideen wissen alle in der Theorie zu gefallen (das Höllenfinale, der Zweifel an der Zurechnungsfähigkeit Langenkamps und damit der Kampf um das Sorgerecht ihres Kindes, das geträumte Drehbuch, der Budenzauber am Set des Filmes, stark erinnernd an manche Szene aus dem 10 Jahre später erschienenden und wesentlich besser ausgefallenen „Chuckys Baby“), die Umsetzung will jedoch meist nicht funktionieren, was schon verwundert wenn man bedenkt welche Horrorfilm-prägenden Perlen Craven allein mit „Hügel der blutigen Augen“, „Nightmare - Mörderische Träume“ und „Scream“ geschaffen hat (Buch und Regie!!!), drei völlig unterschiedliche Geschichten in völlig unterschiedlichen Horror-Kategorien. Aber Cravens Qualität seiner Arbeiten schwankte stets, und „New Nightmare“ (Originaltitel) gehört leider zu den weniger geglückten Werken.

Die Maske Freddys und der mittlerweile fünf Krallen besitzende Handschuh wissen leider nicht so gut zu wirken, wie von Craven gewollt. Er wollte sich vom Sprüche-klopfenden Clown der letzten drei Nightmare-Filme entfernen, aber gruselig ist Freddy auch hier nicht ausgefallen. In einem penetrant aufgezwängtem „Hänsel und Gretel“-angelehnten Finale hat er hierfür ohnehin keine Chance mehr. Aber inmitten des Höllenspektakels, das optisch nicht zu überzeugen weiß und in seiner wuchtigen Art eher nervt anstatt zu packen, bleibt er die Clownsfigur die er gegen Ende immer war, u.a. auch weil Englund die Rolle meiner Meinung nach ohnehin nie gelungen ausgefüllt hat.

Der Spaß der Beteiligten und die wirklich großartigen Drehbuchideen sorgen zumindest dafür, dass Freddys kurzes filmisches Aufbaumen nach dem Tod, wie es im Slasher-Genre bei den Killern zur Regel werden sollte, mittelmäßig ausfällt und den ein oder anderen schlechten Moment aufgefangen bekommt. Bedenkt man jedoch was mit der Grundidee möglich gewesen wäre, wenn man sich nur etwas intensiver und konsequenter mit ihr auseinandergesetzt hätte, darf man zurecht über den Versuch, den Craven hier kreativ unternimmt, schimpfen. Aber wer weiß, vielleicht wäre ohne diese Vorübung „Scream“ zwei Jahre später nie so gut geworden wie geschehen. Diese Starthilfe gäbe „A Nightmare on Elm Street 7“ (Alternativtitel) zumindest eine Daseinsberechtigung.


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Montag, 7. August 2017

WOLFSZIEGEL (La tuile à loups 1972 Jacques Ertaud)


Der härteste Winter seit langem schottet ein Dorf nicht nur von der Außenwelt ab, auch die Wölfe aus der Ferne haben nichts zu beißen mehr und nähern sich besagtem Wohnort...


Nicht jeder hört das Wolfsziegelpfeifen...

„Wolfsziegel“ wird auf der DVD so falsch beworben, wie er im Internet oftmals falsch beschrieben wird. Von einem Gruselfilm klassichster Machart, frei von Schockeffekten, ist die Rede. Aber der auf einen vier Jahre vor der TV-Verfilmung erschienenden Roman basierende Streifen ist eher ein Mix aus Drama und Abenteuerfilm, angereichert mit Fantasyelementen, die jedoch eher angedeutet als bestätigt werden. Obwohl sie nie direkt benannt werden, wird ihr Einfluss Richtung Finale immer wichtiger, und doch liegt das Hauptaugenmerk auf den anderen beiden Genres.

Die Geschichte wird aus der Perspektive mehrerer Figuren erzählt, eine der dominantesten ist jene aus dem Blickwinkel eines Jugendlichen, weshalb die halbwegs schlichte Bedrohung sich intensiver wie ein Abenteuer aus dem Alltag anfühlt. Der kurze Anflug einer romantischen Geschichte kommt ebenso auf, ist in seiner leicht angestriffenen Art aber kaum von Bedeutung in einem Film, der sich ohnehin stets den stillen Tönen und den scheinbaren Nebensächlichkeiten zuwendet. Man konzentriert sich auf das Gefühlsleben der auf sich gestellten Dorfmenschen und zeigt auf wie sie sich teilweise solidarisch, aber doch nicht perfekt als Einheit funktionierend, der (kommenden) Bedrohung zur Wehr stellen.

Diese Bedrohung ist eine recht kurzfristige. Bis sie auftritt muss der Zuschauer viel Geduld aufwenden, zumindest dann, wenn er dem Rest der Geschichte nichts abgewinnen kann. Diese plätschert in all ihren Schwerpunkten nur leicht vor sich hin, weiß mit der Authentizität von Zeit und Raum in welchem „Wenn der Wolfsziegel heult“ (Alternativtitel) spielt, Freunden ruhigerer, unaufgeregter Stoffe aber definitiv zu gefallen. In einer späten Phase wird es dank simpel, wie atmosphärisch abgefilmter Schneebilder bei Nacht kurzfristig recht spannend. Die Situation ist angespannt, denn nun nähern sich nach langer Zeit die Wölfe. Aber die Nacht ist schneller überstanden, als es dem falsch herangelockten Horror-Fan schmecken dürfte, und „La tuile à loups“ (Originaltitel) konzentriert sich wieder auf jene Themen, die ihm tatsächlich wichtig sind: Zusammenhalt und gegenseitiger Respekt.

Den erfahren Wolf und Mensch zum Schluss hin ebenfalls. Der Zuschauer wird mit dem Warum dieses Umstandes allein gelassen, hat zuvor, wenn er denn aufmerksam genug war, aber genug Material sammeln können, um sich diverse Erklärungen auszumalen warum „Wolfsziegel“ endet wie er endet. Aufgrund seiner vielen Andeutungen, nicht nur am Schluss, wird Jacques Ertauds Streifen nicht nur dem Horrorfreak nicht schmecken, sondern auch jenem Publikum, welches jegliche Information offen ausgesprochen vorgekaut kriegen muss. Der sensible und konzentrierte Zuschauerpart jedoch kann sich an den stillen Tönen eines Streifens erfreuen, der sicherlich eine Spur zu schlicht ausgefallen ist, als dass er zwingend zu empfehlen wäre, einen aber durchaus 90 Minuten anspruchsvoll zu unterhalten weiß.


Weitere Besprechungen zu Wolfsziegel: 


Freitag, 4. August 2017

NIGHTMARE ON ELM STREET 5 - DAS TRAUMA (A Nightmare on Elm Street 5 - The Dream Child 1989 Stephen Hopkins)


Das Leben von Alice hat sich halbwegs normalisiert, als Freddy plötzlich einen Weg findet ihre Freunde zu töten, während sie sich im Wachzustand befindet...


Der Mann im Kinde...

„Nightmare on Elm Street 5“ schmeckte einigen Zuschauern nicht. Nicht nur dass die Morde noch schriller und bunter ausfallen und Freddy so gut wie gar nichts mehr von seiner ursprünglichen Boogeyman-Rolle besitzt, auch die Kills selbst sind weniger blutig geartet und wirken fast schon harmlos in ihrer verspielten Umgebung, in der sie stattfinden. Aber ich muss sagen, seit die Reihe mit Teil 3 den Wandel zum esoterischen Fantasy-Horror erfahren hat, fühlte ich mich von keinem Teil derart kompromisslos gut unterhalten wie von diesem hier. Klar, die Ärgernisse, die auch in dieser vierten Fortsetzung noch immer enthalten sind, gehören mittlerweile zum Grundlagenprogramm und werden damit mehr oder weniger automatisch akzeptiert. Das ist ein Vorteil für eine solch späte Fortsetzung. Aber „A Nightmare on Elm Street 5 - The Dream Child“ (Originaltitel) besitzt Stärken die das bisherige wankende Spinnereien-Gerüst seit Teil 3 weniger belanglos wirken lassen.

Nach dem Massensterben in Teil 4 wirken die Figuren nun nicht mehr wie reines Kanonenfutter für den Traumdämon. Sie bekommen echte Chancen das Filmende lebend zu erreichen, helfen der Hauptfigur, wirken sogar glaubwürdig in jener verflixten Phase für jeden Drehbuchautor der Reihe, in welcher sie die Wahrheit um Freddy und seine Macht begreifen. Nachdem im Vorgänger manche Figur aus Teil 3 fremdbesetzt wurde, tut es gut die Charaktere aus „Nightmare on Elm Street 4“ in Teil 5 von den selben Darstellern gespielt zu erleben. Das erfreut gerade mit Blick auf Lisa Wilcox in der Rolle der Alice, die glücklicher Weise nicht zu Beginn verfeuert wird, sondern als stärkste Gegnerin der Reihe Freddy erneut als Hauptrolle Paroli bieten muss.

Bereits die veränderte Haarfarbe deutet den charakterlichen Wandel von Alice an. Vorbei sind die Tage der Tagträumerei. Ihre Erlebnisse mit Freddy haben sie zu einem taffen Charakter gemacht, der sich zu wehren weiß. Ihre sensible Ader hat sie beibehalten. Sie ist also somit glaubwürdig gezeichnet im Hinblick auf das was sie erlebte und einmal war. Nun wirkt ihr Charakter zwar nicht mehr so prägend für den Film wie zuvor, ihr Typ ist austauschbar und weit weniger tragisch ausgefallen, aber hier setzt nun die Filmidee überraschender Weise als überzeugender Ergänzungspart ein, ist Alice doch nun schwanger, so dass Freddy aufgrund der Träume des Säuglings Alices Freunde umbringen kann, während sie sich selbst im Wachzustand befindet.

Damit wird nicht nur eine interessante Idee geboten, sie wirkt zudem nicht willkürlich wenn man bedenkt, dass Alice im Vorgänger die Kontrolle ihrer Traumtürwächter übernommen hatte. Freddy hatte keine andere Wahl, und da die Kids der Elm Street längst nicht mehr die Erben seiner einstigen Mörder sind, benötigt er Alice nach wie vor um an zukünftige Opfer heranzukommen. Zwar beweist Teil 5 mit dem Zusatzaspekt um Freddys Mutter nicht gerade Einfallsreichtum, was um so mehr ägert, da dieser Aspekt für das Finale immer wichtiger wird, aber da man nach den eher bescheidenen Ergebnissen von Teil 3 und 4 ohnehin mit wenig Erwartungen an einen Teil 5 herangeht und nicht mehr erwartet, als jene oberflächliche Unterhaltung, die er schließlich auch bietet, überraschen eher die Pluspunkte, als dass die einfallsloseren Bereiche zu verärgern wüssten.

Zudem hat es selten so viel Spaß gemacht Freddy bei seinen verspielten Morden zuzuschauen, wie im hier besprochenen Teil. Vom Horror-Genre fast gänzlich losgelöst klopft er Sprüche als mutiertes Motorrad und nimmt als Super-Freddy den Kampf gegen eine Comicfigur auf, bis er dessen Zeichner wie Papier zerreißt. Freddy wächst wie ein deformierter siamesischer Zwilling aus dem Körper von Alice heraus. Und wenn das ehemalige Schreckgespenst Freddy alberne Babylaute von sich gibt, wie Erwachsene dies üblicher Weise zur Bespaßung von Babys machen, dann weiß das tatsächlich zu belustigen, anstatt peinlich zu berühren, was man vom Freddy-Rap im Abspann leider nicht behaupten kann.

Ich kann auf der einen Seite verstehen, wenn man mit Teil 5 wenig anzufangen weiß, aber in meinen Augen ist er trotz seiner schrillen Momente zurückhaltender ausgefallen als der überladene dritte Teil, das Schicksal der Kids erscheint nicht so gleichgültig wie in Teil 4, und zudem erzählt Teil 5 tatsächlich wieder eine Geschichte, auch wenn diese zum Finale hin weit weniger wichtig wird als es zunächst scheint. Was Kind und Nonne gegen Ende immer weiter herunterziehen, machen interessante Spezialeffekte und widerliche Ideen wieder wett. Und die Arbeit der Set-Designer hat mir diesmal sehr gefallen.


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