2018/09/23

ABWÄRTS (1984 Carl Schenkel)


Vier Personen bleiben an einem Freitagabend im Fahrstuhl eines Bürohochhauses stecken. Als sich auf ihr Notsignal hin nichts tut, versuchen sie sich selbst aus ihrem Gefängnis zu befreien...


Hahnenkampf...

Im Fahrstuhl stecken zu bleiben gehört wohl zu den unangenehmsten Vorstellungen dessen was einem passieren kann. Da muss man nicht einmal klaustrophobisch für veranlagt sein: der enge Raum, die ungewisse Wartezeit, sich derart nah unter fremden Menschen zu befinden oder im Gegenteil eventuell ganz allein in dieser Situation zu sein, das klingt alles nicht einladend. Da kommt es sehr gelegen, dass Carl Schenkel auf die Idee kam einen Thriller aus dieser Situation zu machen, was sicherlich kein leichtes Unterfangen auf solch engem Raum ist. Aber sein Verantwortlicher für die Kameraführung löst das Problem wunderbar, stets spürt man die Enge, nie wirkt die Kulisse größer als gewollt, man wird Teil des engen Raumes ohne das Gefühl zu haben die Darsteller würden einem zu penetrant vor die Nase gesetzt. Die Möglichkeit aus dem Ganzen ein Kammerspiel zu machen wird nur teilweise genutzt, da zwischendurch immer wieder andere Bereiche des Hauses durchleuchtet werden und ein überraschend großer Teil der Laufzeit zudem im Fahrstuhlschacht spielt.

Das von Regisseur Schenkel selbst verfasste Drehbuch geht trotz gelegentlichem Abrutschens in reißerische Momente angenehm sachlich vor. Die vier Hauptfiguren reagieren ziemlich normal, angelehnt an ihren Grundcharakteren. Bis aus zu langem Warten Unmut und schließlich auch ein ungutes Gefühl wird dauert und fühlt sich im angegangenen Zeitraum authentisch an, persönliche Probleme drängen sich dem Gefühl der Gefahr vor, bevor den Protagonisten letzteres bewusst wird. Die Frage warum sich auf das abgeschickte Notsignal hin nichts tut ist schnell auf angenehm menschliche Art beantwortet, und auch die Angst der Möglichkeit vor Erstickung ist schnell gelöst, so dass sich das Drehbuch mit den grundlegenden Elementen nicht all zu lang auseinandersetzen muss. Zudem hält es den ein oder anderen Kniff bereit um die Eingesperrten manch naheliegende Handlung erst später als zu Beginn der Situation angehen zu lassen, auch das weiß zu gefallen und die 90 Minuten Laufzeit somit sinnvoll zu füllen. Mancher Thrillmoment dürfte eventuell Dick Maas für seinen nur wenige Jahre später folgenden "Fahrstuhl des Grauens" inspiriert haben, Schenkels Film selbst war ein Erfolg in Deutschland und verhalf dem Mann dazu auch in Amerika tätig zu werden, so z.B. mit dem Thriller "Knight Moves".

Einen guten Teil des Erfolges hat Schenkel Götz George zu verdanken, der trotz der Anwesenheit des stets großartigen Wolfgang Kieling die beste Leistung der hier Anwesenden vollbringt, durchbricht er doch den Stereotyp des erfolgreichen Angestellten-Prolls, der deutlich an seine Schimanski-Rolle aus der "Tatort"-Reihe angelegt ist, und zeigt deren zerbrechliche Seite. Seine Rolle erlebt viele verschiedene Gefühlsmomente, die der gute Mann allesamt hervorragend meistert. Kieling ist da im Vergleich weniger gefordert, darf seine Rolle in der ersten Hälfte doch bewusst nur passiv agieren, aber auch er ist freilich ein Glücksgriff für das Funktionieren eines Filmes, welches auf einem guten Drehbuch fußt. 

Meist ist es der andere männliche Anwesende, ein junger passiver Rebell, toll verkörpert von Hannes Jaenicke, mit dem es in Interaktion mit der George-Rolle geht. Der weibliche Part hingegen funktioniert eher aufgrund des Drehbuchs, auch wenn man Renée Soutendijk keineswegs mangelndes Schauspieltalent vorwerfen kann. Sie wird einfach nicht genügend gefordert um mit der männlichen Konkurrenz mithalten zu können, das ist alles. Aber ihre Figur erfüllt ihren Zweck, auch wenn ich manche Annäherung an den jungen Ranschmeißer nicht immer als realistisch empfand. Aber das ist wenn überhaupt ein Schwachpunkt des Buches und nicht ihrer, und es mag sein dass sich diesbezüglich der Zeitgeist geändert hat und sich dieser Aspekt in den 80er Jahren anders geguckt hat. In einer kleinen Rolle ist zudem noch Ralf Richter mit an Bord, aber der ist kaum der Rede wert.

Es ist die Figurenkonstellation und deren persönliche Probleme auf die Schenkel wesentlich mehr baut als auf die Angst des Eingeschlossenseins. Der Aufhänger des Festsitzens in einem Fahrstuhl und der Versuche sich zu befreien gerät zwar nie in den Hintergrund, ist auf solch engem Raum erzählt und eine derartige Extremsituation schaffend freilich immer präsent, aber doch wundert es, dass Schenkel sich oftmals mehr auf die Dynamik der Gruppe konzentriert als auf den Thrill der eigentlichen Ausgangslage und dabei gern auf den dramatischen Aspekt achtet, aber auch auf den gesellschaftskritischen. Der besteht nicht nur aus den anfänglichen Konstellationen unterschiedlicher Typen und Ansichten (welche immerhin zu interessanten, klassischen Reibungspunkten führen), Schenkel würfelt im Laufe der Zeit den Zusammenhalt einzelner Leute untereinander immer wieder neu. 

Misstrauen, neue Tatsachen, Verdächtigungen, Eifersucht und anderes sorgen immer wieder für eine Neuorientierung der Gruppe, und die Kieling-Rolle brilliert mit ihrem sich so wunderbar menschlich anfühlendem Geheimnis und bildet beim späten Aufdecken von diesem eine der bedeutendsten Wendungen für die Geschichte und ihrer gut gewählten Schlusspointe. Ohnehin endet "Abwärts" einerseits erschreckend, andererseits augenzwinkernd, aber weit weniger spannungsintensiv als man es in einem Thriller zu diesem Thema erwarten würde. Das verstehe ich keinesfalls als Schwachpunkt, der Film ist auf jene Art geglückt, wie er auch angegangen wurde und ist in seiner ganzen Art typisch deutsches Kino, ohne die Anbiederung an amerikanische Sehgewohnheiten. Und das ist etwas das Schenkel manch anderem nach Amerika wechselnden deutschen Filmschaffenden bereits hier im Lande voraus hatte.


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