DAS CABINET DES DR. CALIGARI (1919 Robert Wiene)


Im Kabinett des Dr. Caligari wird ein Somnambule vorgeführt, der Tode voraus sagt, die in der Stadt kurz darauf tatsächlich als Gewalttat begangen stattfinden. Als dieses Schicksal seinem Freund Alan widerfährt, versucht Francis das Geheimnis von Caligari und seinem Schläfer herauszufinden...


Caligari ist Caligari...

Dass ein Stummfilm auch jenseits nostalgischer Wirkung und unabhängig von seinem ihm Stil bescherenden Kunstverständnisses als zeitlos gelten kann, beweist er wenn seine Geschichte noch immer zu packen weiß und den Zuschauer aufgrund der spannenden Umsetzung in seinen Bann zu ziehen weiß. "Das Cabinet des Dr. Caligari" ist meiner Meinung nach ein solcher Fall. Sein Einfluss auf Werke wie "Halloween", "Nosferatu", "The Sixth Sense", "I'm a Cyborg, But That's Okay" und hunderte andere Werke, ist unverkennbar, beschert dem Original aber aufgrund des heutzutage erlangten Blicks auf überraschende Wendungen gefasster, bzw. weniger überrascht zu reagieren keinen distanzierten Blick aufgrund nicht mehr funktionierender neuer Erkenntnisse innerhalb des Handlungsverlaufs. Trotz gut gesetzter Hinweise muss man nicht zwingend die Wahrheit hinter der hier erzählten Geschichte erkennen. Ihre Auflösung überrennt den Zuschauer nach wie vor, und der Weg dorthin lenkt gekonnt tückisch ab und ist dabei nicht nur Leerlauf Richtung großes Finale.

Der von Künstlern konzipierte "Das Cabinet des Dr. Caligari" überlässt nichts dem Zufall. Nichts ist einzig des Schauwertes und des Effektes eingefangen, alles greift ineinander inmitten eines analytischen Gesamtverständnisses, das nur selten Logiklücken wie jene hinterlässt, dass jemand der eine geheime Identität wahren möchte, sich wohl kaum in aller Öffentlichkeit als Meister einer Sensation auf dem Jahrmarkt präsentieren würde, nicht weit entfernt vom Arbeitsplatz und Wohnort seiner bürgerlichen Rolle. Aufgrund der Auflösung kann aber selbst dieser Widerspruch als nicht störendes Element bestehen. Nicht dass sich mit dieser jedweder Unsinn wieder gut machen ließe, das was der niveauvoll inszenierte Film von Robert Wiene zu erzählen hat aber sehr wohl. Selbst der Aufhänger das Werk ganz bewusst offensichtlich im künstlerischen Stil des Expressionismus zu kleiden, erhält einen greifbaren Realismus aufgrund der Auflösung und erklärt auch warum vor und nach dem Rückblick der Einsatz dieser Kunstrichtung nur ganz leicht zu erkennen ist, inmitten von diesem hingegen gar alles andere dominierend.

Ein enorm wirksamer Inszenierungsstil, Schauspieler, die ihr Talent auch inmitten des theatergeprägten Spiels trotz des Überagierens aufgrund des stummen Mediums unter Beweis stellen können, ein durchdachtes Drehbuch, künstlerisch beeindruckende Bilder und eine interessant erzählte Geschichte machen aus dem ersten tatsächlichen Horrorlangfilm der Filmgeschichte ("Der Student von Prag" fällt meiner Meinung nach eher unter das Genre Fantasy) eine Pflichtsichtung für vielseitig interessierte Cineasten. "Das Cabinet des Dr. Caligari" ist nicht nur aufgrund seines Status ein Kunstwerk zu sein einen Blick wert, sondern auch aufgrund dessen beeindruckend zu schauen, dass er unglaublich gut gealtert ist, so zeitlos wie er vom Unterhaltungsgrad her ausgefallen ist, so intensiv wie die Geschichte noch immer zu packen und zu faszinieren weiß und so spannend wie das Ganze noch immer auf den Zuschauer wirkt. 


Weitere Besprechungen zu Das Cabinet des Dr. Caligari: 


1 Kommentar:

  1. Aaaah, den mag ich auch sehr. Es gibt so Filme, denen sieht man zwar das Alter an. Sie altern aber nicht wirklich. Der hier ist so einer...

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