Mittwoch, 18. Juli 2012

SEX FÜR ANFÄNGER (Roger Dodger 2002 Dylan Kidd)


Der 16jährige Nick besucht seinen ihm kaum bekannten Onkel Roger, einen zynischen Werbetexter aus New York. Dieser schleppt den Jungen durch das Nachtleben der Großstadt, um ihm beizubringen, wie man eine Frau abschleppt. Überraschender Weise kommt die sensible, schüchterne Art der Jungfrau beim anderen Geschlecht wesentlich besser an als jegliche Tricks des selbsternannten Frauenkenners...


Schlüpfrig sieht anders aus...

Wer beim deutschen Titel eine von diesen anspruchslosen Sexklamotten vermutet, von denen nur die wenigsten zu zünden wissen, der irrt. „Sex für Anfänger“ verfolgt eine dialogreiche, interessante Geschichte, die innerhalb von 24 Stunden spielt und den erwachsenen Part ein wenig mehr in den Mittelpunkt stellt als die Jungfrau. Der als Frauenheld in der Familie bekannte Zyniker Roger möchte seinem Neffen zeigen wie man eine Frau ins Bett bekommt. Klar sagt Nick nicht nein, aber um diesen Gefallen gebeten hat er seinen Onkel eigentlich nicht, den er ohnehin kaum kennt.

Roger fällt dies nicht auf, ist er doch ohnehin Egomane, alles andere als ungebildet, aber in all seinen Theorien über Männer und Frauen hat er sich doch zu sehr verrannt um zu erkennen, dass er gesellschaftlich davondriftet. Er selbst lebt im Glauben die Distanz zu den anderen Menschen selbst zu wollen und zu beeinflussen, Tatsache ist jedoch, dass Roger mit den Sprüchen die er seinen Mitmenschen als Ehrlichkeit an den Kopf wirft, zum Arschloch mutiert ist, jene Art des Arschlochseins, die nicht nützlich ist um Freundschaften zu pflegen, geschweige denn Frauen kennen zu lernen.

Nick stößt an einem ungünstigen Tag in Rogers Leben, hat seine Geliebte, die gleichzeitig seine Chefin ist, doch gerade mit ihm Schluss gemacht, was sein enormes Ego erst einmal verarbeiten muss. Ohnehin ist die so selbstlos klingende Idee einer Teenie-Jungfrau beizubringen wie man sich Frauen angelt reiner Eigennutz zum Wiederaufbau des angeknacksten Selbstbewusstseins. Roger kann reden wie ein Wasserfall, berufsbedingt die Wahrheit verdrehen wie es ihm gerade passt, und so verkauft er so ziemlich jede eigennützige Tat als Wohltätigkeit, eine Masche die der naive Nick nicht begreift.

Angeblich um sein Selbstbewusstsein zu wecken und um ihm Übung zu verschaffen führt Roger den armen Nick immer wieder vor, stellt ihm peinliche Fragen vor den Augen und Ohren des anderen Geschlechts und erteilt ihm idiotische Aufgaben. Bei jeglicher Frauensituation übernimmt jedoch Nick immer wieder mit der Zeit das Ruder, durch seine sensible, schüchterne Art, die eher ungewollt immer wieder durchbricht, wenn er doch eigentlich die von Roger gewollten Lektionen durchgehen soll. Die Frauen sind gerührt, angetan und auch etwas angemacht von dem jungen Mann. Roger, der hin und wieder bissige Kommentare von sich gibt, wird zwar wahrgenommen, jedoch als unangenehme Nebenerscheinung Nicks, die einfach nicht die Klappe halten will und sich mit jedem Satz unbeliebter macht.

Wieder unter vier Augen ist es Roger der zum Chef des Duos wird, den Teenager tadelt, weil er mit seiner Art nicht zum Schuss kommt und ihm immer wieder seine nicht dankbar angenommene Selbstlosigkeit aufs Brot schmiert. Klar, Nick lernt nicht wie man Frauen sofort ins Bett bekommt, aber er lernt wie man auf natürliche Art mit ihnen reden kann, und dass es eben nicht darauf ankommt schnell im Bett zu landen. Das lernt er jedoch nicht von Roger, und zum tollen Aufreißer, wie es nun Pflichtprogramm in einer Sex-Klamotte wäre, mutiert Nick ebenfalls nicht. Er bleibt im Grunde der naive Junge aus der Kleinstadt, der selbst am nächsten Morgen im verkaterten Zustand seinem unnützen Lehrmeister noch immer Dankbarkeit zeigt und sich für sein sexuelles Scheitern der vergangenen Nacht entschuldigt.

Das ist ein cleverer Schachzug des Films, der zum einen mit den Erfolgen Nicks keinesfalls moralisch wird und den Teenager in seiner Entwicklung einfach Teenager sein lässt. Viel wichtiger ist jedoch die Erfahrung um die Roger reicher geworden ist. Und die kommt nicht psychologisch plump daher, sondern entwickelt sich aus einer natürlichen Situation heraus von selbst und bedarf von da an ihrer Zeit sich zu entwickeln. Wenn der Film schließt haben wir sicherlich noch nicht alles vom neuen Roger gesehen. Und wie Nick in Zukunft mit dem anderen Geschlecht umgeht, überlässt Regisseur Dylan Kidd, der zur Zeit leider nur noch Serien dreht, der Phantasie des Zuschauers auf eine ziemlich gemeine Art. Und doch danke ich ihm für diese Idee, eine die den Film noch reichhaltiger macht als ohnehin schon, denn so kann „Roger Dodger“ (Originaltitel) nach dem Sehen noch nachklingen.

„Sex für Anfänger“ ist somit alles andere als eine olle Teenie-Klamotte oder ein gesellschaftlicher Befreiungsversuch aus einer biederen Zeit a la „Die Reifeprüfung“. Kidds Werk ist ein dialogreicher, trocken erzählter erwachsener Umgang mit der heutigen Unreife im Erwachsenenleben, mit der Frage nach dem Unterschied von Praxis und Theorie, wo Letztere sich doch meist nicht nur so originell sondern auch so wahrhaftig anhört. Diese Tragikomödie zeigt uns den Reifeprozess zweier unterschiedlich alter Menschen, die voneinander lernen, und dies auf eine so realitätsnahe Art, wie es sie in Amerika auch nur im Independent-Kino zu sehen gibt. Was wäre das US-Kino nur ohne diese wertvolle Nische, die schon solche Perlen wie „Lars und die Frauen“ und „Vergiss mein nicht“ hervorgebracht hat?


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