Mittwoch, 8. August 2012

LARS UND DIE FRAUEN (Lars And The Real Girl 2007 Craig Gillespie)


Der zurückgezogen lebende Lars Lindstrom schockt sein Umfeld eines Tages mit einer lebensechten Puppe, die er als seine Freundin vorstellt. Niemanden war zuvor bewusst wie stark Lars psychische Störungen sind bzw. dass er überhaupt welche besaß, und nun wendet man sich ratsuchend an die Ärztin vor Ort. Diese empfiehlt zum Wohle Lars das Spiel mit zu spielen, und so freundet sich nach und nach das Dorf mit der Puppe Bianca an...


Weg aus der Isolation...

Ein wenig erinnert die Geschichte an den 2011 erschienenden “Der Biber” mit Mel Gibson, der ebenfalls als Tragikomödie konzipiert war. Dabei schielt man mit dem Glauben an die Echtheit einer Puppe sicherlich zunächst einmal Richtung Thriller bzw. Horrorfilm, wo sich schon wesentlich früher Werke wie “Pin” und “Pinocchio - Puppe des Todes” mit dem Thema befassten, wenn auch genrebedingt auf völlig andere Weise. “Lars und die Frauen” geht es jedoch gar nicht um den schnellen, unterhalterischen Wert, und reißerisch will er schon mal gar nicht sein, zumal er sich selbst mit Blick auf seinen humorvollen Kern auch nie Albernheiten hingibt. Dafür nimmt Regisseur Craig Gillespie, der jüngst die Neuverfilmung “Fright Night” ablieferte, seine Hauptfigur und deren Innenleben viel zu ernst, und mit dieser steht und fällt der Film.

“Lars und die Frauen” möchte nicht zwingend glaubwürdig sein, zumindest verlangt er viel heile Welt vom Zuschauer ab, wenn ein ganzes Dorf sich zusammen tut um Bianca zum Leben zu erwecken. Dass es dabei nie zu unangenehmen Begegnungen kommt, welche den Zustand von Lars verschlechtern, zeigt um ein Neues wie realitätsfern, fast surreal sich der Film gibt, während er auf menschlicher Ebene versucht recht stark auf der Gefühlswelt des Zuschauers zu bauen. Denn wer hat sich nicht schon einmal einsam gefühlt, so dass die extremere Form von Lars Erkrankung durchaus zur Identifikation führen kann?

Im Grunde geht es darum, dass Bianca Lars dabei hilft sich besser zu fühlen. Ob das Experiment der Ärztin funktioniert oder scheitert ist nurzweitrangig von Belang. Die Menschen tun etwas um einen von ihnen zu helfen. Und darin bekommt der Streifen seine Stärke, geht es doch nicht um zu erfüllende Normen, sondern um das Individuum, welches nicht nur durch Lars und seiner ungewöhnlichen neuen Lebensform eine Extreme erfährt, sondern auch jeder Mitbürger im simpleren in sich (zurück) erkennt. Damit bildet der Film ein warmherziges Zeichen inmitten einer Welt, in welcher man schon viele Formen des sich Isolierens entwickelt hat.

Nun sollte man meinen, dass ein amerikanischer Film mit diesem Anliegen auf die gewohnten Manipulationen setzt und in Klischee, Kitsch und Pathos ertrinkt. Doch von einem minimal zu dick aufgetragenen Schluss in der Kirche einmal abgesehen, schaut sich “Lars und die Frauen” angenehm europäisch, meint sein Anliegen ernst und findet so tatsächlich den Weg zum Herzen des Zuschauers, der nur einen Teil seines Denkapparates abschalten muss um automatisch aufkommende Fragen auszublenden, wie beispielsweise jene ob Lars Arbeitsgeber es sich erlauben kann das Risiko einzugehen Lars trotz seiner Erkrankung weiterhin einzustellen. Um dies genau erörtern zu können müsste man ohnehin genauer wissen was er im Büro eigentlich treibt. Aber selbst da orientiert sich die Geschichte nur an den Fakten die für den Film relevant sind, und die finden im zwischenmenschlichen Bereich statt.

Sicherlich dürfte der Film selbst im Psychologischen keinen authentischen Weg zur Problemlösung aufzeigen, aber für den Laien klingt die ungewöhnliche Methode der Ärztin zumindest sehr glaubwürdig, so dass die Illusion geschaffen ist, welche der Film benötigt um zu funktionieren. Im Laufe der Geschichte geht der Ärztin durch eine geschickt eingefädelte Therapie mit Lars, von der er selbst nichts mitbekommt, ein Licht auf wie es zu der Erkrankung kommen konnte, wofür sie steht und wie es weiter gehen könnte. Gillespie kommt nicht einmal in Versuchung das was vor den Augen des Zuschauers passiert noch einmal zusammenzufassen. Er verlässt sich darauf, dass der Zuschauer mitbegreift, dass er die Zusammenhänge ebenso erkennt, wie die Veränderungen die Lars und seine Umwelt durch Bianca erleben. Und das ist eine Reife, die ich mir im amerikanischen Kino viel öfter wünschen würde.

Es ist nicht immer sicher, ob Lars nicht auch Momente der Klarheit besitzt, in welchen er begreift dass die anderen nur mitspielen und Bianca eine Puppe ist. Das bleibt Interpretation des Zuschauers, so dass jeder die Wahrscheinlichkeit für sich selbst abwägen sollte. Aber ob dem nun so ist oder nicht, so hilft Bianca doch dem traurigen Helden sich wieder in seine Gemeinschaft einzugliedern, und ihm dabei zuzusehen tut gut, auch wenn man immer ein Stückchen Restpanik hat ob eine dramatische Wendung den Therapieversuch der Ärztin nicht doch noch als Fehler entlarvt. Hat man erst einmal erkannt, dass der tragikomische “Lars und die Frauen” ein Wohlfühlfilm ist, kann man das Ganze jedoch etwas ruhiger angehen, so dass ich mir vorstellen kann, dass dieses nie auf falsche Emotionen setzende Werk beim zweiten Schauen sogar noch mehr Spaß machen dürfte als beim ersten.


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