Sonntag, 5. August 2012

MARY AND MAX (2009 Adam Elliot)


Ein australisches Mädchen ohne tiefgehende soziale Kontakte startet eine Brieffreundschaft zu einem Behinderten aus Amerika, dessen soziales Umfeld ein ähnliches Trümmerfeld ist. Die Freundschaft geht über viele Jahre und beide beeinflussen das Leben des anderen gravierend, ohne sich dabei je persönlich kennen zu lernen...


Schreib mal wieder...

Adam Elliots Welt setzt da an, wo der herkömmliche Trickfilm nicht einmal ansatzweise hinsteuert. Mit seinem Kurzfilm „Harvie Krumpet“ durch einen verdienten Oscar auf sich aufmerksam gemacht, konnte er den Langfilm „Mary And Max“ angehen, der erst 6 Jahre später entstand, kein Wunder bei dem Geduld erfordernden Bereich der Knetanimation, einem wirtschaftlich nicht gerade förderlichen Sub-Genrebereich des Animationsfilmes. Ohne die begehrte Trophäe hätte man ein Werk wie „Mary And Max“ wohl noch schwerer finanziert bekommen als ohnehin schon, bietet er doch so gar nichts, was das Massenpublikum im eher niedlichen, chaotischen oder abenteuerlich orientierten Bereich des Animationsfilmes sichten will.

Elliot blendet die Realität nicht aus, orientiert sich sogar stark an ihr, badet das Abbild der realen Welt jedoch wieder in Comicstil, so dass die selbe Geschichte als Realfilm übertragen keine Wirkung besitzen würde. Als Trickfilm hingegen wirkt das fertige Werk jedoch wie etwas, auf das man lange gewartet hat: einen erwachsenen Streifen, der Themen angeht, die herkömmlichen Animationsfilmen nicht einmal ansatzweise in den Sinn kämen, auch nicht die alternativen Anime-Filme oder die skurrilen Welten von Tim Burton-Produktionen.

Mögen die Figuren in ihrer Hässlichkeit noch so monströs überzeichnet sein, der Fantasybereich echter Monster ist durch sie nicht mehr nötig. Finstere Welten muss man ebenso wenig erschaffen, wenn man New York einfach mal so grau und dreckig zeigt, wie es im Kino gerne weggeblendet wird, und wenn man sich an Charakteren orientiert, die aufgrund ihrer Verlierer-Position keine heile Welt erfahren und auch, gnadenlos wie sich Elliot gibt, keinem Happy End entgegen steuern. Für echte Verlierer der Gesellschaft gibt es das nicht, mögen Disney und Co es dem Tagträumer auch noch so einreden wollen.

Das Biest mag die Schöne am Ende gewonnen haben, die traurige Wahrheit zeichnete sich jedoch schon eher unbeabsichtigt in Disneys „Der Glöckner von Notre Dame“ ab, in welchem der Schönling die Frau eroberte und nicht der Bucklige. Der Glöckner war hingegen glücklich endlich Freunde zu haben, ein Ziel mit dem er sich gefälligst zu begnügen hat, als Freak der Gesellschaft. Ein trauriges Beispiel wie unangenehmgeheuchelt ein Werk im Fahrwasser der Political Correctness mit diesem Thema umgeht. „Mary And Max“ kommt da schon ehrlicher daher, schnürt die Schlinge immer tiefer um die Hälse seiner Anti-Helden, verheimlicht dabei aber nicht die beiden Seiten des Verliererseins: die unschuldige und die selbst eingebrockte.

Nun wird „Mary And Max“ jedoch nie ein gehässiges, sarkastisches Produkt, sondern ganz im Gegenteil, trotz des Hineinlaufenlassens in ein trostloses Ende, zeigt der Film Mitgefühl und tiefe Empathie für seine Figuren, zeigt einen breiten Radius dessen was sie zu dem macht(e) was sie sind und verliert bei aller Ironie nie die Würde der Figuren aus den Augen. Schadenfreude findet im gewohnten Comicstil statt, aber über die eigentliche Tragik wird nicht gelästert, sie wird lediglich in tiefschwarzem Humor gebadet, der durch Beobachtungen in der Gesellschaft, Satire und dem Hineindenken in die agierenden, individuellen Persönlichkeiten, zum Vorschein kommt.

Stilistisch gibt es nichts zu meckern. Die Animation ist gekonnt und orientiert sich an einem völlig eigenen Stil. Mit der Kamera werden manche Momente geradezu kinoorientiert eingefangen (beispielsweise beim Suizidversuch Marys), die Musik ist meist aus dem klassischen Bereich gewählt, die Farbgebung orientiert sich stets an der Psychologie der Geschichte bzw. ihrer Figuren, die Geschichte wiederum geht einen sehr konsequenten, teilweise logischen Weg, auch wenn plötzliche äußere Einflüsse immer mal wieder das Geschehen bestimmen.

„Mary And Max“ ist ein außergewöhnlicher Film, für sich stehend schlichtweg konkurrenzlos und wesentlich besser als Werke wie „Coraline“ und „9“, die ebenfalls versuchten andere Wege zu gehen, sich jedoch immer verstärkt stilistisch orientierten und Tiefe in Geschichte und Psychologie immer nur im Ansatz vertieften. Elliots Werk ist da wesentlich konsequenter, da dem Regisseur alles zugleich wichtig war, ohne sich dabei zu überheben. Elliot beweist sich nicht nur als guter Geschichtenerzähler und Beobachter, er beweist auch, dass er versteht was er erzählt, was sich allein schon daran zeigt, dass die Geschichte aus guten Gründen in jenen Zeiten angesiedelt ist, in denen sie nun einmal spielt.


1 Kommentar:

  1. Ein wundervoller Film, der angemessen von dir gewürdigt wurde. :)

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