Donnerstag, 6. September 2012

FREE JIMMY (2005 Christopher Nielsen)


Eine Gruppe fanatischer Tierschützer möchte den drogenabhängigen Elefanten Jimmy aus seinem Zirkusgefängnis befreien. Da in seinem Hintern Stoff im Wert von einer Millionen Euro eingenäht ist, hat eine Gruppe Gangster ein ganz eigenes Interesse an dem Tier, und die Mafia, denen die Drogen entwendet wurden, erst recht...


Jimmy, der auf Speed fliegende Elefant...

„Free Jimmy“ mag zu Recht an den 70er Jahre Zeichentrickfilm „Fritz The Cat“ erinnern, dennoch wirkt Bakshis berühmter Kater gegen die Abenteuer um Jimmy zahm und seicht, was nicht nur an den vielen Jahren zwischen beiden Werken liegen mag, sondern auch daran, dass Nielsens Film europäischer Herkunft ist. Für Amerikaverhältnisse riss auch „Fritz The Cat“ allerhand Grenzen ein, dank seiner Underground-Herkunft auch nicht so verkrampft wie der spätere Kommerz-Konkurrent „Beavis und Butt-Head machens in Amerika“. Dennoch kommt „Free Jimmy“ viel unverkrampfter daher, und das nicht nur in seiner sehr direkten Sexszene, sondern auch im Umgang mit der zentralen Drogenthematik und dem Ausarbeiten der vielschichtigen Charaktere.

Zu Letzterem lässt sich nur sagen, dass hierauf Hauptaugenmerk gelegt wurde. Die Geschichte ist Nebensache, bzw. sie entsteht erst durch das Zusammentreffen der vielen schrägen Figuren, die alle ihren eigenen Witz besitzen, absichtlich keinerlei Sympathiebonus in sich tragen und alle ihre kleine Geschichte mitbringen, so dass es je nach Figur dauern kann, bis sich der Bogen zum Hauptgeschehen wendet. Vielleicht hätte man ein größeres Pingpong-Spiel der Einflüsse der einzelnen Nebenstränge veranstalten können, sprich mehr Handlungen verschiedener Gruppierungen hätten die der anderen beeinflussen können. Aber in der übersichtlichen Dosierung geht das Rezept trotzdem in Ordnung, und dass der Film hin und wieder kurz auf der Stelle tritt, ist nicht dieser Tatsache zuzuordnen, sondern eher der fehlenden echten Geschichte und der Tatsache, dass man zur Hälfte des Streifens die verschiedenen Figuren nun ausführlich kennt.

Das macht nach einem lockeren Einstieg und einer angenehmen ersten Phase den guten Laune-Film ein wenig anstrengend zu gucken. Doch der Witz und die Mühe an dem Projekt, lassen einen dennoch tapfer dran bleiben. Zumal man ernsthaft an dem Ausgang der Geschichte interessiert ist, allein da einem das Schicksal des drogensüchtigen Elefanten Jimmy, der fast zur Nebenfigur verkommt, sehr nahe geht.

Es gibt, auch wenn man das erst einmal nicht meinen sollte, einige Parallelen zu Jimmy und „Dumbo, der fliegende Elefant“. Beide zentrale Figuren sprechen kein Wort und wachsen dem Zuschauer allein durch Mimik ans Herz. Beide erleben schwere Schicksale in einem Zirkus, beide werden von den Personen ihrer nahen Umgebung ausgenutzt, und beide finden einen treuen Begleiter, der ihnen wieder auf die Beine hilft.

Jimmy ist neben diesem Helfer die einzige Sympathiefigur. Es ist schön ihn nicht auf „Meet The Feebles“-Art drogensüchtig zu erleben. Jimmy ist ein mitleiderregendes Opfer, und er ist eines durch Menschenhand. Das passt zum Gesamtkonzept, denn ausschließlich die zwei Tierrollen sorgen für Sympathie. Die kunterbunte Truppe Menschen steht für das Asoziale unserer Gattung, für den typischen Egoismus, selbst wenn er sich hinter scheinbarer Selbstlosigkeit zu verstecken scheint.

Während „Meet The Feebles“ eher cool sein will, und damit ein Haltbarkeitsdatum für den älter werdenden Cineasten besitzt, scheint „Free Jimmy“ nur auf dem ersten Blick ein Film dieser Art zu sein. Kämpft man sich erst einmal durch die erste Hälfte, in welcher die Hauptfiguren fast ausschließlich selbst Drogen konsumieren, merkt man im Laufe der Zeit, dass das Thema Abhängigkeit einen recht ernsten Hintergrund erhält. Der Satiregehalt des Streifens spielt sich damit nicht nur, wie zunächst von mir vermutet, in einigen Charaktereigenschaften wieder, sondern auch im Zentrum der Geschichte. Ohne seinen schwarzen Humor zu verlieren, wird uns der freie Elefant als heruntergekommenes Subjekt präsentiert, das den kalten Entzug erlebt und dabei glücklicher Weise auf Hilfe trifft. „Free Jimmy“ entkommt damit dem Klischee des typischen Films für ein kifffreudiges Publikum, wird aber auch nicht zum Moralfilm, so dass auch diese Kundschaft Freude mit dem Werk haben kann.

Für die englischsprachige Ausarbeitung des Projekts zeigte sich Simon Pegg verantwortlich, der Star aus „Shaun Of The Dead“ und „Hot Fuzz“. Selbstverständlich übernahm er auch eine Sprechrolle und ist damit nur einer von einigen berühmten Namen, die den toll gezeichneten Figuren ihre Stimme leihen.

Der Zeichenstil ist an dem erwachsener Comics orientiert. Teilweise wirkt er recht realistisch, es ist aber dennoch deutlich ein Comicstil, was sich spätestens in der Mimik Jimmys nicht ignorieren lässt. Auch die lustigsten Figuren haben eckige und kantige Gesichter, unreine Haut, ihre eigene Art zu gehen und ihre eigenen übertriebenen optischen Merkmale, die sie zu dem werden lassen, was sie sind, oder zumindest das verdeutlichen, was sie auch charakterlich ausmacht.

Es ist schon schade, dass „Free Jimmy“ bereits nach flotten 30 Minuten an Tempo verliert und etwas anstrengender zu gucken wird. Aber dank frechem Witz, nicht aus den Augen verlorenem Tiefgang, einer guten Optik und einem nicht massenkompatiblen Handlungsablauf bleibt man dennoch interessiert genug dran und weiß, dass man aufgrund dieser positiven Eigenschaften das Weitergucken auch nicht bereuen wird.


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