Donnerstag, 13. September 2012

IM HIMMEL IST DIE HÖLLE LOS (1983 Helmer von Lützelburg)


Die von ihren Mitschülerinnen gehänselte und von der Mama klein gehaltene Mimi bewirbt sich als neue Stellvertreterin des großen TV-Stars Willi Wunder...


Das Showgeschäft ist die Hölle...

"Im Himmel ist die Hölle los" ist längst Kult geworden. Während viele Menschen ihn als reines Herumgealber mit schwulem Touch sehen, versteckt sich hinter dieser Schrottfilm-Tarnung allerdings eine brillante Gesellschaftskritik, die aufgrund ihrer Art der Erzählung von vielen nicht wahrgenommen wird: die Versimpelung.

Alles ist aufs wesentlichste reduziert und extremst übertrieben (wobei manche Übertreibung bereits von der Zeit eingeholt wurde). Es ist also kein Wunder, dass dieser Film zur Zeit der Neuen Deutschen Welle entstand. Diese Musikrichtung ging schließlich großteils in die selbe Richtung. Lieder wie Dadada, Der goldene Reiter und Herbergsvater wurden belächelt, manch einer schlug die Hände über den Kopf und so bemerkten viele nicht, was hinter diesen auf dem ersten Blick kindischen Liedern steckte. So verhält es sich in etwa mit dieser kleinen Perle des deutschen Films.

Dirk Bach spielt eine Rolle in der er etwas parodiert was er mittlerweile selbst geworden ist: der TV Star, der für Geld seine Nase überall reinhängt. Was sich in der Wirklichkeit in seinen Auftritten in verschiedensten armseligen TV-Sendungen zeigt, zeigt sich in der Rolle des Show-treuen Willi Wunder in seiner Haltung dem Werbefernsehen gegenüber. Der Rest des Films parodiert den Konsum. Ob es der des Fernsehens ist, der sinnloser Produkte oder der von Drogen, so ziemlich alles ist enthalten. Und alles ist überdreht dargestellt, extremer verstärkt als es für eine Satire sein müsste und vor allen Dingen knallbunt eingefangen.

Während stilistisch immer noch eine Lage zu viel aufgetragen wird, arbeitet diese Satire inhaltlich, wie bereits erwähnt, mit Versimpelung. So werden in von Lützelburgs Musical z.B. alle Personen charakterlich auf das reduziert, was Fernsehgestalter, Konzernmanager und Werbestrategen sich heimlich wünschen würden: dem Stereotyp von Hausfrauen, Prolls und unmündige Kleinkinder. Es sind jene Gruppen, die Nachrichten, sofern diese überhaupt von Interesse sind, der Bild entnehmen oder des Privatfernsehens und nicht einmal wissen was daran falsch sein soll. Jene Gruppen, die konsumieren ohne nachzudenken, Gruppen, die nicht einmal wissen, dass Konsumieren eine Verantwortung vor der ganzen Gesellschaft darstellt.

Die Parodien einzelner Gebiete finden ihre Höhepunkte meines Erachtens in folgenden Szenen:

- Das Fernsehen, wie es der Zuschauer mitbekommt, hat seinen Höhepunkt in der Masterfrage der Willi Wunder-Show: Wie heißt Albert Schweizer mit Vornamen? Zur Zeit des Drehs noch herrlich alberne Übertreibung, heute von Quiz Shows wie jenen von 9live bittere Realität (ähnlich wie die quietschbunte Gestaltung des kompletten Filmes in Zeiten vor „Traumhochzeit“ und anderen EndeMol-Sendungen).

- Hinter den Kulissen hat die Satire ihren Höhepunkt im übertriebenen Kokainkonsum des Showmasters.

- Die Werbekritik erreicht ihren Höhepunkt in der Zeile "Kauf Dir den Schokoriegel, der zu dir passt" des Liedes "Super Konzentrat". Diese Zeile nimmt das vorweg, was Ende der 90er Jahre die Werbewelt eroberte. Damals wurde jegliches Produkt, von der Zahnpasta bis hin zum Bankkonto, plötzlich individuell. Das war das Schlagwort zu einer Zeit, in der die Angleichung derer, die sich für irre individuell hielten, immer extremer wurde. Man merkt, dieser Film war seiner Zeit weit voraus.

- Die Lieder im Film erinnern nicht ohne Grund an die eben angesprochene NDW. Hinter den bekloppten Klängen minderbemittelt wirkender Kinderlieder (dem Stil von Morgenrot trotz Elektroklänge nicht ganz unähnlich, theoretisch jedoch besser mit den Liedern von Foyer Des Arts zu vergleichen) steckt wertvolle Gesellschaftskritik. Musik, die zunächst einmal bekloppt klingt, verbirgt Tiefsinn, und im Gegenzug dazu präsentiert der Film eine Parodie auf des Denkfaulen zweitliebste Musikrichtung, dem Schlager. Dieser wird gesungen von Rex Dildo und hat im Hauptteil seinen Höhepunkt perfekter Schlagerparodie: "Liebe war für sie nur ein Fremdwort. Sie riss mir einfach das Hemd fort". Besser kann man Schlager kaum parodieren.

Dass jegliche Form von TV-Sendung, von den Nachrichten bis hin zur hohlen Game Show, für Quoten über Leichen geht, versteht sich von selbst, darf im Film also auch nicht fehlen. Klischees dümmlicher Kinder, bösartiger Spießer hinter friedlicher Fassade und der Unwissenheit der "Gebildeten" dürfen alle nicht fehlen. Auch außerhalb des Mediengeschehens schwebt „Im Himmel ist die Hölle los" auf einem gesellschaftskritischen Hoch.
"Hully Gully in Käseburg" (Alternativtitel) ist so witzig wie schrill und bietet neben Satire auch wundervolle Momente von Klamauk. Dass die TV Spielfilm es einmal wagte dieses Werk "Die Rocky Horror Picture Show" Deutschlands zu nennen ist eine Diskussion für sich wert. Sicherlich gab es auch dort gesellschaftskritische Ansätze, letzten Endes lebte dieses Grusical jedoch eher von seinen schrillen Charakteren, dem knallbunten Stil und natürlich von seiner Musik. "Im Himmel ist die Hölle los"greift da schon tiefer.


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