Mittwoch, 12. September 2012

SCHIMANSKI 16 - SCHULD UND SÜHNE (2011 Thomas Jauch)


Der junge Polizist Oliver Hoppe begeht Selbstmord. Rentner Schimanski kann es nicht fassen und forscht im Interesse Hoppes Mutter, mit der er langjährig befreundet ist, nach. Das betroffene Duisburger Polizeirevier steht wegen Schmiergeld-Verdachts unter Beobachtung. Ob Hoppe auch in Versuchung kam sich bestechen zu lassen? Und was haben rumänische Prostituierte mit der ganzen Sache zu tun? Dass der Rentner an seinem alten Arbeitsort so viele Fragen stellt, stößt nicht gerade auf Begeisterung..


Das Ende der Welt ist längst da...

Als im Jahre 1997 die Duisburger „Tatort"-Reihe mit Schimanski und Thanner nach 27 Folgen als „Schimanski“-Specials fortgesetzt wurde, war nicht jeder begeistert. Zu actionlastig seien die Sologänge des in die Jahre gekommenen Ausnahmepolizisten. Manch einer bemängelte es fehle der Charme der Originalreihe. Was einzelne Nörgler ankreideten war aufgrund des enormen Erfolges aber ohnehin egal. Mit „Schuld und Sühne“ hat sie es im Jahre 2011 nun auf Folge 16 geschafft, und ich als Zuschauer, der recht wenig Kenntnisse über diese Reihe besitzt, kann den Nörglern von einst nur empfehlen mal dringendst in die neueren Fälle Schimanskis reinzuschauen. Von Action ist hier nichts mehr zu bemerken.

Schimanski ist ein alter Mann geworden, körperlich noch sehr aktiv, aber er passt nicht mehr in seine Zeit, ist selbst den Polizisten der Gegenwart mit seiner überholten Art ein Dorn im Auge, und dementsprechend schwebt schon eine von Schwermut umgebene Nostalgiewolke um den alten Haudegen herum, der nicht mehr so leicht zuschlagen kann. Schimanski selbst betont an seiner Stammwürstchenbude, dass er heutzutage den Polizeijob auch nicht mehr aktiv ausüben würde, so wie in der Öffentlichkeit mit den Beamten umgegangen würde. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Die Art, welche die Polizisten an den Tag legen, widert ihn ebenso an. Die Moral hat sich geändert, und dieses neue Denken ist Schimanski so fremd wie unsympathisch, und dies bezieht sich nicht erst auf die übergangene Moral korrupter Kollegen.

Ein Selbstmord unter Kollegen, Korruption bei der Polizei, das sind alles keine neuen Themen, das muss also nicht zwingend zu einem frischen Ergebnis führen, tut es überraschender Weise jedoch dennoch. Denn Regisseur Thomas Jauch, der auch 2008 den Vorgänger „Schicht im Schacht“ inszenierte, orientiert sich am Alter seines Helden, und damit eher an „Rocky 6“ als an „Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels“ und „Rambo 4“, alles Filme die Helden der 80er Jahre wieder auferstehen lassen, wobei die letzten zwei Genannten den Fehler begingen das Alter ihres Helden zu ignorieren.

Augenzwinkernd darf man dabei zusehen, wie Schimanski in einer Actionszene a la Rentner einem großen, bulligen Kerl in die Eier tritt, und er sich mit ruhiger, besonnener Stimme seinem Schützling gegenüber rechtfertigt, er sei ja auch schon zu alt um gegen einen solchen Brocken zu kämpfen, er entschuldige sich für diese mädchenhafte Art zu kämpfen. Diese Szene bildet die Ausnahme eines Filmes, der nicht nur eher dramatisch anstatt witzig daher kommt, sondern auch sehr ruhig und nachdenklich erzählt, anstatt actionlastig.

Während der Rentner privat seinen Nachforschungen nachgeht und dabei Kollegen der Neuzeit nervt, Schichtenweise die Geheimnisse des Kriminalfalls entblättert und freilich alles besser weiß als das Volk von heute, findet die wahre Geschichte weder in den Schlaumeiereien des erfahrenen Kriminalkommissars statt, noch im Kriminalfall selbst. Stattdessen steht der Generationenunterschied im Vordergrund. Die Taten eines Vergangenen werden zum wahren Zentrum und Herzstück der Geschichte, und diesen Stil wählte Jauch sehr bewusst und zeigt uns dieses bewusste Handeln noch einmal deutlich Richtung Abspann, wenn er nach Herzenslust „Donnie Darko“ zitiert.

Da läuft nicht nur die Ballade Mad World, selbst die Kamerafahrt wird aus dem großartigen amerikanischen Film übernommen, wenn sie von links nach rechts gleitet und die Figuren des Filmes an den verschiedenen Orten, an denen sie sich befinden, noch einmal einfängt. Jauch ist sich dabei bewusst, dass er mehr tut als zu zitieren oder sich vor einem Werk zu verbeugen, welches er wohl zu schätzen weiß. Ihm ist bewusst, dass er mit dem 16. Schimanski auf eines der Hauptanliegen von „Donnie Darko“ stößt, dass wichtige thematische Übereinstimmungen gegeben sind, in „Schuld und Sühne“ eher deutlicher, in „Donnie Darko“ bewusst versteckt.

In beiden Filmen geht es um die vergangene Moral, um letzte Verfechter dieser in den 80er Jahren endenden Zeit, in welcher man begann eher gedankenlos zu handeln, Minderheiten-unterstützendes Denken für Fragwürdigkeiten zu missbrauchen, für seine Taten keine Verantwortung mehr zu übernehmen und (romantische) Träumereien den anderen zu überlassen.

Letztgenanntes scheint nicht auf Schimanski zu passen, war er nie der kleine Softie von nebenan. Aber in Form von Altersweisheit wird die Titelfigur schon bewusst sanft dargestellt, reagiert auf Provokationen mit ruhiger, fast trauriger Stimme, anstatt mit Aggression. Und diese Treue zu Freundschaften und alten Werten kann man wohl schon als eine Art Romantik mit dem Vergangenen, als Nostalgie bezeichnen, auch wenn der Grundcharakter der eines harten Kerls ist. Ohnehin ist gerade die „Schimanski“-Reihe mit dem alten Helden der 80er Jahre die perfekte Plattform, um mit Elementen des amerikanischen Ausnahmefilmes zu kooperieren, bietet sie sich thematisch doch ganz natürlich dafür an.

Während die Seele der Geschichte sich also deutlich an „Donnie Darko“ klammert, und damit bewusst Kritik an der heutigen Gesellschaft ausübt, findet die äußere Erscheinung anhand eines Kriminalfalles statt, dem man seine gute Inszenierung nicht abstreiten kann. Die Besetzung leistet hervorragende Arbeit ebenso wie Kamera und Regie. Der 16. „Schimanski“ schaut sich nur selten wie ein Fernsehfilm und lässt das Niveau heutiger, typischer Krimi-Reihen deutlich hinter sich.

Mit etwas belustigendem Blick kann man auch einen Vergleich Richtung „Kommissar Klefisch“ wagen, sind doch beide Kriminalisten A.D. ähnlichen Alters und könnten unterschiedlicher wohl kaum sein. Der eine ist der Rentner in Reinform, kaum in der Lage sich eigenständig zu bewegen, der andere ist in körperlicher Topform und artikuliert auch noch wie ein Mann, der mitten im Leben steht.

Wie dem auch sei, was Schimanski bei seinen Ermittlungen so an die Oberfläche befördert, welche überraschenden Wendungen es so in der Geschichte gibt, das sind alles Situationen, die Interesse wecken und trotz ihrer Nähe zum Reißerischen niemals die Grenze zum Unangenehmen überschreiten. Ein Glück, dann stünde der Harmonie zur „Donnie Darko“-Philosophie etwas im Weg, was nicht vereinbar wäre.

„Schuld und Sühne“ ist nicht gedankenlos erzählt, orientiert sich hier am titelgebenden Ex-Kommissar und geht noch einen Schritt weiter: die komplette Geschichte ordnet sich dem Schimanski-Charakter unter. Eine solche Vorgehensweise hätte auch in die Hose gehen können. Da der Charakter Schimanskis jedoch nicht oberflächlich herausgearbeitet wurde, sondern auf sehr sensible und gut analysierte Art, spiegelt sich diese positive Eigenschaft, eben wegen besagter Unterordnung, auch im gesamten Kriminal-Drama wieder. Der 16. Schimanski  ist eine große TV-Überraschung, eher Kinofilm als TV-Produkt und längst nicht so oberflächlich wie die vielen Kriminal-Reihen heutiger Tage.


Episodenführer,   OFDb

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