Dienstag, 18. Dezember 2012

CODE 46 (2003 Michael Winterbottom)


In der Zukunft sieht ein Gesetz wegen alltäglicher Klonnutzung vor, dass Menschen mit zu ähnlicher DNA sich nicht vermehren dürfen. Unwissend kommt es zu solch einer Einigung. William, der einen Betrug in einem großen Konzern aufdecken soll, verliebt sich in die Verdächtige Maria, schützt sie sogar, in dem er wen anders für ihre Verbrechen entlassen lässt und schläft schließlich mit der attraktiven Frau. Als er nach kurzer Zeit zu ihr zurückkehrt, erinnert sie sich nicht mehr an ihn...


Wärme in Kälte...

Die Welt in der „Code 46“ spielt lässt sich mit jener aus „Gattaca“ vergleichen. Eine unbestimmte Zukunft, in der Situationen von heute weitergedacht werden, um das Morgen zu erschaffen. Klonen ist Alltag. Vernachlässigte Menschen leben im unorganisierten Dreck, während die Elite in kühlen Städten haust, in denen per DNA alles geregelt wird. Menschen werden entweder natürlich oder in vitro geboren. Fähigkeiten, die der Körper nicht besitzt, können mittels Viren gemietet werden. Der Staat kontrolliert wer aufgrund seiner Gene und deren Defekte was machen darf.

Während „Gattaca“ sich komplett auf das System der Zukunftswelt konzentriert, arbeitet Winterbottoms Film mit einem ganz anderen Kniff. Er lässt uns diese Welt nach kurzer Anlaufzeit im Hintergrund erleben. Im Vordergrund steht eine Liebe, eine solche, die in der Zukunft verboten ist. Wir erleben das Drama eines Paares, von dem der eine verheiratet ist, und die andere eine Gedächtnislöschung erlebt hat. Sie ist kriminell, er steht auf der anderen Seite des Gesetzes. Die Grundvoraussetzungen sind alles andere als ideal, ein Happy End erscheint unmöglich.

Winterbottom zeigt eine kühle Welt, ähnlich der einer heutigen Großstadt, die deswegen unangenehmer wirkt, weil der Staat die Kontrolle hat. Ansonsten ist vieles von heute wiedererkennbar, und die aus heutiger Sicht realitätsnahe Zukunft kann einem schon ein Schaudern auf dem Rücken bescheren, sind doch heute bereits einige Weischen in diese Richtung gestellt.

Ich würde „Code 46“ als Kunstfilm bezeichnen, denn Regisseur Michael Winterbottom schafft etwas unglaubliches, etwas, dass wenn man seine Vorgehensweise beobachtet, Kernpunkt des Films ist. Winterbottom sucht die Wärme in der Kälte. Er fängt in der kühlen Welt schöne Bilder ein. Hübsche Gesichter erfahren häufig Nahaufnahmen, die Kamera kreist geradezu um das schöne Gesicht Marias. Der Effekt wird verstärkt durch ihre Kurzhaar-Frisur, mit welcher das Gesicht mehr zur Geltung kommt.

Die leere Großstadt am Morgen erscheint kühl und wird farblich doch in sanfte Bilder gehalten. Das komplette Werk wirkt poetisch, unterstützt von einer Musik, die den Bildern ähnelt: kühle Elektromusik, die jedoch sanft klingt und den zarten Grundton des Films unterstreicht.

Optisch erreicht der Regisseur dieses Ergebnis mit manch interessanten Einstellungen. Ein Diskobesuch bei flackerndem Licht zeigt uns die zu Techno tanzenden Protagonisten. Zwischendurch wird der Bildschirm komplett schwarz. Mit jedem kurzen Aufleuchten fallen die grünen Augen Marias auf. Grün, eine an sich kühle Augenfarbe, umgeben vom sanften Gesicht der Maria, wieder dieser Widerspruch: kühl und doch warm, unangenehm aber anziehend anstatt abstoßend.

So geht es wohl auch William, der sich trotz der abstoßenden Gefahr auf das sinnliche Erlebnis mit Maria einlässt. Der immer wieder auftauchende Widerspruch wird inhaltlich provokativ in Szene gesetzt, wenn Maria aufgrund eines ihr eingesetzten Virus nach der Abtreibung den Körperkontakt zu William automatisch als abstoßend empfindet. Dennoch will sie Sex, und den bekommen beide auf ungewöhnliche Art. Wieder geben sich Kühle und Wärme, Anziehung und Ablehnung die Hand.

Spätestens die Sexszene lässt durch eine sehr gewagte Kameraeinstellung die nicht amerikanische Herkunft erkennen. „Code 46“ ist Europakino, das in der Regel anspruchsvoller ist als jenes aus den Vereinigten Staaten. Dies zeigt sich jedoch bereits im oben von mir angerissenen Aspekt, dass der Aufhänger, die kühle Zukunft, zur Nebensache verkommt. Und Winterbottom geht noch einen Schritt weiter, einen mit dem die Amis nie arbeiten würden: er zeigt diese fern und doch so nah wirkende Zukunft wertefrei.

Schaut man einmal genauer hin, gibt es einige Elemente, die für einen solchen Film typisch gewesen wären, die komplett umgangen werden. Die Ausgestoßenen müssen nicht ausgestoßen bleiben, wie Marias Fall zeigt. Anders herum ist es ebenso. Der Staat sagt zwar wer was darf, aber jedes im Film erwähnte Beispiel gibt der Allwissenheit des Systems unbenannt recht, anstatt es als falsches System darzustellen.

Winterbottom prangert die gezeigte Staatsform nicht an. Er nutzt sie nur, um eine ungewöhnliche Liebesgeschichte in einer fremden Welt zu erzählen. Er braucht diese Welt, da ohne sie weder die Probleme noch die Menschen dieser Liebesgeschichte existieren würden. Wie gut oder wie schlecht wir die Zukunft empfinden, überlässt er uns selbst. Er zeigt zwischen den Zeilen aber auch deutlich, dass die ach so ferne Welt der heutigen nicht unähnlich ist. Das zeigt bereits der titelgebende „Code 46“, der zu heutigen, ähnlichen Gesetzen nicht im Widerspruch steht. Magst Du das Heute aber verachtest das Dir fremd erscheinende Morgen, wie es in „Code 46“ präsentiert wird? Ist dies legitim oder ein Widerspruch? Das ist eine schwere Frage.

Bis zum interessanten Schluss schafft es Winterbottom, einen sanft in eine kühle Welt eintauchen zu lassen, in der Menschen, die keine Individualität zu haben scheinen, in Zweisamkeit und kleinen Gruppen beweisen, dass sie diese eben doch besitzen. Sein Film ist zart und sanft, gleichzeitig bitter und kühl. Und genau mit diesem Widerspruch, an dem sich alles im Film orientiert, entlässt er uns mit dem letzten Satz aus Marias Off-Kommentar, der uns das komplette Werk über zwischendurch begleitet. Der letzte Satz steht Pate für die komplette Vorgehensweise des Regisseurs. Wieder einen sich positive mit negativen Gefühlen, auch wenn diesmal letzteres dominiert. 


Trailer,   OFDb

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