Samstag, 22. Dezember 2012

GEHEIMNISSE EINER SEELE (1926 Georg Wilhelm Pabst)


Ein Mann korrigiert mit seinem Rasiermesser gerade die Frisur seiner Frau, da hört er einen Hilferuf von nebenan und verletzt versehentlich den Nacken seiner Gattin. Nebenan geschah ein Mord mit einem Rasiermesser, eine Tatsache die den Mann derart beunruhigt, dass er von nun an kein Messer mehr anfassen kann. Als nun auch noch der Zwang in ihm aufkommt seine Frau zu töten, sucht der Mann einen Arzt auf. Dieser macht mit seinem Patienten über mehrere Monate eine Therapie auf der Basis der Psychoanalyse. Es kristallisiert sich eine unbewusste Eifersucht auf den Vetter der Gattin heraus...


Gepriesen sei die Psychoanalyse...

Der Film beginnt mit einem kurzen Anriss was die Psychoanalyse ist, und wann und wie sie angewendet wird. Auch wenn dieser von Freud herausgearbeitete Bereich der Psychologie zu Drehbeginn schon etwa 30 Jahre bestand bzw. erforscht wurde, so steckte er doch noch immer in den Kinderschuhen (streng gesehen ist dies bei der Psychologie allgemein ja auch noch heute der Fall). Deshalb kann man „Geheimnisse einer Seele“ sicherlich seine Schlichtheit verzeihen, welche die Psychoanalyse auf ein relatives einfaches Heilmittel reduziert, gezeigt anhand recht schlichter, etwas blauäugiger und naiver Bilder.

Mit einher geht selbstverständlich auch die Prüderie vergangener Tage. Heutzutage hätte man filmisch direktere Möglichkeiten in einer kranken Seele zu bohren und dürfte extremere und fragwürdigere Bilder und Begehren aufgreifen. Aber ein Film ist nun einmal immer ein Produkt seiner Zeit, und was Regisseur Pabst hier so alles zwischen den Zeilen zu zeigen vermag, ist schon nicht ohne. Sei es der Schatten des Vetters auf dem Unterleib der Gattin oder das Schwingen der Hüften beim Wunsch des Erdolchens. Pabst findet viele Wege der Symbolik, manchmal offensichtlich, manchmal verstrickt.

Das ist auch nicht ohne Grund so, denn wenn der Streifen zur zweiten Hälfte hin fast zu einem Dialogfilm mutiert (erstaunlich für einen Stummfilm), dann wird über Zusammenhänge, Rückblicke und zweite Sichtungen manche Symbolik entschlüsselt, die zuvor lediglich zu erahnen war oder schlichtweg auf den unwissenden Zuschauer rätselhaft wirkte.

Hauptsächlich betrifft dies die Traumsequenz des Protagonisten, die man wohl als optischen Höhepunkt dieses Psycho-Dramas bezeichnen darf. Hier wird tief in die Trickkiste gegriffen. Man erlebt Bildüberblendungen, verzerrte Optik, Spiel mit Schatten und Dunkelheit (die schaukelnden Köpfe an den Kirchturm-Glocken), Verdoppelung, kurzum: Pabst schafft es ein glaubhaftes Traumbild zu entwerfen, verworren auf den ersten Blick, entschlüsselt während der Psychoanalyse.

1926 baute man noch stark auf Traumdeutung. Mehr noch, sie wird als wichtigster Punkt der Therapie beschrieben. Ob das heute noch so ist wage ich als Nichtwissender anzuzweifeln. Nicht nur dies macht den Zeitraum der Handlung aus heutiger Sicht etwas schwankend, denn der Film spielt laut Texteinblendung zu Beginn in der Gegenwart.

Nicht nur dies wurde damals als Stilmittel genutzt um den Zuschauer direkt anzusprechen. Auch die Anonymität der Figuren versucht eine direkte Brücke zum Filmbetrachter aufzubauen. Die Schauspieler mit ihren Rollen werden schlicht vorgestellt als der Mann, die Frau, der Arzt, etc. Der Kniff weiß zu gefallen.

Letztendlich ist Pabsts Film eine Art Werbevideo. Er versucht dem Durchschnitts-Bürger nahe zu bringen was Psychoanalyse ist und wie sie funktioniert. Erzählt wird dies über eine packende, teilweise recht spannende, Geschichte, die, wie der Eingangstext betont, versucht wurde lebensnah zu halten, um das realistische Umfeld einer solchen Situation aufzuzeigen.

Sicherlich war schon 1926 das Thema des Films ein sehr trockenes. Das würde zumindest die flotte Umsetzung Pabsts erklären. Der versucht nämlich alles, damit dem Zuschauer nicht langweilig wird. Dies betrifft nicht nur den eigentlichen Handlungsablauf, der z.B. mit der aufwendigen Traumsequenz aufgewertet wird. Auch handwerklich sorgt Pabst dafür, dass dem Auge niemals langweilig wird.

Wie zur Stummfilmzeit üblich arbeitet Pabst fast nur mit einer starren Kamera. Erst im arg süßlich gehaltenen Epilog gibt es Kameraschwenks zu sichten. Das starre Bild des restlichen Filmes hängt sich aber nie zu lange an einer Perspektive fest. Im Gegensatz zu vielen anderen Stummfilmen, die eher wie ein abgefilmtes Theaterstück wirken, setzt Pabst für die Entstehungszeit flotte Schnitte. Nahaufnahme und Aufnahme des Gesamtumfeldes wechseln sich ebenso ab wie Innen- und Außenaufnahmen.

Völlig ohne den Wechsel von Gesamtkulisse und Nahaufnahme wäre die Geschichte auch gar nicht zu bewerkstelligen gewesen. Denn manche Bedrohung, ein rätselhafter Gesichtsausdruck und manch anderes ließe sich sonst gar nicht darstellen und gehört zu den Haupteckpfeilern der Therapie.

Die Mimik spielt in der Vorbereitung der Auflösung eine große Rolle, und so wird selbst von Darstellern, die für die eigentliche Geschichte eher schlichte und unbedeutende Figuren verkörpern, ein hohes Maß an Schauspielkunst erwartet. Sie mag im damals filmtypischen ans Theater orientierten Spiel heute etwas banal oder überzogen wirken. Für damalige Verhältnisse waren die Ansprüche von Pabst an die Schauspieler aber sicherlich hoch zu nennen.

Begleitet wird der Film von Klaviermusik von Ekkehard Wölk, die meist ein wenig gewöhnlich klingt, aber auch ihre sehr guten Momente hat. In traurigen Passagen trifft der Komponist den richtigen Nerv, und hin und wieder gibt es musikalisch auch Spielereien, beispielsweise wenn das Klavier das Klingeln des Telefons ersetzen darf.

Sicherlich schreckt viele Cineasten das Genre Drama ab, wenn es um den Bereich des Stummfilms geht. „Geheimnisse einer Seele“ sollte man sich aber ruhig einmal genehmigt haben. Für Freunde der Spezialeffekte gibt es viel zu entdecken, z.B. das Entstehen einer Stadt aus dem Nichts (wie so viele andere Traumsequenzen sogar gleich doppelt zu bewundern). Der Grusel-Fan, der theoretisch im falschen Film sitzt, dürfte eine Menge Spaß mit der längeren Traumsequenz haben.

Allgemein ist die Geschichte immer interessant gehalten, auch wenn Psychoanalyse für die meisten heute kein Fremdwort mehr ist, und das Gezeigte recht Vereinfacht präsentiert wird. Das ist auch gar nicht weiter wild, denn dramaturgisch gesehen greift der Film fast nie daneben, was mitunter auch an der guten Darstellung der Hauptrolle liegt. Erst im Epilog haut Pabst daneben und zeigt ein sehr verkitschtes Finale, eines wie man es heute im Amerika-Kino erwarten würde.


OFDb

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