Dienstag, 18. Dezember 2012

WILLARD (1971 Daniel Mann)


Willard ist ein unterdrückter junger Mann. Seine kranke Mutter ist dominant, sein Chef macht ihn fertig. Als der merkwürdige Willard sich mit Ratten anfreundet, findet er durch sie auch einen Weg es seinen Peinigern zu zeigen...


Mein Freund, die Ratte...

„Willard“ ist ein interessanter Film. Dies verdankt er seiner Entstehungszeit, in der Außenseiter-Themen wie dieses anspruchsvollerer umgesetzt wurden. Die Geschichte selbst ist lediglich o.k. zu nennen, aber die Art der Umsetzung und Darstellung sorgt für das besondere Filmerlebnis, ohne dass man gleich zu euphorisch von einem Meilenstein sprechen muss.

Die Art wie Willard den Ratten näher kommt, wie er ihnen etwas beibringt und letztendlich Sokrates geschenkt bekommt wird schleichend und mit einigen Überraschungen herausgearbeitet. Im Gegensatz dazu stehen die sehr flotten Tatsachen-Umwürfe Richtung Finale, z.B. wenn relativ schnell aus dem nur halbbeliebten Ben der Feind wird, oder auch Willards willkürliche Massentötung der Ratten.

Der Charakter des Willard ist interessant herausgearbeitet. Gezeigt wird uns ein schleichender Weg von einer kleinen teilnahmslosen Andersartigkeit bis zum Wandel in eine geistige Krankheit. Der Film malt nie schwarz weiß, was z.B. bei Willards Beziehung zu seiner Mutter auffällt.

Er steht unter ihrer Fuchtel, sie ist ein dominanter Mensch. Auf der anderen Seite ist er aber auch ein unzuverlässiger Träumer, der nichts ernst zu nehmen scheint und sich für nichts genügend Mühe gibt. So ist die ein oder andere Reaktion der Mutter verständlich, während manch andere Bemerkung sie zum Buhmann macht.

Ähnlich ergeht es Willards Kontakt zum Chef, der ohne jede Frage ein Arschloch ist. Aber Willards Arbeitshaltung sorgt für Momente, wo aus dem Arschlochgehabe ein für den Zuschauer verständlicher Zorn wird.

Dieser Horrorfilm ist in Satire-Form erzählt. Die Art wie auf Willards Geburtstag betont wird, dass alle Freunde von ihm und der Mutter anwesend sind ist ein gutes Beispiel, besteht die Party des besagten Anlasses doch nur aus Gästen im greisen Alter. Ähnlich humorvoll wurde die Beerdigungsszene inszeniert, in der es um den Leichenschmaus geht. Hier entgleist die Satire jedoch durch zu dominantem Klamauk überagierender Schauspieler. Und die nervig aufdringlichen, deutschen Synchronstimmen, die ohnehin des öfteren stören, können auch nicht gegen eine Negativwirkung lenken.

In der damaligen Zeit, in der, ähnlich wie heute, die Arbeitswelt wieder härtere Grenzen zwischen Arm und Reich schob, lässt sich natürlich auch eine gewisse Analyse einer solchen Geschichte nicht vermeiden. So könnte man fast überspitzt behaupten, dass Willard eine Art Superheld ist. Er, der einst über seinen Vater dazugehörte, rächt sich nun an den Reichen, die ihm alles nahmen. Er gehört nun zur Unterschicht, was der Rattenkontakt zeigt. Aber die Ratten, als Symbol der Unterdrückten, rebellieren nun, angeführt durch einen der mal zu den Reichen gehörte und dann selbst die Ungerechtigkeit am eigenen Leib erfuhr.

Man sollte bedenken, dass man in alles auch zu viel hineininterpretieren kann, aber in einer gewissen Weise finde ich passt meine Deutung. Und früher konnte noch niemand ahnen wie utopisch diese Vorstellung ist. Durch moderne Technik und der Globalisierung scheint es kaum mehr möglich sich aus den Griffen des modernen Faschismus, den Kapitalismus, zu befreien. Aber zur Entstehungszeit schien das ganze noch möglich. Bleibt nur die Frage offen, was in einer solchen Interpretation Willards fragwürdiger Geisteszustand bedeuten soll!? Wehrt man sich erst wenn man dem Irrsinn nahe ist? Gute Frage, noch wehrt sich niemand und der Irrsinn im Alltag wird heutzutage immer stärker.

Die Musik ist eher nervig, die Kamera arbeitet schlicht aber effektiv, und die Schauspieler in den wichtigen Rollen wissen zu überzeugen. Lediglich die neue Freundin Willards bleibt bis zum Schluss blass. Der Film lebt von der interessanten Erzählung einer fast banalen Geschichte. Er arbeitet aber nicht, wie für das Genre üblich, mit Gruselstimmung bzw. Spannung im Allgemeinen. „Willard“ lebt viel mehr vom Skurrilen und von den einzelnen Szenen, denen man die Mühe und das Talent ihrer Erschaffer anmerkt. Innovative Dialoge, geglückte Tierdressur, gut gewählte Locations und ein konstantes Einhalten der innereigenen Logik zeichnen dieses Werk aus.

Die gleichnamige Neuverfilmung ist zwar eine Spur steriler, ist aber ebenfalls nett umgesetzt, und arbeitet zur zweiten Hälfte sogar mit eigenen Ideen. Dennoch bleibt sie im Vergleich nur ein glattpoliertes Produkt. Der alte „Willard“ besitzt viel mehr Ecken und Kanten, wirkt dadurch selbstverständlich veraltet in einer Kinozeit, in der das nicht erlaubt ist, ist aber eben durch den alten Stil genau die Art Film, die man auch in 100 Jahren noch gucken kann. Auch die Fortsetzung „Ben “ ist zu empfehlen. Zur Zeit sind aber beide alten Filme schwer aufzutreiben.


Trailer,   OFDb

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen