Sonntag, 20. Januar 2013

CHERNOBYL DIARIES (2012 Bradley Parker)


Amerikaner auf einer Tour durch Europa nehmen an einer Extrem-Tourismus-Veranstaltung teil und besuchen den leer stehenden Ort neben dem Reaktor von Tschernobyl, bei dem es einst zum Unglück kam. Nach einigen Stunden vor Ort springt bei dem Versuch den Heimweg anzutreten das Auto nicht mehr an. Es wird Nacht, und so langsam wächst in dem abenteuerlustigen Team der Verdacht, dass sie in der radioaktiven Stadt doch nicht so allein sind wie gedacht...


Der Titanic unter den Horrorfilmen...

Regisseur Oren Peli feierte Jahre zuvor einen riesen Erfolg mit dem Spukfilm „Paranormal Activity“, da kam ihm die Idee Extremtouristen im Gott verlassenen Tschernobyl stranden zu lassen. Er übergab den Job der Regie Neuling Bradley Parker und produzierte lediglich seine selbst niedergeschriebene Idee. Aber eine Kameraführung, die einen glauben macht hier würde eine Semi-Doku a la „Blair Witch Project“ und Pelis eben erwähnter Kinoknüller gedreht, lässt einen die ganze Zeit spüren, dass Peli nie sehr fern ist.

Der Kamerastil macht viel am Ergebnis von „Chernobyl Diaries“ aus. Wie erwähnt guckt er sich so, als ob einer der Protagonisten alles mit einer Handkamera festhält, aber wir erleben hier einen Film aus der Sicht eines Dritten, die klassische Erzählweise seit es Kino gibt, lediglich mit einer dynamischeren Kameraführung umgesetzt. Das guckt sich recht sympathisch, da nicht so verwackelt wie der Typ Film aus dem man das kennt, und damit passt der Stil zum Rest des Streifens, der ebenfalls meine Sympathie gewinnen konnte.

Setdesigner und die Verantwortlichen für die Drehorte leisten hervorragende Arbeit. Abgedreht irgendwo in Ungarn glaubt man tatsächlich vor Ort in Tschernobyl zu sein, so trostlos leer kommen die Plattenbauten daher und so düster wirkt in der Nähe das Atomkraftwerk.

Durch den Farbfilter und der heruntergekommenen Stadt schleicht sich optisch durch die Psyche des Zuschauers immer ein Gefühl von Radioaktivität ein, und das ist nur eine dieser Grundstimmungen, die den Betrachter des Filmes mulmig werden lassen. Noch lange bevor etwas passiert ist man schon mitten eingetaucht in die dichte und unglückselig stimmende Atmosphäre eines Streifens, dessen Story manch Pseudo-Intellektuelle sicherlich aufgrund des tatsächlichen Unglücks aus den 80er Jahren und dessen Opfern verurteilen. Einen Unterhaltungsfilm auf derartige Schicksale aufzubauen halte ich persönlich für legitim, zumal das Kino seit seiner Entstehung, wie man am Beispiel der vielen Verfilmungen von „Titanic“ sehen kann, immer wieder auf derartige Themen zurückgreift.

Was hier einst geschah ist perfekte Grundlage für einen Horrorfilm, und Neuling Parker weiß die Spannungsfäden immer in der Hand zu halten. Nie bricht sie ab, die unangenehme Atmosphäre, die mich selbst beim ersten Sichten um 1 Uhr nachts nie losgelassen hat. Für einen Debütanten ist das Ergebnis schon beeindruckend. Einen Film auf diese Art aufbauen, das können viele. Aber oft wenn der eigentliche Horror anfängt, beginnen solche Werke zu schwächeln. „Chernobyl Diaries“ ist da anders, auch wenn man eingestehen muss, dass das letzte Drittel, in welchem die Post abgeht, im direkten Vergleich schwächer ist.

Und nein, was hat es die erste Stunde in sich, wenn sich aus den unangenehmen Standard-Teenies der US-Horrorfilmwelt so langsam Persönlichkeiten herauskristallisieren, mit denen man mitfiebern kann, noch lange bevor etwas geschieht. Allein die böse Ahnung schwebt in der Luft, immer wieder bestätigt durch kleine Momente wie der Vertuschung der Feuerstelle vom Reiseleiter aus in einer der verlassenen Wohnungen.

Seine stärksten Momente hat „Chernobyl Diaries“ immer dann, wenn er sich dem Tier-Horror zuwendet. Inmitten der Einöde auf streunende Hunde zu treffen weiß einem den Atem zu stocken. Und auch wenn die für den Zuschauer noch unsichtbaren Verfolger thematisiert werden liegt Hochspannung in der Luft, zumal man als äußerer Betrachter auch immer die Frage nach der Radioaktivität in der Luft und ihre Auswirkung im Hinterkopf hat. Dementsprechend wirksam kommt ein simpler Sturz einer Frau in ein Gewässer daher. Sofort ist er da, der Gedanke der Verseuchung. Ob er nun Sinn macht oder nicht, packend ist das alle Male.

Meiner Meinung nach wäre Parker ein gelungeneres Stück Film geglückt, wenn man die Thematik eines „Hügel der blutigen Augen“ außer Acht gelassen hätte und die Bedrohung die Radioaktivität sowie streunende Hunde oder vielleicht noch eine handvoll heimatloser Gammler hätte sein lassen, anstatt mit der tatsächlichen Hauptthematik zu arbeiten, die ganz deutlich auch ihre Reize besitzt, inklusive eines kaum angedeuteten Sub-Plots einer Verschwörungstheorie, aber nicht wirklich hätte sein müssen.

Die Teens durch ein trostloses Stück radioaktives Land stampfen zu lassen mit zu wenig Munition, nur einem Menschen welcher der Landessprache mächtig ist, und dem eigentlichen Verbot überhaupt vor Ort sein zu dürfen, hätte in Kombination mit der Hundemeute für mich durchaus gereicht um einen geglückten Film abzuliefern. Orientierungslos laufend durch die Nacht in der Hoffnung lebend die Grenze zu erreichen, das hätte Potential gehabt als lupenreiner Thriller ohne tatsächliche Horror-Elemente zu wirken. Ähnliches dachte ich mir einst bei „The Descent“, und hier wie da ist die unnötige unheimliche Alternative auch nicht von schlechten Eltern, also was soll‘s.

„Chernobyl Diaries“ sollte man sich auf jeden Fall nicht entgehen lassen, ist er doch trotz seines eher einfallslosen letzten Drittels ein spannender hochatmosphärischer Gruselfilm, der durch zu viel Aktion und Hektik im Finale leider zum eher ungruseligen Horrorfilm umschwenkt, dort auf seine Art aber auch noch zu gefallen weiß. Der Schluss hätte meiner Meinung nach etwas individueller ausfallen können, aber konsequente Alternativen gibt es da nur sehr wenige. Von meiner Seite aus gibt es trotz der vorhandenen Schwächen auf jedem Fall eine Empfehlung. Ohne Erwartungen herangegangen und derart überrascht werden, das gibt es im Cineastenleben nicht so oft wie man es gerne hätte und im Mainstream-Bereich, zu dem „Chernobyl Diaries“ ganz deutlich zählt, noch weniger. Dass der Film auch bei einer Zweitsichtung funktioniert, davon habe ich mich bereits persönlich überzeugt. Also auch hier: grünes Licht!

Kommentare:

  1. Hmmmmmm ich habe mir diesen Film vor kurzem angesehen und er hat mir überhaupt nicht gefallen. Nach dem Trailer hätte ich mit einen tollen Grusler gerechnet aber stattdessen bekam ich die schreckliche Wackelkameraführung, seelenlose Charaktere und spannungsarme Szenen. Man kann hier sagen das die besten Szenen schon im Trailer verbraten wurden denn mehr bekommt man nicht geboten. Wenns mal zur Sache geht ist die Szenerie so dunkel das man alles nur erahnen kann und das Ende ist auch kein Highlight. Ich kann hier nicht mal eine kleine Empfehlung aussprechen da ausser dem tollen Setting keine Punkte für diesen Film sprechen.

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    1. Ich kann Dir nicht mal widersprechen, dass der Film immer dann mau wird, wenn etwas passiert. Mir gefallen eher die ruhigen Szenen, gerade die lange Einführung der ersten 30 Minuten und das lange Hinhalten bis zu dem Zeitpunkt, wo der Wagen zerlegt wurde. Dass vielen die Wackelkamera missfällt kann ich verstehen, auch wenn ich persönlich diese Found-Footage-Filme (zu denen Chernobyl Diaries ja schon fast gehört) sehr mag..

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