Donnerstag, 10. Januar 2013

HILFE, MEINE FAMILIE SPINNT (1993 Michael Zens)


Schuhverkäufer Jupp Strunk wohnt zusammen mit seiner faulen Ehefrau, der dummen Teen-Tochter und dem heranwachsenden Schlitzohr-Sohn und ist mit seinem Leben unzufrieden. Als nebenan ein glückliches junges Ehepaar einzieht, lehren die Strunk-Eltern dem naiven Spießerpaar das wahre Leben...


Wiederholung in der Erstausstrahlung...

Eine schrecklich nette Familie“ lief damals zusammen mit „Wer ist hier der Boss?“ in der Dauerschleife im Nachmittags-Programm von RTL. Die Serie war nun mehrere Jahre auch in Deutschland erfolgreich, so dass RTL ein Produktionsstudio beauftragte eine deutsche Version des Stoffes zu drehen.

Was nicht nach Qualität klingt kann täuschen. Immerhin bewies Pro 7 mit „Stromberg“, dem deutschen Remake des britischen „The Office“, dass man auch deutsche Interpretationen eines qualitativ hohen vorhandenen Stoffes mit Niveau bewerkstelligen kann.

„Hilfe, meine Familie spinnt“, die deutsche Version von „Eine schrecklich nette Familie“, wurde jedoch nicht neu interpretiert, sondern schlichtweg kopiert. Und da reden wir nun nicht nur vom Konzept, sondern schlichtweg von jeglichem Handlungsablauf bis hin zum kleinsten Dialog. Wo man beim „Psycho“-Remake noch über Sinn und Unsinn diskutieren kann, gibt sich das deutsche Bundy-Remake als kreativloses Schnellschuss-Produkt, in der Hoffnung vom großen Geldkuchen noch ein wenig mehr absahnen zu können.

Deutsche, die 1 zu 1 Amerikaner nachspielen wäre da ein wichtiger erster Fehler den es zu kritisieren gäbe. Aber so weit braucht man gar nicht erst zu greifen. Mann muss nicht erst die Situation analysieren um „Hilfe, meine Familie spinnt“ den Schrottstempel aufzudrücken. Das Produkt ist nämlich derart lieblos zusammengestellt, dass erste Blicke reichen um zu erkennen, dass die Verantwortlichen das Original gar nicht erst begriffen haben.

Als Titellied gibt es „Er gehört zu mir“ von Marianne Rosenberg. Der Name „Hilfe, meine Familie spinnt“ deutet den Humor der Bundys noch falscher als der deutsche Titel des Originals (dabei ist gerade der Originaltitel „Married With Childen“ so passend durch das späte Erscheinen der letzten beiden Worte in der Titelnennung im Vorspann).

Wo man 1 zu 1 kopiert, da fällt nur bedingt das fehlende Begreifen des Originals auf. Schaut man aber mal wie lieblos hier besetzt wurde, merkt man auch, dass es den Verantwortlichen nie darum ging sich Mühe zu geben (was mit begreifen meist Hand in Hand geht).

Jupp Strunk ist noch passabel besetzt mit dem damals durch „Wie bitte“ halbwegs bekannten Lutz Reichert. Ihm zur Seite wurde eine ältere Blondine gesetzt (wohl im Zuge der damals gerade anlaufenden Blondine-Witze-Welle). Hier hätten spätere Folgen immerhin Reaktionsvermögen der Drehbuch-Abschreiber abverlangt, so oft wie Bundy das rote Haar seiner schlechteren Hälfte betont. Christiane Zeiske ist fehlbesetzt und kann nicht einmal schauspielern.

Auf ihr Untalent achtet man jedoch kaum, denn die Kinder schießen nun den Vogel ab. Eine blonde Teenagerin, die nicht einmal attraktiv wirkt und ein Junge, der es nicht eine Sekunde schafft in seiner Rolle zu bleiben und nicht einen Hauch schurkisch wirkt sind das Ergebnis eines wahrscheinlich sehr kurzen Castings. Es wundert überhaupt nicht, dass beide Bälger nie wieder etwas gedreht haben. Dass der Regisseur dieser Zuschauer-Beleidigung bis zum Schluss nur Arbeiten in TV-Serien verrichten durfte, klingt nach gerechter Strafe.

Eine deutsche Asi-Familie zu zeigen klingt eigentlich gar nicht so übel. Und da eine deutsche Asi-Familie ohnehin ganz andere Merkmale und Erlebnisse hätte wie eine amerikanische, wäre das Konzept eines solchen Versuches wohl derart anders, dass man nicht einmal von einem Bundy-Remake sprechen müsste.

Heute ist der Zug jedoch abgefahren. Es dürfte wohl kaum noch wen interessieren wie ein paar deutsche Proleten sich gegenseitig den Tag vermiesen, wo man sie doch ständig live in Talk-Shows und Reality-Shows mal mehr mal weniger ungespielt und echt erleben darf. Dass es RTL aber damals nicht einmal versuchte und dem Publikum das vorsetzte, was nun bekannt, oder passender ausgedrückt unbekannt, wurde unter dem Titel „Hilfe, meine Familie spinnt“, ist ein Armutszeugnis aus Zeiten, wo einen das TV-Programm noch nicht komplett verarscht hat wie heute.

Wäre dieses Produkt heutzutage in Zeiten von gespielten Gerichts-Sendungen, Casting-Shows, 9 Live-Klonen auf „normalen“ TV-Sendern und Reality-Formaten entstanden, hätte man kurz mit den Achseln gezuckt und über die Geldgier, die das Produkt erst möglich machte, gelächelt. 1993 kam man sich hingegen komplett verarscht vor. Heute ist dies ein vom Publikum unverständlicher Dauerzustand.

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