Mittwoch, 20. März 2013

MULBERRY STREET (2006 Jim Mickle)


Eine Stadt leidet unter einer Rattenplage, und die Tiere haben es in sich: ein Biss verwandelt Menschen in Rattenmutanten...


Ben und Willard im selben Körper...

In der Theorie funktioniert dieser Film. Trotz seiner erst einmal arg trashig klingenden Geschichte waren hier Menschen am Werk, die nicht einfach schnell einen Film herunterkurbeln wollten. Nein, sie schnappten sich Darsteller über dem Durchschnitt eines B-Filmes, sie nahmen sich Zeit mit der Kamera richtig schöne Bilder mit Hilfe von interessanten Blickwinkeln einzufangen, man verwendete einen Farbfilter, der uns die Optik in einem tristen, dreckigen Braun präsentiert.

Die Geschichte beginnt sehr langsam. Die Figuren werden eingebracht ohne den Charakter auf dem silbernen Tablett zu servieren. Die Umsetzung der langsamen Erzählweise ist so zäh wie der Alltag in der Stadt, in der man vor Hitze und Schmutz sich so elendig fühlen muss, wie der langgezogene Kaugummistreifen, der sich hier Atmosphäre nennt und einfach nicht reißen will. Das ist psychologisch durchaus gut gedacht. Leider ist aber vieles, das in der Theorie hervorragend klingt, in der Praxis gar nicht mehr so gut.

Das liegt aber nicht an den verschiedenen Medien Drehbuch (bis zur Realisierung schließlich nur ein Buch) und Film, sondern daran, dass andere Dinge in der Theorie zu Beginn des Drehs nicht bedacht wurden. Im fertigen Werk leidet der Zuschauer wegen der quälenden Hitze und der Schmutzigkeit in der Stadt durch den psychologisch gewollten Effekt der zähen Erzählweise mit. Er bekommt als Belohnung aber leider nichts präsentiert, auf das er hoffen kann. Die Figuren werden zwar cineastisch gekonnt eingestreut, ein bisschen wie ein Puzzle, das der Zuschauer erst sortiert bekommen muss, es werden aber nie tiefere Charaktere daraus. Die Figuren bleiben einem fremd, sie lassen uns nicht in ihre Nähe. Also kann man sie nur beobachten, aber nicht mit ihnen mitfiebern.

Noch bevor nach 30 Minuten die erste Attacke in einem Lokal los geht, ist man bereits derart von der Langsamkeit dieses Filmes geschafft, dass man kaum noch zusehen möchte. Nach einer halben Stunde beginnt nun endlich auch mal die Action, mit ganz nett zurecht gemachten Rattenmenschen, die allerdings von den Protagonisten noch viel früher als solche erkannt werden, als es der Zuschauer selber merkt, immerhin sah man der ersten Infizierten ihre Rattenverwandtschaft noch gar nicht an.

Das klingt wie ein inhaltlicher Fehler, die wahre Schuld daran trägt aber die traurige Actionumsetzung von "Mulberry Street". Bei jedem Angriff wird fleißig mit der Kamera gewackelt, wir bekommen extremst schnelle Schnitte vorgesetzt und natürlich spielt auch alles im Dunkeln. Diese Fastzombies bewegen sich den Infizierten aus "28 Days Later" recht ähnlich, was heißt dass auch diese umherzucken zu flackerndem Licht mit wackeliger Optik und noch weniger Durchblick durch dümmliche Schnitte. Da kann kein Hauch von bedrohlicher Atmosphäre aufkommen.

Was der Film damit versucht zu verschleiern, wird mit dieser Methode nur um so deutlicher: es war zu wenig Geld da. Dabei sehen die Mutanten auf B-Film-Basis relativ putzig aus. Ihretwegen hätte man meiner Meinung nach so ein filmepileptisches Rumgezuckel nicht veranstalten müssen. Schade ist es auch um die sonst so schöne Optik.

Der erste Mutant lässt einen für einen kurzen Augenblick noch glauben, hier könne nun eine Geschichte in der Art der zwei "Dance Of The Demons"-Filme entstehen: halbe Stunde Vorgeschichte, dann Mutanten und dann eine blutige Verfolgungsjagd mit immer mehr Infizierten ohne Atempause. Die Szene mit dem ersten Rattenmutant im Lokal erinnerte sehr stark an die Geburtstagsszene im zweiten Teil dieser von Argento produzierten Dämonenreihe. Aber noch während der Attacke beginnt das Kopfschütteln und jede Hoffnung ist über Bord. Es fließt auch etwas Blut, aber den schnellen Schnitten sei Dank hat man daran ja nun auch keine Freude.

Mit dieser schlechten Horroraction-Umsetzung hätten wir nun auch endgültig des Rätsels Lösung, warum dieser Film keinen Spaß macht. Was einem nämlich nun noch bleiben müsste, zum trotzdem noch Dranbleiben, wäre die Neugierde auf den weiteren Verlauf der Geschichte. Doch der liegt so klar auf der Hand, dass man diesen Weg nicht mit den Filmfiguren gehen möchte, nur um immer wieder zu „sehen“, wie sie erneut attackiert werden. Das wäre o.k. in einem Film mit Charakteren, die einen mitfiebern lassen, aber das ist hier nicht der Fall.

Letzten Endes kann man den Film nur so gucken wie er konzipiert wurde: in der Theorie. Doch da kommen keine Gefühle bei rum, weder inhaltlich zum Film noch positiv zum Sehvergnügen. Stattdessen schlingt sich die Langeweile immer mehr um den Hals des Zuschauers, der irgendwann verzweifelt ausschaltet und sich damit endlich retten kann. Um die theoretisch verdammt gute Umsetzung in Optik, Schauspiel und Psychologie ist es schade.


Trailer,   OFDb

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