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Dienstag, 1. September 2015

DIE ANDERE SEITE DER STRASSE (O Outro lado da Rua 2004 Marcos Bernstein)


Um nicht als einsame Rentnerin zu versauern arbeitet Regina als Spitzel für die Polizei. Eines Abends beobachtet sie im Haus gegenüber einen älteren Herren, der seine kranke Frau umbringt. Sie meldet es, und bekommt am Tag drauf Ärger mit der Polizei solch eine Falschmeldung gemacht zu haben. Der Mann ist Richter, scheint aufgrund seines privilegierten Status davon gekommen zu sein, also forscht Regina auf eigene Faust nach. Eines Tages wird sie plötzlich vom Richter auf der Straße angesprochen. Der neue Witwer findet Regina anziehend. Zögerlich lässt sich die alte Frau auf ihren Nachbarn ein, lernt ihn kennen und beginnt an dem zu zweifeln was sie meint beobachtet zu haben...


Was er getan hat, und was sie getan hat...

Alfred Hitchcocks „Das Fenster zum Hof“ gehört zu den großen Thriller-Klassikern schlechthin. Ein Remake und diverse Kopien a la „Disturbia“ zog er nach sich, und auch Bernsteins „Die andere Seite der Straße“ klingt zunächst wie eine Variante des bekannten Stoffes. Allerdings entpuppt sich Hitchcocks Vorbild schnell nur als Fundament aus dem etwas völlig anderes wächst, etwas dem der Spannungsbogen eines Thrillers oder Kriminalfilms relativ egal ist. Der Film wird zu einem zwischenmenschlichem Drama, in dem Schuld und Unschuld mit jedem Stück Information und Annäherung verrückt, verwischt oder auch mal die Plätze tauscht.

Wir werden am Ende erfahren ob Regina richtig beobachtet hat, oder ob ihr Nachbar doch kein Mörder ist. Aber das ist gar nicht das zentrale Thema des Films. Hier geht es um ein romantisches Psycho-Drama mit Schwerpunkten wie Einsamkeit im Alter, den Schwierigkeiten eine Beziehung im Alter zu beginnen, es geht um verschiedene Wahrnehmungen, den Rechten die wir uns im Alltag herausnehmen, um Schuldzuweisungen und dem Lernen des Verzeihen könnens, um welches es in „Im Haus gegenüber“ (Alternativtitel) direkt auf mehreren Ebenen geht.

Und wer meint das klinge nun alles recht lahm: Marcos Bernstein entpuppt sich als sensibler Empath, der uns ein zärtliches Filmchen vor die Nase setzt, wie es nur der Freund der stillen Töne ihm zu danken weiß. „Die andere Straßenseite“ (Alternativtitel) sprudelt nur so über vor Emotionen und verkommt dabei nie zur Seifenoper. Auch streift er nie den Kitschbereich. Der Film ist gut beobachtet erzählt, die Psychologie der Figuren wird bestens verstanden, und Bernstein geht ehrlich mit dem um was er erzählt. Deswegen erleben wir harte wie sanfte Momente, in einem Film in dem es rein um Menschlichkeit geht. Die Wahrheit hat immer mehrere Seiten. Urteilen können wir schnell. Jemanden so gut kennen zu lernen, dass wir uns in ihn hineinversetzen können, dauert wesentlich länger. Ersteres darf nicht unser Leben bestimmen.

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