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Samstag, 1. Oktober 2016

THE BOY (2016 William Brent Bell)


Die junge Amerikanerin Greta nimmt in England einen Babysitter-Job bei einem älteren, vermögenden Paar an, nichts ahnend dass sie über mehrere Wochen auf die kindsgroße Porzellanpuppe Brahms aufpassen soll, welche die beiden wie einen richtigen Sohn behandeln. Greta soll dies in deren Abwesenheit ebenso handhaben und bekommt dafür eine Regelliste vorgesetzt, die es strengstens einzuhalten gilt um Brahms nicht zu verstimmen. Da Greta die Sache nicht ernst nimmt, tut sie nichts dergleichen. Als daraufhin merkwürdige Dinge geschehen, wächst in der Babysitterin der Verdacht dass die Puppe ein Eigenleben besitzen könnte...


Den Gute Nacht-Kuss nie vergessen...

Dass man einen Horrorfilm mit einer FSK-12-Freigabe vom Spannungsbogen her nicht zu unterschätzen braucht, bewies in den 90er Jahren bereits der höchst stimmige, wenn auch umstrittene „The Blair Witch Project“, den ich persönlich nie einem solch jungen Menschen vorsetzen würde. Selbiges gilt für „The Boy“, auch wenn er nicht halb so gruselig ausgefallen ist wie der Vergleichsfilm um eine Hexe im Wald. Zwar kommt der Spannungsbogen in „The Boy“ schleichend daher innerhalb einer ohnehin geduldigen Erzählweise und eines fast komplett von Spezialeffekten befreiten Filmes, womit auch brutale Bilder verhindert werden. Für einen Vor-Teenager ist das alles aber trotzdem nichts, verstehe da einer die Gelassenheit der Verantwortlichen für das geistige Kindeswohl.

Dass „The Boy“ fast frei von Spezialeffekten erzählt ist, verrät bereits dass wir es hier nicht mit einem Puppen-Horror a la „Chucky - Die Mörderpuppe“ oder „Dolls“ zu tun haben, in welchem ein Spielzeug durch die Gegend läuft und Menschen meuchelt. Die Geschichte geht viel mehr Richtung „Pin“ und „Pinocchio - Die Puppe des Todes“ und stellt sich somit der Frage ob die Puppe ein Eigenleben besitzt, ob die Babysitterin langsam den Bezug zur Wirklichkeit verliert, oder ob ihr jemand böse mitspielt. Genügend Fährten sind gelegt, um mitgrübeln zu können, und das Ganze ist recht passabel umgesetzt. Zwar ist die Geschichte bei weitem nicht so innovativ ausgefallen wie sie zunächst den Eindruck macht, aber bei geringen Erwartungen kann man über das Ergebnis wahrlich nicht meckern.

Handwerklich und stimmig ist „The Boy“ geglückt, auch wenn er sowohl in Sachen Tragik, als auch in Sachen Grusel ruhig etwas intensiver hätte ausfallen können. Die ruhige, stimmige und gekonnte Art mit welcher der Streifen umgesetzt ist, wird jedoch zum Vorteil und zeigt zudem, dass hier ein Regisseur mit einer gewissen Erfahrung zu Werke ging. William Brent Bell konzentrierte sich nach seinem Tragikomödien-Debut „Sparkle and Charme“ auf das Genre des Horrorfilms und drehte dort die thematisch unterschiedlichen Werke „Stay Alive“, einen Film um ein mörderisches Computerspiel, den Exorzismus-Streifen „Devil Inside“ und den Werwolf-Horror „Wer - Das Biest in Dir“. Gesehen habe ich bislang keinen der Vorgänger, was ich beizeiten nach dem unterhaltsamen Ergebnis von „The Boy“ jedoch nachholen werde.

So bizarr der Aufhänger von „The Boy“ klingen mag, der Kunstgriff zum Funktionieren des Filmes liegt darin, dass die Geschichte recht glaubwürdig, wenn auch mit leicht morbid märchenhaften Touch versehen, erzählt ist. Das zwischenmenschliche Spiel weiß intensiv zu wirken innerhalb einer Story in der hauptsächlich ein einzelner Mensch im Zentrum steht, und Lauren Cohan spielt die Hauptrolle gekonnt und zurückhaltend. Die verschiedenen Wandlungen, die sie im Laufe der Geschichte durchmacht, überzeugen alle, die verschiedenen Gefühlsregungen ebenso. Und da „The Boy“ sich atmosphärisch stets an ihrem Empfinden orientiert, und damit sehr sensibel ausgefallen ist, weiß das Treiben auch in seinen gewöhnlicheren Phasen zu funktionieren, eben weil Greta kein austauschbarer hohler Charakter ist, wie wir ihn in vielen anderen Genre-Beiträgen vorgesetzt bekommen.

Wer eine große wilde Horror-Show erwartet ist freilich im völlig falschen Film. Freunde gruseliger Unterhaltung jedoch leider auch. Wer aber auch sensiblen Stoffen im Horrorbereich nicht abgeneigt ist und wem Charakternähe und eine gekonnt ruhige Umsetzung ohne Leerlauf zu gefallen weiß, der wird sicherlich gerne auch mal zur Abwechslung auf blutige Bilder und eine in Terror getauchte Geschichte verzichten. Zwar ist „The Boy“ keinesfalls so klassisch ausgefallen, wie man es von einem in einem Herrenhaus in England spielenden Film meinen könnte, zumal eine der möglichen Auflösungen auch im Spukbereich liegen könnte, eine unterhaltsame Abwechslung zu den immergleichen Horrorwerken unserer Zeit ist Bells Werk jedoch allemale. Allerdings wird er nicht zum Geheim-Tipp a la „Ich seh, ich seh“, „Der Bunker“ oder „It Follows“, dafür fehlt ihm dann doch das gewisse Etwas.


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