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Sonntag, 2. Oktober 2016

TUSK (2014 Kevin Smith)


Der amerikanische Podcaster Wallace Bryton reist nach Kanada. Auf der Suche nach ungewöhnlichen Stoffen für seine Sendung landet er bei einem alten Seemann, in dessen Gefangenschaft er gerät. Der gestörte Mann plant Wallace in ein Walross zu verwandeln...


Mr. Tusk...

Die Inhaltsangabe klingt nach hartem Tobak, und so könnte man fälschlicher Weise vermuten „Tusk“ wäre eine Horror-Komödie oder würde in der Modewelle des Trashfilms mitschwimmen. Aber beides trifft nicht zu. „Tusk“ ist bizarr, „Tusk“ ist grotesk, humoristisch genug um ihn als Komödie zu sehen ist er jedoch nur zu Beginn in der Figur des Podcasters, eben weil dieser eine flinke Zunge besitzt und keine moralischen Grenzen zu kennen scheint. Aufgrund letztgenannter Eigenschaft kommt aber selbst dieser humoristische Aspekt recht bitter daher, lässt den Film aber dennoch recht locker flockig beginnen. Flotte Sprüche und freches Fehlverhalten wechseln sich ab oder paaren sich, so dass der Zuschauer mit Vorkenntnissen der Geschichte sich im Glauben bestärkt fühlt, es ginge immer so humoristisch weiter.

Doch weit gefehlt, „Tusk“ wird eine bittere Extremerfahrung für den zartbesaiteten Zuschauer, zumindest wenn er Filme wie „Blutgericht in Texas“ und „Calvaire - Tortur des Wahnsinns" nicht kennt, lenkt der ungewöhnliche Aufhänger von „Tusk“ den Kenner des Genres doch nicht davon ab, dass wir eigentlich lediglich der x-ten Version der Geschichte um einer von einem Wahnsinnigen festgehaltenen Person beiwohnen, was nun wahrlich nichts Neues im Horrorfilmbereich ist. Neu ist lediglich, dass der Stammzuschauer zunächst nicht vermutet einen solchen Film zu sichten, eben weil der Streifen so entspannt und humoristisch beginnt. Anders als in den meist anderen Werken dieser Thematik ist zudem die Konsequenz dessen was geschieht extremer, denn die Taten des Psychopathen neigen sich nur selten so stark der Vollendung dessen kranker Pläne, wie es in „Tusk“ der Fall ist.

Von daher lenkt die schräge Walross-Grundidee ein wenig von der tatsächlich vorhandenen Banalität ab. „Tusk“ ist anders und doch recht gewöhnlich ausgefallen. Die verrückte Grundidee birgt weitere mit ihr einhergehende skurrile Zusatzideen, dennoch bleibt die Geschichte an sich doch seinen Vorbildern arg treu. Während der aufgeschlossene Gelegenheitsgucker des Horror-Genres sicherlich die Leiden des Helden auf intensivere Art miterlebt, so wie auch „The Human Centipede“ dazu einlädt, schaut sich „Tusk“ für den erfahrenen Horror-Zuschauer jedoch nicht extrem beklemmend und unangenehm, zumindest nicht so stark wie meine vorhin geäußerte Formulierung Extremerfahrung suggeriert. Immerhin bleibt mit der Figur des erst spät in die Geschichte stoßenden Ermittlers und der ohnehin grotesken Grundidee immer eine Spur Resthumor zur Auflockerung der Verhältnisse enthalten, was dafür sorgt dass trotz der drastischen Bilder die man zu sehen kriegt man eher einer flotten, entspannten Geschichte beiwohnt als der Tortur eines „Calvaire“.

„Tusk“ ist anders und ist es doch wieder nicht. Er lockt mit etwas Neuem um Altbekanntes im neuen Gewand zu bieten, angereichert mit provokanten Eigenschaften und Erweiterungen der bislang gesetzten Regeln. „Tusk“ ist weder Partykracher, noch wird er mit seinen Neuerungen zum neuen Meilenstein an den sich künftige Werke messen müssen. Dank einer guten Grundstimmung und einer begrüßenswert gut ausgewählten Besetzung, in der jeder zu überzeugen weiß, ist Kevin Smiths Horrorbeitrag aber zumindest gut gourtierbar.

Hatte der gute Mann 3 Jahre zuvor noch mit „Zack and Miri Make a Porno“ aus einer gewagten Idee völlig überraschend und untypisch für den Regisseur Mainstream abgeliefert, so passiert ihm dies bei „Tusk“ trotz der gewöhnlicheren Ebene als vermutet nicht. Sein Film ist ungewöhnlich genug um zu locken und ungewöhnlich genug um bis zum Schluss die Neugierde aufrecht zu erhalten. Mittendrin ist er allerdings unerwartet banal, um es einmal sehr streng auszudrücken.

Dass ich mit dieser Äußerung nicht wirklich übertreibe, zeigt sich in der Psychologie des Bösewichts, der zwar stets gewollt pseudo-philosophisch über die Menschheit herzieht (eine wundervolle Idee), dabei aber nicht zum Nachdenken anregt oder Gut und Böse vermischt oder gar vertauscht. Innen verbirgt sich nichts was es Außen nicht zu entdecken gibt. Die Psychologie bleibt banal. Wo andere Filme aus dem Opfer und mit ihm aus der kompletten Gattung Mensch das Monster machen und aus dem Vorleben des Psychopathen das Opfer, da bleibt „Tusk“ trotz diesbezüglich möglicher Grundlagen der äußeren, oberflächlichen Linie treu. Zu grotesk ist die Weltsicht des Seemanns und zu bizarr seine Vorgeschichte, als dass man sich in sie einfühlen könnte, um das Leid dahinter zu verstehen. Dies klingt lediglich kurz in den sehr direkten Worten über seine Kindheit im Heim an. Alles was auf See folgen soll, sprengt den empathischen Rahmen und lässt es nicht zu, dass „Tusk“ psychologische Tiefe erlangt.

Damit bleibt das Opfer Opfer und der Täter Täter, ganz schlicht gehalten, was erneut eine untypische Eigenschaft in einem sonst überraschend typischen Film ist. Da Kevin Smiths Werk aber nie den Eindruck macht den von mir vermissten Aspekt zu wollen, geht das auch in Ordnung. Mehr noch, dieser Verzicht wirkt sogar gewagt in einer Welt, in der jeder Cineast geil drauf ist die Tiefen eines Filmes analytisch herauszufischen und in einer Review intellektuell angehaucht zur Diskussion zu stellen. „Tusk“ ist flach und steht dazu, und gewinnt damit ironischer Weise mehr Tiefe als vermutet.

Das ist so bizarr wie der Film selbst, mag vielleicht sogar raffiniert sein, sofern es beabsichtigt ist, immerhin zeigt der Film an vielen Stellen auf, dass er keinesfalls geistfrei umgesetzt ist. Allerdings ist der Effekt des Tiefegewinns durch psychologische Oberflächlichkeit nun kein nennenswerter Eckpfeiler, der das Genre zukünftig verändern wird. Somit bekommt diese ungewöhnliche Eigenschaft damit eine direkte Verwandschaft zur grotesken Grundidee der Geschichte: sie ändert nichts daran, dass „Tusk“ überraschend gewöhnlich ausgefallen ist - zumindest für einen Film um einen Mann, der in ein Walross verwandelt wird.


Nachtrag:
Beim zweiten Gucken hat mir "Tusk" wesentlich besser gefallen, konnte ich mich doch mehr auf die leisen Töne konzentrieren, und die haben es in sich. Eine tolle Kameraführung, eine wesentlich gewitztere Psychologie als nach dem ersten Gucken bemerkt und jede noch so kleine Rolle so hervorragend besetzt, dass selbst jede kleinste Szene großartig gemeistert wurde, kurzum: was der Geschichte an mancher Stelle an Innovation fehlt, macht der Film durch Professionalität und treffsicherem Augenzwinkern wieder wett.


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