2018/07/29

GHOST WORLD (2001 Terry Zwigoff)


Enid und Rebecca haben ihren Highschool-Abschluss hinter sich und genießen nun die Mehrzeit für ihr übliches Hobby, dem spöttischen Blick auf die anderen Menschen und manchem Streich den sie ihnen spielen. So auch dem Außenseiter Seymour, der sich für Enid mit der Zeit jedoch als liebenswerte Persönlichkeit entpuppt. Ihr Interesse für den älteren Sonderling treibt schließlich einen Keil in die Freundschaft mit Rebecca...


Perspektivänderung bei der Selbstfindung...

"Ghost World" ist auf trockene, recht lebensnahe Art erzählt, bietet einen komödiantischen, wie auch tragischen Blick auf ein Teenagerleben während des Prozesses der Selbstfindung, der angenehmer Weise mit dem Schließen des Filmes nicht erreicht, bzw. beendet, ist, sondern gerade erst tatsächlich von der besagten Person erkannt wird. Ohne manipulative Gefühlsduselei erzählt muss Enid erkennen, dass man nicht rein der Freundschaft wegen alles gleich gut, gleich schlecht und gleich interessant finden muss wie die wichtigsten Personen im nahen Umfeld. Was in der Jugend aufgrund gleicher Sichtweisen und Empfindungen zusammenschweißt, muss während des Reifeprozesses kritisch überprüft werden. Es ist nicht mehr wichtig was die Gruppe sagt. Das Individuum bildet sich stärker heraus, ein zunächst unangenehmes Gefühl der Neuorientierung baut sich auf, die Stützpfeiler des bislang gelebten Weltbildes driften auseinander, so dass das bisherige Sicherheitsgefühl ins Schwanken gerät. Die Welt ist doch anders als vermutet und wahrgenommen. Das Leben ist komplexer.

Was an sich jeder mündige und reife Mensch irgendwann erlebt hat, schaut sich in Zwigoffs eigens verfassten Film nicht nur aufgrund der Sachlichkeit, sprich der Nähe zur Realität, so angenehm, es ist die Liebeserklärung an die Sonderlinge, die das Werk lange Zeit vor dem Nerd-Hype, der spätestens mit "The Big Bang Theory" zelebriert wird, zu einem solch besonderen Erlebnis macht. Nerds waren vor der 00er Jahre ungeliebte Individuen. Platten sammeln, wie im Falle von Seymour, gehörte nicht gerade zu den akzeptierten Hobbys der oberflächlichen Gesellschaft, gerade wenn man es auf alte Scheiben zu von der Masse längst vergessenen Musikrichtungen abgesehen hat. Dementsprechend von der Mentalität her meilenweit von "High Fidelity" entfernt, zeigt uns Zwigoff die Annäherung einer Zynikerin und eines sozial Abgedrifteten, der es gewohnt ist zum Spott von Menschen zu werden, die ihn nicht verstehen. Enid sieht es als ihre Mission an, den liebenswerten Menschen hinter der äußeren wie innerlich ungewöhnlichen Fassade zurück ins Liebesleben zu schuppsen und entdeckt sich dabei selbst.

Während Thora Birch mit "American Beauty" und "The Hole" ihre ersten Erfolge bereits hinter sich hatte, ebenso wie Steve Buscemi mit "Fargo", gehörte Scarlett Johansson zur Erscheinungszeit von "Ghost World" noch nicht zu den Berühmtheiten. Auch Regisseur Terry Zwigoff feierte erst zwei Jahre später mit "Bad Santa" einen größeren Erfolg, und dieser Mix aus unentdeckten wie bereits frisch entdeckten Talenten ihres Faches, verleiht dem Streifen das besondere Etwas. Wo die Inszenierung absichtlich auf Distanz geht, da verleiht das professionelle Spiel der Akteure dem manchmal zu zurückhaltenden Film die nötige Klasse, während der Regisseur ihnen bei der Figurennähe hilft und das Ganze optisch und stylisch gekonnt aussehen lässt, ohne sich je einem Massenpublikum anzubiedern. Das würde schließlich auch im Widerspruch zur Botschaft des Streifens stehen.

Etwas mehr Zugang zu den Figuren hätte ich mir dennoch gewünscht. So gut mir das schlichte Treiben in "Ghost World" auch gefallen hat, die emotionale Distanz zu den Figuren war mir dennoch zu groß, um vollends in den mal mehr mal weniger aufwühlenden Momenten Enids aufgehen zu können. Zudem ist Buscemi derart extrem auf Sonderling getrimmt, dass es einem schwer fällt eine derart intensive Nähe und Sympathie zu ihm aufzubauen, wie sein Wesen es in Enid auslöst. Schade ist freilich auch, dass Johansson weit weniger Auftritte hat, als es zunächst scheint, aber das schadet dem Film nicht, ist dessen Geschichte in seinen scheinbaren Banalitäten dafür doch viel zu interessant ausgefallen, zumal sie weiß wann sie die Rolle der Rebecca benötigt und wann nicht. "Ghost World" ist durchdacht, reflektiert, kein Film für Träumer, aber ein Plädoyer für Sonderlinge. Der herrlich arrogante, von mangelnden Lebenserfahrungen geprägte, spöttische Teenagerblick entdeckt die Realität, in einem seiner schönsten Momente im hier besprochenen Werk deutlich thematisiert, wenn wir dem alten Mann an der Bushaltestelle ein letztes Mal begegnen. Es ist nicht immer alles so wie es scheint. Und so einfach wie aus einem selbstgerechten Teenagerblick heraus ist ohnehin nichts in dieser vielschichtigen Welt.


Weitere Besprechungen zu Ghost World: 


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen