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Samstag, 30. Juli 2016

PAPRIKA (Papurika 2006 Satoshi Kon)


Sich in der Entwicklung befindende Geräte zum Aufzeichnen von Träumen, mit deren Hilfe man sogar in die Träume eingreifen kann, sollen zukünftig in der Therapie psychisch erkrankter Menschen eingesetzt werden. Doch als einige dieser Exemplare gestohlen werden, zeigt sich welche Bedrohung in der Existenz dieser Maschinen steckt. Denn der fremde Dieb dringt nun ins Bewusstsein jedes x-beliebigen Menschen ein und kann diesen somit steuern und in den Wahnsinn treiben. Traum und Wirklichkeit lassen sich kaum noch unterscheiden...


Ein Traum von einem Film...

Dass Animes nicht mit dem zu vergleichen sind, was uns Disney und Co auf dem Animationsmarkt auf die Leinwand wirft, ist allseits bekannt. Harte Action, Krimi und Science Fiction werden im asiatischen Raum gerne als Zeichentrick verarbeitet und gehen dabei weniger niedlich, dafür aber um so härter und oftmals realitätsgebundender, vor als ihre Konkurrenz aus Amerika. Selbst der durchaus erwachsene Stil vieler europäischer Animationswerke wirkt kindlisch verspielter im direkten Vergleich. Mit etwas Glück darf man beim Sichten von Animes gar an Filme geraten, die auf einem enorm guten Drehbuch aufbauen und so einiges an Aufmerksamkeit vom Zuschauer abverlangen, damit der intelligente Plot auch komplett verstanden werden kann. „Paprika“ ist ein solches Werk, welches mehr als doppelbödig und durchdacht daherkommt und das man des öfteren gesehen haben muss, bis man tatsächlich durchblickt.

Es gibt Szenen in der Realität, Traumsequenzen, Träume in Träumen, Wahn in der Wirklichkeit, der Zuschauer weiß nie ob er dem was er sieht trauen darf. Seine Wahrnehmung wird verdreht, verknotet und dann noch mal auf links gedreht. Wenn nicht gerade eine der vielen, vor phantastischen Elementen nur so sprudelnden, Wahnvorstellungen den Bildschirm beherrschen, ist man oft orientierungslos, weiß man dann doch nicht auf welcher Wahrnehmungsebene man sich gerade befindet und ob man den aktuell geschehenden Ereignissen trauen darf oder nicht. Regisseur Satoshi Kon verliert dabei erstaunlicher Weise nie die Geschichte und ihre Ziele aus den Augen, nutzt das Verwirrspiel also nicht um selbst irgendwann zu flüchten und den Irrsinn Irrsinn sein zu lassen, sondern beendet alles wohldurchdacht.

Der Film enthält, ob nun beabsichtigt oder nicht, Einflüsse von „Die Mächte des Wahnsinns“, „eXistenZ“, der „Nightmare on Elm Street“-Reihe, „Vergiss mein nicht“, „Futureworld“, "Projekt Brainstorm", „Die unendliche Geschichte“ und „Welt am Draht“, entwickelt daraus aber eine eigenständige Geschichte, die keinesfalls ein Ideencocktail aus den Vergleichswerken wird (und ein Zitatencocktail schon mal gar nicht), sondern ein individuelles Stück Film, welches die Gesellschaft, ihre Medienwelt und die menschliche Psyche gekonnt reflektiert und dies unterhaltsam wie intelligent mixt und mit philosophischen Gedankenansätzen zusätzlich bereichert.

Da das Ganze zudem in großartiger Animation mit sehenswerter und durchdachter Farbgebung optisch umgesetzt wurde, und zusätzlich durch die phantasiereichen Wahnvorstellungen, welche die vergleichbaren surrealen Sequenzen aus „Dumbo, der fliegende Elefant“ und „Die Abenteuer von Winnie Puuh“ um ein Vielfaches an kranken Ideen übersteigern, wird „Papurika“ (Originaltitel) äußerlich wie innerlich zu einem Kunstwerk und ist damit keinesfalls Teil der Anime-Fließband-Produktionen, wie wir sie alle Nase lang auf DVD und im Fernsehen vor die Nase geworfen bekommen.

Gekonnt spielt „Paprika“ aber selbst mit diesen, üblichen Klischees, die man seiner Gattung Film vorurteilsbehaftet gerne vorwirft, was aber wohl den geringsten Teil dessen ausmacht was im hier besprochenen Film so alles aus der realen Welt reflektiert wird. Während man vieles sicher erst beim x-ten Sichten bemerken wird, sticht am offensichtlichsten wohl die Kritik an unserer heutigen von Handys und Internet geprägten Medienwelt hervor, in welcher die Gesellschaft als kranke, vor sich hinträumende Gesellschaft gesehen wird, die mit der Realität um sich herum längst nichts mehr zu tun hat. Wo Filme vergleichbarer Kritik gerne die Karte des totalitären Staates, da des leicht zu unterdrückenden Bürgers, ausspielen, verzichtet „Paprika“ auf diesen Bereich, um das Augenmerk auf den Wahnsinn des Volkes zu fokussieren und damit gut getarnt eine Schuld zuzuweisen, ohne diese auf den bösen Staat (ab)zu lenken.

Böse und Gut werden im hier besprochenen Film anbei ebenso gekonnt gemixt, verdreht und verknotet, wie die Realität, ist es doch faszinierend mit anzusehen, dass die Bedenken welche die eigentlichen Bösewichter des Streifens äußern, berechtigt sind. So wird u.a. vermutet, dass der Mensch in einer Welt mit Traumaufzeichnungsgeräten nie mehr glücklich werden kann, wenn dies innerhalb einer gläsernen Gesellschaft doch der einzige Rückzugsort ist, wo man unverfälscht seine Psyche und seine Freiheiten freigibt, die das Unterbewusstsein aus den Erlebnissen des Bewusstseins und dem Charakter welches den Träumenden ausmacht, zu einem Traum zaubert. Wer das Gerät kontrolliert, kontrolliert den Menschen.

Die Täter in „Paprika“ sind somit Terroristen und Idealisten in einem, darauf bedacht die Menschheit zu retten, wenn, ja wenn sie nicht selbst der Realität entrückt wären und in ihrem Wahn das Gerät genau dafür nutzen, wofür sie es verurteilen. Wer hinter den Diebstählen und den Attentaten auf die menschliche Psyche steckt, wird über Ermittlungen nach und nach auf Kriminalfilmebene aufgedeckt, was nicht nur die Neugierde des Zuschauers kitzelt und hervorragend aufgelöst wird, sondern zudem auch noch genutzt wird um ganz nebenbei auch die Kinokultur zu reflektieren mit Filmen im Film, dem Gedanken wie Film in der Realität fortgesetzt werden kann und wie falsche Erinnerungen und Erinnerungslücken Verwandtschaft zu Filmen aufweisen können. Selbst der amerikanische Einfluss auf die eigentlich völlig eigene asiatische Kinokultur wird in dieser Verarbeitung kurz gestriffen, so dass selbst ein Nebenstrang des Hauptanliegens auf ein vielfaches beleuchtet, hinterfragt und durchdacht wird.

Interessanter Weise guckt sich „Paprika“ damit keineswegs überfrachtet. Sicherlich braucht man wie erwähnt so einige Anläufe um ihn komplett kapieren zu können, wenn überhaupt, denn nicht jede Information die man erhält entspricht der Wahrheit, wenn sich die Situation, in welcher man sie erhält, doch erst später als Illusion entpuppt. Dem Sehwert und dem Unterhaltungswert schaden diese vielen Impulse die auf den Zuschauer einregnen jedoch selbst beim ersten Sichten nicht. Und da der Autor der, angeblich auf einer Fortsetzungsromanreihe einer Zeitung basierenden, Geschichte stets den Überblick behält und damit „Paprika“ nicht einfach nur zum surrealen Erlebnis für Freunde bewusstseinserweiternder Drogen werden lässt, ist der Film tatsächlich so intelligent und fantasiereich ausgefallen wie er sich gibt, so dass der mitdenkende Zuschauer irgendwann durchblickt und man wahrlich nicht mehr von Überfrachtung im negativen Sinne reden kann. Wenn überhaupt müsste man die Überfrachtung als Teil des Rätsels sehen, welche es zu durchblicken gilt, und damit wäre sie sogar ein stilprägender Teil des Gesamtwerkes und damit mit voller Absicht aus gutem Grund so gesetzt wie geschehen.


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