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17.03.2019

TÖDLICHE NEBEL (1966)

Ich erinnere mich an ein Wolkenwesen, welches die Crew von "Raumschiff Enterprise" beschäftigte. Und kürzlich war ich von der Idee aus "Tag" fasziniert, dass ein Wind ganz bewusst einen Menschen verfolget. Körperlose Erscheinungen, die an ein Wetter erinnern, wecken bei mir ein gesondertes Interesse, warum auch immer, weshalb mich der Titel "Tödliche Nebel" lockte. Dieser stellt den zweiten Teil einer relativ zusammenhanglosen, 5 teiligen Science Fiction-Reihe dar, die mit "Raumschiff Alpha" ihren Anfang nahm, und mit der japanisch/amerikanischen Co-Produktion "Monster aus dem All", dem einzigen Beitrag den nicht Regisseur Antonio Margheriti beisteuerte, ihr Ende nahm. Auslöser der Ereignisse im hier besprochenen Film sind tatsächlich Nebelwolken, aber auch funkelnde Lichter, die scheinbar für die selbe Kreatur stehen. Allerdings begnügte man sich nicht mit der Bedrohung eines körperlosen Wesens, letztendlich steuert man schließlich auf eine Variante der Körperfresser aus "Die Dämonischen", bzw. dessen Inspiration von Heinleins "Puppet Masters" hin, filmisch erstmals umgesetzt mit "The Brain Eaters".

Die Menschen werden vom Nebel besetzt, also fremdgesteuert wie in Heinleins Idee, jedoch von innen anstatt von außen. In "Planet der Verdammten" (Alternativtitel) mündet dieser Ansatz trotz des Anliegens lediglich triviale Unterhaltung abliefern zu wollen, in der Kritik fremdgesteuerter Lebensweisen. Da das fremde Wesen davon überzeugt ist der Menschheit mit der Gleichschaltung ein besseres Leben zu bescheren, wird deutlich Kritik an Gruppenformen, die dies ansteuern, geübt, also Religionsformen, extremistische Politorientierungen und freilich auch Sekten, die sich keiner göttlichen Orientierung annehmen. Da wird von Menschenseite aus die Freiheit des Individuums angeführt in den sinnlosen Debatten mit dem arroganten Wesen, und auch wenn die Zukunft, wie sie uns der italienische Genre-Beitrag aufzeigt, militärisch geordnet ist, und somit ebenfalls in Extremsituationen einer Gleichschaltung bedarf, so ist die zentral getroffene Aussage doch im richtigen Film zu Hause. Immerhin zeigt uns dieser zu Beginn die Lebensfreude und freie Lebensansichten jener Menschen, die später vereint gegen die Bedrohung kämpfen müssen. In einer Zeit der Anpassung wirkt solch ein vergangenes Relikt zunächst belustigend, gerade in einem Weltallabenteuer. Aber warum eigentlich? Es ist doch gut was wir hier zu Beginn des Streifens sichten dürfen. Schließt sich das Ziehen am gemeinsamen Strang und individuelle Charaktere mit Lebenslust gegenseitig aus?

Freilich ist "In der Gewalt des Todesnebels" (Alternativtitel) so sinnig und unsinnig wie es schlichte Schnellschuss-Werke dieser Zeit in diesem Genre nun einmal waren. Wissenschaftliche Unsinnigkeiten, zwischenmenschliche Blauäugigkeit, in Margheritis Werk findet sich alles wieder, was den B-Film-Bereich zu einem solch berüchtigten Bereich macht. So darf der Mensch beispielsweise sinnlos mit Pistolen um sich schießen, wissentlich auf ein körperloses Wesen abzufeuern, dem das herzlich wenig ausmacht. Der Aggressor begeht in seiner extremen Überheblichkeit völlig bescheuerte Fehler, und das Drehbuch freilich auch, z.B. dann wenn es uns zeigt wie sich Wehrende von der Kreatur getötet werden, unsere Helden in selber Lage aber erst fort geschickt werden, bevor man sich ihrer entledigen will. Aua, aua!

Aber gerade wegen dem Mix aus faszinierender Abenteuer und nicht zu Ende gedachter Szenarien schaut man sich als Freund der leichten Unterhaltung derartige Filme schließlich an. Glaubt man den Worten des menschlichen Anführers, der freilich selbst fremdgesteuert wird, handelt es sich bei dem licht- und nebelartigem Wesen um eine einzige Kreatur, was im Widerspruch zu manchen Inhaltsangaben im Netz steht, die aufgrund des Auftretens mehrerer Wolken, von mehreren Wesen sprechen. Der Gedanke dass eine Kreatur so viele Menschen bewohnt fühlt sich jedoch weit mehr bedrohlich an und passt freilich zur Religions- und Führerkritik des Streifens. Dass in einem blauäugigen Film sich trotzdem nichts wirklich bedrohlich anfühlt, dürfte klar sein, sprechen wir hier doch von einem naiven Abenteuer, dem wir beiwohnen - und leider auch von einem das einige Längen besitzt und als 45 minütige Folge einer Science Fiction-Serie, wie der eingangs erwähnten, besser aufgehoben gewesen wäre. In diversen Hintergrundtätigkeiten, so z.B. auch als Regieassistent, war anbei Ruggero Deodato mit am Film beteiligt.  OFDb

25.12.2017

DIAL: HELP (1988)

Dass „Dial: Help“ ein ziemlich wirres Etwas an Story ist, war Regisseur Ruggero Deodato von Anfang an bewusst, erzählt er doch in einem Interview, dass das Drehbuch schon einige Zeit unverfilmt herumlag, eben weil es den Ruf besaß zu konfus ausgefallen zu sein. Genau diese Herausforderung reizte den legendären Regisseur von „Nackt und zerfleischt“, und simsalabim entstand ein Film, der wahrlich nichts besonderes ist. Mit Blick auf das was zu jener Zeit Horror-technisch aus Italien kam konnte sich auch „Minaccia d'amore“ (Originaltitel) identifizieren, nicht zu unrecht gilt diese Zeit als jene Phase, in welcher das klassische italienische Kino sich aufgrund des internationalen Wettbewerbes auflöste und stattdessen solch gestelzte Produkte wie das hier besprochene gedreht wurden.

Deodato versucht einiges der stumpfen Geschichte entgegenzusetzen, glaubt aber dafür reiche es eine attraktive Hauptdarstellerin sexy einzufangen und wilde Szenarien in recht geglückte Spezialeffekte zu kleiden. Dass die Seele der Figuren viel wichtiger gewesen wäre und ein Ausgleich eines orientierungslosen Spukverhaltens darin zu finden gewesen wäre, wenigstens das Verhalten der Menschen zueinander nachvollziehbar zu gestalten, kam dem guten Mann jedoch nicht in den Sinn, der das Endergebnis von „Love Threat“ (Alternativtitel) im Gegensatz zu Auftragsarbeiten wie „Body Count“ immerhin mochte.

Völlig von Sinnen sucht die im Zentrum stehende Jenny völlig hysterisch, viel zu früh vom Übernatürlichen überzeugt, auf jene Art Hilfe, die sie eher in die Klappsmühle gebracht hätte, anstatt in die Arme hilfsbereiter Menschen. Aber schon vor der eigentlichen Spukerkenntnis wollen die Figuren nicht wirklich glaubwürdig zueinander finden. Ein Charakter wird gar humoristisch überzeichnet im ansonsten völlig ernst erzählten Film, dessen Humor liegt aber leider lediglich darin unkreativ über junge Menschen zu schimpfen. Somit wirken dessen Auftritte lediglich wie ein weiteres Kuriosium in einem Film, der sich an keinerlei greifbaren Orientierung klammert, trotzdem aber in unserer Welt spielen will, anstatt den vollständigen Schritt zu gehen aus „Dial Help“ (Alternativtitel) ein komplett surreales Werk a la „Geisterstadt der Zombies“ zu machen.

Bereits die nicht zueinander passenden Telefonattacken beginnen schnell zu stören. Mal spinnt die Leitung und terrorisiert mit tödlichen Geräuschen, mal verführt ein unerkennbares Signal zu fremdgelenkten (Selbstmord)Taten, dann kann sich plötzlich ein Telefon wie ein selbstständiger Körper als Mordwaffe bewegen, ein anderes Mal wird eine komplette Telefonzentrale mit ihrer Überladung zu einer Todesfalle. Ein System ist dabei nicht erkennbar. Jedes Telefon mit dem Jenny es zu tun hat ist betroffen, jegliche naturwissenschaftlichen Gesetze werden ausgehebelt, soziologische leider ebenso, so dass Leute sich aus nichts sagenden Gründen helfen, Geschehenes schnell vergessen, eigenes Handeln nicht reflektieren und dabei für den Zuschauer keinerlei Charakter zum Anfassen oder Mitfühlen hinterlassen. Wo selbst die Helden irrationale Phantome innerhalb ihrer eigenen Geschichte sind, da kann ein Spukverhalten gleicher Eigenschaft nicht mehr das Geschehen bestimmen, bzw. Unbehagen beim Zuschauer erzeugen.

Wie erwähnt inszeniert Deodato den Unsinn recht effektiv und auch das Tempo der Erzählung ist nicht von schlechten Eltern, so dass man zumindest als Vielseher des Genres mit wenig Erwartungen und viel Augenzudrücken dümmlich unterhalten werden kann, ohne dass einen dabei langweilig werden könnte. Gerade wenn Jenny einige Zeit im sexy Outfit agieren darf, gibt es zumindest für das männliche Publikum eine kleine Entschädigung für all den Bullshit, der einem penetrant vor die Augen geschmissen wird, ohne auch nur den Versuch zu starten Ansätzen einen rationalen Hintergrund zu bescheren.  OFDb

29.07.2017

BODY COUNT - MATHEMATIK DES SCHRECKENS (1986)

Da das Italienkino sich Mitte der 80er Jahre dem Amerikakino mehr denn je anbiederte, lag die Idee nicht fern noch immer von der langsam abflauenden Teenie-Slasher-Welle zu profitieren, eben weil aus Amerika diesbezüglich langsam weniger Nachschub kam und Italien noch immer einen eigenen Ruf bezüglich des Horror-Genres besaß. Dass dann gleich vier Autoren an einem Streifen werkelten, für ein Sub-Genre welches für seine schlichten Plots berühmt ist, lässt erste unangenehme Vorahnungen entstehen. Als Mitautor der Geschichte und als Regisseur engagiert machte aber zumindest die aktive Beteiligung Ruggero Deodadots Mut, dass man es mit „Body Count“ vielleicht doch mit einem brauchbaren Produkt zu tun haben könnte.

Aber wo ein „Mondo Cannibale 2“ und der im deutschen viel zu reißerisch als „Nackt und zerfleischt“ betitelte indirekte Nachfolger von diesem sichtbar Stoffe waren, die dem umstrittenen Regisseur am Herzen lagen, wirkt „Camping del terrore“ (Originaltitel) dann doch etwas arg wie eine Auftragsarbeit. Zwar ist Deodato auch in einem Mainstream-Produkt wie diesem hier bemüht das erwachsene Publikum zu bedienen, indem er die Morde recht hart inszeniert, aber der lückenhafte Plot ärgert eigentlich viel zu sehr, als dass das wen ernsthaft an einer guten Erzählung Interessierten besänftigen könnte.

Nicht nur dass die Figuren in ihrer geradezu typisch flachen Charakterisierung zu wenig beachtet werden, als dass man sich dennoch mit ihnen halbwegs identifizieren könnte, sie selbst scheinen einander auch nur szenenweise wahrzunehmen, verliert man doch recht schnell den Überblick wer nun tot ist oder nicht und vermisst doch kein noch Lebender, von einigen Ausnahmen abgesehen, je einen der getöteten Personen. Ein ungutes Gefühl macht sich bei den wenigen noch Lebenden aufgrund der schrumpfenden Population auch nicht breit. Und neben der sprunghaften Inszenierung, die uns in kleinen Kapiteln stets Jugendliche bei ihrem Alltagsgeschehen zeigt, gibt es zur vollkommenen Verwandlung in die Gleichgültigkeit alles Gesehenen zudem noch Szenen aus der Erwachsenenwelt zu sichten, die ebenfalls lediglich wie Füllmaterial wirken.

So will „Body Count“ in seiner szenengetrennten Erscheinung nie wie ein Ganzes wirken. Dank zu dünn angegangener psychologischer Cleverness in der zweiten Reihe und zu motivationslosen Darstellern bekommt Deodatos Slasher unter solchen Bedingungen nie genügend Schwung um zu gefallen oder tatsächlich langfristig zu interessieren. Es ist der stimmungsvollen Umsetzung des Regisseurs zu verdanken, dass sich dieses Flickwerk von Slasher trotzdem noch halbwegs brauchbar guckt.  OFDb

24.09.2015

CUT AND RUN (1985)

Deodatos „Cut and Run“ mag nicht so feinfühlig und gesellschaftskritisch ausgefallen sein wie sein 1980er Erfolg „Nackt und zerfleischt“, und sein roter Faden mag etwas bemüht wirken in einem improvisiert wirkenden Szenario. Aber meiner Meinung nach ist ihm ein interessanter und sympathischer Film geglückt, der zwar eher auf reißerische Art hart in seinen Bildern und in seiner Geschichte ist, aber doch aufregend erzählt ist. Man bangt mit der etwas zu naiven Reporterin mit, versteht vielleicht nicht immer ihr Anliegen bzw. ihre Motivation, aber „Straight to Hell“ (Alternativtitel) lässt einen keinesfalls kalt.

Mancher Moment, wie die Wasserattacken des aus „Hügel der blutigen Augen“ bekannten Glatzkopfes Michael Berryman, die auf Leichen herumpickenden Vögel, die mehr erschrecken als jeglicher gefiederte Moment in D'Amatos „Killing Birds“ und die plötzlich auftauchenden Leichen im Wasser bei dem Versuch ein Boot frei zu bekommen, bleiben ebenso im Gedächtnis hängen, wie die großartige Idee in einem fernen Land in einem Drogenlager ebenso auf Zwang unfrei zu leben wie in einer Sekte. Dies kombiniert mit dem ausnahmsweise einmal nicht menschenfressenden Wildenstamm (Deodato gehörte zu den Stammregisseuren der damaligen Kannibalenwelle) lässt in Sachen Stil und Unterhaltungswert Umberto Lenzis „Lebendig gefressen“ weit hinter sich und Deodatos zwischendurch gedrehten Möchtegern-Thriller „Der Schlitzer“ ebenso.

Man muss schon auf die Schmuddelfilmchen Italiens aus den 70er und 80er Jahren stehen, um mit dem wesentlich anpruchsloseren und weniger intelektuelleren Werk als es „Nackt und zerfleischt“ war etwas anfangen zu können. Der Streifen, der sich nur schwer in ein Genre einordnen lässt und den Horrorbereich lediglich streift, besitzt jedoch eine gewisse Faszination, die ich nur schwer lokalisieren kann. Trotz diverser inhaltlicher Unsinnigkeiten und handwerklicher Defizite weiß er mir zu gefallen, und das liegt hauptsächlich an der dichten Atmosphäre und Deodatos Gespür für die Positionierung von Gore und Actionszenen und die Höhe ihres Gehaltes inmitten einer Geschichte, die er inhaltlich substanzvoller wirken lässt als sie eigentlich ist. Unterstützt wird das Ganze von einem gelungenen Soundtrack von Claudio Simonetti, einem der Mitglieder der Band Goblin, die so manchen Dario Argento-Film zu verzuckern wusste. „Cut and Run“ ist Improvisationskunst, alles andere würde mich wundern bei solch ruckeliger und teilweise etwas orientierungslos wirkender Erzählung mit solch großer Kraft einen dünnen Plot so aufregend und unterhaltsam umgesetzt zu bekommen.  OFDb

17.06.2015

DER SCHLITZER (1980)

Wenn man einmal in den Geschmack kam Deodatos großartigen „Nackt und zerfleischt“ gesehen zu haben und den Quasi-Vorgänger „Mondo Cannibale 2 - Der Vogelmensch“, dann möchte man mehr von diesem scheinbar verkannten und sensiblen Menschenversteher sehen. Gerade ein Film außerhalb des Kannibalen-Bereiches interessierte mich, und bevor ich mich mit „Cut and Run“ auf ein mir eher uninteressant scheinendes Thema einlasse, wollte ich zunächst mit „Der Schlitzer“ einen Film des Regisseurs sehen, der mein Interessengebiet anzugehören schien.

Erwartet hatte ich einen Giallo, bekommen habe ich eine geschwätzige Pseudo-Gesellschaftsstudie, in welcher zwar manch stiller, kleiner Ton zu überraschen weiß, der aber scheinbar eher dann doch den Kritikern von „Nackt und zerfleischt“ Recht zu geben scheint. Das Reißerische siegt über dem Menschlichen, das Voyeuristische siegt über eine sensible Beobachtunsgabe. War der in so vielen Ländern verbotene Kannibalenfilm in ungeschönter Bitte um das nicht Weggucken der Gräueltaten unserer Zivilisation am Ende doch nur ein Zufallsprodukt Deodatos? Zumindest mit Blick auf den nur eingeschränkt interessanten „The House on the Edge of the Park“ (Alternativtitel) darf man seine Zweifel hegen.

Mal davon abgesehen dass ewiges Hinhalten auf dem Plan steht und man ewig einem Typen dabei zusehen darf, der sich mit einem Rasiermesser in der Hand irre wohlfühlt im Irrglauben die dekadente Gesellschaft würde ihn schlecht behandeln, bleibt „La casa sperduta nel parco“ (Originaltitel) zumindest die Grundsituation betreffend realistisch. Eine Waffe reicht die Situation im Griff zu halten. Keiner versucht den Helden zu spielen. Die Gefahr ist allen stets bewusst, und nur der in Filmrealitäten lebende Mensch wird den Bedrohten vorwerfen in manch möglich scheinender Situation nicht auf Gegenwehr gesetzt zu haben.

Seine Glaubwürdigkeit verliert der Streifen eigentlich erst in einer Sexszene, wie sie unsinniger nicht sein könnte. Immerhin der Kontrast dessen was parallel andernorts passiert weiß dem Moment ein Restniveau zu geben. Verarscht kommt man sich freilich trotzdem vor.

Allerdings ist man zu diesem Zeitpunkt auch kaum noch am Film interessiert, durfte man doch ewig den sicherlich mit Absicht nach Jack the Rippers Vornamen benannten Psychopathen im Zentrum dabei zusehen, wie er den großen Macker markiert, der zwar nicht schlecht gespielt ist, aber doch eher nervt. Bedrohlich wirkt er nur bedingt. In der Deutschfassung bekam er zumindest DeNiros Synchronstimme beschert, was zu seinem Gesicht, welches an den großartgen amerikanischen Kultschauspieler erinnert, passt. Die Figur ist nicht interessant genug geschrieben, als dass sie die magere Geschichte tragen könnte.

Auch wandelt sich der Streifen nicht zu einer Rachegeschichte a la „Ich spuck auf Dein Grab“, ist schon eher vergleichbar mit „The Last House on the Left“ von Wes Craven, vielleicht auch als reißerische Vorversion eines „Funny Games“ zu verstehen. Aber welche Filme man auch immer als Vergleich heranziehen könnte, einen tieferen Blick ist „Der Schlitzer“ einfach nicht wert um ihn mit Werken zu vergleichen, welche das Genre des harten Thrillers und Horrorfilms beeinflussten. Er geht auf Kosten von Quantitäten nicht so tief wie er könnte, und das Finale ist enttäuschend und hinterlässt einen grummelnd zurück, fragt man sich als Zuschauer doch wofür man dieses Stück Routine so lange ausgehalten hat. Und wie versteht Deodato eigentlich die Figur des Jack? Ist sein Ende tragisch? Interessant ist da eher die Charakterisierung seines Partners, auch wenn sie das übliche Abziehbild als Mitläufer eines Gemeingefährlichen ist.

Vielleicht sieht manch einer mehr in dem drögen Getue eines reißerischen Kammerspiels. Vielleicht meint wer ernsthaft Gesellschaftskritik zu entdecken, oder glaubt die Psychologie des Streifens sei auf gewagte Art voll krass analytisch ausgefallen. Aber all das stimmt nicht. Solche Behauptungen würde nur als Legitimation dienen um zu begründen warum einem ein solch uninspirierter Durchschnitt gefällt. Ein genauer Blick auf das Treiben im Film zeigt doch zu deutlich, dass die Figuren viel zu sehr Konstrukt bleiben, als dass sie für mehr als oberflächliche Unterhaltung herhalten könnten. „Der Schlitzer“ ist plump, wäre sicherlich gerne mehr. Aber für mehr kann man ihn nicht ernst genug nehmen.  OFDb

25.04.2015

MONDO CANNIBALE 2 - DER VOGELMENSCH (1977)

Drei Jahre bevor Ruggero Deodato den sehr harten aber auch überraschend sensiblen „Nackt und zerfleischt“ drehte, beschäftigte er sich schon einmal mit der Thematik von Zivilisten die auf ein wildes Volk im Dschungel stoßen. Ebenso wie dort geht er im Gegensatz zu Kollege Umberto Lenzi und dessen Werken wie „Lebendig gefressen“ und „Die Rache der Kannibalen“ mit Respekt gegenüber den Wilden um, eigentlich sogar mit Respekt des gesamten Urwalds gegenüber, zeigt er ihn doch ebenso in seiner wunderschönen Pracht wie auch in seiner unbarmherzigen Art, denn der Dschungel ist nicht wie in vielen anderen Filmproduktionen ein Spielplatz mit wilden Tieren, sondern ein Ort vieler Gefahren.

Dass „Mondo Cannibale 2 - Der Vogelmensch“ ein solch angenehmer Streifen ist mag man zu Beginn kaum glauben, ist die erste viertel Stunde doch recht stümperhaft inszeniert. Hier überschlagen sich Ereignisse in schneller, liebloser Abfertigung, bei denen nicht nur der Zuschauer nicht an die Hand genommen wird um sich in irgendein Szenario einzufühlen, auch das Filmmaterial schien nicht das beste zu sein, wenn man bedenkt wie gerne ein Schnitt gesetzt wird um etwas vereinfacht ohne großen Aufwand zu zeigen. Mancher Moment erfährt innerhalb ein und der selben Szene einen sprunghaften Übergang. Bei dem schnellen Wechsel von Tag und Nacht ist es aufgrund der hektischen Erzählung nicht auszumachen ob Deodato keine Lust hatte auf die Tageszeit zu achten, oder ob Harper tatsächlich schon so viele Tage im Urwald unterwegs ist.

Kennt man den Rest des Filmes kann man davon ausgehen dass Deodato einen 120 Minuten-Streifen vermeiden wollte, ist der Rest doch in einer Ruhe und Detail-Liebe gedreht, welche die Geschichte dringend benötigt um zu funktionieren. Der wichtigste und längste Part ist damit gerettet. Dennoch denke ich, dass man den Anfang des Werkes auch auf andere Art hätte straffen können, ohne gleich den Eindruck eines unglaublich schlecht erzählten Filmes zu machen. Zumal Deodato in einigen Momenten zu Beginn auf klassische Horrorfilm-Szenen setzt, wahrscheinlich zum Einstimmen, was sich als unsinniger Versuch herausstellt, der nicht zum Grundton des restlichen Filmes passt.

Ist Harper erst einmal in Gefangenschaft geraten ist der schlechte Teil von „Die letzten Kannibalen“ (Alternativtitel) auch endlich beendet und man darf einen gnadenlosen Abenteuerfilm sichten, der aufgrund dessen was er im Kern erzählt die Kannibalen-Thematik eigentlich gar nicht benötigt hätte. Die fällt auf die Gesamtlänge ohnehin recht kurz aus, bietet aber für jene die genau darauf gewartet haben auch einige harte Szenen, die, typisch Kannibalenfilm, nicht so leicht zu verdauen sind. Freilich gehört auch wieder aufgrund damals nicht vorhandener Tierschutzgesetze Tier-Snuff dazu, letztendlich wird aber auch diesbezüglich nur gezeigt was im Dschungel Alltag ist.

Der Kern des Films beschäftigt sich eigentlich damit wie schwer es ist als Zivilist im Urwald zu überleben. Und auch das Leben der Wilden wird recht ausführlich ausgeleuchtet, welches laut der Schrifteinblendung bei jeglichem Ritual, ebenso wie die eigentliche Geschichte, auf einer wahren Begebenheit beruhen soll, die sich 1975 zugetragen haben soll, und die dazu geführt hat, dass ein bestimmer Wilden-Stamm überhaupt erst entdeckt wurde. Wenn das stimmt kann man nur sagen: Hut ab! Und das gezeigte Leben der Wilden lässt aufgrund der Realitätsnähe und der auf uns so bizarr wirkenden Rituale vermuten dass die Aussage stimmen dürfte. Leicht hat es Harper nicht. Was ihm in Gefangenschaft droht ist so hart wie das Überleben im Dschungel selbst. Wie eingangs erwähnt werden die Wilden dabei aber mit Respekt betrachtet. Es handelt sich um eine andere Kultur auf einem anderen Entwicklungsstand. Der erhobene Zeigefinger des besserwissenden Fortgeschrittenen kommt glücklicher Weise nie zum Einsatz.

Nackt und zerfleischt“ ist im Vergleich dennoch der bessere Film geworden, wirkt er in letzter Konsequenz doch eine Spur ehrlicher. Allerdings hatte der auch den Vorteil von Ideen des hier besprochenen Filmes zu profitieren, die noch einmal übernommen wurden. Aber gerade jene Szene, in welcher der Held des Streifens glaubt Menschenfleisch essen zu müssen um etwas zu demonstrieren, kommt in Deodatos 1980er Werk glaubwürdiger herüber als hier, wo man dann doch mal wie in Lenzis Filmen den Eindruck gewinnt, dass die Szene rein des Ekeleffekts wegen eingebaut wurde, auch wenn man aus der Perspektive Harpers heraus versteht warum er dies tut.

Solche Momente in Kombination mit der ungeschickten, etwas zu lang schlecht ausgefallenen, Einleitung, sorgen dafür dass „Jungle Holocaust“ (Alternativtitel) nicht ganz so gut zu überzeugen weiß wie der Ausnahmefilm Deodatos. In seinem Hauptteil weiß „Mondo Cannibale 2“ aber dafür um so mehr zu funktionieren und baut ab dem Zeitpunkt der Gefangenschaft keine wirklich groben Fehler mehr. In einer schonungslosen Ehrlichkeit, jenseits der Gesetze des Unterhaltungskinos, weiß auch dieser 1977 entstandene Kannibalenfilm Deodatos zu überzeugen. Man kann ihn als Übung für das drei Jahre später entstandene Meisterwerk betrachten. Schwer verdaulich sind jedoch alle beide Filme.  OFDb

28.03.2015

NACKT UND ZERFLEISCHT (1980)

„Nackt und zerfleischt“ ist eine der härtesten Prüfungen, die man als Filmfreund durchleben kann. Er ist ein schwer verdauliches Stück Film, welches seine Geschichte völlig unverschönt präsentiert. Hier lauert knallharter Realismus auf den Zuschauer, der in seinen expliziten Szenen so echt wirkt, dass man glaubt einem Snuff-Movie beizuwohnen. Lediglich Tieraufnahmen treffen aufgrund damals fehlender Tierschutzgesetze diesbezüglich zu. Darüber regen sich viele Filmfreunde auf und verurteilen den Streifen dafür, so dass ich nur hoffen kann dass solche Kommentare von Vegetariern kommen, halten sie der Kritik doch sonst nicht stand. Tiere werden hier der Nahrungsaufnahme wegen getötet, und da soll dem Zuschauer ruhig noch einmal bewusst werden was dies tatsächlich bedeutet, wo er sein Schnitzel doch sonst bereits servierfertig auf dem Teller liegen hat.

Tiertötungen gehören mit zu den schwer erträglichen Szenen des Filmes, und sie gehören meiner Meinung nach legitim dazu, ist es u.a. doch ein Film der uns zivilisierten Menschen, die den Bezug zur Natur verloren haben, mit unschönen Bildern bewusst macht was das Motto von fressen und gefressen werden bedeutet. Allerdings ist dies nur ein Nebenaspekt eines Filmes, dem es in Sachen Gesellschaftskritik um etwas völlig anderes geht: um die Dinge hinter dem Vorhang. „Cannibal Holocaust“ (Originaltitel) macht uns die Täuschung der Zivilisation bewusst. Das Tier in uns lebt. Und man kann es nur hinter dem Vorhang heraus lassen. Das Ergebnis dieser Taten bekommen wir in den Medien immer wieder serviert.

Da vögeln in stillen Hotelzimmer Manager ihre 14jährigen Prostituierten, da begeht die ach wie zivilisierte letzte Weltmacht trotz gegenteiliger Abmachung heimlich beim Verhör von Verdächtigen Verbrechen an der Menschheit, und Sexgeile ficken anonym des Nachts im Dunkeln des Parks miteinander, da wo es kaum wer in der Öffentlichkeit mitbekommt. Der Wilde in uns lebt und darf geheuchelt im Alltag der Zivilisation nicht heraus, ein Fakt der sich seit dem Aufkommen der Political Correctness verstärkt hat, wo selbst legitime Triebe als zweifelhaft angesehen werden. In Ruggero Deodatos Film richtet sich dieser Blick hinter dem Vorhang auf die Dokumentarfilmer, die sich als die wahren Wilden des Streifens entpuppen und dem Film damit eine Wende bescheren, die zu schockieren weiß.

Wer geglaubt hat der Streifen ginge bis dahin gnadenlos mit den Sehgewohnheiten des Zuschauers um, der wird das Grauen nun erst so richtig kennenlernen, erkennt er in den Momenten der unübersehbaren Medienkritik doch seine Mitschuld, während er als Voyeur der Geschehnisse sich gar nicht vom Geschehen lösen kann. Welch gerechte Strafe, ein Gedanke der auch die harten Bilder des Streifens legitimiert, die ihm gerne vorgeworfen werden. „Die letzten Kannibalen“ (Alternativtitel) ist kein „Saw“, an dessen Gore-Effekten sich Fans aufzugeilen scheinen. Hier sollen Gore-Effekte das erreichen, was solche Gräueltaten aus gesunder Sicht tatsächlich beim Menschen verursachen sollten: Übelkeit, Unwohlfühlen und ein schlechtes Gewissen noch dazu, weil man sich das Ganze ursprünglich als Freizeitunterhaltung antun wollte.

„Nackt und zerfleischt“ ist ein anklagender, moralischer und kritischer Film. Der deutsche Titel ist reißerischer Natur, aber das passt schon, denn den Vorwurf der Film sei ebenfalls arg reißerisch ausgefallen muss sich Regisseur Deodato gefallen lassen. Spätestens das von Filmpostern bekannte Motiv der gepfählten Frau schießt weit über das Ziel hinaus und erreicht in seiner Übertreibung eine Unglaubwürdigkeit innerhalb einer Thematik in der es zugegebener Maßen schwer fällt objektiv beurteilen zu können was unglaubwürdig ist und was nicht, wenn man fern jeder Kontrolle den Wilden in sich herauslassen könnte.

„Jungle Holocaust“ (Alternativtitel) wird niemanden kalt lassen, egal wie man zu dem Film stehen mag. Er ist eine Extremerfahrung, die selbst Werke wie „Das Experiment“ im Vergleich harmlos erscheinen lassen. Ein harter Magen ist für ein Sichten ebenso Pflicht wie starke Nerven. Und jeder muss für sich selbst entscheiden, ob er sich ein solches Werk antun kann/muss oder nicht. Wer sich selbst eine Lektion bescheren will und dem Grauen tatsächlich ungeschönt ins Auge blicken will, der sollte diesen Schritt gehen. Zumal man Deodato trotz seiner extremen Umsetzung keinesfalls vorwerfen kann ein schlichtes Billigfilmchen zusammengeschustert zu haben. Aufgrund der Aufsplittung seiner Erzählweise und mit dem späten Zuspielen wichtiger Informationen an den Zuschauer ist „Cannibal Holocaust“ psychologisch clever erzählt und damit wohl durchdacht. Das betrifft im übrigen auch den Soundtrack, dessen wunderschöner Hauptsong sich zärtlich sanft über das abscheuliche Geschehen legt.

Mit dem häufigen Anteil an fiktiven Dokumentarszenen wird „Nackt und zerfleischt“ von manchem Halbrecherchierenden auch gerne als Begründer der Found Footage-Welle bezeichnet, die Ende der 90er Jahre mit „The Blair Witch Project“ populär wurde. Mal ganz davon abgesehen, dass Deodatos Werk nur auszugsweise dieser Gattung Film angehört, gebührt die Ehre der Gründung dieser Filmmethode doch ohnehin in Wirklichkeit Rainer Erler, der bereits 1970 (!!!) mit „Die Delegation“ einen Found Footage-Film drehte, der bis auf ein paar Rahmenkommentare abgesehen, die eine echte Fernsehsendung vorgaukeln sollen, komplett im Doku-Stil gedreht ist - und zwar Dokumaterial zeigend, das angeblich gefunden wurde. Klassischer geht Found Footage wohl kaum.

Was man Deodato zu diesem Thema jedoch zugestehen kann, ist das Umgehen der Fehler eines „Der letzte Exorzismus“, „Diary of the Dead“ und Co. Deodato verzichtet zwar auch nicht darauf die pseudo-authentischen Filmszenen künstlisch zu überarbeiten, z.B. indem sie mit Musik untermalt werden, es werden jedoch Begründungen diesbezüglich in die Geschichte mit eingebaut, womit dieses Vorgehen nicht zum Filmfehler wird. Aufgrund seiner extremen Wirkung würde man dies Deodatos Werk aber sicherlich ohnehin nicht vorwerfen wollen.  OFDb