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01.11.2022

SPIDER-MAN 3 - NO WAY HOME (2021)

Nein, was haben viele damals geschimpft, als "The Amazing Spider-Man" nur 10 Jahre nach "Spider-Man" und 5 Jahre nach dessen letzter Fortsetzung die Entstehungsgeschichte des Spinnenmenschen noch einmal erzählte. "Fällt Hollywood nichts Neues mehr ein?", schimpften all jene, die nicht bemerkten dass Hollywood seit dem Aufkommen des Tonfilmes stets neu verfilmte, fortsetzte, Erfolge kopierte, und Kritiker sich mit ihrem Schimpfen unfreiwillig nur selbst als uninformiert und unreflektiert outeten in dem Glauben dies sei ein neues Verhalten innerhalb der mächtigen Filmindustrie der USA. Da war das Klagen freilich besonders groß, als Marvel sich mit dem bisherigen Rechteinhaber Sony vereinte, und es mit "Spider-Man - Homecoming" eine erneute neue Version der Anfänge rund um Peter Parker gab. Ich habe sie alle genossen, so unterschiedlich wie sie interpretiert und erzählt waren, ich habe nie geklagt. Und nun, wo mit "Doctor Strange" die Multiversen Einzug ins Marvel-Universum halten, da konnte mit einem raffinierten Schachzug das Drama der Klagenden zu einem kreativen Event umgemünzt werden. 

Ich weiß nicht wie man es geschafft hat (wahrscheinlich mit Geld), aber aus den anderen Spider-Man-Filmen wurden Helden und Gegner in gleicher Besetzung für "Spider-Man - No Way Home" zurück gewonnen, um sie als Figuren alternativer Universen vorzustellen. Das ist großartig, bereitet es doch Freude (ge)alte(rte) Gesichter wieder zu sichten, während sich die einzelnen Filme zu einem großen Ganzen vereinen können, was im letzten langen Drittel eines immerhin 142 Minuten laufenden Streifens zum Höhepunkt der ganzen Chose wird. Denn erst ab hier kämpfen die drei Spider-Man gemeinsam Seite an Seite, versehen mit allerhand Seitenhiebe auf Besonderheiten und Schwächen der jeweiligen Interpretationen (am besten ist jene zum Thema mangelndes Teamwork), und das macht so viel Spaß wie erhofft. Lediglich dass der aktuelle Spider-Man wie der einzig wahre herüber kommt, ernüchtert ein wenig, aber ansonsten gibt es nichts zu meckern, zumal die Gefühlsebene aller drei Parkers nicht zu kurz kommt. 

Was die lange Phase zuvor angeht, so ist der Film zwar auch hier ein unterhaltsames Werk, aber bei weitem nicht so geglückt, wie die beiden hervorragenden Vorgänger. Letztendlich liegt das Hauptmanko am selben Schwachpunkt, den seinerzeit auch Raimis "Spider-Man 3" hemmte: das Bekämpfen zu vieler Gegner. Klar, das ist hier aufgrund der Zusammenführung der Universen gewollt und wie erwähnt aufgrund der bekannten Schurkengesichter gern gesehen, aber es besitzt einfach nicht die Energie, die ein Film mit einem, maximal zwei Gegnern entfachen kann. Nun ist der Beginn trotzdem ein Hingucker, immerhin schloss "Spider-Man 2 - Far from Home" mit einem sehr geglückten Cliffhanger. Daraus weiß man einiges herauszuholen, wenn auch nicht in voller Konsequenz, was wohl auch den Rahmen gesprengt hätte. Etwas zu einfach macht man es sich dann doch, so dass erst mit dem Hinzustoßen von Doctor Strange die Geschichte so richtig ins Laufen kommt. Zwar ignoriert man von hier an plötzlich den Aufruhr gegen Parker, aber die Pluspunkte der Geschichte, insbesondere der schon in den Vorgängern zelebrierte Humor, lassen einen gütigst drüber hinweg schauen. Nur war dies bei den ersten beiden Teilen erst gar nicht nötig. 

Wie auch immer, erzählenswert ist das hier Gezeigte trotzdem, auch wenn es nicht alle Erwartungen erfüllen kann. Und was mich stark überrascht und bewegt hat, ist die finale Entscheidung des Helden, die den Beititel der zweiten Fortsetzung zur Wahrheit werden lässt. Sollten die Schöpfer zukünftiger Abenteuer der Spinne nichts Vorangegangenes im Schwanzvergleich überbieten wollen, sondern lediglich solide und gute Arbeit leisten, kann es von nun an so weiter gehen, wie es ursprünglich schon immer sein sollte, bevor die Avengers dazu stießen und aus Spider-Man etwas machten, das engstirnige Fans nie gewollt haben. Diese Schlussentscheidung ist einfach großartig - solange sie auch konsequent eingehalten wird.  OFDb

30.10.2022

THE SOCIAL NETWORK (2010)

Wie toll der Vorteil einer Großproduktion in den richtigen Händen sein kann, zeigt "The Social Network", der als biographisches Drama das Geld nicht in einen Haufen Spezialeffekte stecken muss, sondern auf Ausstattung, ein durchdachtes Drehbuch und tatsächlich talentierte Mimen zurück greifen darf. Dass in einer Geschichte, um die Erfindung Facebooks, der biographische und der phantastische Aspekt vermischen und nicht immer klar auseinander gehalten werden können, ist klar. Dass Fincher die durchaus faszinierende Geschichte tückischer Taten nicht rein der Vorurteilsbestätigung inszeniert und aus "The Social Network" weder einen Pro- noch Contra-Zuckerberg-Film macht, ist ihm hoch anzurechnen. Ebenso, dass er trotz der Erzählebene über Rückblicke während zwei parallel laufender Anhörungen, das Gezeigte einfach verständlich umsetzt, während das Ergebnis dennoch anspruchsvoller Natur ist. 

Die flotte, meiner Meinung nach inszenatorisch ein wenig von "Trainspotting" abgeguckte, Umsetzung, kann nicht überspielen, dass das Drehbuch, trotz einiger Klischees im Mittelpunkt, ein durchdachtes ist, sowohl strukturell, als auch in psychologischen Bezügen von Ursache, Wirkung, Kenntnisstand und Begabung einzelner Charaktere, die Wichtigkeit jeweiliger Einflüsse, das Aufheben von Schwarz/Weiß-Zeichnungen innerhalb eines von Schurken bevölkerten Business, sowie analytischer Tiefgründigkeit. Mit Jesse Eisenberg ideal besetzt, in toller Videoästhetik-Optik umgesetzt und mit einem wunderbar funktionierenden Soundtrack untermalt, der mit Monotonie und aufkeimender Stimmung auf elektronischer Ebene gleichermaßen je nach Filmphase gekonnt spielt, lässt sich der perfekt anfühlende Streifen kurzweilig, poppig und doch erwachsen, da ernst genommen anmutend, schauen. Man fühlt sich nicht manipuliert, darf an Beobachtungen und Gedankengängen teilhaben, innerhalb eines Filmes verschiedener Blickwinkel. Momente, die sich nach Vorurteilen anfühlen, gehören in Wirklichkeit zu subjektiven Blickwinkeln einzelner Figuren, so z.B. die häufig aufkommende Verabscheuung Privilegierter. 

Zuckerberg beim Aufbau seines berüchtigten Zugpferdes zuzusehen, funktioniert auf verschiedenen Gefühlsebenen zwischen Mitleid, Scham, Schadenfreude und menschlicher Enttäuschung. Das zeigt wie wichtig dem Film die Figuren sind, wie wichtig es war sie persönlich zu zeichnen, anstatt sie auf Stereotypen zu reduzieren. Dass derartige dennoch immer irgendwie aufblitzen, lässt sich aber wohl in einem US-amerikanischen Werk nicht verhindern. Vielleicht muss man in den USA leben, um es nicht wie ein Europäer zu empfinden.  OFDb

28.01.2020

THE AMAZING SPIDER-MAN (2012)

Gerade einmal fünf Jahre nach Raimis letztem "Spider-Man"-Film erschien bereits ein Neuansatz, der ebenfalls wieder bei der Entstehungsgeschichte des Titelhelden beginnt. Das rief seinerzeit Spott und Hohn hervor, Filmfreunde klagten es sei zu früh für eine Wiederbelebung und sahen in derartigen Projekten eine Sackgasse, die beweisen würde, dass den Produzenten in Hollywood nichts neues mehr einfallen würde. Letzteres kann man nicht unbedingt verneinen, aber mit dem Versuch die Geschichte von Spider-Man erneut zu erzählen, habe ich schon immer sympathisiert, ist die Geschichte doch weiterhin erzählenswert und wäre es doch schade gewesen, wenn nach nur drei Filmen für lange Zeit Schluss gewesen wäre. Zudem hat Regisseur Marc Webb, dem wir auch den wundervollen "(500) Days of Summer" verdanken, keineswegs einen Klon von Raimis Version um den berühmten Comic-Arachniden geschaffen, schaut sich "The Amazing Spider-Man" trotz erneuter Entstehungsgeschichte des Helden doch völlig anders.

Das beginnt bereits mit dem ernsteren Ton, den die Neuauflage anschlägt und nur dann humorvolle Momente kurzfristig gestattet, wenn es um das Entdecken der neuen Fähigkeiten geht. Ansonsten ist der Film in familienfreundlichem FSK 12-Gewandt düsterer und bitterer ausgefallen. Die Tragik um Peter Parker beginnt bereits in der Kindheit, lange Zeit bevor er zu Spider-Man wird. Das Geheimnis um seine Eltern und deren Tod erschafft ein Mysterium voll offener Fragen, vergleichbar mit der Geschichte um "Batman". "The Amazing Spider-Man" ist ein pessimistischer Film, der immer wieder vom Optimismus des Helden aufgelockert wird, aber selbst diese Momente sind rar gesät, so stark wie Peter leidet und verwundet und niedergeschlagen von nächtlichen Streifzügen heimkehrt. Die Solidarität des einfachen Arbeiters beschert dem Film einen weiteren optimistischen Moment, das war es aber auch schon. Es ist erstaunlich dass ein Film, der einen Echsenmenschen ins Zentrum setzt, in so ernster und bitterer Art zu funktionieren weiß, denkt man bei dieser Thematik doch eher schmunzelnd an Filmklassiker der 50er Jahre oder an Kirks Kampf in einer der ersten Folgen der Serie "Raumschiff Enterprise". Aber es funktioniert - freilich auch durch die hervorragende Animation der Kreatur.

Die Spezialeffekte aus dem Computer wissen nach solch wenigen Jahren Pause tatsächlich besser zu überzeugen, als in den Spider-Man-Filmen der 00er Jahre, was gerade in den nett choreographierten CGI-Kampfsequenzen zwischen den beiden Kontrahenten auffällt. "The Amazing Spider-Man" lebt viel von seiner Action, ganz im Gegenteil zu Raimis ersten beiden Teilen. Und mag der Neuansatz auch in vielen dramatischen Aspekten baden, so empathisch wie die Feel Good-Version der Vorgänger kommt er trotz dieses Schwerpunktes erstaunlicher Weise nicht daher. Aber mag sich alles auch theoretischer anfühlen, ein ehrlicher Ton bleibt bestehen, Webbs Werk badet nicht in Theatralik, sondern schlichtweg in einem angenehm atmenden Comic-Klischee, wie es sich für eine Superhelden-Geschichte gehört. Neben diverser Veränderungen stilistischer Art, gefällt mir auch der Ansatz, dass Spider-Man nicht von Natur aus Fäden schießen kann, sondern dafür eine eigens entwickelte Apparatur benötigt. Das mag so realitätsfern sein, wie das eigene Herstellen des etwas übertrieben glänzenden Anzugs, aber wer derartiges hinterfragt, wird ohnehin nicht glücklich mit Stoffen dieser Art, derartige "Schwachstellen" gehören zu einem Superhelden-Film einfach dazu. Mit Andrew Garfield und Martin Sheen interessant besetzt, gibt es somit nichts zu meckern. Ganz im Gegenteil, weiß "The Amazing Spider-Man" mit seinem völlig anderen Ansatz ähnlich gut zu gefallen, wie die ersten beiden Raimi-Versionen der freundlichen Spinne aus der Nachbarschaft.  OFDb

07.09.2014

THE AMAZING SPIDER-MAN 2 - RISE OF ELECTRO (2014)

Als 2012 mit „The Amazing Spider-Man“ nur wenige Jahre nach Sam Raimis Trilogie um den arachniden Superhelden erneut die Entstehung Peter Parkers zu Spider-Man erzählt wurde, durfte man sich schon wundern, dass dieser Film auf recht eigene Art zu punkten wusste, setzte er doch andere Schwerpunkte als der 10 Jahre zuvor entstandene „Spider-Man“ und hatte man mit Andrew Garfield doch einen aus dem Dramen-Bereich talentierten Mimen an Bord, der in der Rolle Parkers zwar nicht ganz so gut zu wirken wusste wie Tobey Maguire, aber noch immer eine gute Wahl für die Besetzung war.

Was den heruntergeschraubten Humorpegel und die damit etwas ernstere Umsetzung von Teil 1 betrifft, so hält sich auch die Fortsetzung an dieses Rezept. So charmant ausgefallen wie sein Vorgänger ist „The Amazing Spider-Man 2 - Rise Of Electro“ dann leider aber doch nicht, ist dieser doch selbst für einen Superhelden-Film aus viel zu kindlichst naiver Sicht erzählt. Der Gegner wirkt in seinem Verhalten wie aus einer Zeichentrickserie entlaufen, die Dramaturgie des Streifens wird zu plastisch mit hohlen Phrasen heruntergeleiert, die Glaubwürdigkeit von Randfiguren für reißerische Elemente geopfert (z.B. in jener Szene, in welcher Peter die Wahrheit über seinen Vater erfährt), und die Action wird für einen Blockbuster derart hochgeschraubt, dass es nicht mehr um die Action der Geschichte geht, sondern um das Angeben mit neuesten Spezialeffekten.

Zwar weiß auch Teil 2 Szenen-weise noch gelegentlich zu gefallen, meist wenn es humoristisch wird, und das Ableben einer gemochten Figur wird doch noch als einzig halbwegs funktionierender dramatischer Moment eingefangen, insgesamt ist „The Amazing Spider-Man 2“ mental aber endgültig im Bereich des Kinderfilmes angekommen. Ernst nehmen kann man ihn, selbst für Superhelden-Verhältnisse, nicht mehr. Schade! Nach dem geglückten Teil 1 war ich sehr optimistisch, dass es nach Sam Raimis tollen Filmen mit Spider-Man positiv weiter geht. Hoffentlich bleibt Teil 2, der etwas hektisch von einem Erzählschwerpunkt zum nächsten springt, die Ausnahme. Aber so oder so: an einen Teil 3 werde ich sehr kritisch herangehen.  OFDb

22.08.2013

ALLES, WAS WIR GEBEN MUSSTEN (2010)

„Alles, was wir geben mussten“ kann man als das absolute Gegenstück von Michael Bays „Die Insel“ bezeichnen. Während dieses Werk laut war und von der Entdeckung eines Geheimnisses in der Zukunft handelte und dem Versuch dass die Klone ihr Schicksal verhindern wollen, ist Mark Romaneks Film ein ruhiges sentimentales Werk, welches in einer alternativen Vergangenheit spielt und in welcher die Klone sich ihres Zweckes bewusst sind und sich dem fügen. Sie sind von klein auf drauf eingestellt. Und das System funktioniert lückenhaft. In den 50er Jahren funktionierte erstmals das Verfahren der Organverpflanzung und wurde Standart. In den 60ern ist die Lebenserwartung bereits bei 100 Jahren angekommen. In den 70er Jahren wachsen die Helden der Geschichte im Internat auf, um in den 80er Jahren ihre kurzen Wege zu gehen, sich zu verlieren und irgendwann wiederzufinden.

So ereignislos das klingt, zumal die Klongeschichte eher unauffällig im Hintergrund spielt, während es vordergründig um das Beziehungs- und Gefühlsdreieck der drei Protagonisten geht, so sehr zieht der Film gerade daraus seine Stärke. Er beruht auf einem Roman des Japaners Kazuo Ishiguro, der eine  alternative Welt erschuf, die durch ihre Selbstverständlichkeit und der Befremdlichkeit bitterböse wirkt. Die Gesellschaft steht der Klonthematik völlig emotionslos gegenüber, und Ethik scheint es selbst dann nicht zu geben, wenn sich mancher Mensch, wie ein interessanter Aspekt der Auflösung eines im Film gestellten Rätsels zeigen wird, mit der Ethikfrage beschäftigt. Ganz im Gegenteil, diese Menschen wirken fast noch kühler als der Rest der Gesellschaft.

Da die Charaktere das wichtigste Gut neben der Grundidee sind, ist man ganz nah dran am Empfinden der drei Hauptfiguren, ganz besonders freilich an der Gefühlswelt der Identifikationsfigur Kathy, mit derer verpassten Chance man ebenso leben muss wie sie selbst. Der Film zeigt nebenbei auf wie Menschen, die alternativ leben, sich ganz von selbst eine alternative Realität basteln. Zum einen beschönigen/verdrängen sie die real auf sie zukommenden Probleme, wie es ein jeder wohl (ob bewusst oder unbewusst) tut, zum anderen wecken sie durch Gerüchte Hoffnungen ihr Schicksal verzögern zu können und malen sich den Sinn diverser Dinge aus ihrer Vergangenheit aus, den sie durch mangelnde Informationen nicht verstehen können. Ist man sich anfangs der Spekulation bewusst, so formt sich diese im Laufe der Zeit zu einem echten Glauben, und dem Zuschauer ist währenddessen durchaus bewusst, dass ein solches Denken, Fühlen und Glauben nur auf einen großen Crash hinauslaufen kann, der aber freilich ebenso sensibel angegangen wird wie der Rest des Films.

Zwar ist „Alles, was wir geben mussten“ in jeglicher theoretischer Art mehr als geglückt (Schauspieler, Regie, Drehbuch, Schnitt, ...), aber seine größte Stärke besitzt Romaneks Werk in der Mündigkeit, die er dem Zuschauer zugesteht. Nie stößt er einen zu weit auf die aufblitzenden Tiefen der Geschichte hin. Romanek lässt uns selbst entdecken, und neben den geradezu zwangsweise mit einer solchen Idee einherlaufenden Ansätzen von Gesellschaftskritik, philosophischen Gedanken und ethischen Grundsatzfragen, provoziert der Film doch eigentlich immer in den kurz aufgegriffenen Nebensächlichkeiten am effektivsten, beispielsweise wenn sich das groß gewordene Trio ganz nebenbei darüber austauscht was sie über ihre ehemalige Schule gehört haben, und dass einer von ihnen gehört habe, dass die jetzigen „Schüler“ nur noch Produkte in einer Art Legebatterie wären. Ausgesprochen, weitergesprochen!

In dieser Welt ist das normal, und der Klon will sich auch gar nicht zu sehr mit einer solchen Thematik befassen, muss er sich dann doch wieder ganz bewusst seinem Schicksal stellen. Es gibt einen Unterschied zwischen dem theoretischen Wissen und dem Wissen im Bewusstsein. Toll wie der Film sich der kompletten Psychologie seiner Idee bewusst ist und uns damit immer wieder den Spiegel vorhält, einen Spiegel den man auch auf andere Dinge im Leben ableiten kann.

So wirken die isoliert aufgewachsenen Kinder, wenn sie erstmals in die Stadt fahren, von der sie nur aus der Theorie wissen wie man sich dort verhält, wie Sektenmitglieder. Auch die Auflösung des im Film gestellten Rätsels wirft einen großen Schatten auf das Thema Religion, wäre die Kaltblütigkeit der Ethikforscher doch nie so immens, wenn gewisse Thesen, die Weltreligionen als Wahrheit verkaufen, nicht die Gehirne der Menschen seit langer Zeit manipuliert hätten. Im Prinzip zeigt die Auflösung, dass auch der nicht geklonte Mensch längst in einer sich vorgelogenen Realität lebt, die mal als Spekulation angefangen hat. Das läuft freilich alles sehr versteckt ab und muss vom Zuschauer entdeckt werden. Aber diese Themengebiete sind vorhanden und aus gutem Grund nicht direkt angesprochen. Das von mir gewählte Beispiel ist hierbei nur ein Teil eines großen Gedankenpuzzles, das in den hinteren Reihen des Films abläuft.

Dementsprechend wertvoll ist „Never Let Me Go“ (Originaltitel) ausgefallen, der es somit schafft auf drei Ebenen zu funktionieren. Der emotionale Teil der Hauptgeschichte lebt trotz (?) der Naivität der drei Hauptfiguren und geht dem Zuschauer sehr zu Herzen. Die Thematik des Klonens wird auf vielschichtige Art durch die zurückhaltende Erzählstruktur aus verschiedensten Richtungen beleuchtet, und das nicht nur in ihrer, sondern auch in unserer Ethikfrage. Und auf dritter Ebene funktionieren die unterschwelligen Aussagen losgelöst vom angegangenen Thema, um sich diversen Vergleichen in unserer Welt stellen zu können, damit wir diese kritisch und mündig hinterfragen können. In diesem Bereich ist Romaneks Werk eine Art Räuberleiter für den Zuschauer, manchmal nur in kurz angeklungenen Sätzen oder anderweitigen Nebensächlichkeiten und in diesem Punkt somit vergleichbar mit dem Film „Delphinsommer“.

„Alles, was wir geben mussten“ ist großes Gefühlskino mit Intellekt, zeigt dass das eine das andere nicht ausgrenzt sondern stützt und geht mit der Frage nach der menschlichen Natur nicht gerade zimperlich um. Hier wird nicht indoktriniert, manipuliert und frisiert, hier stellt man sich knallhart einer Wahrheit, losgelöst von Kultur und Zeit, da in einer Alternativwelt angesiedelt. Romaneks Werk ist eine der ganz wertvollen Filmempfehlungen, was mit Blick auf seinen missglückten „One Hour Photo“ verwundern darf. Der scheiterte seinerzeit an einer fehlerhaften Psychologie und somit genau an dem, was am hier besprochenen Werk gerade der größte Pluspunkt ist.  OFDb

22.07.2012

BOY A (2007)

Der 24jährige Jack ist nicht der, der er vorgibt zu sein. Nach Jahren aus der Verwahrung entlassen, soll er sich unter der Aufsicht seines Sozialbetreuers ein neues Leben aufbauen. Einen Job hat er bereits, es folgen Freunde und feste Freundin. Doch die Vergangenheit, über die er schweigen muss, ist für Jack immer präsent und die Angst ist groß, dass ihn diese eines Tages einholt...

About Boy A...
 
Nach seinem Debutfilm „Intermission“ und diversen Kurzfilmen war „Boy A“ John Crowleys zweiter Langfilm, und dieser erzählt die Geschichte eines resozialisierten Verbrechers, der seine Tat in jungen Jahren begangen hat und nun eine neue Chance in der Gesellschaft erhalten soll. Was er getan hat bleibt lange Zeit ungeklärt, jedoch deutet bereits seine Namensänderung und der Selbstmord von Jacks bestem Freund und Mittäter darauf hin, dass es sich um ein Schwerverbrechen gehandelt haben muss.

Der Film erzählt seine Geschichte auf drei Ebenen: im Jetzt erleben wir das Privatleben von Jack und das des Sozialarbeiters. Wie eng deren Schicksale miteinander verwoben sind, zeigt sich erst zum Schluss, auch wenn das Beachten des privaten Umfeldes des Sozialarbeiters bereits vermuten lässt, was im letzten Drittel der Geschichte schief laufen wird. Die dritte Ebene spielt in der Vergangenheit, erzählt von einer Kinderfreundschaft Jacks und legt uns schleichend offen, wie der von der Presse getaufte Boy A in die Situation seiner Tat hineingeraten ist und welcher Art das Verbrechen überhaupt war.

Wichtiger inhaltlicher Aspekt, wie auch das Spiel mit dem Zuschauer, ist der Umgang mit Vorurteilen und Selbstgerechtigkeiten. Deswegen dürfen wir Jack zunächst einmal fast vorurteilsfrei kennen lernen. Unsicher, da Jahre isoliert, tappst er in sein neues Leben und stellt sich dabei nicht immer sehr geschickt an. Aber der ohne größere Zweifel geheilte junge Mann gibt sich viel Mühe und wird mit seinem Engagement dem Sohn des Sozialarbeiters gegenübergestellt, der als Tagedieb seine Zeit vergeudet. Jack ist erfolgreich auf der Arbeit und erntet den Respekt seiner Freunde, spätestens wenn er zum Lebensretter von jemandem wird der einen Autounfall hatte.

Was Jack verbrochen hat, sollen wir erst erfahren wenn er uns ans Herz gewachsen ist, um dann zu schauen ob wir so schnell Rache und Wegsperren rufen würden, wie es die Yellow Press immer wieder gerne mit ehemaligen Straftätern tut. Und mancher Zuschauer muss sich gewiss an die eigene Nase packen, neigt er doch eventuell zu ähnlichen Ansichten. „Boy A“ bezieht deutlich Position, heißt solche Vorurteile nicht gut, zeigt aber auch deutlich wie schwer es für alle Beteiligten ist loszulassen, egal in welcher Phase des Filmes.

Was die Sympathie eines Jack betrifft, macht es sich der Film jedoch etwas zu leicht, denn seine Tat hat Jack in sehr jungen Jahren begangen, so dass ein Verzeihen und der Respekt vor einem Neuanfang durchaus größer ist als bei einem älteren Täter der noch eher hätte wissen müssen was er da Falsches tut. Das Erleben der Tat im letzten Drittel des Streifens lässt einen aufgrund der Sinnlosigkeit dieser dennoch schwer schlucken, zumal Jack nicht den selben tragischen sozialen Hintergrund beschert bekommt wie sein gepeinigter und dadurch hasserfüllter bester Freund.

Wenn nach sehr viel Mühe das so großartig aufgebaute Kartenhaus der neuen Identität zerbricht, zeigt sich wie schnell eine böse Tat, und mag sie noch so lange her sein, eine gute Tat überdeckt (der Lebensretter), wie schnell aus Selbstschutz Freunde und Job weg sind und alle Kraft dahin ist, die unter wackeligen Bedingungen das Kartenhaus so lange aufrecht erhielt. Flucht und Tagträume sind das einzige das Jack nun noch bleibt, und der Film schließt so wie man es erwartet hat und zeigt damit wie er mit diesen Restzutaten seines Lebens umzugehen weiß.

Durch die distanzierte Sichtweise mittels Unwissenheit ist es dem Zuschauer möglich auf völlig andere Weise mit dem speziellen Beispiel des umstrittenen Themas umzugehen. Zudem wird bewusst das neue Leben Jacks durch banale Beweggründe zerstört, so dass automatisch die Frage aufkommt wann wir im Leben etwas als Verbrechen ansehen und wann nicht. In wie weit muss man sich die Finger persönlich schmutzig machen um von einem Verbrecher zu sprechen? Wie viele Dominosteine vor dem letzten Umgefallenen bezeichnen wir als Täter oder Mitverantwortliche, wie lange muss die Dominoreihe sein, um zuvor umgefallenen Steinen nicht die Schuld am zuletzt umgefallen Stein zu geben? Bei welcher Art Täter rufen wir automatisch schuldig, bei welcher nicht? Wie weit greift das Gesetz um offiziell überhaupt von schuldig reden zu dürfen? Fragen über Fragen, die gekonnt im Raum stehen, um den Zuschauer regelrecht herauszufordern.

„Boy A“ ist somit nicht nur auf emotionaler Ebene ein gelungenes Drama, er ist auch ein intelligent erzähltes. Er vermeidet Vorurteile und Sozialkitsch und ist allein schon durch seine gute Besetzung in den Hauptrollen glaubwürdig erzählt. Gekonnt liefert er nur die Grundlage einer Diskussion und lässt den Zuschauer, je weniger er sich zuvor mit dem Thema auseinander gesetzt hat, grübelnd zurück.  OFDb