Donnerstag, 2. Mai 2013

SPLICE - DAS GENEXPERIMENT (Splice 2009 Vincenzo Natali)


Die Wissenschaftler Clive und Elda erschaffen gegen den Willen der Firma für die sie arbeiten ein künstliches Wesen mit menschlichen Genen, welches sie versteckt vor der Öffentlichkeit groß ziehen. Nicht nur das rapide Wachstum zerstört die Grundlage einer gesunden psychologischen Entwicklung, auch der wilde Gen-Mix und noch mehr die Fehler der „Eltern“ sorgen dafür, dass das nicht vorhersehbare Experiment ein böses Ende nehmen muss...


Rabeneltern Wissenschaft...

Der Regisseur Vincenzo Natali ist seit seines Kino-Hits „Cube“ für seine ungewöhnlichen Stoffe bekannt. Ob es nun besagter rätselhafter und tödlicher Würfel ist, oder aber die phantasiesprengende Idee von „Nothing“ (was ist bitte ein Nichts?). Mit „Splice“ hat er einen Genre-Mix aus Science Fiction, Drama und Horrorfilm kreiert, den man in etwa als einen ominösen Cocktail aus „Carrie“, „Frankenstein“ und „Alien“ bezeichnen könnte. Vor dem Niveau dieser Vergleichsfilme braucht sich der hier besprochene nicht einmal verstecken, entpuppt sich der fertige Streifen doch als recht reifes und erwachsenes Werk, nicht ohne Schönheitsfehler versehen, aber doch sehr gehaltvoll und psychologisch meist richtig erzählt.

Wie so oft werden die gewohnten Seiten von Gut und Böse verdreht, mit der Zeit verzerrt und wieder vertauscht, so dass eine immer bizarrer werdende Geschichte irgendwann ihr Ende findet ohne pseudo-artig Moral zu predigen und mit dem erhobenen Zeigefinger zu winken. Nicht dass der Kern der Geschichte nicht auf Ethik setzen würde, bzw. den Mangel an Ethik nicht kritisieren würde, aber dieser Punkt erwächst geradezu automatisch aus der erzählten Geschichte heraus, so dass ein gekünstelter moralinsaurer Eingriff von Seiten der Verantwortlichen von „Splice“ gar nicht mehr nötig war. Na Gott sei Dank, denn die USA werkelten mit an diesem Science Fiction, und da hätte das schnell passieren können.

Dass die über allem erscheinende Moral weder erdrückend noch aufgesetzt wirkt liegt u.a. auch daran, dass sie sich nur dem Dritten, dem Zuschauer, offenbart, nie aber einer der wesentlichen Figuren des Streifens. Die Wissenschaftler sind gebildete Genies, sozial abgestumpft, bzw. durch die moderne Moral mit einem verzerrten Blick auf Ethik und deren Bedeutung bestraft, und so steht ihr Genie auf der Seite der Wissenschaft und ihrer Dummheit in Sachen Menschlichkeit in einer Extreme gegenüber, die sie trotz ihres hohen Intellekts wie kleine Kinder wirken lässt, die naiv und ahnungslos mit dem Feuer spielen und sich hinterher wundern wenn‘s brennt.

Wer von Ethik keine Ahnung hat, hat sie auch nicht von Psychologie. Grundlegendes Denken von Richtig und Falsch wird in unserer Gesellschaft gerne für bestimmte Bereiche abgeändert und so lange gelebt, bis man sie für ihren speziellen Bereich für richtig hält. Verhaltensweisen die Menschen im Alltag als Geisteskrankheiten diagnostiziert werden, werden zum Vorteil und richtigem Verhalten im Management und der Führungsetage großer Konzerne. Das Töten und Vergiften von Menschen ist ein von Politikern durch Gesetzesentwürfe verbotenes Verhalten, während es für Konzerne global gesehen und von Politikern unterstützt als kleines Übel zum Erhalt von Luxus gilt. Lügen sich Bürger untereinander an ist es eine Unverschämtheit, lügen Politiker wird dies als Strategie und geradezu typische Eigenschaft ihres Berufes angesehen, die nur wenig hinterfragt werden.

Und um nun zum Punkt für „Splice“ zu kommen: Das Verhalten das unsere Wissenschaftler in ihrem Beruf erlernt haben, ist nicht übertragbar in den Bereich elterlicher Pflichten, ein Bereich in welchen die beiden immer mehr hineinrutschen, wenn sie feststellen, dass das Wesen mehr als ein Experiment für sie geworden ist. Nun werden sie zu Rabeneltern, die dem noch unbedarften und unschuldigen Wesen in ihrer rational denkenden Art Leiden antun, die ihnen nicht einmal bewusst sind. Am Ende erkennen sie Fehler gemacht zu haben, können diese aber nicht näher benennen, da sie ihre Fehler nicht wirklich begreifen. Wie sollten sie auch, aufgewachsen in einer ethisch verdrehten Welt in welcher ihr Tun bislang als positiv gesehen wurde und von Schule, Arbeit und Geldförderern gar gefördert wurde.

Auf der anderen Seite steht Dren, so der Name des Gen-Experiments, das zunächst ein unschuldiges, leidendes Opfer ist, für das es in unserer Welt kein Happy End geben kann, komme was wolle. Das macht selbst ihre wenigen fröhlichen Momente im Leben für uns Zuschauer todtraurig, so hoffnungslos sieht ihr Schicksal aus. Doch auch sie wandelt sich vom Opfer zum Täter, nicht ohne Zutun der psychischen Schinderei ihrer Eltern, aber auch selbstgelenkt, ein Abschnitt der von Natali deutlich markiert wird, wenn er nach dem Erwachen der Sexualität und derer Erfüllung in Erscheinung tritt. Wir sind ein unbeschriebenes Blatt und irgendwann werden wir schmutzig. Und wir tun Dinge zur Befriedigung des Drangs, die wir ohne Sexualität nie getan hätten. So auch Dren, in welcher zig Gen-Komponenten diverser Tiere stecken und damit andere Instinkte und eine andere Gefühlswelt als einzig die eines Menschen.

Dren handelt bis zu ihrem tragischen Schluss falsch, erkennt dies nicht und muss dafür bezahlen. Im Gegenzug erleben wir die beiden Wissenschaftler, die anhand ihres Fehlverhaltens nur erkennen, dass sie während des Großziehens ihres Zöglings etwas falsch gemacht haben. Sowohl die geplante Lösung dieses Problems zeigt die fragwürdige Natur ihres Daseins als auch der Wunsch alles rückgängig machen zu können, bis zu jener Zeit als alles noch gut war: die Zeit der Forschung. Dass die Fehler bereits hier zu finden waren, wird ihnen nicht bewusst.

Schade dass diese vielschichtige, tiefgründige und mehrfach deutbare Geschichte zum Finale hin in einen gewöhnlichen Bereich abdriftet, nicht ohne eine gewisse Klasse beizubehalten, aber doch arg gewöhnlich werdend. Aber wenn man bedenkt wie großartig „Splice“ zuvor erzählt ist und wie verzwickt sich die Situationen bis in provokativ Grenzen sprengende Bereiche zuspitzen, braucht es nicht wundern, dass die Autoren der Geschichte keinen Ausweg gefunden haben. Da hätte man das Talent eines Charlie Kaufman („Being John Malkovich“ und „Vergiss mein nicht!“) benötigt, um die Geschichte zu einem würdigen Ende zu führen. Dementsprechend überraschungsarm ist auch die finale Pointe ausgefallen, die nicht nur vorhersehbar ist, sondern auch von Konkurrenzprodukten schon etliche Male serviert wurde.

Dem Film tut es nur wenig Abbruch, ist er doch ein wirklich gelungener Mix aus intelligentem und unterhaltungsreichem Kino. Der Mix aus Drama und Horror erreicht im Empfinden des Zuschauers eine Extreme, wie es sie heute nur noch selten gibt, und die geradezu typisch für Filme wie die oben erwähnten „Frankenstein“ (bzw. noch eher „Frankensteins Braut“) und „Carrie - Des Satans jüngste Tochter“ war, womit nicht nur inhaltlich eine Verwandtschaft besteht, sondern auch in Intensität und Wirkung.

Auch die individuell wirkende Kreatur ist keinesfalls ein schlechter Gen-Mix a la „Man‘s Best Friend“, sondern eine einfallsreich konzipierte Figur, bei der zwar weniger trotzdem mehr gewesen wäre, die aber in Idee, Wirkung und Aussehen einzigartig ist und dem Film dementsprechend gut tut, zumal der gewagte Mix aus Computeranimation und einer realen Schauspielerin der Dren oftmals Grenzen sprengt, in welchen man grad nicht sicher ist, was von beidem gerade mehr dominiert.

Da es sich um einen intelligenten Film handelt, muss man auch nicht befürchten Religion als Gegenaspekt zur bösen Wissenschaft vorgesetzt zu bekommen. Mehr noch: dank der Figur des Bruders des Forschers wird sogar die Position deutlich, dass Wissenschaft nicht dämonisiert wird, sondern nur die Unachtsamkeit und die mangelnde Ehrfurcht mancher Forschenden. Da das ganze zudem noch in eine packende Geschichte integriert wurde, die Hoch und Tiefs beim Mitempfinden des Zuschauers entfacht, kann man „Splice“ definitiv als weit über dem Durchschnitt bezeichnen und trotz seines bröckelndem Finales jedem Cineasten, ob nun mit Hang zum Horror oder nicht, ans Herz legen.


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1 Kommentar:

  1. Richtig guter Film. Hat mich beim ersten mal echt umgehauen.

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