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30.10.2022

DARK GLASSES - BLINDE ANGST (2022)

Als es hieß, dass Regie-Legende Dario Argento nach 10 Jahren Schaffenspause einen neuen Film abgeliefert hat (und zudem noch einen Giallo), habe ich mich sehr gefreut. Zwar hatte der gute Mann bereits seit 20 Jahren keinen guten Film mehr gedreht, mit Werken wie "Giallo" nur mittelmäßiges Kino abgeliefert und mit "Mother of Tears" ausgerechnet den letzten Teil der "Suspiria"-Trilogie komplett vergeigt, aber viele Künstler entsinnen sich im Alter einer Stärke, die sie eine Zeit lang verloren haben. So erhoffte ich dies auch bei Argento, den ich auch in schwachen Zeiten nichtsdestotrotz respektierte. Warum "Dark Glasses" (Alternativtitel) eine Enttäuschung, anstatt eine Rückkehr zu alten Ufern ist, könnte sich in der privaten Ansprache vermuten lassen, welche der italienische Thriller- und Horror-Regisseur auf dem Mediabook unter den Extras spricht. Hier begegnet uns kein in Würde gealterter, weiser Mann, sondern leider ein seniler. 

Und das passt leider zum vom ihm verfassten Drehbuch zu "Occhiali neri" (Originaltitel), welches mit Fortschreiten einer zunächst interessant klingenden Geschichte immer willkürlicher und unreflektierter wird, keinen durchdachten, tiefer analytisch betrachteten Kurs fährt, und leider auch auf Trivialebene nicht punkten kann, bei den Fehlern die es begeht. Dass eine Blinde mit einem Kind, das Traumatisches erleben musste, zusammen arbeitet, hätte zu vielen Möglichkeiten führen können, mit welchen ein gewitzter Geschichtenerzähler hätte jonglieren können. Abgesehen davon dass unsere Heldin gelegentlich auf der Flucht vor Gegenstände läuft und stolpert, oder alternativ vom Kind als Blindenhund geführt werden muss, fällt Argento leider nichts zu der theoretischen Hetzjagd ein, welche beide auf der Flucht vor einem Serienmörder durchleben müssen. Ebenso gut hätte ein Clown mit einer Schlittschuhläuferin das hier Gezeigte erleben können, es spielt für den analytischen Bereich, ja nicht einmal für die dramaturgische Charaktervertiefung, keine Rolle. Die Figuren akzeptieren schnell wer sie sind und was der andere meint zu brauchen. Sie agieren nie clever und besitzen so wenig Motivation wie der Killer, der die beiden als unbrauchbare Zeugen nicht beseitigen müsste und ohnehin keine unheimliche Ausstrahlung zu versprühen vermag. 

Damit dieser Unsinn im Leerlauf ab der zweiten Hälfte dem weniger anspruchsvollen Zuschauerteil kaum auffällt, oder es ihm egal wird, baut Argento einige reißerische Unnötigkeiten ein, wovon die Attacke von Wasserschlangen zu den unsinnigsten zählt. Das wäre ein schöner, unnötiger Schauwert bei packender Umsetzung, wie die Haiattacke auf einen Zombie bei Fulcis "Woodoo", so wie dargeboten schaut es sich jedoch wie ein Verzweiflungsakt um Individualität, es ist ein Armutszeugnis. Schade ist es um die erste halbe Stunde, die stimmig erzählt ist, wenn auch meist durch die gut funktionierende, absichtlich reißerisch eingebrachte Hintergrundmusik, und durch eine Erwartungshaltung aufgrund der Figurenkonstellation eines unfreiwilligen Personendreiecks. Diese Erwartungshaltung verfliegt jedoch mit willkürlichen Erlebnissen und zu schnellen Tötungen von Nebenfiguren, und das dünne Gerüst, welches nach dem Verlassen der Zuschauermotivation übrig bleibt, mutet zu episodenartig und willkürlich an, als dass es einen packen könnte. Kurz vor dem letzten Drittel dachte ich noch, Argento würde noch einmal den Bogen kriegen, sich das atmosphärische Hoch für das Finale aufsparen und dort doch etwas mehr Tiefsinn durchblitzen lassen. Aber nein, der Schluss befriedigt nicht, wird ohne großen Spannungsbogen abgefrühstückt, und zurück bleibt eine unnötige, nicht wirklich erzählenswerte Geschichte in mauer, manchmal sogar unsinniger Umsetzung. Ich war mehr als enttäuscht von diesem plumpen Thriller.  OFDb

05.04.2021

HORROR INFERNAL (1980)

Nach seinem Erfolg "Suspiria" setzte Dario Argento diesen mit "Horror Infernal" fort und erweitert die Geschichte inhaltlich zu einem Dreiteiler, dessen Schluss er erst im Jahre 2007 mit "Mother of Tears" nachreichte. Visuell wird Teil 2 ebenso gestaltet wie das Erstling, teilweise sogar stärker ritualisiert, doch diesmal gelingt es dem italienischen Horrormeister weit weniger als im Original über eine inhaltliche Leere hinweg zu täuschen. Der rote Faden ist gar noch dünner, da episodenhafter, ausgefallen als in Teil 1, dessen Handlungsabfolge zumindest stets Sinn ergab. Die Geschehnisse in "Feuertanz" (Alternativtitel) sind jedoch lediglich Aufhänger um reißerische Szenen zu zelebrieren, die dank der enormen Regiefähigkeit Argentos zwar durchaus Kraft besitzen, lieblos aneinander gereiht wie geschehen aber kein spürbares Gesamtes zaubern. Akzeptiert man einmal keiner tatsächlichen Geschichte beizuwohnen, sondern sich lediglich von der stilistischen Wucht mitreißen lassen zu sollen, funktioniert "Horror Inferno" (Alternativtitel) sogar recht passabel, wenn auch nur mit heruntergeschraubten Erwartungen. 

Aber selbst dann entlädt der Streifen keine solch lebhafte Energie, wie es sein Vorgänger schaffte. Der wusste einen zu ängstigen, zu beunruhigen, "Inferno" (Originaltitel) hingegen berauscht lediglich nur. Hier wie dort werden keine drastischen Szenarien gemieden, "Feuertanz der Zombies" (Alternativtitel) fällt so blutig aus wie der Kunstfilm, den er fortsetzt, und doch schockieren die einzelnen Szenen nicht so gekonnt wie dort, eben weil man weder in eine spürbare Geschichte eintaucht, noch eine Identifikation zu einer der je nach Filmphase wichtigen drei Figuren geknüpft bekommt. Zudem wirkt der Soundtrack nicht so intensiv, wie jener der Band Goblin, auch wenn die hier gewählte Alternativband versucht an deren Stil anzuknüpfen. Allerdings wählt Argento diesmal eine abwechslungsreichere Musikbegleitung, und die trumpft überraschender Weise meist dann am besten, wenn klassische Melodien das Geschehen untermalen. 

Kurzum: an sein Meisterwerk "Suspiria" kommt "Inferno - Horror Infernal" (Alternativtitel) nicht im Ansatz heran. Für sich gesehen ist er jedoch ein unterhaltsames aufgeblähtes Nichts, das sich mittels einiger beeindruckender Szenen gerettet bekommt, z.B. bei der legendären Unterwassersequenz im Keller, oder des herrlich abartigen Ablebens des Antiquariat-Betreibers im örtlichen Kanal. Visuell überzeugt "Feuertanz - Horror Infernal" (Alternativtitel) ebenso, auch wenn Argento seine vorangegangene Arbeit etwas zu penetrant selbst zitiert. Etwas mehr Eigenständigkeit hätte dem Ergebnis nicht geschadet. Und dass wir hier angeblich der Geschichte der mächtigsten und gefährlichsten der drei Hexen beiwohnen, diese aber wehrlos, auf äußerst einfachem, fast schon Suizid anmutendem, Wege zu besiegen ist, beschert dem nicht unsympathischen Streifen dann leider zum Schluss auch noch einen unfreiwillig komischen Touch. So oder so dürfte "Horror Infernal" aber ohnehin nur den treuen Anhängern Argentos gefallen. Aber im Gegensatz zu dem, was er alles nach "Sleepless" abgeliefert hat, ist der hier besprochene Film noch immer Gold wert.  OFDb

30.11.2019

PHENOMENA (1985)

"Phenomena" beginnt thematisch wie ein Giallo, jenes Sub-Genre, welches Dario Argento mit Werken wie "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe" und "Profondo Rosso" mit prägte, angereichert mit Elementen, die auch den Einstieg von "Suspiria" begleiteten. Trotz dieser aus anderen Werken bekannter Zutaten ist der hier besprochene Streifen ein recht eigenständiges Werk inmitten des Schaffens des berühmten italienischen Regisseurs geworden, so wild wie hier mit Ideen und verschiedenen Schwerpunkten je Filmphase um sich geschmissen wird und so raffiniert wie der gute Mann den Zuschauer oftmals ratlos zurück lässt, der nie ahnen kann, was ihm auf dem wilden Ritt zum Ziel als nächstes geboten wird. Den stärksten Einfluss auf das bizarre Ergebnis hat freilich der gewagte Einfall, die Protagonistin mit Insekten kommunizieren lassen zu können. Wenn sie einem Glühwürmchen zu einem wichtigen Beweisstück folgt, schwebt gar ein Hauch Anime-Feeling über dem Horrorfilm, aber ohnehin arbeitet Argento in diesem Werk stets auch mit zauberhaften Fantasyelementen, seien es die verträumten, eiskalt inszenierten Schlafwandler-Momente, oder phantastisch anmutende, geradezu realitätsentfremdete Szenenübergänge, wie der Übergang hin vom scheinbaren Finalkampf in einem Haus zum ruhig startenden Ausflug auf einem Motorboot. Deutlich wird das Arbeiten mit derartigen Elementen aber auch in nur angehauchten Momenten, wie jenem, in welchem Jennifer auf an "Alice im Wunderland" erinnernde Art dem Geheimnis eines Ortes auf die Spur kommt.

Dass der eigentlich oft sinnlos anmutende Plot so gut funktioniert und aus "Phenomena" eines der besten Werke eines ohnehin großartigen Regisseurs macht, liegt hauptsächlich an diesem morbiden Mix aus Horror und Märchen, dessen Wagnisse nie lächerlich wirken, den Zuschauer ganz im Gegenteil stets von anfänglichen Verwunderungen zu wahren Schockempfindungen entführen, das Ganze in einer drastischen Art münden lassend, die aus einem verspielten Film ein Werk für hartgesottene Horror-Fans werden lässt. Ob Jennifer auf "Carrie"-Art einen riesigen Schwarm Insekten das Internat fluten lässt, oder ein niedlicher Affe, weit radikaler als ein Jahr später in "Link, der Butler", eine brutale Tat begeht, stets tritt in "Phenomena" der wahrhaftige Horror ein. Eingeladen ist hier ein aufgeschlossenes Publikum, das sich auf die Andersartigkeit spottfrei einlassen kann und in der Lage ist zu begreifen, dass die Logiklücken und unsinnigen Wissenschaftsbehauptungen den ver(alp)träumten Stil unterstützen, ein eigenes Paralleluniversum schaffend, anstatt den Gesetzmäßigkeiten des unseren zu folgen. Der wirkungsvolle Kunstaspekt entschuldigt manch theoretisch dämlich anmutenden Bruch und manche Willkür des Regisseurs. "Phenomena" ist zudem interessant abfotografiert, und eine stimmige Atmosphäre, stets zwischen Bedrohung und Verzauberung pendelnd, schwebt konsequent über den Ereignissen. An diesem Bann, in den "Phenomena" den Zuschauer zu ziehen vermag, trägt auch der grandios gewählte Soundtrack einen starken Einfluss, der nur dann nicht zu funktionieren weiß, wenn Argento, typisch 80er Jahre, meint eigens für den Film komponierte Musik gegen Heavy Metal-Untermalung eintauschen zu müssen. Während sein "Terror in der Oper" sich aus diesem Grund nicht gut genug entfalten konnte, lähmt zwei Jahre zuvor diese unpassende Musikuntermalung "Creepers" (Alternativtitel) nur für winzige Augenblicke, so dass der Film keinen wirklichen Schaden davon trägt.

Der Clou Donald Pleasance, spätestens bekannt durch die "Halloween"-Filme, für die Besetzung des Professors zu gewinnen, weiß zu gefallen. Aber auch die subtil attraktiv eingefangene Jennifer Connelly beweist sich als Glücksgriff und durfte ein Jahr nach ihrer ersten Hauptrolle auch jene in Jim Hensons "Die Reise ins Labyrinth" übernehmen. Es folgten so toll gemeisterte Filmrollen wie jene aus "Dark City", "Dark Water" und "Rocketeer - Der Raketenmann". Die restliche Besetzung bleibt eher unauffällig, da für einen italienischen Film typisch, besetzt. Aber ohnehin klauen hier auch den guten Akteuren die Tiere die Show. Die Auftritte des Affen wissen ebenso zu begeistern, wie manch unübersehbar künstlich aufgemalter Auftritt von Insekten. Mit dem Einsatz ihrer Sequenzen steht und fällt ein guter Teil des Gelingen von "Phenomena", dessen Glück es ist, dass er in seiner realitätsentrückten Art keinen Schaden nimmt, wenn mancher Tiermomente nicht vollkommen echt wirkt. All diese Momente, Elemente und Beteiligten vor und hinter der Kamera sorgen dafür, dass aus einem bizarren Horror- und Fantasy-Mix ein wahrer Alptraum wird, der einen in einen anderen Blickwinkel auf die Dinge entführt, ohne dass sich das Ergebnis in seiner befreiten Logik und dem Wunsch nach alternativer Gesetzmäßigkeiten der Natur in irgend einer Weise esoterisch schaut. "Phenomena" schwankt immer zwischen psychologischen Glücksgriffen, die Drehbuchschwächen aufzufangen wissen, und einem wohl überlegten Psychospiel mit dem Zuschauer, zum Beispiel dann wenn der wahre, harte Horror gerade dann über den Zuschauer einregnet, wenn die Vorphase uns glauben machen will, dass nun der anfängliche Krimi-Aspekt wieder aufgegriffen wird.  OFDb

04.04.2019

SUSPIRIA (2018)

"Suspiria" ist ein bildgewaltiger Klassiker, der einen mit seiner Terrormusik, dem Farbenmeer, seiner Intensität und dem zarten Pflänzchen Jessica Harper inmitten gruseliger Ereignisse geradezu in seinen Bann zu ziehen weiß. Die Geschichte ist fast Nebensache, besteht zumindest aus einem ziemlich dünnen Faden, und da kann man schon zurecht kritisch nachfragen, welchen Sinn die Neuverfilmung eines derartigen Werkes machen soll. Er ist ein zugleich geliebter und verkannter Kunstfilm, der eben nicht von seiner Geschichte lebt, sondern von seinem Stil. Entnimmt man ihn, kann doch nichts brauchbares mehr übrig bleiben. Oder doch?

Regisseur Luca Guadagnino und Drehbuchautor David Kajganich haben es unter der Produktion Dario Argentos, dem Regisseur des Originals, dennoch gewagt und nicht einfach nur ein dahingeschludertes Wiederkäuern abgeliefert, sondern ebenso wie die Erstverfilmung einen Kunstfilm abgeliefert. Dieser ist jedoch völlig anders geartet, ist die Neuverfilmung "Suspiria" doch eher dem Arthouse-Kino zuzuordnen anstatt dem klassischen gehobenen Horrorfilm. An intensiven Momenten mangelt es nicht, auch wenn die völlig anders angesetzte Geschichte ziemlich nüchtern erzählt daher kommt. Wie auch immer man zum zweiten Anlauf der Hexe der Seufzer steht, der Film hallt definitiv nach, sowohl stilistisch, als auch inhaltlich, gibt es doch einerseits viel zu verarbeiten, andererseits einiges einzuordnen. Nach bislang nur einer Sichtung weiß ich noch nicht ob ich einzelne Fragmente, die den Schluss betreffen, nicht verstehe, etwas übersehen habe, der Film selbst unlogische Momente bereit hält oder ob er absichtlich von mir entdeckte Lücken bzw. Widersprüche auffährt. Eine solche Provokation würde nicht verwundern, so wie man den Stoff hier verarbeitet hat.

Stummfilm- und Theater-ähnlich offiziell in diverse Akte aufgeteilt, dauert es einige Zeit, bis man sich in die zunächst unübersichtliche Erzählung hinein gefunden hat, mit Kenntnis der Erstverfilmung ebenso wie als Neuling. Erstgenannte werden sich über die Neuorientierung der Geschichte wundern, damit beginnend dass vieles aus der Sicht der Hexen erzählt ist, deren übernatürliche Existenz schnell gelüftet ist und die Zielsetzung wohin die Geschichte führt, eine völlig andere ist, als jene klassisch schlichte, von welcher Argentos wunderbare Regiearbeit erzäht. Nach einiger Zeit hat man sich in den Erzählstil eingefunden, auch wenn man sich noch immer etwas orientierungslos fühlt aufgrund der völlig anderen Positionierung und der Puzzleteile der einzelnen Erzählstränge, nicht etwa weil diese völlig unabhängig voneinander verlaufen würden, sondern weil man nicht weiß wohin das hervorragend geschauspielerte und stilistisch sicher und imponierend inszenierte Szenario hinführen soll. Was schwebt den Köpfen hinter dem Projekt vor, fragt man sich fasziniert, wenn man sich von dem verkopften Sog des Stoffes anstecken lassen kann. Hat man sich erst einmal an den nüchternen Erzählstil gewöhnt, reißen einem zudem provokante Bilder geradezu aus der sicheren Zuschauerposition heraus.

Das beginnt mit verstörenden Traumsequenzen, deren Bilder scheinbar wahllos aneinander gereiht sind, stilistisch jedoch zu erstaunen wissen und Geschmacklosigkeiten und skurril anmutende Aufnahmen in Sekundenschnelle auf den Zuschauer nieder regnen lassen. Und es endet in einem Grenzen sprengenden Finale, wie es italienischer kaum sein könnte. Die Freizügigkeit an nackter Haut und Perversionen, die wir hier vorgesetzt bekommen, zeigt auf wie wenig künstlerischen Einfluss es scheinbar von Seiten der amerikanischen Finanzgeber her gab, und auf die man selbst aufgrund der sehr freizügigen, künstlerisch wertvoll inszenierten Tanzszenen und Tanzübungsszenen, die einem zuvor zuhauf präsentiert wurden, nicht vorbereitet ist. Diese schauten sich trotz fehlender Nacktheit sexuell provozierend und anregend, ein Effekt der regelrecht provoziert wird und immer wieder mit Grausamkeiten vermengt wird. Das Verstörende mixt sich stets mit dem Verkopften, und dieser hemmungslose Cocktail in den Händen von visuellen, inszenatorischen und darstellerischen Profis offenbart ein Werk, wie man es nur selten zu Gesicht bekommt und welches tatsächlich einen eigenen Wert hervor bringt und sich damit vom Original als eigenes Werk emanzipiert.

Wer den Film im Originalton schaut, bekommt neben dem Sehwert noch einen hervorragenden Hörwert beschert, klingt die Rolle des alten Professors mit seiner hellen Stimme doch unglaublich kränklich, und wird überraschend damit erklärt, dass Tilda Swinton neben ihrer Rolle als Madame Blanc in gekonnt täuschender Maskerade auch den Professor verkörpert. Hier wird die weibliche Männerstimme zu einem faszinierenden Vorteil, welcher dem dargestellten Charakter glaubwürdig zugute kommt, so authentisch kränklich und schwächlich wie sich diese Stimme anhört. Dies im Kontrast zu den starken, selbstherrlichen Gegnerinnen weiß zu gefallen, gerade wenn man sie gelegentlich, unabhängig zum Professor, dabei beobachten darf, wie sehr wir Menschen doch nur Spielfiguren für sie sind. Tiefst schwarzer Humor bricht in diesen kurzen Augenblicken in das ernste, dramatische und düstere Treiben des Filmes hinein, besonders provozierend in der Trance-Szene des ermittelnden Kommissars dargeboten. Es ist diese besagte Hemmungslosigkeit und der Schwebezustand zwischen Verstehen und Nichtverstehen des Gezeigten, der "Suspiria" eine besondere Note verleiht. Hier werden nicht sinnlos künstlerische Fragmente vermengt, hier ist alles durchdacht und scheint es in meinen Verständnislücken ebenso zu sein, und dementsprechend werden auch gekonnt die Knöpfe beim Zuschauer gedrückt, so wie Regie und Drehbuch es haben wollen.

Wie ich schon erwähnte hallt "Suspiria" nach dem Gucken auf verschiedenen Ebenen noch weiter nach, wenn man sich während des Zuschauens ernsthaft und intensiv, aber auch frei von Tunnelblick mit ihm beschäftigt hat. Mit einem einzigen Gucken ist es ohnehin nicht getan, bei all der Konzentration die er einem abverlangt und bei all der Detailfreude, mit der man hier vorgegangen ist. Der einzige Wermutstropfen, der sich mir enttäuschend offenbart hat, war die Wahl mit welcher Rolle Jessica Harper, die Hauptdarstellerin der Erstverfilmung, besetzt wurde. Hier wäre auch in Form eines Gastauftritts eine doppeldeutige oder entscheidende Rolle möglich und wünschenswert gewesen. So wie tatsächlich eingebracht, wirkt ihr spätes Erscheinen wie ein Zwang, den man dem Publikum als Wunsch gewähren muss, und das ist nicht nur schade zu nennen aufgrund ihres Talentes was sie im Original oder auch in "Das Phantom im Paradies" bewies, sondern auch aufgrund dessen, dass es sich respektlos guckt die gute Frau so zu verheizen, wenn bei unbefriedigender Darstellung auch ohne sie in einer fiesen Pointe mit dramaturgischem Nachhall angewendet. Chloë Grace Moretz erkennt man in ihrem Gastauftritt zu Beginn anbei nicht, was ich allerdings ganz gut finde.

Kurzum: wer sich als Horror-Fan nicht vor anspruchsvollem Kunstkino scheut und als Cineast nicht den Bereich des Horrorfilms, der bekommt ein erstaunliches Produkt mit winzigen Schönheitsfehlern und intensiver Nachbeschäftigung geboten. "Suspiria" kommt nicht eitel, pseudo-anspruchsvoll oder intellektuell überheblich daher, erlaubt sich aber selbstbewusst erzählt zu sein, was bei einer derart zu Ende gedachten Inszenierung, Erzählung und Psychologie auch legitim ist, ja sogar so sein muss, um das theoretisch Durchdachte auch derart effektiv praktisch umzusetzen. Ebenso wie Argentos Original wird die zweite Variante des Stoffes das Publikum definitiv spalten.  OFDb

10.03.2019

ZOMBIE (1978)

10 Jahre nach Romeros Überraschungserfolg "Die Nacht der lebenden Toten" hat sich im Bereich Film viel bezüglich dessen getan, was man im Kino zeigen durfte und was nicht. Dementsprechend extrem sprunghaft wirkt mit Vergleich zu Teil 1 der Gewaltgehalt der Fortsetzung. In Farbe gedreht, auf modernem Niveau gehalten und mit packender Musik gesegnet, anstatt mit dem antiquierten Soundtrack des 50er Jahre-Niveaus, auf welches der Vorgänger noch setzte, wirkt "Zombie" wie aus einer anderen Zeit - was er schließlich auch ist. So wirklich kompatibel sind die beiden Filme auf dem ersten Blick nicht, weswegen es 1990 eine recht gute Idee von Tom Savini war, das Erstling mit "Night of the Living Dead" neu zu verfilmen, der sich zusammen mit dem hier besprochenen Film und der zweiten Fortsetzung "Zombie 2" wie aus einem Guss schaut. Dennoch ist freilich das Original der tatsächliche Vorgänger dieses radikal gnadenlosen Werkes, und auch in der filmeigenen Welt, die uns hier präsentiert wird, hat sich einiges getan. Spielte Teil 1 nur wenige Tage nach dem Ausbruch, so sind bis "Dawn of the Dead" (Originaltitel) gerade einmal drei Wochen vergangen. Es herrscht eine Art Gleichgewicht zwischen Mensch und Zombie. Da der Mensch jedoch unorganisiert ist und sich in endlose Diskussionen verstrickt anstatt zu handeln (das Gegenteil dessen worauf das Erstling hinaus wollte), werden die Zombies immer mehr und die Aussicht zurück ins gewohnte Leben kehren zu können immer geringer.

Wo der nach immer mehr lechzende Zombie-Fan dazu neigt die 150minütige Langfassung von "Zombie" zu sichten, die sinnlos jegliche je gedrehte Sequenz in richtig angeordneter Reihenfolge aneinander reihte, da greife ich am liebsten zur europäischen Fassung, die unter Aufsicht von Dario Argento dramaturgisch sinnvoll zusammen geschnitten wurde. Sie beinhaltet großteils nicht mehr die humoristischen Szenen, die Autor und Regisseur Romero in die US-Fassung einfließen ließ und wird vom großartigen Soundtrack der Band Goblin begleitet, die es verstand dem Streifen den passenden Touch zu bescheren. Ihre Musik ist spannungsfördernd und puscht somit noch einmal das ohnehin exzellent inszenierte Szenario. Dieses wirkt auf den ersten Blick etwas zerfahren, zu Beginn nach der Fernsehstudioszene gar wie ein billiger Actionreißer. Aber wer es wagt mit funktionierendem Verstand ohne Tunnelblick sich auf das zunächst unübersichtliche und in harte Bilder gekleidete Treiben einzulassen, der wird mit dem meiner Meinung nach besten ernst erzählten Zombiefilm belohnt, der je herausgekommen ist. Zusammen mit der Horror-Komödie "The Return of the Living Dead" gehört die Argento-Version von "Zombies im Kaufhaus" (Alternativtitel) zu dem besten, da intelligentesten und unterhaltsamsten, was dieses Sub-Genre je hervorgeholt hat, und es sollte bis "28 Days Later" und "Pontypool" in der zweiten Zombiewelle dauern, bis wieder wer auf deren Niveau anknüpfen konnte.

Romero wirft uns selbst mit Kenntnis des ersten Teiles unvorbereitet mitten ins Geschehen hinein. Wir dürfen erleben wie extrem die Situation geworden ist, aber auch dass inmitten des Untergangsszenarios manches noch gleich geblieben ist. So muss eine Spezialeinheit gegen Verbrecher anstatt gegen Zombies kämpfen. Ein Teil des öffentlichen Lebens ist schließlich noch aktiv und damit auch das Verbrechen und ihre Bekämpfung. Mit der Flucht per Hubschrauber wird noch einmal das Extreme der Zombielage deutlich, wenn wir mittels Luftaufnahmen sichten dürfen, wie verstreut sich die lebenden Toten bereits im Nirgendwo verteilt haben, wirklich überall lauernd, während Bürgerwehren halb besoffen, so wie wir es aus Teil 1 kennen, noch optimistisch ihrem Treiben nachgehen. Von Untergang will kaum wer was wissen, einzig unsere Helden folgen ihrem Instinkt und treten die Flucht an. Der Blick auf das verlassene Einkaufszentrum wiederum macht uns klar wie wenig der Alltag doch noch funktioniert, ist der Ort zu dem sonst tausende Kunden strömen doch lediglich von Untoten bevölkert. Auch an diesem Ort angekommen, an dem der Rest des Streifens spielen soll, will sich noch kein wirklich klarer roter Faden erkennen lassen. Wer Nase rümpfend geistlos den kommenden 90 Minuten folgt, wird sich diesbezüglich auch bis zum Schluss mit diesem Denken bestätigt fühlen, so auch das Team, das zur Beschlagnahmung des Streifens in Deutschland einst beitrug. Verstehen werde ich diese Sicht auf dieses Meisterwerk nie, ist er doch ein hervorragendes Soziogramm, das uns aufweist wohin bei guter Planung Teamwork hinführen kann, und wie zeitlich begrenzt jeder erreichte Zustand letztendlich doch ist.

Gerade der Konflikt aus "Die Nacht der lebenden Toten" unter den Menschen selbst wird gegen Ende hier noch einmal zelebriert, diesmal mit Taten anstatt mit Worten, wenn Plünderer ins Einkaufszentrum hinein wollen, unsere Helden aber nicht teilen. Ironischer Weise war es das Üben zum Überleben, welches die Gruppe Rocker auf unsere Protagonisten aufmerksam machte, übte eine Frau doch den Flug mit dem Hubschrauber, um bei eventuellem Ableben des Piloten in der Lage zu sein von hier zu flüchten. Nun wird zerstört was mit viel Mut, Intelligenz, Körperkraft und Solidarität aufgebaut wurde. Die Anarchie der mörderischen Art bricht in das anarchistisch erfolgreiche Gemeinwesen ein, welches sich hier vor Ort gebildet hat. Das Fehlen von Gesetzen, welches unseren Helden zuvor von Vorteil war, wird nun zu ihrem Nachteil. Dieser gesellschaftskritische Ansatz ist nur einer von vielen, die man in "Dawn of the Living Dead" (Alternativtitel) hinein deuten kann. Was alles von Romero diesbezüglich tatsächlich gewollt war, und was sich lediglich so alles dafür anbietet ist ebenso wie in Teil 1 kaum nachvollziehbar. Aber Kino findet immer auch im Kopf des Zuschauers statt, egal was Regie und Autor wollen oder nicht, und so ist es auch hier in diesem unter Horror-Fans kultisch verehrten Werk, welches man als Freund des harten Kinos, und definitiv als Bewunderer des Zombiefilms unbedingt gesehen haben sollte. Revolutionierte der Vorgänger die Thematik der Zombies und bot erzählerisch bereits jegliche Besonderheiten des Stoffes, so wurde "Zombie" stilistisch wegweisend, in Europa zusammen mit dem kurz darauf folgenden "Zombi 2" von Lucio Fulci, der keine wirkliche Fortsetzung des hier besprochenen Streifens ist, in seinen anderen Stil gekleidet jedoch ebenso wegweisend wurde wie der Film den er vorgab fortzusetzen.  OFDb

05.04.2018

DANCE OF THE DEMONS 2 (1986)

Sehgewohnheiten verändern sich, angebliche Erinnerungen verwundern. So hätte ich darauf schwören können, dass sich Teil 1 und 2 von Lamberto Bavas Dämonenfilmen ziemlich ähnlich schauen, bei leicht variierten Plot. In Wirklichkeit offenbart der hier besprochene Film, der in Deutschland zunächst als "Dämonen" erschien und der Teil 1 auf Video merkwürdiger Weise mit dem Titel "Dämonen 2" nachgeschoben bekam, recht deutlich, warum es der Horrorfilm Ende der 80er Jahre so schwer hatte, an welchen Krankheiten er oftmals zu dieser Zeit litt und warum Werke wie diese nicht mehr ernst genommen werden konnten.

Dabei fängt alles zunächst einmal ursympathisch an, wenn "Dance of the Demons 2" seinen Vorgänger augenzwinkernd, aber nicht humoristisch angereichert, mit dem im Fernsehen laufenden Horrorfilm fortsetzt, anstatt die Geschehnisse von dort der Realität der Fortsetzung zuzuschreiben. Die Epidemie der Fortsetzung wird quasi durch ein fiktives im TV ausgestrahltes Sequel von "Dance of the Demons" ausgelöst. Wer daran und am Zerstören diverser Fernsehmonitore im Finale eine Kritik an der ollen Flimmerkiste sieht, müsste Bava selbiges bezüglich Teil 1 zum Thema Kino vorwerfen, und dies wird wohl kaum der Fall sein, zumal sich "Dance of the Demons 2" an keiner weiteren Stelle irgendeine Form von Gesellschaftskritik erlaubt.

Das soll er auch gar nicht. Wer "Dance of Demons" sah und mochte, der möchte dort Gesehenes verändert noch einmal sichten. Doch auch wenn der Plot und allerlei Parallelen dieses Versprechen einzuhalten scheinen, so finden sich in den Details doch die entscheidenden Unterschiede, die Teil 2 nicht zu solch einer Party werden lassen, die Teil 1 mit ein wenig Wohlwollen im Erwachsenenalter noch fähig war zu entfachen. Das beginnt bei dem weit weniger wirksamen Hauptscore, der wesentlich hektischer ausgefallen ist, das zeigt sich weiter in den Verwandlungen der Menschen in Dämonen, die nicht mehr so eitrig, glibberig und glitschig ausgefallen sind, das zeigt sich im zurückgeschraubten, nicht mehr so detailverliebten, Härtegrad dank weniger Goreeffekte, und dass die Horde Amok laufender Dämonen nun eher wie die belustigende Zombievariante aus "The Return of the Living Dead" wirkt, steht Argentos produziertem zweiten Streich auch nicht gerade gut. Hier fehlt es im Gegensatz zum Vergleichsfilm sowohl am humoristischen Grundton, als auch an den düsteren Stellen, die Humoreinfluss stützen können ohne damit den Spannungsgehalt eines Horrorfilms komplett zu zerstören. Das Verhalten der dort wirksamen Kreaturen hier angewendet wirkt lächerlich und kratzt gewaltig am Vorhandensein einer spürbaren Gefahr.

"Dance of the Demons" war alles andere als ein durchdachter Film. Auch dort schleuderte man sinnlos diverse Ideen durch die Gegend, Logiklücken in Kauf nehmend, aber im Gegenzug dafür für gute Stimmung sorgend. In Teil 2 ist man um Selbiges bemüht. Das Treiben schaut sich gar weniger monoton als im Vorgänger. Trotzdem hat dieser als Gesamtes besser funktioniert, zumal er sich flotter schaut. "Dance of the Demons 2" mangelt es noch mehr an Sympathiecharakteren als in Teil 1, und seine Idiotien kratzen mehr am Unterhaltungswert als all der Unsinn des vorangegangenen Filmes. Die Todesfalle Hochhaus ist in all ihren Extremen (Panzerglas, nicht per Hand zu öffnende Fenster, komplette Elektroniksteuerung) alles andere als glaubwürdig, ein nostalgischer Ort wurde in der Fortsetzung gegen einen kalten, modernen ausgetauscht, mit dem man nicht warm wird. In der Tiefgarage entzündet man ein großes Feuer, um sich die Dämonen vom Hals zu halten, ohne dass der Rauch sich ausbreitet und somit auch für den Menschen gefährlich wird. Es breitet sich zu viel Blauäugigkeit aus, um dem viel zu fehlerhaften Film Wohlwollen entgegen bringen zu können, zumal andere Gymmicks, wie das dämonenbesessene Kind, der mutierte Hund und der Mini-Dämon, der aus dem Kinderdämon herausbricht, ebenfalls nicht wirken wollen. Letztgenannter biedert sich der "Gremlins"-Welle an und schaut aus wie einer von Bands Ghoulies.

Ebenso wie Teil 1 schaut sich Teil 2 vor dem Ausbruch der Dämonenseuche besser als danach, nur dass diesmal nach einem sympathischen Einstieg nicht mehr viel funktionieren möchte. Sicherlich bietet auch die Fortsetzung genügend Tempo und einige sympathische Ausnahmeszenen, aber wenn die wichtigsten Faktoren nicht mehr funktionieren wollen, bleibt das Ergebnis dennoch recht dünn. Nicht einmal die leuchtenden Augen der Dämonen wissen diesmal zu wirken. Wie auch, wenn eine Horde unfreiwillig lächerlich dargestellter Mutanten in einem so gar nicht atmosphärisch düsterem Szenario immer wieder wirkt wie aus einem Cartoon entlaufen? Auch wenn der im TV ausgestrahlte Horrorfilm zu Beginn eher augenzwinkernd gemeint ist, so hätte ich doch lieber ihn weiter geguckt als das eigentliche Werk, schaut er sich doch trashig und atmosphärisch zugleich. Sowohl die Erweckungssequenz des Dämonen dort, als auch die Idee in den Ruinen einer damals dämonenbehausten Stadt unterwegs zu sein, ließ sich trotz naiver Erzählung weitaus stimmiger gucken als die Monsterhatz im Hauptplot, welcher der Partytouch des Erstlings fehlt. In der deutschen Synchronisation gefällt sogar der Off-Kommentar der fiktiven Fortsetzung des Originals innerhalb der Fortsetzung, wird die Stimme doch manch einer meiner Generation von damaligen Kinderhörspielplatten und -kassetten her wiedererkennen.  OFDb

02.04.2018

DANCE OF THE DEMONS (1985)

In meiner Jugend gehörten die beiden Lamberto Bava-Dämonenfilme, die mit ihrer Betitelung "Dämonen" und "Dämonen 2" in der falschen Reihenfolge nummeriert wurden, zu den effektivsten Horrorfilmen, die wir seinerzeit gesehen haben. Zu einer Zeit des völlig anderen Filmgeschmacks beeindruckten uns die harten Effekte, das Dämonen-Make Up, die Endzeitstimmung und das Tempo, welches der Film trotz monotoner Handlung zu entfachen vermag - alles Faktoren die auch heute noch zu den Pluspunkten des Streifens gehören. Heutzutage lobe ich den Streifen nicht mehr so in den Himmel wie damals, aber ich muss zugeben, dass er mich für sein an sich eher stumpfes Treiben recht gut unterhalten hat. Wahrscheinlich hat Lamberto Bava nie wieder derart gute Arbeit geleistet wie unter seinem Produzenten Dario Argento. Bereits die beunruhigende Eingangssequenz nach einer irritierenden Bahnfahrt weiß zu gefallen, baut sie doch eine Suspense auf, die "Demoni" (Originaltitel) in seiner Hauptphase aufgrund endloser Verfolgungsjagden und Metzeleien durch Dämonen nicht mehr möglich macht.

Dank einer wahrlich gut funktionierenden Film-im-Film-Methode darf es trotzdem kurzzeitig auch nach dieser Szene noch unheimlich hergehen, bevor der pure Wahnsinn das Steuer übernimmt und dem Zuschauer ein abgefahrenes Szenario aus Mutationen, Bluteffekten, Verfolgungsjagden, Abwehrversuchen und dem Verbarrikadieren vor den Aggressoren präsentiert wird. Vom Auslöser der Epidemie einmal abgesehen unterscheidet sich das Treiben hier nicht von einem Zombie- oder Infizierten-Horror, mit Ausnahme der leuchtenden Augen, welche die Dämonen in einigen Szenen beschert bekommen haben. Und man mag es kaum glauben: selbst dieser simple Effekt vermag zu funktionieren.

Seltsamer Weise trifft dies auch auf das Drehbuch zu, welches sich herzlich wenig für Charaktere oder gar Sinn oder Unsinn seines Szenarios interessiert. Wann Ruhe zum Dialog herrscht und wann Dämonen wüten entscheidet der Regisseur und nicht die Geschichte. Und bereits das scheinbar unendlich große, Labyrinth-artige Kino verwischt jegliche Spur eines rationalen Grundtons. Während der Restfilm sich aufgrund der Ereignisse und der gerade aktuellen Modebewegungen wie ein herrlich abgedrehter Mix aus "Zombie" und "The Return of the Living Dead" schaut (der im selben Jahr entstand), erinnert der Ort an dem alles spielt in seiner Verfremdung eher an Argentos Geniestreich "Suspiria". Da es sich bei "Dance of the Demons" ohnehin nur um einen Horrorfilm für Fans handelt, mangelt es freilich nicht an Verweisen und Verbeugungen vor Vorbildern. Weitere Filme werden im Hintergrund per Kinoaushangplakat gehuldigt, so z.B. Murnaus "Nosferatu", dessen Schreckensfigur man sich für die erste Dämonenmutation die zwei vorderen Beißerchen entlieh.

Aufgrund des Erscheinungsjahres gibt es auch einen Aushang zu "Der Terminator" zu erblicken, dessen Kritik am Fortschreiten der Technik kurzfristig im Vorführraum aufgegriffen wird, wenn unsere Protagonisten dort feststellen müssen, dass in diesem Kino alles elektronisch verläuft. Dass das für den weiteren Verlauf nicht wirklich wichtig ist, stört nicht die Bohne, eben weil Bava, Argento und ihre zwei Mitautoren sich herzlich wenig um ein komplettes Ganzes bemühen, als vielmehr allerlei Ideen wild durcheinander würfeln. Warum aus dem Körper eines Befallenen plötzlich ein Dämon platzt und bei den anderen nicht, weiß keine Sau. Warum erst der Blinde aus dem Kino entweichen muss, um im Finale für jene Überraschung zu sorgen, für welche auch der übernatürliche Freikartenverteiler hätte sorgen können, wird nicht hinterfragt. Wer solche Fragen stellt ist bereits im falschen Film. "Demons" (Aternativtitel) muss man möglichst gedankenfrei auf sich wirken lassen, wahrscheinlich ist er auch deswegen einer der wenigen Horrorfilme, in denen meiner Meinung nach Hardrockmusik als Untermalung tatsächlich einmal eine gute Idee ist, während ich bei Werken wie "Terror in der Oper" und Co dieses Geschraddel als völlig Fehl am Platz empfinde.

Für Pubertierende ist "Dance of the Demons" ein Schlachtfest das Party bereitet, mit erwachsenen Augen beeindruckt das wirre Etwas nicht mehr ganz so gut. Spätestens das apokalyptische Finale wird mit Übertreibungen wie dem Hubschrauber und dem muskulösen Schwertschwinger als Erwachsener nicht mehr so ernst genommen wie mit Jugendaugen, was dem düsteren Schluss einen guten Teil seiner Faszination stiehlt. Rein theoretisch gefällt mir die Schlussidee aber noch immer. Man merkt an solchen Momenten jedoch, genauso wie an vielen anderen des Films, dass Lamberto Bava nicht ansatzweise das Talent seines Vaters vererbt bekommen hat und ein guter Regisseur manches weitaus professioneller und atmosphärischer umgesetzt hätte.

Als Party-Horror funktioniert "Dance of the Demons" aber zumindest weitaus besser als der überschätzte "Braindead" und manch ähnlicher Splatstick. Die Ernsthaftigkeit, die Mitte der 80er Jahre in diesem Genre fast kaum noch derart konsequent eingesetzt wurde, erweist sich als nostalgisch scheinender Pluspunkt dieser Art Film in dieser Dekade. Wer nicht all zu streng mit diesem Stück Jugendjuwel umgeht, kann auch als Erwachsener noch definitiv seinen Spaß mit Bavas Dämonenzombies haben. Den angeblichen "Dämonen 3" sollte man meiden. Hinter diesem Titel verbirgt sich lediglich der unglaublich schlecht ausgefallene "Black Zombies" von Umberto Lenzi und somit keine echte Fortsetzung.  OFDb

10.02.2017

VIER FLIEGEN AUF GRAUEM SAMT (1971)

Dass ich einmal Bud Spencer in einem Film von Dario Argento erleben würde, hätte ich mir als jemand, der sich keine Informationen von „Vier Fliegen auf grauem Samt“ eingeholt hat, nie vorstellen können. Ich wusste lediglich dass der Film zur frühen Giallo-Trilogie Argentos gehörte, die mit „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ startete und mit „Die neunschwänzige Katze“ den ersten Nachfolger erfuhr. Erstmals warb man nicht mehr pseudohaft mit Bryan Edgar Wallace, der mit den beiden Vorgängern ohnehin nichts zu tun hatte. Das war auch nicht mehr nötig, formte Argento mit den beiden Vorgängern doch den Prototyp des von Mario Bavas „Blutige Seide“ ins Leben gerufenen Sub-Genre des Giallos, dem schon sehr früh etliche Nachahmer folgten. Sich den zu dieser Zeit bereits bekannten Bud Spencer mit an Bord zu holen, überrascht dann aber doch und weiß auch zu gefallen.

Oft taucht er nicht auf. Er ist eine Art seelischer Berater der Hauptfigur Roberto. Und mit dessem Dilemma erweitert Argento die Möglichkeiten des Giallos, macht er doch deutlich dass sie nicht festsitzen in Geschichten um einen Unbekannten der junge Frauen schlitzt. Er zeigt hier sehr früh auf, dass Giallo mehr darf, dass er eine Geschichte besitzen darf, dass es reicht dass der Täter innerhalb eines düsteren Szenarios unbekannt ist und meist mit dem Messer mordet. Die bunte Maske beweist, dass der Täter nicht einmal düster gekleidet sein muss, wie üblich bei dieser Art Film. Die größte Lanze bricht Argento jedoch mit dem Experiment, dass ein Giallo auch durchaus humoristisch angehaucht sein darf.

Wer nun glaubt Bud Spencer wäre deswegen mit an Bord, der irrt, ist der gute Mann zwar für ein paar trockene Sprüche gut und gehört damit tatsächlich zum Humorgehalt, aber das ist erstens nicht seine einzige Aufgabe, die er in „Four Flies on Grey Velvet“ (Alternativtitel) zu bewerkstelligen hat und zweitens fallen andere Personen humoristisch viel auffälliger aus. Ein Schriftsteller, der auf sozialen Events gerne humoristische Kurzgeschichten zum Besten gibt, lockert immer wieder die Stimmung auf, weiß somit zu wirken, ebenso wie das belustigende Einbauen eines Privatdetektiv, der noch nie einen seiner über 80 Fälle gelöst hat. Lediglich das zu albern geratene Spiel des Postboten, der Angst vor Roberto hat, ist dann doch etwas zu zotig ausgefallen ist, um in das Gesamtbild des Streifens zu passen.

Zum Glück zerstört es nicht die düsteren Seiten des Films, und der ansonsten geglückte Humor harmoniert in seiner untergeordneten Rolle überraschend gut mit dem harten Kriminalfall in für Argento typisch hübsch fotografierte Bilder. Die Geschichte zieht den Zuschauer ganz von selbst in seinen Bann, schnell identifiziert man sich mit dem eigentlich nicht sonderlich sympathischen Roberto, trotz der ruhigen Erzählform geht Argento recht rasant mit dem Fortschreiten der Geschehnisse vor. Ungewohnter Weise werden wir Zeuge des Erwachen der Mordlust, welche der unbekannte Täter erst mit den in Gang gesetzten Ereignissen entwickelt.

Und obwohl immer wieder Personen auf die wahre Identität des Mörders stoßen, und damit auch die sonst so gern angegangene Unnahbarkeit des Phantoms aufgelöst wird, erfahren wir die Mörderaufdeckung selbst erst kurz vor Schluss - freilich mit einer bescheuert psychologischen Erklärung garniert. Allein die Vorstellung dass sich Roberto dieses psychologische Geseier nervlich am Ende in aller Geduld anhören muss, weiß unfreiwillig zu belustigen. Glücklicher Weise ist der Rest des Streifens jedoch recht bodenständig ausgefallen und damit frei von sonstiger unfreiwilliger Komik, auch wenn manche Tat nicht recht mit der finalen Erklärung zusammen passen mag.

Während Morricone einen unauffällig im Hintergrund wirkenden, stimmigen Soundtrack beiträgt, der sich erst im Finale theatralisch hochschaukelt, fällt zudem auf, dass sich Argento zum Schluss an einer Idee von Friedrich Dürrenmatt orientiert, die dieser nicht in den Rühmann-Krimi „Es geschah am hellichten Tag“ integriert bekam, so dass er dies in der Buchversion nachholte. Man kann das bei Argento als tollen Kniff bezeichnen, oder als Möglichkeit möglichst schnell den Film beenden lassen zu können, der ohnehin weit über die 90 Minuten-Marke hinaus läuft.

Ob man die Idee nun mag oder nicht, die Umsetzung ist Argento jedoch gelungen, fängt er das Geschehen doch nicht nur optisch brillant fotografiert in Zeitlupe ein, sondern zudem mit entfremdeten Ton, wenn die Szene musikuntermalt wird. Dieses Stilmittel setzt Argento häufig ein, besonders auffällig zum nervenkitzelsten Zeitpunkt gegen Ende. Anstatt den im Sturm hin und her gerissenen Baum mit unheimlichen Windgeräuschen zu untermalen, so wie es viele Giallo- und Horrorregisseure zum Spannungsaufbau gerne machen, untermalt Argento diese Szene, nicht minder wirksam, mit Schlagzeuggeräuschen. Nur kurz setzt er das Wehen des Windes ein, dann exakt zum richtigen Zeitpunkt, wenn die Nerven Robertos, und auch die vieler Zuschauer, längst blank liegen.

Kleine Längen haben sich eingeschlichen. Das liegt aber auch daran, dass Argento zunächst mit einem hohen Tempo vorgeht, dies auch lange Zeit beibehält und sich erst mit der Zeit das Gefühl einschleicht, dass der Plot auf der Stelle tritt. Da dies nicht von langer Dauer ist und uns in dieser Phase außerdem eigentlich der üblich trockene Erzählzustand eines typischen Giallos präsentiert wird, wird dies zumindest Stammzuschauer des Genres nicht sauer aufstoßen.  OFDb

13.07.2015

GIALLO (2009)

Dass es ein Argento-Film ist, der den Namen „Giallo“ tragen darf, jenes Italo-Genre, welches der Regisseur mitgeprägt hat, klingt zunächst legitim. Aber leider stimmt es was man so oft liest: der gute Mann ist längst nicht mehr solch ein begnadetes Genie wie zu Zeiten von „Phenomena“, „Profondo Rosso“ und „Suspiria“. Zwar ist „Giallo“ keinesfalls so unterirdisch ausgefallen wie Argentos Tiefpunkt „Mother of Tears“, aber der abgelieferte Thriller ist ein durchschnittliches, zu oberflächlich erzähltes Stück Genre-Kost mit der Härte eines Giallos und der Figurenzeichnung eines TV-Krimis.

Der Sonderling Enzo hätte von seiner Hintergrundgeschichte her und mit dem väterlichen Vorgesetzten im Rücken tatsächlich die Figur einer TV-Serie a la „Dexter“ werden können. Doch was theoretisch an Mystik und Tiefe vorhanden ist, wird unsensibel auf die Schnelle abgearbeitet, so dass man auch gleich von einem Durchschnitts-Kommissar hätte erzählen können. Gleiches gilt für die Geschichte selbst, die ein düsterer Alptraum hätte werden können, die aber so lustlos herunter erzählt wird, als hätten wir es hier mit einem Piloten zu tun der nie in Serie ging.

Argento unterbietet sein bereits recht maues Niveau von „Trauma“ und „Terror in der Oper“, welche trotz mittelmäßigem Ergebnis zumindest noch die Handschrift und den Kunstgehalt des Kult-Regisseurs erkennen ließen. „Giallo“ wirkt austauschbar, so als hätte ihn jeder x-beliebige Neuling inszenieren können. Psychologische Raffinesse blitzt erst in der vorletzten Szene auf, wenn sich die Wege der zwei Hauptfiguren trennen. Verzerrte Wahrnehmungen treffen aufeinander, die eine temporärer Natur, die andere hat längst Wurzeln im Gemüt geschlagen und fühlt sich um ein neues bestätigt. Nein was stecken in den Zutaten für Chancen, und man lässt sie links liegen, als wären sie gar nicht vorhanden, schade!

Im völligen Widerspruch zur schlichten Inszenierung braust uns eine musikalische Komposition um die Ohren, die in einen epischen Science Fiction viel eher hineingepasst hätte als in einen Kriminalfilm, der allein schon mit seinen zu den unpassendsten Zeitpunkten gewählten Rückblicken auf vergangene Ereignisse beweist, wie unsensibel er umgesetzt wurde. Ein Giallo wie ein TV-Film! Argento, was ist nur los mit Dir?  OFDb

09.07.2015

TRAUMA (1993)

Dass das US-Debüt des italienischen Kult-Regisseurs nicht ganz so düster ausgefallen ist wie die Vorzeige-Werke des Giallo-Experten Dario Argento, stört mich an „Trauma“ nicht wirklich, passt die Grundstimmung doch gut zum Erzählten und ergibt sie im Gesamten doch eine durchgehend konsequente Atmosphäre. Selbst in augenzwinkernden Momenten, wenn man zu belustigter Hintergrundmusik das psychische Leiden eines kleinen Nerds begleiten darf, der neben dem Killer wohnt und dessen Mutter seine Beobachtungen so wenig ernst nimmt, wie den Rest von dem was er tut ebenso, bricht diese Atmosphäre nicht ab. Dieser leichte Anflug von Humor tut dem Streifen sogar gut, auch wenn man das in einem Argento-Film zunächst nicht meinen sollte.

Was mich an „Trauma" stattdessen stört ist die etwas zu holprige inhaltliche Inszenierung. Warum ergibt erst die etwas überkonstruierte und durchs Überagieren im Schauspiel auch etwas enttäuschende Auflösung Sinn darüber, warum Auras Eltern vom Kopfsammler getötet wurden? Warum fügt sich dies nicht bereits in jenem Zusammenhang ein, auf den das zentrale Pärchen bei ihren Ermittlungen stößt, um diesem Todesfall nicht bereits im Vorfeld eine gesonderte Position zu schenken? Und warum fällt niemandem diese gesonderte Position innerhalb der sonstigen Mordopfer auf? Und warum kümmert sich die Handlung um solch wenige Personen, so dass gar nicht erst viele Menschen in Frage kommen der Köpfer zu sein. In anderen Werken Argentos ermittelten Privatpersonen zwar auch parallel zur Polizei, nur durften wir dort auch mehr von den Gesetzeshütern mitbekommen.

Zudem ist es für den Zuschauer nie wirklich nachvollziehbar warum wer glaubt Aura gehöre in die Klinik oder nicht. Warum hilft David, wenn sein Charakter doch nicht naiv gezeichnet ist, es aber keinen Grund gibt den Misshandlungsvorwürfen Auras das Klinikpersonal bezüglich zu glauben? Und warum kommen die Übergänge von Klinik und Freiheit so ruppig daher? Warum ist es so einfach aus einer solchen Klinik zu fliehen, und warum stößt die Polizei erst so spät auf David und Aura, die sich nicht nur arg verdächtig machen, sondern auch Spuren hinterlassen? Und der Zusammenhang zwischen den Opfern ist so leicht zu entdecken, dass die Polizei längst weiter mit ihren Ermittlungen sein müsste, als das junge Pärchen. Warum ist dem nicht so?

Aus dem Medienberuf Davids und dessen Kontakte zu den Mitarbeitern dort wird nichts herausgeholt, was für die Geschichte von Vorteil wäre. Widersprüche werden für den Effekt gerne in Kauf genommen und nach einer Wende der Geschehnisse nicht ins Reine gebracht (wie kamen die Köpfe in den Kofferraum?), und zu allem Überfluss beginnt „Aura - Trauma“ (Alternativtitel) mit einer noch übler getricksten Köpfungsszene als seinerzeit jene in „Fahrstuhl des Grauens“. Noch unnatürlicher konnte der Kopf nicht gestaltet werden, dem man nie glauben würde dass die schwarz aufgepinselte Schicht die Haut sein solle. Und das in einem Film, in welchem Tom Savini für die Spezialeffekte verantwortlich war? Nun ja...

Ärgernisse gibt es zu genüge, und so tut es gut, dass Argento wenigstens die Grundstimmung im Griff hat. So kann man „Aura‘s Enigma“ (Alternativtitel) zumindest trotz aller Unsinnigkeiten interessiert bis zum Schluss hin verfolgen, zumal einen freilich auch des Rätsels Lösung interessiert, welches diesmal jedoch nicht in solch interessantem psychologischem Zusammenhang vergangener Erlebnisse steht wie üblich in Argentos Filmen. Zugute kommt „Trauma“ im übrigen auch die sehr niedliche Besetzung der damals noch recht jungen Asia Argento, die sich hier schauspielerisch schon zu beweisen weiß. Hut ab! Und wenn Papa Argento dem Publikum dann noch eine kleine Nackedei-Szene mit der Teenagerin schenkt, ist zumindest der männliche Zuschauer für einen Augenblick zufrieden gestellt.  OFDb

06.07.2015

THE STENDHAL SYNDROME (1996)

Nach seinem erfolglosen selbstproduzierten Versuch mit „Trauma“ in Amerika Fuß zu fassen, lieferte Dario Argento, Schöpfer solcher Werke wie „Suspiria“ und „Profondo Rosso“, drei Jahre später mit „The Stendhal Syndrome“ sein Folgewerk ab, welches er wieder wie einst in Italien produzierte. Auf Nummer Sicher ging er für seine Rückkehr nicht, lieferte er doch keinen klassischen Giallo ab, jene Gattung Film für die sein Name Pate steht. Stattdessen serviert er uns eine wirre Erzählung, die fast schon solch phantastische Elemente wie „Phenomena“ enthält, auch wenn man sie versucht mit einem Krankheitsbild zu erklären.

Der Film steigt zunächst mit einer Szene ein, in welcher über mehrere Minuten nicht gesprochen wird. Wir werden Zeugen des Stendhal Syndroms. Wir dürfen mit der Protagonistin miterleben wie Bilder in einem Museum sich zu verselbstständigen scheinen, dürfen die Geräuschkulisse während eines solchen Anfalles miterleben, bis es schließlich zum Zusammenbruch unserer Heldin kommt. Die nächste entscheidende Szene, welche dieser folgt, gibt sich noch rätselhafter, wird doch nun ein Gemälde im Hozelzimmer der in Florenz zu Gast agierenden Polizistin zu einem Tor durch welches sie schreitet, woraufhin sie auf den gesuchten Serienkiller trifft, der gerade mit seinem nächsten Opfer beschäftigt ist.

Nun ist dieser Moment jedoch keine Vision wie einer jener vergleichbaren Momente aus Wes Cravens „Shocker“, im Nachhinein erfahren wir dass Anna tatsächlich vor Ort war und auch gleich von dem Serienkiller vergewaltigt wurde. Mag sein dass es daran liegt dass ich nicht die Langfassung des Streifens gesehen habe, aber wirklich gekonnt wird der Zuschauer hier nicht an die Hand genommen, so dass es einer Überraschung gleicht im Laufe der Zeit zu erfahren, dass hier kein Irrtum oder eine traumatische Täuschung vorliegt, sondern dass die Vergewaltigung tatsächlich stattgefunden hat.

Die Erzählung stellt dies glücklicher Weise dennoch zügig klar, was sonst fatal gewesen wäre, so entscheidend begangene Tat für den weiteren Verlauf des Streifens ist. Dieser schaut sich eigentlich wie zwei Filme und erzählt in der ersten Hälfte davon wie die Polizistin von jenem Täter im Griff gehalten wird, den sie eigentlich jagt, bis es schließlich in Gefangenschaft geraten zur Gegenwehr kommt. Die zweite und wesentlich interessantere Hälfte beschäftigt sich nun damit, dass die Bedrohung weiter geht, jedoch nicht klar ist ob der uns bekannte Täter tot ist oder nicht.

Erst in der zweiten, etwas regulärer erzählten, Hälfte, die sich kaum noch für das titelgebende Stendhal Syndrom interessiert, wird der Streifen zum klassischen Giallo und auch ab hier erst so richtig gut, da der Film bis hier hin etwas zu umständlich und teilweise auch zu bemüht erzählt ist. Die Gefangenschaft wirkt wie ein halbherzig angegangener Storyaspekt, ohne den es nun einmal nicht geht. Die Befreiung aus dieser ist zumindest in der von mir gesichteten Kurzfassung nicht nachvollziehbar. Und die phantastisch anmutenden Sequenzen des Bildereintauchens wirken zwar surreal und wissen trotz mancher sich heutzutage erbärmlich anschauender Computersequenzen ein gewisses Interesse zu wecken, aber letztendlich wirken sie doch zu aufgesetzt, so als wolle man der Geschichte viel zu aufgezwängt eine besondere Basis schenken. Die wesentlich idiotischere Idee aus „Phenomena“, dass die Heldin dort mit Insekten kommunizieren konnte, wirkt dort wesentlich stimmiger und für die Geschichte förderlicher eingebracht, als der nachvollziehbarere Aufhänger des hier besprochenen Filmes.

Sehenswert ist die erste Hälfte von „La Sindrome di Stendhal“ (Originaltitel) mit etwas heruntergeschraubten Erwartungen trotzdem allemal, allein schon um den Wandel von Annas Persönlichkeit mitzukriegen, der, und das finde ich eine hervorragende Idee, über andere festgestellt wird, denn die Ur-Anna durften wir als Zuschauer ja nur rein optisch kennen lernen. Damit fällt uns Zuschauern aber auch die Identifikation mit der vergewaltigten Anna leichter, die in großer Gefahr schwebt, während sie gleichzeitig verarbeiten muss was ihr geschehen ist.

In der zweiten, etwas kürzeren Hälfte der Geschichte darf man nun rätseln was es mit der aktuellen Bedrohung auf sich hat. Ist Anna geistig so abgedriftet, dass ihr die Taten selbst zuzutrauen sind? Lebt der Ur-Killer noch? Gibt es jemandem im nahestehenden Umfeld Annas, der als Trittbrettfahrer tätig wird? Hier kämen ein eifersüchtiger Ex-Freund und ein zwielichtig wirkender Psychiater als Idealtäter in Frage. Vielleicht ist es aber auch wer ganz anderes? Es ist zwar etwas schade, dass am Ende die wahrscheinlichste Variante auch die tatsächliche Auflösung ist, aber trotzdem schließt der Film damit sehr gekonnt, auch stilistisch im Übergang, wenn Argento uns in den Abspann entlässt.

Gegen Ende bekommt man ohnehin den Eindruck, dass Argento mit einer offensichtlichen Tatsache spielt, so als wüsste er, dass der Zuschauer die Auflösung weiß. So oder so kann der Schluss überzeugen, und der Restfilm kann es trotz einiger Abstriche auch, auch wenn sich „The Stendhal Syndrome“ nicht so flüssig schaut wie die richtig guten Arbeiten Argentos. Fünf Jahre später, mit dem umstrittenen „Phantom der Oper“ zwischendurch eingereicht, lieferte er mit „Sleepless“ wieder einen klassischen Giallo ab, schlichter in seinen Schwerpunkten, aber auch flüssiger inszeniert und mit besserer Auflösung versehen. Rein vom künstlerischen Aspekt her gesehen ist jedoch „The Stendhal Syndrome“ wesentlich gewitzer ausgefallen als diese Standard-Ware, was sich nicht nur in den eingebildeten Fantasy-Sequenzen zeigt, sondern auch in manchem Schattenspiel, manch blutiger Sequenz und in vielen anderen großartig eingefangenen Aufnahmen.  OFDb

15.06.2015

DIE NEUNSCHWÄNZIGE KATZE (1971)

Nach Argentos Debüt „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ folgte „Die neunschwänzige Katze“, der ebenfalls wieder als Bryan Edgar Wallace-Verfilmung verkauft wurde. Ob dabei ein ähnlicher Etikettenschwindel vorlag wie im Vorgänger ist mir nicht bekannt, aber kennt man die Werke Argentos ist vom inhaltlichen Ablauf her vieles mit Werken wie „Profondo Rosso“, „Sleepless“ und eben auch „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ vergleichbar.

Außenseiter einer polizeilichen Ermittlung ermitteln auf eigene Faust. Das ganze ist für einen eigentlichen Krimi-Plot düster in Szene gesetzt, wie man es von Argento gewohnt ist. Harte Bilder umgeht der spätere Meister des Giallos ebenso wenig, im Vergleich sind sie nur etwas rar auf das Gesamtwerk verteilt. Dank guter Schauspieler meint man gar echten Morden beizuwohnen, so glaubwürdig sind sie inszenatorisch und darstellerisch umgesetzt. Glücklicher Weise wurde an Goreeffekten in solchen Momenten gespart, sonst wäre sie weg gewesen, diese Glaubwürdigkeit.

Die deutsche Synchronfassung ist leicht belustigend umgesetzt, veralbert das Gezeigte jedoch nicht, sondern erweitert das düstere Original Argentos mit Respekt mittels ironischen Spitzen. Professionelle Sprecher sorgen für einen weiteren Grund des hoch eingehaltenen Niveaus. Da seinerzeit ordentlich am Film herumgedoktort wurde sind viele Sequenzen in der von mir gesichteten Langfassung nur untertitelt zu erleben, und diese zeigen mal wieder wie wenig Ahnung die Verantwortlichen der damaligen Beschneidung von der psychologischen Wirkung eines Stoffes hatten. Objektiv betrachtet wirken die entfernten Szenen unnötig, aber sie sind wichtig für das richtige Feeling. Sie unterstützen die Glaubwürdigkeit von Situationen und geben Informationen über Charaktereigenschaften an den Zuschauer weiter. Der Deutschton der wieder einsetzenden Szenen der Kinofassung versucht zwar vieles davon wieder zusammenzufassen, aber es geht in solchen Momenten eben nicht rein um den aufgesagten Text.

Stimmig inszeniert und untermalt von einer nicht wirklich im Gedächtnis bleibenden Musik Morricones, aber immerhin einer die Atmosphäre unterstützenden Komposition, weiß Argento die mit heutigem Wissen etwas lächerliche Geschichte um das böse zweite Y-Chromosom aufzufangen, so dass „Il gatto a nove code“ (Originaltitel) nie zur unfreiwillig komischen Lachnummer verkommt. So überzeugend dicht ausgefallen wie der Vorgänger ist Argentos zweiter Thriller nicht, aber er weiß über seine komplette Laufzeit zu unterhalten und zu interessieren, für den Zwischendurchverzehr ist das durchaus okay, zumal mit Karl Malden ein zwar nicht immer glaubwürdig spielender, aber doch recht sympathischer Schauspieler in einer der großen Rolle besetzt wurde.  OFDb

08.03.2015

SUSPIRIA (1977)

„Suspiria“ ist ein Film den man erleben muss, sprich den man auf sich wirken lassen muss. Wer zu verkopft an Dario Argentos Meisterwerk herangeht wird genug entdecken was unsinnig ist, widersprüchlich oder holprig inszeniert. Gibt man sich aber dem visuellen und auditiven Rausch hin, den der Regisseur entfacht, gibt es kein Halten mehr. Dann muss man „Suspiria“ einfach lieben, einen Kunstfilm, der zwar auch die nach Blut gierenden Gorehounds zu bedienen weiß, aber eben doch nicht nur ein oller Genre-Beitrag des Horrorbereichs ist.

Die Farbspielereien, das regelrechte Zelebrieren der wichtigsten Szenen, der ungewöhnliche Einsatz der von der Band Goblin komponierten Musik (oftmals zum Spannungsaufbau eingebracht und genau dann pausierend, wenn eine Szene ihren Punkt erreicht an dem wirklich etwas passiert), der inhaltliche Terror den man in der ersten Stunde nicht wirklich eingeordnet bekommt und mittendrin das Herumstolzieren der zurückhaltenden Suzy, zuckersüß verkörpert von Jessica Harper („Das Phantom im Paradies“, „Shock Treatment“). Suzy ist eine Heldin zu der man allein inmitten einer kalten und ungewöhnlichen Welt als Zuschauer automatisch eine Bindung aufbauen muss. An sie gebunden durchlebt man ein Filmerlebnis, das für sich alleine steht, ein Werk wie es dies kein zweites Mal gibt, ein Original das man aufgrund seines der Kunst wegen minimal gehaltenen Inhalts entweder liebt oder sich umgekehrt angeödet von ihm abwendet.

Ach, was wird gerne über das Finale geklagt, über den recht plötzlichen Schluss, geäußert von Zuschauern die ihn scheinbar nicht verstanden haben. Ein konsequenter Schluss, der allein schon deshalb nicht hätte zelebriert werden müssen, weil es für den Zuschauer und die Heldin nichts zu entladen gibt das dringend raus müsste. „Suspiria“ ist ein Erlebnis und benötigt keinen Paukenschlag am Schluss, ist er von seiner Terrorwirkung her doch ein fortlaufender Paukenschlag, sich in den letzten 20 Minuten noch mal hochschaukelnder denn je, auch wenn dies kaum möglich scheint.

Inmitten einer liebevollen und absichtlich künstlichen Umsetzung (allein das typische unecht wirkende Argento-Blut und der verkrampfte Dialog während des Rauswurfs des Blinden), in welcher prachtvolle Gebäude und Plätze ebenso im Zentrum stehen wie die in ihnen agierenden Figuren, wäre es eigentlich nicht nötig gewesen „Suspiria“ so blutig zu gestalten wie geschehen. Der Messerstich in ein pulsierendes Herz wirkt wie ein Fremdkörper im fertigen Film, stört den Fluss der sonst so konsequent eingehalten wird. Dies und manch ruckartig unterbrochener Song wackeln ein wenig am Gesamtbild, aber das ist Nörgeln auf hohem Niveau in einem ansonsten rundum geglückten Stück individuellem Horror, das selbst dann aufgeregt erzählt ist und zu packen weiß, wenn gar nichts passiert. „Suspiria" muss man als Filminteressierter gesehen haben!  OFDb

20.11.2014

PROFONDO ROSSO (1975)

„Profondo Rosso“, ein Werk aus dem fünften Berufsjahr des Regisseurs Dario Argento, gehört unter Kennerkreisen zu den größten seiner Filme. Obwohl er mich mit Beiträgen wie „Suspiria“ und „Phenomena“ zu beeindrucken wusste, habe ich mich lange Zeit nicht an seinen frühen Giallo herangewagt, einfach weil ich in jungen, intoleranten Jahren mal einen Blick riskierte habe und den Film nicht mochte. Das war in einer Zeit um deren Filmgeschmack ich heute nichts mehr gebe, war der doch noch auf reißerische Ziele aus und nicht geübt im Erkennen wahrer qualitativer Elemente. Aber bei einem Film den man einst nicht mochte ist ein zweiter Versuch immer etwas schwieriger anzugehen als ein allererstes Sichten. Nun habe ich es endlich gewagt, und wie zu erwarten habe ich es keineswegs bereut.

Zwar ist „Rosso - Die Farbe des Todes“ (Alternativtitel) meiner Meinung nach kein so geniales Werk wie „Suspiria“ geworden, zu den Größen des Meisters zählt er aber sehr wohl zu recht, guckt er sich doch sehr intensiv, da man schnell in der dichten, düsteren Atmosphäre aufgeht, eine Atmophäre die so düster ist, das selbst die seltenen absichtlich humoristischen Momente kaum durchkommen. Einen großen Prozentanteil dieser Wirkung verdankt „Profondo Rosso“ seinem packenden Soundtrack, der selbst Nichtigkeiten interessant zu untermalen weiß, und (zumindest scheinbare) Nichtigkeiten gibt es hier genug.

Argentos Werk ist ein sehr redseliges Werk, das man voreilig als zu geschwätzig empfinden könnte. Meiner Meinung nach sind diese vielen Dialoge, so konstruiert sie manchmal auch erscheinen mögen, mitverantwortlich für die Realitätsnähe des Streifens. Sie bindet einen menschlich besonders intensiv an die Hauptfigur. Und da Argento sein Werk eng an dessen Wahrnehmung klammert, und das nicht erst mit der Raffinesse seiner Auflösung, ist das psychologisch gesehen auch richtig so.

Die Geschichte selbst haut auf dem Papier erst einmal nicht vom Hocker, zumal sie dem Erstling „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ in vielen Dingen nicht unähnlich ist, und diese Übereinstimmungen sollten sich in „Tenebrae“ noch einmal wiederholen. In allen drei Werken ist die Hauptfigur ein Ausländer mit einem künstlerich wertvollen Beruf, der ein Verbrechen beobachtet, sich mit diesem parallel zur Polizei befasst und pro Film jeweils eine Erinnerungslücke hat, die ihn daran hindert zu begreifen was wirklich passiert ist.

Diesmal blendet Argento mit seinem Taschenspielertrick. Zwar ist die Auflösung und das übersehene Detail höchst interessant und ein glaubwürdiger Kniff, der die Auflösung zu einem großen Erlebnis macht, die Tatsache der Zuschauer wäre anfangs getäuscht worden jedoch Hokuspokus. Wer einen Blick zurück auf den Beginn der Ereignisse wirft, wird merken, dass der Zuschauer durch einen zu schnellen Schnitt Argentos in der entscheidenden Szene gar nicht wirklich die Möglichkeit hatte den Mörder zu identifizieren. Die Auflösung lässt ihn dies jedoch glauben, ob von Argento gewollt oder nicht.

Im Gegensatz zu vielen anderen Giallos ist man sehr daran interessiert zu erfahren wer denn nun der Mörder ist. Die Art der Überführung tröstet da ein wenig von der Schlichtheit der Begründung hinweg. Die ist in ihrer psychologischen Erklärung so schlicht wie in diesem italienischen Genre üblich. Aber sie folgt einer blödsinnig vorangesetzten Mörderaufdeckung, die dem Zuschauer absichtlich die lange Nase zeigt und den angeblichen Täter fast schon humorvoll gemeint in einer ellenlangen Prozedur ins Jenseits befördert, eine Person die gar nicht Täter sein kann, ein Fakt der dem Zuschauer schon längst bewusst ist, während die Hauptfigur zunächst noch getäuscht ist.

Erzählerisch gesehen ist „Profondo Rosso“ also durchaus geglückt und abwechslungsreich, was sich auch zu Beginn zeigt, wenn ein übernatürlicher Aspekt, den die Geschichte nicht zwingend benötigt hätte, in die Geschichte eingeflochten wird, nur um den Einstieg aus einer ungewöhnlichen Perspektive heraus zu präsentieren. Ähnlich wie im Einstieg von „Scream“ wird das erste Opfer zunächst eine Identifikationsfigur, eine mögliche Hauptperson, bevor wir uns von ihr verabschieden müssen. Ob da ein gewollter Gruß an Alfred Hitchcock bezüglich seines „Psycho“ stattfindet, kann ich nicht beurteilen. Möglich wäre es jedoch. Ist aber auch egal, denn die Idee das Gedankenlesen zu beherrschen und über diese Gabe versehentlich in den Geist eines in der Masse anonymen Psychopathen einzudringen, ist eine Idee, die eigentlich einen eigenen kompletten Film verdient hätte.

Ohnehin hätte man die schon oft erzählte Geschichte eines Zeugen der einen Täter sucht viel schlichter erzählen können. Argento, ausgerechnet der Mann, dem man sonst gerne die erzählerische Inhaltsleere seiner eher optisch interessanten Filme vorwirft, entscheidet sich jedoch für das Gegenteil, pumpt in seine Geschichte alles rein was geht, egal ob es ablenken soll oder für den eigentlichen Erzählstrang förderlich ist, und überfrachtet sein Werk damit glücklicher Weise nicht, sondern macht es damit wesentlich interessanter.

Optisch geht Argento diesmal einen Schritt zurück, auch wenn Orte und Kulissen weiterhin bewusst gewählt sind und so viel Atmosphäre ausstrahlen wie die restlichen Elemente des Filmes. Da der oberste Reiz von „Deep Red“ (Alternativtitel) jedoch seine dichte, düstere Atmosphäre ist, ist es aber ohnehin egal in diesem Werk diesmal keinen optisch künstlerisch überreizten Film vorzufinden wie in „Horror Infernal“ und Argentos diesbezüglich wohl wichtigstem Werk: „Suspiria“. „Profondo Rosso“ setzt auf vollkommen andere Vorzüge.  OFDb

26.12.2012

DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN HANDSCHUHE (1970)

Der amerikanische Schriftsteller Dalmas wird Zeuge wie eine dunkle Gestalt in einer Kunstgalerie eine junge Frau ersticht. Die Polizei teilt ihm mit, dass dies nicht der einzige Mord der letzten Zeit war und vermutet u.a. zunächst ihn als Serientäter. Dalmas macht sich selbst auf die Suche. Er weiß, dass an der Beobachtung des Mordes irgend etwas ungewöhnlich war. Aber was war das nur?...

Im Zeichen der Geometrie...
 
Hut ab! Die erste Regiearbeit des später hochgeachteten italienischen Meisters des Horrorgenres kann sich sehen lassen. Wie die meisten späteren Werke, so ist auch sein erster Film ein Giallo geworden. Ein Wort, das eigentlich nur für einen hart inszenierten Kriminalfilm steht, der sich mit Mördern beschäftigt. Die 1959 gestartete Edgar Wallace-Reihe wurde in den 70ern mit italienischer Beteiligung immer häufiger in diese inszenatorische Richtung geschuppst, und so wundert es nicht, dass auch eine Buchverfilmung nach Bryan Edgar Wallace folgte, wo doch stets mit dessen Name versucht wurde Erfolge des Herrn Papa zu wiederholen.

Die angebliche Bryan Edgar Wallace-Verfilmung war mit Argento als Regiewahl in besten Händen. Auch die Schauspieler waren nicht aus der untersten Schublade herausgewühlt. Und um dem ganzen noch eins drauf zu setzen engagierte man Ennio Morricone für die musikalische Untermalung, ein Garantietipp so kurz nach seinem legendären Soundtrack zu „Spiel mir das Lied vom Tod“.

All der Aufwand hat sich gelohnt, Argento ist ein atmosphärisch dichter Film gelungen, der in seiner Bösartigkeit immer wieder zwischen den Genres Krimi und Horror hin und her springt. Der Geschichte folgt man gebannt. Diese ist zwar eher schlichter Natur, ist aber rätselhaft verpackt, mit interessanten Figuren versehen und spannend umgesetzt.

Hin und wieder wird die dichte Atmosphäre unterbrochen, beispielsweise in der längeren Szene, in welcher der Schriftsteller einen Zeichner aufsucht. Völlig unnötig bekommt diese Sequenz sogar einen humoristischen Unterton. Leider passt das so gar nicht zum restlichen Film, soll aber in einer ersten Regiearbeit verziehen sein, erst recht wenn der Rest so professionell umgesetzt wurde, wie es in „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ nun einmal geschehen ist.

Von solchen Ausrutschern einmal abgesehen (ein weiterer wäre z.B. das Integrieren eines Auftragskillers in die Geschichte) weiß die Art der Erzählung ansonsten zu gefallen. Argento schafft die Gradwanderung zwischen Charakteraufbau- und vertiefung und flottem Erzähltempo. Betretene Pfade werden durch neue Erkenntnisse in der Ermittlung schnell wieder verlassen. So ist es positiv zu sehen, dass der Hauptdarsteller nicht den ganzen Film über für die Polizei verdächtig bleibt, mehr noch, der Kommissar vertraut dem Zeugen immer mehr. Beide scheinen am Beginn einer echten Männerfreundschaft zu stehen, in der Art und Weise wie sie miteinander umgehen.

Zudem punktet Argentos Umsetzung mit dem Beachten kleiner Details. Da wäre zum einen der Grund zu nennen, nach dem Dalmas so lange sucht. Was war ungewöhnlich an der Mordbeobachtung? Aber auch andere psychologische Kniffe wissen zu gefallen, wie beispielsweise die Idee, dass der Schriftsteller in Begleitung einer jungen Frau ist. Um diese macht man sich schon lange Sorgen, noch bevor der Täter am Telefon androht ihr etwas anzutun.

Morricones Musik weiß Argentos Arbeit hervorragend zu unterstützen. Ähnlich experimentell wie in seinem Soundtrack zu „Zwei glorreiche Halunken“ überrascht er mit allerlei ungewohnten Melodien, die teilweise sogar an spätere Werke von Goblin erinnern, einer Band mit der Argento später viel zusammenarbeiten sollte. Morricone bietet ruhige Musik, lässt diese ins psychotische herübergleiten mit einer dem Gebiet des Kinder-Schlafliedes entliehenen, flüsternden Stimme, die statt eines Textes nur den Lückenfüller Lalala singen darf. In den schnelleren Szenen ist es auch musikalisch mit der Ruhe vorbei, und der Komponist fährt alles auf, was er benötigt um den Zuschauer zu verwirren oder gar zu verstören, auf jeden Fall aber um ihn zu packen und das Spannungspotential Argentos Bilder zu unterstützen.

Und diese sind, wie man es später von diesem Herren auf dem Regiestuhl auch gewohnt sein sollte, hervorragender Natur. Argento beweist sich als echter Künstler, noch nicht so farbenfroh wie in späteren Werken (Höhepunkt in diesem Gebiet dürfte „Suspiria“ gewesen sein), aber in anderer Richtung interessant. So spielt er z.B. in einigen Szenen mit Licht und Dunkelheit, z.B. wenn er einem weißen Treppenhaus im oberen Stockwerk das Licht nimmt, und der obere Bildschirmteil damit stockdüster und bedrohlich wirkt, eben weil das Schwarz das Weiß so schnell verschluckt.

Ebenso gibt es eine hervorragende Aufnahme, in der ein dunkler Raum ein im weiß strahlendes Viereck beschert bekommt, durch das Öffnen einer Tür im unbeleuchteten Raum. In dieser Sequenz erleben wir auch am allerdeutlichsten Argentos Beachtung des Bereiches der Geometrie, ein Schwerpunkt seiner künstlerischen Herangehensweise in „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“.

Wandmuster versucht er meist komplett einzufangen, Tapeten- und Bodenmuster ebenso. Große Gegenstände versucht er möglichst komplett ins Bild zu bekommen. Gelingt ihm dies nicht, so lässt er die Kamera vom Gegenstand festgelegten Linien entlang gleiten, z.B. bei Außenaufnahmen mit Häusern. Situationsbedingt geschieht dies auch mit Linien leichter einzufangender Gegenstände in ihrer Gesamtheit, z.B. wenn die Kamera einer wandernden Person folgen muss. Interessant ist bei dieser Herangehensweise die Position der Kamera, die häufig solche Aufnahmen bewusst zweidimensional versucht einzufangen, damit das Gesehene in seiner Form schlichter, geometrisch simpler, wirkt.

Auffällig ist dies z.B. in der Schluss-Szene, in der die Kamera ein startendes Flugzeug begleitet, dabei aber immer sehr seitlich bleibt, so dass man den Flieger tatsächlich nur zweidimensional, wie von einer Schablone gezeichnet, begleiten kann. Selbst in der Szene, in welcher Dalmas den Mord beobachtet, wirkt etwas zweidimensional. Vielleicht ist hier der Begriff auch zu übertrieben, aber zumindest wirkt die Beobachtung des Schriftstellers wie der Blick auf ein Theaterstück, dessen Perspektive man nicht einfach ändern kann.

Neben den oben erwähnten Brüchen in der sonst so dichten Atmosphäre, kann man höchstens noch ein wenig enttäuscht über die Auflösung sein. Die Täteraufdeckung selber geht in Ordnung, wird in späteren Argento-Filmen auch noch einige Male wiederholt werden. Unangenehm ist jedoch die angehangene psychologische Erklärung, die damit an die einzige Schwäche von Hitchcocks „Psycho“ erinnert.

Ob das aus der Sicht eines professionellen Arztes nun Sinn macht oder nicht, sei einmal dahingestellt. Ich frage mich nur, warum diese Erklärung so unsauber in die Erzählung eingeführt werden musste. Hätte man das nicht im Fluss der Geschichte irgendwie integrieren können? So wirkt die Szene nicht wie ein Teil der Story, sondern viel mehr wie ein Nachwort, um dem ganzen nun noch einen Sinn zu bescheren und damit auch manchen Kleinigkeiten in der Geschichte selbst (dem gekauften Bild z.B.).

Was wiederum positiv an der Auflösung ist, ist das Spiel mit dem Zuschauer und der Polizeiarbeit. Argento zeigt uns, dass erkannte Muster immer nur Theorien sind, die uns schnell den Stinkefinger des Irrtums zeigen können. Ähnlich wie Verschwörungstheorien scheinen sie in der Beweislage Sinn zu ergeben und erweisen sich dann doch nur als dumme Zufälle aus einer Perspektive von Halbwissen. Im Finale wird der Zuschauer trickreich an der Nase herumgeführt, und der weiß es der Regie zu danken, so wie allen anderen Beteiligten, die scheinbar mit wirklich viel Interesse an „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ beteiligt waren.  OFDb

MOTHER OF TEARS (2007)

Das laute Aussprechen der Innschrift einer kürzlich bei Ausgrabungen entdeckten, antiken Urne erweckt eine Hexe, die sogleich Terror und Gewalt über Rom bringt. Die Tochter einer verstorbenen weißen Hexe soll die Böse aufhalten...

Argentos Esoterik-Kitsch... 
 
Jahre lang haben die Fans auf diesen Film gewartet. Die Erwartungen waren sicherlich ebenso hoch wie die Skepsis. Immerhin liegen 27 Jahre zwischen Teil 3 und Teil 2 von Argentos Mutter-Trilogie. Ich selbst habe bislang nur „Suspiria“ gesehen und kann dementsprechend nur Vergleiche zu diesem ziehen. Insgesamt betrachtete ich „Mother Of Tears“ jedoch unabhängig für sich, eben weil sich das Medium Film in all den Jahren zu sehr verändert hatte und ein Vergleich mit Hochglanzbildern zum gruseligen Stil der 70er Jahre einfach unfair gewesen wäre.

Recht stimmig fängt Argentos dritter Hexenfilm an. Die Musik weiß zu packen, der Vorspann wird begleitet von alten religiösen Bildern, die sich mit dem Bösen befassen. Auch der Abspann bietet einem in diesem Punkt einiges an interessantem Material.

Die Erweckung der Hexe wird in einer diesmal nicht ganz so lange zelebrierten Szene gezeigt, wie die typischen Startsequenzen anderer Argento-Filme, aber er lässt sich für das Entstehungsjahr gesehen dennoch etwas Zeit. Eine gewisse düstere Stimmung kann man dieser Szene auch nicht abstreiten, die plötzliche Anwesenheit Gläubiger, die eine schwarze Messe zelebrieren bringt jedoch den ersten Bruch in der Atmosphäre. Hier ersetzt der Regisseur nun die Grundstimmung mit blutiger Aktion, das enttäuscht ein wenig.

Wieder wett macht es der gute Mann dafür mit einer netten und ungewöhnlichen Verfolgungsjagd durch das Museum. Hier wird unsere Heldin von einem Affen verfolgt, ein Tier, das den kompletten Film lang noch auftauchen und für die Seite des Bösen tätig sein soll. Damit bildet er eine Art Gegenpol zu dem hilfsbereiten Affen aus „Phenomena“, der zwar ebenfalls ein Argento-Film ist, aber keiner der drei Mütter-Trilogie. Dennoch ist dies nicht der einzige Punkt, der einen zu diesem fantasyangehauchten Horrorklassiker schielen lässt. Hier wie dort erhält die Heldin Hilfe von einem im Rollstuhl sitzenden Gelehrten, und auch das Baden in eklig schleimigen Geglibber wird zu einer Parallele mit „Phenomena“.

Das Ende der Affen-Verfolgungsjagd verweist darauf, wie es mit dem Film ungefähr weiter gehen wird, und da tut sich nun eine Enttäuschung auf, die ich bei Argento so nie erwartet hätte. Der italienische Horrorregisseur springt auf den Zug des meist vom weiblichen Publikum konsumierten Esoterik-Kitsches auf und erzählt nun die Geschichte einer weißen Hexe, die nicht weiß dass sie eine ist. O.k., da könnte man etwas draus machen, wenn man das Thema nicht so herzerschmerzend umsetzen würde wie Mr. Argento, der stets die tote Mutter aus dem Jenseits mit der Tochter kommunizieren lässt, so dass inmitten von Kitsch das Gefühl einer echten Bedrohung kaum aufkommt.

Und das ist sehr schade, denn die Geschichte aus zweiter Reihe ist endlich mal das, was ich theoretisch gesehen schon lange Zeit erhofft hatte: Eine Hexe verbreitet Terror, und das nicht nur versteckt oder in einem kleinen Radius. Die Dame der schwarzen Magie infiziert fast ganz Rom. Gewalttaten auf den Straßen werden Alltag, die Menschen rauben und beschimpfen sich, der Hass liegt in der Luft.

Argento weiß dieses Szenario nur in Aktion einzufangen. Er beachtet diesen Punkt einfach zu wenig, als dass der Wandel in Rom atmosphärisch auf den Zuschauer übergreifen könnte. Wie muss es sein während des Wandels in Rom zu hausen? Welche Angst müssen die letzten Normalen durchleben? Fragen die Potential für nervenkitzelnde Momente gehabt hätten, Fragen die Argento komplett ignoriert, eben weil er sich auf andere Schwerpunkte konzentriert.

Das wäre auch okay, sofern diese Schwerpunkte ähnlich Interessantes aufweisen könnten, tun sie aber nicht. Sicherlich ist es nicht ganz verkehrt, bei einer Hexe die öffentlicher tätig wird als ihre Artgenossen anderer Horrorfilme, jemand übernatürlich Begabtes auf die Bedrohung loszulassen. In „Suspiria“ kämpfte eine Durchschnittsperson gegen das Übel, diesmal ist es halt eine weiße Hexe. Sieht man aber dann, durch welche Aktion die Heldin von Teil 3 den Sieg erringt, hätte man sich den kompletten, ohnehin schon nervigen, Esoterik-Kitsch auch sparen können, und doch wen Menschliches auf die Bedrohung loslassen können.

Ohnehin ist die Hexe viel zu leicht zu besiegen. Da mag nun wer gegen halten, in „Suspiria“ wäre es ähnlich gewesen. Dort war es jedoch sinnig, immerhin war es die Hexe dort gewöhnt, dass Menschen auf ihre Manipulation hereinfielen. Die Hexe in „Mother Of Tears“ feiert eine Orgie und ist dabei so abgelenkt, dass sie nicht einmal den Angreifer bemerkt, der ja nun auch nicht gerade 20 cm von ihr entfernt steht, sondern einen gewissen Anlauf benötigte. Ach bitte...!

Stilistisch ist das Finale von Teil 3 zumindest stark an „Suspiria“ orientiert. Das beginnt bereits mit der Taxifahrt zum Hexenhaus, das nicht nur durch den Inhalt, sondern auch durch Optik und Musik an die Szene erinnert, in der die Rolle der Jessica Harper sich auf den Weg zur Ballettschule macht. Das ist eine nette Verbeugung zu Argentos bestem Film, leider aber auch viel zu spät, um nun noch das Wohlwollen des Zuschauers zu erhaschen. Nun ist es zu spät, um gruseln zu wollen. Hier guckt man den Film bereits viel zu theoretisch und viel zu enttäuscht, als dass die an sich recht gute Inszenierung vom Finale noch etwas reißen könnte.

Im Hexenhaus angekommen orientiert man sich weiterhin an „Suspiria“, diesmal am Finale. Schriftzüge auf den Wänden, das innere Unbekannte des Hauses, nicht wissen was man tut wenn man erst einmal dort ist, usw. Jahre später präsentiert uns Argento heftigere Bilder. Sah man in „Suspiria“ noch eine recht harmlose Hexenzeremonie, darf man in „Mother Of Tears“ eine Orgie sichten, die an Perversion kaum zu überbieten sein dürfte und mit wirklich großartig eingefangenen Momenten zu schocken weiß.

Der Tod der Hexe und der Zustand ihrer Behausung nach dem Ableben sind ebenfalls nah an „Suspiria“ orientiert. Den Fehler Argentos dritten Teils diesbezüglich habe ich ja weiter oben erwähnt.

Was soll man sagen? Das war so gar nichts! Falsche Schwerpunkte, übler Kitsch, und selbst die Bedrohung verliert an Wirkung, wenn man die gestilten Junghexen durch die abgründigen Straßen Roms umherziehen sehen darf, wo sie doch mehr wie pubertierende Gören mit halbstarkem Getue wirken, als wie unheimliche Gegner mit düsterer Aura.

Das schlechte Ergebnis ist zudem schade, wenn man Argentos Arbeit außerhalb der Geschichte betrachtet. Der Soundtrack darf als gelungen und unterstützend betrachtet werden, die Bilder bieten wieder einige Überraschungen, halt typisch Argento, und auch sonst ist „Mother Of Tears“ handwerklich vollkommen in Ordnung. Aber weder die Geschichte wusste zu gefallen, noch konnte sie den Zuschauer atmosphärisch anstecken. Dafür waren die guten Teile der Story auch viel zu ruckartig und grobklotzig eingebracht. Wo ist Argentos sensibles Fingerspitzengefühl für Grusel hin, das „Suspiria“ zu einem solch unheimlichen Erlebnis machte?  OFDb