Karl Peter Blitz' Ausnahmefilm, der nur selten gesendet wurde und glücklicher Weise von Pidax den Weg auf DVD fand, schließt gar nicht vollkommen aus, dass alles auch dem Irrsinn eines Kranken entsprungen sein kann. Aber mit der Diskussion diverser Herren und Damen verschiedenster Fachkenntnis-Bereiche zeigt der Film auf wie schwer es selbst noch so gelehrten Leuten fällt sich bereits philosophisch im "Was wäre wenn"-Ansatz dem Thema zu nähern. Gerade in diesem Bereich ist der Streifen intelligent erzählt, da er verschiedene Denkversuche und Denkverweigerungen aufzeigt, in der Diskussion aufeinander stoßen lässt und den Zuschauer, vorher mit Sensationslust angesteckt, mit sich und seinen Eindrücken schließlich alleine lässt. Das weiß zu gefallen, gerade in der fast komplett authentisch dargebotenen Art und gefällt umso mehr, da vereinzelt in der Geschichte auftauchende Elemente von der Zeit eingeholt wurden, nun über 50 Jahre nach Entstehung dieses Filmes. Dass zudem Hannelore Elsner in recht frühen Jahren in diesem für sie ungewöhnlichen Stoff in einer Hauptrolle auftaucht, macht die Sache nicht uninteressanter. Ein Found Footage ist "Das Rätsel von Piskov" nicht, er ist eine Fake-Reportage, die sich gegen Ende einer gefundenen Tonaufnahme als erster Schritt in diese Richtung bedient. Damit bleibt Erlers Werk im Vergleich revolutionär. Aber auch "Das Rätsel von Piskov" sollte man als interessierter Cineast, gerade in den Bereichen Science Fiction und Fake-Doku unbedingt geben. Er ist wahrlich ein Geheimtipp, der auf spannende und intellektuelle Art zum Phantasieren und Nachdenken anregt, entstanden in einer Zeit, in der noch erfreulich experimentell mit unseren Rundfunkgebühren umgegangen wurde. OFDb
Von einem der daheim blieb, um die weiten Welten des Films zu entdecken...
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12.03.2022
DAS RÄTSEL VON PISKOV (1969)
Ein Jahr bevor Rainer Erler mit seinem Geniestreich "Die Delegation" mittels einer Fake-Reportage die Filmmethode des Found Footage erfand, wurde im Auftrag des Südwestfunks eine ebensolche zum Thema Zeitreise gedreht. In dieser reist ein Reporter-Team in den kleinen tschechischen Ort Piskov, weil dort vor wenigen Tagen alle Uhren stehen geblieben sind. Nachdem die Uhren wieder einsetzten, bewegte sich die Sonne sprungartig auf die mittlerweile erlange Tageszeit. Bei ihren Recherchen stoßen die beiden Reporter auf einen Wissenschaftler, der behauptet einer Frau aus der Zukunft begegnet zu sein. Ebenso wie in Erlers Vergleichsfilm geht es in "Das Rätsel von Piskov" weniger um die tatsächlichen Science Fiction-Ereignisse, also um das klare Aufdecken dessen was passiert ist, sondern um den Menschen der damaligen Gegenwart inmitten rätselhafter Ereignisse. Während "Die Delegation" ein komplexes Psychogramm eines Mannes zauberte, der sich vom Realisten zum Esoteriker wandelte, geht es im hier besprochenen 70-Minüter um den beschränkten Wahrnehmungshorizont des Menschen. Im Gegensatz zu typischen Science Fiction-Stoffen wird die Geschichte nicht von der aufgeklärten Seite erzählt, die uns mit ihren Kenntnissen mit an Bord nimmt, um aus dieser Perspektive auf ahnungslose, bzw. nur bedingt verstehende Menschen zu stoßen, wir werden stattdessen im Gegenzug in die unvorbereitete Position versetzt, um nachvollziehen zu können, wie es sich anfühlt, wenn plötzlich etwas Unbegreifliches, allein gelassen mit unserem Wissensstand aus dem Alltag, um uns herum passiert.
19.06.2016
EIN ALIBI ZERBRICHT (1963)
Nicht nur dass der LKW-Fahrer die Wahrheit sagt ist bereits von Anfang an klar. Auch wohin sich die Ermittlungen bewegen macht schnell deutlich was Fakt ist. Recht schnell weiß der Zuschauer dass sich Dr. Rohm in keine wirren Mutmaßungen verstrickt. Und Vohrer ist bewusst, dass unter all diesen Voraussetzungen der Stempel des Kriminalfilms nur bedingt auf „Ein Alibi zerbricht“ zutrifft. Wer einige Werke Vohrers kennt, der weiß aber auch dass den guten Mann stets die Psychologie zwischen den Dingen interessiert, sprich die Auslöser, die Folgen, der Pingpong-Effekt, das Verräterische, die Fehler, das soziale Dilemma, das Gewissen, die Gefühle.
„Ein Alibi zerbricht“ spielt deswegen so überraschend schnell mit offenen Karten, da er als eine Art Psycho-Drama angelegt ist. Ein Hauch Krimi weht von der einen Seite, ein Hauch Thriller von der anderen, aber die Dramatik der Situation in welche Dr. Rohm aufgrund ihrer Ideale ausweglos hineinschliddert ist der tatsächliche Kern der Geschichte. Nur will das nicht so gut funktionieren wie es Vohrer sicherlich gewollt hat. Nicht nur dass Dr. Rohm an den ungünstigsten Stellen schwer von Begriff ist, sie ist zudem mit Ruth Leuwerik nicht ideal besetzt. Über ihren Charakter darf man streiten, der ist wie alle weiteren Charaktere im Film weder gut noch böse angelegt. Jeder hat seine Beweggründe für das was er tut oder denkt. Aber wirklich glaubwürdig agiert Leuwerik nicht immer.
Mir wäre es persönlich lieber gewesen, wenn „An Alibi for Death“ (Alternativtitel) in seiner Art etwas düsterer ausgefallen wäre, eine tatsächlich spürbare Bedrohlichkeit kommt selbst dann nicht auf, wenn sich Dr. Rohm im Finale in Lebensgefahr befindet. Der etwas zu lückenhafte zwischenmenschliche Faktor, der die Dramatik hätte stärken können, mit einem blass spielenden Peter van Eyck aber ohnehin nicht erreicht werden kann, hätte mit einer düsteren Atmosphäre eine gute Stütze erhalten um mehr zu sein als die Lightversion dessen was mit dem hier vorliegenden Stoff möglich wäre. Aber „Ein Alibi zerbricht“ entfaltet sich hierfür nie genug.
Allerdings schwächelt auch das Drehbuch hin und wieder, z.B. dann wenn man sich im nachhinein fragen darf, warum der Mitarbeiter des Hotels den Mann auf dem Phantombild erkannt hat, obwohl dieser kein Brillenträger war. Zumindest hätte er zu seiner Aussage hinzufügen können, dass der Gast nie eine Brille trug. An solchen Beispielen bemerkt man, dass die Geschichte nicht zu Ende gedacht wurde, immer nur Schritt für Schritt funktioniert, es aber nicht erlaubt währenddessen und hinterher einen Blick zurück zu werfen.
Trotz aller Kritik ist Vohrer jedoch an einen wirklich guten Stoff geraten. Mag die Ausgangslage auch etwas zu zufällig ausgefallen sein, so ist das Netz in welches sich Dr. Rohm aufgrund ihrer Ideale verstrickt, doch recht interessant zu nennen. Wenn es um Schuldzuweisungen geht, dann stehen sich unterschiedlichste Blickwinkel gegenüber. Kann man den Selbsterhalt verurteilen oder ist er nur billige Rechtfertigung für eine bestialische Tat? Ist man gleich unsolidarisch und kalt wenn man in schlimmen Zeiten nicht zu seinem Ehegatten hält? Wann ist ein Mord eine kaltblütige Angelegenheit, und wann, falls überhaupt, ist ein Mord gerechtfertigt?
Gerade weil sich „Ein Alibi zerbricht“ zentral mit diesen Fragen beschäftigt, hätte es dem Film gut getan wenn die letzten 10 Minuten fehlen würden und der Film mit den Worten enden würde „So sehen also Mörder aus“. Meiner Meinung nach hätte der Film gar nicht besser enden können, hätten diese Worte in Kombination mit den drei Gesichtern die wir uns dazu ansehen dürfen, bevor die Optik verschwimmt, doch zu einem nachdenklichen Schluss geführt, der zur munteren Diskussionsrunde einlädt.
In den 60er Jahren, inmitten erfolgreicher James Bond- und Edgar Wallace-Filme, brauchte man im Finale aber dann doch scheinbar so manchen Paukenschlag, und aus verzweifelten Menschen werden doch noch gnadenlose Täter, die kurz vor Schluss leider doch noch den Bösestempel aufgedrückt bekommen, zumindest stärker als zuvor, auch wenn kleine Reaktionen im Spiel das Ganze wieder abschwächen sollen. Nötig hätte der Film das nicht gehabt, er wäre wie gesagt besser mit dem von mir gewünschten Schluss ausgefallen, charmant inszeniert ist aber auch die komplette Schlusschose. Allein das Schlussbild, bevor auf fast schon verspielte Art das Wort Ende ins Bild tritt, zeigt schon wie gelungen der Inszenierungsstils Vohrers ist. Aus der Grundlage eines wackeligen Drehbuch in Kombination mit ebenso wackelig talentierten Stars holt er mehr heraus als es manch anderer Regisseur geschafft hätte. Das macht aus „Ein Alibi zerbricht“ zwar keinen Geheim-Tipp, aber immerhin sympathische Unterhaltung für zwischendurch. OFDb
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