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23.02.2019

DER NEBELMÖRDER (1964)

Obwohl er gerade in den 60er und 70er Jahren schwer in Action war, war Eugen York, der seit den 30er Jahren seiner Tätigkeit als Regisseur nachging, nie an den größeren Krimi-Reihen der sogenannten harten Welle beteiligt. Weder Dr. Mabuse, noch die Filme rund um Edgar Wallace und Sohnemann Bryan erfuhren Beiträge des fleißigen Mannes, dabei war dieser auch im Krimi-Genre unterwegs. Er schuf den eher belanglosen "Das Mädchen mit den Katzenaugen" mit Joachim Fuchsberger ebenso wie den grandiosen "Der Greifer" mit Hans Albers (der an zwei Werken unter diesem Titel beteiligt war). Vom Ergebnis her dazwischen steckend drehte er zur Hochzeit der Wallace-Welle "Der Nebelmörder", besetzt mit dem üblich blassen Hansjörg Felmy in der Rolle des Kommissars, der in diese mit seiner nüchternen Art aber zumindest hinein passt und somit kein Schwachpunkt des Streifens wird. Er agiert inmitten vieler interessanter Figuren, dem Streifen tut seine charakterliche Neutralität gerade deshalb recht gut.

Interessante Charaktere inmitten eines Streifens um einen nachts im Nebel tätigen Mörder, das ist allein schon der Motor, warum das Ergebnis nicht wirklich enttäuschen kann. Beachtet man nun noch wie gnadenlos das Drehbuch inmitten eines an sich zahm ausgefallenen Kriminalfilmes mit seinen Figuren umgeht, dann weiß das Ergebnis endgültig zu gefallen. Rau wird die Jugend gezeigt, Behinderte und Schwangere werden mit ihren Schicksalen allein gelassen und einzig für jene Aspekte verwendet, die für den Kommissar zum Lösen des Kriminalfalls nötig sind. Ein Gemobbter darf unerwartet an den Folgen einer Attacke auf ihn sterben. Der trauernde Freund darf besagte Trauer nicht ausleben, da er als Verdächtiger aufs Revier zitiert wird. Die Schwangere muss im Finale, ohne dass direkt auf sie Bezug genommen wird, mit einem harten Schicksal leben, was eben nur dem empathischen Publikum auffällt, da es wie erwähnt den eigentlichen Plot des Stoffes nicht interessiert. Das könnte man als übersehen abtun, als Fehler in der Inszenierung, oder man nimmt solcherlei Umgang als Pluspunkt an, um einen seichten Stoff weit weniger seicht zu empfinden.

Freilich spielt "The Foggy Night Murderer" (Alternativtitel) in einer anderen Zeit. Das merkt man allein schon daran, dass es den Jugendlichen selbst dann nicht an den Kragen geht, wenn eines ihrer Mobbingopfer als Folge einer Tat stirbt. Es fällt nicht unter Mord, und das Auflösen eines solchen ist wichtiger als die Schandtat mit bösem Ausgang von Halbstarken weiter zu verfolgen. Die Zeit sollte man beim Gucken des Streifens ohnehin nicht ignorieren, immerhin zeigt sich dadurch z.B. in jener Szene, in welcher der Rektor glaubt seine Tochter zu kennen, wie düster "Nebelmörder" (Alternativtitel) für seine Entstehungszeit ausgefallen ist. Mögen Mordsequenzen auch im Vergleich zu heute in Watte gepackt sein, Yorks Werk ist ein roher Film, der den fröhlichen Unterton seines Hans Albers-Films komplett ausblendet. Zwar gehört es nicht zu den Pluspunkten des Streifens die Mörderauflösung all zu lang verdecken zu können, allein schon deshalb weil die Verweise auf den Täter nicht halb so raffiniert ausgefallen sind, wie die Werbezeile zu dem Streifen zu verkünden vermag, aber man hat ohnehin das Gefühl dass der Streifen diesbezüglich absichtlich mit offenen Karten spielt, andere Verdächtige wie den geistig Minderbemittelten der Polizei zwar zum Fraß vorwirft, letztendlich aber doch nur davon erzählen will, wie der für den aufmerksamen Zuschauer offensichtliche Täter schließlich auch überführt wird.

Nahestehende Personen ahnen nichts von seinem düsteren Inneren, und wir werden auch nie erfahren wie diese auf die Auflösung reagieren werden, eben weil es dem diesbezüglich überraschend hartem Film völlig schnurzpiep egal ist. Ein Verständnis für die Psychologie der Figuren wiegt diesen eventuellen Schwachpunkt wieder auf. Ein Unterdrückter der sich Selbstbewusstsein bei wem Minderbemitteltes sucht, ein Verbrecher der sich auch eine Tätigkeit als Polizist vorstellen kann, hier kommen einige interessante Ideen lediglich im Hintergrund zum Einsatz und bereichern dem zunächst etwas schlicht wirkenden "Der Nebelmörder" zusätzliche Sehwerte. Mag Yorks erneuter Beitrag zu diesem Genre auch nicht zu den großen Werken seiner Zeit zählen, es ist schade dass er derart in Vergessenheit geraten ist, so sympathisch wie das Endergebnis ausgefallen ist. Vielleicht macht es sich der Schluss beim Erzwingen des Geständnisses etwas zu leicht, eben weil wir es mit einem abgebrühten Gegner für sein Alter zu tun haben, an sich lässt "Der Nebelmörder" jedoch keine Wünsche für ein Werk seiner Zeit offen. Dass er Groschenhefte als großen Schund abtut, obwohl er selbst nur ein Produkt der Trivialität ist, bleibt ein Rätsel im an sich gar nicht augenzwinkernd umgesetzten Stil, soll wahrscheinlich aber trotzdem nur ein humorvoll gemeinter Seitenhieb auf sich selbst sein. Sicher bin ich mir da allerdings nicht.  OFDb

15.02.2017

SCHACHNOVELLE (1960)

Viele Jahre sind vergangen, seit ich Stefan Zweigs „Schachnovelle“ gelesen habe, und viele Erinnerungen an den Inhalt des Stoffes sind dahin. Aber ich weiß noch wie schrecklich mir einst der Gedanke einer Verfilmung vorkam, bei all den inneren Vorgängen im Kopf der zentralen Figur von Basil, von welchen die Geschichte lebte. Ich hielt das Buch für unverfilmbar, zumindest wenn man der Vorlage sehr treu bleiben wollte. Dass ich mich nach über 20 Jahren nun doch an die Verfilmung heran gewagt habe, liegt an der Besetzung Curd Jürgens in der Hauptrolle, die mir Mut machte, dass das Projekt doch recht gut ausfallen könnte, halte ich den Mann doch für einen hochkarätigen Schauspieler und besaß er doch die Gabe selbst simplen Stoffen ein gewisses Niveau zu bescheren.

Wie zu erwarten kann die Geschichte so wie im Buch nicht auf das Medium Film übertragen werden. Aber Gerd Owalds Drama überzeugte mich dennoch mit seiner sehr respektvollen Umsetzung, welche, wie das Buch, die Vergangenheit von Basils erst mit der Zeit beleuchtet, und dies vor seinem Zusammenbruch auf dem Schiff. Oswald setzt voll und ganz auf das Spiel Jürgens‘, der den von Basil vor seiner Nazifolter mit hohem Selbstbewusstsein, voller Stil und Intellekt, verkörpert. Schrittchenweise beleuchtet der Film wie er zu dem wurde was er später ist. Curd Jürgens beweist hier großes Können, gehört ihm der Film in dieser Phase doch fast allein, zwischen Würde, Verzweiflung und Tapferkeit schwankend.

Oswald gönnt dem Stoff die Ruhe die er benötigt. Bis von Basil auf das Buch stößt dauert, allein schon weil Oswald dem Zuschauer nicht erklärt wie die Nazifolter stattfindet, er muss sie selbst miterleben und als solche begreifen wie sie funktioniert. Zwar habe ich mir den Raum, in dem von Basil gefangen gehalten wird, im Buch steriler vorgestellt, ich meine es wäre im Buch ein kahler Raum gewesen, aber auch das schlichte Hotelzimmer, welches der Hauptfigur Muster an den Tapeten, einen Schrank und andere Sehwerte gönnt, wird zur glaubhaften Umgebung des schrecklichen Psychoterrors, der auf ganz passive Art auf von Basil ausgeübt wird.

Trotz großartigem Spiels kann auch Curd Jürgens die Enttäuschung nicht so intensiv wie im Buch hervorbringen, die in von Basil aufkommt, wenn er entdeckt welches Buch er bei seinem einzigen Ausflug aus dem Zimmer heraus hat mitgehen lassen. Die vorherige Verzweiflung, die in ihm immer mehr gewachsen ist, ist jedoch überzeugend genug herübergebracht worden, so dass man dennoch versteht warum er sich trotz dieses Frustes schließlich auf das Buch einlässt. In dem hervorragend umgesetzten, sehr langen, fast den kompletten Film einnehmenden, Rückblick, der an keinerlei Klischees zur Nazi-Thematik leidet, und in dem selbst der meist plump agierende Hansjörg Felmy sich zu beweisen weiß, fehlte mir lediglich der Aspekt, dass von Basil schließlich x Spiele parallel auf einmal spielt und gerade diese Eigenschaft ihn endgültig in den Wahnsinn treibt, nicht mehr wissend welche Partie Schach er gerade spielt.

Es ist in gewisser Weise verständlich warum Oswald diesen Aspekt unter den Tisch fallen lässt, so hochkomplex er die inneren Vorgänge im Kopf des Protagonisten benötigt, die so nur ein Buch dem Publikum näher bringen kann. Und doch, irgendwie hätte er versuchen sollen diesen Aspekt zumindest anzudeuten, anstatt aus von Basil lediglich einen eher schlichten durch Schach gestörten Mann zu kreieren, der in der filmischen Alternativversion zum Buch nun durch das Verhör erinnert seinen Gegenüber, den Schachweltmeister, attackiert, anstatt diesen damit zu verwirren ein völlig anderes Spiel zu spielen, als die Runde Schach die gerade tatsächlich vonstatten geht.

Wie gesagt sind die Erinnerungen an das Buch verblasst, und vielleicht irre ich mich auch in manchen Punkten nach all diesen Jahren. Aber so wie ich „Schachnovelle“ in Erinnerung habe, fehlt dem Film genau jener Aspekt, welcher der Geschichte meiner Meinung nach den letzten Schliff gab. Kennt man die Vorlage nicht, vermisst man das Weggelassene freilich nicht, zumal die Geschichte auf schlichtere Art trotzdem funktioniert. Mehr noch, „Schachnovelle“ ist durch seine ruhige Inszenierung, der hervorragenden Darsteller und seiner sachlischen, Klischee-freien Betrachtung der Geschehnisse, ein hervorragender Film geworden, ein Niveau besitzend, welches ich ihm ehrlich gesagt nicht zugetraut hätte.

Was er an mancher Stelle der Vorlage gegenüber nicht einhalten kann, macht er an anderer Stelle wieder wett, z.B. durch die Idee aufgrund des gekachelten Bodens von der Treppe aus ein Schachspiel aus jenen Menschen zu machen, die in der Halle auf besagtem Boden stehend warten. Ich meine, dass diese Idee im Buch so nicht enthalten war. Das Medium Film findet immer seine eigenen Wege Unzulänglichkeiten gegenüber Buchvorlagen auszubügeln. Das macht aus der Verfilmung in diesem Falle keinen gleichrangigen Stoff zum Original, letztendlich befindet sie sich aber auch nicht im Wettbewerb zum Buch und beweist auf ihre Art wie gelungen sie trotzdem ausgefallen ist.  OFDb

27.05.2016

DIE TOTE AUS DER THEMSE (1971)

„Die Tote aus der Themse“ war der letzte klassisch erzählte und rein in deutschen Händen umgesetzte Beitrag der langlebigen Wallace-Reihe aus dem Hause Rialto, bevor die Italiener zwei Giallos unter dem Label nachschoben. Peter Thomas steuert wie zu guten alten Zeiten den Soundtrack bei, und auch Siegfried Schürenberg kehrte in die Rolle des Sir John zurück, die er das letzte Mal 1968 in „Der Hund von Blackwood Castle“ verkörperte, als er einen Kriminalfall im Alleingang lösen durfte. Ihn wieder zurückzuholen sollte wohl ein Schritt zurück in die alte Richtung signalisieren, ging das Publikumsinteresse an der Reihe doch immer weiter zurück. Scheinbar schaffte es nicht einmal Alfred Vohrer als einer der besten Regisseure der Reihe mit dem Vorgänger „Der Mann mit dem Glasauge“ besagtes Interesse wieder aufleben zu lassen.

So gekonnt Schürenberg wieder einmal sympathisch humoristisch den Sir John spielt, so mager fällt die weitere Besetzung auf Seiten der Guten aus. Uschi Glas spielt hölzern und untalentiert wie eh und je, und der müde Hansjörg Felmy kommt nicht ansatzweise an den Charme von Heinz Drache und Joachim Fuchsberger heran, nicht einmal an das etwas zurückgeschraubte Niveau Horst Tapperts. Mit dieser Besetzung hat man sich keinen Vorteil verschafft, ganz im Gegenteil liebäugelte man lediglich noch mit der Popularität seiner Stars, was ein Spiegelbild dessen ist was die Wallace-Reihe selbst mit der Zeit wurde, eine Marke die so oder so konsumiert wurde und um die man sich von Produzentenseite aus als eine Art Selbstläufer aus Qualitätsgründen nicht mehr kümmern musste.

Wie auch immer, zumindest auf Seiten der Bösewichter sieht die Besetzung etwas besser aus. Allen voran ist der stets schurkisch wirkende Werner Peters als einer der Strippenzieher der Drogenszene mit dabei, was leider seine letzte Rolle sein sollte, ist er doch noch im selben Jahr der Fertigstellung von „Die Tote aus der Themse“ gestorben. Lustigerweise darf seine Rolle als eine Art Running Gag der Golfpartner des wie immer ahnungslosen Sir Johns sein, und dieser Witz weiß auch in der x-ten Wiederholung zu gefallen.

Wenn auch müde agierend, so kommt die Art des ermittelnden Kommissars von Drehbuchseite her doch recht gewitzt und unverschämt daher, was es allerdings um so trauriger macht, dass Felmy in dieser Rolle besetzt wurde. Andererseits besitzt „Die Tote aus der Themse“ ohnehin nur noch wenige Pluspunkte der Ur-Reihe. Stimmig und heruntergekommen sieht London längst nicht mehr aus. Ein wahrer Spannungsbogen oder eine anderweitig zum Mitfiebern anregende Handlung findet nicht statt. Einzig die Location des Hotels, das mit seiner Abhöranlage ganz leicht an „Die 1000 Augen des Dr. Mabuse“ erinnert, und der Spielort des Schlachthofes ragen als interessant heraus. Letztgenanntes ist zudem der Ort einer der bestialichsten Tode der Reihe, freilich weggeblendet umgesetzt, das Endergebnis mit ordentlich Blut im Bild trotzdem noch einmal deutlich eingefangen.

„Die Tote aus der Themse“ hat zwei Szenen zu bieten die blutiger als üblich ausgefallen sind, und allerhand Kopfschüsse gehören ebenfalls zum harten Bestandteil des Streifens. Letztendlich ist das aber alles recht zahm umgesetzt, so wie man es von der Reihe gewohnt ist. Wer wenig erwartet bekommt inhaltlich und inszenatorisch zumindest das Grundlagenprogramm der Reihe geboten, welches immerhin für seine 90 Minuten Laufzeit unterhaltsam genug umgesetzt ist. Da auch die Geschichte selbst nicht all zu hanebüchen ausgefallen ist, zumindest betrachtet innerhalb des stets vor Übertreibungen und Klischees nur so wimmelnde Wallace-Universums, und mit Unsinnigkeiten nicht inflationär umgegangen wird, kommt man sich beim Sichten des Streifens zumindest nicht geistig verarscht vor, so dass Harald Philipps Werk als durchschnittliches Stück Trivialfilm trotz fehlender nennenswerter Stärken durchaus konsumierbar ist.  OFDb

15.11.2015

DER GREIFER (1958)

Trotz deutlicher Parallelen zu Fritz Langs „M“ und den im selben Jahr von „Der Greifer“ erschienenen „Es geschah am hellichten Tag“ interessiert sich der Film von Eugen York nur zweitrangig für den zentralen Kriminalfall. Es macht Sinn dass der Ermittler im Titel steht, denn die zwischenmenschliche Tragikomik des Hauptkommissars ist das Hauptaugenmerk des Streifens. Deswegen dauert es auch einige Zeit bis tatsächlich vor den Augen des Zuschauers Ermittlungen angegangen werden. Stattdessen dürfen wir zunächst dabei zusehen wie der alte Mann mit Ganoven feiert, ein Lied wird gesungen, und mit dieser Szene bricht der zuvor gesetzte biedere Blick auf die strenge Trennung Gut und Böse und das charakterlose Gesicht der Pflicht-bewussten Gesetzeshüter, die lediglich dafür gedacht war das starre Denken der Polizei zu kritisieren. Das nenne ich doch mal einen raffinierten Kniff, den ich einem 50er Jahre-Film mit Hans Albers nie zugetraut hätte.

So bieder „The Copper“ (Alternativtitel) aufgrund seiner Zeit manches Mal auch wirken mag, er ist ein moderner Film, frei von Vorurteilen und Klischees. Er gibt das Leben wieder wie es ist, und wirkt damit gerade in heutigen Zeiten, in denen man manche Wahrheit nur hinter vorgehaltener Hand zu äußern wagt, mutig und frisch. Zudem zeigt uns dieses Werk, dass sich die Zeiten letztendlich doch nie wirklich geändert haben. Die Angst vor Arbeitslosigkeit im Alter ist nur eines der Themen, die aktuell wie eh und je scheinen in einem Film, der immerhin fast 60 Jahre auf dem Buckel hat.

York schafft es Witz, Spannung und Dramatik gekonnt unter einen Hut zu bringen in einem Film, der sich viel Zeit und Ruhe für die Charaktere gönnt, in seinen harten Moment andererseits jedoch eine Extreme aufweist, die sogar schon manche Provokation des erst viel später erscheinenden „Dirty Harry“ bereit hält. Wenn der gesuchte Frauenmörder zum Lebensretter eines kleinen Kindes wird, dann darf man sich aufgewühlt und verwirrt fühlen, dann zeigt „Der Greifer“ wie vielschichtig das Leben ist und dass es voller Widersprüche steckt. Wenn aus dem Lebensretter eines Kindes ein Amokläufer wird, der viele Kinderleben in Gefahr bringt, wird das Bild wieder herumgeworfen, jedoch nicht damit der Zuschauer beruhigt in sein altes Weltbild zurück fallen kann, sondern um ihn erneut aufzuwühlen und zu verwirren. Es gibt nichts einfaches im Leben. Das Leben ist komplex. Und diese Wahrheit geht in Zeiten schlichtem politisch korrekten Denkens immer mehr verloren, was solche Werke wie „Der Greifer“ um so wertvoller macht.

Neben einem in der Titelrolle sympathisch agierenden Hans Albers (der trotz Sympathiefigur auch manch unangenehme Charaktereigenschaft zugeschrieben bekommen hat) agiert eine Vielzahl talentierter und liebenswerter Mimen, welche den Sehwert des Streifens zu unterstreichen wissen. Hervorgehoben sei ein fast 20 Jahre vor seiner Paraderolle in „Der Alte“ mitwirkender Siegfried Lowitz, der den hinterhältigen, da Karriere-geilen, Kollegen und Nachfolger Dennerts spielen darf. Und Horst Frank brilliert in der Rolle des Hauptverdächtigen und spielt in seinen besten Momenten so kühl, dass es einem kalt den Rücken herunter läuft.

Überraschend darf die Tätermotivation betreffend schon zu dieser Entstehungszeit psychologische Tiefe aufblitzen, wobei der Autor zu trennen weiß zwischen unausgesprochener Wahrheit und der versimpelten ausgesprochenen Version aus dem Munde des Täters. In diesen alten Zeiten, in denen der Zuschauer noch für mündig gehalten wurde, verzichtet man auf die weitere, korrektere Erklärung, traut man dem Zuschauer doch ein Mitdenken zu. Auch diesbezüglich guckt sich „Der Greifer“ widersprüchlich scheinend überholt modern. Lediglich mancher Kitschmoment kann sich dieses Etikett nicht anheften, aber genau diese Szenen sorgen dafür, dass der sich sonst so modern guckende „Der Greifer“ sich trotzdem eines Retro-Charmes erfreuen darf.  OFDb

14.10.2012

DAS SIEBENTE OPFER (1964)

Auf einem Schloss wird die dort ansässige Adelsfamilie, die ohnehin nur noch wenig Nachkommen hat, nach und nach von wem Unbekanntes umgebracht. Zeitgleich versuchen mehrere zwielichtige Individuen das dem Lord gehörende Pferd Satan zu schwächen. Es gilt als ungeschlagener Favorit im nächsten Rennen und viele sähen gern sein Scheitern...

Wenn ein Pfarrer Satan ruft...
 
Warum der Film „Das siebente Opfer“ heißt erfährt man erst in der letzten Szene als eine Art Schlusspointe. Irgendwie klamaukig, irgendwie grotesk, trotzdem leider unpassend und unwitzig. Aber was soll’s, der Film ist nun ohnehin vorbei, und das was man zuvor sichten durfte hat Spaß gemacht.

Was man sah ergab nicht alles Sinn, und vieles davon wirkte arg konstruiert, aber es war kurzweiliger, nicht all zu ernst gemeinter, Krimi-Nonsens aus der Trivial-Ecke, und allein die Bezeichnung Kurzweile trennt dieses Werk von den bisher von mir gesehenen Werken nach Bryan Edgar Wallace.

Die Verfilmungen seiner Romane erlangten nie das selbe Niveau wie die kultigen Werke nach Edgar Wallace. Mit „Das siebente Opfer“ habe ich den ersten gelungenen Beitrag gesehen. Auch dieser ist nun kein echter Geheimtipp, aber wer solch antike Krimi-Kost gerne konsumiert, sollte diesem unbekannten Stück Film ruhig einmal eine Chance geben.

Wie man es von den beiden Wallace gewohnt ist schwirren allerhand zwielichtige Personen durch die Handlung. Diese werden erst gar nicht versucht realistisch zu halten, dafür dürfen sie von Anfang an viel zu augenzwinkernd gemeinte Kommentare ablassen, sich in jeglichem Krimi- und Sozial-Klischee suhlen, schlichtweg wirken sie dafür einfach viel zu comichaft. Allein dass der Pfarrer während des gegen Ende stattfindenden Pferderennens „Satan! Satan!“ ruft, spricht schon für die augenzwinkernde Erzählweise dieses etwas trashigen Streifens.

Aber das geht schon in Ordnung. Die Figuren bringen Schwung in die Bude, worum es wirklich gehen soll wird nicht so schnell klar, und mit diesen zwei Trümpfen ist der Zuschauer nun auch beschäftigt und unterhalten genug, um über kleine Mängel hinwegzusehen. Einzig die Kommissaren-Rolle wirkt eingangs zu dick aufgetragen, pöbelt dieser doch in Überheblichkeit alles und jeden an, der ihm in den Weg kommt. Mit der Zeit schafft er es jedoch, dass seine Figur einen schrulligen Touch bekommt, so das die anfangs fehlende Sympathie nachrückt.

So mancher Spruch wäre des Zitates wert, ein Tag später und ich konnte mich schon an keinen mehr konkret erinnern. Worum es in dem Kriminalstück geht ist ein wenig wirr umgesetzt, eigentlich auch Nebensache, man lauscht belustigt den Dialogen und schaut, was die Schar bunter Figuren wohl als nächstes treibt. Trude Herr bleibt in ihrer recht kleinen Rolle eher unbedeutend. Als großer Trumpf erweist sich hingegen der Schauspieler in der Rolle des Hausdieners, dessen Namen ich leider nicht kenne. Er dürfte die beste Rolle erwischt haben und füllt diese mit seinen verschlagenen und verschmitzten Blicken mit Leben.

Für viele ist „Das 7. Opfer“ sicherlich unbedeutende und zurecht vergessene Krimi-Kost, für andere ein untergegangenes Stück deutsches Film-Juwel. Irgendwo dazwischen liegt die Wahrheit. Eine kleine Empfehlung für Freunde des Genres ist dieser Schwarz/weiß-Film definitiv.  OFDb