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18.11.2024

CLUB ZERO (2023)

Auf einer Privatschule wird eine Ernährungsexpertin als Lehrerin für den Kurs bewussten Essens eingesetzt. Ihrer handvoll Schüler bringt sie nach und nach den Verzicht auf Nahrung bei, für einen gesünderen Körper und Geist, zum Kampf gegen den Konsum und zur Rettung der Umwelt...

Politischer Sprengstoff...

Wenn man als Student der Universität zu Köln im Bereich der Pädagogik in seinen schriftlichen Arbeiten nicht gendert, gibt dies Punkteabzug. Die Position von Lehrämtern zu nutzen, um eigene Ideologien zu verbreiten, ist nicht selten, wie fragwürdige Jugendbewegungen zeigen, und längst nicht mehr nur im religiösen und politischen Bereich zu beobachten. Regisseurin und Mitautorin Jessica Hausner wählte den Bereich der Ernährung, der in Zeiten, in welchen die eigene charakterliche Idealisierung zur Mode geworden ist, gerne für den Bereich Gesundheit und Umweltschutz thematisiert wird und zeigt in ihrer ungeschönten Satire, wie leicht es ist an lernwilligen, noch formbaren Schülern eine Gehirnwäsche vorzunehmen, freilich indem man die Allgemeinheit als gehirngewaschen von Konzernen, Politik und Medien bezeichnet. Diese bitterböse und wundervoll zu schauende Kritik an ganz viele Bereiche unserer Gesellschaft ist flüssiger erzählt als ihr ungewöhnlicher "Hotel" und funktioniert umso besser durch Verzicht phantastischer Elemente, wie hauchzart noch dort und in "Little Joe" eingebaut. 

Das Gleichnis einer Sekte bleibt nicht nur Metapher, mit tieferem Einblick in die Motivation der Lehrerin handelt es sich definitiv um eine Sektenbildung, was auch den entscheidenden Unterschied zum populäreren "Die Welle" ausmacht. Außerdem ist "Club Zero", typisch Hausner, völlig unaufgeregt erzählt, punktet durch Sachlichkeit, perfekte Optik und hervorragender Mimen und setzt, gut reflektiert, nicht erst beim Problem des Unterrichts an, sondern bei den Mentalitäten von Elternhaus und Schule, teilweise als unbewusste Vorstufe der charakterlichen Bildung zur Sektenabhängigkeit, aber auch als von den Schülern bewusst wahrgenommene Fragwürdigkeit, so dass sie die neue, die sie erlernen, automatisch als richtige Alternative annehmen. Bereits Erwachsene glauben die Gegenbewegung etwas erkannt Fragwürdigen würde die richtige Lösung sein, dass nutzen blaue, wie grüne Parteien ebenso für sich aus, wie extremistische Mentalitäten in solch anfänglich gerechtfertigten Bereichen wie Emanzipation, Umweltschutz, Ernährung, Unterstützung von Minderheiten, Bekämpfung von Rassismus und dem Erhalt von gesellschaftlichen Freiheiten. 

Im Zentrum steht eigentlich immer die Idealisierung von sich selbst, ein Punkt den Vereinigungen wie Scientology lukrativ für sich einzunehmen wissen. Und obwohl wir in Deutschland mit unserer Geschichte brutalste Erfahrungen mit Extremismus gemacht haben, fallen viele von uns noch immer auf ihn herein, wenn er aus einer anderen Richtung kommt. Wie das funktioniert entlarvt "Club Zero" in seinem Mikrokosmos wunderbar und zeigt uns ab einem gewissen Zeitpunkt, an dem bereits alles zu weit gegangen ist, die Wehrlosigkeit bei den Eltern, eine Ohnmacht, da die bisherigen, eher amateurhaften Methoden nichts bringen. Dass es dazu nur kommen konnte, weil man Fremde die Erziehung übernehmen ließ, und speziell die besagte Lehrerin viel persönlicher auf die Kinder einging, als es die Eltern je taten, die zu sehr mit ihrer eigenen Lebenswelt, ihren Idealen und ihren Problemen beschäftigt waren und lediglich auf Leistung und Erfolg achteten, bringt Hauner auf den Punkt. Ebenso die fragwürdige Mentalität vieler Bildungsstätten, wo die Schüler angeblich frei von Druck, wie die Rektorin betont, motiviert werden, während unterschwellig tatsächlich stetig Druck ausgeübt wird, selbst vom menschlich sympathisch anmutenden Tanzlehrer, der ehrlich um seinen Schüler besorgt ist. 

Die Ernährungsexpertin ist nur die Spitze des satirischen Eisbergs dieses Ansatzes, kann man doch gar nicht wissen, wem genau man seine Kinder anvertraut, und doch geschieht dies stets recht blind. Der Gruppendruck tut sein restliches, wie die Figur des Ben zeigt, der aus einem Elternhaus ohne großen Leistungsdruck stammt. Das Spiel mit dem Bereich der Esoterik weiß ebenfalls zu gefallen, eben weil die Lehrerin in anderen Extremen Esoterik wahrnimmt, ihre eigene Methode jedoch nicht als derartiges betrachtet. Und eben weil das Einbringen dieses Aspekts kritisch einhergeht, ist das Anwenden dieser Mitthematik so unentbehrlich für den Film, eben weil wir in Zeiten leben, in welchem Homöopathie und andere Zaubereien unsere Schulweisheiten mittlerweile wieder bei großen Teilen der Gesellschaft ersetzen. Es geht um den Glauben, wie es uns final auch noch einmal deutlich zum Schluss des Streifens mitgeteilt wird. Dass das Ende entsprechend rätselhaft ausfällt und von uns erwartet uns selbst vorzustellen, worin die finale Konsequenz der Kurs-Teilnehmer liegt, aber auch dessen was die Eltern von nun an tun, weiß zu gefallen, wird aber nicht jedem Zuschauer schmecken. Angesprochen werden aber ohnehin nur die, die auch etwas mit geistreichen Werken anfangen können, welche den Zuschauer mündig behandeln und ihm nicht jede Information überdeutlich vor die Nase setzen. Meiner Meinung nach weht gegen Ende gar ein kleiner Hauch "Picknick am Valentinstag" mit.  Wiki

30.03.2024

WHAT WE BECOME (2015)

Plötzlich ist es da, das Virus. Es wird in den Medien davon geredet, und ehe es im Bewusstsein der Bevölkerung ist, wird ein Teil von ihr, ein ganzer Stadtteil sogar, auch schon in Quarantäne gesteckt. Aus der geschlossenen Perspektive einer solchen, gefüttert mit Informationen aus den Medien, von denen man nicht weiß, wie glaubwürdig sie sind, nährt der dänische Horrorfilm "Sorgenfri" (Originaltitel) seine Stimmung und präsentiert uns den Infizierten-Horror damit aus einem interessanten Blickwinkel, etwas vergleichbar mit "Pontypool", ohne deswegen gleich dessen Kammerspiel-artige Eingrenzung einhalten zu müssen. Lange bevor die Infizierten für die kleine Gruppe Menschen, die wir intensiv kennen lernen dürfen, zur Bedrohung wird, erleben wir die Anspannung einer unterdrückten Situation, einer in welcher einem die Mündigkeit geraubt wird, weit mehr als wir es zu Coronazeiten selbst erleben mussten. 

Wenn Nahrungs- und Wasserrationen geringer werden, auf Menschen geschossen wird, die Antworten verlangen, wenn von einer Ausweitung des unter Quarantäne liegenden Gebietes gesprochen wird, Beobachtungen sich nicht mit den bislang gelieferten Informationen gleichen, und insbesondere wenn die Häuser mit Planen verdeckt werden und man nur mit heimlich geschaffenen Löchern in solchen einen begrenzten Blick erhaschen darf, dann schnürt das die Kehle mehr zu, als es eine Attacke der gefürchteten Angesteckten, die vom Virus aggressiv werden, je vermitteln könnte. Der augenzwinkernde Hinweis, dass die zuständigen Stellen keine Zahlen der bisherigen Toten vorliegen haben, lässt den Horror-Freund bereits erahnen, dass wir es hier nicht wirklich mit Infizierten zu tun haben. Den übernatürlichen Faktor hätte "What We Become" dabei eigentlich gar nicht nötig gehabt, herzlich Willkommen ist er freilich trotzdem, zumal er auch in der späten Phase rar eingebracht wird und auch dort weiterhin Menschennähe, Spannungsbogen und Dramatik zu den wichtigsten Elementen der Erzählung zählen. 

Etwas zu sehr ins bereits Bekannte, inklusive schwarze Schluss-Pointe, wandert das Geschehen letztendlich dennoch. Gute Darsteller, die europäische Mentalität des Stoffes und der erwachsene Umgang mit ihr, machen aus dem Vorliegenden dennoch mehr, als viele andere Filmschaffende erreicht hätten. Zur großen Empfehlung fehlt ein Stück, aber "What We Become" kommt niveauvoller als die Massenware daher, ohne dass der Unterhaltungsgehalt darunter leiden müsste. Mag es inhaltlich auch kaum Neues geben, einige Vorhersehbarkeiten treten doch nicht auf, wie im Klischee erwartet, und die Charaktere sind individueller Natur, durchbrechen stets vorhandene Stereotype und werden zu lebenden, atmenden und sehr unterschiedlichen Figuren in einer hoffnungslosen, sich authentisch anfühlenden, Geschichte um eine Ausnahmesituation.  Wiki

10.03.2022

ANTBOY - DER BISS DER AMEISE (2013)

Die Verantwortlichen des Streifens machen kein Geheimnis daraus wo ihre Vorbilder liegen. Der Vorspann ist eine Verbeugung vor jenem von Raimis "Spider-Man"-Filmen, dass es im Comicuniversum bereits einen "Ant-Man" gibt, erwähnt man im Dialog darüber welchen Superheldennamen der Junge mit den Ameisenkräften bekommen soll (wobei herrlich selbstironisch Antboy nur als unkreative Übergangslösung akzeptiert wird), und in der Thematik der Sidekicks muss selbstverständlich Robin erwähnt werden. Trotz der komödiantischen Grundstimmung und besagten Verweisen versteht sich "Antboy" (Originaltitel) jedoch nicht als Parodie, sondern schlichtweg als Kinderversion der berühmteren Jugendstoffe. Und eine nette Umsetzung sei Dank, kann man auch als Erwachsener mit an Bord geholt werden, sofern man kindlicheren Filmen als solcher eine Chance geben kann. Die europäische Herkunft tut dem Film sichtbar gut, so dass der Gegner z.B. düster genug gezeichnet wird (inklusive seiner Ernährung durch Blut), ohne dass dabei das für Kinder geeignete Flair verloren ginge. "Antboy" wird nie zu reißerisch oder brutal, im Gegenzug auch nicht zu blauäugig und brav.

Das Abenteuer steht im Zentrum, das Kindsein mit all seinen Vorzügen und Problemen. Und auch wenn die Figuren trotz des Herkunftslandes Dänemark etwas arg in Stereotype feststecken, so darf doch trotzdem manches Klischee aufgebrochen werden. Ein Gemobbter kann auch ein selbstgerechter Fachidiot sein, was ihn wiederum nicht automatisch rundum unsympathisch macht, sondern gar zu einer Freundschaft mit dem Helden führt. Dieser wiederum sträubt sich normal zu sein, genießt es schließlich ein Held zu sein und wünscht sich schließlich wieder normal zu sein. Die hübsche Gleichaltrige, die er erobern möchte, wird nicht zum wichtigsten Mädchen der Geschichte, und um das Ziel der Eroberung geht es schon nach kurzer Zeit ohnehin nicht mehr. "Antboy - Der Biss der Ameise" ist ein harmloser, nett anzuschauender Familienfilm, der das Superhelden-Genre weder neu erfindet, noch anders definiert, es nicht einmal sonderlich innovativ angeht. Ask Hasselbachs Beitrag lebt von der Gewissheit, dass die bekannte Grundlage bereits genügend Stärken aufweist und lediglich mit netten Figuren in sympathischer Besetzung unterstützt werden muss. Die Rechnung geht auf, ähnlich wie der Reststreifen, so lebt auch die Besetzung und Figurenzeichnung von ihrem Mix aus natürlich anmutend und comicartig. 

In gleicher Harmonie zeigen sich die Genres Komödie und Abenteuer, so dass der Spannungsgehalt ebenso bedacht wird, wie der humoristische, ohne dass eines dieser Gebiete zu sehr dominiert. "Antboy" will weder sonderlich tiefgründig sein, noch plump, dank seines Verständnisses für das Jungsein wird er zum Trivialverzehr der reflektierten Art. Und Belehrungen ans Zielpublikum finden sich subtil, kompakt integriert in der Geschichte wieder, anstatt moralisch offen ausgesprochen. Scheinbar lief "Antboy" recht erfolgreich. Es folgten zwei Fortsetzungen, die glücklicher Weise auch stets den Weg nach Deutschland fanden.  OFDb

14.02.2021

VIVARIUM (2019)

Ob es nötig war das kommende Gleichnis mit dem Kuckucksnest in einer der ersten Szenen zu erklären, sei einmal dahin gestellt. So schön das gnadenlose Spiel der Natur im Vorspann auch eingefangen wird, es benennt etwas, das es eigentlich selbst zu entdecken geben sollte, was mich vermuten lässt, dass wir diese Ausnahme innerhalb eines Filmes, der ansonsten von seinen Rätseln und manch nicht gelöster Mystik lebt, dem amerikanischen Einfluss verdanken. Ansonsten schaut sich "Vivarium" angenehm europäisch und damit unter stärkerem Einfluss der Teilnehmer-Länder Belgien, Dänemark und Irland stehend. Ohne trivial-oberflächliche Spielereien ziehen die Verantwortlichen des Streifens ihre Ausgangsidee gnadenlos durch, ohne auf das Wohl des Zuschauers zu schielen. Ob diesem die Chose zu zäh, unaufgeregt oder zu codiert erscheint, ist den Autoren ziemlich egal, zu denen auch Regisseur Lorcan Finnegan gehört, für den dieses Projekt nach dem Mystery-Drama "Without Name" seine zweite Langfilm-Arbeit darstellt. 

Die an "Twilight Zone" und Co erinnernde Geschichte wird in schlichten Kameraaufnahmen eingefangen, die sich den herrlich künstlich anzusehenden, an die "Teletubbie"-Welt erinnernden, Spielorten unterordnen. Als Gegenpol dazu sind Imogen Poots und Jesse Eisenberg sehr natürlich agierend besetzt. Diese psychologische Raffinesse hilft zudem dabei zu erkennen, dass das Ding, welches die beiden großziehen sollen, nicht aus einem miesen Charakter oder aus einer ethischen Fehlleistung heraus von den beiden verachtend behandelt wird, sondern der Situation entsprechend aus einem natürlichen Instinkt heraus. In seiner konsequenten Art zeigt der unpassend in Deutschland alternativ betitelte "Vivarium - Das Haus ihrer (Alp)Träume" in einer entsprechend passenden Phase der Geschichte, wie wenig effektiv ein alternativ kindgerechter Umgang mit dem kleinen Wesen ist, das auf befremdliche Art seine Umwelt nachahmt, sehr schnell wächst und nichts Menschliches an sich hat. Derartige Konsequenzen finden sich ohnehin auch in jedem anderen Bereich, und versteht man erst einmal was "Vivarium" erzählt, bemerkt man wie durchdacht das komplette Konstrukt ist, das hier kreiert wurde, begonnen mit dem späten Verstehen des skurrilen Verhaltens des Maklers, der Frage warum die Siedlung/die Inneneinrichtung so künstlich gestaltet ist, bishin zur Fremderziehung eines Unbekannten betreffend, der sich den beiden Hauptfiguren nicht zeigt, sowie der Konsequenz in der alles endet und die Rolle der beiden Menschen in diesem Prozess betreffend. 

Selbst wenn man uns per Lehrbuch und TV-Programm aus einer anderen Welt, und später auch mit einem Blick hinter die Kulissen, nach und nach mehr über die Hintergründe erfahren lässt, so bleibt jedoch alles was die Strippenzieher betrifft rätselhaft und unbeantwortet. Das wenige das man aufgrund des Gesichteten über diese Spezies erfährt, folgt einem durchdachten System, das sich, ebenso wie das Gesamtkonzept des Streifens, keine Widersprüche leistet. Die Verantwortlichen von "Vivarium" schaffen sogar etwas, das ich in den meisten Science Fiction-Filmen der letzten 20 - 30 Jahre immer wieder vermisst habe: sie schaffen es eine uns fremde Kultur zu entwickeln, ohne dass diese zu stark an die unsere, oder eine alternativ wirklich existierende auf unserem Planeten erinnert. "Vivarium" wirkt auf angenehme Art unangenehm und befremdlich auf uns, trifft mit seiner bitteren Witzigkeit den Nerv des interessierten Publikums und den seiner Geschichte, durchdenkt Szenarien und Reaktionen, auch wenn man sicherlich an vielen Punkten anders gehandelt/reagiert hätte. Alles folgt einer logischen Reihenfolge und Konsequenz. Und dennoch kann man meist nicht erahnen was als nächstes passiert. Der Wunsch des Enträtselns der Situation bleibt, neben der Neugierde was uns als nächstes Groteskes erwartet, stets ein wichtiger Motor für das Funktionieren des Unterhaltungswertes. 

Wer gelegentlich langsamere, subtilere Filme mit treffsicherem Satire-Touch konsumiert, ist in "Vivarium" bestens aufgehoben. Er weiß in seiner durchdachten, aber nicht verkopften Art weder zu unter- noch zu überfordern, intellektuell zu stimulieren, ohne sich dabei pseudo-intellektuell anzufühlen und Irreales und Groteskes zu präsentieren, das dennoch einer Gesetzmäßigkeit unterliegt. "Vivarium" macht keine Kompromisse für mehr Verständnis, für mehr Zugänglichkeit, zum Anbiedern an ein größeres Publikum, oder zum Einbringen quantitativer Schauwerte. Derartige Methoden liegen den Verantwortlichem und dem fertigen Endprodukt fern, und somit sei er allen Freunden alternativen Kinos herzlichst empfohlen. Dass man derartiges nicht gerade an einem müden Tag sichten sollte, sollte allein schon wegen der nüchternen, leicht monotonen Tonart selbstverständlich sein.  OFDb

13.02.2021

THE NEON DEMON (2016)

Mag sie in der konstruierten Scheinwelt der Models und Modeschöpfer auch das einzig Natürliche sein, ein in einer Kunstwelt frei von Künstlichkeit, noch nicht unter das Messer geratener, Körper, so dauert es in diesem düsteren Drama doch trotz Großaufnahmen auf sie eine ganze Weile, bis Regisseur Nicolas Winding Refn dem Zuschauer das erste Mal den Blick auf etwas Ungekünsteltes gestattet. Sein "Neon Demon" ist ein Kunstwerk, voll geschmückt mit aufregenden Aufnahmen, derart penetrant entfremdet, wie die Welt in welcher handlungstechnisch gearbeitet wird. Der bittere Blick auf das verdorrte Innenleben der Models, das Wachsen von Arroganz und Neid, die kühle Kalkulation der Lenker dieser Branche und der gnadenlose Umgang mit dem mageren Fleisch von oben, untereinander und zu sich selbst, sind der eigentliche inhaltliche Motor des Streifens. Passend zur Psychologie der Figuren und ihrer bemühten Entrückung fern des normalen Körpers, wird der Film in einen Rausch aus in knalligen Farben gepackten Bildern, beeinflussender Musik, abstoßender, wie sinnlicher Erotik und faszinierender Licht- und Schattentechnik, sowie stimmiger Schnittsetzung dargeboten, der einen Sog entfacht, dass man sich für das Gesehene weit mehr interessiert, als man zurückgekehrt im normalen geistigen Zustand meinen sollte. Denn der inhaltliche rote Faden ist dünn, wenn man seine analytische Kraft einmal außen vor lässt. 

Klassisch erzählt, würden die Übertreibungen gegen Ende, wenn eine wichtige Figur überraschend verfrüht das Geschehen verlässt, billig angehangen wirken, bei einer derartigen mentalen Kehrtwendung, zumindest das Genre betreffend, in dem alles spielt. Aber in der Erzählkraft, welche die Verantwortlichen des Streifens entfachen, in Kombination mit einer wahrlich treffsicheren Besetzung in jeglicher Rolle, kann man nicht anders als "The Neon Demon" in seiner Gesamterscheinung zu verfallen, angefixt durch etliche kurze Momente optischer Faszination, die perfekt miteinander verbunden kaum Zeit zum Atmen lassen. Dank Figuren, die man schwer greifen kann, und von denen man dementsprechend nie weiß, was man als nächstes von ihnen zu erwarten hat, entsteht inmitten des oberflächlich simpel scheinenden Plots zusätzlich dennoch ein wahrhaftiges Interesse für den Inhalt. Entdeckt man die Symbolik und anderweitige analytische Raffinessen für sich als Zuschauer, erscheint einem das fertige Werk endgültig als die sehenswerte Besonderheit, die es ist. In seiner auf vielschichtiger Weise sehr manipulativen Art kommt dieser Eindruck sicherlich aufgeblähter daher, als das was tatsächlich hinter allem Gesehenen steckt (zumal sich keine innovativen Erkenntnisse offenbaren), aber auch das ist nicht verkehrt, vielleicht nicht einmal zufällig, innerhalb eines Streifens über eben diese Branche. Einen Hang für Kunstfilme und für eine minimalistische Handlung muss man jedoch besitzen, um mit dieser Co-Produktion aus Frankreich, Dänemark und den USA etwas anfangen zu können.  OFDb

25.10.2020

DOGVILLE (2003)

Welch bitterböse Idee: eine verfolgte Frau darf sich über längere Zeit mit Einverständnis der Bewohner in einem kleinen Dorf verstecken und hilft als Gegenleistung jedem vor Ort bei diversen Tätigkeiten. Als nach einigen Wochen klar wird, dass sie von der Polizei gesucht wird, reichen die bisherigen Dienstleistungen nicht aus. Die Forderungen an die Versteckte werden immer größer und unerträglicher, sodass sie nach und nach in die Position einer Gefangenen rückt. Diese Geschichte ist äußerst reizvoller Natur und lässt einen vermuten, dass die Abrechnung mit den ach so braven Spießbürgern in einer düsteren, spannungsgeladenen Thriller-Variante daher kommt. Doch letztendlich lässt sich diese Satire gar nicht so leicht in ein Genre stecken. Die oftmals sehr dramatisch dargebotene Geschichte kommt schwarzhumorig, verspielt und bitter gleichermaßen daher, besitzt definitiv einen Spannungsbogen, der jedoch keineswegs auf Thrillerbasis daher kommt, sondern aufgrund der sich zuspitzenden Geschichte für Anspannung sorgt. Mit Nervenkitzel hat diese Art der Spannungserzeugnis im üblichen Sinne nichts zu tun. Zudem weht ein gewisser Märchen-Touch über den Dingen, ein Gefühl das stark dadurch beeinflusst wird, dass "Dogville" im Stile eines "Die fabelhafte Welt der Amelie" über die komplette Laufzeit von der sanften Stimme eines Geschichtenerzählers im Off begleitet wird, dessen ruhige, friedliche Stimme und Betonung selbst dann keinen Wandel erhält, wenn die Zustände, unter denen die Hauptfigur leidet, immer düsterer und leidender Natur werden. 

Zu diesem ungewöhnlichen Umgangston der Erzählung gesellt sich nun noch die experimentelle Optik des Streifens, spielt "Dogville" über seine kompletten 170 Minuten doch in einer großen Halle, auf deren Boden die Straßen(namen), die Häuser und die Namen ihrer Bewohner auf den Boden ge(kenn)zeichnet sind und die professionellen Schauspieler innerhalb dieser Markierungen agieren. Dieser Minimalismus funktioniert überraschend gut und kommt keineswegs so pseudo-intellektuell daher, wie diese ungewöhnliche Herangehensweise zunächst anmuten mag. Das liegt aber auch daran, dass man dieses Set als selbstverständlich einsetzt und ganz für sich, ohne Zusatzeinfluss, wirken lässt. Zudem ist "Dogville" geistreich, reflektiert, kritisch und kompromisslos erzählt. Lars von Trier, der auch für das Drehbuch verantwortlich ist, präsentiert einen Film für mündige Cineasten und konfrontiert sie mit der Natur des Menschen. Der Blick auf diese mag pessimistischer Natur sein, doch ganz so falsch wird der gute Mann nicht liegen, wenn es darum geht wie Menschen, frei von Kontrolle, immer hemmungsloser Macht ausüben. Dabei geht es der Geschichte nicht einzig um den dramatischen Aspekt der im Zentrum stehenden Frau und den Taten ihrer Peiniger, sowie nicht nur um den Wandel der braven Bürger zu unterdrückenden Wesen, es geht auch um die Rechtfertigung der Täter, um ihren Blickwinkel, aus dem sie sich noch immer für normale Bürger halten, und bei dem seltenen Fall der Einsicht einer Fehltat maximal Schuldzuweisungen auf Seiten des Opfers suchen, anstatt Reue zu zeigen. 

Unter Einfluss all dieser Faktoren schaukelt sich das Geschehen immer weiter hoch, während sich am äußeren und inneren Stil des Streifens nichts ändert. Das weiß den Zuschauer gekonnt zu verstören. Ob man den Kniff wie alles endet ebenfalls als derart gekonnt wie den Rest ansieht, liegt sicher im Auge des Betrachters. So gewitzt auch hier auf anderer Ebene die Natur des Menschen und seine Rechtfertigungen thematisiert werden, ich wurde den Eindruck nicht los, dass der Film diese Rechtfertigung als Gerechtigkeit gut heißt, und das hinterlässt einen recht fragwürdigen Eindruck. Es ist aber eben nur ein solcher, wer anders mag das anders interpretieren und sagen, dass von Trier keineswegs Stellung bezieht und hier ebenso objektiv lediglich berichtet, wie er es zuvor tat. Der Wandel der in den letzten Szenen des Films in der Luft liegt, ist jedoch bemerkbar. Eine andere Tonart bricht an, eine Debatte über Recht und Unrecht wird offiziell geführt, anstatt wie bisher mal mehr, mal weniger subtil im Hintergrund mitzuschwingen. Generationenkonflikte werden zu einem wichtigen Element, ebenso das Überprüfen der eigenen Persönlichkeit, die Korrektur daran, der Einfluss von Familie und eigenem Willen wird als wichtiger Fakt mit herangezogen, und inmitten all dieser Methodik empfand ich das dort gezeigte Bereinigen der Ereignisse durchaus als vom Film gerechtfertigte Revanche, während ich selbst hingegen dachte, dass sich hier keiner in irgendetwas nachsteht. 

Mit Gerechtigkeit hat das nichts zu tun, nicht einmal mit der klassischen Entladung nach einer Extremsituation. Ich kann aber wie gesagt nicht wirklich einschätzen, wie sehr der Autor und Regisseur hinter den finalen Taten steht, sprich wie sehr es ein Zugeständnis an die eigene Natur ist, derartiges Handeln als Gerechtigkeit zu empfinden, quasi als angewandte Reflexion dessen was zuvor über Fremdpersonen analysiert würde an sich selbst, sowie als Spiegel für den Zuschauer, um sich ebenfalls als Mittäter zu fühlen, als jemand der mit im Boot sitzt, eben weil in ihm ebenso die Natur des Menschen schlummert. Im umgekehrten Fall wäre es zumindest ernüchternd, dass dieser Schluss auch stumpf gemeint sein kann. Wie auch immer man zu diesem ungewöhnlichen Stilwechsel steht und ihn definiert, auch hier weiß "Dogville" so oder so definitiv zu beeindrucken, mitunter weil er wie erwähnt seinem ruhigen, märchenhaften Erzählstil treu bleibt, selbst wenn über Dogville gerade die Hölle hereinbricht. Aus dem ruhigen Geschehen wird frei von Spezialeffekten ein lautes, ereignisreiches Szenario, das ebenfalls von Taten, deren Drang bislang unterdrückt wurde, handelt. Selbst in dieser Phase bleibt von Triers Darstellung der Ereignisse, des Umfelds und der Akteure stets symbolisch. 

Kalt dürfte "Dogville" nur jene lassen, die sich nicht auf die Entfremdung, durch welche die Symbolik zum Zentrum des Filmstils wird, einlassen können. Dialoge, Schauspiel und Handlungsverlauf sind derart packend dargeboten, dass man sich eigentlich wunderbar auf "Dogville" einlassen und von dessen Ereignissen mitgerissen werden kann. Einem Publikum mit vielseitigem Filminteresse und Anspruch müsste das Ergebnis eigentlich schmecken. Hier maulen lediglich die Gewohnheitszuschauer, die nur ungern aus ihrer Wohlfühlzone geholt werden und das Hobby des Filmeschauens schlichtweg auf das Filmeschauen reduzieren.  OFDb

13.04.2020

DÄNISCHE DELIKATESSEN (2003)

Ich hatte mir Anders Thomas Jensens Folgefilm "Adams Äpfel" seines Erfolges "Dänische Delikatessen" kürzlich zuerst angeguckt. Das hatte keinen besonderen Grund, aber nach Sichten der Geschichte um einen Neonazi in unfreiwilliger Kirchenobhut hätte ich aufgrund der überraschend sensiblen Umsetzung nie damit gerechnet, dass der mit mehr reißerischer und massentauglich klingender Geschichte versehene Vorgänger, um Metzger, die Menschenfleisch verkaufen, mit ähnlichen Stärken trumpfen würde. Zwar mixte sich auch der Nachfolger aus empathischer Dramaturgie und schwarzem, teilweise sehr hartem, Humor, dennoch überraschte mich das ebenso gelungene Ergebnis selbiger Zutaten in der Geschichte des hier besprochenen Streifens. Meiner Meinung nach ist "The Green Butchers" (Alternativtitel) sogar noch eine Spur sensibler angegangen, während er andererseits die entrückten Charaktere noch grotesker einzusetzen weiß, dies interessanter Weise nicht ohne durch sie ein Plädoyer für Andersartigkeit und Vielfältigkeit vorzuweisen.

Es liegt an der verständnisvollen Weise und dem ureigenen dänischen Grundton, dass es die Geschichte schafft die Figuren trotz ihrer Taten zu mögen und ihnen ein Happy End zu gönnen. Das verwundert umso mehr, da sich die Geschichte nicht mit Ausflüchten rettet. Es sterben nicht einmal Unsympathische durch die Hand der Protagonisten, um es dem Zuschauer leichter zu machen. Gleichzeitig entschuldigt Jensen im Gegensatz das Tun der Metzger nicht. Die Figuren sind wie sie sind, die Umstände ebenso, weder der gut funktionierende schwarze Humor, noch irgendwelche Manipulationen durch Musik, Schönreden oder anderweitiger Zutaten beeinflussen das gute Gefühl am Schluss. Trotz der bizarren und grotesken Elemente, strahlt "De grønne slagtere" (Originaltitel) eine Natürlichkeit aus, die einen an die Figuren und ihre Erlebnisse bindet. Jensen lässt uns an allem emotional teilhaben: das erschreckende und bemitleidenswerte Ende des armen, naiven Häuser-Hannes, die Verwirrung des introvertierten Svend und sein Glaube tun zu müssen, was er tut unter wirren, undurchdachten Ausreden, die feindliche Art Bjarnes seinem behinderten Bruder gegenüber (hervorragende Doppelrolle von Nikolaj Lie Kaas), sowie das Zurückkehren Astrids trotz allem Vorgefallenen.

"Dänische Delikatessen" strahlt ein oft unausgesprochenes Verständnis für seine Figuren aus. Jenseits echter Anwiderung nimmt man an diesem morbiden, entrückten Alltag der Beteiligten teil, nicht gut heißend was sie tun, auch nicht immer verstehend, sehr wohl aber die Gleichgültigkeit und innere Leere mitfühlend, die einiges erklärt, und wissend, dass das was wir hier erleben, auch nicht ihrem Alltag und ihren Vorstellungen vom Leben entspricht. Die Figuren in diesem Film sind keine schlechten Menschen, auch nicht der ehemalige Chef als Gegenspieler der Hauptfiguren, oder der Pfarrer, dessen skurile Geschichte, warum er einst zum Überleben ausgerechnet seine Frau anstatt wen anders Anwesenden nach einem Unglück verspeiste, rätselhaft bleibt, dies nie gleichgültig eingewoben, aber auch nie vertieft und nur zweckmäßig für die Geschichte und die Figurenzeichnung des Pfarrers eingebracht. "Dänische Delikatessen - Darf's ein bisschen mehr sein?" (Alternativtitel) zeigt gelegentlich eine Lethargie auf, die man nachempfinden kann, er fängt die Traurigkeit psychologischer Probleme ein, arbeitet zudem nie mit Moral oder Entschuldigungen, sondern atmet schlichtweg mündiges, emotionales und skurriles Kino, vereint zu einem gelungenen Genre-Mix mit tief gehenden, durchdachten Figuren. Vieles ist selbsterklärend und somit nur für ein Publikum gedacht, das mit derartigen Werken etwas anfangen kann. Man wird hier weder bei jeder Tat, noch bei jeder Entwicklung der Geschichte und der Figuren an die Hand genommen. Hier herrscht wahrlich der für unreflektierte Menschen einen Schritt zu weit gehende Appell für das Verständnis von Andersartigkeit, der im Folgefilm passend zum Thema Fremdenfeindlichkeit geradezu konsequent fortgesetzt wurde.  OFDb

04.04.2020

LUIS UND DIE ALIENS (2018)

Es ist nicht so, dass "Luis und die Aliens" ein missglückter Film wäre, aber ich frage mich immer wieder warum europäische Filmschaffende sich derart penetrant der amerikanischen Art Filme zu drehen anbiedern müssen. Gerade dem Zeichentrickbereich täte es gut entspanntere und kreativere Luft zu atmen, als es die immergleiche, moralinsaure Variante an US-Produkten zulässt. Doch was passiert? Selbst wenn sich Luxemburg, Deutschland und Dänemark für einen CGI-Animationsfilm zusammen tun, kommt nichts anderes dabei heraus wie ein typischer Trickfilm-Klon, der nach dem üblichen Muster erzählt ist. Ob es der Handlungsverlauf ist, die (arg unkreative) Figurenanimation, die Botschaft, "Luis and the Aliens" (Originaltitel) versucht erst gar nicht die Erfolgsformel für das Mainstream-Publikum auch nur ansatzweise abzuändern, zu verängstigt ist man eine finanzielle Bruchlandung zu machen, zu wichtig ist es ein solches Werk einzig als Profitvergrößerung zu betrachten. Dabei hätte es ausgereicht der immergleichen Soße zumindest eine europäische Mentalität atmen zu lassen. Aber das scheint in Zeiten der Globalisierung nicht mehr erlaubt zu sein.

Inmitten des Meers an Einheitsprodukten ragt "Luis and His Friends from Outer Space" (Alternativtitel) kaum heraus. Selbst sein Aufhänger weckt nicht aufgrund einer innovativen Idee das Interesse. Im Gegensatz zu andersartig klingenden, aber doch nur den Standard abliefernden, Werken wie "The Boss Baby", weiß er jedoch zu funktionieren. Es dauert zwar ein wenig, bis die Dynamik des bereits bekannten Rezeptes beginnt mittels funktionierender Komik und aufregender Verstrickungen zu wirken, im ersten Drittel dachte ich schon das wird nichts mehr, aber es passiert, und man interessiert sich doch noch für die Geschehnisse, die uns hier präsentiert werden. Die schlagen nie wirklich unvorhersehbare Haken und schenken uns auch keine finalen Aufdeckungen von Geheimnissen, die man nicht bereits im Vorfeld enträtselt hätte, aber als simples Grundlagenprogramm mit ausreichend Sympathie funktioniert die Regie-Arbeit von Christoph und Wolfgang Lauenstein, sowie von Sean McCormack doch noch, so dass die 90 Minuten dennoch innovationslos vergnügt zu unterhalten wissen. Zumindest kann man dem Werk attestieren, dass es den US-Produkten gleichwertige Konkurrenz bereiten kann. Letztendlich sind es aber Produktionen wie diese schuld, dass sich im Popkornkino kaum noch Vielfältigkeit abzeichnet und es fast nur noch genormtes Programm zu konsumieren gibt.  OFDb

03.04.2020

ADAMS ÄPFEL (2005)

Mit seinem ungewöhnlichen Mix aus schwarzem Humor, Menschlichkeit, Drama und Optimismus weiß "Adams Äpfel" zu gefallen. Das dänische Werk ist von seiner Mentalität her weit entfernt von der eines typischen US-amerikanischen Filmes, welcher eine solche Thematik moralisch, kitschig und/oder albern präsentiert hätte, während Anders Thomas Jensens Regiearbeit keinerlei Anbiederung an Erwartungen des Publikums oder eingefahrener Sehgewohnheiten setzt. Das geht sogar so weit, dass man aufgrund der Härte von Adams Charakter einige Zeit zweifelt, ob er sich im Laufe der Geschichte überhaupt wandelt, oder ob der bissige schwarze Humor uns stattdessen auf eine überraschend böse Pointe vorbereiten soll. Als Zuschauer wird man stets vom Drehbuch herausgefordert, das uns nicht nur schrullige Charaktere in interessanter Handlung eingebunden vorsetzt, sondern durch sie auch Gestalten präsentiert, die stets irgendwelche Taten vollbringen, die man weder von ihnen erwartet, noch vorausahnen könnte.

Dabei wird "Adams æbler" (Originaltitel) nie in irgendeine gekünstelte Coolheit gepresst. Der Zynismus, der teilweise sehr harte Humor und die immer deutlicher werdende Tragikomik strahlen eine Natürlichkeit innerhalb einer mündig gehaltenen Geschichte aus, die dem Streifen, der sich eigentlich wie ein Comicstrip gucken müsste, gut tut und eine Leichtigfüßigkeit verschafft, die den Appell an Menschlichkeit zu unterstützen weiß, ohne die schwarzhumorigen Momente zu verwässern. Hervorragend besetzte Mimen sorgen für die nötige Glaubwürdigkeit, gut gesetzte Pointen und ein überraschungsreiches Script fordern das Publikum heraus. Und selbst die pro-religiösen Momente kommen eher verschmitzt comicartig daher, als dass sie wen missionieren wollten.

Auch in diesem Punkt zeigt sich: "Adams Äpfel - Gott ist auf meiner Seite" (Alternativtitel) ist eben keiner dieser Ami-Filme, wie wir sie seit Kriegsende als Dauersuggestion darüber, wie man zu leben habe und wie eine Geschichte erzählt sein muss, vorgesetzt bekommen, sondern kommt in seiner Kreativität und erwachsenen Art erfrischend anders daher, obwohl die Chose ähnlich schließt, wie es in der Gewohnheitsecke des Kinos stattgefunden hätte. Das zeigt wieder einmal dass der Weg das Ziel ist. Und in seinem Appell andersartige Schrulligkeiten zu respektieren, kann man es wohl als konsequent bezeichnen, dass der Film sich selbst ebenfalls fast allen Konventionen versperrt. Man spürt das ehrliche Anliegen in "Adam's Apples" (Alternativtitel), eben weil er trotz gelegentlichem Holzhammerhumor stets ethisch und feinfühlig bleibt und Adam nicht mit plumper Küchenpsychologie resozialisiert, sondern mit authentisch anmutender menschlicher Nähe. Ob es die Österreicher 2020 mit ihrer Neuverfilmung "Alles wird gut" ebenfalls richtig machen? Ich werde berichten, sobald ich es weiß.  OFDb

29.07.2017

CHINAMAN (2005)

Regisseur Genz und Autor Aakeson liefern eigentlich genau jenes ruhige und besonnende Europakino ab, welches man aufgrund der Geschichte bereits vermutet. Vielleicht ist die Gewichtung zwischen Komik und Drama eine andere als erwartet, so habe ich es zumindest empfunden, aber letztendlich ist mit „Chinaman“ ein durchdachter, emotionaler Film herausgekommen, der gerade jenen schmecken wird, die mit den kitschigen, übertrieben romantischen Mainstream-Werken aus Amerika wenig anfangen können.

Neben einem vorbildlichen Respekt vor Kulturen ohne deren Verschönerung zeigt sich „Liebe süßsauer“ (Alternativtitel) auch in seiner Charakterzeichnung und den Interaktionen zwischen den einzelnen Figuren höchst realistisch. Genz inszeniert weder zu nüchtern, wie es z.B. Haneke machen würde, noch schwelgt er in lebensferner Romantik. Das Annähern der beiden illegal Vermählten und das Entstehen einer richtigen Liebschaft wird fast nur angedeutet und findet in der Geschichte nicht so viel Beachtung wie vermutet, zumal die Geschichte gegen Ende mit einer Wendung überrascht, mit welcher der stets gesetzte Schwerpunkt des Gefühlslebens der zentralen Figur Keld unverändert bleibt.

Mit Bjarne Henriksen ist Keld hervorragend besetzt. Man nimmt Henriksen nicht als Keld spielenden Schauspieler war, er haucht der Figur so realistisch Leben ein, dass man glaubt er wäre tatsächlich das was er spielt. Der ehrliche Blick auf das bürgerliche Denken der Dänen (aus der Sicht von drei Parteien) und der Zusammenstoß mit der fremden Kultur, welcher sich Keld mit viel Respekt nähert, lassen „China Man“ Authentizität atmen, die unangenehm sein kann, aber auch menschlich. Manchmal reicht nur ein Blick mit angedeutetem Lächeln, um den Zuschauer selbst zum Lächeln zu bringen. Ebenso steckt die Dramatik bereits dann an, wenn sie nur angedeutet wird.

Genz‘ Tragikomödie ist ein Film des Mitempfindens, und damit genau das wofür dieses Genre überhaupt existiert. Und seine ehrliche, wie wirksame Art reißen einen geradezu mit. Ein Jedermann mit Alltagsproblemen eignet sich nun einmal perfekt zur Identifikation, und wer glaubt „Chinaman“ würde auch nur im Ansatz dem ebenfalls geglückten, aber typisch Romantikkino erzählten, „Green Card“ ähneln, der wird sich wundern wie sehr das Risiko der illegalen Ehe nur im Hintergrund der Geschichte krieselt. Emotional holt Aakeson diesbezüglich erst zum besten Moment aus, wenn man sich als Zuschauer emotional ohnehin gerade auf einen Tiefpunkt befindet.

Keld mag aus seinem Schneckenhaus herauskommen, aber charakterlich war er schon immer der gute Kerl, der er auch am Ende des Streifens ist. Es wird nicht nur zwischen den beiden kaum ein Wort verstehenden Ehepaaren kaum ein Wort gewechselt, ohnehin ist das soziale Umfeld Kelds wortkarg zu nennen. Und auch Kelds naives Denken ändert sich bis zum Schluss nicht. „Chinaman“ ist somit nicht, wie man erwarten würde, ein Film charakterlicher Veränderung, sondern eher ein Film eines veränderten Blickwinkels aufgrund des Kennenlernens einer anderen Kultur. Von daher ist es gut, dass Chinesen wie Dänen gleichermaßen am Werk vor und hinter der Kamera beteiligt waren, um in keinerlei Klischees abzurutschen.  OFDb

04.05.2017

A GOD WITHOUT A UNIVERSE (2015)

Kasper Juhl packt sein Publikum nicht mit Samthandschuhen an. „A God Without a Universe“ ist rau und ungeschönt erzählt, berichtet von den unangenehmsten Ecken unserer Gesellschaft, die wir emotional zu Recht gerne ausblenden, um uns wohler zu fühlen, und zeigt uns jene Personen, die mitten in diesem sozialen Dreck leben, teils mitverantwortlich an der Situation, teils nur überfordert aus diesem Milieu heraus zu kommen. Gewalt erzeugt Gewalt. Mia ist durch die problematische Vergangenheit ihrer Familie seelisch kaputt, flüchtet sich in ihrer Vorstellung und später auch real in Zärtlichkeiten mit ihrem Bruder, ist aus Eifersucht aber auch zur Gewalt bereit, so abgestumpft wie sie geistig durch den Tag geht.

Inzest, Vergewaltigung, Mädchenhandel, Juhl will keine wirkliche Sozialstudie abliefern, letztendlich will er nur provozieren, und das ist das störende am Ergebnis des hervorragend geschauspielerten „A.G.W.A.U.“ (Alternativtitel). Da man dies nach einiger Zeit merkt, versteht man auch nicht, warum man sich die Abscheulichkeiten, die er einem vorsetzt, antun soll. Es kommt wederzu einem Augenblick der Entladung, die den Zuschauer irgendwann aus diesen asozialen Bildern befreit, noch nutzt es was das Gesicht in die soziale Scheiße gesteckt zu bekommen, da „A God Without a Universe“ nicht aufklärt oder zum nachdenken anregt. Er zeigt lediglich eine asoziale Welt. Punkt und aus.

Das ist sehr schade, denn Juhl versteht es durchaus stimmige Bilder einzufangen und die dreckige Atmosphäre ebenso greifbar zu machen, wie die wenigen sensiblen Momente, die den Protagonisten wiederfährt. Von mangelndem Talent kann man da eigentlich nicht reden. Es ist wohl mehr der Drang unbedingt das Underground-Publikum befriedigen zu wollen, anstatt einen ausgereiften Film zu präsentieren, der dem fertigen Werk, dem ich keinesfalls sympathiefrei gegenüberstehe, ein Beinchen stellt.  OFDb

23.03.2017

DER FROSCH MIT DER MASKE (1959)

Erst 25 Jahre nach der Komödie „Der Doppelgänger“ sollte es wieder eine deutsche Kinoproduktion zu den Vorlagen von Edgar Wallace geben. 1959 startete „Der Frosch mit der Maske“, der gleich als erster einer als Serie anvisierten Kinoreihe produziert wurde und bereits Joachim Fuchsberger und Eddi Arent als spätere Stamm-Stars besagter Filme mit an Bord hatte. Auch unter den Goldmann Taschenbüchern, auf welche sich die Filme beziehen, war der Roman „Der Frosch mit der Maske“ die erste Veröffentlichung, und diese bietet auch gleich einen „Dr. Mabuse“-ähnlichen Täter, der eine große Verbrecherbande auf die Beine stellt, ohne dass je wer die Identität des Anführers wüsste.

Da Harald Reinls Start der Wallace-Reihe noch recht ernst umgesetzt ist, darf ein solcher Schwerverbrecher noch düster und damit wirklich bedrohlich wirken. Nicht einmal sein Kostüm sieht in irgendeiner Weise affig aus, eher zweckdienlich und damit ideal passend zu einem Mann, der seine Verbrechen wohlüberlegt tätigt. Arent, der zum Humorhighlight der Reihe werden sollte und hier bereits in einem Schlusskommentar und in seiner augenzwinkernden, da übertriebenen, Butler-Art erstmals auf diese Rolle hinsteuert, wenn auch noch in keinster Weise klamaukig, tritt hier ungewohnter denn je auf, mehr noch als im Folgefilm „Der rote Kreis“, der ebenfalls noch eine ernste Herangehensweise erfuhr. Neben dem taffen Fuchsberger agierend, darf er Verbrecher vermöbeln, also auf ganz andere Art aktiv werden als in späteren Beiträgen, und das besitzt einen reizvollen Sehwert.

Die an sich noch tief bieder in den 50er Jahre badende Produktion, wird ein wenig aufgebrochen mit der Figur die Joachim Fuchsberger verkörpern darf, ein Millionär, der aus Langeweile Verbrecher fängt. Das erstaunliche an „Der Frosch mit der Maske“ ist jedoch, dass er auch die moderneren Aspekte noch stockbieder präsentiert. Der pseudo-Hauch Erotik, der anonyme Superverbrecher mit seiner großen Gefolgschaft, die Love Story, die Zwielichtigkeit des Millionärs, das alles atmet noch nicht die 60er Jahre-Luft, welche der Wallace-Reihe das gewisse Etwas verschaffte, und dies immerhin zu den Anfängen der 60er Jahre, als die Konkurrenz noch in den 50er Jahren zu Hause war.

Damit schaut sich „Face of the Frog“ (Alternativtitel) wie ein Außenseiter der eigenen Reihe, weiß doch selbst der direkte Nachfolger, trotz seiner großteils nüchternen Erzählmethode, weit weniger bieder zu wirken, als es der hier besprochene Film noch tut. Allerdings verleiht dies Reinls Werk auch einen gewissen Außenseiter-Charme, zumal die Geschichte selbst keineswegs zu langweilen weiß. Wallace hat aufregendere Verfilmungen erlebt, aber bereits der Einstieg in die Reihe kann sich sehen lassen, vorausgesetzt man findet auch Gefallen an einem trocken erzählten, klassischen Kriminalfilm, der ohne irgendwelche Gimmicks auskommt. Das Schrillste was es hier zu erleben gibt sind die Rolle des Butlers, der Millionär und der im Froschkostüm agierende Gegner. Der Rest folgt dem klassischen Muster des Genres.

Es ist schön, dass man Fritz Rasp als ehemaliges Ur-Gestein der 30er Jahre Wallacefilme für diesen Beitrag und einige Folgebeiträge gewinnen konnte, weiß er doch selbst in seiner hier recht klein ausgefallenen Rolle zu überzeugen, mimt Rasp hier doch einen Chef, den man wahrlich nicht zum Vorgesetzten haben möchte. Fast möchte ich von unheimlich sprechen, wenn ich ein Adjektiv für seine Darbietung suche. Siegfried Lowitz darf den ermittelnden Inspektor spielen, was auch nie ein Fehler sein könnte, so sympathisch wie dieser Mensch noch in jeder Rolle wirkte, selbst dann wenn er, wie in „Der Greifer“, auch einmal den Fiesling spielen durfte.

„Der Frosch mit der Maske“ hat auf Seiten der Schauspieler, zumindest bei den männlichen Parts, somit so einiges zu bieten, und dies zusammen mit der Mabuse-ähnlichen Geschichte sorgt für einen Film, den man als Cineast ruhig einmal gesehen haben sollte, auch wenn das Werk aufgrund seiner biederen Ader eigentlich noch nicht von dem Ruhm zehren darf, den sich die Reihe erst im Laufe der Zeit erarbeitet und auch definitiv verdient hat. Aber gerade weil „Fellowship of the Frog“ (Alternativtitel) im Vergleich so anders ausgefallen ist, ist er ein interessanter Blick darauf, was aus solch einem klassischen Start gedeihen kann. Freilich besitzt der Streifen auch ohne die Vergleiche zu den Folgefilmen genügend Unterhaltungswert.  OFDb

21.03.2017

DER ROTE KREIS (1960)

Der zweite Film der legendären deutschen Edgar Wallace-Reihe der 60er Jahre ist gleich einer meiner liebsten Filme der Serie, was nicht zwingend daran liegt, dass er als früher Vertreter der Reihe noch so anders gestrickt ist als die meisten der Folgewerke, aber ich muss zugeben dass selbst dies den Film angenehm aufwertet, auch wenn ich gegen das eher typische Rezept der Wallace-Hochphase beileibe nichts einzuwenden habe. Dennoch schaut sich „Der rote Kreis“ im direkten Vergleich angenehm ernst. Die Geschichte wird recht verschmitzt erzählt, aber eben nicht tatsächlich mit Witzchen aufgewertet. Das ist gerade deswegen interessant, weil bereits Eddi Arent mit an Bord ist, der seine Rolle zwar äußerst skurril anlegt, aber keinen anderweitigen Aspekt der Belustigung durchschimmern lässt.

Dass mir Jürgen Rolands erster von leider nur zwei Beiträgen zur Reihe so außerordentlich gut gefällt, liegt aber hauptsächlich daran, dass der Kriminalfall tatsächlich zu interessieren weiß. Die Geschichte packt den Zuschauer ganz von selbst, ohne irgendwelchen Budenzauber zu benötigen. Wie der rote Kreis vorgeht, wie der Kommissar vergeblich versucht die Identität zu lüften und wie nach einigen Zuschauertäuschungen die Wahrheit tatsächlich aussieht, das weiß alles zu gefallen. In der richtigen Ballance aus nüchterner Sachlichkeit und spannend inszenierten Momenten, weiß die erste Tonverfilmung des insgesamt drei mal verfilmten Wallace-Romanes sowohl zu unterhalten, als auch zu interessieren, ist der Zuschauer doch herzlich eingeladen mitzuraten wer sich hinter der Maske des Meistererpressers versteckt.

Wer gut aufpasst erkennt den roten Kreis bereits an der Stimme, die man von der ersten Szene an im Heute angekommen bereits vorgesetzt bekommt. Aber selbst wenn man deswegen, oder aufgrund anderer Hinweise, bereits zu früh weiß um wen es sich handelt, den Sehspaß verdirbt dies nicht, guckt sich die deutsch/dänische Zusammenarbeit doch im Wissen um den Täter, also auch bei einer zweiten Sichtung, so gut wie ohne, eben weil man den Missetäter in diesem Falle Schritt für Schritt dabei beobachten darf wie er täuscht, manipuliert und die Leute gegeneinander ausspielt.

Handwerklich professionell inszeniert und mit gut agierenden Mimen besetzt kann der Film somit ganz schlicht von seiner eigentlichen Geschichte leben, was die Stärke des hier vorliegenden Kriminalfalles um so deutlicher macht. Mag der Kommissar auch ein wenig altbacken wirken, er muss kein interessanter Charakter sein, um zu funktionieren, geht es doch einzig um seine Kombinationsgabe und vorgespielte Ahnungslosigkeit, so dass man den Mann hinter dem Beruf gar nicht erst kennen lernen muss. Zum alten Eisen gehört zudem Fritz Rasp, der bereits in den 30er Jahren in „Der Hexer“ und „Der Zinker“ mitgespielt hat, und im hier besprochenen Film erneut meisterlich agieren darf.

Interessant ist die weibliche Hauptrolle ausgefallen, die eine Einzigartigkeit in der Wallace-Welle darstellt, dient sie doch nur sehr leicht als Love Interesst und ist hauptsächlich eine der Polizei bekannte, zwielichtige Persönlichkeit, eine Art frühe Cat Women, von der man nie weiß wo ihr jeweiliger Vorteil liegt, also auch nicht weiß wo genau sie inmitten der vielen zwielichtigen Personen steht. Leider wird einiges davon in der letzten Szene wieder revidiert, und dies zudem noch auf unsinnige, wie unglaubwürdige Weise, aber bis zu diesem Zeitpunkt weiß die Andersartigkeit dieser wichtigsten weiblichen Rolle definitiv zu gefallen.

Neben diesem Schwachpunkt kann man höchstens noch jenen Fehler des roten Kreises zu den Schwächen der Geschichte zählen, mit dem er sich endgültig verrät, widerspricht es doch der durchdachten Art des Profi-Verbrechers, dass er sich solch einen dicken Fauxpas erlaubt. Dies wird aber zumindest dadurch wieder abgeschwächt, dass die anderen Dinge, die ihn ohne des Mitwissens des Zuschauers für den Ermittler verdächtig werden ließen, weit weniger grobe Schnitzer sind und raffiniert in den durchdachten Plot mit eingebunden wurden. Ich habe „The Red Circle“ (Alternativtitel) nun schon zum dritten Mal gesehen, und ich bin jedes Mal wieder von seiner Wirkungskraft beeindruckt.  OFDb

28.12.2016

NEMESIS (1992)

Naiv wie ich bin, dachte ich mir nach diversen Sichtungen von professioneller umgesetzten Cyborg-Filmen auch mal in eine Billigproduktion hineinsehen zu können. Was soll schon schief laufen bei einem Actionfilm mit 90er Jahre Retro-Charme und Cyborg-Thematik, dachte ich mir, und fällte meine Wahl auf „Nemesis“, der mir aufgrund der Thematik, dass den meisten Menschen seiner Zukunft bereits selbst diverse Maschinenteile implantiert wurden, als besonders reizvoll erschien.

Zu Beginn schien die Rechnung aufzugehen, wurde ich doch Zeuge einer reißerischen, naiv erzählten Action-Orgie, die genau jene geistfreie Unterhaltung zu sein schien, wie ich sie mir erhofft hatte. Aber leider glaubte der themenerfahrene Regisseur Albert Pyun er müsse die an sich schlichte Geschichte unnötig verkomplizieren. Es verging keine halbe Stunde, da besaß der zentrale Held bereits seine vierte Frisur aufgrund von Zeitsprüngen und veränderter Zustände, nur damit nun nach ewig unnötigen Ereignissen endlich die eigentliche Geschichte losgehen konnte, die dreist von „Die Klapperschlange“ abgekupfert ist.

Eine Lustlosigkeit machte sich breit, trotz meines tapferen Durchhaltens zuvor, das zur Kostenersparnis der Filmschaffenden x Off-Kommentare ertragen musste über Themen, die man gerne filmisch umgesetzt erlebt hätte und das sich durch geschwätzige Actionszenen kämpfte, die selbst für Trivialverhältnisse den Rahmen dessen sprengte, was als unterhaltsam durchgeht. Aufgrund der Anfang der 90er Jahre noch immer vorhandenen dreckigen, rauen Action-Art des Vorgängerjahrzehnts blieb ich einige Zeit optimistisch, wissentlich einen für das schnelle Geld orientierten Ableger großer Kinoerfolge zu sichten. Aber was sich mit der Zeit an Ernüchterung anhäufte, frustrierte zu sehr um „Nemesis“ schließlich tatsächlich bis zum Schluss zu ertragen.

Einer kleinen Fan-Gemeinde scheint er zu gefallen. Und die werden sich über die liebevolle DVD-Veröffentlichung der Classic Cult Collection freuen, in welcher auch schon Van Dammens „Cyborg“ neu aufgelegt wurde. Neben diverser Audiokommentare ist der Film in feinem Breitbild im Originalton mit (etwas versetzten) deutschen Untertiteln zu sichten. Für solch ein in Deutschland nur unter Genre-Fans bekanntes Produkt steckt da wahrlich viel Mühe hinter. Leider kann ich selbiges nicht vom uninspiriert heruntergekurbelten Film behaupten, dessen drei Fortsetzungen ich mir sicherlich sparen werde.  OFDb

09.06.2016

WHEN ANIMALS DREAM (2014)

Dass der Körper eines Teenagers sich im bestialischen Wandel befindet, mussten schon viele jugendliche Protagonisten erfahren. Egal ob humoristisch angehaucht wie in „Teen Wolf“, „Ginger Snaps“ und Co oder ernsthaft herausgearbeitet wie in „Mirror Mirror“, „Return of the Living Dead 3“ und Co, der Sprung in die Erwachsenenwelt oder das Hineinwachsen in die Gefahr davor („Zeit der Wölfe“, „Valerie - Eine Woche voller Wunder“, ...) wird immer wieder gerne über Horrorsymbolik thematisiert und kann durchaus tiefgründig, wenn psychologisch durchdacht durchleuchtet, gekonnt aufgegriffen und damit auch in der x-ten Wiederholung zu einem wertvollen Filmbeitrag werden.

Ähnliches schwebte Jonas Alexander Arnby wohl vor, als er seinen als Kunstfilm ausgearbeiteten „When Animals Dream“ gedreht hat. Wenn man aber ohne eigene Gedankenansätze nur grob wiederkäuert was andere schon vor einem abgeliefert haben und man gleichzeitig durch den Drang etwas wahrlich künstlerisch Wertvolles abzuliefern die Dramaturgie vernachlässigt, dann bleibt am Ende ein gewolltes Werk, welches sich emotionale Distanz wünscht, dem Zuschauer damit die Empathie zu Marie verweigert und später, wenn er aus seinem nüchternen Schatten heraustritt um doch noch Dramatik zu entfachen, bemüht theatralisch anstatt menschlich bewegend wirkt.

„When Animals Dream“ gibt sich nach außen sehr bedeutungsschwanger, klappert aber unreflektiert das ab was andere Werke bereits besser herausgearbeitet haben. Einen Film in einen künstlerisch gewollten Farbton zu setzen und in einen melancholischen Grundton zu tauchen macht noch keinen tiefsinnigen Film. In seiner zu langsamen, bedeutungslosen, da psychologisch nicht durchdachten, Art wird der bemühte Streifen zum Langeweiler. Wenn sich am Ende zwei Verbündete gefunden haben, bekommt dies nie die emotionale und intellektuelle Gewichtung eines „Let Me In“, das Außenseitertum Maries im Gesamtfilm nie die dramatische Tiefe eines „Carrie - Des Satans jüngste Tochter“ und die Symbolik nie einen solch cleveren Touch wie in „Ginger Snaps“.

„When Animals Dream“ würde gern viel sein, bleibt dafür aber viel oberflächlicher als er glaubt zu sein. Und wenn man erst einmal ernüchtert aus dem gedankeneinschläfernden melancholischen Sog, in den der Streifen den Zuschauer zu Beginn durchaus hineinziehen kann, erwacht, bemerkt man schließlich auch die Unsinnigkeiten der Geschichte, die u.a. auf eine Abmachung der Dorfbewohner mit dem Vater beruhren. Warum wurde solch ein gefährlicher Pakt geschlossen? Warum wurde Marie nicht unaufgeklärt mit Medikamenten vollgepumpt?

Dies sind nur zwei Fragen von vielen, die deutlich machen wie undurchdacht die Geschichte erzählt ist, so dass es nicht wundern braucht, dass die Psychologie, sprich der versteckt analytische Teil von Arnbys Werk, ebenfalls nicht durchdacht ist. Sinn ergibt da wenig, und nur wer nicht mitdenkt und sich einzig auf die hypnotische Wirkung einlässt, kann eventuell Interesse an diesem sich zu tiefsinnig sehenden Film haben. Mir war der Streifen zu distanziert erzählt, als dass mich solch ein Sog hätte für sich einnehmen können, leider. Denn so mancher Film konnte mit solch einem Einfluss auf das Publikum ähnliche Schwachpunkte überspielen. Wer einen psychologisch durchdachten Mix aus Kunstfilm und Horror sehen will, sollte zu „Ich seh, ich seh“ greifen, anstatt sich Tiefsinn mit „When Animals Dream“ nur vortäuschen zu lassen.  OFDb

03.12.2014

IN CHINA ESSEN SIE HUNDE (1999)

Mittlerweile schon durch die beiden Vorgeschichten „Old Men in New Cars“ und „Too Fat Too Furious“ fortgesetzt, habe ich mich lange Zeit davor gedrückt „In China essen sie Hunde“ zu schauen, wissentlich dass mir dieser dänische Streifen von vielen Seiten aus empfohlen wurde. Die Story lockte mich nicht. Gaunerfilme sind nie meine erste Wahl, und die Welle humoristisch cooler Stoffe ließ mich glauben, auch Lasse Spang Olsens Werk könnte der typische Massengeschmack des alternativen Publikums sein. Nun habe ich „In China essen sie Hunde“ doch noch gesehen, freilich weil mich wer dazu überredet hat, und ich bin tatsächlich positiv überrascht. Der Film wird seinem Ruf gerecht und weiß in seiner Art tatsächlich zu überraschen.

Glücklicher Weise wusste ich aufgrund der vielen Jahre der Ignoranz nichts mehr von dem was man mir damals über die Handlung erzählt hat, somit war ich völlig unvorbereitet, was die ideale Voraussetzung für einen Film ist, der sich ohnehin nicht an irgendwelche Spielregeln hält. Wenn gegen Ende die Erzählperspektive eine komplette Wandlung erfährt, überrascht das extremst, obwohl Olsens Werk schon zuvor des öfteren mit verschiedensten Ideen, ob radikalen oder sensiblen, zu überraschen wusste. Obwohl der Aufhänger der Story nicht gerade neu klingt, hat Olsen mit „I kina spiser de hunde“ (Originaltitel) doch ein recht individuelles Stück Film auf die Beine gestellt.

Das liegt unter anderem daran, dass zwar alles vor einem verbrecherischen Hintergrund und Milieu spielt, im Mittelpunkt aber der charakterliche Wandel des ruhigen Arvids steht, dessen veränderte Ansichten und neu gesetzten Grenzen, wenn auch aus einer Art geistigen Abwesenheit heraus begangen, zu einer mentalen Zusammenführung der sonst so unterschiedlichen Brüder führt. In einem Mix aus leichtem Drama und schwärzester Komik lernt Harald die Seite seines Bruders kennen, die nicht einmal er selbst kannte, und die dem entspricht was ein Typ wie Harald sich sicher schon immer als Bruder gewünscht hat.

Dank der nüchternen, sehr wortkargen Situationen zwischen den beiden, wird dieser Storystrang nie unangenehm, weder im übercoolen, noch im kitschigen, noch im zu dramatischen Sinne. Dieser eigentlich im Hintergrund versteckte Mittelpunkt des Streifens, der alles weitere beeinflusst, wird eher sachlisch angegangen. Gefühle werden dank der großartigen Besetzung mimisch versteckt und dabei unglaublich realitätsnah angedeutet, was inmitten dieser völlig übertriebenen Groteske dann auch das einzig realitätsnahe ist. „In China essen sie Hunde“ ist eine überzogene schwarze Komödie, mit nicht vorhersehbaren Wendungen, deren völlig überdrehte Story von gelungenen Charakteren gestützt wird.

Ein einfallsreiches Drehbuch mit gelungenen Running Gags und dem richtigen Gefühl dafür, wann man sich von diesen wieder lösen muss, sorgt in Kombination mit der professionellen Darstellung der Schauspieler für eine gute Grundstimmung, in der man entspannt dem chaotischen Treiben der Geschichte folgt, ohne dass diese sich in irgendeiner Art anbiedert. „In China essen sie Hunde“ schaltet trotz der gezeigten Extreme immer einen Gang zurück. Hier gibt es weder pausenlos Gewalt, noch endlose Action, noch krasse Sprüche im Sekundentakt. Alles wirkt wohldosiert und immer mit Blick auf Glaubwürdigkeit und Psychologie der Charaktere versehen. Wenn man aufgrund seiner filmischen Vorerfahrung glaubt zu wissen wie es ungefähr weiter geht, wird man immer wieder eines besseren belehrt. Olsens Werk ist nun einmal kein ewig wiedergekäuertes amerikanisches Werk, es ist original europäisches Kino, genau so wie es sein soll und genau mit den Stärken punktend, für welches europäisches Kino bekannt ist. Reinschauen lohnt!  OFDb

20.10.2013

REPTILICUS (1961)

Oh, welch positive Überraschung ist mir mit „Reptilicus“ begegnet. Trotz durchaus vorhandenem Trash-Gehaltes der unfreiwilligen Art haben wir es hier mit einem kleinen Hit des Monsterfilms zu tun. „Reptilicus“ ist der dänische Versuch am Erfolg vergleichbarer Filme aus Japan und Amerika, begonnen mit „Panik in New York“ und entfacht durch „Godzilla“, anzuknüpfen, um auch etwas vom finanziellen Erfolgskuchen abzubekommen. Ich habe die amerikanische Fassung gesehen, in welcher das Biest nicht fliegen kann, stattdessen aber Schleim spuckt, was es wiederum in der dänischen Fassung nicht kann.

Was zunächst einmal auffällt, ist die lobenswerte Einführung ins Geschehen. Der Film beginnt ruhig, baut zunächst einmal Atmosphäre auf und widmet sich den Figuren, deren Darsteller nicht negativ auffallen, was im Monsterfilm der 60er Jahre nichts selbstverständliches ist. Im Laufe der Handlung gibt es gar richtig spannende Szenen zu sichten und nicht nur die übliche Zerstörungsorgie. Auch die Musikuntermalung ist nicht ohne, und eine Prise Humor wurde ebenfalls hinzugegeben. Von seiner Konkurrenz unterscheidet sich der dänische Echsenstreifen jedoch in erster Linie inhaltlich bezüglich der Problematik das Urtier aufzuhalten. Reptilicus kann man nicht einfach bombardieren, da sich aus den zerstörten Teilen jeweils neue Geschöpfe bilden könnten.

Interessanter Weise ist „Reptilicus" im Gesamtergebnis trotzdem „nur“ wieder ein ganz netter Streifen geworden, scheitert er für mehr doch an dem, weshalb man ihn ursprünglich gucken wollte, an dem Monster. Nicht, dass der Film nach dem ersten Drittel keinen Spaß mehr bereiten würde, schließlich wird er ab dem Erscheinen der Kreatur ein prima Monster-Trashfilm. Aber er hätte vorher das Zeug zu mehr gehabt, das Zeug zu dem was man ihm vor der Einleitung gar nicht zugetraut hätte. Vielleicht kann man ihn da ein wenig mit "Phantoms" vergleichen, denn auch dort wurde die zunächst aufgebaute Spannung im Laufe der Spielzeit gegen das Monster eingetauscht. „Phantoms“ hatte den Vorteil dass die bei ihm vorhandene Kreatur nicht lächerlich wirkte. Das Urtier aus „Reptilicus“ jedoch schon.

Die Ärmchen des Viehs sehen auf dem ersten Blick so aus, als würde das Monster eine Halskrause tragen. Auf dem zweiten Blick wirkt es nur noch putzig und in seiner gescheiterten Art so lustig unnötig mit seinem Makel. Der in der US-Fassung ausgespuckte Schleim der Kreatur ist gezeichnet und, da in der eigentlichen Version nicht vorhanden, erfährt der Zuschauer bis zum Ende des Films auch nichts von dessen Wirkung. Die Leute werden angespuckt, das gemalte Grün wird größer und größer, bis es sich schließlich bildschirmfüllend ausgeweitet hat, und dann geht der Film an anderer Stelle weiter.

Lustig ist auch, dass die Flugszenen der dänischen Fassung zwar hinausgeschnitten wurden, die Bodentruppen das Vieh aber fleißig mit Flugabwehrgeräten bekämpfen. Momente wie diese outen die US-Version als die unfreiwillig komischere von beiden, was nach Sichtung des Kurzärmchen-Dinos zwar nicht mehr nötig gewesen wäre, aber welcher Trash-Fan freut sich nicht über noch mehr Nonsens?

Doch Trash-Spaß hin oder her, mit der Gestaltung der Kreatur hätte man sich dennoch mehr Mühe geben können. Das Gesicht ist starr. Nur der Mund geht auf und zu und dies auch nur sehr schleppend. Die Animation des Viechs ist also ziemlich banal, was man Dänemark als unerfahrenes Land in Sachen Monsterfilm vielleicht noch verzeihen könnte, aber dass Reptilicus zu klein ausgefallen ist, ist schon ein Fehler den man besser vermieden hätte. Die Pappkulissen überzeugen bei seiner Größe nicht, und die Glaubwürdigkeit, dass menschliche Waffen nichts nutzen, schwindet beim Anblick des zu kleinen Riesen.

Aber wie oben erwähnt besitzt „Reptilicus" auch seine Pluspunkte und diese auch außerhalb schadenfreudigem Unvermögens. So beginnt beispielsweise die Schlacht Militär gegen Riesenechse, trotz ruhigem Einstieg zu Beginn, bereits etwa nach 35 - 40 Minuten, kurz nach dem ersten Auftauchen der aus dem Schwanz neu entstandenen kompletten Kreatur. Monsterfilm-Fans sind also keinesfalls mit dem Gucken dieses Streifens falsch beraten. Einziger Haken an der Sache: man muss ihn auf englisch gucken. In Deutschland ist er leider nie offiziell erschienen, und das obwohl Dänemark Deutschland doch viel näher ist als Japan und Amerika. Ach, verstehe einer die deutsche Kinokultur!  OFDb

20.01.2013

STRINGS (2004)

König Kahro nimmt sich das Leben. Sein Bruder Nezo lässt den Suizid jedoch wie einen Mord aussehen, begangen vom Führer eines verfeindeten Volkes. Damit beschwört er einen Krieg herauf. Hal, der Sohn des Königs, zieht hinaus den Tod seines Vaters zu rächen und muss entdecken, dass weit mehr als der Hintergrund des Königs-Todes eine Lüge war...

Ewig an der Strippe hängen...
 
Schaut man sich den Bereich des Animationsfilmes in seiner weitreichenden Deutung an, so sticht neben dem Zeichentrick und der Computeranimation heutzutage fast nur noch die Knetanimation hervor, ein faszinierender Bereich, der solch gelungene Filme wie „Der Sinn des Lebens für 9,99 $“ und „Mary und Max“ hervorbrachte. Was den Puppentrick betrifft, so gibt es neben diverser Muppets-Filme fast nichts mehr zu entdecken, und der Sub-Bereich des Marionettenfilms ist außerhalb der Augsburger Puppenkiste ein fast unangetasteter Bereich. Mit „Strings“ wagt man sich aber nicht nur an dieses vernachlässigte Genre, man wollte zudem eine reife Geschichte präsentieren. „Strings“ sollte keineswegs ein Kinderfilm werden, aber zumindest schloss man Jugendliche mit ins Zielpublikum ein.

Das macht das fertige Werk für den erwachsenen Zuschauer aber keineswegs zu kindlich, denn die Geschichte ist eng an der Basis klassischer Erzählungen und Sagen orientiert. Der Tod eines Königs, Hochverrat, Krieg, Liebe und Intrigen. Bös betrachtet gibt es da zunächst nichts was man zuvor nicht schon einmal erzählt bekommen hat. Aber die altbekannte Geschichte um die eben aufgezählten Faktoren ist abenteuerlich und gefühlvoll umgesetzt, teilweise ein wenig kitschig zu schauen, aber das dürfte gerade dem Publikum, dem es eigentlich zu japanischen Zeichentrickfilmen zieht, gerade recht kommen. „Strings“ guckt sich trotz der bewährten Rezeptur nie uninteressant und hat einen schnell in den Bann seiner schlichten Geschichte gezogen.

Allerdings hat Regisseur Anders Ronnow Klarlund, der keineswegs nur im Animations-Genre unterwegs ist, einen Kniff parat, der aus dem Film mehr macht als eine klassische Geschichte, die man in der Ausnahme mal mit Marionetten verfilmt hat. So wie erzählt könnte die Story nicht als Kostüm-Film mit echten Darstellern gedreht werden, denn die Fäden der Puppen kleiden nicht umsonst den Titel des Films, sie sind einer der entscheidenden roten Fäden (herrliches Wortspiel) des fertigen Streifens und setzen viele Regeln in einer Art Paralleluniversum fest, das von Marionetten bevölkert wird.

Wer sich zunächst also gewundert hat, warum die Fäden an denen die Puppen hängen nicht wenigstens ein bisschen retuschiert wurden, der wird sehr bald feststellen, dass die Schnüre mit zur Handlung gehören. Da darf augenzwinkernd auch mal innerhalb des Filmes das Sprichwort um den seidenen Faden fallen und sich manche Unlogik einschleichen wie Marionetten, die sich unter Wasser verstecken und trotz der Fäden in der Luft von ihren Feinden nicht entdeckt werden, aber das Rezept geht auf, entsteht um die Marionettenfäden doch eine eigene Mystik, die aus vielen verschiedenen Blickwinkeln weitergesponnen wird.

Wir erfahren wie Marionetten sterben, erleben aber auch das Gegenteil, die Geburt. Wo die Fäden enden erfahren wir nicht, auch über eine Gottheit, die das Schicksal der Figuren lenkt, wird nicht gesprochen. Vielleicht ganz gut so, dann kann der Zuschauer sich ein bisschen mit diesen offenen Fragen beschäftigen. Aber dass Schicksale oben nicht mehr sichtbar im Himmel miteinander verwoben sind, wird sehr wohl thematisiert. Schön sind auch die kleinen Gimmicks zu betrachten, wie beispielsweise ein Kinderspiel, in welchem sich zwei Kinder verheddern und die Mutter sie wieder entknoten muss. Schön auch die Idee, dass Figuren sich an ihren eigenen Fäden hochziehen oder gar die Verbundenheit mit anderen Personen dafür ausnutzen können, den uns bekannten physikalischen Gesetzen, denen wir als Menschen unterlegen sind, zu trotzen.

Da ging man insgesamt also recht einfallsreich zur Sache, was das Bekannte der Geschichte auszugleichen weiß. Schön wäre es dennoch gewesen diese Idee in einer innovativen Geschichte zu erleben, aber was will man da meckern, wenn das Ergebnis sich so angenehm guckt wie hier.

Die Puppen selbst sind schlichte Marionetten. Ihre Augen können auf und zu gehen, der Mund macht selbiges nicht. „Strings“ soll ein Marionettenfilm sein und entfremdet dafür nicht all zu sehr das was wir auch darunter verstehen. Die Figuren sind recht liebevoll geschnitzt, aber nun einmal steif wie eine Marionette sein muss. Das mag manchem Schwierigkeiten bei der Konzentration des Zuschauens bescheren, zumal sich manche Stimmen ähneln und sich bei Gruppenaufnahmen wie eben erwähnt nie Münder bewegen. Namen und Gesichter merken ist also wichtiger denn je, und aus anfänglicher Konzentration aufgrund des fremd wirkenden Materials wird ziemlich schnell ein unterhaltsamer Film, dem man die Länge eines Spielfilms kaum mehr anmerkt.

Wer klassisches Marionetten-Theater in einer klassischen Geschichte mit einer modernen Grundidee sichten will, ist bei „Strings“ auf jeden Fall an der richtigen Adresse. Selbst der Himmel darf in jeder traurigen Szene weinen, so nah baut man am bewährten Rezept einer emotionalen wie abenteuerlichen Geschichte für die ganze Familie (ab 12 Jahren) auf. Die Kulissen sind schlicht aber überzeugend, die Musik passend klassisch gewählt, Schnitt und Inszenierung förderlich für den Sehwert. Dass Szenen wie die Schlachten im Krieg im Marionetten-Stil nie ganz so imposant umgesetzt werden können wie mit manch anderer Animationsmethode, dürfte aber klar sein. Klarlund arbeitet lediglich innerhalb der Grenzen des von ihm gewählten Stilmittels. Fremd getrickst wird hier nur für die seltenen Aufnahmen aus der Ferne.  OFDb

21.11.2012

ALIEN TEACHER (2007)

Eine Schulklasse bekommt die bösartige Vertretungslehrerin Ulla aufgedrückt, die sich bei Eltern und Kollegen liebenswürdig gibt. Der Schüler Carl, der unter dem Tod seiner Mutter leidet, beobachtet eines Tages wie Ulla einen Menschen aus einer Kugel zieht. Die Lehrerin ist eine Außerirdische. Seine Mitschüler kann Carl schnell überzeugen, aber die Erwachsenen wollen von diesem Unsinn nichts hören...

Des Menschen höchstes Gut...
 
In gut fotografierten Bildern, die mit einem Filter in stimmigen Farbtönen gehalten werden, wird uns eine Geschichte erzählt, wie sie auch aus Amerika kommen könnte bzw. auch schon des öfteren kam. So erinnert der Grundkern ein wenig an „The Faculty“ und der Hauptteil des Films (nicht nur durch seine familienfreundliche Inszenierung) an „Meine Stiefmutter ist ein Alien“. Dass es bei einem Film jedoch nie allein auf die Geschichte ankommt, beweist Regisseur Ole Bornedal, der uns vor Jahren mit „Nightwatch – Nachtwache“ das Gruseln lehrte und sein Können in diesem Bereich auch in diesem Kinderfilm anwendete. Denn eins sei vorab gesagt: „Alien Teacher“ ist ein Werk für ältere Kinder.

Wie erwähnt kommt es bei einem guten Film nicht nur auf die Geschichte an, und „Alien Teacher“ macht die Schwächen amerikanischer Produktionen, bzw. umgekehrt gesehen die Stärken europäischer Filme deutlich. Zunächst erleben wir einen frischen authentischen Kinder-Cast, der mit den unterschiedlichen Charakteren ein wenig an die 70er Jahre „Vorstadtkrokodile“ erinnert. Die Besetzung des Carl erinnert gar an die typische französischer Jugend-Dramen. Da auch die Erwachsenen nichts zu wünschen übrig lassen und mit Spielfreude ihre oft dick aufgetragenen Comic-Charaktere verkörpern, gibt es in Sachen Besetzung schon mal nichts zu meckern.

„Vikaren“, wie die Horror-Komödie im Originalen heißt, verzichtet zudem auf aufgedrückte Moral. Zwar hat auch diese Geschichte eine Botschaft, aber die bekräftigt die Kinderwelt und nicht jene der Erwachsenen, was ihm Parallelen zu „Pippi Langstrumpf“ beschert, ein Vergleich der eines Lobes gleichkommt. Dort wie hier wird sich über die Inkompetenz der Erwachsenen lustig gemacht. Kämpfte Pippi Langstrumpf mit übermenschlicher Kraft gegen einmischende Sozialtanten und Polizisten, denen das Einfangen eines frechen Mädchens wichtiger war als das Einfangen zweier entlaufener Ganoven, so muss Carl seinen erwachsenen Nervensägen eher hilflos zusehen.

Ob es da den unfähigen Seelenklempner gibt, der das Unheil dieser Welt in Filmen und Videospielen sieht, während er selbst den Werteverfall der Gesellschaft lebt, oder ob es die Fantasielosigkeit der Erwachsenen ist, bei Eltern sogar das fehlende Vertrauen in die eigenen Kinder, das häufig auch die Unkenntnis des Charakters des eigenen Kindes offenbart. Carl lebt in einer ignoranten Welt, in einer, in welcher die Großen sich auf das verlassen, was sie gelernt haben und dieses Bild aufrecht erhalten wollen, da es ihnen ein wohliges Gefühl von Sicherheit schenkt.

Nun ist Carl aber auch keine Heldenfigur. Zumindest dauert es, bis er zu dieser wird. Er selbst könnte passiver nicht sein, ist vielleicht auch deswegen der einzige, der nicht so laut über die Ignoranz der Eltern schimpft wie seine Mitschüler. Hauptgrund ist jedoch sein Desinteresse für alles, da er sich in Selbstmitleid suhlt seit seine Mutter verschieden ist. Doch das Leben geht weiter, und manch einer erkennt diese Tatsache erst, wenn das eigene bedroht ist.

Die Bedrohung lautet Ulla, und diese erforscht in außerirdischem Interesse die Liebe auf der Erde, da sie sich als starke Waffe entpuppt. Verraten tut uns dies eine einleitende Stimme aus dem Off, die dem Film einen Märchen-Touch bescheren möchte, der vorne wie hinten nicht nötig gewesen wäre, erst recht da Bornedals Werk an sich recht reif erzählt ist. Begeistert darf man zuschauen wie Kindern ihre Talente zugestanden werden, somit nicht komplett entmündigt werden, wie eine Geschichte sich keiner Moral unterordnen muss, sondern die Story selbst, so wenig innovativ sie auch sein mag, im Mittelpunkt steht.

Die guten Spezialeffekte dominieren nicht über die wesentlich wichtigeren Aspekte eines Filmes, die Charaktere wirken lebendig, und das tun auch die albernen und überdrehten wie Ulla, um endlich wieder auf sie zurück zu kommen. Paprika Steens überzogener Stil würde in einem erwachsenen Film wohl eher negativ wirken. In dieser familienfreundlichen Produktion ist ihr jedoch eine Glanzleistung geglückt. Giftige Blicke gemixt mit reiner Unschuld, bösartige Sprüche, die im Filmbereich ihresgleichen suchen und das in einer körperbetonten Art und Weise, wie sie einst Christopher Lloyd als Doc in „Zurück in die Zukunft“ an den Tag legte. Der hatte zwar mehr Möglichkeiten sich auszutoben als Steen, aber sie erkennt die Lücken der Fesseln um sich in ihnen auszutoben.

Der satirisch angehauchte Science Fiction begeht nie den Fehler zu kindgerecht werden zu wollen. Die Kleinsten sind als Publikum nicht erwünscht, das würde zu viele Kompromisse fordern. Bornedal geht es um das Wohl der Geschichte, und so grenzt er die Jüngsten aus, was wiederum dem Erwachsenen zugute kommt, der herzlich eingeladen ist sich ebenfalls unterhalten zu lassen. Selten wirkte eine familienfreundliche Horror-Komödie so charmant und witzig, so unverkrampft und politisch unkorrekt wie hier.

„Alien Teacher“ mag aufgrund des Kinderpublikums weichgespülter und harmloser sein als ein Horrorfilm für Erwachsene, aber er guckt sich nicht wie ein reiner Kinderfilm. Man muss nicht über viele Widersprüche hinwegsehen, oder eine naive Welt ignorieren, in der zum Schutz der Kinder wichtige Aspekte der Realität ausgeblendet werden. „Alien Tacher“ ist bissig und kurzweilig, und erwartet vom erwachsenen Zuschauer lediglich, dass er sich auf die Geschichte einlassen kann und eben jene Phantasie besitzt, die der Autor bei den meisten Mündigen vermisst.

Den Wermutstropfen bietet lediglich das Finale, eine Klassenfahrt, von der man sich gewünscht hätte sie wäre der Höhepunkt des Streifens geworden. Sie fängt auch gut an, wenn Kinder gegen ihren Willen von Eltern zum Schulbus gezerrt werden, und die Inszenierung dabei wirkt, als würde man dramatische Bilder eines Kriegsfilmes sichten. Doch kaum fährt der Bus los, wird die Geschichte routinierter. Carl entwickelt sich zum Einzelkämpfer, unnötige Gimmicks wie das Verspeisen einer unangenehmen Figur oder das Schrumpfen von Menschen sollen vom Leerlauf ablenken, und eine Kugel, die man am Rande erleben durfte, wird urplötzlich zu einer Wichtigkeit aufgebläht, die in der bisherigen Geschichte unter den Teppich gekehrt wurde.

In diesen letzten 20 Minuten vergeigt Bornedal nun die Möglichkeit einen großen Film abzuliefern. Er setzt „Alien Teacher“ Schranken und Grenzen, die er gar nicht nötig gehabt hätte. Nun wird es um so mehr von Vorteil, welche Pluspunkte der Streifen hatte. Denn nun tragen ein guter und natürlich wirkender Cast und die wundervolle Optik das Schicksal des Reststreifens auf dem Rücken und schleppen ihn passabel zur Ziellinie. Das ist noch mal gut gegangen, ärgerlich bleibt ein solches Schluss-Szenario dennoch.  OFDb