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10.08.2024

THE SEX TEACHER (2014)

Eddie arbeitet nach seinem Mathelehrer-Referendariat lediglich in einem Bagel-Shop, da es keine freien Stellen gibt. Als er zumindest eine als Lehrer für die Nachsitzklasse ergattern kann, stellt er mit Entsetzen das Nichtwissen der Schüler über jegliches wissenschaftliches Sexualwissen fest und unterrichtet sie von nun an darin. Privat kämpft er währenddessen darum seine Jungfräulichkeit zu verlieren. Die ältere Schwester eines begeisterten Schülers kommt für ihn als Kandidatin in Frage...

Unterricht der sexten Sinne...

Haley Joel Osment kennt man hauptsächlich als den kleinen Jungen aus "The Sixth Sense". Mit seinem runden Gesicht und den kleinen, bubenhaften Knopfaugen wirkt er auch als Erwachsener unglaublich brav und ist mittlerweile meist eher in Nebenrollen anzutreffen, so z.B. in "Tusk" und "Extremely Wicked, Shockingly Evil and Vile". Da erfreute es mich umso mehr zu hören, dass er seinerzeit in "The Sex Teacher" die Chance auf eine Hauptrolle bekam. Die Figur des jungfräulichen Lehrers schien zu seinem Aussehen zu passen, und die Geschichte um einen Sexuallehrer, der selbst noch keinen Sex hatte und sich aufgrund seines Unterrichts mit dem Pfarrer des Bezirks anlegt, klang banal aber nett. Letztendlich ist der von Regisseur Issac Feder umgesetzte Film auch entsprechend ausgefallen. Das Drehbuch arbeitet eher die Standardelemente dieser Geschichte klassisch ab, bietet aber solide Unterhaltung, und dies obwohl sich einige Ärgernisse eingeschlichen haben. 

Am übelsten mutet das obligatorische, finale Verteidigen der Schüler gegenüber den Verantwortlichen für den Rausschmiss ihres Lieblingslehrers an, da es in Wirklichkeit aufgesagte Botschaften an das Publikum sind, nicht altersgerecht vorgetragen wird und als reines Klischee inszeniert ist. Außerdem verstehe ich nicht, warum ein Werk wie dieses, das meist auf die stille Situationskomik und die Gefühlswelt seiner Hauptfigur setzt (wenn auch klassisch oberflächlich angegangen, anstatt per Empathie und Psychologie), am Rande immer wieder auf laute Sexualkomik setzt, wie sie für einen Jonah Hill-Film üblich wäre und bereits dort als Humorkonzept eher nervt, anstatt zu überzeugen. Mit der Nebenfigur des (ehemaligen) Mitbewohners findet sie zwar ihr Zentrum, wird aber auch an manch anderer Stelle ungünstig eingebracht. Positiv fällt hingegen der Umgang mit der Love Interest auf, der einen anderen Ausgang nimmt, als es für diese sonst auf übliche Sehgewohnheiten setzende Komödie üblich wäre. Eine ähnliche Konsequenz wäre für die Zukunft des Unterrichts wünschenswert gewesen, denn bereits Eddie argumentiert zurecht, dass er der Falsche für diesen Job ist. 

Wer also so gut wie keine Überraschungen benötigt und nach der Arbeit gern einmal leicht und anspruchslos unterhalten werden will, der kann "Sex Ed" (Originaltitel) ruhig eine Chance geben. Ob er funktioniert oder nicht liegt eher daran, ob man die Figuren mag. Die ungelenke Art, wie die Liebesgeschichte erzählt und gespielt ist, ist jedoch Absicht, darüber also bitte erst am Ende des Streifens urteilen.  OFDb

09.05.2024

EXTREMELY WICKED, SHOCKINGLY EVIL AND VILE (2019)

Der neue Freund der alleinerziehenden Liz, scheint ein echter Glücksfall zu sein. Als er jedoch ins Visier einer landesweiten Suche nach einem Mehrfachmörder gerät und es der Anschuldigungen und Indizien immer mehr gibt, beginnt sie an der Unschuld von ihm zu zweifeln...

15 Jahre Selbstvorwürfe...

Filme über Serienkiller, die wirklich existierten, sind für mich immer so eine Sache für sich, wird man doch meist zum Voyeur von etwas Abscheulichen, während die Produkte, die sich als informativ verkaufen wollen, eher reißerischer Natur sind. Joe Berlinger, der schon mit "Blair Witch 2" einen unerwarteten Kurs bewies, schafft mit "Extremely Wicked, Shockingly Evil and Vile" ein Werk über den seiner Zeit zum Popkultur-Phänomen gewordenen Massenmörder Ted Bundy, das nicht nur reflektiert und frei von reißerischen Elementen erzählt ist, sondern auch mit dem was er will eine Existenzberechtigung besitzt, einen Mehrwert, so dass dessen Sichtung zu etwas Nützlichem wird, anstatt einfach nur zur geistfreien Unterhaltung oder Mutprobe, wie so oft bei Werken zu wahren, äußerst brutalen Taten. Ted Bundy kennt man, selbst wenn man sich mit dem Thema Serienkiller nicht beschäftigt. Ich wusste wenig über ihn, nicht einmal wie extrem abscheulich seine Taten waren, und dass sein Fall seinerzeit medial sogar im Gerichtssaal übertragen wurde, er sich selbst immer wieder vor laufenden Kameras äußerte, und dass junge Frauen den Mann, aufgrund seines Charmes und seiner sexuell aufreizenden Erscheinung, selbst in der Spätphase vor der Verurteilung anhimmelten, für unschuldig hielten und/oder das Spiel mit dem Feuer, dem Verbotenen mochten. Es bildeten sich Gruppen verliebter Mädels vor und im Gerichtssaal, der Narzisst lebte seine Tarnung mit den Kameras über das direkte Umfeld hinaus aus. 

Und genau um diese Maskerade, diese Erscheinung, die Ahnungslose immer wieder um den Finger wickelt, geht es. Der Clou an dem nach einem Richterzitat benannten Drama ist der, dass wir, abgesehen von einer ganz kurzen Sequenz gegen Ende, nie die Taten des berüchtigten Serienkillers sehen, sondern nur sein angeblich braves Ich, welches er seinem privaten Umfeld, sowie den Polizisten, Richtern und medial der ganzen Welt, als unschuldig verkaufte. "Extremely Wicked, Shockingly Evil and Vile" macht, gerade durch den Umstand, hier einem realen Fall beizuwohnen, das zur Praxis, was Werke wie "Summer of 84" nur in der Theorie, in ihrem Schlussfazit äußern können: du kannst das Böse nicht erkennen, es gibt sich nach Außen harmlos. Es kann dein Nachbar sein, dein Lebenspartner, er ist nach Außen nicht die Bestie, wie uns "Der Untergang" selbst am Beispiel Hitlers deutlich machte. Gerade der Narzisst unter den Psychopathen ist hervorragend getarnt, die Unschuld vom Lande, und deshalb gibt es derart viele Fälle, Fälle die nicht immer so mörderisch und extrem ausfallen wie am Beispiel Bundys zu erleben, aber dennoch Opfer hervorbringend, die in Therapie müssen. Der hier besprochene Film ruht sich jedoch nicht nur damit aus uns lediglich der Tarnung Bundys beizuwohnen, mit seinem Stilmittel der flotten Inszenierung, die regelrecht unterhält und kurzfristig auch belustigende Momente beinhaltet, verführt er zudem den Zuschauer. Man kennt den Namen Bundy, weiß er ist ein Killer, aber wer sich nicht gerade sehr gut in der Materie dessen Taten auskennt, könnte in einigen Momenten einen Justizirrtum vermuten, trotz all des Wissens zum Namen Ted Bundy vor dem Film sitzend. Wir können Zweifel bekommen, denn wir erleben weder Taten noch direkte Beweise, stets nur Anschuldigungen und Indizien. Dennoch ist es da, das ungute Gefühl, so wie wir meinen etwas Verdächtiges im Tun und der Art Bundys wahrzunehmen. Wer exakt hinschaut (wenn nicht, dann intuitiv anmutend) kann winzige Augenblicke wahrnehmen, in welchen man einen Blick hinter die Maske werfen darf. Ich selbst habe solche, wenige Momente erst beim zweiten Sichten bemerkt. 

Kurzum ist Berlingers Film ein Film der Warnung, ein Beweis für die perfekte Maskerade, die tückische Täuschung, und durch den Blickwinkel von Liz (nach deren Buchvorlage das Ganze verfilmt wurde) für das erschreckende Erwachen, dem man als Opfer ausgesetzt ist, selbst wenn man glimpflich davon kommt, eben weil das Monster neben einem, nicht wie ein solches aussah. Im Falle von Bundy war es ein verständnisvoller Liebhaber, ein intelligenter Jurastudent und ein Mann mit einem Herzen für Kinder. Dass man über den hier so fantastisch angewandten Filmstil der Verführung nicht nur fragwürdige Personen schmackhaft machen kann, sondern auch ein komplett fragwürdiges System, bewies anbei der völlig unterschätzte "Die Welle" von 2008. Wie nah "Extremely Wicked, Shockingly Evil und Vile" an den Tatsachen dran ist, zeigt ein Blick auf den Abspann, der uns die wirklichen medialen Aufnahmen auszugsweise von einst zeigt. Dennoch gibt es freilich interpretierte Momente, sowie angebliche Fakten, die nur durch Liz bezeugt werden können. Ob ihre Behauptung stimmt, Ted hätte ihr gegenüber, auf einer Glasscheibe geschrieben, Jahre später einen Mord gestanden, darf aber wohl angezweifelt werden, zumindest wenn die Situation wie hier im Film dargeboten stattfand. Sie wirkt, ist ein stark emotionaler Moment in diesem sehr geglückten Film, aber psychologisch will ein derartiges Verhalten nicht ins Muster eines Narzissten passen. Mit dieser wackeligen Szene hätten wir aber auch den einzigen Schwachpunkt des Filmes benannt - vielleicht noch mit Ausnahme der Besetzung des Staatsanwaltes Simpson, in welchem ich aufgrund des Mangels an optischer Entfremdung leider immer wieder nur Sheldon Cooper wahrnahm.  Wiki

17.11.2018

THE SIXTH SENSE (1999)

Ich wusste durch mehrere damalige Sichtungen, dass M. Night Shyalaman mit "The Sixth Sense" ein hervorragendes, zu Recht gefeiertes Werk abgeliefert hatte. Wie genial der Streifen tatsächlich ausgefallen ist, wurde mir erst jetzt beim erneuten Sichten nach etlichen Jahren wieder bewusst, ist der berühmte Film, mit dem Haley Joel Osment kurzzeitig zum Kinderstar wurde, doch psychologisch äußerst raffiniert ausgefallen und höchst sensibel umgesetzt. Im Netz klagen oft Leute sie hätten die finale Überraschung längst vorausgesehen, dabei wird gerne übersehen, dass sie aufgrund von Inhaltsangaben und/oder dem Sichten des Trailers auf den Film gestoßen sind, welche eine Information herausgeben, die Autor und Regisseur Shyalaman bewusst erst zu einem bestimmten Zeitpunkt preisgibt, in welcher der nicht zuvor informierte Zuschauer sie aus einem anderen Blickwinkel annimmt, da das Buch das scheinbare Zentrum der Geschehnisse auf ganz andere Bereiche lenkt. Wer es schafft "The Sixth Sense" heutzutage ohne das Wissen um Coles Geheimnis, erstmals zu sichten, was kaum möglich ist, so sehr wie die finale Wendung zur Blaupause heute üblich erzählter Streifen wurde, der wird wahrlich staunen, seinen Sinnen kaum trauen und den Film ein zweites Mal gucken müssen, um zu überprüfen ob das was dort behauptet wird überhaupt stimmen kann.

Die Genialität dieses Werkes darauf zu reduzieren wird dem Film freilich nicht gerecht, geht das Drehbuch doch auch in vielen anderen Punkten raffiniert vor, indem immer wieder Ablenkungsmanöver und vom Zeitpunkt her perfekt gesetzte, scheinbar nebensächliche Informationen eingearbeitet werden, was durch das für den Zuschauer zu enträtselnde Szenario möglich ist, dass uns die Wahrheit hinter Vermutungen stets schrittchenweise offenbart. Ob der Junge ein psychologische Störung hat oder seine Probleme weit darüber hinausgehen bleibt auch mit Lüften seines Geheimnisses eine gute Zeit lang eine unbeantwortete Frage. Aufgrund der Hauptorientierung auf das Genre Drama werden Herangehensweisen möglich, die in einem thrillerdominierenden Stoff undenkbar, bzw. weit überraschungsärmer umzusetzen gewesen wären, als es Shayamalan auf dem sensiblen Wege gelingt. Mit Blick auf diesen Schwerpunkt wird auch die Leistung der beiden Hauptdarsteller bewusst. Osment beweist mit jungen Jahren ein erstaunlich bewusstes Spiel mit seiner nicht leicht zu greifenden Rolle, was davon ablenken kann Bruce Willis sensibles Spiel wahrzunehmen, welches wieder einmal zeigt, dass er zu weit mehr in der Lage ist als einzig den Actionhelden zu mimen. Sein Spiel hat mich tief berührt und mir bewiesen, dass er nicht nur ein vielschichtiger Schauspieler ist, sondern tatsächlich auch ein sehr guter.

Der richtige Mix aus Grusel und Drama, der erst nach der Auflösung gegen Ende den Jungen betreffend eine Spur zu theatralisch ausgefallen ist, so dass leider erstmals die Grenze zum Kitsch überschritten wird, macht aus "The Sixth Sense" einen höchst unterhaltsamen Film. Die gekonnte Empathie, ebenso wie die raffinierte Psychologie bezüglich der Geschichte, des ablenkenden Spiels mit dem Publikum und die Gefühlstastatur, auf welcher Shyamalan mit dem Zuschauer spielt, machen aus dieser Kurzweile eine intelligent erzählte intellektuell bereichernde Erfahrung. Dass dem Autor all dies gelingt liegt jedoch auch daran, dass er sich an ein Publikum wendet, welches bereits durch Hollywood zu bestimmten Sehgewohnheiten erzogen wurde. Das zeigt sein gekonnter Trick mit der Eingangssequenz, von der man glaubt sie würde nur deshalb eingebaut, um Crows pseudo-dramatische Wiedergutmachung mit dem ehemaligen Patienten über Cole zu thematisieren. Erst durch diesen Trick mit Hollywoods flachem Dramaturgiemechanismus akzeptiert man Crows persönliches Problem mit seiner Ehefrau, ohne zu hinterfragen warum dieser Aspekt so dominant in die Geschichte einfließt. Allein deswegen hat "The Sixth Sense" es verdient, ausgerechnet in Amerika entstanden, die Mainstreamprodukte dieses Landes qualitativ weit hinter sich zu lassen.  OFDb

02.10.2016

TUSK (2014)

Der Aufhänger des Films klingt nach hartem Tobak, und so könnte man fälschlicher Weise vermuten „Tusk“ wäre eine Horror-Komödie oder würde in der Modewelle des Trashfilms mitschwimmen. Aber beides trifft nicht zu. „Tusk“ ist bizarr, „Tusk“ ist grotesk, humoristisch genug um ihn als Komödie zu sehen ist er jedoch nur zu Beginn in der Figur des Podcasters, eben weil dieser eine flinke Zunge besitzt und keine moralischen Grenzen zu kennen scheint. Aufgrund letztgenannter Eigenschaft kommt aber selbst dieser humoristische Aspekt recht bitter daher, lässt den Film aber dennoch recht locker flockig beginnen. Flotte Sprüche und freches Fehlverhalten wechseln sich ab oder paaren sich, so dass der Zuschauer mit Vorkenntnissen der Geschichte sich im Glauben bestärkt fühlt, es ginge immer so humoristisch weiter.

Doch weit gefehlt, „Tusk“ wird eine bittere Extremerfahrung für den zartbesaiteten Zuschauer, zumindest wenn er Filme wie „Blutgericht in Texas“ und „Calvaire - Tortur des Wahnsinns" nicht kennt, lenkt der ungewöhnliche Aufhänger von „Tusk“ den Kenner des Genres doch nicht davon ab, dass wir eigentlich lediglich der x-ten Version der Geschichte um einer von einem Wahnsinnigen festgehaltenen Person beiwohnen, was nun wahrlich nichts Neues im Horrorfilmbereich ist. Neu ist lediglich, dass der Stammzuschauer zunächst nicht vermutet einen solchen Film zu sichten, eben weil der Streifen so entspannt und humoristisch beginnt. Anders als in den meist anderen Werken dieser Thematik ist zudem die Konsequenz dessen was geschieht extremer, denn die Taten des Psychopathen neigen sich nur selten so stark der Vollendung dessen kranker Pläne, wie es in „Tusk“ der Fall ist.

Von daher lenkt die schräge Walross-Grundidee ein wenig von der tatsächlich vorhandenen Banalität ab. „Tusk“ ist anders und doch recht gewöhnlich ausgefallen. Die verrückte Grundidee birgt weitere mit ihr einhergehende skurrile Zusatzideen, dennoch bleibt die Geschichte an sich doch seinen Vorbildern arg treu. Während der aufgeschlossene Gelegenheitsgucker des Horror-Genres sicherlich die Leiden des Helden auf intensivere Art miterlebt, so wie auch „The Human Centipede“ dazu einlädt, schaut sich „Tusk“ für den erfahrenen Horror-Zuschauer jedoch nicht extrem beklemmend und unangenehm, zumindest nicht so stark wie meine vorhin geäußerte Formulierung Extremerfahrung suggeriert. Immerhin bleibt mit der Figur des erst spät in die Geschichte stoßenden Ermittlers und der ohnehin grotesken Grundidee immer eine Spur Resthumor zur Auflockerung der Verhältnisse enthalten, was dafür sorgt dass trotz der drastischen Bilder die man zu sehen kriegt man eher einer flotten, entspannten Geschichte beiwohnt als der Tortur eines „Calvaire“.

„Tusk“ ist anders und ist es doch wieder nicht. Er lockt mit etwas Neuem um Altbekanntes im neuen Gewand zu bieten, angereichert mit provokanten Eigenschaften und Erweiterungen der bislang gesetzten Regeln. „Tusk“ ist weder Partykracher, noch wird er mit seinen Neuerungen zum neuen Meilenstein an den sich künftige Werke messen müssen. Dank einer guten Grundstimmung und einer begrüßenswert gut ausgewählten Besetzung, in der jeder zu überzeugen weiß, ist Kevin Smiths Horrorbeitrag aber zumindest gut gourtierbar.

Hatte der gute Mann 3 Jahre zuvor noch mit „Zack and Miri Make a Porno“ aus einer gewagten Idee völlig überraschend und untypisch für den Regisseur Mainstream abgeliefert, so passiert ihm dies bei „Tusk“ trotz der gewöhnlicheren Ebene als vermutet nicht. Sein Film ist ungewöhnlich genug um zu locken und ungewöhnlich genug um bis zum Schluss die Neugierde aufrecht zu erhalten. Mittendrin ist er allerdings unerwartet banal, um es einmal sehr streng auszudrücken.

Dass ich mit dieser Äußerung nicht wirklich übertreibe, zeigt sich in der Psychologie des Bösewichts, der zwar stets gewollt pseudo-philosophisch über die Menschheit herzieht (eine wundervolle Idee), dabei aber nicht zum Nachdenken anregt oder Gut und Böse vermischt oder gar vertauscht. Innen verbirgt sich nichts was es Außen nicht zu entdecken gibt. Die Psychologie bleibt banal. Wo andere Filme aus dem Opfer und mit ihm aus der kompletten Gattung Mensch das Monster machen und aus dem Vorleben des Psychopathen das Opfer, da bleibt „Tusk“ trotz diesbezüglich möglicher Grundlagen der äußeren, oberflächlichen Linie treu. Zu grotesk ist die Weltsicht des Seemanns und zu bizarr seine Vorgeschichte, als dass man sich in sie einfühlen könnte, um das Leid dahinter zu verstehen. Dies klingt lediglich kurz in den sehr direkten Worten über seine Kindheit im Heim an. Alles was auf See folgen soll, sprengt den empathischen Rahmen und lässt es nicht zu, dass „Tusk“ psychologische Tiefe erlangt.

Damit bleibt das Opfer Opfer und der Täter Täter, ganz schlicht gehalten, was erneut eine untypische Eigenschaft in einem sonst überraschend typischen Film ist. Da Kevin Smiths Werk aber nie den Eindruck macht den von mir vermissten Aspekt zu wollen, geht das auch in Ordnung. Mehr noch, dieser Verzicht wirkt sogar gewagt in einer Welt, in der jeder Cineast geil drauf ist die Tiefen eines Filmes analytisch herauszufischen und in einer Review intellektuell angehaucht zur Diskussion zu stellen. „Tusk“ ist flach und steht dazu, und gewinnt damit ironischer Weise mehr Tiefe als vermutet.

Das ist so bizarr wie der Film selbst, mag vielleicht sogar raffiniert sein, sofern es beabsichtigt ist, immerhin zeigt der Film an vielen Stellen auf, dass er keinesfalls geistfrei umgesetzt ist. Allerdings ist der Effekt des Tiefegewinns durch psychologische Oberflächlichkeit nun kein nennenswerter Eckpfeiler, der das Genre zukünftig verändern wird. Somit bekommt diese ungewöhnliche Eigenschaft damit eine direkte Verwandschaft zur grotesken Grundidee der Geschichte: sie ändert nichts daran, dass „Tusk“ überraschend gewöhnlich ausgefallen ist - zumindest für einen Film um einen Mann, der in ein Walross verwandelt wird.  OFDb

Nachtrag:

Beim zweiten Gucken hat mir "Tusk" wesentlich besser gefallen, konnte ich mich doch mehr auf die leisen Töne konzentrieren, und die haben es in sich. Eine tolle Kameraführung, eine wesentlich gewitztere Psychologie als nach dem ersten Gucken bemerkt und jede noch so kleine Rolle so hervorragend besetzt, dass selbst jede kleinste Szene großartig gemeistert wurde, kurzum: was der Geschichte an mancher Stelle an Innovation fehlt, macht der Film durch Professionalität und treffsicherem Augenzwinkern wieder wett.