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13.08.2024

THE HOLE IN THE GROUND (2019)

Sarah zieht mit ihrem Sohn Chris in ein Häuschen am Waldrand. Eines Tages ist Chris im Wald verschwunden. Die Mutter sucht verzweifelt überall, und kann ihn schlussendlich auch finden. Aber er kommt ihr verändert vor. Ist das so, oder lässt sie sich lediglich von der Geschichte einer alten Dame vor Ort beeinflussen, die einst ihr Kind tötete, da sie behauptete, es sei nicht mehr ihres gewesen?...

Kuckuckskind?...

Sich merkwürdig verhaltene Kinder sind eigentlich immer ein Trumpf in Horrorfilmen. Und die wundervollen Aufnahmen eines um optisch hohen Niveaus bemühten Gruslers machen einen den Einstieg leicht in einen stimmungsvollen Streifen, der ziemlich routiniert auf Arthaus-Art erzählt, was der treue Genre-Freund schon des öfteren sah. Am ehesten erinnert der in Irland inszenierte Streifen an den mexikanischen "Here Comes the Devil", der knallhart, aber ebenso künstlerisch wertvoll, umgesetzt war. Der gefällt mir auch gleich um einiges besser, wird die Auflösung des hier besprochenen Filmes bei ihm doch zum Umbruch in der Handlung. "The Hole in the Ground" hält viel zu lange hin, schafft dies einige Zeit, ohne zu dröge zu wirken, überrascht sogar mit einer plötzlichen und schockierenden Ehrlichkeit des Imitators, aber der Schaden, den seine Geschichte durch die zögerliche Herangehensweise nimmt, liegt nicht im durchaus stimmigen, gestreckten Teil, sondern in jenem, indem die Mutter per Abstieg in das titelgebende Waldloch die Wahrheit erfährt. Hier wird jegliche Erkenntnis zu schnell abgefrühstückt. Trotz der Begegnung mit etwas Unbekanntem und der Unkenntnis dessen was hier warum passiert ist, weiß sie was zu tun ist. Trotz des schwierigen Umstands eines zu rettenden Körpers und dem Fortbewegen in einem arg engen Erdtunnel, schafft sie mit links, verfolgt vom aggressiven Unbekannten, das hier vor Ort heimisch ist, sich besser auskennt und entsprechend Erfahrung im Fortbewegen und der Orientierung im Erdreich hat, das Erreichen eines Happy Ends. Kurzum wird der Streifen im letzten Viertel arg unglaubwürdig und verspielt die Chance mit dem Umgang einer uns unbekannten Mythologie. Die Geschichte lässt nicht nur jene Fragen offen, die den Zuschauer fantasievoll, verträumt zurücklassen, sie unterschlägt auch jene Antworten, welche die Geschichte benötigte, um die Taten und den Erfolg der Heldin zu rechtfertigen. Der ach wie künstlerisch wertvoll eingefangene Film in technischer und dramaturgischer Hinsicht, erweist sich somit als wesentlich oberflächlicher und psychologisch dünner, als der mexikanische Vergleichsfilm, der als das sanftere Werk seines Provo-Regisseurs gilt.  Wiki

07.01.2024

SUPERVIZED - HELDEN BLEIBEN HELDEN (2019)

Schon ungesichtet sympathisierte ich mit der Idee eines Altenheimes für Superhelden als Thematik eines humoristischen Blicks auf das nicht abklingende Phänomen von Superhelden. Als ich dann noch gelesen habe, dass "Supervized" (Originaltitel) neben der Beteiligung Großbritanniens eine irische Produktion ist, wuchs die Erwartung umso mehr, kommen doch recht geistreiche Sachen aus dieser Region. So erwartete ich eine treffsichere, wie menschlich gehaltene Satire. Doch schon nach wenigen Minuten Laufzeit bekam ich das beschert, was den Rest des Streifens so bleiben sollte: eine durchschnittlich einfallsreiche Umsetzung eines Stoffes mit vielen Möglichkeiten, bei dem man lieber auf vulgären Humor setzte, als auf niveauvollen. Da dürfen dritte Zähne beim Auspusten der Geburtstagstorte im Schritt eines Lästerers landen, der Besuch einer Toilette an Privatsphäre mangeln und die Prozedur des Sichauflösens als Superkraft im Alter einen schrecklichen Gestank entfachen, stets wird auf solch lauten, eher plumpen Humor gesetzt (wenn auch hin und wieder auf funktionierenden), anstatt auf feinsinnigen. Dementsprechend fällt der zwischenmenschliche Aspekt flacher als erwartet aus, trotz ernsterer Untertöne das Altsein betreffend und wie sehr man gesellschaftlich deswegen an den Rand der Vergessenheit gedrängt wird. 

Zwar kennt man sich recht gut im vielseitigen Bereich der Superheldenthematik aus für einen Rundumschlag an reflektierender Parodie (allein sämtliche Späßchen um den nie ernst genommenen Sidekick des zentralen Helden wissen zu gefallen), aber selbst dies greift trotzdem nie tief genug, stets grast man nur die simple Oberfläche ab, anstatt das vorhandene Potential tatsächlich zu nutzen. Gerade mit Blick auf den zu kurz kommenden Superschurken, der entgegen der Regel ebenfalls Platz im Seniorenheim für Superhelden erhält, finde ich diese Herangehensweise schade. Sie zeigt sich auch im sehr reizvollen Hintergrund der Verschwörung die es aufzudecken gilt, deren Erstauflösung im Drogenmilieu der interessantere Ansatz gewesen wäre, als die herrlich comichaft übertriebene, tatsächliche Auflösung. Die Art wie der Aggressor des Streifens besiegt wird, kommt zudem zu plötzlich und simpel, leider wie auf Stichwort, so dass selbst das Finale zu viele Möglichkeiten verpuffen lässt. Am besten funktioniert "Supervized - Helden bleiben Helden" eigentlich immer dann, wenn die Restsuperkräfte zum Einsatz kommen, die einfach nicht mehr so wollen wie zu Bestzeiten. Dass aber selbst sie immer dann besser und schlechter funktionieren, wie es das Drehbuch gerade der Einfachheit halber benötigt, lässt sogar diesen wundervollen Aspekt ab und an schwächeln. Mit Tom Berenger, Louis Gossett Jr. und Beau Bridges nicht uninteressant besetzt und mit einer gewissen Spielfreude im Einsatz, ist es umso trauriger, dass Steve Barrons Abrechnung mit der Gesellschaft und seine Parodie auf Superhelden so mager ausgefallen ist und sich eher dem oberflächlichen Lacher zuwendet, als dem tiefer gehenden.  Wiki

30.07.2023

EXTRA ORDINARY - GEISTERJAGD FÜR ANFÄNGER (2019)

"Extra Ordinary" ist eine Komödie, die nicht auf eine zu aufregende Geschichte, geschweige denn auf übermäßig viele Schauwerte setzt, sondern stattdessen auf seine Figuren und die Interaktionen zwischen diesen. Das ist lobenswert, funktioniert aber nur bedingt, da die Figuren/Darsteller nicht halb so charmant herüber kommen, wie gewollt. Und auf diesen Charme setzt man. Halbwegs funktioniert diese Fantasy-Komödie dennoch, denn sie hat einen durchaus lustigen Gegner zu bieten, ebenso manch herrlich lustige Idee und einen Aufhänger, der definitiv zu funktionieren weiß. Und dies tut er trotz etlicher Fehlentscheidungen. Der schnelle Glaube zum flotten Fortschreiten der Geschichte ist mir beispielsweise ein Dorn im Auge. Der von Geistern Geplagte glaubt direkt an die Fähigkeit der Geisterjägerin (die im Gegensatz zu dem, was der deutsche Beititel uns weiß machen will, sehr wohl erfahren ist), und sie glaubt direkt an den Spuk, anstatt ihn zunächst für einen Spinner zu halten. 

Zumindest dass man dem Bösewicht glaubt, reizt, ist seine comichaft offensichtlich bösartige Art und Erscheinung doch nur in einem solch comicartigen Film ein Geheimnis. Ebenso skurril mutet seine Begleitung an, die zwar den Luxus liebt, den er ihr zu bieten hat, aber keinen Zugang zu den Methoden und dem Ziel hat, denen er nachgeht, damit der bröckelnde Luxus erhalten bleiben kann. Stattdessen setzt sie stets Banalitäten ins Zentrum ihres Tuns, und damit immer zu unpassenden Zeitpunkten auch inmitten seines Tuns. Das ist witzig, insgesamt aber etwas zu gewollt und nicht pointensicher eingebracht. Der Schlussgag sie betreffend zieht trotzdem. Ebenso eine absichtlich lahme Verfolgungsjagd, die Lehrvideos des Papas der Anti-Heldin, sowie das soziale Unvermögen dieser, insbesondere Männern gegenüber. Manch andere nette Idee, wie das eklige Auskotzen übernatürlicher Segmente, wird zu überreizt ausgekostet. So schwankt "Extra Ordinary - Geisterjagd für Anfänger" immer zwischen dem Erkennen guter und dem Nichterkennen schlechter Witze, Entscheidungen und Herangehensweisen. Halbwegs amüsant ist er zumindest ausgefallen, und da er nicht auf zu schrille Komik setzt, ist er trotz zu plumpem Ergebnis definitiv erträglich ausgefallen.  Wiki

13.02.2022

BYZANTIUM (2012)

Trotz der sehr unterschiedlichen Geschichten finden sich immer wieder inhaltliche und analytische Gemeinsamkeiten mit "Interview mit einem Vampir", so dass es sicher kein Zufall ist, dass Neil Jordan Regisseur von "Byzantium" geworden ist. Er inszeniert auch diesen weiteren Vampirfilm stilsicher und handwerklich geglückt wie den Vergleichsfilm und beschert dem still erzählten Werk immer jene künstlerisch anmutenden Holzhammer-Schauwerte (wie den gigantischen Blutwasserfall), die auch die Geschichte selbst als Tiefsinn und Kunst getarnt bereit hält. Diese basiert auf einem Buch, welches die Schriftstellerin selbst zum Drehbuch verarbeitete, so dass man davon ausgehen kann, dass auch die original Printvorlage eher gewollt daher kommt, anstatt tatsächlich tiefsinnig zu sein. Denn was Jordans Werk hier gerne als poetisch reflektiertes Denkerkino sein möchte, entpuppt sich als unreife Erzählung für 14jährige, die denken egoistische Introvertiertheit wäre gleich zu stellen mit reflektierter Nachdenklichkeit, Moral wäre eine Methode von Empathie und selbstgerechtes Handeln wäre eine Form zur Verbesserung dieser Welt. Die im Zentrum stehende Heldin ist ein dümmlicher Egoist, gefangen im Selbstmitleid, nie fähig über den eigenen Tellerrand zu blicken und von der Autorin leider so nicht gewollt. Sonst hätte diese Rezeptur einen spannenden Generationenkonflikt bieten können, ist ihr Begleiter doch die eigene Mutter, die als Freidenker der Moralistin ein Dorn im Auge ist, so dass das Töchterchen gar nicht erst bemerkt, was sie durch diese Person überhaupt erst an Freiheiten gewonnen hat. Hier spiegelt sich ganz gut der Zeitgeist wieder, der gesellschaftlich kurz nach der Entstehungszeit von "Byzantium" von der Masse plötzlich gelebt wurde, zumindest wenn man nach den Massenmedien geht. 

Zwar badet der Film nie in billiger Theatralik, aber die Dramaturgie ist dennoch plumper Natur und wird zur Lächerlichkeit inmitten eines still-pompös auf Epos getrimmten Werkes, das trotz toller Fotografie und talentierter Mimen immer wieder zum Fremdschämen einlädt, so traurig wie die Denkweise und Motivation der Heldin ist und so ernst wie der Film ihre Haltung auch zur grundlegenden Mentalität des kompletten Streifens macht. Dass es an analytischer Tiefe fehlt und diese lediglich unverstanden kopiert wird, zeigt der Vergleich zu "Léolo", der es schaffte die weggeworfenen, auf Papier notierten Gedankengänge des Protagonisten poetisch als einen Prozess der Befreiung und der verzweifelten Situation inmitten der gesellschaftlichen Zwänge einzufangen, während es hier in "A Vampire Story" (Alternativtitel) nur plump angegangen wird und in dieser stumpfen Möchtegern-Tiefsinnigkeit geradezu lächerlich anmutet. Was an "Byzantium" hingegen zu gefallen weiß, ist die veränderte Vampir-Gesetzmäßigkeit, aber die Blutsauger neu zu interpretieren ist nun schon spätestens seit der 90er Jahre keine neue Methode mehr um dem Genre frisches Blut einzuflößen. Und Gedankengänge über das Gezeigte hinaus, wie die Frage was der Obervampir auf der Insel eigentlich all die Jahrhunderte gelangweilt in seiner Hütte macht, oder wie wohl die Methodik der Bruderschaft aussah die beiden aufzustöbern, wenn man trotz derart auffälligem Verhalten Jahrhunderte dafür benötigte, zeigen auf wie sehr "Byzantium" darauf hofft, dass man sich von der Geschichte einlullen lässt, anstatt sich an mündige Mitdenker zu richten. Denn erst wenn die mit an Bord sind, kann man auch ein erwachsenes Drama kreieren.  OFDb

14.02.2021

VIVARIUM (2019)

Ob es nötig war das kommende Gleichnis mit dem Kuckucksnest in einer der ersten Szenen zu erklären, sei einmal dahin gestellt. So schön das gnadenlose Spiel der Natur im Vorspann auch eingefangen wird, es benennt etwas, das es eigentlich selbst zu entdecken geben sollte, was mich vermuten lässt, dass wir diese Ausnahme innerhalb eines Filmes, der ansonsten von seinen Rätseln und manch nicht gelöster Mystik lebt, dem amerikanischen Einfluss verdanken. Ansonsten schaut sich "Vivarium" angenehm europäisch und damit unter stärkerem Einfluss der Teilnehmer-Länder Belgien, Dänemark und Irland stehend. Ohne trivial-oberflächliche Spielereien ziehen die Verantwortlichen des Streifens ihre Ausgangsidee gnadenlos durch, ohne auf das Wohl des Zuschauers zu schielen. Ob diesem die Chose zu zäh, unaufgeregt oder zu codiert erscheint, ist den Autoren ziemlich egal, zu denen auch Regisseur Lorcan Finnegan gehört, für den dieses Projekt nach dem Mystery-Drama "Without Name" seine zweite Langfilm-Arbeit darstellt. 

Die an "Twilight Zone" und Co erinnernde Geschichte wird in schlichten Kameraaufnahmen eingefangen, die sich den herrlich künstlich anzusehenden, an die "Teletubbie"-Welt erinnernden, Spielorten unterordnen. Als Gegenpol dazu sind Imogen Poots und Jesse Eisenberg sehr natürlich agierend besetzt. Diese psychologische Raffinesse hilft zudem dabei zu erkennen, dass das Ding, welches die beiden großziehen sollen, nicht aus einem miesen Charakter oder aus einer ethischen Fehlleistung heraus von den beiden verachtend behandelt wird, sondern der Situation entsprechend aus einem natürlichen Instinkt heraus. In seiner konsequenten Art zeigt der unpassend in Deutschland alternativ betitelte "Vivarium - Das Haus ihrer (Alp)Träume" in einer entsprechend passenden Phase der Geschichte, wie wenig effektiv ein alternativ kindgerechter Umgang mit dem kleinen Wesen ist, das auf befremdliche Art seine Umwelt nachahmt, sehr schnell wächst und nichts Menschliches an sich hat. Derartige Konsequenzen finden sich ohnehin auch in jedem anderen Bereich, und versteht man erst einmal was "Vivarium" erzählt, bemerkt man wie durchdacht das komplette Konstrukt ist, das hier kreiert wurde, begonnen mit dem späten Verstehen des skurrilen Verhaltens des Maklers, der Frage warum die Siedlung/die Inneneinrichtung so künstlich gestaltet ist, bishin zur Fremderziehung eines Unbekannten betreffend, der sich den beiden Hauptfiguren nicht zeigt, sowie der Konsequenz in der alles endet und die Rolle der beiden Menschen in diesem Prozess betreffend. 

Selbst wenn man uns per Lehrbuch und TV-Programm aus einer anderen Welt, und später auch mit einem Blick hinter die Kulissen, nach und nach mehr über die Hintergründe erfahren lässt, so bleibt jedoch alles was die Strippenzieher betrifft rätselhaft und unbeantwortet. Das wenige das man aufgrund des Gesichteten über diese Spezies erfährt, folgt einem durchdachten System, das sich, ebenso wie das Gesamtkonzept des Streifens, keine Widersprüche leistet. Die Verantwortlichen von "Vivarium" schaffen sogar etwas, das ich in den meisten Science Fiction-Filmen der letzten 20 - 30 Jahre immer wieder vermisst habe: sie schaffen es eine uns fremde Kultur zu entwickeln, ohne dass diese zu stark an die unsere, oder eine alternativ wirklich existierende auf unserem Planeten erinnert. "Vivarium" wirkt auf angenehme Art unangenehm und befremdlich auf uns, trifft mit seiner bitteren Witzigkeit den Nerv des interessierten Publikums und den seiner Geschichte, durchdenkt Szenarien und Reaktionen, auch wenn man sicherlich an vielen Punkten anders gehandelt/reagiert hätte. Alles folgt einer logischen Reihenfolge und Konsequenz. Und dennoch kann man meist nicht erahnen was als nächstes passiert. Der Wunsch des Enträtselns der Situation bleibt, neben der Neugierde was uns als nächstes Groteskes erwartet, stets ein wichtiger Motor für das Funktionieren des Unterhaltungswertes. 

Wer gelegentlich langsamere, subtilere Filme mit treffsicherem Satire-Touch konsumiert, ist in "Vivarium" bestens aufgehoben. Er weiß in seiner durchdachten, aber nicht verkopften Art weder zu unter- noch zu überfordern, intellektuell zu stimulieren, ohne sich dabei pseudo-intellektuell anzufühlen und Irreales und Groteskes zu präsentieren, das dennoch einer Gesetzmäßigkeit unterliegt. "Vivarium" macht keine Kompromisse für mehr Verständnis, für mehr Zugänglichkeit, zum Anbiedern an ein größeres Publikum, oder zum Einbringen quantitativer Schauwerte. Derartige Methoden liegen den Verantwortlichem und dem fertigen Endprodukt fern, und somit sei er allen Freunden alternativen Kinos herzlichst empfohlen. Dass man derartiges nicht gerade an einem müden Tag sichten sollte, sollte allein schon wegen der nüchternen, leicht monotonen Tonart selbstverständlich sein.  OFDb

11.12.2020

THE KILLING OF A SACRED DEER (2017)

Mit seinem Folgefilm nach "The Lobster" wandert der Ton wieder zurück in die deutlich nüchternere Erzählrichtung von Yorgos Lanthimos brillanten "Dogtooth", die weit weniger offensichtlich humoristisch angereichert ist, sondern eher in bitterbösen Winkeln versteckt lauert, ebenso wie der gesellschaftssatirische Ansatz. Der Trumpf des Sehwerts und der von Lanthimos geschaffenen Atmosphäre, die surreale Wirkung alltäglich scheinender Abläufe, wird zugleich zu einem wichtigen inhaltlichen Element zur Mitte hin, wenn die von Martin geäußerten Regeln nach erstem Misstrauen für geradezu selbstverständlich angenommen werden, trotz ihres übernatürlich scheinenden Ursprungs. Aufgrund der surrealen Vorarbeit und der Abgeklärtheit der hier aufgezeigten Gesellschaft, nimmt man dies als Zuschauer an, findet einen derartigen Umgang mit der Materie zwar weiterhin bizarr, entdeckt aber, dass mit dem Akzeptieren von etwas, das man eigentlich nicht so schnell als Wahrheit akzeptieren würde, genau die interessanten zwischenmenschlichen Aspekte ins Laufen kommen, die "The Killing of a Sacred Deer" in dieser Phase die meisten Pluspunkte bescheren. So kommt es, weiterhin im zurückgeschraubten, nüchternen Grundton gehalten, zu einem Wettbewerb unter den Familienmitgliedern, zu Verzweiflungstaten und Gefühlsausbrüchen eines Mannes, der sich sonst stets unter Kontrolle hat und zu einer finalen Tat, die unabwendbar ist. Dass sie dies ist, wird einem als Zuschauer mit der Zeit bewusst, erst recht wenn man andere Werke des Regisseurs und Mitautors kennt, die stets seine spezielle Handschrift tragen und dem Zuschauer niemals eine Erlösung oder einen sanften Umgang schenken, um mit dem vorgesetzten Szenario leichter umgehen zu können.

Was an dem hier besprochenem, nur schwer in Genres einzuordnenden, Film so beeindruckt, ist dass er das surreale Element mit simplen Mitteln geschaffen bekommt und auf widersprüchlich scheinende Art. Die Geschichte ist rätselhaft, obwohl jeder, mit gelegentlichen Ausnahmen der Hauptfigur Steven, stets offen die Wahrheit sagt und stets mitteilt was er gerade denkt. Die Dialoge sind direkter und aufgeklärter Art, aber wie in Trance gesprochen. Trotz Wahrheiten kommt es zu Misstrauen, trotz offen gespielter Karten wirkt die Geschichte rätselhaft und mysteriös, trotz der damit geschaffenen Personennähe, betrachtet man die Figuren distanziert, in einer alternativen, ernüchterten Welt lebend, in welcher es keine positive Lebensenergie zu geben scheint. Alles wird als selbstverständlich angenommen, trotz heruntergefahrener Emotionen und nicht vorhandener Gefühlsregungen erkennt man die Herzlichkeit untereinander, das Mitgefühl, die Liebe und damit einhergehend das emotionale Dilemma, das Steven quält, aufgrund der von ihm erwarteten Entscheidung. Lanthimos schafft die entrückte Wirkung der hier geschaffenen Wirklichkeit mit solch simplen Mitteln, wie der Idee die Leute trotz vorhandenem Intellekt stets nur in kurzen Sätzen miteinander reden zu lassen. Nur selten kommt es zu einem Nebensatz. Dies gekleidet in besagter Sachlichkeit, fehlenden Emotionen und in Trance gesprochener Tonlage gibt dem Szenario bereits dann einen packenden Effekt, wenn man noch nichts vom Aufhänger, welcher die eigentliche Geschichte in Bewegung bringt, ahnt. 

Der Widerspruch in natürlichem und surrealen Verhalten zeigt sich auch wunderbar im absichtlich steifen Spiel der brillant besetzten Schauspieler. Wieder hat es Nicole Kidman nach "Birth" und "Dogville" geschafft überzeugend in einem außergewöhnlichen Stoff mitzuspielen, Colin Farrell überrascht wie eh und je, die Filmtochter wirkt allein schon dadurch, dass sie als der natürlichst und emotionalst agierende Mensch in dieser Welt etwas aus dem Muster herausragt, und der Darsteller des Martin spielt in einer Unschuld, die ihm einen unheimlichen Touch beschert, oder zumindest einen mysteriösen. Man versteht nie ob er Strippenzieher ist, oder einfach eine Regelmäßigkeit bemerkt hat und benennt, die anderen nie auffiel und über die er selbst keine Kontrolle hat, vielleicht nicht einmal ihr Verursacher ist. Er wirkt auch inmitten des entfremdeten Verhalten der anderen geistig leicht entrückt. Das wird innerhalb der Geschichte sogar benannt, wird also auch in der uns lethargisch scheinenden Gesellschaft, die uns hier präsentiert wird, dementsprechend empfunden. Letztendlich sind es aber nur sanfte Graustufen, die Martin diesbezüglich von den anderen Figuren im Film trennen. "The Killing of a Sacred Deer" ist stilistisch, inhaltlich und erzählerisch ein brillanter Stoff für Freunde andersartigem, abseitigen Kinos und somit definitiv zu empfehlen. Die Gedankenspiele sind ebenso faszinierend, wie die verstörende Wirkung des Streifens an sich. Die nüchterne Erzählweise erlangt eine eigene Energie und Dynamik, die den auf immerhin fast zwei Stunden laufenden Film nie ausbremst. Kurzum gefällt mir diese satirische Groteske Lanthimos' wieder eine Spur besser als der (auch nicht uninteressante) Vorgänger.  OFDb

06.06.2020

GRETA (2018)

Vertrauen Fremden gegenüber zu schenken erwies sich gerade in den 90er Jahren mit Werken wie "Weiblich, ledig, jung sucht...", "Die Hand an der Wiege" und "Eine verhängnisvolle Affäre" als fataler, für den Zuschauer Thrill-geladener, Fehler. "Greta", von "Interview mit einem Vampir"-Regisseur Neil Joradan inszeniert, orientiert sich an diesen mittlerweile klassischen Bereich des Spannungskinos und präsentiert sich recht Old School orientiert umgesetzt. Mögen in der Jetzt-Zeit spielend auch moderne technische Möglichkeiten von den Protagonisten genutzt werden, "Greta" kommt ohne hektische Schnitte oder anderen modernen, inszenatorischen Firlefanz zu nutzen aus und besinnt sich hauptsächlich auf die zu erzählende Geschichte. Das klingt allein schon deswegen erfreulich, weil der Aufhänger mit der gefundenen Tasche und die erschreckende Masche, die darauf aufbaut, als Einstieg ins Geschehen und Beginn des Unbehagens tatsächlich gute Ideen sind, so konstruiert das Ganze auch anmuten mag. Zudem sind die weiblichen Hauptrollen mit Isabelle Huppert und Chloë Grace Moretz hervorragend besetzt, so dass man sich auf das Psycho-Duell der beiden talentierten Mimen regelrecht freut.

Nur leider nutzt die lobenswerte Konzentration auf das Drehbuch nur dann etwas, wenn man es mit einem guten zu tun hat. Das ist in "Greta" trotz zunächst guten Eindrucks nicht der Fall. So überrascht das Skript zunächst noch mit einer überraschend frühen Erkenntnis Frances' mit wem sie es zu tun hat, was dem Autor allerhand Möglichkeiten gegeben hätte, diesen Vorteil nun mit Innovationen und ungewöhnlichen Ideen zu nutzen. Stattdessen orientiert sich das Buch trotzdem weiter brav an den längst zum Standard gewordenen Vorbildern und präsentiert nichts anderes als das typische Szenario einer Unschuldigen in den Fängen einer geistig Abgedrifteten , angefangen mit dem Angst schürenden Psycho-Terror, schließlich klassisch endend in der Gefangenschaft des Aggressors. Auch in dieser Final-Phase bietet das Drehbuch keinen eigenständigen Touch und enttäuscht zudem mit einem Rettungsszenario, welches noch konstruierter wirkt, als vieles andere zu verkrampft Eingebrachte. Dieses ist nur einer von diversen Punkten, die "The Widow" (Alternativtitel) zu optimistisch und zu wenig bedrohlich ausfallen lassen. Leider ist Regisseur Neil Jordan immer nur so gut wie das Buch, das ihm vorliegt. Und somit ist, wie seinerzeit in "Zeit der Wölfe", aus einem reizvollen Stoff, trotz gelungener Optik, aufgrund einer wenig überzeugenden Print-Vorlage, lediglich ein mittelmäßiges Ergebnis geworden. Sich eigentlich an Erwachsene richtend, wird somit stattdessen ein Werk der jugendlichen Anhängerschaft um Jung-Star Moretz abgeliefert, welches aufgrund weniger Vergleichsstoffe weniger streng zuschauend Gefallen an dem innovationslosen Thriller finden wird.  OFDb

12.11.2017

STITCHES - BÖSER CLOWN (2012)

Ob Jon Watts‘ „Clown“, „Killer Clowns from Outer Space“, die drei „Camp Blood"-Teile oder der 90er Jahre „Es“, so wirklich Gutes will im Filmbereich zum Thema Killerclown einfach nicht erscheinen. Nett sind sie, diese Beispiele, aber bislang bilden sie für mich die Highlights dieses Sub-Genres des Horrors, und für ein solches ist das Ergebnis streng genommen doch eher mager zu nennen. Meist sind Werke zu diesem Thema gar noch enttäuschender Natur, so wie bei „Clownhouse“, „A Clown at Midnight“ und „100 Tears“ (ganz unterirdisch gar „Gingerclown“, wenn man ihn aufgrund des Titels dazu zählen will), so dass ich mit dem angenehmen Ergebnis von „Stitches - Böser Clown“, wenn auch erneut kein großes Ereignis damit gesichtet, wohl zufrieden sein kann.

Runter machen braucht man McMahons Werk ohnehin nicht, macht er für den kleinen netten Horrorfilme-Abend für zwischendurch doch ordentlich Party, denn Stitches geht nicht gerade sanft vor, wenn er auf sehr verspielte Art gnadenlos zuschlägt. Für manch perverse Idee braucht man gar einen harten Magen, sind die aufs Clownverhalten gemünzten blutigen Aktionen doch vergleichbar mit den Missetaten des durchgeknallten Cartoon-Professors aus „Terror Toons“ und dabei auf den Beruf des Psychopathen angepasst, vergleichbar mit den Mordmethoden in „Santa‘s Slay“ oder eben erwähntem „Killer Clowns from Outer Space“, so dass eine große Portion schwarzer Humor mit einfließt, ohne dass „Stitches“ (Originaltitel) dadurch gleich zur Komödie verkommt.

Die Autoren und Spezialeffektverantwortlichen haben sich kreativ ausgetobt, und ein gut besetzter Killerclown weiß mit böser Stimme und manch clownereskem Blick (gerade dann lustig wenn er selbst einmal etwas einstecken muss) die Taten ins richtige Licht zu rücken, so dass aus Stitches wirklich eine Kultfigur des Horrorfilms werden könnte, wenn der Streifen mehr Beachtung erhalten würde. Mit Freddy, Chucky und Co kann er locker mithalten, so treffsicher und optisch geglückt wie er vorgeht und eingesetzt wird. Ich würde mich diesbezüglich sehr auf eine Fortsetzung freuen, zumal die irische Herkunft des Films den Streifen trotz zu gradliniger Erzählweise und dem Abgrasen des üblichen Handlungsverlaufes weit weniger versteift daher kommen lässt, als jene US-Beiträge, die ebenfalls nur das bereits Bekannte abgrasen.

„Stitches - Bad Clown“ (Originaltitel) schafft es zumindest seine Stereotypen trotzdem lebensecht wirken zu lassen, zumindest Hauptfigur Tom und die Teenagerin, in die er verliebt ist, lassen einen mitfühlen, so dass sich inmitten von Irrsinn auch der nötige Hauch Gefühlsleben eingemischt hat, der im Gegensatz zum oftmals theoretische Treiben der Konkurrenz das Rahmenszenario lebendiger wirken lässt, und dies in der nötigen Dosis eingebracht, ohne dabei einen Kitsch- oder Seifenoperbereich zu streifen. Zudem wirkt es erfrischend, wenn besagte Stereotype für kurze Momente einmal aufgebrochen werden.

Dass des Rätsels Lösung zu offensichtlich und zu leicht zu erreichen ist, ist in einem Plot, der eigentlich schon mehrere hundert Male ähnlich variiert erzählt wurde, nicht gerade hilfreich, um ein besseres Ergebnis zu erzielen, als den netten kleinen Horrorfilm für zwischendurch geschaffen zu haben. McMahon ist es dennoch geglückt dieses simple Ergebnis zu überbieten. Es bereitet Freude Stitches bei einem Rachefeldzug zu begleiten, der im Bereich des Killerclown-Films längst einmal in dieser direkten, unverfälschten Art fällig war, zumal es der Story gut tut, dass Stitches dem Grab entstiegen ist, anstatt einfach erneut einen menschlichen Psychopathen zur Erinnerung an „Gacy“ auf die Opfer loszulassen.

Stitches ist ein übernatürliches Wesen, weder eine Geistererscheinung noch ein klassischer Zombie, dafür jedoch fast unzerstörbar, gehässig, makaber und (auf angenehme Art) nicht aufs Maul gefallen. Zudem ist er mit übernatürlichen Eigenarten versehen, die es ihm möglich machen Menschen auf jene Art ins Jenseits zu befördern, wie es eben nur ein geisteskranker Clown kann. Eine selbstständig umher schlendernde, nach den Opfern schnüffelnde rote Nase ist ihm dabei sehr hilfreich, um nur mal eine der schrägen Ideen seines Könnens genannt zu haben.  OFDb

03.09.2017

THE GUARD - EIN IRE SIEHT SCHWARZ (2011)

Auch wenn der deutsche Beititel und der Trailer uns „The Guard - Ein Ire sieht schwarz“ als Komödie zum Thema Vorurteile und Rassismus verkaufen will, so findet sich diese Thematik in John Michael McDonaghs Komödie doch kaum, sind die aufkommenden rassistischen Spitzen doch lediglich Provokationen des im Zentrum stehenden Iren, um den überkorrekten Amerikaner Everett, einen Schwarzen, zu verarschen. In dieser sehr sympathisch ausgefallenen, gemütlich inszenierten Krimi-Komödie geht es viel mehr um den kulturellen Zusammenknall zweier Länder, die sich in Sachen charakterlicher Freiheit stark unterscheiden. Der Amerikaner ist von der Political Correctness geprägt und lebt im Glauben manches nicht sagen zu dürfen, der Ire hingegen liebt die Freiheit alles sagen zu dürfen, auf die Gefahr hin nicht gemocht zu werden.

Das schöne am Ergebnis dieser weit weniger provokativ ausgefallenen Komödie, als man meinen sollte, ist das Verhindern von Schwarz/Weiß-Zeichnungen und das Fernbleiben einer Moral oder einer Positionierung zu einer von beiden Mentalitäten. Beide Personen leben mit ihrer Art zu denken recht gut. Trotz kultureller Reibereien lernen sich beide kennen, mögen sich, auch wenn sie einander suspekt und befremdlich empfinden und machen ihre Arbeit gut. Keiner verändert den anderen. Es wächst der Respekt zwischen beiden. Man erkennt, eben weil beide auch andere Seiten ihres Charakters durchschimmern lassen und damit der Figurentyp jeweils nicht vollkommen zu einer Extreme neigt, dass beide Mentalitäten ihre Daseinsberechtigung haben und nicht mehr oder weniger zur Kritik stehen wie vieles andere im Leben auch.

Sicherlich ist es traurig, dass der Amerikaner glaubt nicht alles sagen zu dürfen, um im Vorfeld bloß nie Gefahr zu laufen jemanden zu verletzen. Und klar ist es traurig, dass ein erwachsener Mann zu Drogen neigt und manches Mal unsensibel jemanden mit seinen Worten vor den Kopf stößt, der eine Umarmung nötiger gehabt hätte als direkte Worte. Aber so besitzen beide Arten zu leben nun einmal ihr Für und Wider, ihre angenehmen und unangenehmen Seiten, und es ist der zurückhaltenden Inszenierung des Regisseurs zu verdanken, dass man dies inmitten einer Geschichte aus Übertreibungen und Bodenständigkeit frei von angelernten Vorurteilen so rational annehmen kann.

Die gelungene Besetzung trägt ihr übriges dazu bei und weiß bis in die Nebenrollen hinein zu gefallen und zu überzeugen. Provokative Spitzen wechseln sich mit den angenehmen Seiten der Mentalitäten ab, laute Töne schallen in eine ruhige Atmosphäre hinein, Comic-artige Situationen und Figuren finden sich inmitten eines halbwegs authentisch ausgefallenen Alltags wieder. „The Guard“ bleibt selbst im Action-reicheren Finale ziemlich unaufgeregt erzählt, neigt nie zu reißerischen oder voyoristischen Bildern, selbst dann nicht wenn Boyle zwei Prostituierte zu sich bestellt und mit ihnen loslegt. McDonagh inszeniert stilvoll und die unbedingt erwähnenswerte visuelle Ästhetik unterstützt ihn dabei. So wird „The Guard“ zu einer cineastisch wertvollen Komödienerfahrung für vielseitig interessierte Filmliebhaber anstatt zur Provokomödie für das gemeine Volk.  OFDb

26.08.2017

THE LOBSTER (2015)

„The Lobster“ ist ruhig erzählt, mit nüchternem Grundton versehen, und selbst theoretisch laute Momente, wie die Einstiegssequenz, werden mit größter Zurückhaltung inszeniert. In der Gesellschaft in welcher David lebt sucht man zwar zwanghaft die Partnerschaft, nicht aber im romantischen Sinne. In einer Welt voll von aufgedrückten Zwängen gibt es kein Sichwohlfühlen, keinen Spaß und selbstverständlich keine Zwanglosigkeit. Gesucht wird als Mittel zum Zweck. Und als ob die Welt Davids uns nicht ohnehin schon grotesk genug erscheint, lebt man dort zudem in dem Glauben Liebe ließe sich nur finden, wenn man als Mensch auch mindestens eine Eigenschaft gemeinsam hat.

Wenn wir die parallel zur beschriebenen Gesellschaft existierende im Wald erleben, eine Gruppe von freiwillig gebliebenen Singles, erinnert der Plot ein klein wenig an Jean-Pierre Jeunets „Delicatessen“, in welchem die Vegetarier in der Kanalisation lebten. Die Singles hier werden zum Freiwild der Partnerschaftsgesellschaft. Ein Partnersuchender, der einen freiwilligen Single erlegt, bekommt einige Tage zusätzlich beschert, um seine Herzensdame zu finden. Umgekehrt ist es in den Wäldern der freiwilligen Singles strengstens verboten zu flirten, geschweige denn eine Partnerschaft einzugehen.

Und ja, da bekommt, wie so oft in Besprechungen zu lesen, der Partnerschaftswahn und der Singlewahn unserer Gesellschaft sein Fett weg. Dies allerdings nicht so dominant geschehen wie oftmals behauptet, und dies auch gar nicht so sehr im Zentrum der Kritik stehend, wie von vielen Schlaumeiern bemerkt. Viel mehr geht es ebenso wie in Yorgos Lanthimos hervorragendem „Dogtooth“ um das Leben unter Zwang. Waren es im Vorgängerfilm ahnungslose Opfer, die sich nicht wehren konnten, welche den Zwängen ausgesetzt waren, geht es in „The Lobster - Hummer sind auch nur Menschen“ (Alternativtitel) um die Faszination, die man auch in unserer Welt erleben darf, dass sich Menschen geradezu freiwillig von anderen gesetzten Regeln unterwerfen, dies als frei jeder Alternative ansehen und sich dabei trotzdem unwohl fühlen. Was uns fast gar nicht mehr grotesk erscheint, wird mit Blick auf eine Alternativwelt als eben dies wieder herausgekitzelt, um uns das Bewusstsein für diesen Irrsinn in unserer Welt noch einmal bewusst zu machen.

So hervorragend das auch klingen mag, an „Dogtooth“ kommt der etwas kommerzieller ausgefallene „The Lobster - Eine unkonventionelle Liebesgeschichte“ (Alternativtitel) nicht heran. Zwar bewegt auch er sich noch weit entfernt vom Mainstream und ist in seiner sehr distanzierten und oftmals gefühlsbefreiten Art eher dem Arthouse-Kino zuzuordnen, die Stärke seiner ersten Hälfte schafft er jedoch nicht vollends in die zweite mit hinüberzunehmen. Angekommen in der Singlewelt im Wald verweilt man dort leider bis zum Schluss, nur leider weiß dies humoristisch nicht so genial zu punkten wie die Geschehnisse im Hotel.

Einzig die Liebesgeschichte zieht einen Vorteil daraus, darf sie doch aufgrund der Regeln im Wald dramatisch ausfallen (was im Gegensatz zur Restinszenierung dann auch wirklich nachempfunden werden kann) und zudem die Ironie der kompletten Erzählung darstellen: es geht nicht um Glück, nicht um den Sinn der hinter den Regeln steckt, sondern einzig um die Einhaltung dieser. Ein sich glücklich gefundenes, wahrhaftig liebendes Paar ist weder in der einen, noch in der anderen Gesellschaft unter diesen Umständen gewünscht. Mit dieser Aussage setzt Lanthimos eine gelungene Pointe, entlarvt es die Idealisten beider Seiten doch endgültig im Irrsinn ihrer propagierten Weltbilder, einmal ganz davon abgesehen, dass uns Lanthimos in beiden Welten bereits zuvor besagte Lüge offenbart, indem er die extremsten Regeleinhalter der jeweiligen Gesellschaft teils offensichtlich, teil nur für gute Beobachter versteckt, innerlich das Gegenteil dessen fühlen lässt, was man eigentlich fühlen darf.

So wertvoll dies für den Gehalt der Geschichte und überhaupt für ihre sinnvolle Fortführung und Vollendung auch ist, dennoch schaut sich die zweite Hälfte (man mag es aufgrund des Plots kaum glauben) weit gewöhnlicher als die uns völlig kaputt erscheinenden Geschehnisse der ersten Hälfte. Mit Sicherheit hätte man an zweiter ein wenig kürzen können, damit sich nicht eine solch starke Ernüchterung einstellt, die ich im Laufe des letzten Drittels allmählich empfunden habe. Ein gut gesetzter Schluss entschuldigt zumindest ein wenig dafür und lässt den mitdenkenden Zuschauer mit einigen wirklich guten Denkansätzen alleine zurück.  OFDb

18.06.2016

THE LAST DAYS ON MARS (2013)

Man darf zurecht kritisch darüber sein, ob ein Zombiefilm auf dem Mars eine gute Idee ist oder nicht. Zwar erhöht die lebensfeindliche Umgebung die Problematik der Protagonisten um einen interessanten Aspekt, andererseits fragt man sich ob Untote zu wirken wissen, wenn sie hauptsächlich in der Kleidung eines Astronauten, und zwingend damit einhergehend mit einem Helm über dem Kopf, feststecken. Ohnehin sind Zombies in Großproduktionen nicht gern gesehen, zumindest bei den eingefleischten Hardcore-Horror-Fans, die selbst für den geglückten „World War Z“ mit Brad Pitt keine positiven Worte übrig hatten. Und aus irgendeinem Grund floppen Marsfilme der großen Studios grundsätzlich an den Kinokassen. Lohnt es sich also ein Projekt wie „The Last Days on Mars“ zu schauen?

Meiner Meinung nach schon, vorausgesetzt man erwartet kein großes Kino-Event und erst recht kein großes Action-Feuerwerk. Regisseur Ruairi Robinson und sein Autor Clive Dawson, der für die Drehbuchumsetzung der Kurzgeschichte von Sydney J. Bounds verantwortlich war, gehen die Problematik der Zombies in Weltraumanzügen mit der richtigen Methode an: sie machen die Zombies zur Bedrohung des Streifens, aber nicht zum Mittelpunkt. Der Film bietet ihnen verhältnismäßig wenige Auftritte und konzentriert sich stattdessen auf den Überlebenskampf der letzten Menschen auf dem Mars.

Zwischenmenschliche Probleme werden ebenso zurückgeschraubt wie die Zombieszenen. Und was theoretisch nun unglaublich langweilig klingt, erweist sich dank zwei wichtiger Faktoren als der richtige Weg eine solche Geschichte erfolgreich erzählen zu können: „The Animator“ (Alternativtitel) ist atmosphärisch stimmig, da sehr langsam und trocken erzählt, und er lässt seine Protagonisten denken.

Mag sich das Drehbuch die Charaktere betreffend auch nicht immer als sinnvoll erweisen, wenn bestimmte Charaktertypen die Geschichte beeinflussen sollen, jedoch gar nicht zum Status jener Menschen passen, die überhaupt für eine Marsmission in Frage kämen, so lässt es doch zumindest die Protagonisten denken und Lösungen für ihre Probleme finden. Dabei wird „The Last Days on Mars“ niemals zu einem intellektuellen Stück Kopfkino, Robinson fühlt sich dem Unterhaltungsbereich verpflichtet. Aber diese Herangehensweise sorgt dafür, dass eine an sich vorhersehbare und überraschungsfreie Geschichte durch die Identifikation mit den Figuren funktioniert.

Überraschender Weise erweist sich Hauptdarsteller Liev Schreiber, den die meisten wohl aus „Scream 2“ und dessen Fortsetzung kennen werden, als gut besetzt für diese Voraussetzungen. Schnell sympathisiert man mit dem Mimen, der eigentlich gar nicht so ein besonders talentierter Schauspieler ist, zumindest bezogen auf die wenigen Filme die ich mit ihm kenne, dessen Rollen es nie zuließen zu erkennen ob der Mann mehr kann als es aussieht. Für den hier besprochenen Science Fiction-Horror reicht es dass seine Rolle sympathisch charakterisiert ist, und dass sein ernster Gesichtsausdruck ihn emotional glaubwürdig und denkend wirken lässt.

Wer eine besonders ausgeklügelte oder mit Überraschungen versehene Geschichte erwartet wird ebenso enttäuscht werden wie mancher Horror-Fan, der sich ein actionreiches Zombiegemetzel erhofft hat. Wer aber ein atmosphärisch gut erzähltes Stück Routine als Alternative zu einem großen Kinoerlebnis akzeptieren kann, der wird dank eines sich auf seine Stärken konzentrierenden Werkes, einem stimmigen und zurückhaltendem Soundtrack und dank der nüchternen, langsamen Art, die es in Großproduktionen kaum noch zu erleben gibt, dennoch angenehm unterhalten werden, auch wenn es inhaltlich an Innovationen nichts zu entdecken gibt. Zumindest sorgt die „Weniger ist mehr“-Herangehensweise dafür, dass „The Last Days on Mars“ auf seine nüchterne und theoretische Art recht spannend und packend ausgefallen ist.  OFDb

28.05.2016

SPACE TRUCKERS (1996)

Filmfreunde die alternativ zum Mainstream-Programm nichts konsumieren und für die Spezialeffekte nah an der Perfektion umgesetzt sein müssen, ist der ungewöhnlich erzählte „Space Truckers“ so gar keine Überlegung wert. Solche Menschen werden nicht glücklich mit dem von Stuart Gordon inszenierten Stoff, welcher auf den ersten Blick erkennbar kostengünstig ausgefallen ist und sich wie ein kunterbuntes Comicbuch schaut bei all seinen schrägen, bizarren und provokativen Elementen, die jedoch nie für eine harte, erwachsene Verfilmung genutzt werden, sondern für eine vor Charme sprühende verschmitzte Variante des Erwachsenenfilms.

Wer die Filme der „Lexx“ und ihre nachfolgende Serie kennt, der kann in etwa erahnen was einem bei „Space Truckers“ erwartet, der sich gekonnt mit unsinnigen Ideen, absichtlich schlechten Spezialeffekten und Übertreibungen der Lächerlichkeit preisgibt. Dabei ist er jedoch nicht vergleichbar mit Produktionen der Firma The Asylum, die so lange experimentell freiwilligen Schrott produzieren bis zufällig auch mal ein brauchbares Produkt bei herum kommt. Gordons Werk geht seine billige Ader gezielt an, weiß genau was er parodieren oder anderweitig erreichen will und trifft damit meist ins Schwarze.

Ungewöhnlich ist es schon gerade Stuart Gordon in einem solchen Werk auf dem Regiestuhl sitzen zu lassen. Zu Hause ist er im Horror-Genre, und auch wenn er solch unterschiedliche Werke wie den märchenhaften „Dolls“, den schwarzhumorigen „Re-Animator“, den harten Erwachsenenfilm „From Beyond“ und den dramatischen „Castle Freak“ fertigestellt hat, inmitten eines verspielt fröhlichen Science Fiction-Popkornfilms kann man ihn sich nur schwer vorstellen, so dass man um so überraschter sein darf wie kurzweilig der Streifen ausgefallen ist.

Es ist schade, dass ihm gegen Ende ein wenig die Luft ausgeht, schreitet „Star Truckers“ (Alternativtitel) ansonsten doch ohne große Umschweife flott voran. Aber selbst das etwas zurückgeschraubte Tempo im letzten Drittel, welches „Space Truckers“ den Weg zur wahren Genre-Empfehlung verwehrt, ist immer noch gut genug umgesetzt als dass man über ein nur halbgeglückten Werk klagen könnte, immerhin geht es gerade in der letzten halben Stunde konzentriert um die cool designten Killerroboter, und so etwas weiß dem Kind im Manne grundsätzlich zu gefallen.

Gordon zeigt uns die Arbeiterwelt der Zukunft, die nicht viel anders aussieht als die heutige auf Erden. Und genau mit dem Parallelblick aufs Heute wissen so viele versteckte Anspielungen zu gefallen. Am besten gefällt mir diesbezüglich der Running Gag, dass sich die Crew-Mitglieder beim Starten stets mit einer Art Achterbahnbügel anschnallen müssen, hoch futuristisch oder gewitzt elektronisch fällt die Zukunft somit nicht aus, erst recht nicht für die Unterschicht, die sich moderneren Schnickschnack nicht leisten kann.

Die nur selten zu sehende Oberschicht hingegen behängt sich mit albernen und blinkenden Schnickschnack, was erneut ein Tiefschlag heutiger Beobachtungen ist. Dieses hemmungslose Herumalbern findet jedoch glücklicher Weise immer nur in Rahmengimmicks statt, während die Hauptgeschichte routiniert humoristisch umgesetzt ist, als Komödie also zu funktionieren weiß, ohne das Niveau gleich auf unterirdischen Klamauk zu reduzieren.

Dank der Kenntnisse der Comic- und Science Fiction-Materie werden Klischees von Bösewichtern, Zukunftserrungenschaften und einem Zweiklassensystem charmant und treffsicher eingefangen. Und der Mut zu bizarren Ideen rundet das Rezept gekonnt ab und dürfte seinen Höhepunkt diesbezüglich wohl in der Figur des Piratenanführers erhalten, gerade in jener Sequenz in welcher er Sex mit Johns Wegbegleiterin haben möchte. Spätestens hier sollte der „Lexx“-Kenner endgültig Parallelen zur Serie erkennen, die Verwandschaft zwischen beiden Produkten ist enorm.

Dies dürfte auch der Grund dafür sein warum sich so viele Menschen mit „Space Truckers“ schwer tun, sind doch beide Werke nicht sehr beliebt beim Massenpublikum. Da dies aber nicht an einer schlechten Umsetzung liegt sondern daran dass manche Menschen sich in völlig andere Ansätze nicht hineinfühlen können, spricht diese Abneigung gegen das Publikum anstatt gegen den Film. Der mit Dennis Hopper so gelungen in der Hauptrolle besetzte Film mag nicht alles richtig machen, für den großen Wurf fehlt ihm die wahre Größe, aber ein sympathischer Abstecher in eine unsinnige Zukunft einer unsinnigen Gesellschaft von heute ist er in seiner gewagten und verspielten Art definitiv.  OFDb

25.09.2014

ZOMBIE CITY - EINE STADT ZUM ANBEISSEN (2005)

Was in der 80er Jahre Zombie-Welle die italienischen Beiträge waren, das sind in der aktuell humoristischen Richtung dieser Thematik die Beiträge aus England. Zusammen mit Irland entstand u.a. „Zombie City“, der mehr Teenie-Komödie als Horrorbeitrag ist, im Finale jedoch derart derbe Effekte zelebriert, dass man trotzdem Stammgast im Horrorfach sein sollte, um mit dem Streifen etwas anfangen zu können.

Bis man mit den Hauptfiguren sympathisiert dauert leider lange. Gerade der männliche Part ist eher unsympathisch besetzt. Aber nach einiger Zeit ist man drin in einer Geschichte, in welcher man Innovationen an einer Hand abzählen kann, und welche dem üblichen „Teenager wird zum Monster“-Muster folgt wie wir es spätestens in den 80er Jahren bis zum Erbrechen vorgesetzt bekamen. Ähnlich wie in „Teen Wolf“, „Liebe mit Biss“ und Co ist unser Held nicht wirklich böse während seiner Verwandlung, und warum diese so lange dauert, während alle anderen Zombies die nach ihm kamen direkt zu reißenden Bestien mutieren, wird nicht erklärt. Ist halt der erste Zombie, das hat als Grund zu reichen, warum auch immer.

Mit Erklärungen hält sich „Boy Eats Girl“ (Alternativ- und Originaltitel) aber ohnehin nicht auf. Die Story wird ungekürzt auf etwa 75 Minuten erzählt. Das Ritual wird übersprungen, das Begreifen was mit dem Helden geschieht im Schnellverfahren abgearbeitet, und das Gegenmittel nicht minder schnell Richtung Finale festgestellt. Ein Gegenmittel muss es geben, denn wie jede vernünftige Teenie-Komödie besitzt auch „Zombie City“ eine Love Story, eine die nichts Neues erzählt oder arg mitzureißen wüsste, aber sie bringt einen akzeptabel durch das erste Drittel, bevor der Horror-Part Einzug in die Geschichte hält.

Würde zur Zeit zum Zombie-Thema nicht so viel gedreht, könnte man der Regie-Arbeit von Stephen Bradley („Noble“) vielleicht etwas mehr abgewinnen, zum einmal Gucken geht der Streifen auch in Ordnung, aber im Gedächtnis wird er sicherlich nicht bleiben bei den vielen besseren Vertretern seiner Gattung. Zumindest ist „Zombie City“ weder ein semi-professionelles Werk noch ein schlecht vertontes. Das macht auf dem überschwemmten deutschen DVD-Markt schon einmal viel aus.  OFDb

01.04.2013

GRABBERS (2012)

Etwas Unbekanntes landet im Meer und greift kurz darauf die Besatzung eines Schiffes an. Auf der Insel Erin Island ahnt noch niemand etwas von der kommenden Bedrohung kleiner und großer Viecher mit Tentakeln. Und ausgerechnet der ständig trinkende O‘Shea soll den abwesenden Sheriff vertreten. Zumindest die pflichtbewusste Lisa Nolan, die für zwei Wochen bei der Inselpolizei aushilft, steht ihm zur Seite...  

Saufen bis der Arzt kommt...
 
Und wieder hat es Regisseur Jon Wright geschafft! Nachdem er mit seinem Erstling „Tormented“ kurzweilige Unterhaltung zu einem oft verfilmten Thema ablieferte, damals im Bereich Spuk und Slasher, gelingt ihm selbiges mit „Grabbers“, einem irischen Alien-Invasions-Filmchen. Die Rezeptur ist die selbe: augenzwinkernd mit wirksamen Humor versehen (ohne darin zu ertrinken) erzählt Wright die gar nicht so neue Geschichte mit genügend Respekt und winzigen Überraschungen. Er erfindet das Genre nicht neu, liefert aber ein gelungenes Produkt ab, das so etwas wie Langeweile nie aufkommen lässt.

Der Anfang lässt noch wenig vermuten, ist die Eingangssequenz auf dem Meer doch recht wirkungslos umgesetzt und reißt nicht wirklich vom Hocker. Doch sobald man auf die ersten wichtigen Charaktere trifft wendet sich das Blatt. Denn darin liegt mal wieder die Stärke von Wrights Film, pendeln die Figuren doch immer zwischen comic-like und glaubwürdig und werden zu echten Identifikationsfiguren. Da auch die Dialoge recht flott ausgefallen sind, steht einer amüsanten Unterhaltung nichts im Weg. Und wer glaubt Europa liefere minderwertige Spezialeffekte ab, dem sei gesagt, dass die Kreaturen toll getrickst sind und nie negativ wirken.

Ein wenig bediente man sich an einer Idee aus „Faculty“. Hier mussten Teenager in einer Szene Drogen nehmen, um zu erfahren ob einer von ihnen ein Alien ist. In „Grabbers“ muss das Inselvolk viel Alkohol trinken, da die Angreifer diesen nicht vertragen. Er ist Gift für sie. Was „Faculty“ als lustige Idee nebenbei ablieferte, wird zu einer der Hauptszenarien des hier besprochenen Filmes, kommt es doch zu einem Saufgelage, das für allerhand Spaß und irisches Feeling sorgt. Wenn dann noch der Alkoholiker unter den Hauptfiguren trocken bleiben muss, während die verkrampfte Heldin an seiner Seite durch die Volltrunkenheit immer lockerer wird, geht das simple Rezept auf.

Dass der Film mit dieser unscheinbaren Idee dem ewig politisch korrekten Amerika den Stinkefinger zeigt, welches immer wieder auf eine gesunde Lebensweise pocht und alternative, ungesunde Lebensweisen nicht gut heißt, ist kein zufälliger Nebeneffekt eines Filmes, der allein durch diese andere Mentalität erfrischend europäisch erscheint und damit Pluspunkte einzufangen weiß.

Kaum auszumalen was Jon Wright abliefern könnte, wenn er sich mal an einen innovativen Stoff heranwagen würde, gelingt es ihm doch nun zum zweiten Mal ein stimmiges Stück Film abzuliefern, das sowohl im Horror- wie auch im Humorbereich zu wirken weiß und einen schnell vergessen lässt, dass man eigentlich gerade mal wieder die x-te Version eines bekannten Stoffes guckt. Andererseits: vielleicht sollte Wright auch genau aus diesem Grund so weiter machen wie bisher und uns immer wieder mal die kleinen Unterhaltungshappen für zwischendurch zuwerfen, als Auflockerung zwischen all den weniger geglückten Routineprodukten von denen wir uns mehr versprochen haben. Schade dass der Film in Deutschland nicht als „Grabscher“ herausgekommen ist. Der Titel sorgt innerhalb des Streifens nämlich für einen wundervollen Running Gag.  OFDb

20.11.2012

SHROOMS - IM RAUSCH DES TODES (2006)

Fünf Studenten aus Amerika reisen nach Irland um sich Drogenpilze zu schmeißen. Als alle zu halluzinieren beginnen, geht ein Mörder um. Keiner kann mehr Wahn und Wirklichkeit auseinanderhalten...

Alice im Drogenland...
 
An sich klingt die Idee recht reizvoll, auch wenn sie entfernt etwas an „Gothic“ und dessen Inspirationsquelle erinnern mag. Da sind also eine handvoll junger Erwachsener auf der Flucht vor einem Killer, nachdem sie sich alle dem Drogenkonsum verschrieben haben. Nun rechnet man mit solch netten Ideen wie der sprechenden Kuh und anderen schrägen Halluzinationen, aber das einzige was Regisseur Breathnach einfiel war es, das typische Horrormuster nach amerikanischem Vorbild in wirrer Optik zu halten.

Schwindelige Bilder, teils wackelig, teils verschwommen, dazu ein wenig entfremdet, diese Herangehensweise macht die Absicht klar, ist aber nichts neues im Horrorsektor, werden doch Perspektiven fremder Wesen gern auf ähnliche Art dargestellt. Anstatt nun einen individuellen Film zu drehen, kann „Shrooms“ nur noch auf das bauen, was für die Gattung Teen-Horror seiner Zeit ohnehin typisch ist. Eine flotte Umsetzung mit lauter Musik, peppigem Schnitt und cooler Optik sollen vor 08-15-Charakteren in mauer Besetzung ablenken, sowie die oben beschriebene Herangehensweise zum Thema Drogen vom Fehlen einer erzählenswerten Geschichte ablenken soll.

Da der Zuschauer im Normalfall ohne Drogenkonsum an einen solchen Film herangeht, musste der Regisseur auch ihn irgendwie verwirrt bekommen. Also würfelt er allerhand Zutaten in das an sich reizvolle Konzept hinein. Ein paar Hinterwäldler hier, eine mystische Geschichte da, und damit auch den Pilzen noch weniger zu trauen ist als ohnehin schon, wird ein spezieller giftiger hervorgehoben, den man sogleich mit Druidenglauben in Zusammenhang bringt der sich damit befasst, dass man im Falle man überlebt den Konsum des besagten Pilzes, in die Zukunft gucken kann.

Ein wahrer Drogentrip-Horror hätte dies alles nicht benötigt, aber es schadet dem Film auch nicht sonderlich, da er ohnehin nur schlichte Ziele verfolgt. Und so könnte dieses Stück Routine für Fans des Genres durchaus funktionieren, würde man sich nicht dauernd darauf ausruhen, dass die Heldin von nun an Dinge voraussehen kann und versucht diese zu verhindern. Mit diesem Rezept schafft man es jedem Opfer zwei mal blutige Sequenzen zu bescheren, aus Produzentensicht ist das also gar nicht mal so verkehrt. Leider will aber nie wahre Spannung, geschweige denn eine dichte Atmosphäre aufkommen. Viel zu sehr redet man sich mit dem Thema Drogenkonsum als Ausrede raus, alles wirr, konzeptlos und unübersichtlich umsetzen zu dürfen.

Dass man nach all dem Zutatendiebstahl anderer Teenie-Horrors am Ende nun noch das Konzept der auflösenden anderen Wirklichkeit präsentiert bekommt, überrascht so gar nicht. Andererseits: wenn es schon ein Film anwenden darf, dann doch wohl einer, der sich mit Drogenkonsum beschäftigt. Die Auflösung a la „High Tension“ ist dann aber auch ebenso unbefriedigend wie die aus dem Vergleichsfilm, wenn auch nicht so an den Haaren herbeigezogen wie dort. Wirklich überraschend kommt die Aufdeckung des Täters ohnehin nicht, ist sie doch eine der ersten Vermutungen in einer Story, die mit so konstruierten Zusatzelementen ablenken will.

Schlecht sieht anders aus, aber ich bin von „Shrooms“ alles andere als begeistert, weiß er doch nicht wirklich das Interesse des Zuschauers aufrecht zu erhalten. Hin und wieder war ich in Versuchung vorzeitig auszuschalten, aber ich wollte dann doch wissen wie es ausgeht. Letztendlich ist dieses irische Stück Horrorfilm nicht anders als jene aus Amerika, kann sich mit kleinen Pluspunkten aber zumindest über Wasser halten. Dazu zähle ich auch die allerletzte Szene vor dem Abspann, die ich hier nicht verraten werde. Mit solchen positiven Ideen schafft es der Streifen jedoch nicht aus der Masse herauszuragen. Dafür hätte er mehr in Richtung „Alice im Drogenland“ spielen müssen. Eine sprechende Kuh ist da zu wenig des guten.  OFDb