Posts mit dem Label Max von Sydow werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Max von Sydow werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

28.10.2023

EXORZIST 2 - DER KETZER (1977)

Durch den Erfolg von Friedkins lobenswerten "Der Exorzist" bekamen die großen Studios Mut mehr Geld in das Genre Horror zu stecken und verkauften auch schrägere Ideen als seriöse Produktionen. Dem gewagten und relativ leicht unsinnigen "Die Wiege des Bösen" folgte Jahre später der völlig überzogene "Der Manitou". Und auch "Der Exorzist 2" (Alternativtitel) kommt als direkter Erbe des großartigen Vorgängers viel zu unsinnig daher, als dass man ihn als mutiges Experiment bezeichnen könnte, dem man sich frei von Vorurteilen öffnen sollte. Es erscheint mir ziemlich respektlos, einen derartig geistigen Dünnschiss auf jenem Film aufzubauen, dem man kurzfristig die Rehabilitation des Horrorgenres verdankte. Aufgrund des großen Erfolges von Teil 1 tummelt sich dementsprechend mehr Prominenz an Bord, als für eine derartige Geschichte im Kino der 70er Jahre üblich war. Linda Blair, Richard Burton, Louise Fletcher, Max von Sydow, James Earl Jones, Ned Beatty, sie alle sind mit an Bord, Friedkin und Platty, der Schöpfer der ursprünglichen Geschichte, kehrten freilich nicht zurück, dürften sie doch wohl kaum etwas von der hier erzählten Geschichte gehalten haben.

Dass wir es hier lediglich mit einem (anderen) Dämon, anstatt mit dem Teufel höchstpersönlich, zu tun haben, macht bereits deutlich, dass wir keiner aufregenderen Geschichte beiwohnen dürfen. Um eine solche ist man freilich bei höherem Budget dennoch bemüht und verpulvert das Geld u.a. in unnötig aufgeblähte Spezialeffekte, die sich meist mit dem biblischen Thema des Heuschreckenschwarms auseinandersetzen, manches Mal aber auch Verwendung darin finden mit beliebten Bildern des Vorgängers visuell Kontakt zu den aktuellen Geschehnissen aufzubauen, denn man will schließlich nicht nur im Titel von der Prominenz des Originals profitieren. Der Zuschauer soll in einen ihm bekannten, wohlwollenden Zustand versetzt werden, ein sich zu Hause Fühlen kommt trotz der Wiederkehr etlicher Figuren, Bilder und dem Filmtitel trotzdem nicht auf. Zu übel sind die experimentellen Elemente, die uns als so rational wie möglich dargeboten werden. So erlaubt sich "Exorcist 2 - The Heretic" (Originaltitel) z.B. einen groben Mix aus Wissenschaft und Esoterik, wenn es um die völlig unsinnige, neumodische Hypnosemaschine geht, die völlig ernst genommen ins Zentrum der Geschehnisse des ersten Drittels gerückt wird (womit ein höfliches Ignorieren ausgeschlossen wird). 

Auch die spät erwähnte Züchtung einer veränderten Heuschrecke und deren komplette Thematik, sowie jene rund um ihre Gattung, sowohl als Gleichnis zu den Vorfällen, als auch als Konsequenz daraus, überfordern die Großzügigkeit des Publikums, einen derart unsinnigen Plot nach einem solch bodenständigen Teil 1 zu akzeptieren, bei weitem. Wenn nun noch zusätzlich unverzeihlicher Blödsinn nebenbei integriert wird, wie mein folgendes Beispiel, dann kann man "Exorzist II" (Alternativtitel) einfach nicht mehr ernst nehmen: ein Mann und eine Frau befinden sich in einem Keller, ein Karton fängt Feuer, ohne dass dieses sich weiter ausbreitet. Während der Mann den Karton aus dem Kellerraum in den Flur zieht, läuft die Frau hysterisch rufend besagten Gang herunter, und schreit sie würde schnell die Feuerwehr rufen. Ein Telefon befindet sich am Ende des Gangs. Sie alarmiert die Feuerwehr, geht das kurze Stück wieder zurück, schnappt sich auf dem Weg von der Wand einen Feuerlöscher, und der brennende Karton wird gelöscht. Zusätzlich zu dieser Ansammlung an Idiotien in nur wenigen Sekunden Handlung, gesellt sich die Anschlussszene dazu, in welcher die Feuerwehr vor dem Gebäude gerade groß in Aktion ist, und den Helfern in Rot gedankt wird etliche Leben mit ihrer Ankunft gerettet zu haben. 

Aua! Das tut weh! Und das wurde von keinem während der Produktion (spätestens beim Zusammenschnitt) als völlig idiotisch bemerkt? Am Budget kann das optische Kleinhalten einer Dramaturgie, die in Worten derart aufgebauscht wird, wohl kaum gelegen haben, so sehr wie man ansonsten Geld verprasst, ohne dem Werk einen tatsächlichen Mehrwert zu bescheren. Zwar ist auch "Exorist 2 - Der Ketzer" darum bemüht möglichst seriöses Kino abzuliefern, beispielsweise wenn etliche Orte rund um den Globus aufgesucht werden, um Respekt vor Kulturen und Vielschichtigkeit ins Geschehen integrieren zu können, letztendlich wirken diese Versuche aber eher bemüht darin, die Chose lang zu strecken, bis tatsächlich konsequent etwas in der Geschichte geschehen darf, die zwar lobenswerter Weise das Original nicht plump kopiert, in ihren neuen Gedankengängen aber nur die Intelligenz des Zuschauers beleidigt, anstatt ihm einen würdevollen Anschlussstoff zu servieren. Das ewige Herumreisen des Mannes, der pseudo-dramatisch umgesetzt droht vom Gottesglauben in eine Verehrung des Dämons überzugehen, bereichert den Plot kaum und bremst ihn stattdessen immer wieder aus, während der blödsinnige Esoterik-Mumpitz zumindest versuchte Tempo und Schauwerte in die dünne Handlung zu integrieren. 

Und dass wer anders zur Bedrohung wird, obwohl das Drehbuch stets darum bemüht ist jemanden vordergründig, mit dem Holzhammer präsentiert, als Gefahr für die mittlerweile jugendliche Regan und ihrem Anhang vorzugaukeln, interessiert auch nicht wirklich und wird dem Zuschauer kurz vor der Auflösung dieser Täuschung ohnehin schon bewusst. Den Spannungsbogen weiß dieses verfrühte Eingeweihtsein so wenig anzufeuern, wie jeglicher andere Versuch im Gesamtwerk Spannung zu erzeugen auch. "Der Exorzist 2" ist eine Enttäuschung, zu professionell inszeniert um Spaß mit ihm als unterhaltsamen Trash zu haben, zu missglückt um ihm seine Fehler zu verzeihen, auch wenn es billige Horrorwerke gibt, die man trotz größerer, offensichtlicher Schwächen dennoch konsumiert und mag. Es braucht weder verwundern, dass nach Filmen wie diesem, der Ruf des Horrorfilms allmählich wieder so stiefmütterlich wurde, wie er zuvor war und wie seit dem immer wieder mit diesem wundervollen, vielschichtigen Genre umgegangen wird, noch überrascht es, dass "Der Exorzist 3", an den man sich erst 13 Jahre später heranwagte, die Geschehnisse von Teil 2, soweit ich informiert bin, komplett ignoriert. Was solle man auf diesem Müll auch aufbauen? Sicherlich nur weit größeren Unsinn!  Wiki

26.10.2023

DER EXORZIST (1973)

In jungen Jahren sah ich seinerzeit "Der Exorzist" und fand ihn mit völlig anderem Filmgeschmack als heute ziemlich mittelmäßig. Und obwohl ich wenig um meine Meinung aus dieser Zeit gebe, fällt es mir schwerer, in meiner Erinnerung negativ geprägte Filme ein zweites Mal anzugehen, anstatt ein mir komplett unbekanntes Werk zu sichten. Dementsprechend lang hat es gedauert, diesem berühmten Klassiker eine weitere Chance zu geben, wissentlich dass sich ohnehin alles wie eine erste Sichtung anfühlen wird. Einzig durch die etlichen Parodien war mir einiges im Vorfeld geläufig. Und nun, nachdem ich Friedkins berühmten Genre-Beitrag ein zweites Mal sichtete, kann ich meine alte Meinung über diesen unter Horror-Fans kultisch verehrten Film auch kein bisschen verstehen. "The Exorcist" (Originaltitel) bietet genau das, was einen guten Horrorfilm ausmacht, eben weil er u.a. grundsätzlich darauf achtet was überhaupt einen guten Film ausmacht, egal welchen Genres, was wohl auch erklären dürfte, warum sich nicht nur Dauergäste dieses Gebiets für "Der Exorzist" interessieren. 

Man nimmt die Figuren ernst, gewährt ihnen Charakter und eine Entwicklung und den Zuschauer Einblicke in ihr Wesen, ihre Beweggründe und ihre Empfindungen. Man baut das zu Erzählende auf der Dramaturgie auf, und man lässt sich Zeit dass auch die Geschichte sich entwickeln kann. Hierbei achtet man nicht einzig auf Schauwerte und Höhepunkte, sondern blickt besonnen auf das was kommt und war zurück. William Peter Blatty, der Produzent und Autor dieses Filmes, der ebenfalls die Buchvorlage schrieb, ging reflektiert heran, weiß warum Figuren handeln, wie sie es tun und Situationen so verlaufen, wie aufgezeigt und sich gegenseitig beeinflussen, wie hier erzählt. Das Gezeigte macht Sinn, trotz Übernatürlichkeit, trotz dem Eingeständnis das Christentum habe recht, eben weil "Der Exorzist" glaubwürdig erzählt ist, typisch 70er Jahre US-Kino keine strahlenden Helden serviert, sondern gebrochene Menschen, Menschen die mit ihren innereigenen Dämonen kämpfen und die es nun mit wem zu tun bekommen, der tatsächlich einen in sich trägt. 

Inmitten einer stilvollen und würdevollen Umsetzung der handwerklich professionellen Art, wirken die lauten Momente umso intensiver. Was Regan im zarten Alter von 12 Jahren über die Zunge des Teufels vulgäres von sich gibt, schockt selbst 50 Jahre später noch, und dies nicht nur bei einem konservativen Publikum. Die Maske, die berühmte Kotzszene, sämtliche Provokationen sind auf der besonnenen Grundlage treffsicher eingebaut, wissen als das zu wirken, wofür sie gedacht sind, anstatt einzig mindere Bedürfnisse des Zuschauers zu befriedigen. Aus diesem Mix zieht "Der Exorzist" ein Spannungspotential, jenseits von Grusel oder wahrem Nervenkitzel. Das Schicksal des Mädchens ist uns wichtig, der Zustand des Pfarrers, die Wünsche der längst überforderten Mutter. Sie alle konfrontiert mit dem reinen Bösen, wird zu einer packenden Geschichte, die nicht trotz, sondern wegen der gewählten Langsamkeit fesselt, während sie zunächst allerhand Informationen sammelt, bevor sie in die Vorphase des Horrors eintritt, um erst im letzten Drittel einen Knalleffekt an den nächsten zu reihen. 

"Der Exorzist" ist Horror mit Würde, trotz Kotzen, Religionsbeipflichtung und vulgärer Worte. Friedkin unterzieht uns einem Terror-Trip, dem man sich nicht entziehen kann, sofern man Zugang zum typischen 70er Jahre-Stil bekommt, der uns zeigt was mündiges und experimentelles Kino auch in konzipierten Großproduktionen sein kann, wenn man dem Publikum nur genügend Mitdenken, Aufmerksamkeit und Interesse für Unbekanntes zutraut, anstatt es ihm weg zu erziehen, so wie es einem im heutigen US-Mainstream oft scheint.  Wiki

06.08.2022

DAS SIEBENTE SIEGEL (1957)

Im Gegensatz zu meinen bisherigen Erfahrungen mit Filmen von Ingmar Bergman fiel "Det sjunde Inseglet" (Originaltitel) weit entspannter erzählt aus, als erwartet. Zwar fordert er, wie typisch für seine sehr erwachsenen und kunstbetonten Werke, trotzdem Aufmerksamkeit vom Zuschauer, da dieser selbst entdecken muss, anstatt alles gesagt zu bekommen, aber diese geforderte Konzentration fällt leicht bei einem derart unverkrampft ausgefallenen Streifen, der sich als recht humorvoll inszeniert dafür schaut, dass er vordergründig keine Komödie sein möchte. Ein wenig hat mich das Ergebnis, wenn auch in einem anderen Jahrhundert spielend, an die fast zeitgleich erschienene "Schinderhannes"-Version mit Curd Jürgens erinnert. Der gewährte einem ebenfalls einen unverkrampften, sich in seiner Menschlichkeit authentisch anfühlenden Blick auf die Lebenswelt der Bürger ihrer Zeit, hier jene des Mittelalters, in welcher die Pest um sich greift und Kreuzzüge beendet werden.
 
Es gibt also genug schwerwiegende Probleme, mit denen man sich herum plagen muss, was das Volk nicht davon abhält kleinkariert auch unnötige innerhalb eines Blickwinkles nur bis zum eigenen Tellerrand zu provozieren. Dieser Blick fällt nie bitter oder moralisch aus, sondern schwankt irgendwo zwischen verstehen und augenzwinkernd akzeptieren, frei nach dem Motto: so sind die Menschen eben - eine entspannte Haltung, die man sich in heutigen Zeiten der Prinzipempörung geradezu zurück wünscht. Der populäre Aspekt von "The Seventh Seal" (Alternativtitel), dass ein Ritter gegen den Sensenmann Schach spielt, um sein Schicksal hinauszuzögern, fällt überraschend beiläufig aus, wenn es um die direkte Aktion geht. Wie sehr dieser Aspekt tatsächlich mit all den anderen Geschehnissen zu tun hat, die sich auch oftmals um andere Personen kümmern, bemerkt man eher unterschwellig, spätestens aber mit der Auflösung der Geschichte. 
 
Diese hält zudem einen schönen Seitenhieb auf eine Mutter Maria-Situation, die ziemlich zu Beginn mitzuerleben war, bereit. Sie gehört mit zu den besagten augenzwinkernden, humorvollen Momenten, die Auflösung diesbezüglich ist aber auch ein tolles Beispiel für die Täuschung, die "Das siebente Siegel" gerne für den mitdenkenden Zuschauer bereit hält, der oft anderes vermutet als schließlich geschieht. Dass der Tod gerne mal unfaire Methoden auffährt, oder der Ritter auch gerne mal trotzig die Figuren umwirft, in der Hoffnung sein Gegner hätte vergessen auf welchem Feld welche standen, macht ebenfalls das humorvolle Gewandt dieser Nicht-Komödie deutlich und den sanften Umgang mit dem Akzeptieren von menschlichem Fehlverhalten (von dem sich selbst der Tod nicht los sagen kann, wie man sieht). 
 
Inmitten dieses leichten und dennoch spürbar und mitempfindbaren dramatischen Treibens schleichen sich auch immer wieder mal mehr, mal weniger gut funktionierende philosophische Gedanken mit ein. Besonders gut gefallen hat mir die Andeutung (die aber auch Trick oder Lüge gewesen sein kann), dass selbst der Tod nicht weiß was nach dem Ableben kommt und somit auch nicht was Gott bewegt zu handeln wie er es tut, bzw. die Frage ob dieser überhaupt existiert. "Das siebente Siegel" ist ein überraschend kurzweilig zu schauender, unterhaltsamer Ingmar Bergman-Film in gewohnt guter Besetzung und wie so oft sehenswert durch seine reichhaltig ausgefallenen Dialoge. Wieder einmal wird deutlich, dass der Regisseur hier selbst zum Genre wird. Welche er tatsächlichen für seine Erzählung benötigt, scheint nicht wirklich wichtig.  OFDb

19.01.2020

DIE STUNDE DES WOLFS (1968)

Mit "Die Stunde des Wolfs" hat der schwedische Regisseur Ingmar Bergman ein faszinierendes Werk kreiert, das sich zum großen Teil so guckt, als hätte er es geschafft einen realen Alptraum in Filmform einzufangen. Abgesehen vom üblichen plötzlichen Personenwechsel in Träumen, fühlt sich der Kunstfilm tatsächlich wie einer an, präsentiert dementsprechend ein irrationales Szenario, welches gerne mit Tricks, wie Überbelichtungen, weitere surreale Eindrücke beschert bekommt. Vorgetragen über ein fiktives Interview, angeblich angelehnt an wahren Begebenheiten, wohnen wir einer Erzählung bei, die man nicht eingeordnet bekommt, dies aber ohnehin im besten Fall am Ende des Films nur teilweise. Nie wird klar was Einbildung und Wirklichkeit ist. Die wirr und doch durchdacht scheinenden Abläufe lassen allerhand Deutungen und Analysen zu, von solch simplen, wie dem Vermuten des Abrutschens in den Wahnsinn, bishin zu solchen, welche die düsteren Abgründe der menschlichen Seele erforschen und die Umstände andeuten, durch welche sie entstehen und zum Ausbruch kommen können.

"Die Stunde des Wolfes", welcher der erste Teil einer Ingmar Bergman Trilogie ist, dem noch "Schande" und "Passion" zur Vollendung folgen sollten, schwankt in der zwischenmenschlichen Realität des Paares immer zwischen Einsamkeit in der Zweisamkeit und dem Zusammengehörigkeitsgefühl und wechselt diese Momente mit den inneren Dämonen und dem erlebten Leid des jeweils Einzelnen ab, so dass die Außenwelt und das Kopfkino der Protagonisten zu einem rätselhaften Puzzle werden, das gelegentlich Antworten bietet, während gleichzeitig weitere Fragen aufgeworfen werden. Da wir durch das Verwenden von Interview und Tagebuch auf das vertrauen, was die Überlebende des Erlebten vorträgt, lässt alles Erzählte auch stets auf dieser Ebene trügerische Rückschlüsse zu, ob absichtlicher oder selbstverwirrter Art, so dass man auch den Bericht einer Täterin nicht ganz ausschließen kann, die sich als Opfer verkauft.

Aber diese Interpretation ist nur eine von vielen Möglichkeiten, da nicht nur die Wahrnehmung des Zuschauers durch den Wechsel von Tatsachen, Einbildung, persönlichen Erzählungen, irrationalen Erlebnissen und Rückblenden leidet, sondern auch die beider Hauptpersonen. Der Film wirft Fragen über die Dekadenz der Gesellschaft auf, über unterdrückte Gefühle. Es geht um Ungleichheit und zu viel Nähe in Partnerschaften, um die Naivität des einen, die vom andern ausgenutzt wird, um die Frage ob Einbildung/Wahnsinn ansteckend sind, wohin Kindheitserlebnisse führen können, insbesondere Bestrafungsmethoden. Es geht um zu viel Einsamkeit, um persönliches Empfinden wie Ekel, Angst und Lust. Es geht darum was alles in uns Menschen steckt und pocht, mal heraus bricht und mal nicht und um die Hilflosigkeit, in der man gefangen ist, durch Empfindungen wie diese gelenkt.

Bergman steigt schlicht ein, trägt nüchtern vor was es zu erzählen gibt und lässt zunächst beiläufig eine stetige Bedrohung über den Dingen schweben, die immer spürbarer wird. In der Hochphase dieses Filmerlebnisses werden selbst einfachste Dialogszenen zwischen dem Paar zu einem atmosphärisch dicht eingefangenen, spannenden Erlebnis. Vergangenheiten, wie ein verstörender Rückblick auf einen Angelausflug mit Johan und seinem Sohn, sowie einer schaurig üblen Kindheitserinnerung, an sich simpel mündlich vorgetragen, tragen entscheidend zum düsteren Flair des Streifens bei, während die Geschehnisse im Jetzt meist mehr der geistigen, wie emotionalen Verwirrung dienen. Die Schlussworte der Interviewten sind ein hoch interessanter Gedankengang, der lange nachhallt und ein wenig Klarheit beschert, sofern man der Wahrnehmung Almas traut.

Bis auf einige Bildbearbeitungen umgeht Bergman Spezialeffekte. Phantome, sofern sie denn welche sind, werden ganz simpel durch Personen dargeboten. Selbst eine der wenig offensichtlich realen Szenen, das Abfeuern einer Waffe, erfordert keinen Einschuss-Spezialeffekt oder ähnliches, nicht nur damit das Szenario zum Reststil passt und dem surrealen Zustand keinen Bruch beschert, auch weil dieser plötzlich abgebrochene Moment uns im Unklaren darüber lassen soll, was gerade passiert ist. Bergman ist ein kunstvoll inszeniertes Stück Kopfkino geglückt, dessen Orientierungslosigkeit man sich bei diesem intensiven Erlebnis und der Freude es zuzuordnen als Freund andersartigen Kinos nur all zu gerne hingibt. Das Bedürfnis hinterher über das Gesehene reden zu können, ist aufgrund der ungeklärten Begebenheiten sehr groß. Die Unklarheiten laden aufgrund des Wunsches der Beantwortung der Fragen des großen Ganzen ebenso zu einer weiteren Sichtung ein, wie das handwerklich intensive Seherlebnis, welches Bergman auf scheinbar simple Machart so packend und doch nüchtern vorgetragen zu entfachen vermag, hilfreich unterstützt durch zwei hervorragende Mimen in den Hauptrollen besetzt.  OFDb

04.08.2019

DER UNHEIMLICHE BESUCHER (1971)

Der Aufhänger des Ganzen mag ein wenig an Fritz Langs "Das Testament des Dr. Mabuse" erinnern, allerdings ist die schwedisch/amerikanische Co-Produktion "Der unheimliche Besucher" weit weniger rätselhaft ausgefallen, als der Plot zunächst vermuten lässt. Dass Salem der Mörder ist, steht von Anfang an fest, der Film wird hauptsächlich aus der Sichtweise der von Max von Sydow verkörperten Hauptfigur erzählt. Auch warum er tut was er tut ist relativ schnell geklärt. Lediglich die Frage wie er das System der Nervenheilanstalt durchbricht, steht lange Zeit als Fragezeichen im Raum. Da wäre es schön gewesen diese Antwort über den ermittelnden Kommissar herausgefunden zu bekommen. Stattdessen wird man jedoch zur Mitte der Geschichte einfach eingeweiht, dies allerdings aus gutem Grund. So kann das nervenkitzelnde Finale besser funktionieren, in welchem es darum geht wer schneller die Anstalt erreicht, der Kommissar oder der Verbrecher. Und wenn man in dieser Phase weiß, was der gute Salem alles zu bewerkstelligen hat, um nicht erwischt zu werden, ist der Spannungsbogen auf einem guten Hoch. Denn mag er auch der Schurke inmitten von Schurken sein, er ist nun einmal die Identifikationsfigur, der man wünscht mit seinem Plan durchzukommen.

"Perfekte Rache" (Alternativtitel) ist besonnen erzählt und ruhig inszeniert, benötigt nie reißerische Elemente um eine gewünschte Stimmung zu erzeugen und lebt von dieser ruhigen Hand, die auf die interessante Geschichte und ihre Charaktere vertraut. Hier agieren Figuren, die sich individuell anfühlen und nur bedingt ein Stereotyp bedienen. Kamera, Schnitt und Musik schließen sich der ruhigen Herangehensweise des Regisseurs an, ähnlich unaufgeregt spielen die gut gewählten Darsteller, die alle in ihrer jeweiligen Rolle gut aufgehoben sind. Oftmals wirken ihre Szenen wie aus einem Theaterstück entnommen, detailreiche Außenaufnahmen durchbrechen diesen Eindruck jedoch gekonnt. Am stimmigen Ergebnis machen die Räumlichkeiten des Streifens viel aus. So ungemütlich der kühle Mauerbau der Nervenheilanstalt auch wirken mag, viel gemütlicher haben es die anderen in ihrer heimischen Behausung nicht. "Salem Come to Supper" (Alternativtitel) zeigt uns eine authentisch lebensnahe Behausung des einfachen Volkes, mit urig scheinenden, renovierungsbedürftigen Räumen in Zeiten, in denen ein solcher Gedanke Luxus gewesen wäre. Diese raue Umgebung wirkt und überträgt sich auf die schlicht gekleideten Charaktere und ihr alltagsbedingtes simples Denken, in welchem Phantastereien nichts zu suchen haben. Das ist ein wichtiger Fakt der Geschichte, denn Salem wurde von einem der Verdächtigen gesichtet, und der wird nun für irre gehalten, während seine Aussage den Kommissar auf die richtige Spur bringt.

Spätestens wenn man eingeweiht wird, wie Salem der Klinik entkam, bekommt der an sich sachlich korrekt vorgetragene Kriminalfilm Risse in der Glaubwürdigkeit. Extrem unglaubwürdige Elemente werden trickreich einfach ausgeblendet, in der Hoffnung der Zuschauer würde sie nicht bemerken. Andere Elemente fallen zumindest fragwürdig aus, und eine kleine handvoll definitiv unglaubwürdig ausgefallener Details bleibt noch über. Dazu gehört auch die Schluss-Pointe, die sich darauf ausruht eine zu sein und deswegen kein Problem darin sieht eine Unlogik zu sein, denn sie ist augenzwinkernd gemeint, und da dürfte nur ein penetranter Miesepeter über seine offensichtlichen Lücken in der Logik maulen. Und diese offensichtlichste Lücke steht Pate für den kompletten Film. Das Gaunerstück ist die komplette Zeit über schmunzelnd erzählt, wenn auch keine wahren komödiantischen Szenen enthaltend. "The Night Visitor" (Originaltitel) ist ein verschmitzter Film, dessen bubenhaftes Treiben man nicht krumm nehmen sollte. Es ist seiner Mentalität geschult, dass auch die anderen Unglaubwürdigkeiten zu keinem Riss im Ergebnis führen, sondern akzeptierter Teil des Gesamtproduktes sind. Hier kommt dem Streifen seine Theaternähe und der augenzwinkernde Grundton zugute, der auch manchen Charakter und seine Taten auf subtile Art Charme beschert, obwohl man es theoretisch gesehen mit unangenehmen Menschen zu tun hat. "Der unheimliche Besucher" ist stimmig erzählte, ruhig umgesetzte, leichte Kost aus einer anderen Zeit, ein durch und durch sympathisches Werk. Inszeniert hat es Laszlo Benedek, der in seinem Leben nur bei zwei Spielfilmen Regie geführt hat. "Kinder, Mütter und ein General" entstand 16 Jahre vor dem hier besprochenen Film.  OFDb

29.06.2019

JUDGE DREDD (1995)

Es darf verwundern, dass im Vorspann so direkt damit gespielt wird, dass "Judge Dredd" eine Comicverfilmung ist, schließlich sind es gerade die Fans der Printvorlage, die mit der Verfilmung hart ins Gericht gehen, wird dem Film doch vorgeworfen sich nicht genau genug an die Regeln der Heftreihe zu halten, so z.B. weil der Dredd der Filmversion des öfteren seinen Helm abnimmt. Das sind typische Überreaktionen fanatischer Anhänger einer Sache, und ich kann im Gegensatz zu diesen Menschen frei des Vergleiches über dieses Werk nachdenken, kenne ich doch die Comicvorlagen nicht. Ich bin Freund von Stallones Schaffen, Werken und Talenten und somit froh, dass er für die Hauptrolle auserkoren wurde. Gehörte das Genre der Action-Science Fiction in den 80er Jahren mit "Running Man", "Terminator" und "Die totale Erinnerung" noch in die Hände von Konkurrent Arnold Schwarzenegger, so war Sylvester Stallone nach seinem erfolgreichen Comeback durch "Demolition Man" ein gern gesehener Anwärter für die drei Jahre später veröffentlichte Produktion gleichen Genres. Jahrzehnte nach "Frankensteins Todesrennen" war Stallone wieder für dieses Genre gefragt. Warum nach "Judge Dredd" nichts ähnliches mehr in Angriff genommen wurde, ist mir nicht bekannt.

Zudem verstehe ich nicht, warum es nie zu einer Fortsetzung kam, besitzt der Streifen doch all das, was zu einem gut geratenen Popkornfilm dazu gehört. Ein Actionheld in der Hauptrolle besetzt, ein rasantes Erzähltempo, eine hintergründige, aber nicht zu anspruchsvolle Geschichte, ein interessantes Weltbild der Zukunft, ein phantasiereiches Set Design und einen kleinen Hauch philosophischer Ansätze, gerade gegen Ende, wenn zwei interessante Sichtweisen des Lebens aufeinander treffen, welche die Geister scheidet und nur über die Hauptfigur des Dredd eine eindeutige Position innerhalb der Geschichte erfährt. "Judge Dredd" ist düster und kunterbunt zugleich. Er lässt einen erahnen was aus "Lexx" mit mehr Geld hätte werden können, plündert sicherlich diverse Filmerfolge wie "Metropolis" und "Flucht ins 23. Jahrhundert" für kleinere Einstellungen, ist aber eigenständig genug ausgefallen, um nicht rein der Nachahmung wegen zu gefallen. An Schauwerten mangelt es nicht. Das beginnt mit der futuristischen Stadt und dem Judge-Design, und es schaukelt sich hoch zum liebevoll retro-gestalteten Roboter (mit phantasieanregendem Hintergrund eines ehemaligen Roboterkrieges versehen) und zu den gruselig ausschauenden unfertigen Klonen. "Judge Dredd" ruht sich nie einzig auf einer Idee aus, lässt aber alles kompatibel zu einem Plot zusammenfließen, um auch tatsächlich wie ein Ganzes zu erscheinen. Hier war man sich der Entscheidungen sicher, hier ist kein Konzeptwerk entstanden, das auf Nummer sicher getrimmt ist. Vielleicht mit Ausnahme des Gewaltaspekts, schien man doch ein geringes Rating anzuvisieren, um das Jugendpublikum mit an Bord zu haben.

In Deutschland steht man zu Gewalt anders, hier hat der Streifen trotzdem (zu Recht) seine FSK 16 erhalten, leider aber auch eine zweifelhafte Synchronisation, zumindest was den rückgratlosen Begleiter Dredds betrifft, der sich im Original weit angenehmer anhört. Er ist mit seinen oft zu plump geratenen Sprüchen zudem das Zugeständnis ans Massenpublikum, stört aber nicht genug, um das Ergebnis zu zerstören und ist gelegentlich auch brauchbar eingesetzt. Die Besetzung ist nicht von schlechten Eltern und glänzt gerade in der Entscheidung Dredds Gegenspieler von Armand Assante spielfreudig verkörpern zu lassen. Wer die kurz zuvor erschienene Komödie "Crazy Instinct" kennt, der kann mit Vergleich zur hier dargebotenen Performance die Vielfältigkeit seines Könnens entdecken. Seine Besetzung ist jedoch noch ein weit interessanterer Clou, wenn man bedenkt, dass Assante ein gemeinsames Frühwerk an der Seite von Sylvester Stallone zu verbuchen hatte, ein Drama namens "Vorhof zum Paradies", in welchem er ebenfalls Stallones Filmbruder darstellte. Warum Regisseur Danny Cannon nach dem wunderbaren Ergebnis von "Judge Dredd" ausgerechnet für so etwas dümmliches wie "Ich weiß noch immer, was Du letzten Sommer getan hast", engagiert wurde, weiß ich nicht, könnte aber erklären, warum man ihn heutzutage in der Regel nicht kennt. Schade, aber sein hier geschaffener Film ist definitiv das Reinschalten wert. Er ist kein großer Klassiker seines Genres, weiß aber mehr als bloßen Durchschnitt zu bieten in diesem kunterbunten und harten, wie hintergründigen Meer an Schauwerten, Tempo und Einfallsreichtum.  OFDb

25.12.2016

STAR WARS: EPISODE 7 - DAS ERWACHEN DER MACHT (2015)

Als J.J. Abrams der längst beendeten „Star Trek“-Reihe um Kirk und Co neues Leben einhauchte, erschuf er damit ein sehenswertes Werk, welches den Start einer neuen Reihe einleitete. Als Selbiger danach versuchte mit „Super 8“ das Familienkino Steven Spielbergs aus den 80er Jahren wiederzubeleben, da scheiterte der gute Mann trotz anfänglicher Sympathien. Das Werk war zu sehr in Spezialeffekten getränkt, als dass es Chancen hatte genügend Retro-Charme zu versprühen. Und nun versuchte sich Abrams an der Wiederbelebung der von Schöpfer George Lucas mit seiner zweiten Trilogie in die Belanglosigkeit gerittenen „Star Wars“-Reihe, die in ihren letzten drei Regiearbeiten Lucas‘ u.a. am selbigen Problem krankte wie „Super 8“.

Unter solchen Voraussetzungen durfte man trotz des tollen Ergebnisses des 2009er „Star Trek“ kritisch sein, ob Abrams es erneut schaffen würde eine totgerittene Science Fiction-Reihe wiederzubeleben. Wie die Einspielergebnisse und die fleißige Weiterproduktion der Reihe samt Nebenprodukten zeigt, ist ihm dies wirtschaftlich gelungen, solch ein großes Ergebnis wie die Wiederbelebung um Spock und Co ist ihm meiner Meinung nach allerdings nicht geglückt, was, wie das Ergebnis von „Star Wars: Episode 7 - Das Erwachen der Macht“ zeigt, auch gar nicht nötig ist.

Der Retro-Charme, den „Star Wars - Das Erwachen der Macht“ (Alternativtitel) ausstrahlt, ist das Einschalten bereits wert. Endlich wird die Geschichte der Ur-Reihe weiter erzählt, so dass man nebenbei erfährt was aus den drei Helden wurde und welchen Einfluss sie auf die aktuellen Geschehnisse haben. Die alten Mimen sind wieder mit an Bord, die neuen Charaktere sind sympathisch ausgefallen, und an allen Ecken und Enden gibt es Wiedersehwerte die einem ein Lächeln ins Gesicht zaubern.

Einfallsreich sieht anders aus, dafür kopiert die Geschichte viel zu sehr ihr Vorbild und dafür fehlt es an innovativen Momenten, welche die Figuren aus ihren Stereotypen herausreißen, so wie es die Müllpresse-Szene im allerersten „Krieg der Sterne“ vorgemacht hat. Allerdings funktioniert die Kopie einer bereits bekannten Geschichte besser als ich vermutete, allein schon weil Abrams mit allerhand Ablenkung alles versucht die Geschichte nicht wie eine Blaupause aussehen zu lassen.

Etwas ärgerlich ist der Handlungsablauf an sich ausgefallen, lebt die Zusammenkunft der Helden doch von zu vielen Zufällen, als dass sie zu gefallen wüsste, was dann am meisten nervt, wenn eine ausweglose Situation mehr als einmal dadurch gelöst wird, dass sie mit der Einführung eines Charakters aus der Ur-Serie blauäugig gelöst wird. Und dass es das ganze Universum interessiert Luke Skywalker wiederzufinden, ist schon ein etwas schwacher Auslöser eines kompletten Filmes um Rebellion, Verrat, Sternenschlachten und zerstörte Planeten. Zumal man sich unweigerlich fragt ob Luke entdeckt werden möchte, wenn er doch freiwillig ins Exil gegangen ist.

Diese Frage muss zwar erst die Fortsetzung beantworten, aber da das Schicksal der „Star Wars“-Reihe nicht mehr bei George Lucas liegt, kann die Antwort auf diese Frage nicht ganz so plump ausfallen wie die Mittel-Trilogie. Was die Frage um den CGI-Overkill betrifft, den Abrams im hier besprochenen Film hätte wiederholen können: hier kann man Entwarnung geben. Trotz etlicher Computereffekte und unzähligen Schlachten sind die Actionszenen und Fights nie überfrachtet ausgefallen. Das geübte Auge kann zuschauen, die Effekte sind erste Sahne, und so manches Mal fühlt es sich so an, als ob man sich tatsächlich mitten in einer Sternenschlacht befindet.

Der einzige Minuspunkt in Sachen Optik besteht leider im Aussehen des neuen Anführers des Bösen. Zwar versuchte man nicht den Imperator zu immitieren, aber leider setzt man uns als Master des Bösen diesmal ein komplett am Computer entstandenes CGI-Wesen vor, welches Echtheit nicht vorgaukeln kann und somit wie ein Zeichentrickelement inmitten eines Realfilmes wirkt. Seine Wirkung ist weder mystisch noch unheimlich, letztendlich ist er das einzige Element in Episode 7, welches das Werk kurzfristig zu einem Kinderfilm degradiert. Da seine Auftritte noch höchst rar gesät sind, schaden diese Ausrutscher dem Film nur minimal. Schnell ist man mit einem neuen Retro-Aspekt wieder wohlgestimmt.

Mit solchen allein wird sich eine Episode 8 jedoch nicht gucken lassen, so dass man für den Weiterverlauf der Story nur hoffen kann, dass nicht weiterhin nur noch die bewährte Kuh per Ideendiebstahl aus eigenen Reihen gemolken wird. Das funktionierte einmal, eben weil es den Zuschauer, ähnlich wie bei „Rocky 6“ nach einem Wiedersehen dürstete. Die Mitteltrilogie riss große Wunden in das Fanherz mit seiner leblosen, kindischen Art. Da ist „Das Erwachen der Macht“ eine wundervolle Medizin, um den enttäuschten Fan wieder glücklich zu machen. Aber nun muss es mutig weitergehen, und da bin ich trotz des sympathischen Ergebnisses des hier besprochenen Filmes bei Episode 8 wieder ebenso kritisch, wie ich es vor der Sichtung von Episode 7 war. Aber ich lasse mich gerne erneut eines Besseren belehren.  OFDb

16.09.2015

DER WÜSTENPLANET (1984)

Es ist gar nicht so leicht über Lynchs „Der Wüstenplanet“ zu schreiben, den ich in der 130 minütigen Kinoversion geguckt habe anstatt in der parallel existierenden drei stündigen TV-Version, die ebenfalls auf meiner DVD enthalten ist. Von daher kann ich nichts darüber sagen, ob das letzte Drittel in der Langfassung ebenso gehetzt erzählt wird, nachdem der Hauptteil der Geschichte in aller Seelenruhe mit Liebe zu wichtigen und unwichtigen Details umgesetzt wurde. Wie auch immer: das Ergebnis der Kinoversion schaut sich wie ein Kampf des Kunst-liebenden Lynchs gegen Mainstream-liebende Produzenten, denn auch wenn der Streifen wahrlich nichts fürs Massenpublikum ist, so ist es doch interessant zu beobachten, wie die Modewelle der frühen 80er Jahre Einzug ins Endprodukt hält und billigste Stereotype durch eine teilweise recht plumpe Rebellen-Story stampfen.

Dem gegenüber stehen skurrile, teilweise gar richtig groteske Gestalten und Situationen, die „Dune - Der Wüstenplanet“ (Alternativtitel) wahrlich zu etwas eigenem machen, versehen mit recht experimentellen Spezialeffekten, die sich zwar heute stark veraltet schauen, damals aber sicher faszinierend anzusehen waren. Am erstaunlichsten fand ich die Szenen rund um den verwöhnten und von Hautkrankheiten entstellten Baron, ein Fiesling wie ihn das Kino in dieser Extreme und Comicartigkeit viel zu selten hervor bringt, voller Spielfreude interpretiert und einem Ekel und Freude zugleich bereitend, während seine Art zu regieren einem das Gefühl einer wirklich fremden Welt gibt.

Auch hier schaut sich „Dune“ (Originaltitel) sehr wackelig. Teilweise wirken die Mentalitäten und Rituale so stark befremdlich wie es heutige Kinoproduktionen kaum noch hin bekommen, sprich dass sie tatsächlich fern der uns bekannten Kulturen angesetzt sind. Manchmal streifen jedoch Modefigürchen durchs Bild, die uns wieder all zu deutlich machen aus welchem Land der Film stammt und wie dünn die Geschichte trotz aller Ablenkung dann doch ausgefallen ist.

Ich weiß wie negativ sich das liest, aber irgendwie hat es bei mir die Faszination für diesen Streifen verstärkt. Das Interesse des aus Talent und Geld wild zusammengewürfelten Ergebnisses schwappt zwar häufig eher in eine theoretische Faszination über, letztendlich ist der Film aber interessant genug erzählt, dass er auch auf der Unterhaltungsebene zu gefallen weiß, auch wenn er sich mit seiner arg plumpen Heldenstory zwischendurch immer wieder ein wenig ausbremst. Stets hat man das Gefühl, dass da mehr möglich gewesen wäre. Und da man weiß wie außergewöhnlich Lynchs Werke im allgemeinen ausfallen, ob man sie jetzt mag oder nicht, kann man wohl wirklich von einmischenden Produzenten ausgehen bei solch holpriger Umsetzung, die immer ein wenig orientierungslos zwischen phantastisch und gewöhnlich hin und her springt.

Ich glaube ich mag „Der Wüstenplanet“ eben weil er so ein merkwürdiges Produkt zweier Interessenseiten geworden ist. Wer weiß wie die Vision Lynchs in totaler Vollendung ausgesehen hätte, dann würde ich vielleicht auf den 130 Minüter fluchen, wie er heute existiert. Aber so wie vorhanden fasziniert mich der fertige Film mehr, als dass er mich enttäuscht. Dennoch hätte man sich gegen Ende mehr Zeit für die Geschichte nehmen sollen. Wie schnell der Prinz zum Anführer wird, wie ebenso schnell er die großen Sandwürmer beherrscht und wie extrem schnell der Imperator jede Gegenwehr sein lässt ist doch aufgrund des Tempos alles viel zu unglaubwürdig erzählt. Dank der Stärken des Hauptteils, und merkwürdiger Weise fast noch mehr dank der Schwächen eben selbiger Phase, geht man jedoch nicht all zu streng mit dem gehetzten Schluss um. „Dune“ bleibt trotzdem ein hochinteressanter Ausnahmefilm seiner Zeit, der zwar intelektuell völlig über dem Budenzauber eines „Krieg der Sterne“ steht, aber scheinbar trotzdem nicht mehr sein will als dieser.  OFDb

11.02.2013

HINTER DEM HORIZONT (1998)

Chris Nielsen verliert zunächst seine beiden Kinder, einige Jahre später stirbt auch er und erwacht im Jenseits. Zunächst fällt es ihm schwer sich von seiner Frau Annie zu lösen. Nach und nach findet er sich im Jenseits zurecht. Doch als er die Nachricht bekommt, dass Annie allein gelassen Selbstmord begangen hat und nun in der Hölle feststeckt, beschließt Chris sie dort herauszuholen. Allen Warnungen zum Trotz macht er sich mit zwei Helfern auf den Weg...
 
Hinter dem Horizont gleich rechts...
 
Bei dieser Geschichte ist Kitsch vorprogrammiert, deshalb ist man vorgewarnt und darf nur bedingt darüber schimpfen. Bedenkt man aber die extreme Naivität, die vom Zuschauer abverlangt wird, muss man schon über das gezeigte Jenseits schimpfen. So stellt sich der zivilisierte Mensch aus einem Industriestaat den Himmel vor. Angelehnt an die Natur im allgemeinen ist hier nichts. Das Jenseits ist ebenso entfremdet wie das Denken eines solchen Menschen. Kritisch wird mit dem Thema nicht umgegangen. Ward wollte einen Film zum träumen kreieren, und dies gelingt ihm zumindest bei den Träumern.

Der Realist wird nicht mit hinübergezogen in die Welt, die er uns dort zeigt. Für den Realist wird es ein theoretischer, recht kritischer Besuch, der sicherlich die wunderbare Optik in all ihren (wenn auch arg überfrachteten) Spezialeffekten zu bestaunen wissen wird, mit dem Film selbst jedoch auf die Laufzeit gesehen nie eins werden wird.

Erfreulich ist das Ignorieren zu vieler christlicher Vorstellungen. Da gibt es das Paradies und von einem Gott wird auch geredet, aber ansonsten durften die Drehbuchautoren sich mit ihrer Phantasie kräftig austoben, in der Hölle noch mehr als im Himmel. Da das Paradies, mit all seinen Regeln die man gemeinsam mit Chris entdecken darf, einer eigenen Philosophie folgt, wird der bittere Nachgeschmack von Selbstmördern die in der Hölle landen schnell wieder wett gemacht, denn die Erklärung hierzu kann sich echt sehen lassen und beschert Chris' Mission ganz andere Probleme, als zunächst vermutet.

Doch positive Dinge wie diesen gibt es in „Hinter dem Horizont“ recht wenige. Die meisten guten Punkte bauen auf der Phantasie der Erfinder der Geschichte auf: der blaue Baum, die Gesichter im Höllenboden, die Ölfarbe im Paradies, ... Doch auf emotionaler Ebene versagt der Film meist. Die Liebe des Ehepaares wird gut herausgearbeitet, die Liebe zu den Kindern weniger. Der Drang der Menschen im Paradies als andere Persönlichkeiten aufzutreten wirkt nicht nur fremd und unglaubwürdig, sondern verrät auch die ein oder andere Überraschung viel zu früh. Und da die Überraschungen, die dem Zuschauer im Paradies bevorstehen, meist auf versteifte, amerikanische Familienwerte und anderweitige Moral aufgebaut ist, bekommt Wards Film im allgemeinen einen bitteren Nachgeschmack.

Rückblicke verweisen immer wieder auf Lücken, die bewusst gewählt wurden. Doch manche Informationen zum Füllen des bisherigen fehlenden Wissens, werden nicht glaubhaft eingefangen. Das Unwissen und die Phantasie des Zuschauers hätte in manchem Punkt wahrscheinlich gereicht. Ganz speziell kommt mir dabei die Szene in den Sinn, in der man erfährt wie Chris Annie dabei hilft ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen, nachdem beide Kinder verstorben sind. Das Gezeigte diesbezüglich wirkt mir zu vereinfacht, schlichtweg zu naiv, und da darauf auch in Chris' Jenseits-Mission eingegangen wird, ist durch solche Momente im kompletten Film der Wurm drin. Immerhin möchte Ward ein Geflecht aus Informationen und Gefühlen bilden, die alle miteinander zu tun haben, Einfluss auf spätere Erlebnisse haben, usw. Das ist auch lobenswert, will in diesem Fantasy-Drama allerdings nicht wirklich funktionieren.

Wem es reicht schöne Bilder zu sehen, oder wer sich sehr naiv der Träumerei und einem gewissen Grad Kitsch hingeben kann, der wird vielleicht Freude empfinden, wenn er in die geheimnisvolle Welt des Jenseits entführt wird. Wer jedoch die weltfremden Ansichten typischem Kleinbüger-Denkens Amerikas nicht teilen kann, der wird auch nicht warm werden mit Wards märchenhafter Erzählung. Da die Wahrscheinlichkeit für ein derartiges Ergebnis jedoch recht hoch lag, wird ein solcher Filmfreund auch nicht all zu überrascht über den Mangel an Cleverness und Einfühlungsvermögen sein. Um mutig ein glaubwürdiges Jenseits zu zeigen, bedarf es eines echten Künstlers seines Fachs, eines Regisseurs, der sich nicht nur auf schöne Bilder und Kitsch verlässt, sondern den Mut hat die Gesetze der Natur im Jenseits weiterzuspinnen, anstatt auf naive Wunschträume verwöhnter Menschen zu setzen.  OFDb

21.12.2012

SLEEPLESS (2001)

Eine Prostituierte stößt bei einem aggressiven Freier auf Beweise, die den Mann, in dessen Wohnung sie sich befindet, als Täter entlarvt für die vor vielen Jahren begangenen Morde, für die am Ende ein Liliputaner beschuldigt wurde. Die Hure überlebt diese Entdeckung nicht, aber der Mörder ist nun zurück und wird wieder aktiv. Die Polizei ermittelt, ebenso der pensionierte Inspektor Moretti und Giancomo, der Hinterbliebene eines der Opfer von damals...

Animal Farm...
 
Auch 2001 war Argento noch lange nicht müde seinem Lieblingsthema um gesuchte Frauenmörder eine weitere Umsetzung zu schenken. Es fällt jedoch auf, dass die intensive Wirkung früherer Werke verblasst. Argentos Handschrift ist noch immer zu erkennen, das Gesamtwerk selbst guckt sich meist jedoch wie ein typischer Thriller, wenn auch mit einigen recht harten, blutigen Momenten. Höhepunkt des Streifens ist auch gleich seine über eine viertel Stunde langgestreckte Eingangssequenz, in der wir eine Prostituierte in Gefahr erleben dürfen in einer Atmosphäre, die locker die ansonsten vermisste Klasse von Argentos damals dichten Umsetzungen erreicht. Der italienische Horrorregisseur arbeitet Gruselelemente mit ein, die ein wenig an seine Hochzeit in „Suspiria“ erinnern.

Die merkwürdige Kinderstimme des im Schlaf sprechenden Toten hat akustisch etwas von der Stimme der Hexe, die unheimliche Schlafsituation selbst atmosphärisch etwas von der Turnhallen-Übernachtungsszene. Wenn Argento drei seiner Figuren in öffentlichen Verkehrsmitteln von außen filmt, erinnert dies etwas an die bedrohlichen Außenaufnahmen der Heldin von „Suspiria“ während einer Fahrt durch eine regnerische, unheimliche Nacht. Auch die erneute Zusammenarbeit mit der Musikgruppe Goblin fruchtet. Ihre Kompositionen mögen nicht mehr ganz so experimentell sein wie zu Zeiten des besagten Hexenfilmes, aber sie wissen noch immer zu überzeugen. Das „Sleepless“-Thema wird dann auch gleich zum Ohrwurm und weiß Argentos Werk in seinen besten Momenten hilfreich zu unterstützen.

Argento scheint es diesmal jedoch weniger um Optik und Akustik zu gehen, im Vordergrund steht diesmal die Geschichte selbst. Seine Werke boten seit je her gute Storys, aber meist schienen diese Nebensache zu sein. „Sleepless“ lässt den Zuschauer viel mehr am Verlauf der Geschichte selbst teilnehmen. Selten waren Charaktere so gut herausgearbeitet und so brauchbar besetzt, wie hier. Argento lässt einen in zweiter Reihe miträtseln, was nun die Lösung der so gleichen und doch so unterschiedlichen Mordserien ist. Hierbei spielt er jedoch bewusst unfair, denn die Informationen, die einem zum Ziel führen können, schenkt er dem Betrachter erst gegen Ende. Hierfür wendet er erzähltechnisch den Kniff aus seinem Erstling „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ an. Ein Zeuge konnte sich an gewisse Details nicht erinnern. Diesmal ist es ein pensionierter Inspektor, dem das Erinnerungsvermögen Streiche spielt, gut begründet durch sein fortgeschrittenes Alter.

Jener Inspektor wird mehr zur Identifikationsfigur als die eigentliche Hauptrolle. Auch diese wird brauchbar von Stefano Dionisi verkörpert, er verleiht seiner Figur jedoch nicht die Griffigkeit und Echtheit, wie es Max von Sydow durch seinen Erfahrungsschatz mit der Rolle des Moretti schafft. Beide Figuren arbeiten zusammen, da sie eines verbindet: Das persönliche Erlebnis mit diesem Kriminalfall. Ihr Zusammentreffen mit der aktiv am Fall beauftragten Polizei steht für Argentos Kritik der modernen Art, wie Menschen arbeiten. Die Polizei arbeitet kühl, emotionslos, nicht nur mit sondern ein wenig auch wie Maschinen. Ein wenig Leistungsgesellschaft hier, ein wenig zu viel technische Hilfsmittel, welche die Spürnase verkommen lassen, da, die Kritik am Qualitätsverlust menschlicher Möglichkeiten, Gefühle und Werte kommt deutlich herüber. Die Aussage geht sogar so weit, dass Argento die Polizei im Finale soldatenartig unüberlegt auf Knopfdruck handeln lässt. Dabei erzielen die Ermittler zwar eine von mehreren erfolgreichen Varianten, der Weg dahin und das Ignorieren anderer Alternativen zeigen jedoch das Entmenschlichte im Werteverfall einer zur Leistung erzogenen Gesellschaft (im Alltag auch immer wieder gut zu beobachten bei der Hamburgerbude mit dem goldenen M).

Aber bleiben wir beim Film: Die Aussage kommt deutlich herüber, die Figuren sind griffig und die Geschichte ist gut erzählt. Wie so oft bei Argento weiß auch die Auflösung zu überzeugen. Die Motive sind Standart, das aufgedeckte Dunkel logisch und nachvollziehbar, der Täter überraschend. Lediglich der Schauspieler dieser Rolle wirkt mir ein wenig zu durchschnittlich. Gerade in der Auflösungsszene erkennt man das mangelnde Talent. Gerade hier hätte man einen richtigen Schauspieler benötigt, schade! Ebenfalls zu kritisieren habe ich diesmal, dass recht früh klar wird, dass diesmal keine Frau der Täter sein kann, eine Möglichkeit, die Argento sonst recht häufig mit eingebracht hat. Völlig aus dem Nichts gezogen wird auch viel zu früh die Vermutung angesprochen, dass der Täter einen Gehilfen haben könnte. Auch wenn sich dies am Schluss bestätigt, so hätte er diesen eigentlich gar nicht nötig gehabt. Das komplette Täterbild gibt nicht einen klaren Grund ab, warum man bei den Ermittlungen daran fest glauben sollte. Dass alle Möglichkeiten in Betracht gezogen werden müssen, ist mir bei diesem Kritikpunkt jedoch bewusst.

Solch atmosphärisch dichte Szenen wie die sehr lange und sehr gute Eingangssequenz hat „Sleepless“ leider zu wenig. Und auch wenn die Geschichte zu interessieren und zu unterhalten weiß, so habe ich mir doch gerade unter einer Regie von Argento einen packenderen Film vorgestellt, als das was er uns schlussendlich abgeliefert hat. Das mag der Fluch des Ruhms sein, wenn man nun einmal so talentiert ist wie dieser Mann, und vielleicht wäre ich unter anderer Regie vom Ergebnis begeisterter gewesen, als ich es nun bin, aber letzten Endes ist es auch nicht falsch in seiner Beurteilung Argento mit Argento zu vergleichen. Und der liefert stilistisch im Endeffekt einen zu routinierten Thriller ab. Die Geschichte geht tiefer, die Morde sind hervorragend ausgearbeitet und teilweise an den Nerven zerrend, das Wort Routine ist also eigentlich zu streng, atmosphärisch gesehen passt es jedoch recht gut, auch wenn Ausnahmeszenen für das Gegenteil stehen. Schlecht unterhalten ist man mit „Sleepless“ also sicherlich nicht. Der Film wird nie langweilig, macht einen neugierig auf das Ende und lässt einen mit den Figuren mitfiebern. Auch das psychologische Spiel mit dem Zuschauer und bewusste Täuschungen wissen zu gefallen. Thriller-Fans können also gerne zugreifen, sollten aber auch einen harten Magen besitzen.  OFDb