2018/07/15

DIE FLIEGE (The Fly 1986 David Cronenberg)


Der Wissenschaftler Seth Brundle lebt zurückgezogen, um an der Möglichkeit der Teleportation zu tüfteln. Als es ihm gelingt tote Materie von einem Ort zum anderen zu teleportieren holt er sich die Reporterin Veronica Quaife an Bord, die den Prozess dokumentieren soll, wie Brundle herausfindet gleiches mit lebender Materie zu vollziehen. Es entsteht eine Liebschaft zwischen den beiden, und als in Brundle eines Tages die Eifersucht brodelt, begeht er voreilig und betrunken einen Selbstversuch und übersieht bei diesem, dass eine Fliege mit in die Teleportationskabine gelangt ist. Da der Computer es nicht gewohnt ist zwei Objekte gleichzeitig zu zerlegen und wieder herzustellen vermischt er die Struktur beider Lebewesen. In Brundle vollzieht sich schleichend, anfangs nicht bemerkbar, eine Mutation...


Brundle-Fliege...

Der Neuverfilmung "Die Fliege" liegt ein guter gleichnamiger Klassiker zugrunde, der seiner Entstehungszeit geschult sicherlich eine Spur zu naiv ausgefallen ist, aber nichtsdestotrotz ein gelungener Science Fiction-Horror ist. Das eine Spur wissenschaftlicher angegangene Sequel steht dem Original in nichts nach, übertrifft es meiner Meinung nach sogar, obwohl es ebenso wie die Erstverfilmung in seiner Zeit feststeckt. Eine Lächerlichkeit schwebt in der Luft, wenn man den stets gut agierenden Jeff Goldblum mit seiner widerlichen Frisur erblickt, wie es sie auch nur in den 80er Jahren geben durfte. Es dauert tatsächlich sich daran zu gewöhnen, zumal seine Mitspielerin ebenfalls zu modisch, und damit mit heutigen Augen zu veraltet und albern, wirkt. Glücklicherweise rückt diese unfaire Lächerlichkeit mit der Zeit immer mehr in den Hintergrund, da "Die Fliege" auf einer enorm stark erzählten Geschichte aufbaut, die uns für das immer poppiger werdende 80er Jahre-Kino noch angenehm sachlich präsentiert wird.

Wie schon in "Parasiten-Mörder", "Videodrome" und manch anderem Werk konzentriert sich Kult-Regisseur David Cronenberg auf sein Spezialgebiet, den Körperhorror, und gibt dem Film somit einen anderen Schwerpunkt als "Die Fliege" aus den 50er Jahren. Die Tricktechnik damaliger Zeit darf handgemacht zeigen was sie kann und bringt den Zuschauer gleichermaßen zum staunen und zum ekeln, so gekonnt geht das Effekte-Team vor. Man darf ihnen zugestehen, dass ihr Werk auch heute noch zu überzeugen weiß, so dass die Spezialeffekte weit besser gereift sind als das Aussehen der Protagonisten. Einzig die Kreatur am Schluss des Filmes kann mit den restlichen Effekten nicht mithalten, ist aber für seine Entstehungszeit ebenfalls hervorragend getrickst.

Cronenbergs "Die Fliege" hebt sich insofern von den meisten anderen Horrorfilmen, die auf Ekeleffekte setzen, ab, als dass er zum einen trotzdem andere Faktoren nicht vernachlässigt. So ist die Charakterzeichnung der beiden wichtigsten Figuren sehr tief ausgeleuchtet ausgefallen, so dass die Geschichte lange vor der Verwandlung Brundles bereits hochinteressant erzählt ist. Auch die Psychologie der Geschichte funktioniert und bleibt glaubwürdig. Zwischenmenschliche Zusammenhänge werden erkannt, Berufen werden Charaktereigenschaften zugedacht, die über die üblichen Stereotype hinausgehen, Figuren machen verschiedenste Entwicklungen glaubwürdig durch, ändern Sichtweisen, lernen durch Erfahrung, erkennen Irrtümer. Die sachliche Art der Erzählung verleiht dem flott erzählten Film einen ernsten Grundton, auf welchem im Laufe der Zeit die Spannung fußen kann, so dass die Bedrohung schnell zu spüren ist, auch wenn sie erst unterschwellig brodelt. Auf eine halbwegs trocken erzählte Art ist "The Fly" (Originaltitel) ein hoch atmosphärisch ausgefallener Film, der seine Thematik von Beginn an ernst nimmt, keinerlei Humor zulässt und inhaltlich nie zur unfreiwilligen Komik verkommt.

Zum anderen, und das ist nun der entscheidende Unterschied zu vielen anderen Ekel-Horrorfilmen, nutzt Cronenberg die Spezialeffekte nicht zum Selbstzweck. Sie sind neben der Psyche der Hauptfigur der Erkennungsfaktor der Verwandlung Brundles, die das Drehbuch äußerlich wie innerlich gleichermaßen ausleuchtet, ohne einen von beiden Prozessen zu vernachlässigen oder vorzuziehen. Cronenberg zeigt Brundles Mutation in einer Gnadenlosigkeit, lässt den Zuschauer an den meisten Prozessen teil haben und verzichtet an anderer Stelle nur deswegen darauf, um das Publikum auf andere Weise schockieren zu können. Zudem nutzt Cronenberg diese Effekte, um uns das Leiden des Wissenschaftlers nahe zu bringen. Somit werden die Verwandlungssequenzen nicht nur hart und provozierend eingesetzt, sondern dienen einem psychologischen Verständnis, sie werden zu einer Brücke der Empathie, damit der Zuschauer halbwegs nachvollziehen kann, wie es Brundle wohl gehen mag. Mehr noch, über die Verwandlungen Brundles und der daraus entstehenden, erschreckenden Optik können wir uns umso mehr in die schockierte, irgendwann aus dem Prozess ausgeschlossene, Veronica hinein versetzen, die sich schließlich in jenen Mann verliebt hat, der nun einer extremen Behinderung unterliegt. Hilflos muss sie mit ansehen, wie der Mann den sie liebt nach und nach verschwindet. 

Auch seelisch ist kaum noch etwas von ihm vorhanden, was nicht nur als Fakt zu akzeptieren ist, sondern aufgrund der Eigenschaften einer Fliege, die uns zuvor nahe gebracht wurden, Richtung Finale für eine weitere Ergänzung der Geschehnisse genutzt wird. Die Geschichte kostet somit jegliche Möglichkeit verspielt, aber ernst nehmend, aus, so dass der Zuschauer auf verschiedenen Ebenen immer wieder herausgefordert wird. Das Ganze wird uns spannungsgeladen präsentiert, gleichzeitig hochgradig dramatisch ohne dabei theatralisch zu werden. Cronenberg zeigt Emotionen stets innerhalb des sachlichen Grundtons des Streifens, ohne dabei unterkühlt oder empathielos zu wirken. Und man soll es kaum glauben, aber inmitten eines Filmes, der für seine heftigen Spezialeffekte bekannt ist, nutzt der Regisseur gelegentlich sogar den Kniff des Verzichts und lässt das Grauen im Kopf des Zuschauers geschehen, was erneut beweist wie vielschichtig "Die Fliege" ausgefallen ist, selbst in ihren scheinbaren Oberflächlichkeiten. Bei einem so starken Ergebnis wünscht man sich das depperte Aussehen der Protagonisten wäre nicht so extrem ausgefallen wie geschehen. Andererseits dient die äußerliche Lächerlichkeit der Hauptfiguren somit heutzutage als zusätzlicher Beweis dafür, dass der Film derart stark und intensiv erzählt ist, dass er über dieses Makel nur kurzfristig tatsächlich zu stolpern vermag.


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2018/07/14

DAS MONSTER AUS DER TIEFE (Monster 1980 Herbert L. Strock)


Ein Monster haust in einem See nahe eines kolumbianischen Dorfes und frisst Menschen...


Mit einem Ruder in Schach gehalten...

Anfang der 80er Jahre gab es in Amerika eine kleine Welle an Monsterfilmen, die in modernerer Umsetzung an den klassischen Kreaturen orientiert war, die ab den 50er Jahren immer wieder das Kino heimsuchten. Neben "The Being" und "Das Grauen aus der Tiefe" erschien unter anderem "Das Monster aus der Tiefe", welcher gegenüber der eher mittelmäßig ausgefallenen Konkurrenz leider nicht die Nase vorn hatte, sondern ganz im Gegenteil schlechter ausfiel als die zu dröge inszenierten Vergleichsfilme. Zwar schaut sich Herbert L. Strocks Monster-Gurke, an der mindestens noch Kenneth Hartford mitgebastelt haben soll, eine Spur flotter als die besser inszenierten Monsterfilme gleicher Entstehungszeit, aber das verdankt er lediglich seinem Schundflair, so holprig und fehlerhaft wie er umgesetzt wurde, so dass man schon einen Hang zum Trash haben muss, um den hier besprochenen Streifen ernsthaft mit den theoretisch besseren Vergleichsfilmen auf eine Stufe zu stellen. Jeder andere erkennt im Gesamtergebnis nur das was "Monster" (Originaltitel) theoretisch gesehen auch tatsächlich ist: einen schlechten Film, den man aufgrund seiner dilettantischen Inszenierung kaum einen nennen kann.

Eine solch schäbige DVD-Veröffentlichung, wie in Deutschland geschehen, hätte der angeblich auf wahren Situationen beruhende Streifen dennoch nicht verdient, wirkt das Bild doch wie eine besonders schlechte VHS-Qualität, und ist bis auf zwei Sprachfassungen doch nichts weiter auf der Scheibe enthalten. Für einen Film, der so schlecht zusammengezimmert ist, dass man ihm aufgrund des extremen Ergebnisses nicht mehr böse sein kann, ist das schon zu lieblos ausgefallen, aber zumindest kleidet das Cover das wundervolle Postermotiv von einst, dank Wendecover auch ohne FSK-Logo. Es wäre schön gewesen die Kreatur hätte wie das dort gezeichnete Monster ausgesehen, aber die weit weniger schreckhafte Gestalt, die im Film tatsächlich zu sehen ist, besitzt für Schundfilm-Freunde ebenfalls seinen Reiz. Wie man sich bei einer Billigstproduktion denken kann hat es ohnehin wenig Auftritte, und wenn es dann mal auftaucht ist es tricktechnisch schlicht gehalten. Optisch ist es jedoch interessant gestaltet, orientiert an real existierenden Lebewesen im Wasser, bedrohlich oder gar gruselig sieht es jedoch nicht aus.

Das passt dann aber wiederum zur Inszenierung, die derartige Adjektive ebenfalls nicht besitzt, nicht einmal im Ansatz, und irgendwie passt das auch zu den präsentierten Situationen innerhalb des Streifens, hat doch im Finalkampf gegen die Kreatur keine einzige Person Angst vor dem Vieh. Das geht sogar soweit, dass eine der im Zentrum stehenden Figuren die Bestie in einem kleinen Boot von einem Sprengmeister ablenkt, indem sie das Monster mit ihrem Holzruder um das Biest herumgurkend in Schach hält und dabei immer wieder Töne ausstößt, mit denen man eventuell lediglich einen Hund zur Passivität zurückrufen könnte - und selbst dies bleibt anzuzweifeln. Das guckt sich derart drollig und per Schnitt billig zusammengesetzt, dass Langeweile kaum möglich ist. Meiner Meinung nach ist "The Toxic Horror" (Alternativtitel) auch zuvor nie lahm zu schauen, das sehen die meisten anderen Autoren im Internet jedoch anders, eben weil es im Restfilm meist nur um irgendwelche zwischenmenschlichen Banalitäten anstatt um das Monster geht. Es ist der schluderigen und lächerlichen Herangehensweise zu verdanken, dass ich auch diese unnötigen Phasen mit einem Hauch Freude gesichtet habe, auch wenn "Monsteroid" (Alternativtitel) mit seinen Trashzutaten nie zum wirklich unterhaltsamen Schrotthappening wird.

Interessant sind die inhaltlichen Ansätze, die immer nur phasenweise wichtig sind, wenn überhaupt, um dann nie wieder erwähnt zu werden. Auf ähnliche Art sind sogar einzelne Szenen ausgefallen, so z.B. eine Situation, in welcher eine für eine Hexe gehaltene Einwohnerin von steinigenden Hinterwäldlern gejagt wird, stolpert (scheinbar während des Drehs unbeabsichtigt) und dies zu einem Zeitpunkt, in welchem sie ihre Verfolger derart dicht hinter sich hat, dass diese sie nun zweifelsfrei erledigen könnten. Ein Entkommen gibt es nicht. Hier setzt aber nun ein Schnitt als Übergang zu einer völlig anderen Szene ein, und keiner weiß wie die gute Frau, die später erneut im Film auftaucht, diese Situation unbeschadet überlebt hat. Es gibt mehrere solcher Szenen zu entdecken, die aufgrund einer plötzlichen Schnittsetzung den Zuschauer mit Fragezeichen über den Kopf zurücklassen wie gerade gesehene Situation denn nun enden möge.

Woher die Kreatur kommt erfährt man anbei nie, obwohl der Streifen etliche Theorien bereit hält, begonnen bei den toxischen Abwässern einer für die Geschichte wichtigen Fabrik (ohne dass "It Came from the Lake" (Alternativtitel) dadurch zum Öko-Horror a la "Barracuda" werden würde), bis hin zu dämonischen Erklärungen, einer Rachekreatur Gottes, oder eines Wesens, welches durch den Willen einer Hexe erweckt wird. Der Alternativtitel "Toxic Monster" verweist auf erste Theorie, der Film bringt jedoch nie tatsächlich eine Verbindung der Umweltsünden mit der Herkunft des Monsters hervor, zumindest nicht in der deutschen Sprachfassung. Aber der mit John Carradine in einer unwichtigen Rolle besetzte Film ist ohnehin nur Murks, da braucht man keinen ernsten Gedanken an solche Fragen verschwenden. Viel eher sollte man sich fragen was während der Produktion hinter der Kamera vorgefallen ist, dass aus einer von vielen schlichten, aber mehr oder weniger funktionierenden, Monsterfilmideen diese eine so besonders schluderig umgesetzt wurde, dass sie keine Chance bekam auf herkömmliche Art zu funktionieren. Und wer hatte den Mut das zusammengefledderte Ergebnis dennoch einem Publikum vorzusetzen? Ach so, ich vergesse in solchen Momenten immer wieder, dass es bei solchen Produktionen lediglich um Geldmacherei geht.


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2018/07/13

DER NACKTE DSCHUNGEL (The Naked Jungle 1954 Byron Haskin)


Anfang des 20. Jahrhunderts reist die junge Joanna zu einer Kakaoplantage in den Dschungel, da sie nach einer Fernhochzeit dort nun bei ihrem ihr bis dahin unbekannten Ehegatten Christopher Leining wohnen wird. Der hat sich dort ein Imperium aufgebaut, fern jeglicher heimatlichen Sozialkontakte, und dementsprechend ruppig und unerfahren geht er mit seiner Gattin um. Schnell beschließt er die Ehe als gescheitert. Joanna soll mit einem Boot in ihre ehemalige Heimat gebracht werden. Doch eine alles zu zerstören drohende Ameisenplage kommt diesen Plänen in den Weg...


Eine Tür kann ein Gurkenglas ersetzen...

Ein Jahr nachdem Byron Haskin seinen legendären "Kampf der Welten" abgeliefert hatte, bescherte er uns erneut einen Kampf zweier Spezies. Passend zum Ende des Vorgängerfilmes und seiner literarischen Vorlage zeigt eine winzig kleine, zu unterschätzende Gattung einer ihr überlegen scheinenden Gattung, dass mit ihr nicht zu spaßen ist, und dass man sie als Feind ernst nehmen sollte. Zwar ist dieses Thema packend inszeniert und spielt sich Richtung Ende immer mehr in den Vordergrund, den Film, wie mit dem Alternativtitel "Wenn die Marabunta droht" geschehen, darauf zu reduzieren, würde der Realität jedoch nicht entsprechen, wird die Vermutung der Bedrohung einer übergroßen Ameisenpopulation doch erst zur Filmmitte geäußert, die Bestätigung etwa zu Beginn des letzten Drittels gemacht, und im etwa eine viertel Stunde lang laufenden Finale findet schließlich der Kampf beider Spezies statt.

Das mag der Hauptgrund sein, warum manch einer "Der nackte Dschungel" als Filmerlebnis wählte, so war es zumindest bei mir der Fall, es bildet jedoch nicht den Schwerpunkt des nett anzuschauenden Werkes, was ich glücklicher Weise bereits vor meiner Sichtung in Erfahrung brachte. Hauptaugenmerk des Streifens ist die etwas bizarr zu nennende Begegnung zweier einsamer Menschen, die sich auf eine ungewöhnliche Ehe mit einem ihnen jeweils Unbekannten eingelassen haben und nun die Dickköpfigkeit des jeweils anderen kennen lernen. Dieses Szenario wird aus der Perspektive Joannas begonnen, damit wir gemeinsam mit ihr das fremde Land kennen lernen dürfen, welches Christopher seit vielen Jahren bekannt ist. Im Laufe des Filmes wechselt hin und wieder die Perspektive, meist erleben wir die keineswegs humorvoll thematisierten Geschehnisse des Filmes jedoch aus Joannas Sicht.

Für die scheinbare Unnahbarkeit zwischen den beiden sich gar nicht so unähnlichen Menschen spielt es auch eigentlich keine Rolle wessen Perspektive eingenommen wird, allein schon weil heutzutage schwerwiegender wahrgenommene Diskrepanzen hier noch als Herausforderungen verstanden werden, anstatt sie als Sexismus und anderweitige der Situation nicht gerecht werdende Stempel abzutun. Hier zeigt sich "Bushmaster" (Alternativtitel) als noch einst für ein mündiges Publikum abgedreht, wenn auch eine Spur zu theatralisch inszeniert, allerdings immer ein Restniveau wahrend, um nicht all zu sehr abzudriften. Die wahre Kunst der stilsicheren Erzählweise liegt im subtilen und zweideutigen Benennen provokanterer Momente, was sicher am damals biederen Umgangston liegt, bzw. an den Regeln die diesbezüglich einst in Hollywood herrschten, dem Thema jedoch nicht schaden, sondern ganz im Gegenteil gut tun, eben weil das direkt Benannte nicht solchen Reiz besitzt wie die hier verwendeten Codes inmitten dieses für einen Unterhaltungsfilm für ein Massenpublikum überraschend komplex ausgefallenen Gefühlsdilemmas. 

Mag das grobe Geschehen auch recht schlicht gestrickt sein, auch was den Kampf gegen die Marabuntas betrifft, die schwer zu durchschauende zwischenmenschliche Situation des Ehepaares, die hier zum wahren Sehwert des Streifens wird, beweist erneut wie viel erwachsener und herausfordernder damaliges Kino war, wenn es um empathische Faktoren geht. Heute sind eher die Erzählungen an sich komplexer ausgefallen, während Figuren und psychologische Zusammenhänge meist zu glattgebügelt präsentiert werden. Ein ideales Hollywood wäre die Zusammenkunft beider geistreichen Faktoren für ein mündiges, mitdenkendes und gut beobachtendes Publikum, welches Zusammenhänge begreift ohne mit x Erklärungen an die Hand genommen zu werden. In "The Naked Jungle" (Originaltitel) sorgt der sich weiter entwickelnde zwischenmenschliche Prozess beider Ehepartner für die nötige Tiefe, die den Film vor seiner ansonsten zu beobachtenden Oberflächlichkeit bewahrt.

Freilich bleibt der Kampf gegen die Ameisen ein quantitativer Sehwert, diese Phase ist immerhin stimmungsreich und nie zu reißerisch umgesetzt und lässt einen trotz simpler Tierszenen wahrlich mitfiebern. Auch manche Optik, wie der brennende Schutzwall in der Ferne, während nahe der Kamera Ameisenaktivitäten zu beobachten sind, sind Sehwerte jenseits der zwischenmenschlichen Dramaturgie des Streifens. Letztendlich wäre "Der nackte Dschungel" ohne sein weitschweifendes Erkunden des Seelenlebens beider Protagonisten jedoch zu oberflächlich ausgefallen. Zudem könnte man vieles von dem was Christopher tut und denkt missverstehen, wenn der Film sich diesbezüglich nicht inhaltlich weiterentwickeln würde. Das schöne an einem 50er Jahre-Werk wie diesem hier ist es schließlich, dass er frei des erhobenen Zeigefingers selbst sachlich und vorurteilsfrei über jene Dinge berichtet, die zu Recht spätestens heutzutage nicht frei von Kritik sind. Aber es ist nun einmal nicht Thema dieses Streifens mögliche Fehlverhalten zu beurteilen. Haskin berichtet lediglich, frei von einem persönlichem Blickwinkel, frei seines eigenen Urteils, eine Eigenschaft die vielen Menschen der heutigen Protestgesellschaft fehlt.


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2018/07/08

EIN MANN FÜR ALLE UNFÄLLE (Drillbit Taylor 2008 Steven Brill)


Drei ständig gemobbte Schüler engagieren einen Bodyguard. Leider sind sie auf den obdachlosen Taylor hereingefallen, der ihnen den tollen Kämpfer vorgaukelt um schnell an Geld zu kommen...


Die Zurückhaltetechnik und andere tolle Tricks...

Sicherlich klingt das Rezept nach der typisch ausgelutschten Ami-Familienfilm-Soße. Teenager sind in Nöten, fallen auf einen Blender herein, dem tut es schließlich leid, und er bereut alles was er getan hat, denn Freundschaft ist das wichtigste im Leben. Freilich beweisen sich auch die Loser im Kampf gegen ihre Peiniger, und am Ende schwebt über allen Beteiligten eine heile Welt. Und ja, man kann "Drillbit Taylor - Ein Mann für alle Unfälle" (Alternativtitel) nicht gerade einen hohen Grad Kreativität zugestehen, und sicherlich verlaufen einige brauchbare Ansätze, wie der Stiefvater der Hauptfigur, der einst selbst Schulschläger war, voll von vertanen Chancen ins Leere. Aber ich kann mir nicht helfen, ich mag diesen vorhersehbaren, überraschungsfreien Film.

Das liegt natürlich u.a. daran, dass ich Owen Wilson gerne sehe, und dieser tatsächlich hervorragend in die vorgegebene Loser-Rolle hineinpasst. Nun ist es nicht so, dass diese Erkenntnis erst durch den hier besprochenen Film entsteht, schließlich war der gute Mann schon immer die passende Besetzung für Sonderlinge, aber die Rolle des Drillbit ist ihm wahrlich auf den Leib geschrieben, anbei u.a. von Seth Rogen, der mit einem Partner zusammen das Drehbuch verfasste. Die Rolle Owen Wilsons kommt weit weniger trottelig daher als man vermuten würde, so dass wir es hier nicht mit der würdelosen Art des Anti-Helden zu tun bekommen. Selbiges gilt für die drei im Zentrum stehenden Außenseiter. Die sind zwar nicht sonderlich sympathisch besetzt, aber sehr passend. Vielleicht etwas zu sehr, konnte ich doch nie wirklich Mitleid zu ihnen aufbauen. Dabei ist ihr Gegenspieler wahrlich ein Ekel und in seinem Mix aus vernünftig wirkend, nett lächelnd und sadistisch grinsend hervorragend besetzt.

Kurzum: es liegt an der Besetzung, dass die eigentlich simple Story um drei Schüler, die sich einen Betrüger als Bodyguard kaufen, nicht ins Leere läuft. Gewöhnlich ist die Umsetzung tatsächlich ausgefallen, da kann ich auch als Sympathisant des Streifens nichts schön reden. Regisseur Steven Brill kommt durch seine Arbeiten "Little Nicky" und "Mr. Deeds" ohnehin aus der Adam Sandler-Ecke, da darf man nicht zu viel erwarten. Aber dank des Verzichts auf Schmalz, Belehrungen und erhobenen Zeigefinger, Zutaten die ansonsten üblich sind in amerikanischen Familienfilmen, weiß das Ganze unverkrampft und unterhaltsam daherzukommen, so dass man sich den Film nach einem anstrengenden Arbeitstag zur anspruchslosen Ablenkung ruhig geben kann. Ich habe ihn seit seinem Erscheinen damals nun nach einigen Jahren ein zweites Mal gesehen und fühlte mich erneut nett unterhalten. Wer jedoch aufgrund des Drehbuchs von Seth Rogen dessen üblichen Provo-Humor erwartet, wird enttäuscht werden. "Drillbit Taylor" (Originaltitel) ist eine völlig harmlose, jugendfreie Komödie.


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GAME OF WEREWOLVES - DIE JAGD BEGINNT (Lobos de Arga 2011 Juan Martinez Moreno)


Tomas kehrt in seinen Heimatort zurück, weil er dort angeblich, trotz seines mittelmäßigen Erfolges, als Schriftsteller geehrt werden soll. In Wirklichkeit soll er jedoch ein Blutopfer werden, um einen 100 jährigen Werwolf-Fluch zu beenden...


Der Finger ist angerichtet...

Spanien ist in Sachen Werwolf-Horror nicht gerade ein unangetastetes Land, sind doch allein die etlichen Filme in denen Paul Naschy seinen Wolfsmenschen Waldemar verkörperte fester Bestandteil der filmischen Historie des Landes und bis heute unter Genre-Fans beliebte Kultstreifen. Was die Tricktechnik dieser Filme angeht geht "Game of Werewolves" tatsächlich gleiche Wege, besticht er doch durch den Verzicht seine Kreaturen per Computeranimation zu kreieren. Wir bekommen Menschen in Wolfskostümen präsentiert und zudem noch in welchen, die geradezu klassisch gestilt sind wie in guten alten Gruselfilm-Zeiten, die heutzutage oftmals als zu naiv abgestempelt werden. Der Erfolg gibt den Entscheidungsträgern recht, die Menschen in den Anzügen wirken weit mehr als die meisten CGI-Kreaturen, zumal das Werwolf-Genre ohnehin stets Gefahr läuft durch das Zeigen der Kreatur ins Lächerliche abzurutschen. Ein wirksames Werwolfdesign bekommen nur die wenigsten hin.

Hilfreich kommt den Verantwortlichen der hier verwendeten Kostüme jedoch hinzu, und damit unterscheidet sich der Streifen nun entscheidend von den Naschy-Werken, dass "Attack of the Werewolves" (Alternativtitel) keineswegs ein ernster, geschweige denn ein gruseliger Beitrag seiner Gattung sein möchte, sondern das Hauptaugenmerk auf die Komik setzt. Dank fehlender Teenager und dem nicht vorhandenen krampfhaften Versuch einen Dauerregen an Komik auf den Zuschauer nieder rasseln zu lassen, geht dieser Ansatz auch in Ordnung, plätschert "Party of Wolves" (Alternativtitel) doch angenehm erzählt vor sich hin, immer wieder lustige Ideen einstreuend, sich aber hauptsächlich auf die bizarre Gesamtsituation konzentrierend, als auf einzelne spezielle Gags. Die Figurenzeichnung hätte ein wenig interessanter ausfallen können, spielt aber recht gut mit den vorhandenen Stereotypen, und immerhin ein kleiner Hauch Tiefgang ist den Charakteren anzumerken. Die Geschichte bleibt bis zum Schluss interessant erzählt, eben weil die leicht abstrusen Situationen den an sich überraschungsfreien Handlungsablauf aufpeppen. Dank spielfreudiger Mimen geht das Ergebnis somit in Ordnung.

Mehr jedoch auch nicht. Ein wenig mehr hatte ich mir schon von dem recht individuell klingenden Stoff versprochen. So wäre es mir beispielsweise lieber gewesen, wenn "Lobos de Arga" (Originaltitel) zumindest ansatzweise Spannungsmomente, sprich Horror-Feeling, ausgestrahlt hätte und den Bereich des zugrunde liegenden Genres nicht nur lediglich als Trittbrett für die Komik nutzen würde. Den anderen Ansatz akzeptiert kann sich der Film aber immer wieder aufgrund seiner Überraschungen retten, so z.B. mit der Thematisierung der Frage, ob Tomas überhaupt komplett geopfert werden müsse, oder ob ein Körperteil vielleicht reichen würde um den Fluch zu beenden. Oder mit der Frage welche Handlungsweise eines Polizisten am sinnvollsten ist, wenn er wehrlos von Werwölfen umzingelt ist. Allein der Aufhänger, dass ein mittelmäßiger Schriftsteller naiv genug ist zu glauben, dass er daheim gefeiert werden soll, einfach weil er Schriftsteller ist, ist derart sympathisch zu nennen, dass man dem zu routinierten Werk eher zugeneigt als abgeneigt ist. Warum der Hintergrund des Fluchs unnötiger Weise zwei Mal abgehandelt wird, ist jedoch ein Zustand an dem es ausnahmsweise nichts schönzureden gibt.


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2018/07/07

MENDY - DAS WUSICAL (2003 Helge Schneider)


Wendy liebt das Ausreiten mit ihrem Lieblingspferd Mocca, welches bis auf sie noch jeden herunter geworfen hat. Das würde Mocca mit ihr eigentlich auch nie machen, so lieb wie er Wendy hat, aber als er damit eines Tages die Chance erhält Mitglied einer elitären Pferdeclique zu werden, die ihn bislang nur hänselte, wirft er Wendy doch noch ab. Sein Schicksal ist damit besiegelt. Die Pferde wollen weiterhin nichts von ihm wissen, und Wendys Papa wendet sich bereits an den Schlachter...


Da muss er passen, passen, passen...

"Mendy das Wusical", ein Stück welches im Ansatz auf einem Wendy-Comic beruht, welches Helge Schneider irgendwann einmal gelesen hat, ist ein herrlich lustiger Beweis dafür, dass die grotesk bürgerliche Welt des berühmten Komikers nicht nur in aktiver Anwesenheit Helge Schneiders zu funktionieren weiß, wie es bei seinen Liedern oder Filmen der Fall ist, sondern auch dann wenn er lediglich Autor und Komponist ist, wie im Falle des über mehrere Jahre 50 mal aufgeführten, hier besprochenen Theaterstückes. Beim Lesen der sehr originellen Romane um Kommissar Null Null Schneider hat man zumindest stets Helges Stimme im Kopf, zumindest ging es mir stets so, nun ist man einzig auf die Besetzung angewiesen, damit sich Schneiders schrullig provokativer Humor, seine absurde und doch recht lebensnahe, aber auf jeden Fall definitiv gut reflektierte Sicht auf die Gesellschaft auf den Zuschauer projiziert. Schon in den Filmen weiß die Besetzung rund um Helge herum zu funktionieren. Der nicht minder schräg wirkende Cast des Theaterstücks erzielt diesen Effekt auch - und dies ohne Helge neben sich spielen zu haben.

Man vermisst die tatsächliche Anwesenheit Helge Schneiders erstaunlicher Weise nicht, atmet das Theaterstück doch definitiv zu jedem Zeitpunkt seine Kunst, seinen skurrilen Blick auf die Dinge, seinen unschlagbar typischen Humor. Und Helge wäre nicht Helge, wenn er nicht auch gekonnt nebenbei das zu nutzende Medium parodiert bekäme, so dass ein Sichten von "Mendy - Das Wusical" nicht nur eine Alternative zu den Kinofilmen darstellt, sondern ein solch eigenes Erlebnis ist wie diese, seine Lieder und Erzählungen, sowie seine Bücher. Mag auch alles sehr albern, oftmals vulgär und definitiv völlig Banane inszeniert sein, Helge Schneider liefert tatsächlich erneut Kunst ab, überrascht mit einer sauberen Inszenierung, während er andererseits viele Dinge auf der Bühne anders interpretiert, mit Regelbrüchen eines typischen Theaterstücks provoziert und damit, wie so viele große Dichter und Schriftsteller, Theater neu erfindet. Das dürfte wohl auch der Grund sein, warum das Stück so lange lief, waren doch Helge-Fans und neugierige Theatergänger- und Kritiker gleichermaßen begeistert von dem was einem hier vorgesetzt, bzw. vorgeführt wurde.

Das Spiel mit ständigen Wiederholungen und Variationen bereits Gesehenem/Gehörten, der ständige Perspektivwechsel zwischen Menschenwelt und jener der Tiere, einmal sogar aus der Perspektive eines Kegels heraus erzählt, das Veralbern von Kleinbürger-Klischees, von kulturellen Entrückungen, gesellschaftlicher Gleichgültigkeiten, und, was wäre einladender in einem Musical, das Veralbern musikalischer Vorbilder a la Andrew Lloyd Webber (am deutlichsten zu bemerken im Abschlusslied), all dies und noch viel mehr machen das Theatererlebnis aus der Feder Helge Schneiders so einzigartig, so übersprudelnd lustig und so künstlerisch wertvoll, wie es sich schließlich auch anfühlt. An der Besetzung gibt es nichts zu meckern, jede Rolle ist perfekt ausgefüllt. Die Spielfreude und das künstlerische Engagement eines jeden Einzelnen ist stets für den Zuschauer spürbar präsent. Bekannte, wie unbekannte Gesichter, Talente ihres Fachs, wie alternativ Besetzte, sie alle wissen zu überzeugen und dem fertigen Werk Helges besondere Note aufzusetzen, ohne lediglich wie austauschbare Marionetten des Individualisten zu wirken.

Am Ende ist das Werk derart vor lustigen Situationen, zu entdeckenden Nebensächlichkeiten und Absurditäten und die völlig bescheuerte Geschichte vor überraschenden Wendungen angereichert, dass ein erneutes Sichten auch nach einigen Jahren wieder Sinn und Laune macht, eben weil man sich so viel Wahnsinn und schräge Kreativität, gefußt auf reflektierten Beobachtungen und albernen Übertreibungen, nicht merken kann, und man mit jedem Sichten glaubt Helges Theaterstück neu entdeckt zu haben. Zudem war ich noch jedes Mal aufs neue überrascht, was den Darstellern hier schauspielerisch abverlangt wird und wie viele Proben es gegeben haben muss, bis manch schwere Stelle gesessen hat. Auch hier überzeugt Helge Schneider mit einem Anspruch, den Tunnelblickdenker in seinen Werken prinzipiell nicht entdecken wollen.


2018/07/01

SCOUTS VS. ZOMBIES - HANDBUCH ZUR ZOMBIE-APOKALYPSE (Scouts Guide to the Zombie Apocalypse 2015 Christopher Landon)


Drei Pfadfinder retten Party feiernde Mitschüler kurz nach dem Ausbruch einer Zombieapokalypse...


Am Handbuch für ein Standard-Drehbuch-Konzept orientiert...

Würde der Titel seine Versprechen einhalten könnte "Scouts vs. Zombies" innerhalb der überfütterten Zombiefilmwelle ein kleiner Lichtblick sein, immerhin wäre es reizvoll zuzusehen, wie Kinder sich mit ihren herrlich plump erlernten Pfadfindereigenschaften Zombies zur Wehr setzen. Und wenn sich das Ganze noch wie eine Anleitung, im Bestfall sogar wie ein Lehrfilm, anfühlen würde, wäre endlich der Sprung geschafft die Idee der beiden Kurzfilme "What To Do in a Zombie Attack" und "The Wildlife Explorer" in den Bereich des Langfilms zu integrieren. Stattdessen erleben wir in Christopher Landons völlig anders gearteten Folgefilm zu "Paranormal Activity - Die Gezeichneten" Jugendliche, die dem Pfadfinderalter entwachsen sind und nur aufgrund ihres Nerdfreundes der stark schrumpfenden Truppe erhalten bleiben. Nach einer kurzen Orientierung in die Zombiesituation hinein beschließen sie ihren Schulkameraden zu helfen, also jenen Menschen, für die sie stets die Lachnummer waren, die aufgrund einer Geheim-Party vom militärischen Evakuierungskommando übersehen wurden.

Wen das nun inhaltlich an "Dance of the Dead" erinnert, der liegt richtig, und das ist schon etwas fatal innerhalb eines Sub-Genres, das jegliche Innovation benötigt um im Meer an meist gleich gehaltenen Erscheinungen noch Interesse wecken zu können. Ein klein wenig besser als der Vergleichsfilm ist "Scouts Guide to the Zombie Apocalypse" (Originaltitel) ausgefallen, immerhin stemmen die drei nicht ganz so blassen Hauptfiguren trotz ihrer in Reinkultur badenden Stereotypen das bereits bekannte Szenario recht annehmbar, und den Autoren ist inmitten vieler bereits bekannter Ideen auch manch eigenständig wirkende, oder zumindest halbwegs originell neu orientierte Idee eingefallen. So macht es tatsächlich Laune der Truppe dabei zuzusehen, wie sie mit einem Zombie gemeinsam ein Britney Spears-Lied singen oder auf unorthodoxe Methode den Untoten das zweite Lebenslicht ausblasen.

Am originellsten ist "Scouts vs Zombies - Handbuch zur Zombie-Apokalypse" leider am Anfang, wenn mittels eines herrlich amateurhaft zurechtgedrehten Pfadfinder-Werbevideos mehr Erwartungen an den Film geweckt werden, als er schließlich zu erfüllen weiß. Zwar ist das wilde Treiben oft zu arg auf Jugend-Action getrimmt, wenn man modernen Animationsfilmen gleich eine wilde Rutsche hinabgleiten muss, um den Zombies zu entkommen, oder ein Trampolin dabei hilft aus einer scheinbar ausweglosen Situation zu entkommen, dennoch ist es das Tempo gemixt mit seinen lustigen Einfällen und den gerade eben so sympathischen Figuren, was "Scouts vs. Zombies" doch noch inmitten des gleichen Einheitsbreis unterhaltsam erscheinen lässt. Er funktioniert aber eben auch weil man die Rezeptur nicht zu stark übertreibt. Hier reizt man nicht die Ekelgrenze und die absurden Formen des Zombietötens aus wie im viel zu albern ausgefallenen "Stalled" oder im viel zu wackelig inszenierten "Doghouse". 

Der Schritt zurück, während man dennoch vielerlei Gymmicks bereithält, erweist sich als der richtige Schritt der Unterkühlung mancher Konkurrenzprodukte zu entkommen. Letztendlich ist der hier besprochene Streifen jedoch trotzdem recht formelhaft angegangen, so dass er an weniger geduldigen Tagen vielleicht sogar gelangweilt hätte. Bei mir war dies am besagten Tag glücklicher Weise nicht der Fall, so dass ich zufrieden genug mit dem Ergebnis bin um in ihm sympathischen Durchschnitt zu sehen. Und wahrscheinlich kann man davon ausgehen, dass Christopher Landons dritter Film sich aufgrund der überschneidenden Genres diesmal am Vorgänger orientieren wird. Dieser Streifen namens "Happy Deathday" scheint immerhin eine komödiantische Horrorvariante von "Und täglich grüßt das Murmeltier" zu sein, da ist das schon gut möglich. Trotz des schlichten Ergebnisses im hier besprochenen Film bin ich auf Landons nächsten auf jeden Fall gespannt.


Weitere Besprechungen zu Scouts vs. Zombies: 


BREAKING BAD - STAFFEL 2 (Breaking Bad - Season 2 2009 Bryan Cranston u.a.)


Nachdem Tuco einen seiner Mitarbeitet tot geschlagen hat, steht es schlecht um Walter und Jesse, waren doch beide Zeugen dieser Tat. Nachdem man sich innerhalb einer Entführung nach Mexiko erfolgreich gegen den mächtigen Drogendealer zur Wehr setzen konnte, beschließen die beiden Amateure dessen Platz in seinem Revier einzunehmen...


Die Macht des Geldautomaten...

Während die erste Staffel zur Mitte hin eine kleine Verschnaufpause einlegte um in ruhiger Gangart die Zwischenerlebnisse zu erzählen, ist Staffel 2 fast gänzlich in diesem ruhigen Stil erzählt. Drama und Thriller bekommen ungeheuer gute Spannungsmomente beschert, diese ruhige Herangehensweise darf man also nicht missverstehen und mit Stillstand oder dem Hang zur Langeweile verwechseln, aber derart außer Atem vor lauter Nervenkitzel, so wie im Großteil der Vorgängerstaffel, ist man in "Breaking Bad" in seinem zweiten Jahr nur zu Beginn, wenn die Geschichte um Tuco zu einem Ende geführt werden muss. Gerade wenn man, so wie ich, die komplette Serie schon einmal gesehen hat, überrascht der gemütliche Marsch durch die vielen Ereignisse der zweiten Staffel schon ein wenig, weiß man doch wie nervenkitzelnd es in den kommenden Jahren noch des öfteren zugehen wird. Aber in der hier besprochenen Season bleibt das Geschehen selbst dann relativ ruhig und besonnen, wenn es innerhalb des Gangstermilieus Probleme zu bereinigen gibt, wofür gerade jene sehr stille Folge ein gutes Beispiel ist, in der Jesse Junkys zur Rede stellen muss, die einem seiner Dealer Geld und Ware abgezockt haben.

Gerade in dieser Folge wird auch dem letzten Zuschauer klar wie soft Jesse in seinem Inneren tickt, und dass er nicht ewig der neue Tuco bleiben wird. Folgerichtig wird ab dem entscheidenden Wendepunkt der zweiten Staffel, mittels einer von drei neu eingeführten, wichtigen Figuren für die Zukunft der Serie, betont was für ein Wunder es ist wie weit Walter und Jesse selbstständig auf ihre unerfahrene Art innerhalb des Milieus gekommen sind. "Breaking Bad" beweist durch derartiges immer wieder, dass man sich dessen was erzählt wird in jedweder Konsequenz bewusst ist, und dieses psychologische Verständnis, das sich auch in den Figurenzeichnungen wiederspiegelt, macht die Serie so wertvoll, gerade jetzt, wo der Dramenbereich über jenen des Thrillers dominiert.

In Staffel 2 werden auf interessante, nicht hinhaltende Art die Karten neu gemischt, um die Serie auf die Ereignisse ab Staffel 3 vorzubereiten, die ein anderes Level erreichen werden als alles bislang Erlebte. Hierfür werden nicht nur, wie eben erwähnt, neue für die Serie sehr wichtige Figuren eingeführt (Saul, Gustavo und ganz zum Schluss auch Mike), sondern auch Figurenentwicklungen bei bereits gut gekannten Personen vorgenommen, oft als Vorbereitungen für zukünftige Geschehnisse, die der Zuschauer innerhalb eines kaum vorhersehbaren Plots logischer Weise zu diesem Zeitpunkt längst nicht erahnen kann. Allen voran geht freilich die Entwicklung Walters Ende der Staffel in die entscheidende Phase. Seine Bewusstseinsgesinnung in der Folge im Baumarkt kann man als das Erwachen des Heisenbergs bezeichnen. Von nun an muss sich auch der Zuschauer umorientieren mit wem er es zu tun hat. Manch einem ging bezüglich des Gut- und Böseverständnisses dieser Rolle erst in Staffel 5 ein Licht auf - unverständlich wie ich meine, für die Staffeln 1 und 2 aber noch aufgrund der anderen Auslegung kaum anders möglich.

Zudem muss die zweite Staffel Aufräumarbeit leisten, denn so wichtig für den dramaturgischen Effekt und dem Aufhänger der Geschichte auch die Faktoren Krebserkrankung und Schwangerschaft waren, sie müssen nun durchstanden werden, um im Kommenden halbwegs befreit von diesen Erzählhemmnissen weiter berichten zu können. Hier kann man erneut die großartigen Drehbuchautoren loben, die es selbst in den unangenehmsten Momenten diesbezüglich schaffen mittels eines hohen Spannungsbogens ein Maximum an Unterhaltung aus solchen Situationen herauszupressen. Hier ruht man sich nicht einzig auf die großartig vertiefte Charakterisierung jedweder Figur aus, hier gibt man erzähltechnisch wirklich alles um dem Zuschauer ein hohes Unterhaltungsniveau zu servieren. Dass das Publikum in dieser ganzen Phase des zweiten Jahres noch in Watte gepackt wird, ahnt es zu diesem Zeitpunkt nicht, sind die hier erzählten Geschehnisse doch zwar aufwühlend, bewegend und aufregend genug um einen stets auf Trab zu halten, gewitzt zu täuschen und auch für scheinbare Banalitäten zu interessieren, aber das ist im direkten Vergleich noch arg zahm gehalten. Sicherlich bleibt die Serie auch nach ihrem zweiten Jahr großteils ruhig erzählt, aber der hier pausierende Nervenkitzel wird von nun an des öfteren an die Oberfläche geraten und noch einiges vom Zuschauer abverlangen. Die Schonzeit ist bald vorbei.


2018/06/30

PERFECT BLUE (1997 Satoshi Kon)


Die junge Popsängerin Mima wechselt ins Schauspielfach, was ihr in Fan-Kreisen harte Kritik einbringt. Ganz besonders beunruhigt sie eine Website, in der ein Fan sich als sie ausgibt und mehr über die private Mima weiß, als ihr geheuer ist. Dort wird berichtet die junge Frau aus den Medien sei eine Doppelgängerin und die wahre Mima wolle Popstar bleiben. Als im Umfeld des Seriendrehs an dem sie beteiligt ist Morde geschehen, beginnt Mima mit der Zeit an ihrer eigenen Psyche zu zweifeln. Ist sie nicht die wahre Mima? Oder hat sie gar zwei Persönlichkeiten? Oder gibt es einen durchgeknallten Fan, wie den ominösen Wachschutz, der sie zu verfolgen scheint? Die Parallelen zwischen Filmdreh und Realität werden immer beängstigender...


Einbildungen hinter Glas...

"Perfect Blue" ist ein waschechter Thriller. Er mag zwar im Gewand eines Zeichentrickfilmes daher kommen, aber der Zuschauer sollte sich von diesem verspielten, bunten Umfeld, welches oft familiengerechte Stoffe hervorbringt, nicht täuschen lassen. "Perfect Blue" als Realfilm gedreht wäre noch immer ein interessant anzusehender Thriller (2002 wurde anbei tatsächlich eine real gedrehte Neuverfilmung auf die Beine gestellt), der Zeichentrick-Look verhilft ihm jedoch zu Möglichkeiten, die ein Realfilm nicht zwingend ohne weiteres erfüllen könnte. So hilft das Zeichentrickumfeld zum Beispiel ungemein bei der Charakterisierung der zentralen Figur, die in typischer Kitschästhetik des Animes gekleidet ist und auch charakterlich dementsprechend angelegt ist. Allein die japanische Synchronstimme der Heldin unterstreicht wie wichtig das extreme Girlie-Getue für die Wirkung des Filmes ist, eine Verkitschung die in dieser Übertreibung bei einer real gespielten Version nicht funktioniert hätte ohne lächerlich zu wirken.

Der harte, atmosphärische Soundtrack kleidet den zuvor fröhlich in der Popkultur spielenden Film in jenen düsteren Ton den er auch inhaltlich verkörpert. Im Vordergrund spielen fröhliche Popsongs, aber die Hintergrundmusik unterstreicht das Thriller-Flair. Ohne Scheu vor Gewalttaten und Nacktheit, aber mit der nötigen Distanz diese nicht rein zum Selbstzweck zu zelebrieren, erwartet den Zuschauer ein erwachsenes Werk, was sich nicht nur in den schmuddeligen Zutaten spiegelt, sondern auch im durchdachten Plot, den ein Erwachsener mit Lebenserfahrung weit mehr verstehen kann als ein altkluger Jugendlicher, dem jedoch ebenfalls genügend Zugang zum Stoff beschert wird, um sich ebenfalls auf die harte Art unterhalten zu lassen.

Der Kniff des Streifens liegt in der Verwirrung seines Stoffes. Oft ist man als Zuschauer orientierungslos, ob das Gezeigte gerade in der Einbildung, der Realität oder in einer gerade gedrehten Filmszene stattfindet. Aus Mimas geistiger Verwirrung wird ebenso wenig ein Geheimnis gemacht wie aus jener des fanatischen Mima-Anhängers, der mit der Zeit den Spitznamen Me Mania erhält. Ist eine dieser geistigen Entrückungen derart stark ausgeprägt um besagte Bluttaten zu begehen? Gibt es noch einen dritten Verdächtigen? Trotz eines offensichtlichen Umgangs mit besagten Psychen und der filmischen wie außerfilmischen Thematik rund um Persönlichkeitsstörungen weiß die Auflösung zu überraschen, und dies obwohl sie besagter Thematik treu bleibt. Dank ihr weiß ein zuvor neugierig machender und spannend umgesetzter Thriller gekonnt zu schließen, ohne Lücken in der Logik zurück zu lassen oder auf anderem Wege zu enttäuschen.

"Perfect Blue" mag sich heute optisch nicht mehr so astrein schauen wie zu seiner Entstehungszeit, aber mir gefällt seine Animation nach wie vor, zumal nicht nur der Zeichenstil an sich sympathisch und treffsicher ausgefallen ist, sondern auch manche Symbolik, Überblendung und anderweitige optische Spielerei zu gefallen weiß. Meist sind auch solche Momente durchdacht und dienen zu mehr als zur reinen visuellen Bereicherung. Das braucht mit Blick auf darauf folgende Werke des viel zu früh verstorbenen Satoshi Kon auch gar nicht zu verwundern. Sein "Tokyo Godfathers" war ein visueller Traum und ging mit seinem Schwerpunkt der Tragikomödie in einen völlig anderen Bereich als sein hier besprochener Erfolgsfilm. Und mit dem ebenfalls völlig anders gearteten "Paprika" hat er meiner Meinung nach sein Meisterwerk geschaffen, muss man es doch gesehen haben um zu erkennen wie verwoben und undurchsichtig ein intellektueller, wie poppiger Trickfilm sein kann. "Perfect Blue" erzählt seine Geschichte klarer als dieser, aber auch nur wenn man das Treiben bis zum Schluss schaut. Erst dort angekommen blickt auch der Zuschauer endgültig durch ohne weitere Fragezeichen über den Kopf schweben zu haben - vorausgesetzt man hat die überraschend anspruchsvolle Geschichte konzentriert genug verfolgt.


Weitere Besprechungen zu Perfect Blue: 


TOKYO GODFATHERS (Tôkyô goddofâzâzu 2003 Satoshi Kon)


Drei Obdachlose finden am Weihnachtsabend ein ausgesetztes Baby und machen es sich zur Aufgabe das Kind zurück zu ihren Eltern zu bringen...


Tanzende Gebäude...

Optisch ist "Tokyo Godfathers" Zeichentrickkunst vom feinsten. Die Farbgebung ist so brillant wie der Zeichenstil selbst, und dank eines äußerst guten Buches steht die Charakterzeichnung der äußerlichen in nichts nach, sind doch gerade die Hauptcharaktere derart tiefgründig herausgearbeitet, wie es im Bereich des Animationsfilmes eine Seltenheit ist, auch mit Blick auf Japan, wo eine derartige Herangehensweise häufiger zu beobachten ist als in Amerika, wo die meisten in Deutschland von einem Massenpublikum konsumierten Zeichentrickfilme herkommen. Das Werk von Satoshi Kon, dem der Co-Regisseur Shôgo Furuya zur Seite stand, verweigert sich jeglichem Vorurteil, das man mit dem Genre des Animes verbindet. Hier gibt es weder Action, noch Science Fiction, Tentakelsex wie im Billig-Hentai-Bereich könnte dem Film nicht ferner liegen, ist er doch eine Tragikomödie frei jedweder Schmuddelzutat - mit Ausnahme von Kitsch, der jedoch glücklicher Weise recht schwach in das menschlich erzählte Geschehen eingestreut wird.

Dennoch ist es u.a. er, der das Ergebnis von "Tokyo Godfathers" ein klein wenig drückt, widerspricht er, wenn er im letzten Drittel überhand nimmt, doch dem bis dahin verfolgten Stil des lebensnahem, leisen Humors, der das gesellschaftskritische Thema stets frei von Spott kommentiert, nie zu feige eingebracht, aber stets verständnisvoll, respektvoll und dezent. Hier schmunzelt man mehr, als dass man laut los lacht, und wenn diese Herangehensweise bis zum Schluss beachtet worden wäre, hätte man eine wahre Genre-Perle präsentieren können, die es unbedingt zu entdecken gilt. Aber leider verstärkt sich Richtung Finale immer mehr der Part der Dramatik, setzt den so gut funktionierenden leisen Humor gar hin und wieder völlig außer Gefecht, und da der Schmalz etwas zu penetrant bedient wird, setzt sich inmitten von Ehrfurcht vor einem bislang hochgradig niveauvollen Film ein Hauch Ernüchterung ein. Das mag etwas arg streng anmuten, immerhin ist der Film auch in seiner schwächeren Phase noch immer interessant genug erzählt, so dass man unbedingt wissen möchte wie die wendungsreiche Geschichte weiter geht, aber die Klasse der vorangegangenen Stunde besitzt das letzte Drittel leider nur noch in einem geringeren Maße.

Das liegt aber auch daran, dass die ansonsten recht lebensnah, wenn auch leicht verschönte, Geschichte ab einem gewissen Punkt in zu vielen Zufällen badet, gen Ende mehr denn je, was ein wenig der bislang eher subtilen Erzählweise des Streifens widerspricht. Ich fand es etwas schade, dass den Figuren im Laufe der Zeit etwas zu viel soziale Rückzugsmöglichkeit freigeräumt wird, so dass unsere Helden nicht zwingend weiterhin auf der Straße verweilen müssen. Eine etwas härtere Gangart das Schicksal der drei Obdachlosen betreffend, hätte der tragikomischen Geschichte mehr Gewicht verleihen können, zumal Japan sich üblicher Weise nicht scheut in Filmen härtere Themen offen anzusprechen. Diesmal wird der Zuschauer jedoch in Watte gepackt, so wie es auch ein plumperer Disney-Film getan hätte. Vielleicht erwartet man dies selbst in Japan, wenn es um ein Weihnachtsmärchen geht, ich weiß es nicht. Der Vergleich zu Disney ist freilich dennoch zu hart zu nennen, dafür ist "Tokyo Godfathers" wiederum zu bodenständig, sensibel und realitätsnah erzählt, und der ätzende moralische Zeigefinger amerikanischer Werke fehlt einem Film wie dem hier besprochenen glücklicherweise immer.

Was angenehm humoristisch begann, mündet in zu vielen Zufällen und wird eine Spur zu dramatisch ausgearbeitet. Dank des hervorragenden Zeichenstils, der Stärke der Geschichte und ihrer überraschenden Wendungen, und eben weil man die Figuren sehr schnell ins Herz schließt, würde man trotz des Schwächelns des letzten Drittels nie zu hart mit dem liebevollen, sympathischen Werk ins Gericht gehen. "Tokyo Godfathers" ist ein Ausnahmefilm des Genres seines Herkunftlandes und mit europäischen Augen vielleicht auch das am ehesten verdauliche für Trickfilm-Fans mit Ami-Sehgewohnheiten. Letztendlich ist Kons Werk jedoch ohnehin einem breiteren Publikum zu empfehlen, eben weil er eine starke Geschichte künstlerisch wertvoll verpackt, und da werden sich eben nicht nur Anime-, bzw. Zeichentrickfilm-Fans drüber freuen, sondern vielseitig interessierte Cineasten im allgemeinen.


Weitere Besprechungen von Tokyo Godfathers: 


SUMMER WARS (Samâ wôzu 2009 Mamoru Hosoda)


Kenji reist mit der beliebten Natsuki aufs Land, da deren Familie sich zum 90. Geburtstag der Ur-Großmutter zusammen findet, nichts ahnend, dass er vor Ort der Sippschaft vorschwindeln muss Natsukis neuer fester Freund zu sein. Solche privaten Probleme des Computernerds werden jedoch überschattet nachdem der junge Mann eines nachts einen Computercode entschlüsselt hat und damit versehentlich einer künstlichen Intelligenz Zugang zu sämtlichen privaten, geschäftlichen und bürokratischen Accounts im Internet beschert hat, was in Zeiten, in denen jeglicher Lebensaspekt online gelebt wird, auch gefährliche Auswirken auf das Leben offline hat. Als die K.I. lernt auch Satelliten zu kontrollieren, bleiben der Menschheit nur noch wenige Stunden um zu überleben. Aber Kenji hat eine Idee, wie die Bedrohung eventuell gestoppt werden könnte...


Der Datenzauberer von Oz...

"Summer Wars" spinnt das heutige Nutzen des Internets weiter, angelegt in einer relativ nahen Zukunft, in welcher es üblich ist dass so ziemlich jeder privat, wie geschäftlich und auch für Behördengänge und Bankgeschäfte, online ist und dafür eine große Social Network-Plattform namens Oz benutzt. Da der Großteil des Streifens auf dem Land spielt, muss man sich nicht um ein komplett neues Zukunftsbild bemühen, so dass uns diesbezüglich lediglich die Neuerungen des erweiterten Internets präsentiert werden. Einfallslosigkeit kann man den Verantwortliches des Streifens aufgrund dessen jedoch nicht vorwerfen. Mag die Zukunftswelt sich ansonsten auch wie die Gegenwart anfühlen, wenn uns direkt zu Beginn des Streifens Oz präsentiert wird, sind wir mitten drin in der kreativen Gedankenwelt der Autoren und Animationskünstler, die uns auf ihre eigene, überraschend recht zugängliche Art, das Internet der Zukunft visualisieren und uns dabei anhand verschiedenster Zeichenstile hunderte von privaten fiktiven Online-Identitäten präsentieren, da jeder sein Aussehen in Oz individuell gestalten kann, um der zu sein, der man sein möchte.

Als Gegenpol zur etwas wilder und schräger wirkenden Online-Realität wird uns in wunderschönen Zeichnungen das reale Leben sehr authentisch auf den typischen Anime-Zeichenstil übertragen präsentiert, so wie Regisseur Mamoru Hosoda es uns bereits in "Das Mädchen, das durch die Zeit sprang" schmackhaft machte. Das ist nicht die einzige Übereinstimmung mit diesem liebevollen Vorgängerfilm besagtem Mannes. Auch die Detailliebe, der familienfreundliche Grundton in aufregendem Szenario, das Einbringen von Alltagskomik und der gefühlvolle Umgang mit den einzelnen Themen, sowie die Komplexität der zunächst schlicht klingenden Geschichte, sind Eigenschaften die auch "Summer Wars" ebenso wie der Vergleichsfilm besitzt. Man darf es als großen Pluspunkt betrachten, dass es die Japaner immer wieder schaffen eine wilde, aufregende Geschichte mit überraschenden Wendungen und dem Hang zu gewalttätigen Szenen derart emotional und familienfreundlich umzusetzen, so dass die ganze Familie, zumindest für Kinder ab 12 Jahren, ihre Freude mit dem fertigen Produkt haben kann. Dank des intellektuellen Grundtons werden die Erwachsenen als Zielpublikum nicht ausgeblendet, dank der wiedererkennbaren Alltagsgeschehnisse in lebensnaher Emotion gepackt bekommt sich jeder mit der Grundsituation identifiziert, bevor der fiktive Hauptaspekt sich über dieses realitätsnahe Grundkonzept legt.

Da klassische Animeelemente, welche europäische Zuschauer gerne als zu extrem und befremdlich empfinden, kaum vorhanden sind, bekommen auch Zeichentrickfreunde, die mit dem Japankino ihres Genres meist wenig anfangen können, guten Zugang zu dem Stoff, so dass sich ein Reinschalten definitiv für ein breites Publikum lohnt - vorausgesetzt man kann einer Geschichte auch folgen, ohne mit zusätzlichen Erklärungen an die Hand genommen zu werden. Man erwartet in "Summer Wars" ein Mitdenken des Zuschauers, oder zumindest eine aufmerksame Beobachtungsgabe. Der Streifen ist inhaltlich weit komplexer geraten als der typische Disney- oder Pixarfilm. In diesem Punkt ist der Streifen ein typischer Anime der anspruchsvollen Sorte und orientiert sich dementsprechend an ein Publikum, das auch inhaltlich Anspruch an einen Film stellt, anstatt wie das typische "Cars"- und "Ice Ace"-Publikum stets auf Gewohntes, und damit auf Unterforderung und Berieselung, zu setzen.

"Summer Wars" ist lustig, abenteuerlich, dramatisch, respektvoll, actionhaltig, ironisch, ehrlich, er ist einfach menschlich ausgefallen in seiner facettenreichen Darbietungsform, und da man schnell Zugang zu den Hauptfiguren findet, ist man auch von Anfang an mittendrin in diesem wunderschönen Gefühl mit einer interessanten Geschichte unterhalten zu werden. Jede Nebenfigur bietet eine wahrhaftige Charakterzeichnung und ist damit mehr als das olle Abbild einer Klischeefigur, jede Einzigartigkeit eines Menschen wird respektiert, keine Eigenart der Lächerlichkeit preisgegeben, und dies ohne moralisch oder geheuchelt politisch korrekt zu wirken, wie Animationswerke gerne aus Amerika und Deutschland geartet sind. Feinsinn, Tiefsinn und eine hervorragende Beobachtungsgabe treffen auf eine spürbare Bedrohung, auf Warnungen dessen was mittels der neuen Möglichkeiten im Internet auf uns zukommen kann, aber auch auf eine bunte Verspieltheit. Diese ist besonders bemerkbar in den eben von mir erwähnten Internetidentitäten, die so bunt gewürfelt sind, dass sie in ihren Massenaufnahmen, gerade zum Ende hin, wie die wilde Parade aus "Paprika" wirken, dem weder die abwechslungsreichen und oft skurril dargebotenen Avatars des hier besprochenen Filmes, noch das Niveau der zu erzählenden Geschichte in nichts nachstehen. "Summer Wars" ist die Art Animefilm, die sich optisch wie intellektuell angenehm vom Anime-Einheitsbrei abhebt, um dem Zuschauer ein Kinoerlebnis der besonderen Art zu bescheren. In Vergessenheit gerät ein solches Werk nach dem Sichten nicht mehr.


Weitere Besprechungen zu Summer Wars: 


BLUE SUBMARINE NO. 6 (Ao no rokugô 1998 Mahiro Maeda)


Die Welt ist nach einem Krieg extremst zerstört. Ein radikaler Umweltaktivist versucht mittels von ihm erschaffener Mutanten das Ende der Menschheit herbeizuführen. Eine U-Boot-Mannschaft versucht ihm Einhalt zu gebieten. Es ist die letzte Chance die Menschheit vor ihrem Untergang zu bewahren...


Ungewöhnlich ausufernde Frustverarbeitung nach Familienverlust...

Mit dem für den Videomarkt konzipierten Vierteiler um die Mannschaft der "Blue Submarine No. 6" wollte man im Anime-Sektor Neuland betreten, indem man den klassischen handgezeichneten Trickfilm-Stil mit dem der gerade aufkommenden Computeranimation vereinen wollte. Allerdings nutzte man die CGI nicht dazu, wie im Falle von "Blood - The Last Vampire", das fertige Produkt dennoch wie einen klassisch gemalten Zeichentrickfilm aussehen zu lassen, beide Stile sollten deutlich sichtbar parallel nebeneinander herlaufen. Während man bei den Experimenten um realistisch ausschauende Computeranimation bei "Final Fantasy" über diesen Aspekt hinaus vergaß dem Projekt eine interessante Geschichte zu bescheren, versuchte man bei "Ao no rokugô" (Originaltitel) zumindest auf eine Story zu bauen, die geradezu klassisch sämtliche Elemente eines typischen Animefilms besitzt. Die Welt ist in der Zukunft zerstört, Gut kämpft gegen Böse, eine neue Spezies macht sich breit, Fremde vereinen sich, Aggressoren haben tiefschürfende Pläne, der Mensch muss seine Art zu handeln überdenken.

Zugegeben, das klingt nicht sonderlich mutig, macht aber zumindest neugierig auf das aus diesen Zutaten bestehende Werk, und wenn man wissen will warum "Blue Submarine No. 6" als Vorreiter seiner Art selbst in Anime-Kreisen nicht so vielen Menschen bekannt ist, wie es beispielsweise "Akira" ist, oder "Ghost in the Shell", "Jin-roh" und Co sind, der braucht nur einmal einen Blick auf das fertige Produkt zu werfen, um zu erkennen warum dem so ist. Das Ergebnis ist extremst massenkompatibel ausgefallen. Man versuchte es allen recht zu machen, indem man den kleinsten Nenner präsentiert, und das ist, trotz mittelmäßigem Ergebnis, enttäuschend zu nennen. Die Zusammenkunft der beiden Zeichenstile erweist sich als unangenehm, insbesondere bei Aufnahmen die über dem Wasser spielen. Die unübersehbare Differenz der beiden Stile reißt einen stets aus der Illusion des Erzählten heraus, man kann kaum in die schlichte Geschichte eintauchen, das rechte Feeling will sich bei dieser unangenehmen Animationszusammenkunft nicht einstellen.

Das ginge noch aufgrund der meisten Geschehnisse unter Wasser in Ordnung, wenn nicht auch die eigentliche Geschichte zu plump ausgefallen wäre. Zunächst setzt man einzig auf Action, was aufgrund der ärgerlichen Animation nicht mitreißen will, ab Episode 2 besinnt man sich auf eine menschenorientiertere Handlung und scheint zunächst in die richtige Richtung zu tendieren, gerade mit dem an "Elfen Lied" erinnernden Aspekt einer Freundschaft zweier Arten. Aber je weiter die Geschichte voranschreitet, desto ärgerlicher werden ethisch angegangene Ansätze, stehen sie doch im Schatten zwei plumper verfeindeter Ideologien, jener des Krieges und jener des Menschenhasses. Was da für Rechtfertigungen auf beiden Seiten vorgebracht werden ist fragwürdig ausgefallen. Das angesetzte Ziel des Umweltaktivisten wirkt lächerlich und zu radikal, auch weil es mit selbiger Holzhammer-Mentalität präsentiert wird wie zuvor die kriegsgeilen Diskussionen der Mannschaftsmitglieder der "Blue Submarine No. 6". Stets versucht man die Geschichte äußerst tiefsinnig erscheinen zu lassen, aber sie ist das Gegenteil dessen mit ihren hohlen Phrasen und den undurchdachten Ansätzen. Esoterik ersetzt ethischen Tiefgang, vergleichbare Stoffe werden imitiert anstatt verstanden.

Es ist der schlichte, angenehme Zeichenstil der handgefertigten Passagen, die zu gefallen wissen und glücklicher Weise die Animationsteilung dominieren, und es ist die sympathische japanische Synchronisation, die das zu plump ausgefallene Treiben noch guckbar bleiben lassen. Es sind die herrlich ausgeflippten, wenn auch nicht sonderlich kreativ ausgefallenen, Figurentypen der Mutanten die zu gefallen wissen und manch kurze inhaltliche Ansätze, die in die richtige Richtung tendieren, bevor sie durch Quantitäten wieder zunichte gemacht werden. In seinen ruhigen Szenen ist "Blue Submarine No. 6" stets besser ausgefallen als in seinen flotteren, was mitunter auch am lächerlichen Soundtrack liegt, der über die ärgerlich animierten Actionszenen gelegt wird. Mit viel Wohlwollen kann man das Ergebnis noch als annehmbar titulieren. Aus der Geschichte selbst hätte man bei intelligenterer Herangehensweise eigentlich etwas wesentlich unterhaltsameres zaubern können. Möglichkeiten dazu waren zuhauf gegeben.


Weitere Besprechungen zu Blue Submarine No. 6: 


2018/06/23

KAKASHI - DAS DORF DER VOGELSCHEUCHEN (Kakashi 2001 Norio Tsuruta)


Auf der Suche nach ihrem seit kurzem vermissten Bruder Tsuyoshi stößt Kaoru auf den Brief der ehemaligen Mitschülerin Izumi, in welchem sie den Gesuchten bittet zu ihr ins Dorf Kozukata zu kommen. Kaoru folgt dieser Spur und landet an einem urigen, schweigsamen Ort, dessen Bewohner sich auf ein Vogelscheuchenfest vorbereiten. Tsuyoshi will niemand gesehen haben, aber das merkwürdige, geradezu feindliche, Verhalten der Menschen in Kozukata lassen Kaoru eine Lüge vermuten...


Jenseits von Blechmann und feigem Löwen... 

Mit "Ju-on", "The Call", "The Eye" und "Dark Water" waren im Zuge der "Ring"-Welle einige erfolgreiche Produktionen gefolgt, die alle Fortsetzung und/oder US-amerikanische Neuverfilmungen beschert bekommen haben wie ihr Vorbild. Inmitten dieser Werke gingen einige verwandte Gruselfilme unter, so auch "Kakishi - Das Dorf der Vogelscheuchen", der 2001 erschienen mitten in der Hochzeit besagter Welle früh am Start war. Dass er weniger wahr genommen wurde als die Vergleichsfilme verwundert nicht, hat er doch keinen besonderen Aufhänger zu bieten, abgesehen vom Thema der Vogelscheuchen, welches von "Die Nacht der Vogelscheuche" an bis hin zu "The Messengers 2" oftmals im Horror-Genre aufgegriffen wurde, wenn für meinen nimmersatten Geschmack auch nicht oft genug. Das war auch der Grund warum mich ein Sichten des hier besprochenen Nachzüglers reizte, der auch mir mit wenig vorangegangenen Erwartungen ein wenig zu gesichtslos erscheint.

Der Film beginnt mit einem klassischen Rätsel, welches zu dem üblich verschwiegenen Dorf führt, wie man es aus etlichen Gruselfilmen kennt. Das Liegenbleiben in einem Tunnel bietet nicht nur eine wundervolle Symbolik, es hinterlässt auch etwas aufwühlendes aufgrund der Länge und Enge des Tunnels. Doch bereits hier besteht aufgrund der geringen Bewohnerzahl des Dorfes Kozukata und den dementsprechenden wenigen Besuchern des Ortes kaum eine Gefahr, welche dem Unbehagen folgt, kann man an einem solchen Ort das Auto doch unbesorgt lange Zeit stehen lassen, ohne einen Unfall befürchten zu müssen. Von nun an folgt das typisch abweisende, schweigende und geheimnisvolle Verhalten der Dorfbewohner, sprich das übliche Hinhalten beginnt, aber da "Scarecrow" (Alternativtitel) angenehm routiniert erzählt ist findet keine Langeweile in dieser Phase statt. Andeutungen machen neugierig auf mehr, das Vogelscheuchenthema signalisiert zwar wohin die übernatürliche Reise geht, aber nicht ob die Strohpuppen zum Aggressor werden wie in den üblichen Beiträgen eines Vogelscheuchen-Horrors oder nicht.

So ruhig und fast belanglos wie "Kakashi" (Originaltitel) in dieser Phase vor sich hin plätschert, so bleibt er überraschender Weise die komplette Laufzeit über. Zwar passiert gelegentlich tatsächlich etwas mehr als die Visionen und Alpträume mit denen zuvor Zeit gestreckt wurde, aber der Stil des Films ist derart unaufgeregt gewählt, dass man fast nicht einmal mehr von einem Gruselfilm sprechen kann, so spannungsarm wie Norio Tsurutas Regiearbeit ausgefallen ist. Bedenkt man, dass der Film auf einem Comic basiert und vier Autoren, inklusive des Regisseurs, am Drehbuch mitgeschrieben haben, kann man sich über das inszenatorisch wie inhaltlich gleichermaßen schlicht ausgefallene Ergebnis schon ein wenig wundern. Losgelöst von dem Wunsch einen Grusler zu sichten funktioniert "Kakashi" als eine Art Mystery-Krimi jedoch auf durchschnittliche Art recht ordentlich, so dass er sich zumindest für mich nicht als Fehlgriff erwies.

Dennoch steckte mehr Potential in dem Werk, vielleicht auch bereits angegangen in der Printvorlage, die ich nicht kenne. Die mysteriöse Identität des Polizisten im Finale hätte bei näherer Beachtung dieses Elements zu einer spannenden Vogelscheuchen-Variante von "Die Frauen von Stepford" werden können. Und dass die stets inzestuös angedeutete Motivation der Heldin ins Leere läuft und nur ganz am Schluss auf sehr subtile Art wahrhaftiger thematisiert wird, ist besonders schade zu nennen, hätte man aus diesem interessanten Aspekt doch tatsächlich reizvolle Szenarien rund um die Eifersucht eines Rachegeistes stricken können. Dieser Ansatz ist nicht der einzige der fast komplett ins Leere läuft, so dass "Kakashi" eher zerfahren als tatsächlich durchdacht wirkt. Da ihm eine hervorhebenswerte Optik fehlt, kann man dem inhaltlich schwächelnden Werk auch keine künstlerische Ambitionen als Haupteckpfeiler attestieren. 

In mauer Besetzung und ebensolcher Regie wäre der Vogelscheuchenfilm somit gewaltig abgestunken. Aber die Professionalität der Beteiligten vor und hinter der Kamera lassen das eigentlich müde Treiben zumindest auf angenehme Art 90 Minuten belanglos verstreichen, vorausgesetzt man geht mit wenigen Erwartungen an ein solches Werk heran und kann sich auch an stilleren Elementen einer nach mehr klingenden Geschichte erfreuen. Wer den gut versteckten Hinweis auf "Das zauberhafte Land" erkennt, hat nicht nur die nötige Spürnase für die subtile Erzählweise bewiesen, die man benötigt um mit dem Film etwas anfangen zu können, sondern auch gleich den sympathischsten Bonus des Streifens für sich entdeckt.


Weitere Besprechungen zu Kakashi: 


2018/06/17

UZUMAKI (2000 Higuchinsky)


Die junge Kirie entdeckt zusammen mit ihrem langjährigem Freund Saitou, dass eine ominöse Spiralsucht, die dessen Vater völlig für sich eingenommen hat, nur der Anfang eines Spiralfluchs ist, der die komplette Stadt betrifft und gerade erst seinen Anfang nimmt...


Spiralnudeln außen vor...

Nur wenige Jahre nach "Pi" entdeckten auch die Japaner ihre Faszination der Spiralen für den Bereich des phantastischen Films. Was so kurz nach dem Welterfolg von "Ring" einer von etlichen billigen Nachfolgern hätte werden können, erhält im Gegensatz zu "The Call" und Co ein eigenes Gesicht. Zwar beginnen beide Geschichten mit einer rätselhaften Ausgangslage, die es zu lösen gilt, allerdings sorgen die mysteriösen Ereignisse in "Uzumaki" dafür, dass die Recherchen nicht bis zu ihrem Ursprung gelangen, wie im berühmten Vergleichsfilm, sondern dieser ein übernatürliches Mysterium bleibt, der sich spiralartig auf den Ort des Fluchs ausbreitet und in einer Zeitspirale gefangen hält.

Bis "Spiral" (Alternativtitel) seine Andersartigkeit offenbart dauert einige Zeit. Der in Kapitel unterteilte Film beginnt geradezu klassisch ruhig, erzählt als rätselhafter Gruselfilm, der die Dramaturgie und Charakterisierung seiner Protagonisten zunächst gekonnt in den Vordergrund stellt und über diese überhaupt erst den Bogen zum Mysterium schlägt, dargestellt durch eine ominös anmutende Sammelleidenschaft, die den Menschen im näheren Umfeld des Sammlers unheimlich vorkommt. Erst mit Beendigung des ersten Kapitels erfahren wir, dass diese Furcht vor dem skurrilen Hobby berechtigt ist, wird man doch mit einem Spezialeffekt aus dem bislang gezeigten Realismus hinaus katapultiert, aufgrund der Bodenständigkeit zuvor nicht wissend ob man das zuletzt Gesichtete für filmeigene Realität halten soll oder nicht.

Zwar dauert es von nun an noch immer, bis sich "Vortex" (Alternativtitel) zur völlig stileigenen Groteske hoch schaukelt, schließlich hält noch lange Zeit das klassische Gruselfilm-Szenario an, aber so nach und nach wird die Schraube der schrägen Zutaten passend zur Spiralsymbolik hochgeschraubt, bis wir uns in einem irrwitzigen Szenario wiederfinden, das uns auf überraschend nüchterne Art wahnwitzige Bilder vor die Augen setzt. Das Mysterium des Spiralfluchs wird nicht ansatzweise gelöst. Den Verantwortlichen des Streifens geht es einzig darum uns in diese andere Bewusstseinsebene zu entführen, indem man uns die Übergangszeit vom ursprünglichen Normalzustand zum zukünftig, uns grotesk erscheinenden, offenbart.

Das ist interessant erzählt, gut gespielt, toll fotografiert und hervorragend getrickst, ist andererseits aber auch nicht so spannungsgeladen ausgefallen wie manch anderer Horrorbeitrag Japans. Das Mysterium wird weniger über Gruselmomente erzeugt, als viel mehr über den Weg der Überrumpelung, dem Spiel mit dem Grotesken. Und so sehr das auch zu faszinieren weiß und zu keinem Zeitpunkt für Desinteresse sorgt, komplett einnehmen konnte mich der Film bei aller Sympathie trotzdem nicht für seine herrlich abgedrehte Idee. Der letzte Kniff Raffinesse fehlte mir, um "Uzumaki" als das große Werk zu sehen, das er mancher Orts für Cineasten geworden ist. Ein Individualitätsbonus steht dem Streifen definitiv zu, aufgrund seines etwas zu gewöhnlichen dicken Rahmens, in welches das Groteske getaucht ist, aber auch nur ein kleiner.


Weitere Besprechungen zu Uzumaki: 


TAMALA 2010 - A Punk Cat in Space (Tamala 2010 2002 Trees of Life)


Das junge Kätzchen Tamala von Katzenerde ist auf dem Weg zum Orion, als sie auf dem Planeten Q notlanden muss. Dort lernt sie den Kater Michelangelo kennen, der noch nicht ahnt welches Geheimnis Tamala umhüllt und wie folgenschwer seine Freundschaft zu dem Kätzchen sein wird...


Wiedergeburt zu Werbezwecken...

"Tamala 2010" ist ein äußerst merkwürdig geratener Film. Zu Beginn wirft er lediglich Rätsel darüber auf, ob er überhaupt etwas zu erzählen hat, wenn er wirr aneinandergereiht scheinende Szenarien in schräger Optik präsentiert. Der Stil ist zu linear geraten, um dem Film vollends den Stempel Experimentalfilm aufdrücken zu können, einen wahrhaft zugänglichen Erzählstil hält der Streifen jedoch auch nicht bereit. Der wie einem Drogentrip entsprungen scheinende Bilderrausch gibt sich inhaltlich schwer zugänglich, während die Faszination des Gezeigten definitiv zu packen und nach einer Zeit der Orientierung zu gefallen weiß. Das an Hello Kitty erinnernde Kitschkätzchen widerspricht auf wundervolle Art ihrem dreckigen, chaotischen und anarchistisch scheinendem, jedoch vom Kapitalismus geprägtem, Umfeld. "Betty Boop" trifft auf "Yellow Submarine", verschiedene Zeichenstile und Trickfilmtechniken werden wild durcheinander gewirbelt, selbst die schlichten Varianten effektiv, da ironisch, eingesetzt.

Während vom anrüchigen Umfeld her einem unweigerlich "Fritz the Cat" in den Sinn kommt, schaut sich das zunächst wirre Chaos wie die schrägen Sequenzen aus "Paprika" gemixt mit einer positiven Variante des missglückten "The Congress"-Themas. Humor hilft beim Verarbeiten der sich nicht zwingend kompatibel anfühlenden Zutaten, und dieser pure Wahnsinn weiß ein experimentelles Publikum wahrlich zu packen. Der Musikstil wechselt so oft wie die Orientierung des Filmes, komponiert von TOL, der/die auch als Zuständige/r der Regie genannt werden. TOL steht für Trees of Life. Eine Musikband? Eine ominöse Namensgebung eines Einzelnen? Ich weiß es nicht, habe auf die Schnelle keine Antwort dazu im Internet gefunden, so dass selbst die Namensgebung der Regie, die auch das Drehbuch zu "Punk Cat in Space" (Alternativtitel) beigetragen hat, Rätsel aufwirft. Wie auch immer, neben besagter filmischer Verwandtschaft zu eben genannten cineastischen Beiträgen arbeitet "Tamala 2010" des öfteren mit optischen Zitaten aus populären Kultfilmen wie "Shining" oder "Metropolis", während auf groteske Art freilich unübersehbar unsere Welt in eine Tieralternativwelt umgedeutet wird, um nicht nur popkulturell arbeiten zu können, sondern auch Gesellschaftskritik an unserer Wirklichkeit ausüben zu können, dies zunächst nur erkennbar in kurzen Anflügen einer solchen, da sich der Film zunächst, wie erwähnt, rätselhaft und relativ zusammenhanglos gibt.

Mehr Einblick ins Geschehen gibt die zweite Filmhälfte, die, nachdem die erste immer mehr den Eindruck erweckte doch eine zusammenhängende Geschichte erzählen zu wollen, nun versucht die Fäden zusammenzufügen, um dem wilden Ritt eine übergeordnete Logik zu bescheren. Leider fällt die zweite Hälfte bei diesem Versuch weit weniger schwunghaft aus als die zudem humorvoller ausgefallene erste Hälfte. Endlos scheinende Monologe eines zufällig dazu gewordenen Geschichtsforschers hemmen die bislang gelebte lockerflockige Art des Streifens, auch wenn sie stets durch gut funktionierende Augenzwinkereien unterbrochen werden. Die Monologe selbst dienen lediglich der Identifikationsfindung allem Gesehenen und bieten einzig trockenen Humor, der bis zu jenem Zeitpunkt nicht wirklich zünden will, bis wir erfahren, dass alles sachlich vorgetragene aufgrund der Geschwätzigkeit des Phantasten doch nicht so sachlich geartet ist, wie bislang vermutet. Somit wird jegliche errungene Information ad absurdum geführt, was wiederum zu gefallen weiß, zumal der Zuschauer, sofern er sich überhaupt in der Lage sieht der filmeigenen Logikversuche zu folgen, auf sich selbst gestellt ist, um zu begreifen oder zu erahnen was in der Welt Tamalas Wahrheit und Realität ist und ob es eine solche überhaupt in dem wirren Wust an Schwachsinn und intellektuellem Getue zu geben scheint. Hat sich z.B. 2010 die einst fiktive Roboterwelt endgültig in die Realität eingeschlichen, oder ist dies nur ein Trugschluss inmitten von vielen, der lediglich dazu dient dem Film einem zusätzlichen Sehwert zu bescheren?

Ob man Antworten auf diese, ähnliche, oder ganz andere Fragen findet oder auch nicht, ist im Sinne des Unterhaltungswertes egal, funktioniert "Tamala 2010" doch auch dann, wenn man nur dumm aus der Wäsche guckt, nicht nur weil er ein optisches Fest voll von absurdem Humor ist, sondern auch weil zumindest kurzfristig aufblitzende, und somit zu begreifende, Seitenhiebe auf die Gesellschaft bereits zu gefallen wissen. Werbezeilen, Denkweisen von Randgruppen, Perversionen im Spießeralltag, egal ob banale oder extremistische Entdeckungen im Alltag, sie werden hier wundervoll auf eine völlig eigene Art kritisch aufgegriffen, sich nichtig und bedeutend zugleich anfühlend und dabei die Frage aufwerfend inwieweit ein Problem tatsächlich ein Problem darstellt, oder ganz im Gegenteil gefragt inwiefern das Ignorieren eines solchen großen Schaden nach sich ziehen kann. Ist am Ende alles egal? Ist es legitim am Ende Dinge die einen verwirren als schlichtweg unbegreiflich abzutun, so wie es Kater Michelangelo stets mit seiner Mimik kommentiert, wenn Tamala Unsinn zu reden scheint oder wunderliche Dinge um ihn herum passieren? 

"Tamala 2010" erzielt mit seinen wahnwitzig scheinenden Stilmitteln diese wundervolle Wirkung aus Wichtigkeit und Belanglosigkeit zugleich, gibt diesbezüglich keine Antworten, sondern versetzt den Zuschauer in einen Zustand der Verwunderung, Überforderung und Faszination, so als würde die Antwort auf die übergeordnete Frage von Sinn und Unsinn in dieser Welt, demonstriert an dem hier völlig grotesken Treiben einer Zeichentrickrealität, für jeden Menschen eine andere sein. Philosophisch gesehen ist dies äußerst raffiniert angegangen. Theoretisch gesehen ist mit "Tamala 2010" somit etwas äußerst Geglücktes entstanden. Aufgrund der sich etwas zu dröge anfühlenden zweiten Hälfte ist das Ergebnis praktisch gesehen jedoch nur ganz nett ausgefallen. Schade eigentlich, aber ohnehin nur mein subjektives Urteil, das freilich nicht jeder teilt.


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