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30.05.2021

BOSS LEVEL (2021)

Egal wie häufig sie thematisch mittlerweile verwendet wird, ob in Dramenform ("Wenn Du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie"), im Horrorbereich ("Happy Deathday") oder als billiges TV-Format ("Und täglich grüßt der Bräutigam"), der erste Vergleich der Zeitschleifenthematik findet sich automatisch zu allererst in der cineastischen Ur-Version "Und täglich grüßt das Murmeltier". Diese musste zum Heranführen an die ungewöhnliche Realität noch viel mit Wiederholung arbeiten, so als wäre man Teil der Dreharbeiten, in denen Szenen aufgrund von Fehlern wiederholt werden müssen. Je mehr Filme sich dem Gedanken des wiederholenden Tages widmen, umso mehr ist man bemüht andere Erzählwege zu finden, sicher auch aufgrund der mangelnden Konzentration des Mainstream-Publikums, das man im finanziellen Idealfall erreichen möchte. Dieses wird mit "Boss Level" definitiv anvisiert, ist dieser Mix aus Action und Science Fiction doch eine Art Proll-Version besagter Thematik, was jedoch keineswegs so negativ gemeint ist, wie es klingt, immerhin bereitet der Streifen großen Spaß. 

Er nutzt die Kriminalaspekte und die wissenschaftlichen Hintergründe ähnlich wie "12:01", dessen Buchversion die eigentliche Ur-Fassung der Idee um Zeitschleifen ist, orientiert sich stilistisch aber an den ebenfalls Action-reichen "Edge of Tomorrow" und seiner schwarzhumorigen Art mit verschiedenen Todesarten dem Ziel jeweils ein Schrittchen näher zu kommen. Dass diese Herangehensweise an das System von Computerspielen erinnert, ist ein cleverer Schachzug, wenn man bedenkt, dass die Konsolen noch beliebter sind als das Medium Film, und sich das Massenpublikum mit der Kombination beider somit hervorragend locken lässt und gut identifizieren kann (womit praktischer Weise das ausführliche Wiederholungsszenario des Murmeltiers eingespart werden kann). "Boss Level" geht damit noch eine Spur direkter um und untermalt das Geschehen mit klassischer Spiele-Schrifteinblendung zu Retro-Computersound, so wie in damaligen Spielen üblich, dies jedoch nur als lustig gemeintes Gimmick. Die Wiederholung des Tages hat nichts damit zu tun, dass der Held in einem Spiel steckt, Joe Carnahans Werk ist weder "Tron", noch "Ralph reichts". Der Protagonist findet lediglich über Retrospiele Zugang zu seinem Sohn, welcher für den kleinen Anteil an Emotionen in "Boss Level" zuständig ist. 

Dieser Umgang mit dem anderen Medium signalisiert bereits wie augenzwinkernd der Film gemeint ist. Gerade wegen der an sich plumpen Haudrauf-Art ist diese Herangehensweise ungemein wichtig, um den ironischen Umgang zu signalisieren und, wie mit manch anderen Elementen ebenso, zu beweisen, dass man gar nicht so dümmlich herangeht, wie sich der Film grob gesehen anfühlt. Gleichzeitig steckt in diesen Schrifteinblendungen aber auch der einzige Minuspunkt des Streifens, den ich ihm nicht verzeihen kann: die hier eingeblendeten Zahlen sind völlig unrealistisch, verglichen mit dem was Roy erlebt, erreicht, erlernt (aller spätestens bemerkbar in seinen Schwertkampfkünsten innerhalb kürzester Zeit). Alles andere lässt sich aufgrund der augenzwinkernden Art entweder entschuldigen oder ist als Comicelement passend eingebuden. Carnahan inszeniert sein Werk actionreich und flott, gönnt ihm dennoch ruhigere Momente zur Vertiefung von Charakteren, ohne den Film  dadurch auszubremsen, und auch den Thrill-Bereich, den er bereits in "The Grey - Unter Wölfen" so gekonnt unter Beweis stellen konnte, vernachlässigt er inmitten eines Szenarios, das sich eher an geistloser Action-Unterhaltung orientiert, nicht. 

Damit ist ihm eine höchst unterhaltsame Wundertüte intellektuell anspruchslosem Kinos geglückt, das mit einer großartigen Optik, aufgrund verspielter Aufnahmen und genügend finanzieller Stütze, daher kommt, mit allerhand treffsicheren Sprüchen kommentiert entspannt erzählt ist, und mit der von Mel Gibson passend besetzten Figur des Bösewichts sogar ein intelligent artikulierendes Element besitzt. Dem Drehbuch kommt es zugute, dass der Held nicht der hellste ist. Gleichzeitig achtet es immer darauf den jeweiligen Grad und Grund der Motivation des Helden stets glaubwürdig einzufangen und ihn immer nur in jenem Umfang tätig sein zu lassen, der seinem Wissensstand entspricht. Der hervorragend gesetzte Schluss lässt Raum für die eigene Fantasie, während er gleichzeitig die Möglichkeit einer Fortsetzung bereit hält, was wohl naheliegend aufgrund des Titels "Boss Level" ist. Von daher bin ich einmal gespannt wie das nächste Level aussieht, das hoffentlich wieder genauso spaßig, entspannt und kurzweilig daher kommt, wie dieser wundervolle Film. Wenn schon Kopf aus-Kino, dann doch bitte wie hier präsentiert: kompatibel für den Mainstream ebenso wie für das Alternativpublikum der Freigeister.  OFDb

11.07.2016

GEFÜHLT MITTE ZWANZIG (2014)

Während „Gefühlt Mitte Zwanzig“ mit seinem Aufhänger, der sich auch im deutschen wie im Originaltitel wiederfindet, für Neugierde sorgt, obwohl das Thema in einer Pop-kulturellen Gesellschaft häufig aufgegriffen wird, geht es in dem Werk von Autor und Regisseur Noah Baumbach, der mit Stiller bereits in „Greenberg“ zusammengearbeitet hat, fast schon um etwas anderes. Klar, das Thema der Reifeverweigerung, bzw. ein anderes Reifeverständnis zu haben als die Masse, scheint stets im Zentrum zu stehen und ist wohl der wichtigste Auslöser für die Entwicklung Joshs. Aber eigentlich geht es hauptsächlich um Täuschung und Frustration.

Josh ist Idealist, und so lange er es ist lebt er in einem Weltbild der Selbsttäuschung. Alles hat sich seinen Gesetzen zu unterwerfen. Die Welt habe nach den Regeln zu funktionieren, die Josh für richtig hält. Und im Gegensatz zu vielen anderen Idealisten erhält Josh die Chance aus diesem Irrblick herauszutreten, ironischer Weise durch den Betrug eines anderen. Wo andere Filme am Ende Klarheit schaffen, da wirkt die Welt am Schluss von „Gefühlt Mitte Zwanzig“ unsortierter. Da kann Betrug etwas nicht ganz so Schlimmes sein, ein Freund ein Arschloch und ein Arschloch ein Freund sein, ohne dass dies im Widerspruch steht, auch wenn besagter Freund für den weiteren Lebensabschnitt nicht mehr benötigt wird. Ein Prozess ist beendet. Man muss dem Vergangenen nicht hinterher weinen. Und doch findet Josh durch das Erwachen aus seinem Trugbild nun innerhalb der unsortierteren Welt seinen Platz.

Wo sich ein „Greenberg“ tiefsinniger gibt als er tatsächlich zu sein scheint, da geht die Thematik von „While We‘re Young“ (Originaltitel) tiefer als er vorgibt zu sein. Während der Film stilistisch eher locker und leicht daher kommt, ist sein inhaltliches Anliegen schon wesentlich schwerere Kost, die nicht unbedingt leicht zugänglich ist, gerade für eine absichtlich wie unabsichtliche kindlische Generation, die nicht mehr gerne über das Leben nachzugrübeln scheint. Baumbach stößt einen auf Lebenslügen mit denen man vielleicht nicht konfrontiert werden will. Und doch macht er einem bewusst, dass dies vollkommen okay ist, so okay wie aus diesem subjektiven Blick wieder zu erwachen. Leben ist Leben. Da ist nichts objektiv. Da gibt es keine einzige Wahrheit.

Gerade deswegen finde ich es etwas schade dass das Thema in seiner letzten Szene ein wenig verwässert wurde. Hier tritt wieder die typische amerikanische Lebensordnung ans Tageslicht, die besagt dass das Heil dieser Welt einzig in der Familie zu finden ist. Ich hätte es für erwachsener gehalten den Film damit enden zu lassen, dass Josh und Cornelia in ihrer Entwicklung erkennen, dass die Einsicht keine Kinder mehr bekommen zu können, keine Resignation sein muss. Zumal sie zu sich selbst zurück gefunden haben, und nun wieder bewusster und damit angenehmer leben können, auch ohne Baby. Stattdessen steigen sie in den Flieger um ein Kind zu adoptieren. Nicht dass es nicht zu den beiden passen würde, aber ein Abspann nach dem Treppengespräch nach der Party von Cornelias Vater hätte besser nachgewirkt.

Dank eines lustigen wie tragischen Drehbuchs, welches seine Figuren ernst nimmt, und einer gut aufgelegten Besetzung, ist „Gefühlt Mitte Zwanzig“ ein sehenswerter Film geworden, der nicht unbedingt einen neuen Blick auf die Welt offenbart, uns aber augenzwinkernd ein Bein stellt, wenn wir uns in der ein oder anderen Figur wiederentdecken dürfen. Es wird genug Menschen geben, die innerlich schmunzeln müssen, wenn Vierzigjährige darüber reden, dass sie sich noch immer wie Kinder fühlen, die Erwachsene immitieren.

Und während Stiller seine Rolle als Tragikomiker seit „Die Royal Tenenbaums“ bis hin zu seinem „Greenberg“ hier nun weiter ausbauen darf, ein Bereich der ihm gerechter wird als die reine Blödelfigur eines „Verrückt nach Mary“ und „Zoolander“, darf man besonders begeistert von der Darbietung des mir seit je her sympathischen Charles Grodin sein, der in seiner Rolle als Cornelias Vater den weisen Sidekick spielen darf, wie er üblicher Weise sonst von Michael Caine gespielt werden würde.  OFDb