Er kann es nicht zulassen, dass wer Unschuldiges sein Leben lassen muss, glaubt etwas erreichen zu können und wird in der letzten Phase dieses Krimi-Dramas auf bittere Art eines Besseren belehrt und muss die Konsequenzen tragen. Dies wirkt noch bitterer im Zusammenhang mit einer aufkeimenden Liebschaft, die darunter leidet. Dieser wichtige Rahmenaspekt spielt sich jedoch nie dominant ins Zentrum des hauptsächlich auf den Kriminalfall konzentrierenden Filmes und seiner politischen Auswirkungen. Das Zeitgefühl wird hervorragend eingefangen, oft weht ein authentischer Wind über dem Gezeigten, was mitunter an der natürlich wirkenden Besetzung liegt. Gesondert muss freilich Mario Adorf erwähnt werden, der in recht jungen Jahren bereits beweist wie talentiert er ist, wirkt sein unbeholfener, geistig überforderter Charakter doch nie zu stark zurückgeblieben, aber genügend um ihn und seine Motivation darin alles zu erzählen glaubwürdig erscheinen zu lassen. Robert Siodmak ist ein beeindruckendes Drama geglückt, welches fast sämtliche Klischees umschifft und sich auf jene Aspekte des Nazi-Regimes konzentriert, die relevant für die zu erzählende Geschichte sind. Damit wirkt sein Plädoyer für Freiheit und Gerechtigkeit weit ehrlicher als in vielen ideologisch überfrachteten Werken. OFDb
Von einem der daheim blieb, um die weiten Welten des Films zu entdecken...
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19.09.2020
NACHTS, WENN DER TEUFEL KAM (1957)
Ähnlich wie in der brillanten Buchvorlage des filmisch missglückten "Vaterland" zeigt uns "Nachts, wenn der Teufel kam" keine Gesellschaft voll von klischeehafter Nazi-Monster, sondern normale Menschen innerhalb ihres Alltags, in dem es hauptsächlich nicht um die Ideologie der Machthaber geht, sondern um Alltäglichkeiten. Sie leben ihr Leben im Schatten des Nationalsozialismus, der auf diesem ehrlich gewählten Wege keineswegs verharmlost wird. Interessanter Weise besitzt der Film gerade darin auch seine erwähnenswerte Falle, denn unser Ermittler sucht seinen Serienkiller lediglich der Ambition seines Berufes und zum Schutz der Bürger wegen, hat also mit dem politischen Hintergrund persönlich nichts am Hut. Und genau dieser bricht plötzlich nach herausragender Arbeit hervor. Man mischt sich ein, verfälscht Wahrheiten um den Ruf des Nationalsozialismus zu wahren, und das missfällt dem Protagonisten, der somit nicht idealistisch zum Kämpfer gegen die Unterdrückung wird, sondern rein seiner Aufgabe der Aufklärung wegen.
11.03.2017
DER TOD TRÄGT SCHWARZES LEDER (1974)
Die Geschichte und Massimo Dallamanos erst zwei Jahre zuvor erschienener „Das Geheimnis der grünen Stecknadel“ lassen vermuten es mit „Der Tod trägt schwazes Leder“ mit einem typischen Giallo zu tun zu haben, gerade in Hinsicht auf den Motorrad fahrenden Killer in Leder, Handschuhen, der mit Beil und Messer diversen Menschen nach dem Leben trachtet. Aber „La polizia chiede aiuto“ (Originaltitel) geht weit über das üblich schmuddelige Thema eines Giallos, wie wir ihn speziell in Deutschland kennen, hinaus, lässt er doch einen Blick hinter eine bittere Wahrheit werfen, per Texteinblendung echten Zahlen nennend und täuscht damit seine Bedrücktheit über diesesThema nicht nur vor.
In seiner schonungslosen, wenn auch gelegentlich reißerischen Art wird „What Have They Done with Your Daughters?“ (Alternativtitel) zu einem Kriminalfilm-Drama, das sich der Ernsthaftigkeit seines Themas bewusst ist. Dallamano geht sachlich nüchtern, aber auch ungeschönt vor. Er lässt Nacktheit als schockierende, unerotische Wahrheit einfangen, nutzt seine Gore-Effekte für die natürlichste Reaktion der Welt beim Zuschauer, der Übelkeit und setzt solche Momente rar in ein Szenario ein, welches sich auf die Ermittlungen konzentriert, die wir Schritt für Schritt begleiten.
Deutliche Worte, dramatische Hintergründe, erschreckende Bilder und das Ganze gepackt in einen meist aus der nüchternen Betrachtungsweise entstehenden Spannungsbogen, der von einem Soundtrack unterstützt wird, der einem nicht so schnell aus dem Ohr geht, während er mit seinem kindlischen Chor aufgrund des Filmthemas die Kehle des Zuschauers zuschnürt. Abgerundet wird dieses großartige Seherlebnis mit einer schockierenden, wie glaubwürdigen Auflösung, die Realitätsverweigerern nicht gefallen wird.
Dallamano verzichtet trotz seines ernsten Anliegens nicht darauf auch den Unterhaltungswert des Streifens im Auge zu behalten. So wohnen wir beispielsweise einer aufwendig inszenierten, packenden Verfolgungsjagd bei, wenn der titelgebende, lederne Killer erstmals ins Geschehen tritt. Dies tut er im übrigen nicht all zu oft, liegt das Hauptaugenmerk doch nicht auf ihn. Aber allein wegen der Aktenschließung am Schluss ist sein Mitwirken in der Geschichte unverzichtbar, um die bittere Pointe stärker zu verdeutlichen.
„Der Tod trägt schwarzes Leder“ ist ein Thriller für harte Nerven. Dies nicht etwa weil er in brutalen Bildern badet, sondern weil er so schonungslos ehrlich und sachlich Stellung zu einem Thema bezieht, von dem wir am liebsten nichts wissen möchten. Die üblichen Zutaten, die einen harten Kriminalfilm ansonsten schocken lassen, gehen hier weit über die übliche Schockwirkung hinaus. Sie verursachen echtes Unwohlsein und Übelkeit, aufgrund des sensiblen Beitons aber auch Mitgefühl. Gerade Mario Adorfs Anwesenheit unterstützt dies mit dessen Dackelblick all zu gut.
Aber auch aufgrund der empathischen Erzählweise Dallamanos erlebt man die Geschehnisse stets intensiver anstatt allein gefesselt von einem gut gemachten Thriller zu sein. Der Mix aus beidem macht aus dem hier besprochenen Film ein solch großartiges Erlebnis, in welchem sich echtes Mitgefühl und reißerisch anmutende Elemente nicht widersprechen. In diesem erfolgreichen Zusammenspiel zweier unvereinbar scheinender Schwerpunkte kann man ihn eigentlich in einem Atemzug mit „Nackt und zerfleischt“ nennen. OFDb
15.02.2017
SCHACHNOVELLE (1960)
Viele Jahre sind vergangen, seit ich Stefan Zweigs „Schachnovelle“ gelesen habe, und viele Erinnerungen an den Inhalt des Stoffes sind dahin. Aber ich weiß noch wie schrecklich mir einst der Gedanke einer Verfilmung vorkam, bei all den inneren Vorgängen im Kopf der zentralen Figur von Basil, von welchen die Geschichte lebte. Ich hielt das Buch für unverfilmbar, zumindest wenn man der Vorlage sehr treu bleiben wollte. Dass ich mich nach über 20 Jahren nun doch an die Verfilmung heran gewagt habe, liegt an der Besetzung Curd Jürgens in der Hauptrolle, die mir Mut machte, dass das Projekt doch recht gut ausfallen könnte, halte ich den Mann doch für einen hochkarätigen Schauspieler und besaß er doch die Gabe selbst simplen Stoffen ein gewisses Niveau zu bescheren.
Wie zu erwarten kann die Geschichte so wie im Buch nicht auf das Medium Film übertragen werden. Aber Gerd Owalds Drama überzeugte mich dennoch mit seiner sehr respektvollen Umsetzung, welche, wie das Buch, die Vergangenheit von Basils erst mit der Zeit beleuchtet, und dies vor seinem Zusammenbruch auf dem Schiff. Oswald setzt voll und ganz auf das Spiel Jürgens‘, der den von Basil vor seiner Nazifolter mit hohem Selbstbewusstsein, voller Stil und Intellekt, verkörpert. Schrittchenweise beleuchtet der Film wie er zu dem wurde was er später ist. Curd Jürgens beweist hier großes Können, gehört ihm der Film in dieser Phase doch fast allein, zwischen Würde, Verzweiflung und Tapferkeit schwankend.
Oswald gönnt dem Stoff die Ruhe die er benötigt. Bis von Basil auf das Buch stößt dauert, allein schon weil Oswald dem Zuschauer nicht erklärt wie die Nazifolter stattfindet, er muss sie selbst miterleben und als solche begreifen wie sie funktioniert. Zwar habe ich mir den Raum, in dem von Basil gefangen gehalten wird, im Buch steriler vorgestellt, ich meine es wäre im Buch ein kahler Raum gewesen, aber auch das schlichte Hotelzimmer, welches der Hauptfigur Muster an den Tapeten, einen Schrank und andere Sehwerte gönnt, wird zur glaubhaften Umgebung des schrecklichen Psychoterrors, der auf ganz passive Art auf von Basil ausgeübt wird.
Trotz großartigem Spiels kann auch Curd Jürgens die Enttäuschung nicht so intensiv wie im Buch hervorbringen, die in von Basil aufkommt, wenn er entdeckt welches Buch er bei seinem einzigen Ausflug aus dem Zimmer heraus hat mitgehen lassen. Die vorherige Verzweiflung, die in ihm immer mehr gewachsen ist, ist jedoch überzeugend genug herübergebracht worden, so dass man dennoch versteht warum er sich trotz dieses Frustes schließlich auf das Buch einlässt. In dem hervorragend umgesetzten, sehr langen, fast den kompletten Film einnehmenden, Rückblick, der an keinerlei Klischees zur Nazi-Thematik leidet, und in dem selbst der meist plump agierende Hansjörg Felmy sich zu beweisen weiß, fehlte mir lediglich der Aspekt, dass von Basil schließlich x Spiele parallel auf einmal spielt und gerade diese Eigenschaft ihn endgültig in den Wahnsinn treibt, nicht mehr wissend welche Partie Schach er gerade spielt.
Es ist in gewisser Weise verständlich warum Oswald diesen Aspekt unter den Tisch fallen lässt, so hochkomplex er die inneren Vorgänge im Kopf des Protagonisten benötigt, die so nur ein Buch dem Publikum näher bringen kann. Und doch, irgendwie hätte er versuchen sollen diesen Aspekt zumindest anzudeuten, anstatt aus von Basil lediglich einen eher schlichten durch Schach gestörten Mann zu kreieren, der in der filmischen Alternativversion zum Buch nun durch das Verhör erinnert seinen Gegenüber, den Schachweltmeister, attackiert, anstatt diesen damit zu verwirren ein völlig anderes Spiel zu spielen, als die Runde Schach die gerade tatsächlich vonstatten geht.
Wie gesagt sind die Erinnerungen an das Buch verblasst, und vielleicht irre ich mich auch in manchen Punkten nach all diesen Jahren. Aber so wie ich „Schachnovelle“ in Erinnerung habe, fehlt dem Film genau jener Aspekt, welcher der Geschichte meiner Meinung nach den letzten Schliff gab. Kennt man die Vorlage nicht, vermisst man das Weggelassene freilich nicht, zumal die Geschichte auf schlichtere Art trotzdem funktioniert. Mehr noch, „Schachnovelle“ ist durch seine ruhige Inszenierung, der hervorragenden Darsteller und seiner sachlischen, Klischee-freien Betrachtung der Geschehnisse, ein hervorragender Film geworden, ein Niveau besitzend, welches ich ihm ehrlich gesagt nicht zugetraut hätte.
Was er an mancher Stelle der Vorlage gegenüber nicht einhalten kann, macht er an anderer Stelle wieder wett, z.B. durch die Idee aufgrund des gekachelten Bodens von der Treppe aus ein Schachspiel aus jenen Menschen zu machen, die in der Halle auf besagtem Boden stehend warten. Ich meine, dass diese Idee im Buch so nicht enthalten war. Das Medium Film findet immer seine eigenen Wege Unzulänglichkeiten gegenüber Buchvorlagen auszubügeln. Das macht aus der Verfilmung in diesem Falle keinen gleichrangigen Stoff zum Original, letztendlich befindet sie sich aber auch nicht im Wettbewerb zum Buch und beweist auf ihre Art wie gelungen sie trotzdem ausgefallen ist. OFDb
26.12.2012
DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN HANDSCHUHE (1970)
Der amerikanische Schriftsteller Dalmas wird Zeuge wie eine dunkle
Gestalt in einer Kunstgalerie eine junge Frau ersticht. Die Polizei
teilt ihm mit, dass dies nicht der einzige Mord der letzten Zeit war und
vermutet u.a. zunächst ihn als Serientäter. Dalmas macht sich selbst
auf die Suche. Er weiß, dass an der Beobachtung des Mordes irgend etwas
ungewöhnlich war. Aber was war das nur?...
Im Zeichen der Geometrie...
Hut ab! Die erste Regiearbeit des später hochgeachteten italienischen Meisters des Horrorgenres kann sich sehen lassen. Wie die meisten späteren Werke, so ist auch sein erster Film ein Giallo geworden. Ein Wort, das eigentlich nur für einen hart inszenierten Kriminalfilm steht, der sich mit Mördern beschäftigt. Die 1959 gestartete Edgar Wallace-Reihe wurde in den 70ern mit italienischer Beteiligung immer häufiger in diese inszenatorische Richtung geschuppst, und so wundert es nicht, dass auch eine Buchverfilmung nach Bryan Edgar Wallace folgte, wo doch stets mit dessen Name versucht wurde Erfolge des Herrn Papa zu wiederholen.
Die angebliche Bryan Edgar Wallace-Verfilmung war mit Argento als Regiewahl in besten Händen. Auch die Schauspieler waren nicht aus der untersten Schublade herausgewühlt. Und um dem ganzen noch eins drauf zu setzen engagierte man Ennio Morricone für die musikalische Untermalung, ein Garantietipp so kurz nach seinem legendären Soundtrack zu „Spiel mir das Lied vom Tod“.
All der Aufwand hat sich gelohnt, Argento ist ein atmosphärisch dichter Film gelungen, der in seiner Bösartigkeit immer wieder zwischen den Genres Krimi und Horror hin und her springt. Der Geschichte folgt man gebannt. Diese ist zwar eher schlichter Natur, ist aber rätselhaft verpackt, mit interessanten Figuren versehen und spannend umgesetzt.
Hin und wieder wird die dichte Atmosphäre unterbrochen, beispielsweise in der längeren Szene, in welcher der Schriftsteller einen Zeichner aufsucht. Völlig unnötig bekommt diese Sequenz sogar einen humoristischen Unterton. Leider passt das so gar nicht zum restlichen Film, soll aber in einer ersten Regiearbeit verziehen sein, erst recht wenn der Rest so professionell umgesetzt wurde, wie es in „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ nun einmal geschehen ist.
Von solchen Ausrutschern einmal abgesehen (ein weiterer wäre z.B. das Integrieren eines Auftragskillers in die Geschichte) weiß die Art der Erzählung ansonsten zu gefallen. Argento schafft die Gradwanderung zwischen Charakteraufbau- und vertiefung und flottem Erzähltempo. Betretene Pfade werden durch neue Erkenntnisse in der Ermittlung schnell wieder verlassen. So ist es positiv zu sehen, dass der Hauptdarsteller nicht den ganzen Film über für die Polizei verdächtig bleibt, mehr noch, der Kommissar vertraut dem Zeugen immer mehr. Beide scheinen am Beginn einer echten Männerfreundschaft zu stehen, in der Art und Weise wie sie miteinander umgehen.
Zudem punktet Argentos Umsetzung mit dem Beachten kleiner Details. Da wäre zum einen der Grund zu nennen, nach dem Dalmas so lange sucht. Was war ungewöhnlich an der Mordbeobachtung? Aber auch andere psychologische Kniffe wissen zu gefallen, wie beispielsweise die Idee, dass der Schriftsteller in Begleitung einer jungen Frau ist. Um diese macht man sich schon lange Sorgen, noch bevor der Täter am Telefon androht ihr etwas anzutun.
Morricones Musik weiß Argentos Arbeit hervorragend zu unterstützen. Ähnlich experimentell wie in seinem Soundtrack zu „Zwei glorreiche Halunken“ überrascht er mit allerlei ungewohnten Melodien, die teilweise sogar an spätere Werke von Goblin erinnern, einer Band mit der Argento später viel zusammenarbeiten sollte. Morricone bietet ruhige Musik, lässt diese ins psychotische herübergleiten mit einer dem Gebiet des Kinder-Schlafliedes entliehenen, flüsternden Stimme, die statt eines Textes nur den Lückenfüller Lalala singen darf. In den schnelleren Szenen ist es auch musikalisch mit der Ruhe vorbei, und der Komponist fährt alles auf, was er benötigt um den Zuschauer zu verwirren oder gar zu verstören, auf jeden Fall aber um ihn zu packen und das Spannungspotential Argentos Bilder zu unterstützen.
Und diese sind, wie man es später von diesem Herren auf dem Regiestuhl auch gewohnt sein sollte, hervorragender Natur. Argento beweist sich als echter Künstler, noch nicht so farbenfroh wie in späteren Werken (Höhepunkt in diesem Gebiet dürfte „Suspiria“ gewesen sein), aber in anderer Richtung interessant. So spielt er z.B. in einigen Szenen mit Licht und Dunkelheit, z.B. wenn er einem weißen Treppenhaus im oberen Stockwerk das Licht nimmt, und der obere Bildschirmteil damit stockdüster und bedrohlich wirkt, eben weil das Schwarz das Weiß so schnell verschluckt.
Ebenso gibt es eine hervorragende Aufnahme, in der ein dunkler Raum ein im weiß strahlendes Viereck beschert bekommt, durch das Öffnen einer Tür im unbeleuchteten Raum. In dieser Sequenz erleben wir auch am allerdeutlichsten Argentos Beachtung des Bereiches der Geometrie, ein Schwerpunkt seiner künstlerischen Herangehensweise in „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“.
Wandmuster versucht er meist komplett einzufangen, Tapeten- und Bodenmuster ebenso. Große Gegenstände versucht er möglichst komplett ins Bild zu bekommen. Gelingt ihm dies nicht, so lässt er die Kamera vom Gegenstand festgelegten Linien entlang gleiten, z.B. bei Außenaufnahmen mit Häusern. Situationsbedingt geschieht dies auch mit Linien leichter einzufangender Gegenstände in ihrer Gesamtheit, z.B. wenn die Kamera einer wandernden Person folgen muss. Interessant ist bei dieser Herangehensweise die Position der Kamera, die häufig solche Aufnahmen bewusst zweidimensional versucht einzufangen, damit das Gesehene in seiner Form schlichter, geometrisch simpler, wirkt.
Auffällig ist dies z.B. in der Schluss-Szene, in der die Kamera ein startendes Flugzeug begleitet, dabei aber immer sehr seitlich bleibt, so dass man den Flieger tatsächlich nur zweidimensional, wie von einer Schablone gezeichnet, begleiten kann. Selbst in der Szene, in welcher Dalmas den Mord beobachtet, wirkt etwas zweidimensional. Vielleicht ist hier der Begriff auch zu übertrieben, aber zumindest wirkt die Beobachtung des Schriftstellers wie der Blick auf ein Theaterstück, dessen Perspektive man nicht einfach ändern kann.
Neben den oben erwähnten Brüchen in der sonst so dichten Atmosphäre, kann man höchstens noch ein wenig enttäuscht über die Auflösung sein. Die Täteraufdeckung selber geht in Ordnung, wird in späteren Argento-Filmen auch noch einige Male wiederholt werden. Unangenehm ist jedoch die angehangene psychologische Erklärung, die damit an die einzige Schwäche von Hitchcocks „Psycho“ erinnert.
Ob das aus der Sicht eines professionellen Arztes nun Sinn macht oder nicht, sei einmal dahingestellt. Ich frage mich nur, warum diese Erklärung so unsauber in die Erzählung eingeführt werden musste. Hätte man das nicht im Fluss der Geschichte irgendwie integrieren können? So wirkt die Szene nicht wie ein Teil der Story, sondern viel mehr wie ein Nachwort, um dem ganzen nun noch einen Sinn zu bescheren und damit auch manchen Kleinigkeiten in der Geschichte selbst (dem gekauften Bild z.B.).
Was wiederum positiv an der Auflösung ist, ist das Spiel mit dem Zuschauer und der Polizeiarbeit. Argento zeigt uns, dass erkannte Muster immer nur Theorien sind, die uns schnell den Stinkefinger des Irrtums zeigen können. Ähnlich wie Verschwörungstheorien scheinen sie in der Beweislage Sinn zu ergeben und erweisen sich dann doch nur als dumme Zufälle aus einer Perspektive von Halbwissen. Im Finale wird der Zuschauer trickreich an der Nase herumgeführt, und der weiß es der Regie zu danken, so wie allen anderen Beteiligten, die scheinbar mit wirklich viel Interesse an „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ beteiligt waren. OFDb
Kategorien:
1970-1979,
Bryan Edgar Wallace,
Dario Argento,
Deutschland,
Filmbesprechung,
Horror,
Italien,
Kriminalfilm,
Mario Adorf,
sehenswert,
Thriller,
Werner Peters
27.10.2012
GEFUNDENES FRESSEN (1977)
Der auf der Straße lebende Alfred ist nicht nur ein
gesellschaftlicher Außenseiter, sondern auch einer unter den
Obdachlosen. Seit Jahren spart er heimlich Geld um irgendwann ins
Ausland zu ziehen, bis dahin lebt er vom Allernötigsten und von
Kleinstgaunereien. Auf diesen Weg lernt er den Polizisten Erwin kennen,
der von seinem Alltag so gefrustet ist, dass er Gefallen an der
Aussteigeridee Alfreds findet...
Maskenball der Seelen...
Vordergründig handelt Michael Verhoevens „Gefundenes Fressen“ von einer ungewöhnlichen Freundschaft zwischen Obdachlosem und Polizist, zwei Angehörigen verschiedener Gruppen, die in der Regel auf Kriegsfuß stehen. Hintergründig erzählt der Film jedoch von der verzweifelten Suche nach Individualität in einer zu gleich geschalteten Gesellschaft, die einem nur Platz für Alternativen lässt, so lange man sich an die Spielregeln hält.
Der auf der Straße lebende Alfred steht für sich, kommt weder mit den Bürgern noch mit den Obdachlosen richtig klar und sehnt sich nach einem Wonneleben im sonnigen Ausland. Genau das könnte auch Polizist Erwin vertragen, der sich missverstanden fühlt, das Dasein als Polizist satt hat und davon träumt ebenfalls auszusteigen. Bis es bei ihm so weit ist, will er wenigstens Alfred helfen, einer Person zu der er sich verbunden fühlt, was jedoch nur bedingt auf Gegenseitigkeit beruht.
„Gefundenes Fressen“ erzählt seine Geschichte fast ausschließlich über die Charaktere. Was beide im einzelnen erleben, häufig in voneinander unabhängigen Erzählsträngen, erscheint nichtig. Für den Konsumenten, der lediglich nach Unterhaltung lechzt, wirkt der Film dadurch eher wie ein konsequentes Langstrecken einer nicht vorhandenen Geschichte. Aber sie ist anwesend und kristallisiert sich nach und nach heraus und wartet nur darauf entdeckt zu werden.
Interessant ist, dass Verhoeven wahrlich nicht mit Sympathiefiguren spielt. Sowohl Alfreds als auch Erwins Dasein dient als Tarnung, als Mittel zum Zweck um nicht aufzufallen. Erwin spielt die Rolle als Polizist ebenso, wie Alfred eigentlich charakterlich gar nicht zu den Obdachlosen gehört. Alfred mag schrullig wirken, aber er ist kein Team-Player, zieht lediglich sein Ding durch und vertraut aus anderen Gründen niemandem, als es der Durchschnitts-Obdachlose tut. Polizist Erwin ist noch unsympathischerer Natur. Er ist ein Egomane, der ein Traumbild von sich und seinen Fähigkeiten entworfen hat, und nun frustriert ist, dass andere sein Selbstbild nicht teilen. Das entfremdet ihn von seiner Rolle im Beruf ebenso wie von seiner Familie. Doch darüber trauert er nicht. Er sieht sich im Recht und alle anderen liegen falsch.
Kurzum, beides sind Egomanen, und ein solcher muss man wohl auch sein, wenn man um sein Recht auf Individualität und dessen Platz und Anerkennung in unserer Gesellschaft kämpft. „Gefundenes Fressen“ zeigt uns eine Person, die meist begründet egoistisch handelt und eine Person, die den Wunsch nach Ausstieg viel eher als Rechtfertigung für seine egoistische Haltung nimmt. Dies trennt beide Charaktere, und vielleicht wird dies Alfred in der finalen Szene klar. Vielleicht tritt er den von ihm gewünschten Weg nicht an, weil er Hilfe von etwas bekam, für das er nicht steht. Vielleicht war auch nur der Zeitpunkt zu spät. Den Schluss soll jeder für sich selber deuten.
Rühmann, der eigentlich eher auf leichte Stoffe abonniert ist, lebt in der Rolle des Alfred in schauspielerischer Hinsicht regelrecht auf. Eine ernstzunehmende Rolle in einem Drama kleidet ihn sichtlich gut, was optisch freilich auch der guten Maske zu verdanken ist. Hier wirkt Rühmann nicht mehr so unterfordert wie in seinen meist sympathischen Komödien.
Komplett ohne Humor kommt auch „Gefundenes Fressen“ nicht aus, und der zeigt sich meist im Stile eines „Max, der Taschendieb“, sprich über die gewitzten illegalen Aktionen der Hauptfigur. Der Witz wird dabei jedoch so stark zurückgeschraubt, das man nicht einmal mehr von einer Tragikomödie sprechen kann. Trotz solcher Szenen bleibt Verhoevens Werk recht deutlich ein Drama.
„Gefundenes Fressen“ ist ein Liebhaberstück, ein Film für Cineasten, ein anspruchsvolles Werk, das jedoch nicht von zu hohem Anspruch und zu viel Symbolik erstickt wird, sondern noch den Bogen zur kurzweiligen Unterhaltung findet, ohne den Bereich des Popkorn-Kinos zu streifen. Verhoevens Film ist ein interessantes Werk, das seine minimalistische Geschichte auf versteckt psychologischer Basis konsequent und glaubhaft durchzieht, so dass der Film mehr bietet als die bloße traurige Geschichte eines Obdachlosen, der es gerne besser hätte und eines Polizisten, der sein Mitleid für den armen Mann entdeckt. Dies wäre Grundlage für eine Trivialunterhaltung, einen Filmbereich, von dem sich „Gefundenes Fressen“ sehr deutlich distanziert - freilich nur dann, wenn man es auch selbst entdeckt hat. OFDb
05.08.2012
KOMMISSAR KLEFISCH - VORBEI IST VORBEI (1996)
Bei einem Überfall auf ein Restaurant wird ein Mann erschossen, der
vor 16 Jahren in die Schatzkammer des Kölner Doms eingebrochen ist. Kurz
darauf taucht dessen ehemaliger Partner auf, der bisher in die USA
abgetaucht ist. Klefisch ahnt, dass dieser an sich sympathische Bursche
etwas ausheckt...
Nach 7 Jahren und 6 Filmen hieß es „Vorbei ist vorbei“. Ob man während des Drehs schon ahnte, dass dies der letzte Klefisch-Film wird? Man weiß es nicht. Schaut man jedoch auf die Gesundheit Willy Millowitschs, der sich einmal mit Teil 1 verglichen hinter einer dicken Brille versteckt, keine zwei Meter mehr am Stück läuft, meist im sitzen agiert und nun auch noch eine sehr krächzende Stimme bekommen hat, kann man schon vermuten, dass man mit dem Beititel nicht nur die Geschichte des 6. Teiles zitieren wollte, sondern das Ende der Reihe vorausgesehen hatte.
Schauen wir auf 6 Filme „Kommissar Klefisch“ zurück, kann man zwar von jedem einzelnen Kriminalfall behaupten, dass er trashige, unfreiwillig komische Unterhaltung bot, aber auch dass die Qualität der verschiedenen Filme recht unterschiedlich ausfiel: ein langweiliger Teil 3, unterirdische Teile 4 und 5 und akzeptable Geschichten in Teil 1 und 2. Um so schöner ist es, dass mit diesem sechsten und letzten Teil noch einmal ein akzeptabler Beitrag abgeliefert wurde, schreit das Drehbuch doch diesmal nicht vor Dummheit und mangelnder Ideen, und wird das Team doch gut unterstützt durch Mario Adorf in einer größeren Rolle und der geglückten Besetzung jenen Mannes, der sich im Laufe des Falles als der Hintermann entpuppen wird, der einst den Einbruch in den Dom plante und nie gefasst wurde.
Bis es so weit ist, ist „Vorbei ist vorbei“ eigentlich nicht wirklich ein Kriminalfall. Er ist es jedoch mehr als die privaten Probleme Klefischs aus dem Vorgänger. Eigentlich geht Onkel nur einer Vermutung nach, nämlich dass ein an sich liebenswürdiger Verbrecher, den der Kommissar a.D. seinerzeit gar deckte, wieder etwas ausheckt. Mahnend verkündet der unsympathische Tattergreis: „Vorbei ist vorbei“, und die Rolle des Adorf erwidert immer wieder der Rentner möge sich keine Sorgen machen. Es laufe nichts.
Auch Klefisch hat sich schon so manches Mal geirrt, und ob dies diesmal wieder der Fall sein wird, darum geht es in der Geschichte, die sich fast mehr wie ein Lustspiel als wie ein Kriminalfilm guckt. Der leichte Umgang mit dem Thema guckt sich jedoch wesentlich erträglicher, so dass typische überzogene Kostüme und dümmliche Fehler zwar noch immer zu belustigen wissen, der Film aber auch gar nicht den Anschein erwecken will als Kriminalfilm ernst genommen werden zu wollen.
Das Ergebnis darf schon wundern, lieferte Regisseur Wolf Dietrich mit Teil 5 doch den unterirdischsten aller Klefisch-Filme ab (und damit auch gleich den lustigsten) und mit Teil 2 gar einen echten, wenn auch nur mittelmäßigen Kriminalfilm. Was auch immer Teil 6 nun darstellen will, man liest es heraus: er guckt sich angenehm als ein Mix aus sehr leichter Krimi-Kost und unfreiwilliger Komik.
Klefisch selbst ist nicht so präsent wie in den früheren Teilen. Etwas zahm geworden ist der gute Mann auch, pöbelt er doch weder seine Pflegerin so barsch an, wie noch einen Film zuvor, noch mault er ewig vor sich hin. Vielleicht tut es dem Rentner auch einfach gut keinen Kontakt mehr zur Nervgöre Sabrina zu haben, die nach einem Gastauftritt im fünften Teil nun gar nicht mehr auftaucht. Besser so!
Das weibliche, in erster Linie junge, Geschlecht hat es dem immergeilen Rentner selbstverständlich weiterhin angetan, und so kümmert sich der Greis für seine Verhältnisse liebevoll um die Lebensgefährtin des etwas undurchsichtigen, angeblich ehemaligen Verbrechers, während er ihre bessere Hälfte immer wieder dazu bewegen will, zurück nach Amerika zu reisen. Ob Onkel dabei bedenkt, dass der gute Mann sein Weib mitnehmen würde?
Man sieht den guten Mann im Film zwar nie laufen, aber irgendwie schafft er es Richtung Finale gar in die Höhle des Löwen. Mutig ist er geblieben, das muss man Onkel lassen. Allerdings wird er diese Tat sicherlich später einmal bereuen, sorgt sie doch für eine bittere Überraschung am Schluss, mit der man bei solch leichtem Stoff einfach nicht gerechnet hat. Und damit ist endgültig eine letzte Verbindung zum Erstling aufgebaut, denn auch dort wusste das Drehbuch einen mit einer ähnlichen Überraschung zu schocken. Etwas mehr Pepp dieser Art hätte so manchem Vorgänger dieses Teil 6 gut getan.
Das mag sich hier alles sehr positiv lesen, dennoch ist „Vorbei ist vorbei“ auch im besseren Zustand nur ein mageres Stück Krimi-Kost, Routine, aber sehr schlichte, und damit eben nur zum Verzehr für hartgesottene Krimi- oder Millowitsch-Fans zu empfehlen, oder aber dem Trash-Fan, der zwar diesmal nicht nur Unsinn um die Ohren gepfeffert bekommt, aber genug um fröhlich dran zu bleiben. OFDb
Das mag sich hier alles sehr positiv lesen, dennoch ist „Vorbei ist vorbei“ auch im besseren Zustand nur ein mageres Stück Krimi-Kost, Routine, aber sehr schlichte, und damit eben nur zum Verzehr für hartgesottene Krimi- oder Millowitsch-Fans zu empfehlen, oder aber dem Trash-Fan, der zwar diesmal nicht nur Unsinn um die Ohren gepfeffert bekommt, aber genug um fröhlich dran zu bleiben. OFDb
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