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28.10.2023

EXORZIST 2 - DER KETZER (1977)

Durch den Erfolg von Friedkins lobenswerten "Der Exorzist" bekamen die großen Studios Mut mehr Geld in das Genre Horror zu stecken und verkauften auch schrägere Ideen als seriöse Produktionen. Dem gewagten und relativ leicht unsinnigen "Die Wiege des Bösen" folgte Jahre später der völlig überzogene "Der Manitou". Und auch "Der Exorzist 2" (Alternativtitel) kommt als direkter Erbe des großartigen Vorgängers viel zu unsinnig daher, als dass man ihn als mutiges Experiment bezeichnen könnte, dem man sich frei von Vorurteilen öffnen sollte. Es erscheint mir ziemlich respektlos, einen derartig geistigen Dünnschiss auf jenem Film aufzubauen, dem man kurzfristig die Rehabilitation des Horrorgenres verdankte. Aufgrund des großen Erfolges von Teil 1 tummelt sich dementsprechend mehr Prominenz an Bord, als für eine derartige Geschichte im Kino der 70er Jahre üblich war. Linda Blair, Richard Burton, Louise Fletcher, Max von Sydow, James Earl Jones, Ned Beatty, sie alle sind mit an Bord, Friedkin und Platty, der Schöpfer der ursprünglichen Geschichte, kehrten freilich nicht zurück, dürften sie doch wohl kaum etwas von der hier erzählten Geschichte gehalten haben.

Dass wir es hier lediglich mit einem (anderen) Dämon, anstatt mit dem Teufel höchstpersönlich, zu tun haben, macht bereits deutlich, dass wir keiner aufregenderen Geschichte beiwohnen dürfen. Um eine solche ist man freilich bei höherem Budget dennoch bemüht und verpulvert das Geld u.a. in unnötig aufgeblähte Spezialeffekte, die sich meist mit dem biblischen Thema des Heuschreckenschwarms auseinandersetzen, manches Mal aber auch Verwendung darin finden mit beliebten Bildern des Vorgängers visuell Kontakt zu den aktuellen Geschehnissen aufzubauen, denn man will schließlich nicht nur im Titel von der Prominenz des Originals profitieren. Der Zuschauer soll in einen ihm bekannten, wohlwollenden Zustand versetzt werden, ein sich zu Hause Fühlen kommt trotz der Wiederkehr etlicher Figuren, Bilder und dem Filmtitel trotzdem nicht auf. Zu übel sind die experimentellen Elemente, die uns als so rational wie möglich dargeboten werden. So erlaubt sich "Exorcist 2 - The Heretic" (Originaltitel) z.B. einen groben Mix aus Wissenschaft und Esoterik, wenn es um die völlig unsinnige, neumodische Hypnosemaschine geht, die völlig ernst genommen ins Zentrum der Geschehnisse des ersten Drittels gerückt wird (womit ein höfliches Ignorieren ausgeschlossen wird). 

Auch die spät erwähnte Züchtung einer veränderten Heuschrecke und deren komplette Thematik, sowie jene rund um ihre Gattung, sowohl als Gleichnis zu den Vorfällen, als auch als Konsequenz daraus, überfordern die Großzügigkeit des Publikums, einen derart unsinnigen Plot nach einem solch bodenständigen Teil 1 zu akzeptieren, bei weitem. Wenn nun noch zusätzlich unverzeihlicher Blödsinn nebenbei integriert wird, wie mein folgendes Beispiel, dann kann man "Exorzist II" (Alternativtitel) einfach nicht mehr ernst nehmen: ein Mann und eine Frau befinden sich in einem Keller, ein Karton fängt Feuer, ohne dass dieses sich weiter ausbreitet. Während der Mann den Karton aus dem Kellerraum in den Flur zieht, läuft die Frau hysterisch rufend besagten Gang herunter, und schreit sie würde schnell die Feuerwehr rufen. Ein Telefon befindet sich am Ende des Gangs. Sie alarmiert die Feuerwehr, geht das kurze Stück wieder zurück, schnappt sich auf dem Weg von der Wand einen Feuerlöscher, und der brennende Karton wird gelöscht. Zusätzlich zu dieser Ansammlung an Idiotien in nur wenigen Sekunden Handlung, gesellt sich die Anschlussszene dazu, in welcher die Feuerwehr vor dem Gebäude gerade groß in Aktion ist, und den Helfern in Rot gedankt wird etliche Leben mit ihrer Ankunft gerettet zu haben. 

Aua! Das tut weh! Und das wurde von keinem während der Produktion (spätestens beim Zusammenschnitt) als völlig idiotisch bemerkt? Am Budget kann das optische Kleinhalten einer Dramaturgie, die in Worten derart aufgebauscht wird, wohl kaum gelegen haben, so sehr wie man ansonsten Geld verprasst, ohne dem Werk einen tatsächlichen Mehrwert zu bescheren. Zwar ist auch "Exorist 2 - Der Ketzer" darum bemüht möglichst seriöses Kino abzuliefern, beispielsweise wenn etliche Orte rund um den Globus aufgesucht werden, um Respekt vor Kulturen und Vielschichtigkeit ins Geschehen integrieren zu können, letztendlich wirken diese Versuche aber eher bemüht darin, die Chose lang zu strecken, bis tatsächlich konsequent etwas in der Geschichte geschehen darf, die zwar lobenswerter Weise das Original nicht plump kopiert, in ihren neuen Gedankengängen aber nur die Intelligenz des Zuschauers beleidigt, anstatt ihm einen würdevollen Anschlussstoff zu servieren. Das ewige Herumreisen des Mannes, der pseudo-dramatisch umgesetzt droht vom Gottesglauben in eine Verehrung des Dämons überzugehen, bereichert den Plot kaum und bremst ihn stattdessen immer wieder aus, während der blödsinnige Esoterik-Mumpitz zumindest versuchte Tempo und Schauwerte in die dünne Handlung zu integrieren. 

Und dass wer anders zur Bedrohung wird, obwohl das Drehbuch stets darum bemüht ist jemanden vordergründig, mit dem Holzhammer präsentiert, als Gefahr für die mittlerweile jugendliche Regan und ihrem Anhang vorzugaukeln, interessiert auch nicht wirklich und wird dem Zuschauer kurz vor der Auflösung dieser Täuschung ohnehin schon bewusst. Den Spannungsbogen weiß dieses verfrühte Eingeweihtsein so wenig anzufeuern, wie jeglicher andere Versuch im Gesamtwerk Spannung zu erzeugen auch. "Der Exorzist 2" ist eine Enttäuschung, zu professionell inszeniert um Spaß mit ihm als unterhaltsamen Trash zu haben, zu missglückt um ihm seine Fehler zu verzeihen, auch wenn es billige Horrorwerke gibt, die man trotz größerer, offensichtlicher Schwächen dennoch konsumiert und mag. Es braucht weder verwundern, dass nach Filmen wie diesem, der Ruf des Horrorfilms allmählich wieder so stiefmütterlich wurde, wie er zuvor war und wie seit dem immer wieder mit diesem wundervollen, vielschichtigen Genre umgegangen wird, noch überrascht es, dass "Der Exorzist 3", an den man sich erst 13 Jahre später heranwagte, die Geschehnisse von Teil 2, soweit ich informiert bin, komplett ignoriert. Was solle man auf diesem Müll auch aufbauen? Sicherlich nur weit größeren Unsinn!  Wiki

16.11.2013

DER SCHRECKEN DER MEDUSA (1978)

Der größte Kniff von „Der Schrecken der Medusa“ ist seine Erzählweise. Er beginnt nach einer Mordsequenz wie ein kleiner, netter Krimi, der über Rückblicke zunächst Tatverdächtige freilegt. Nur sehr langsam verändert sich dieser Zustand, indem die Rückblicke mit der Zeit die Vermutung festigen, dass der Ermordete, der sich nach nur wenigen Filmminuten als doch noch lebend entpuppt, ein Monstrum gewesen sein könnte. Der ermittelnde Kommissar versucht sich zu bemühen objektiv zu bleiben und erwischt sich immer wieder dabei, wie er mit der Vermutung spekuliert, dass das Opfer übernatürliche Kräfte besitzen könnte. Ab einem gewissen Punkt des Films ist er vollends davon überzeugt, und erst jetzt erfährt auch der Zuschauer, dass dem so ist. Diese Erzählweise gibt viel Freiraum zum mitraten, gibt viel Zunder in Sachen Spannung und hält den Zuschauer damit bei der Stange. Erholen kann dieser sich kaum, selbst das Ende setzt dem ganzen noch die Krone auf und ist wirklich hervorragend gewählt.

Die Rolle der Psychiaterin mag nur so dahin gespielt sein, aber die zwei anderen Hauptrollen spielen wirklich klasse: das Opfer mit seinen eiskalten Medusaaugen (okay, die Leute verwandeln sich nicht zu Stein, aber für einen Augenblick versteinern sie auf psychologischer Ebene) und der Kommissar, der auf recht schrullige Art ermittelt, als Franzose unter den Briten ohnehin nicht wirklich dazugehörend und dann noch diesen phantastischen Fall bearbeitend. Man könnte meinen die Verantwortlichen der „Columbo"-Reihe hatten einen ähnlichen Charakter im Sinn, als sie ihren Columbo schufen und hatten es dann in all den Filmen doch nicht drauf ihm derart Leben einzuhauchen, wie es hier mit der Kommissarenfigur innerhalb nur eines Streifens geschah.

Trotz der reißerischen Szenen zum Finale hin wirken die Spezialeffekte niemals aufgesetzt. Sie werden sehr wohlüberlegt eingesetzt und dienen an den richtigen Stellen positioniert nur dem Spannungsbogen. Neben anständiger, aber nicht unbedingt lobenswerter Musikuntermalung sorgt die Geräuschequelle im Krankenhauszimmer für zusätzlichen Spannungsaufbau. Ein solches Stilmittel kann meiner Meinung nach in Horrorfilmen immer wieder punkten.

Interessant ist an „Die Schrecken der Medusa“ (Alternativtitel) wie er letztendlich davon erzählt, dass aus einem anständig ideologisch denkenden Menschen ein Terrorist werden kann, der sich schließlich in seiner Art nicht mehr von jenen Menschen unterscheidet, die er bekämpfen wollte. "Falling Down", wenn auch aus einem anderen Filmbereich, lässt grüßen. Golds übernatürlicher Thriller nimmt auch nie eine Position ein inwiefern er den anfänglichen linken Gedanken des Opfers zustimmt oder eben nicht. Es soll kein politischer Film sein, und neben der vielen anderen inhaltlichen Ansätze (Leben nach dem Tod, die Schlechtigkeit der Gattung Mensch, die mögliche Existenz von Gott und Teufel) ist auch des Täters politische Grundhaltung zur Gesellschaft eine Einladung zur Diskussion und philosophischem Gesprächsstoff nach dem Film, für Menschen die den Filmeabend gerne damit beenden zu besprechen was sie gerade gesehen haben.

Nun ist „The Medusa Touch“ (Originaltitel) aber nicht in allen Punkten positiv ausgefallen. Da wäre zunächst das Überzeugen des Polizeipräsidenten zu nennen, das ein wenig sauer aufstößt. Im letzten Drittel durfte das Tempo nicht gedrosselt werden, deshalb ist die Rolle des obersten Bullen im Stall viel zu schnell von der Übernatürlichkeit des Falles überzeugt. Da der Streifen ansonsten psychologisch recht clever vorgeht, hielt ich dieses Verhalten zunächst für eine Falle, um die Geschichte in eine andere Richtung zu lenken, frei nach dem Motto: Der Kommissar spinnt, sperrt ihn ein! Aber nein, mit der Zeit muss man feststellen, dass der Vorgesetzte dem Hauptermittelnden ernsthaft glaubt, was an der Glaubwürdigkeit der Figur nagt.

Zweiter, wenn auch etwas schwächerer Kritikpunkt sind die Filmminuten etwa von der 45. bis zur 65. Minute hin. Hier bekam ich langsam das Gefühl, dass etwas mehr passieren müsste. Man denkt sich, wenn der Film nun nicht umschwenkt läuft er nachher noch trotz gutem Storyaufbau ins Leere. Dann schwenkt er endlich um. Es wäre schöner gewesen dies wäre etwas früher passiert, noch bevor man als Zuschauer glaubt der Film trete auf der Stelle.

Im Gegenzug sei allerdings auch einmal lobend erwähnt, dass „Der Schrecken der Medusa“ in Kleinigkeiten gegenüber dem heutigen Amerikakino und dem veramerikanisierten deutschen Kino trumpft. Wohl auch weil der Film europäischer Herkunft ist, bietet er so wundervolle unnötige Alltagsszenen, wie jene in der der Untergebene während der Fallbesprechung für den Kommissar kocht, während dieser ihm Kochanweisungen erteilt. Prinzipiell hätte der Fall im Drehbuch auch einfach so noch einmal besprochen werden können, auf ganz klassische Art. Stattdessen entschieden sich die Verantwortlichen eine schrullige Szene einzubauen. Mehr noch, die Szene wird als nicht alltägliche Möglichkeit des Standards aufgezeigt, zwar abstrus, skurril und unwahrscheinlich, aber in einer individuellen Welt durchaus möglich.

Die kleinsten Situationen im Massenkino von heute sind aalglatt gezeichnet, noch mehr als die typischen Charaktere heutzutage. Das Verhalten der Protagonisten wird immer an der Norm orientiert, damit gebrochen wird nur dann wenn jemand unnormal sein soll oder wenn das Individuelle wichtig für die weitere Handlung sind. Damit werden Geschichten gerne mal vorhersehbar, wohingegen das hier angewendete Erzählmodell die Eigenständigkeit eines Charakters hervorhebt, während es gleichzeitig den Zuschauer über den weiteren Verlauf im Dunkeln tappen lässt.

Von daher sei jedem Fan von Spannungskino „Der Schrecken der Medusa“ ans Herz gelegt. Mit all seinen Jahren auf dem Buckel guckt er sich keineswegs angestaubt, aber trotzdem fremd für Dauergäste im Blockbuster-Bereich. Das liegt aber an den anderen Schwerpunkten in der Erzählung und nicht, wie man vorschnell vermuten könnte, an einem veralteten Stil.  OFDb