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06.06.2020

TEXAS CHAINSAW MASSACRE 4 - DIE RÜCKKEHR (1994)

Der Versuch die Reihe mit "Leatherface - The Texas Chainsaw Massacre 3" wieder in die klassische Richtung des ersten Teils zu führen, scheiterte zwar seinerzeit, dennoch versucht man selbiges in gewisser Weise auch in der dritten Fortsetzung, die sich in manchen Sequenzen wie eine schlechte Neuverfilmung des Originalfilms von Tobe Hooper guckt. Dem stand damals Kim Henkel entscheidend zur Seite, der diesmal für das Buch und die Regie komplett allein zuständig ist. Und ganz ehrlich: etwas mehr zugetraut hätte ich ihm bei dem tollen Ergebnis von "Blutgericht in Texas" schon. Doch sein Debüt als Regisseur sollte auch sein letzter selbst inszenierter Streifen bleiben, und für die Reihe bedeutete es das Aus, bevor sie mit "Texas Chainsaw Massacre" erst im Jahr 2003 mit einer Neuverfilmung wieder reanimiert wurde. Erst im Jahr 2013 kam es zu einer vierten Fortsetzung der Original-Reihe, mit dem neutralen Namen "Texas Chainsaw", die meiner Meinung nach zu den besten Filmen der Reihe gehört. Henkels verkrampfter Versuch der Reihe frischen Kult zu bescheren, scheiterte jedoch völlig zu recht.

Da muss man nicht erst bei den entscheidenden Fehlern in der Hauptgeschichte ansetzen. Das Desaster beginnt bereits mit dem Einstieg ins Geschehen, der uns auf völlig sinnlose Weise eine Zusammenführung der Teenager präsentiert und ein ebenso unsinniges Verfangen in den Tiefen Texas, nach einer Fahrt, die sich wie ein kurzer Ausflug durch die Heimat angefühlt hat. Es ist nun wahrlich nicht schwer eine simple Vorgeschichte zu schreiben, die für geringe Horrorerwartungen funktioniert, dementsprechend braucht es nicht verwundern, dass "Texas Chainsaw Massacre - The Next Generation" (Alternativtitel) danach, wenn mehr Raffinesse gefragt ist, nicht viel besser wird. Konnte Teil 3 mit recht schlichter neuer Charakterzeichnung innerhalb der psychopathischen Kannibalenfamilie trumpfen, so ist man diesmal doch arg verkrampft um bizarre Personen bemüht. Ein ewig Zitierender nervt, anstatt zu reizen, und die attraktive, scheinbar normal tickende, Frau der Truppe darf als dominante und dennoch unterdrückte Bitch mit ihren Reizen spielen, interessant wird sie dadurch jedoch trotzdem nicht, auch nicht durch ihr loses Mundwerk. Der Anführer der Familie besitzt zwar ein per Fernbedienung mechanisches Bein, was einen gewissen Reiz gerade Richtung Finale versprüht, nervt aber mit endlosen Monologen in dem zu dominant bereit gestellten Raum, den man seiner Figur innerhalb der Geschichte gewährt.

Durch ihn verkommt Leatherface etwas zu extrem zur Randfigur, was ein wenig schade ist, da dieser diesmal, entsprechend seiner Leidenschaft sich mit den Gesichtern seiner weiblichen Opfer zu kleiden, extrem tuntig präsentiert wird, was dem Ganzen einen interessanten Ansatz hätte geben können. Anstatt aber damit eine andere Mystik der Figur entstehen zu lassen, wird aus dem stummen Killer bei seinen Kettensägen-Attacken jedoch eine hysterisch schreiende Diva, was jede Verfolgungsjagd zu einer unangenehmen Prozedur macht, anstatt, wie in den Vorgängern, zu den Highlights des Filmes. Wer glaubt, das sei der Bemühungen an schlecht geratenen Besonderheiten noch nicht genug, der wird sich um so mehr über die nicht gerade nur angedeutete Chose bezüglich Außerirdischer wundern, in deren Auftrag der Kopf der Familie zu handeln scheint. Einen wirklichen Einblick gewährt man uns da nicht, es wird lediglich in diese Richtung spekuliert, bevor man gegen Ende etwas Bizarres sichten darf, was diese Vermutungen bestätigen könnte. Seit dem Fremd-Kult, der in "Halloween 5" mit Michael Myers zu tun hat, sowie dessen Vertiefung in "Halloween 6" (der zugegebener Maßen erst ein Jahr nach dem hier besprochenen Film entstand), hat es nicht mehr eine derartige Fehlentscheidung um die Hintergründe der Aggressoren einer klassischen Horrorfilm-Reihen gegeben wie hier.

Ein zu künstlich nebeliger und beleuchteter Wald schließt sich optisch den inhaltlichen und darstellerischen Fehlern an, so dass man sich wundern darf, dass diese Hohlbrot-Version einer in Teil 1 und 3 funktionierenden Reihe trotzdem noch bei weit herunter geschraubten Erwartungen als halbwegs okay durchgehen kann, anstatt komplett zu scheitern. Vielleicht liegt es am Restreiz der immer wieder erzählten Geschichte, vielleicht auch am Wiederseh-Charakter eingetretener Pfade trotz ausgetauschter Mimen und Rollen. Zumindest bleibt Teil 4 trotz aller Fehler meiner Meinung nach noch ein guckbarer, wenn auch nicht gerade reizvoller, Genre-Beitrag im Gegensatz zu manch langweiligem No Name-Produkt, das sich an Hoopers Film orientiert. Mit Renée Zellweger und Matthew McConaughey sind zudem zwei Prominente mit an Bord, nur wenige Jahre bevor sie zu Stars wurden. Das sorgt für manch einen Cineasten sicher für einen zusätzlichen Sehwert, auch wenn das gar nicht positiv auffallende Spiel beider keine versteckten Qualitäten aufblitzen lässt. Letztendlich kann man sich diesen großteils vergeigten Teil der Reihe eigentlich locker sparen, zumal auf ihn in der spät nachgereichten Fortsetzung aus den 10er Jahren kein Bezug mehr genommen wird. Verständlich!  OFDb

22.11.2012

FALL 39 (2009)

Emily ist Mitarbeiterin der Fürsorge und bekommt den Auftrag bei der kleinen Lilith nach dem Rechten zu schauen. Sie gewinnt den Eindruck, dass ihre Eltern ihr ein Leid zufügen wollen, und sie soll recht behalten. Lilith kann kurz vor einem tödlichen Angriff gerettet werden. Emily selbst erkämpft sich das Sorgerecht des Mädchens, da Lilith in ihr bereits eine Vertrauensperson sieht. Als sich in Emilys Umgebung Todesfälle häufen, kommt in der Sozialarbeiterin der Verdacht auf, dass das kleine Mädchen etwas damit zu tun haben könnte. Emily entwickelt eine regelrechte Angst vor ihrem Adoptivkind...

Ausnahmen bestätigen die Regel...
 
Böse Kinder machen spätestens seit „Das Dorf der Verdammten“ die Leinwand unsicher, und immer wieder weiß das Thema zu wirken. Nachdem Dracula und Co dem Kinozuschauer nicht mehr das Gruseln lehren konnten, entschied man sich näher am Zuschauer zu arbeiten. Plötzlich wurde alles Vertraute böse, egal ob es das eigene zu Hause, der Lebenspartner oder eben das eigene Kind war. Erst kürzlich zeigten die Franzosen psychologisch recht interessant mit „The Children“, dass das Thema noch lange nicht seinen Reiz verloren hat, auch wenn gerade dieser Film im Unterhaltungsbereich leider nur Mittelmaß war.

Nun versuchen die Amerikaner mit „Fall 39“ in den Kinoreihen Angst zu verbreiten, und schaut man sich die Geschichte in ihren einzelnen Schritten einmal an, ist es schon schade, dass Lilith sich so früh als böse entpuppt. Arbeitet man anfangs mit der Täuschung böser Eltern und einem Mädel, das gerettet werden muss, wäre ein Verwirrspiel mit dem Zuschauer in der nächsten Phase wünschenswert gewesen, der für sich enträtseln muss, ob Fürsorgerin Emily sich in etwas Albernes hineinfrisst oder wirklich das Böse adoptiert hat.

Wie viel Potential in einer solchen Idee liegt, zeigte bereits der eher durchschnittliche B-Film „Pinocchio – Puppe des Todes“. Wie gut sich die Idee unter Regisseur Christian Alvart entwickelt hätte, dem Mann der kürzlich mit „Pandorum“ einen weiteren Horrorfilm ablieferte, lässt sich bei seiner beachtlichen Leistung von „Fall 39“ nur erahnen. Denn der Mann beweist wahrlich ein gutes Händchen die eigentlich gar nicht so neue Geschichte packend umzusetzen.

Droht die Geschichte kurzfristig in ein Effektinferno auszuarten, reißt der Mann früh genug das Ruder rum, und arbeitet wieder im Gruselsektor, so dass die Stimmung keinen Abbruch erfährt. Dass die Atmosphäre im Gesamtfilm so stimmig ist, ist jedoch nicht nur der Inszenierung zu verdanken, sondern auch den Verantwortlichen für die Besetzung der Renée Zellweger, die tatsächlich wie eine Sozialarbeiterin wirkt und nicht wie ein Hollywood-Püppchen.

Auch wenn recht früh die Bösartigkeit des Adoptivkindes klar wird, so wird der Film von dort an doch keineswegs langweilig. Ob es die Suspense-Momente, das Grusel-Flair, die Ermittlungen oder gar die Effekt-Szenen sind, „Fall 39“ ist solide Regie-Arbeit, nicht übermäßig gruselig, aber spannend genug um den Zuschauer zu packen und tief in die vorgespielten Geschehnisse einzutauchen.

Wie schon in „Amityville Horror“, so erreicht auch „Fall 39“ mit einer Insektenszene einen Höhepunkt. Im Falle von Alvarts Werk dürfte manch Zartbesaiteten gar anders werden, gehören Hornissen, die aus verschiedenen Körperöffnungen krabbeln, doch nun wirklich nicht zu alltäglichen Ereignissen. Dass ein Mainstream-Horror, der sich dem Gruselbereich verpflichtet sieht, insgesamt blutleer bleibt, dürfte nicht überraschen. Gore-Szenen hat „Fall 39“ ohnehin nicht nötig.

Die Auflösung, die an dieser Stelle nicht verraten werden soll, ist alles andere als neu. Die hat man im Horror-Genre schon häufig gesichtet. Sie ist auch früh klar, auch wenn der Protagonistin selbst erst recht spät ein Licht aufgeht. Dass man sich für den Verlauf der Geschichte so entschied, fand ich sehr schade. Eben um neue Akzente zu setzen, wäre es für die Geschichte wesentlich fruchtbarer gewesen, wenn Emily sich auf die Konfrontation mit Lilith über einen längeren Zeitraum hätte vorbereiten müssen, so wie es „Krabat“ musste, um den schwarzen Müller auszutricksen.

Daran erkennt man jedoch wieder das Amerika-Kino, dass selbst in einem Film, der sich mit seiner Geschichte bei flottem Tempo Zeit nimmt, das Finale eher psychologisch unglaubwürdig abwickelt. In anderen Bereichen beweist der Autor der Geschichte hingegen ein Gespür für psychologische Glaubwürdigkeit, und sei es nur intuitiv geschehen. Mit einer anderen Figurenzeichnung als die der Emily, wäre der sprunghafte, plötzliche Übergang von Liebe zu Misstrauen bezüglich Lilith unglaubwürdig gewesen.

Emily ist jedoch trotz Identifikationsfigur keine Sympathiefigur, was sich bereits an ihrer Opferbereitschaft der Persönlichkeitsrechte zeigt, um mehr Kinder retten zu können. Sie verflucht Gesetze, die der Familie Schutz schenken. Sie pocht auf das Schwarzweiß-Denken Gut und Böse, anstatt auf das intelligente der verschiedenen Graustufen und der damit einhergehenden Möglichkeiten des Gesetzes, Täter psychologisch zu betreuen. Emily glaubt über dem Gesetz zu stehen, und so biegt und dehnt sie es, wie sie es gerade benötigt. Dass der Film ausgerechnet von dem Ausnahmefall der Regel erzählt, welcher einer solch denkenden Person recht gibt, ist eben das wovon ein Horrorfilm zehrt.

Jodelle Ferland in der Rolle der Lilith weiß sowohl in den süßen, wie auch in den bösartigen Szenen zu gefallen. Genreerfahrungen sammelte sie bereits in „The Messengers“ von 2007 und in „BloodRayne 2“. Ohnehin ist die zum Zeitpunkt dieses Textes 15jährige bereits seit 1997 aktiv im Film- und TV-Geschäft tätig. So verwundert es nicht, dass ihr Spiel für ihr Alter so professionell wirkt. Und eine gute Synchronisation sei dank, weiß sie auch in der deutschen Fassung zu überzeugen.

„Fall 39“ bietet keine neue Geschichte. Aber das Drehbuch ist interessant genug geschrieben und Regisseur Christian Alvart hat den Spannungsbogen gut genug im Griff, für ein fröhliches Dranbleiben vor dem Bildschirm und Drinbleiben in Kinosaal und Geschichte. Eine gute Besetzung sorgt für den Rest, so dass sich ein Blick auf dieses Produkt durchaus lohnt, für Zartbesaitete mehr, da diesen ein Gruselerlebnis bevorsteht, für den Genre-Erfahrenen auf anderer Ebene. Der wird einfach die solide Umsetzung eines schon oft gesehenen Themas begrüßen.  OFDb