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08.01.2015

RALPH REICHTS (2012)

Der hart umkämpfte, Filme im Überschuss produzierende Bereich des computeranimierten Zeichentrickfilms hat nur selten innovatives zu bieten und grast meist bekanntes Terrain neu ab. Mit Abscheu blicke ich dabei meist auf Werke, die sich mit Achterbahn-artigen Actionszenen bei dem schwer konzentrieren könnendem und nach wenig Qualität lechzendem jüngstem Publikum anbiedern. Interessanter Weise ist „Ralph reichts“ eine solche Szene ausgedehnt auf Spielfilm-Format, und ich mag ihn dafür.

Nur selten kommt die Geschichte zur Ruhe, immer wieder wird der Turbogang eingelegt, und so kommt es immer wieder zu actionreichen Situationen, die ich mir in Konkurrenzproduktionen sofort hinfort wünschen würde. Vielleicht mag ich „Ralph reichts“ einfach für seine Konsequenz diesbezüglich, zumal er humoristische Momente, Hintergrundspielereien und sympathische Charaktere bei all seiner Rasanz nicht vernachlässigt. Zudem ist das komplette Rezept in eine Geschichte integriert, welche das jüngste Publikum, das sich eigentlich die Finger nach solch hohemTempo lecken würde, überfordert und damit ausgrenzt.

Den Überblick zwischen Fiktion und Realität fordernd erinnert „Wreck-It Ralph“ damit stark an eine weitere Disney-Solo-Produktion ohne Pixar. Er erinnert an „Bolt“, der sich ebenfalls an einem jugendlichen bis erwachsenen Publikum orientierte. Inhaltlich gibt es sogar den Bösewicht betreffend eine kleine Parallele zum cineastischen Zeichentrick-Meilenstein „Falsches Spiel mit Roger Rabbit“, während ansonsten die Gesetze des modernen computeranimierten Trickfilms eingehalten werden. Dank seiner flotten, kurzweiligen und sympathischen Umsetzung entsteht daraus für den Zuschauer jedoch keinesfalls ein Gefühl von Langeweile aufgrund immer wieder erkennbarer alter Muster.

Das liegt mitunter daran dass die Moral nicht bis zum Nervpegel zentimeterdick aufs Brot geschmiert wurde und tatsächlich der reine Unterhaltungswert im Zentrum steht. Da kann man den Köpfen hinter dem Projekt ruhig ein großes Lob für aussprechen, zumal man sich auch auf ewige Verweise der Computerspielszene etlicher Jahrzehnte hätte ausruhen können. Klar lebt „Ralph reichts“ viel von diesen Verweisen, aber ein Nichtkenner der Materie wie ich, den Computerspiele nach dem C64 kaum noch interessiert haben, hat fast ebenso viel Freude an den Abenteuern von Randale-Ralph und Co wie Gamer mit jahrelanger Erfahrung, und das spricht doch sehr deutlich für den Film.

Ich will gar nicht wissen was ich da alles nicht kapiert habe, während ich mich auf Verweise der Ur-Games der 80er Jahre um so mehr gefreut habe. Mit links gelingt es den Schöpfern alte Welten mit neuen zu verbinden, ohne dabei anbiedernd zu wirken oder der Geschichte einen zu gewollten Touch zu bescheren. „Ralph reichts“ schaut sich als erzähle er sich wie von selbst. Nichts wirkt unnötig eingebracht, alles wirkt wie ein erzählerischer Mehrwert. Lediglich das Product Placement hätte man ruhig streichen können. Nesquick hätte einfach Kakao sein können, Mentos lediglich Pfefferminzbonbons. Aber was soll man diesbezüglich schon von einer Großproduktion eines Megakonzerns erwarten? Zumindest baut diese Disney-Produktion bei verwandter Thematik nicht ständig zum Selbstverweis auf „Tron“ auf, der ebenfalls aus den Disneystudios stammt. Das hätte ich denen auch noch zugetraut.

„Ralph reichts“ ist trotz der Verwandtschaft zu dieser cineastischen Berühmtheit ein eigenständiges Werk geworden, das es schafft Tempo und Charme unter einen Hut zu zaubern und sich dabei wohlig von den Massenprodukten seines Genres zu distanzieren, obwohl es streng genommen vom roten Faden her eine klassische Trickfilm-Geschichte wie jede andere erzählt. Auf das Rezept kommt es an, und das weiß im hier besprochenen Streifen bestens zu funktionieren, vielleicht auch weil Regisseur Rich Moore bereits Erfahrungen in den nicht weniger temopreichen Zeichentrickserien „Futurama“ und „Die Simpsons“ sammeln durfte. Zudem kommen dem Film hilfreich seine deutschen Sprecher zugute, die auch die Synchronfassung von „Ralph reichts“ zu einem besonderen Filmerlebnis machen. Ganz besonders Christian Ulmen sticht mit seiner ungewöhnlichen Stimme hervor und bekam zum Glück den Part der Hauptrolle Ralph beschert.  OFDb

26.05.2013

MARIA, IHM SCHMECKT'S NICHT! (2009)

Jan macht seiner großen Liebe Sara einen Heiratsantrag, ohne zu ahnen, dass alles mit einer turbulenten italienischen Hochzeit samt Großfamilie ausarten wird, was er seinem Schwiegervater Antonio zu verdanken hat, der mit der Wahl seiner Tochter nicht wirklich einverstanden ist...
 
Neele, es guckt sich! ...
 
Über Deutsche und Italiener gibt es unzählige Klischees, und diese häufen sich im Film „Maria, ihm schmeckt‘s nicht!“ extrem, bedient man sich doch pausenlos an ihnen, ja sind sie in gewisser Weise doch gar der Kern des Ganzen. Und doch fühlt es sich nicht wirklich wie Klischee an. Woran mag das liegen? Daran dass sie nur Ausgangslage sind, um gegen Ende ein Plädoyer für mehr Toleranz und Individualität zu sein? Oder daran, dass es eine gleichnamige Buchvorlage gab, was einem solchen Film meist gut tut, als lediglich auf einem Drehbuch zu basieren?

Ich weiß es nicht. Vielleicht gehe ich auch nur so gnädig mit dem Klischeemeer um, weil mir der Film gefallen hat und ich diesbezüglich nicht sachlich reagiere, was ja auch durchaus legitim wäre, wenn ein Film es schafft einen derart einzulullen. Wie auch immer, Auslöser diese Komödie von Neele Vollmar zu sichten, für welche „Maria, ihm schmeckt‘s nicht“ der vierte und bislang letzte Langfilm war bei dem sie Regie führte, war für mich die große Rolle von Christian Ulmen im Zentrum, einen Mann den ich immer wieder gerne sehe, mehr sogar noch gerne höre, denn die Art wie er redet bereicherte bisher jedes Projekt das ich von ihm sichten durfte. Die etwas leere „Dr. Psycho“-Serie lebte einzig durch ihn, „Jerry Cotton“ bereicherte er ganz individuell, auch wenn er dort nicht einziger Pluspunkt war, und dass ihm auch etwas ernstere Rollen liegen weiß jeder der den Kino-Hit „Herr Lehmann“ gesehen hat.

„Maria, ihm schmeckt‘s nicht!“ ist interessanter Weise keine romantische Komödie geworden, steht die Verlobte Jans doch gar nicht so sehr im Mittelpunkt wie ihr Vater Antonio, was spätestens dann deutlich wird, wenn erstmals seine Vergangenheit beleuchtet wird. Das tut man in einer derartigen Geschichte keinesfalls als Lückenfüller. Sie wird wichtig für das Gesamte des Films. Das hätte nicht zwingend sein müssen, soll die Buchvorlage doch wohl eine Ansammlung an Kurzgeschichten sein, die man für den Film zu einem Ganzen zusammenführte, da hätte eine solche Szene auch inmitten des Filmes verloren wirken können.

Aber wer auch immer am Drehbuch herumgezimmert hat, er hat seine Arbeit gut getan, so dass sich „Maria, ihm schmeckt‘s nicht!“ auch wirklich als komplette Geschichte mit rotem Faden guckt. Da kann man ruhig ein Lob aussprechen. Kritisch ist man zunächst dennoch, denn der Film ist als Rückblick erzählt, und ein Rückblick im Rückblick ist eigentlich eine recht stillose Angelegenheit, ähnlich der eben erwähnten Anhäufung der Klischees. Aber es wirkt. Nicht dass diese Komödie um zwei unterschiedliche Kulturen nun ein großes Erlebnis wäre, der Film plätschert eher angenehm vor sich hin, aber er scheitert zumindest nicht bei solch unterhaltungsgefährdendem Konzept.

Neben Ulmen und der großen Bereicherung Lino Banfi als Schwiegervater mit an Bord zu haben, tut es dem Film sichtlich gut eine Co-Produktion von Deutschland und Italien zu sein, damit schaut sich der Film nicht zu einseitig, auch wenn die Identifikationsfigur ein Deutscher ist. Außerdem finde ich es an einem Film wie diesem immer wieder gut, dass Menschen anderer Kulturen untereinander in ihrer Muttersprache sprechen. Dementsprechend sind viele Momente des Streifens untertitelt, was sich auf der von mir gesichteten DVD auch ordentlich mitlesen lässt. Da „Maria, ihm schmeckt‘s nicht!“ im Kino lief, wird es aber wohl der Untertitel der Kinoversion sein und keine eigene DVD-Ausfertigung. Auf jeden Fall schaut sich Zweisprachigkeit in einer solchen Geschichte etwas realitätsnäher, was einem Film, der bereits im Titel in Klischees suhlt, sichtlich gut tut.

Was inhaltlich sehr geglückt ist, und da gehe ich mal davon aus dass wir dies der Buchvorlage zu verdanken haben, ist der Wechsel der Perspektive von Jans Sicht auf Antonios, dessen Vergangenheit mit jedem weiteren Rückblick näher beleuchtet wird, so dass wir ihn mit seinen Schwächen und Fehlern nicht nur besser kennen lernen, sondern auch verstehen. Parallelen zwischen den beiden Hauptfiguren, die zunächst nicht zu existieren scheinen, verdeutlichen sich immer mehr, auch wenn die Grundlage völlig verschiedenen Zeiten und Situationen entspringt. Der Übergang gelebte Ärgernisse zu beseitigen und Verständnis für das Tun Saras zu entwickeln, kommen gegen Ende leider aber doch etwas zu abrupt, das ist der einzige Wermutstropfen in diesem Themenbereich.

Schön hingegen ist der Kniff den Film mit einer Hochzeit enden zu lassen, jedoch völlig anders als gedacht. Da wird wohl jeder Zuschauer überrascht sein, auch wenn man hinterher denkt, dass man es hätte voraus ahnen können. Hinterher ist man halt immer schlauer. So oder so, mit „Maria, ihm schmeckt‘s nicht!“ wird man 90 Minuten auf schlichte Art, aber mit einem Hauch Tiefe versehen, nett unterhalten, selbst dann wenn das urige Thema um Kultur-Klinsch einem schon zu den Ohren heraus kommt. Trotz versöhnlicher Botschaft ist das Werk zumindest nicht aufdringlich korrekt ausgefallen. Es ist umgekehrt jedoch auch kein böswilliges Werk. Es ist einfach ein ehrlicher Film, der gerne mal übertreibt, aber doch immer auf dem Boden der Tatsachen bleibt.  OFDb

06.09.2012

JERRY COTTON (2010)

Jerry Cotton ist der gewiefteste FBI-Agent, den Amerika zu bieten hat. Doch ausgerechnet er wird Tatverdächtiger eines Mordes. Von den eigenen Leuten gejagt, kann nur sein neuer Partner Decker, von dem Cotton herzlich wenig hält, dem in Verruf gekommenen Gesetzeshüter dabei helfen die Wahrheit herauszufinden...

Vertrauen in die eigene Stärke...
 
Denkt man an Jerry Cotton, denkt man entweder an die Endlos-Groschenheftreihe mit trivialen Kriminalfällen oder an die Filmreihe aus den 60er Jahren, die auf etwas biederer Ebene alternativ neben der Wallace-Werke die deutschen Lichtspielhäuser heimsuchte. Ursprünglich war die Romanreihe humoristisch orientiert. Sie sollte eine Parodie auf gängige Agentengeschichten sein, die den üblichen Klischees folgten. Und daran hat man wohl gedacht, als man Tramitz in der Titelrolle besetzte und eine Neuverfilmung als  Action-Komödie auf den Markt schmiss.

Bei Christian Tramitz denken viele noch voreilig an die unlustigen Bully-Filme. Auch mir ging es so, bis mir „Neues vom Wixxer“ die Augen öffnete und mir zeigte, wie viel Potential in diesem Komikertalent steckt. Und „Jerry Cotton“ beweist es auf ein neues, beherrscht Tramitz doch perfekt die parodierende Mimik, Gestik und den Tonfall der lässigen Art eines Agenten, der nie seinen kühlen Kopf verliert, komme was wolle. Allerdings erinnert sein Jerry Cotton, bzw. jener der Drehbuchautoren viel mehr an James Bond als an einen FBI-Agenten. Macht aber ohnehin nichts, denn die Rolle seines Partners Phil Decker hat auch gar nichts mehr mit dem Blondling aus der Romanreihe zu tun.

Trotz Tramitz‘ großartiger Leistung muss man erwähnen, dass er nicht das Glanzlicht des Streifens ist. Gerade die Besetzung des Phil Decker ist Haupttrumpf. Er wird gespielt von TV-Komiker Christian Ulmen. Es war meine erste Sichtung dieses scheinbar sehr talentierten Menschen, ich kann aber eben weil ich sonst nichts von ihm kenne auch keinen Vergleich zu seinem bisherigen Tun ziehen. Das wäre eigentlich aber ohnehin nebensächlich, denn Ulmen bei seinem Dauergeschwätz zuzuhören, während dem aufmerksamen Betrachter bewusst wird, wie exakt Ulmen das Humorverständnis seiner Rolle beherrscht, ist Leistung genug. Erfreulich dass sich diesem Rezept auch noch Körper-orientierte Komik hinzu gesellt.

Nicht unerwähnt bleiben sollte auch die Leistung von Christiane Paul, deren Rolle kaum übertriebener in Szene gesetzt werden könnte, was sich nicht nur im Überagieren Pauls zeigt, sondern auch in der Arbeit von Regie, Kamera, Licht und Co. Schön, dass es immer wieder Ausnahmen gibt, die zeigen, dass ein übertriebenes Spiel auch positiver Natur sein kann, gerade wenn es um Comic-artige Situationen und Charaktere geht.

Was an den Beispielen der drei von mir hervorgehobenen Darsteller so erstaunt, ist die Zurückhaltung der Komik in diesem Film im allgemeinen. Anhand dieser drei Rollen könnte man meinen ein Gag-Feuerwerk a la „Die nackte Kanone“ zu sichten, aber das ist gar nicht der Fall. „Jerry Cotton“ stürzt sich nicht auf jeden Gag, steuert nicht einmal ständig auf gute Grundlagen möglicher Witzigkeiten zu, weiß aber mit der richtigen Gewichtung aus humoristischem Inhalt zu überzeugen. Da gibt es den trockenen Humor ebenso wie den albernen (gerne auch mal gemischt), da gibt es den massenkompatiblem Humor ebenso wie den versteckten, und wie es sich für eine gelungene Komödie gehört haben sich auch ein paar Running Gags eingeschlichen. Manchmal pausiert der vordergründige, offensichtliche Witz auch und gibt der Inszenierung Raum für Parodie oder einfach „nur“ für Inhalt, Dramaturgie und Action.

„Jerry Cotton“ gibt sich äußerst modern. Er ist sehr flott geschnitten, dem Auge wird nie langweilig, Spielereien mit Kameraperspektiven gibt es ebenso wie mit eingeblendeter Schrift, Farben oder Schnitten. Neu ist das alles nicht, aber übersättigt ist man in diesem Bereich auch noch nicht. Der Film der Regisseure Boss und Stennert gönnt dem Zuschauer keine Atempause, ebenso wie seinem Helden. Dadurch bleibt kaum Raum Charaktere zu vertiefen, interessanter Weise werden sie einem nebenbei jedoch nah genug gebracht, um mit ihnen zu sympathisieren.

Dass die Herangehensweise nicht wirklich lobenswert zu nennen ist, und nur das richtige Händchen für Timing die Chose zu retten weiß (mit dem Konzept hätte man einen solchen Film schließlich auch locker an die Wand fahren können), ist nicht wirklich wichtig, eben weil das Ergebnis so erfreulich ausgefallen ist. Einziges Manko am Drehbuch, über das ich nicht hinwegsehen kann, ist die spärliche Auswahl an verdächtigen Personen, die als Puppenspieler, Cottons Gegenspieler, in Frage kommen. Eigentlich ist das Wort Auswahl schon falsch gewählt, denn in Frage kommt ohnehin nur eine Person.

Andererseits lässt der Film ohnehin keine Zeit zum wirklichen Rätsel raten. Wie sollte man bei all dem Tempo und dem konzentrierten Warten auf den nächsten gelungenen Witz noch Zeit finden zwischen diversen Tätern den richtigen zu finden? Schon die Figur Cotton hat nur wenig Zeit für Überlegungen, die in diese Richtung gehen. Der mehr überblickende Zuschauer wird dementsprechend überhaupt nicht mehr gefordert. Etwas schade ist das schon, aber zumindest kein Beinbruch.

Eine kurzweilige Umsetzung, gut aufgelegte Schauspieler, pointensicherer Humor und eine interessante Optik führen „Jerry Cotton“ zu einem empfehlenswerten Ergebnis. Über eine oder mehrere Fortsetzungen würde ich mich sehr freuen. „Jerry Cotton“ ist eine angenehme Alternative zur „Wixxer“-Reihe, die mir ebenfalls gefällt. Deswegen finde ich es auch so schön, dass beide Projekte auf so unterschiedliche Humorschwerpunkte setzen.  OFDb

20.08.2012

HERR LEHMANN (2003)

Herr Lehmann lebt in West-Berlin. Kurz vor dem Mauerfall lernt der Bierausschenker eine Köchin kennen, in die er sich verliebt. Doch auch als er mit ihr zusammenkommt bleibt das Leben wie gehabt alltäglich...

Du, Herr Lehmann...! ...
 
Es gibt Filme, die machen zunächst den Eindruck nichts zu erzählen, um es schließlich doch noch zu tun, sprich der Inhalt benötigt einige Zeit um sich herauszukristallisieren. Zu diesen Filmen zählt „Herr Lehmann“ überraschender Weise nicht, denn streng genommen hat er bis zum Schluss hin keine eigentliche Geschichte erzählt. Toll dass er trotzdem, oder vielleicht auch gerade deswegen, so gut funktioniert. Denn Regisseur Leander Haußmann lässt die 80er Jahre so lebensecht wieder auferstehen und präsentiert uns mit Herrn Lehmann eine solch authentische Figur, dass man geradezu gebannt dabei zuguckt, wie Lehmann sein Leben lebt. Generation „Big Brother“? Möglich, würde aber bedeuten, dass solch primitive Sendungen dazu beigetragen hätten uns auch für Kleinigkeiten zu sensibilisieren. Ich selbst glaube nicht an diese mir voreilig scheinende These, schließlich gab es in Deutschland schon immer Filme wie diesen, siehe z.B. „Gefundenes Fressen“.

Dass „Herr Lehmann“ so gut funktioniert, und das tut er erst nach einiger Zeit der Gewöhnung, liegt in erster Linie an Hauptdarsteller Christian Ulmen, der es schafft die titelgebende Figur so zu verkörpern, dass man sich danach niemand anders mehr in der Rolle vorstellen möchte. Ich persönlich habe Ulmen für mich erst kürzlich in „Jerry Cotton" entdeckt, wo er eine solch lustige Darstellung ablieferte, dass ich mir seinen Namen unbedingt merken musste. Nun nach Sichten des hier besprochenen Filmes, ist es toll zu wissen, dass er auch in ernsteren Rollen zu wirken weiß, auch wenn hier wie dort viel Einfluss von seiner persönlichen Betonung beim Sprechen ausgeht.

Trotz dieser Leistung und seiner starken, wenn auch gern zurückhaltend gespielten, Präsenz im Film, schafft es wer zweites an seiner Seite zu überzeugen, und das ist diesmal Detlev Buck, der als Lehmanns bester Freund Karl eine beachtliche Leistung abliefert, eine, die ich ihm offen gesagt nicht zugetraut hätte. Hut ab!
 
Der Roman des Sängers und Texters der Band „Element Of Crime“ galt als schwer verfilmbar. Ich habe ihn nicht gelesen, gehe aber davon aus, dass dies viel mit inneren Monologen zu tun haben müsste und dass im eigentlichen Sinne, wie erwähnt keine Geschichte erzählt wird. In wie weit nun Buch und Film übereinstimmen mögen, man sollte der Verfilmung eine Chance geben, auch wenn sie das Gefühlsleben des Protagonisten sicherlich nicht so füllig wiedergeben kann, wie ein Buch, zumal es mit besagtem Autor auch von jemandem verfasst wurde, der bereits im Musikbereich mit seiner gefühlvollen und doch harten lebensnahen Poesie zu verzaubern weiß.

Regisseur Haußmann drehte einige Jahre zuvor „Sonnenallee“, der mit seiner DDR-Thematik durch den Erfolg von „Good Bye Lenin“ etwas unterging, im direkten Vergleich aber auch der schlechtere Film war, wahrscheinlich da der Dramenbereich in „Sonnenallee“ nur recht kurz anklingt. Nach „Herr Lehmann“ folgte die Komödie „NVA“, die den Dramenbereich diesmal ganz zu Hause ließ, was man mit Hinblick auf die beiden anderen gelungeneren Streifen als Fehlentscheidung betrachten kann. Der umgekehrte Weg wäre eher denkbar: Haußmann hat ein Händchen für Dramatik, vielleicht sollte er versuchsweise einmal die Komödie links liegen lassen. Andererseits: wofür? Gerade der Bereich der Tragikomik sorgt doch immer wieder für bewegendes Kino in deutschen Landen. Ich mag diesen Genre-Mix.

Wer gerne einmal in das alltägliche Gefühlsleben eines Jedermanns hineinschauen möchte und ihn authentisch in seinem Alltag begleiten will, der sollte reinschalten. Hier gibt es keine bewegende Liebesgeschichte, oder sonderlich aufwühlende Erlebnisse. Hiervon könnte man maximal nur gegen Ende sprechen, wenn es um den Zustand von Lehmanns Freund Karl geht. Aber selbst dieses sehr packende Kapitel ist näher am Alltag angesiedelt als am Kino. „Herr Lehmann“ bestätigt letztendlich die Vermutung, dass es wohl interessant wäre, die Biographie eines jeden Menschen, mit der Vielzahl seiner Gedanken, und mögen sie noch so simpel sein, anzuschauen. Schade dass die meisten Leute ihre Geschichten mit ins Grab nehmen und wir auch nicht genug Zeit hätten, sie uns alle anzuhören bzw. anzuschauen.  OFDb