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19.07.2015

CACHÉ (2005)

Mit den wenigen Werken, die ich bislang von Michael Haneke gesehen habe, tat ich mich schwer, kamen sie mir in ihrer intelektuellen Art doch immer irgendwie zu gewollt vor. „Wolfzeit“ war mir zu ereignislos für einen Film der so gar nichts von den Hintergründen dessen was die Zivilisation in den Abgrund riss berichtete. Und „Funny Games“, den ich vielleicht aber auch in viel zu jungen Jahren sah um heute über ihn fair berichten zu können, war mir in seiner Echtzeit eine Spur zu steril ausgefallen. Beide Werke hatten ihre Stärken, ihre Momente, meist atmosphärischer Art, aber sie wirkten mir zu bemüht auf Kunst getrimmt, um sie wirklich ernst nehmen zu können.

Theoretisch müsste man selbiges über „Caché“ sagen können, ist doch auch er sehr intellektuell und eher steril gefilmt ausgefallen, aber er weiß mir zu gefallen. Die Geschichte reißt einen in seinen Bann, und durch das nüchterne Abfilmen in nur leicht bewegten Bildern, leicht bewegt um sich von den Amateuraufnahmen des Anonymen zu unterscheiden, in nur leichter Verfremdung durch einen Farbfilter aus selbigen Grund, wirkt alles sehr echt und natürlich, und mit dieser Realitätsnähe im simplen Abfilmen ohne spannungsfördernde Musikuntermalung steht das Drama wesentlich mehr im Fokus als der Thrill-Gehalt. Und doch entfacht Haneke eine ganz eigene Art Spannungsbogen, einen nüchternen aber doch intensiven, einen theoretischen ab doch spürbaren, wenn sich die Schlinge der Hauptfigur immer enger um seinen Hals zusammenzieht.

Gewollt wirkt diesmal ironischer Weise nicht der sterile, intelektuelle Touch, sondern die einzig explizite Szene, die den Zuschauer vor den Kopf stoßen soll. Nötig war das meiner Meinung nach nicht. In der Art wie dargestellt wirkte das auf mich einfach nicht glaubwürdig, auch wenn besagte Szene nicht ohne Wirkung für den weiteren Verlauf der Geschichte bleibt, eine Geschichte über Lügen, das Vergessen, der Schuldzuweisung und der Reflexion.

Was die Ermittlungen Georges zutage fördern, sind die Taten eines gedankenlosen Kindes, so dass sich keine ernsthafte Schuldfrage aufdrängt. Haneke geht es um die Reaktion im Jetzt. Wie gehe ich mit dem Ergebnis dessen um, auf das ich als Kind einen Einfluss hatte. Die Angst Risse ins Bild des heutigen Ist-Zustandes zu bekommen, kann größer sein als die Ethik. Ein Vorwurf, egal wie still vorgebracht, kann zu einer Trotzhaltung führen, die ein Auseinandersetzen mit dem Vergangenen komplett verhindert. Das ist ein interessanter Fakt wenn man das unmoralische Verhalten Georges lediglich ihm selbst ankreiden möchte.

Es ist interessant zu sehen, dass George mit seinen Alleingängen und seinen Geheimnissen einen Keil in die Familie treibt, der wesentlich größer ist als das was die Videobänder hätten anrichten können. Und da dies sicherlich ein grundsätzliches Verhalten Georges ist, braucht einen das Schlussbild, welches dem aufmerksamen Zuschauer einen Hinweis auf die Auflösung gibt, nicht überraschen. Wem die Konsequenz irgendeiner Figur im Film fehlt, dem sei eine Bemerkung aus dem Interview zu „Caché“ von Haneke ans Herz gelegt: Das Leben steckt voller Widersprüche.

Haneke macht das auf psychologisch nachvollziehbare Art sehr deutlich. Die Realität ist nie so klar wie die Geschichten üblicher Filme. Haneke lässt uns nie in die Köpfe seiner Protagonisten hineingucken, und damit sind wir nicht schlauer als wenn selbige Ereignisse in der Realität stattfinden würden. Ob jemand das was er sagt wirklich glaubt, ob dies der Wahrheit entspricht und ob jemand seine wahren Gefühle verheimlicht bekommen wir nicht mit. Lediglich einem kleinen Zusammenbruch Georges dürfen wir kurz beiwohnen. Still für sich allein und unbeobachtet weint er. Mehr gesteht uns Haneke nicht zu. Menschen sind so widersprüchlich wie das Leben. Da kann sich keine klare Konsequenz abzeichnen die uns eine Orientierung und mit ihr einen Halt gibt, um zu verstehen warum passiert was im Film passiert.  OFDb

09.08.2012

WOLFZEIT (2003)

In der nahen Zukunft irgendwo in Frankreich: durch ein Unglück ist die Zivilisation wie wir sie kennen unter gegangenen. Menschen schließen sich in ihren Häusern ein, darauf wartend dass der Lebensmittelengpass sein Ende findet, andere ziehen durchs Land in der Hoffnung, dass es woanders rosiger aussieht. Mit ihren zwei Kindern auf sich allein gestellt, bleibt auch der Mutter Anna nichts anderes übrig. An einem Bahnhof wartet sie mit anderen Überlebenden auf einen Zug, obwohl seit über einer Woche keiner mehr kam. Verkrampft versucht man vor Ort eine Sozialstruktur aufrecht zu erhalten...

Das endlose Warten...
 
In diesem Endzeitfilm ist das Warum und Was des großen Unglücks völlig egal. Der Grund wird nicht genannt, das Volk nicht informiert, und wichtig ist es ohnehin nicht, gibt es doch viele Möglichkeiten, dass es einmal so kommt wie im Film beschrieben. Einzig die Information das Wasser sei verseucht gibt man uns mit.

Regisseur Michael Haneke („Funny Games“) unternimmt während seiner Erzählung alles um anspruchsvolles Kino abzuliefern und bloß nie den entferntesten Erwartungen des Mainstream-Kinos entgegen zu kommen. Er präsentiert ruhige Bilder mit teilweise langen Aufnahmen, verzichtet auf Musik, versucht ein breites Spektrum an Betroffenen und ihr Schicksal einzufangen, vertieft dabei jedoch keinen Charakter. Dabei wird niemand bevorzugt, nicht einmal die Hauptrolle der Anne, die uns ebenso fremd bleibt wie der Rest der Überlebenden.

Der auf Science Fiction-Wegen wandelnde Film soll ein nüchterner Bericht darüber sein, was sein könnte und verstrickt sich deshalb nicht in Kitsch oder irgend einer Form von Manipulation. Einzig zum Spannungsaufbau ist Haneke szenenweise bereit, und selbst Situationen, welche diese fördern, sind weit vom massentauglichen Geschmack entfernt. Dabei stechen in erster Linie zwei Szenen als besonders geglückt hervor: der Tod des Ehemannes von Anne, als eine Art Schockszene inszeniert, in welcher die tatsächliche Tat ausgeblendet wird, was sie doppelt so wirksam macht, und eine Suche nach dem verschollenen Sohn, in welcher bei vollkommener Dunkelheit nur angezündetes Stroh als Lichtquelle dient, was den Zuschauer wie gebannt vor seinen Fernseher fesselt.

Als weitere solcher Szenen ist sicherlich auch das Wiedersehen der Gattenmörder am Bahnhof gedacht. Aber zu diesem Zeitpunkt ist der Film schon so weit fortgeschritten und der Zuschauer schon derart ernüchtert, dass auch eine solche Provokation nicht mehr zu wirken weiß. Denn bei all der Mühe Kunstkino zu schaffen, hat Haneke dann doch eine Spur übertrieben und schafft es nach einem guten Start nicht mehr den Zuschauer zu packen.

Dem geht irgendwann das Interesse flöten, wenn so wirklich gar keine Situation weitergeführt und so gar kein Charakter vertieft wird. Oh weh - man könne ja entfernt das Unterhaltungskino streifen. Sicherlich wäre diese Art der Inszenierung lobenswert, wenn sie einem irgendetwas nahe bringen würde, was man erst durch „Wolfzeit“ erlebt. Aber die Informationen und Erfahrungen, die man in Hanekes Film miterlebt, unterscheiden sich nicht von den besseren Zombiefilmen, die selbiges ironischer Weise im Unterhaltungskino einzubauen wussten.
 
Jeder ernst gemeinte Endzeitfilm beachtet die selben Themen die Haneke am Herzen liegen. Neue Erkenntnisse gibt es keine. Und wenn Haneke am Ende dann doch der Versuchung nicht mehr widerstehen kann ins Reißerische abzurutschen, bekommt das Ganze aufgrund seiner Unglaubwürdigkeit auch noch einen lächerlichen Beigeschmack. Immerhin weiß besagte Szene optisch zu reizen und schmückt dementsprechend auch das Filmplakat.

Etwas nüchtern betrachtet bleibt dennoch ein Restinteresse zurück, so dass man trotz aller Mankos nicht geneigt ist frühzeitig abzuschalten. So richtig langweilig wird das Gezeigte nie. Dafür ist die Vorstellung der ganzen Sache viel zu erschreckend und der Gedanke wie schnell so etwas passieren kann geradezu unheimlich. Dennoch darf man als Zuschauer zu recht enttäuscht sein, wenn ein Film sich derart anspruchsvoll gibt, um es dann doch nicht zu sein. Haneke will gerne etwas Tiefsinniges abliefern, beschenkt sein Publikum aber nur mit oberflächlichem Bekanntem, das aber immerhin teilweise durch die unterhaltungsfeindliche Darbietung eher zur Identifizierung mit einem selbst führt, als es Popkornkino kann. Gut wäre der Film erst, wenn er dies auf die komplette Laufzeit schaffen würde.  OFDb