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09.08.2024

DARF ICH SIE ZUR MUTTER MACHEN? (1969)

Da er als Alleinerziehender und durch seine ungewöhnliche Art das Jugendamt auf sich aufmerksam macht, muss Student Ulrich binnen sechs Wochen eine Frau finden, die ihn heiratet, damit er seinen Sohn nicht ans Heim verliert...

Königsberger Klopse...

Der erste Spielfilm Hallervordens ist zudem der Beginn einer längeren gemeinsamen cineastischen Reise mit Ralf Gregan, mit dem er u.a. auch "Eine Nervensäge gegen alle", "Mein Gott, Willie" und "Alles im Eimer" drehte. Obwohl es von der Charakterzeichnung her gepasst hätte, steht ihm nicht, im Gegensatz zu den beiden letztgenannten Filmen, Synchronlegende Rainer Brandt zur Seite, wäre die Rolle des besten Freundes, der Ulrich mit schlechten Tipps und Tricks nur noch mehr in die Misere reißt, doch geradezu typisch für ihn in dieser Konstellation gewesen. Zur Unterstützung der Authentizität inmitten einer Komödie, die auch auf Klamauk und surreale Momente nicht verzichtet, steht Dieter Hallervorden sein eigener Sohn als das Kind des Studenten beiseite. Die Harmonie zwischen beiden stimmt, sie wirkt nicht sozialromantisch aufgesetzt wie das Erwachsene/Kind-Gespann später in "Der Experte". Und da die Geschichte trotz der Problematik mit dem Jugendamt eher locker und unverkrampft, manchmal sogar provokativ, daher kommt, schwingt der dramatische und moralische Aspekt, der in einem Rühmann-Film wie "Der Lügner" auch in einer Komödie dominanter im Raum stünde, hier stattdessen als Störelement mit, welches der freien Entfaltung des Individuums Ulrich und der Partnerschaft mit seinem Sohn im Weg steht. 

Und dies passt zur grundsätzlichen liberalen Haltung des Schauspielers, so dass die hier gelebte Alltäglichkeit, mittlerweile leider antiquiert wirkt. Damals modern, heute aufgrund von Fehlentwicklungen in der Gesellschaft eher verpönt, oder zumindest kritisch betrachtet (auch bezüglich der Kindernacktheit), ist "Mehrmals täglich" (Alternativtitel) ein Plädoyer für Eigenständigkeit, Selbstverantwortung und Individualität, sowie, ähnlich wie "Pippi Langstrumpf", ein Lehrstück gegen das zu extreme Eingreifen staatlicher Institutionen, und dies ohne die Verwahrlosung von Kindern zu blauäugig zu sehen oder den Freiheitsaspekt auf anarchische Art zu übertreiben. Ulrich ist tatsächlich nur ein Opfer blöder Umstände und übler Vorurteile. Ein phantasievoller Mensch lebt inmitten von Tunnelblickdenkern. Und dann gibt es da noch die freundliche, jüngere Mitarbeiterin im Amt, die (nicht schwer zu erkennen) zur Love Interest nach all der Suche wird. Gespielt wird sie von Rotraud Schindler, die privat, wie im Fernsehen, zu einer langjährigen Partnerin für Hallervorden werden sollte. Dementsprechend stimmt auch hier die Chemie. 

Dennoch ist der in Schwarz/Weiß gehaltene Film manchmal etwas sperrig inszeniert, schafft es aber immer wieder aus einer beinah erreichten Eintönigkeit heraus mit Besonderheiten, die den Routinestoff aufrütteln. Wenn Hallervorden echte Passantinnen, anstatt Schauspielerinnen, auf der Straße anspricht, ob sie einen Mann suchen, wirkt dies durch die plötzliche Konfrontation mit Unvorbereiteten wie die Vorlage für Wigald Bonings Interviews in seinen "RTL Samstag Nacht"-News-Scherzen. Ein völlig verblödetes Gesichtsfoto Hallervordens inmitten einer eigentlich ernsten Situation, die groteske Traumsequenz im Finale (die sich erst innerhalb ihres zuspitzenden Verlaufs als eine solche entpuppt und in ihrer Machart an die Fortsetzungs-Filmchen der erst später entstandenen TV-Show "Nonstop Nonsens" erinnert), sowie manch schräger Dialog in Verabredungen mit möglichen Kandidatinnen, heben sich neben der gewagten Charakterzeichnung Hallervordens deutlich von themenähnlichen Stoffen, wie jene aus dem Hause Rühmann, ab und verleihen dem Werk, das schlichtweg nur unterhalten möchte, den nötigen Pepp. 

Allerdings zeigt sich im zu ereignisreichen Finale bereits hier der sich wiederholende Fehler sämtlicher, auch mir liebgewonnener, Hallervorden-Filme: gegen Ende wird zu viel auf Aktionskomik gesetzt, Stunts, wilde Situationen werden gegen das ausgetauscht, was den Charme und die Komik der Filme ansonsten ausmacht. Dabei haben diese Werke diese Sehwerte alle nicht nötig, so gut wie sie zuvor funktionieren. "Darf ich Sie zur Mutter machen?" besitzt die enorme Stärke späterer Filme des talentierten Mimen aber ohnehin noch nicht. Er plätschert eher sanft vor sich hin, nicht uncharmant, nicht ohne kreative Elemente und Wege der Eigenständigkeit, aber eben doch noch eher Übungsfeld auf der Suche nach einem eigenen Stil. Zumindest ist das Ergebnis nicht nur theoretisch interessant, sondern weiß außerdem zu unterhalten und neugierig für den Fortlauf seiner Geschichte zu machen.  Wiki

05.04.2021

MEIN FREUND, DAS EKEL (2019)

Das Rezept dessen, was in "Mein Freund, das Ekel" erzählt wird, ist alles andere als neu. Und letztendlich sind auch die einzelnen Stationen, welche die Geschichte abarbeitet, nicht gerade innovativ zu nennen. Nie hat man das Gefühl etwas Neues zu sichten. Dennoch weiß die Regie-Arbeit von Marco Petry zu gefallen. Zwar erreicht sie nie das Niveau seines großartigen "Schule", aber das muss sie auch gar nicht. Bereits das Ergebnis der lockerleichten, oberflächlichen Unterhaltung für den Feierabend reicht, um mit diesem schlichten Produkt zufrieden zu sein, welches mit Leichtigkeit von den beiden zentralen Schauspielern gestemmt wird. Die mir bis Dato unbekannte Alwara Höfels spielt die ungebildete Mama liebenswert und charakterstark, ohne dass mangelnde Bildung, wie z.B. in "Fack ju Göthe", wo sie die Caro mimte, blind toleriert und schöngeschrieben wird. So sehr "Mein Freund, das Ekel" auch aus einer arg unschuldigen Perspektive erzählt ist (gerade die Jugendsorgen von Trixies Kindern werden etwas arg naiv präsentiert), so sehr nimmt das Drehbuch die Probleme der Mutter ernst und zeigt die Umstände, mit denen sie zu kämpfen hat, glaubwürdig auf. 

Diesen obendrauf gesetzt wird der intolerante Muffel Olaf, verkörpert durch den wie immer brillant spielenden Dieter Hallervorden, der in seiner Interpretation des selbstgerechten Gebildeten immer wieder einen Hauch Herr Immer aus seinem Erfolg "Didi - Der Doppelgänger" aufblitzen lässt. Wohin die Geschichte führt, verrät bereits der Titel. Allerdings ist man gerade aufgrund von diesem überrascht, wie spät das Gefühlsleben des verbitterten, alten Mannes doch noch Klick macht, was der Geschichte tatsächlich zugute kommt, wenn man sich verfrüht im Irrglauben befindet, Olaf würde endlich Mitgefühl entwickeln. Dass der Weg dahin und die Art der Läuterung nicht von kniffeliger Psychologie begleitet wird, dürfte bei einem solch schlichten Unterhaltungsfilm klar sein. Dennoch gibt sich die Komödie inhaltlich nie dümmlich oder zu naiv. Außerdem arbeitet sie nie mit Moral und Heuchelei, sondern sieht sich einzig der amüsanten Zielsetzung verpflichtet. Dass diesem kleinen aber feinen Spielfilm demnächst als Fortsetzung eine Serie folgen soll, erfreut mich sehr, allerdings nur wenn die beiden Hauptdarsteller in ihren liebenswerten Rollen zurückkehren werden. Mit anderer Besetzung scheint mir das Rezept der Chose zu schlicht, um noch einmal überzeugen zu können.  OFDb

03.08.2017

ALLES LÜGE (1992)

Dieter Hallervorden nur ganz leicht blödelnd in einer Satire zu sichten hätte 1992 keinen Kinozuschauer mehr negativ überraschen dürfen. Während er 1986 in „Didi auf vollen Touren“ den klassischen Didi-Humor versuchte in eine dominant gesellschaftskritische Satirehandlung zu integrieren, ging er mit „Der Experte“ 1988 einen Schritt weiter Richtung tragikomisch angehauchter Polit-Satire. Es wurde zwar einer seiner besten Filme, dem Publikum schien dieser andere Hallervorden jedoch nicht sonderlich zu schmecken. Mit „Bei mir liegen sie richtig“ erneut einen Schritt zurück setzend zwischen klassischem Didi-Geblödel und Gesellschaftskritik, sollte der einzig ernstzunehmende Schritt nach „Der Experte“ im Bereich der Kinofilm-Satire „Alles Lüge“ werden, die Hallervorden in einer zurückhaltend gespielten, tragikomischen Rolle zeigt, was aber auch für viele Jahre das Ende für Hauptrollen für die große Leinwand für Hallervorden bedeutete.

Vielleicht mag es dran liegen, dass mancher Spätzünder noch immer auf den blödelnden,klassischen Didi hoffte, aber auch ich muss nach aktueller Sichtung dieses unbeliebten Stück Ostalgieverarbeitung vorwegnehmen, dass mir „Alles Lüge“ im Kino sicherlich ebenfalls nicht geschmeckt hätte. Dafür ist die Geschichte zu beliebig ausgefallen, sie dümpelt seicht vor sich hin, ohne eine Orientierung erkennen zu lassen. Diverse negative Situationen regnen auf den erfolglosen Kasulke nieder, die Situation scheint hoffnungslos, und ebenso wie diverse Episoden in kurzen Zeitabständen für sich auf den Antihelden der Geschichte einwirken, so schnell und ohne Vorwarnung löst sich alles mit allerhand Löchern in der Glaubwürdigkeit urplötzlich in Wohlgefallen für alle auf.

Klingt schrecklich? Ist es aber nicht, es ist lediglich zu gewöhnlich erzählt, um im Kino mit solch einem Stoff glücklich zu werden. Die hohe Qualität, die das Genre Tragikomödie ermöglicht, wird nicht ereicht. Aber dank eines wie immer glaubwürdig agierenden Hallervorden, sympathischen und absichtlich unsympathischen Stars und Figuren an seiner Seite und einer emotionalen Nähe zur Hauptfigur weiß „Alles Lüge“ auf simpler Ebene doch noch zu gefallen. Mag der Plot auch Episoden-haft anmuten und der Schluss für solch einen pessimistischen Blick auf das Zusammenwirken von Ost und West zu wohlwollend ausgefallen sein, es bereitet einerseits Freude Kasulke ins Fettnäpfchen treten zu sehen, in geringerem Maße bewegt es teilweise auch.

Großes Plus ist neben Hauptdarsteller Hallervorden Peter Fitz in der Rolle Hartmanns. Billy Zöckler als dessen Frau kann trotz ähnlichem Spiel ihren Erfolg aus „Im Himmel ist die Hölle los“ jedoch nicht wiederholen. Das ist etwas schade, wirkt sie doch wie die erwachsen gewordene Mimi, so wirklich bereichern will das die Geschichte von Kasulke jedoch nicht, was aber auch daran liegt, dass das Drehbuch nichts aus ihrer an sich interessanten Situation herauszuholen weiß.

Mag „Alles Lüge“ auch etwas desorientiert vor sich hinplätschern, ohne wirklich erkennbar zu machen was er eigentlich erzählen will, so weiß der Film doch überraschender Weise zumindest von Moment zu Moment zu gefallen, und dies ohne erkennbare Längen oder missglückter Zwischenmomente. Hart an der Grenze ist der etwas zu zotige Auftritt auf der Feier eines Zahnarztes ausgefallen. Wüsste man wie Kasulkes Job danach genau aussieht, wäre diese Szene aber zumindest wichtig für die Karriere, die er daraufhin aufzubauen versucht. Andeutungen lassen jedoch nicht genau erkennen, ob die eher anspruchslosen Mitmenschentäuschungen, denen sich Kasulke beruflisch in einer Szene hergibt und die ein wenig an den Kaufhausjob aus „Mein Gott, Willi“ erinnern, Hauptaspekt seiner neuen Karriere sind oder nicht.

Ich erwähne dies, um deutlich zu machen, wie sehr „Alles Lüge“ diverse, gar nicht mal uninteressante Bereiche, zu oberflächlich behandelt, oder sogar nur andeutet, obwohl sie über mehr Potential verfügt hätten. So plätschert der Streifen auf einer interessanten Oberfläche treibend seicht vor sich her ohne zu tief einzutauchen und unterhält somit solide, so dass man zwar verstehen kann, dass „Alles Lüge“ kein zu unrecht übersehenes Glanzstück geworden ist (man bedenke nur einmal wie viel bissiger „Schtonk“ im selben Jahr ausgefallen ist), er Zuschauern mit einfachem Gemüt und wenigen Erwartungen aber zumindest einen unterhaltsamen Abend bescheren kann.  OFDb

28.08.2016

ALLES IM EIMER (1981)

Ein Jahr nach ihrem wunderbaren „Mein Gott, Willi“ drehten Regisseur Ralf Gregan und Hauptdarsteller Dieter Hallervorden zusammen mit einigen anderen Mitwirkenden besagten Streifens ihre nächste gemeinsame Komödie. „Alles im Eimer“ mag nicht eine solch ganz runde Nummer wie der Vorgänger sein, dessen Kritikpunkt etwas zu Sketch-artig ausgefallen zu sein muss sich auch der Nachfolger gefallen lassen, aber ein sympathisches Stück Unfug ist der hier besprochene Film trotzdem geworden.

Zwar darf es überraschen, dass sich die Autoren nicht auf der in der Inhaltsangabe erwähnten Idee ausgeruht haben, wie es manch andere Filmschaffende taten, sondern stattdessen immer neue Wendungen und Ereignisse das Chaos regieren lassen, womit man sich gelegentlich übernimmt und auch den Zuschauer manches Mal ein wenig aufgrund des sich auftuenden hektischen Szenarios überfordert, da man aber schnell erkennt dass hier lediglich ein Theaterstück, oder zumindest das Prinzip eines Theaterstückes, auf das Medium Spielfilm übertragen wurde, versteht man schließlich auch warum die Autoren so vorgegangen sind.

Mag „Alles im Eimer“ auch manches Mal etwas wirr wirken und kurzfristig auch mal auf der Stelle treten, so verzeiht man dem Streifen solche Schwächen doch gern, ist er doch mit einigen liebgewonnenen deutschen Schauspielern charmant besetzt, und da weiß die gut aufeinander abgespielte Bande manche Hürde gekonnt zu überwinden. Ebenso weiß Dieter Hallervordens Blödelkunst so einiges zu retten. Was er hier an mal extremen und mal subtileren Grimassen wirksam zu witzeln weiß, weiß den Liebhaber seiner frühen Stücke zu gefallen, zumal der lange Zeit unterschätzte Schauspieler, wie in all seinen Werken, dabei stets seine Würde bewahrt und sich nie komplett zum Affen macht.

Die Qualität des Vorgängers und freilich auch der drei großen Komödien Didis, „Didi - Der Doppelgänger“, „Didi und die Rache der Enterbten", sowie „Der Experte“, weiß das schlichte Lustspiel nicht zu erreichen. Während aber andere frühe Werke wie „Ach du lieber Harry“ und „Der Schnüffler“ sich der Komik Hallervordens noch nicht ganz sicher schienen und dementsprechend nicht durchgängig unterhaltsam ausgefallen sind, finden sich diese Schwachpunkte im hier besprochenen Streifen überhaupt nicht. Die Komik ist ebenso treffsicher auf Didi abgestimmt wie der hier verkörperte Personentyp, und zu unterhalten weiß diese chaotische Aneinanderreihung schräger Situationen durchaus.

Nach 95 Minuten ist man dennoch ganz froh dass doch mal Schluss ist, immerhin erfordert der Film einiges an Nerven vom Zuschauer ab, wenn man mit dem sympathischen Chaoten mitfiebert sobald sich wieder ein neuer Abgrund auftut, der überwunden werden muss. Das zeigt aber auch wie eng man am Leiden der Hauptfigur gebunden ist und wie sehr man mitfiebert, egal wie realitätsfern das ganze Szenario aufgrund immer weiterer Übertreibungen auch manches Mal scheinen mag. Was für Pierre Richard „Der große Blonde auf Freiersfüßen“ war, das war für Hallervorden „Alles im Eimer“: ein Theaterstück voller Verwechslungen, Tolpatschigkeiten und überraschender Wendungen. Manche etwas zu anstrengende Länge ist mit dem nächsten Lacher wieder wie weggebügelt.  OFDb

10.01.2016

HONIG IM KOPF (2014)

Objektiv betrachtet kann man „Honig im Kopf“ so einiges vorwerfen. Er verschönt Momente und spielt oftmals fern der Realität. Der Film von Til Schweiger ist nicht halb so authentisch erzählt wie „Sein letztes Rennen“, jener Film mit Dieter Hallervorden, der Schweiger überzeugte dass nur er der richtige Mann für die Rolle des Amandus ist. Es ist nicht schwer „Honig im Kopf“ als weiteres Beispiel zum Schweiger-Bashing zu nutzen, wenn man mit dieser Art Film nichts anfangen kann.

Ich mag Schweigers Werke in der Regel, unterschätze ihn ebenso wenig wie ich ihn auch nicht überschätze, und ich weiß welche Art Film der oft missverstandene Mann dreht. Er dreht Kino, Märchen für Erwachsene - sicher welche mit bodenständiger Thematik, die es einem manchmal schwer machen zu akzeptieren dass immer wieder das ein oder andere verschönt wird, aber trotzdem Filme welche die Emotionen ansprechen. Das zieht sowohl beim gedankenlosen RTL-Publikum, das Kitsch mit wahrer Dramaturgie verwechselt, es funktioniert aber auch beim Träumer der sich der Realität bewusst ist und aus dieser auch mal flüchten möchte, auch wenn das widersprüchlich klingen mag bei solch ernster Thematik.

„Honig im Kopf“ berührt. Er lässt einen nicht kalt. Er bringt einen zum weinen. Und diese Wirkung kann man nicht ignorieren, wenn man über ihn sprechen möchte. Dieser Reaktion muss man sich ehrlich stellen. Und man muss diesem Werk eingestehen dass völlig unreflektierter Kitsch diese Wirkung beim Publikum nie erreicht hätte, dass Schweiger sehr wohl bewusst ist was er erzählen möchte. So verschönt manche Momente auch sind, es geht Schweiger um das Menschliche, um das was im Alltag oft verloren geht. Und dem hat sich die Realität in seinem Film manches Mal unterzuordnen, zumal uns „Honig im Kopf“ ebenso wie „Kokowääh“ von dem Traum erzählt was das Wort Miteinander bedeuten kann.

Und das ist kein völlig realitätsferner Traum. Wir lassen ihn im Alltag nur nicht zu, da wir Nichtigkeiten für Wichtigkeiten halten. Und die Realität hält uns davon ab dieses emotional starke Miteinander einzugehen. Wir lassen uns von Medien und anderen Mitmenschen Probleme einreden anstatt einfach unserem Instinkt zu folgen. Schweiger ist ein Romantiker des selbstbestimmten und selbstbewussten Lebens. Davon handeln viele seiner selbstgeschriebenen Filme. Und „Honig im Kopf“ macht dies besonders deutlich, wenn die Lösung des Problems doch so offensichtlich ist - wenn auch diesbezüglich wieder einmal eine Spur zu schön gemalt.

Um die harte Realität einzelner Szenen, die der Regisseur bewusst wegblendet, müssen sich andere Filmemacher kümmern. Sie passen nicht ins Bild von „Honig im Kopf“, würden das Konzept ruinieren, ein Rezept das keinesfalls vom Zuschauer erwartet dem Treiben geistlos zu folgen. Aber Schweiger möchte dass der Zuschauer seine Arroganz, seinen Stolz und seine Vorurteile ablegt und sich einfach einmal für zwei Stunden einer solchen Thematik anders nähert, menschlich nähert, emotional nähert, auch wenn Schweiger dafür einige manipulative Hebel in Bewegung setzt.

Aber das tut ohnehin jeder Kinofilm. Der eine etwas plumper, der andere etwas geschickter. Schweiger mag da eher Grobmotoriker sein, aber mit dem Herz am rechten Fleck. Man spürt trotz aller manipulierender Methoden, die den Zuschauer beeinflussen sollen, dass ihm das Thema wichtig ist, und dass die Aussagen so gemeint sind wie sie ankommen. „Honig im Kopf“ ist keine Heuchelei, aber das entdeckt man erst, wenn man den kühlen Intellekt ausgeknippst hat, der beim Sichten anderer Art Werke von Vorteil sein kann.

Dank besagter Herangehensweise und der geglückten Besetzung mit dem ohnehin schon immer unterschätzten Dieter Hallervorden und einer sympathischen Emma Schweiger, die seit ihrem letzten Film von und mit Herrn Papa viel dazu gelernt hat, ist aus „Honig im Kopf“ eine herzzerreißende Tragikomödie mit Schwerpunkt im Dramabereich geworden, die nur einem völlig verkopften Publikum nicht nahe gehen kann. Schweigers gemeinsamer Film mit Hallervorden rührt zu Tränen, insbesondere immer dann wenn die Hauptfigur ebenfalls weinen muss. Bei solch schönem Ergebnis schaue ich über die Übertreibungen, die eigentlich selbst durch den komödiantischen Aspekt nicht entschuldigt werden können, gütigst hinweg. Denn wenn ein Film emotional wie dieser hier ausfällt, dann lasse ich mich auch gerne mal manipulieren.  OFDb

16.11.2014

SEIN LETZTES RENNEN (2013)

Ich konnte es kaum glauben, als ich vor einem Jahr das Plakat zu diesem Film in einem Kino hängen sah. Nicht nur dass Dieter Hallervorden noch einmal eine Hauptrolle in einer Kinoproduktion gewährt wurde, auch dass in seinem Comeback Heike Makatsch eine große Nebenrolle spielt, faszinierte mich. Da spielen zwei meiner liebsten Gesichter des deutschen Films vereint in einem Projekt, von dem ich nie zu träumen gewagt hätte. Im Prinzip hätte nur noch Thomas Heinze in irgendeiner Rolle gefehlt, um die Sache für mich persönlich zu perfektionieren.

Dieter Hallervorden ist bereits im Komödienfach heutzutage ein unterschätztes Talent. Dass darüber hinaus sein Schauspieltalent von vielen noch weniger bemerkt wird, verärgerte mich schon immer, war aber nur Realität im Filmalltag. Im Theater auf der Bühne war er glücklicher Weise immer aktiv und wurde dort auch geschätzt - im übrigen neben seiner Schauspielerei auch für die Förderung junger Talente. Als er in einem Audiokommentar darauf angesprochen wurde, warum er in einem Film nie wieder eine ernste Rolle wie seinerzeit in „Das Millionenspiel“ gespielt hat, antwortete er, er hätte nach den Komödienerfolgen nie wieder ein Angebot in diese Richtung erhalten. Interessiert hätte es ihn schon.

Bis zum Jahr 2013 hat es gedauert, bis man Hallervorden außerhalb des Komödienfachs eine Hauptrolle zugetraut hat, und ich habe mich von Herzen gefreut, dass der gute Mann dafür mittlerweile auch die Anerkennung erhalten hat, die er längst verdient hat. Alle sind begeistert von seiner Darbietung. Teilweise spricht man von seiner größten Rolle. Das wurde auch höchste Zeit. Mit Blick auf das Plakat schien man der Sache aber ursprünglich nicht ganz zu trauen, schmunzelt der gute Mann doch etwas arg humoresk auf den Betrachter nieder, ein Hauch gewollte Didi-Komik blitzt auf, die freilich in „Sein letztes Rennen“ nicht vorhanden ist.

Gerne als Tragikomödie betitelt ist „Sein letztes Rennen“ in meinen Augen eher ein Drama, ist der Humorgehalt doch viel zu zurückgeschraubt, um ihn als Teil des Genres anerkennen zu können. Aber das ist auch ganz gut so, denn Kilian Riedhofs Film ist ein zu Tränen rührendes Werk, das nicht emotionslos an einem vorüber gehen kann. Der Mann, der erst vor einigen Jahren mit „Homevideo“ auf sich aufmerksam machte, serviert uns hier eine Geschichte über das Altern, das Alleinsein, die Hoffnung und den Widerstand gegen ein eingefahrenes System. Dabei rutscht Riedhof nur hin und wieder ein wenig in klassische Filmklischees ab, ansonsten ist ihm ein realitätsnahes und gefühlsoffenes Drama geglückt, das wesentlich mehr Facetten seiner schlicht klingenden Geschichte einfängt, als man vermuten würde.

Trotz seiner Themenvielfalt übernimmt sich Riedhoff, der auch am Drehbuch beteiligt war, nie, lenkt in letzter Konsequenz den Fokus immer wieder auf den Hauptstrang, aber so dass die einzelnen Rahmen-Themen Einfluss auf diesen nehmen. Nichts wird unnötig eingebunden, umgekehrt hechtet das Drehbuch nie angeblichen Pflichten hinterher. Locker erzählt und auch so inszeniert legt erst das Seelenleben Pauls eine bleiernde Schwere über das Geschehen, eine Schwere die mich tief berührt hat und mich so manches Mal Tränen vergießen ließ.

„Sein letztes Rennen“ zeigt Hallervorden in Hochform, unterstützt von einem großartigen Drehbuch und umgeben von allerlei talentierten und sympathischen alten wie jungen Mimen, die alle ihre Charaktere glaubhaft auszufüllen wissen. In „Sein letztes Rennen“ ist nicht alles schwarz und weiß. Es gibt kein klar getrenntes Gut und Böse, gesund und ungesund, bei Verstand und irritiert. Und das ist eine der menschlichen Botschaften des Films für uns Schubladendenker. Zuhören und sich Zeit für den einzelnen nehmen lautet die Devise, und am deutlichsten wird dies immer wieder in jenen Momenten, in welchem das Altenheim-Personal versucht Paul in ein System zu zwängen, in welches er nicht hineingehört.

Kritiklos geht der Film aber auch mit Pauls Verhalten nicht um, ein Benehmen das keineswegs sonderlich rücksichtsvoll ist. Auch Probleme mit der Filmtochter, gespielt von Makatsch, werden nicht per Entschuldigung, wie es durchaus möglich wäre, aus dem Leben geschafft. Paul ist ein stolzer Charakter. Aber von all den guten und schlechten Seiten der Menschlichkeit zieht „Sein letztes Rennen“ seine Kraft und seine Glaubwürdigkeit. Und so todtraurig die ganze Geschichte schlussendlich auch ist, eine gewisse Herzenswärme kommt auf, ein Spalt Hoffnung öffnet sich, selbst dann wenn alles verloren scheint.  OFDb

15.07.2014

BEI MIR LIEGEN SIE RICHTIG (1990)

Nachdem Hallervordens persönliches Herzstück „Der Experte“ an den Kinokassen nicht den gewünschten Erfolg einspielte, war es endgültig aus mit der Beliebtheit des Komikers beim Massenpublikum in den deutschen Kinos. „Didi auf vollen Touren“ besaß beileibe nicht mehr das Potential der großen Erfolge „Didi - Der Doppelgänger“ und „Didi und die Rache der Enterbten“ und ging bereits in eine Richtung, die Hallervorden beibehalten wollte: die Satire. Konnte sich „Didi auf vollen Touren“ nicht ganz zwischen klassischem Didi-Klamauk und ernstzunehmender Satire entscheiden traf „Der Experte“ genau den richtigen Ton. Schade dass das Publikum dies nicht zu schätzen wusste, wer weiß wie es ansonsten mit Hallervorden im Kino weiter gegangen wäre.

Zwei Jahre nach besagtem Film erschien „Bei mir liegen sie richtig“, der dem Publikum auf den Plakaten die klassische Didi-Komik suggerierte, in Wirklichkeit aber den vom Publikum eher unerwünschten Kurs der Satire fortsetzte. Es zeugt von Charakter, dass Hallervorden diesbezüglich seinem Wunsch zu ernst zu nehmender Komik folgte und sich von den Unkenrufen der Zuschauer nicht beeinflussen ließ. Allerdings lässt das Humor-Niveau im hier besprochenen Streifen zu wünschen übrig. Recht bieder kommt die Komik daher, ein Bereich den „Der Experte“ nur hin und wieder kurzfristig streifte. Nun ist er im Hauptprogramm der humoristischen Attraktivitäten angelangt, und das ist schon sehr traurig, werden die oft recht zahmen, einfallslosen und vorhersehbaren Witzchen doch zudem von der Regie nicht gekonnt eingefangen.

Selbst die Stuntszenen, auf die Hallervorden in den meisten seiner Werke so stolz ist, sind äußerst müde ausgefallen, was allein die Unfallszene aufzeigt, mit der die eigentliche Geschichte beginnt. Aber auch an anderer Stelle fehlt es an Tempo oder der richtigen Kameraeinstellungen um Witze so einzufangen, dass sie auch ziehen. Ein wichtiger Faktor, erst recht wenn es der wirklich geglückten Scherze nur sehr wenige gibt. Hallervorden schien sich scheinbar dennoch bestätigt zu fühlen, umfasst das Gagpotential doch in etwa das Niveau seiner später so erfolgreichen Comedysendung „Hallervordens Spott-Light“.

Es freut dass er mit diesem Format die so lange anvisierte Anerkennung beim Publikum gefunden hat. Besagter Kurs kam in Filmform jedoch nicht an. Zwei Jahre nach „Bei mir liegen sie richtig“ drehte Hallervorden mit der Wiedervereinigungs-Satire „Alles Lüge“ einen derartigen finanziellen Tiefflieger, dass es für lange Zeit mit Hauptrollen in Kinofilmen vorbei war. „Bei mir liegen sie richtig“ weiß zumindest durchschnittlich halbwegs zu unterhalten, was zum einen daran liegt dass die Geschichte selbst eine recht interessante ist, von der man wissen möchte wie sie weiter geht, und weil der satirische Gedanke den Medizinbereich auf freiem Marktwirtschafts-Niveau anzusiedeln eine treffsichere Idee ist, um den falschen Kurs der in den 80er Jahre entstandenen und in den 90er Jahren aufgeblüten neuen Moral treffsicher zu kritisieren.

„Bei mir liegen sie richtig“ ist definitiv nichts für die Fans der klassischen Didi-Filme, und im Gegensatz zur Werbekampagne, die für das Filmplakat zuständig war, war dies von Hallervorden auch gar nicht gewollt. Der wollte das Didi-Image endlich hinter sich lassen. Als kleine Komödie für zwischendurch geht der Streifen bei wenig Anspruch und geringen Erwartungen bei einem alternativen Publikum auch gerade noch durch, auch wenn nur für das geübte Auge durchschimmert wie talentiert Hallervorden eigentlich ist. Die wahre Chance sein schauspielerisches Können hier zu präsentieren, gibt es kaum, auch nicht in den stilleren Momenten, die geradezu geeignet dafür wären.

Spießbürger werden Gefallen am Film finden, Zuschauer mit geringen Ansprüchen bekommen wenigstens ein bisschen was zu schmunzeln. Wer aber wirklich geglückte Satire von Hallervorden sehen will, der sollte zu „Der Experte“ greifen, der den richtigen Ton traf und für mich zu den besten Werken des Komikers zählt. „Bei mir liegen sie richtig“ sieht man nicht an was es am unterschätzten Hallervorden zu schätzen gibt. Schade! Aber auch ein schauspielerisches Talent wie Didi kann nicht gegen ein solch witzarmes Drehbuch ankämpfen, erst recht wenn man dem Bereich der Improvisation nicht die nötige Anerkennung zugesteht.  OFDb

DIDI UND DIE RACHE DER ENTERBTEN (1985)

Nachdem Dieter Hallervorden im Vorgänger „Didi - Der Doppelgänger“ in einer Doppelrolle zu sehen war, wollte er gerne einmal eine ganze Familie allein verkörpern, so wie sein Vorbild Alec Guinness 34 Jahre zuvor in „Adel verpflichtet“.  Sieben Rollen sind es geworden die Hallervorden in „Didi und die Rache der Enterbten“ meistert, im Gegensatz zum Vorgänger verstärkter unterstützt durch die Maske, was humoristisch jedoch so treffsicher ist, dass man dies keinesfalls als negativen Aspekt des Streifens werten sollte, zumal die Maske ergänzend wirkt und nicht das Talent des Hauptdarstellers ersetzt, das noch in so ziemlich jeder Szene durchschimmert.

Schön ist jedoch, dass die Mimen an Hallervordens Seite dabei keinesfalls zu kurz kommen. So lustig die Charakterzeichnung des jeweiligen Mitgliedes der Sippschaft geworden ist, so treffsicher sind auch die anderen Figuren gezeichnet, allen voran der Assistent des Kommissars, Sohn des Bürgermeisters, jedes Klischee des Berufes lebend ohne etwas von diesem zu verstehen und fast passend zu den langen Haaren Langenhagen genannt. Interessanter Weise wird dieser in der Regel weder in Besprechung gesondert erwähnt, noch wird auf ihn im Audiokommentar eingegangen, dabei sind seine Witze stets ein Volltreffer, sein Spiel ungemein sympathisch trottelig und seine ihm zugeschriebenen Eigenarten, wie die Körperpflege in den unmöglichsten Situationen, geradezu Kult.

Wenn ein erschossener Toter im Spiegelkabinett aufgefunden wird, fragt er seinen Vorgesetzten allen ernstes ob das Opfer an den Spiegelscherben gestorben sein mag, während der Kommissar genervt sachlich antwortet, dass ihn wohl eher die Kugeln getötet haben. „Didi und die Rache der Enterbten“ ist sich für keinen noch so flachen Gag zu schade, und dies gepaart mit der Spielfreude aller Beteiligten und der Leichtigkeit die Drehbuch und Inszenierung umwehen, macht das Werk selbst innerhalb der für diese Eigenarten bekannten Didi-Filme in der hier angewendeten Konsequenz einmalig.

Mag der gewisse Anspruch den „Didi - Der Doppelgänger“ für sich noch verzeichnet hatte und der mit „Der Experte“ auch wieder in die Kinoarbeiten Hallervordens zurückkehren sollte hier auch dem hemmungslosem Klamauk weichen, so ist „Didi und die Rache der Enterbten“ doch zumindest bis 1985 der beste Hallervorden-Film geworden, gibt es hier im Gegensatz zu seinem Vorgänger doch keinen Einbruch im Unterhaltungsbereich. „Didi und die Rache der Enterbten“ ist durchweg gelungen, von Anfang bis Ende ohne jeglichen Durchhänger.

Dass der eigentliche Held erst nach 30 Minuten Film eingeführt wird, ist ein Kuriosität für sich, wird auch im Audiokommentar besprochen, wo die Drehbuchautoren gestehen das nie so bewusst bemerkt zu haben, ebenso wie es dem Zuschauer kaum auffällt, wird dem doch von Anfang an Didi geboten. Dieter Dödel, wenn unter anderem Namen auch die typische klassische Didi-Rolle Hallervordens, wirkt fast schon normal unter all den ausgeflippten Charakteren und schrägen Situationen, bekommt aber dennoch genügend Rahmen um trotzdem selbst für viele Lacher zu sorgen. Und das ist gar nicht so leicht, wenn um ihn herum so herrlich kranke Ideen fruchten, wie der naive Nachbar, der die morbiden Vorkommnisse für einen Film hält und deswegen von Kongo-Otto (allein der Name) dazu verdonnert wird einen guten Teil der Geschichte in einer Mülltonne abzusitzen.

Herrlich auch die Arbeiten der Zuständigen für die Deko. Da wurde eine Abbruchbude so wunderbar herzlos und absichtlich sichtbar heruntergekommen in Dödels „Wohnung“ verwandelt, dass nicht einmal die ärmliche türkische Familie, welcher der Vermieter die Wohnung präsentiert um Dödel endlich loszuwerden, auch nur Ansatzweise in Versuchung kommt einzuziehen. Da fallen so herrlich übertriebene, großkotzig großzügige Sätze des Vermieters, er würde auch sein Einverständnis geben, dass die Familie hier eine Heizung einbauen dürfe, kurz nachdem er ein Waschbecken mit Brausekopf als Dusche angepriesen hat, mit warmen und kaltem Wasser - je nach Jahreszeit, wie Dödel hinzufügt. Und wenn man denkt nach der türkischen Familie ginge es gesellschaftskritisch nicht weiter, äußert der unangenehme Zeitgenosse vor seinem Verschwinden, er würde im Notfall aus der Bude ein Studentenwohnheim machen. Aua! Tiefschlag! Wunderbar!

An Witzen, skurrilen Situationen und einfallsreicher Charaktere mangelt es hier wahrlich nicht. Autoren wie Schauspieler toben sich hier munter aus in einem Plot, der so heute nicht mehr ins Kino kommen würde, so anarchistisch anders wie er heute wirkt im Gegenzug zu herkömmlichen Drehbüchern der Gegenwart. „Didi und die Rache der Enterbten“ sieht seine Anwesenheit im Kino nicht so streng, als dass er aufgrund seiner Größe irgendwelche Normen einhalten müsse. Der Film ist ein Liebhaberstück, ein zum Lachen einladendes Original und keinesfalls der krampfhaft verfehlte Versuch eine Kopie des Vorbildes mit Guinness sein zu wollen.

Dass es das Finale schafft inmitten von so viel Irrsinn ganz leicht den Bereich eines Thrillers zu streifen, verdankt der Film nicht nur dem hervorragenden Spiel Wolfgang Kielings, den man als Glücksgriff für seine Rolle bezeichnen kann, auch der Soundtrack weiß hier enorm zu wirken, aber der ist ohnehin sympathisch ausgefallen und weiß in seiner ziemlich simplen Komposition jeden Winkel des Streifens bestens zu unterstützen. Wer die richtige DVD-Edition ergattert, hat auch gleich eine Soundtrack-CD zusätzlich zum Film erworben, und die lohnt sich meiner Meinung nach - ebenso wie der Film, den jeder der es auch gerne einmal albern mag unbedingt gesehen haben sollte.  OFDb

12.07.2014

DIDI - DER DOPPELGÄNGER (1984)

Will man einmal miterleben wie talentiert der für das Theater lebende Schauspieler Dieter Hallervorden ist, kommt man um „Didi - Der Doppelgänger“ nicht herum, der zwar Teilschuld daran trägt dass das Tunnelblick-Publikum diesen begabten Mann lange Zeit aufgrund des Klamaukschwerpunktes nicht ernst genommen hat, gleichzeitig aber auch zu den besten Arbeiten in der Karriere des Berliners zählt - zumindest was seine filmischen Beiträge betrifft. Klamauk hin oder her - man muss schon sehr ignorant sein um nicht zu erkennen was Hallervorden da auf die Beine stellt.

Zunächst kreiert er zwei Charaktere, beide comicartig übertrieben, die beide auf ihre Art mimisch so unterschiedlich sind, dass man auch ohne den Tausch von Anziehsachen sofort erkennen würde welche von beiden Personen da gerade tätig ist. Dann beginnt die Entwicklung der Charaktere, zunächst mit Koop, der in seiner Rolle immer selbstsicherer wird, bei seinem Immitieren Immers jedoch stets der einfache Koop bleibt, was psychologisch gesehen zur Glaubwürdigkeit der Figur auch so sein muss. Immer hat es zwar nicht nötig Koop ähnlicher zu werden, da er in seinem Leben aber noch nie über so viel Widerstand, Ungehorsam und Dreistigkeit gestoßen ist, agiert auch er im Laufe der Zeit außerhalb seiner Normen und lässt die Fassade des immer alles im Griff habenden Industriellen des öfteren mal fallen, bis es zum offenen Duell zwischen den beiden kommt, mit unvorhersehbarem Ende - aber einer bis zwei wirklich hervorragender Pointen.

Hallervorden versteht seine Figuren, war glücklicher Weise als Berater auch mit am Drehbuch beteiligt, so dass auch der Storyverlauf stets psychologisch passend an Charakteren und Geschehnissen orientiert ist - mit Ausnahme einer völlig unnötigen Stuntszene, in welcher Koop an einem Hubschrauber hängt, so unsinnig begonnen wie beendet, und für die Geschichte nur in so fern förderlich, als dass sie für einen lustigen Schluss in der Gaunergeschichte sorgt. Aber da befinden wir uns ohnehin schon im schwächeren letzten Drittel, in welchem aus einer pointenreichen, im Dialog und Detail lustigen Geschichte, auf zu viel Aktionskomik mit Verfolgungsjagden, schrägen Stunts und skurrilen Situationen wie Didi in der Waschanlage gesetzt wurde und der sympathisch flotte und witzige Stil der vorangegangenen 2/3 hinten anstehen muss. Damit verpasst der stilsichere und niveauvollere „Didi - Der Doppelgänger“ gegenüber dem alberneren, dafür aber durchgehend geglückten „Didi und die Rache der Enterbten“ die Chance der bessere von beiden Filmen zu sein.

Zusammen mit „Der Experte“ und dem TV-Film „Mein Gott, Willi“ bilden sie meiner Meinung nach das Sahnehäubchen der besten Filmarbeiten Hallervordens, bieten alle vier Werke doch ihre Vor- und Nachteile, sind aber alle humoristisch gelungen und, was viele gerne übersehen, auch wesentlich geistreicher inszeniert als es scheint. Geht im Doppelgänger die in anderen Werken besser aufgegriffene Gesellschaftskritik der sich in den 80er Jahren langsam wandelnden neuen Moral ein wenig unter, so trumpft „Didi - Der Doppelgänger“ dafür in seinem Psychologieverständnis, sei es für die Figuren oder für die Auswirkungen diverser manchmal nebensächlich scheinender Taten auf zukünftige Ereignisse. Alles was geschieht und gesagt wird hat Einfluss aufeinander. Und dank einer zwanglosen Spielfreude mixt Hallervorden anspruchsvolles Agieren mit hemmungslosem Herumblödeln, bei dem selbst so ein ausgelutschter Witz wie die sich falsch herum aufgesetzte Brille zu einem echten, ehrlichen Lacher wird.

Wie könnte man einen solch sympathischen Film auch nicht ins Herz schließen, in welchem die Opferrolle den Namen von Pösel trägt, kultige Sprüche auftauchen wie „Wir trinken Immer“, „Schreiben sie‘s auf, ich beschäftige mich später damit“ und „Ich brauche mehr Details“ und in welchem selbst so versteckte Gags trumpfen, wie das Verheimlichen des Rauchverbot-Bruchs, indem man hierfür eines von Immers Produkten verwendet? Dass im übrigen der Schlussgag Immers längst von der Realität eingeholt wurde, macht nur all zu deutlich in welch freier Zeit „Didi - Der Doppelgänger“ entstanden ist. Diese Zeit des individuelleren und zwangloserem Denkens und Handelns zeigt sich aber auch in einem Drehbuch, das noch unverkrampft erzählen wollte, was es zu erzählen gab und sich an keinerlei Vorschriften hielt. Das Folgewerk „Didi und die Rache der Enterbten“ war in diesem Punkt sogar noch ein wenig konsequenter.  OFDb

31.01.2013

DER SPRINGTEUFEL (1974)

Ein Geschäftsmann nimmt einen Anhalter mit, der sich als entlaufener Psychopath entpuppt...

Psycho Nonsens...
 
Wem heutzutage der Name Dieter Hallervorden noch ein Begriff ist, der assoziiert ihn in der Regel mit dem Wort Komik, war der gute Mann, der mit der Comedy-Sendung „Nonstop Nonsens“ berühmt wurde und in den 80er Jahren gar eine kurze Zeit als der beliebteste Komiker Deutschlands galt, doch seit seinem Erfolg stets auf den Humorbereich abonniert. Dies allerdings nicht weil der Witz ihm so am Herzen lag, sondern weil er, laut eigener Aussage in einem Audiokommentar, danach nie wieder die Chance bekam sich in anderen Bereichen auszutoben.

Vor seiner Komiker-Karriere konnte er zumindest ab und an auf anderen Pfaden schlendern. So war sein Auftritt als Auftragskiller in dem damaligen Skandal-Film „Das Millionenspiel“ eine gelungene und mit Blick von heute abwechslungsreiche Darstellung. Dieser Auftritt war nicht überragend, aufgrund der eher kleinen Rolle aber zumindest gut genug gespielt um positiv zu wirken.

Hört man, dass Hallervorden vier Jahre später den Psychopathen in einem Thriller als Hauptrolle spielen durfte, wird man aufgrund des 1970 erschienenden Streifens schon recht neugierig, zumal die Geschichte minimalistisch angelegt war, was meist für einen recht intensiven Stoff spricht. Sicherlich war „Der Springteufel“ lediglich eine TV-Produktion, aber Werke wie „Die Delegation“ und „Welt am Draht“ zeigen, dass das damals keineswegs für anspruchslose Unterhaltung stehen musste.

Leider ist „Der Springteufel“ in meinen Augen nicht rückwirkend der wundervolle Ausnahmefilm geworden, den ich mir als Bewunderer der Komik und der Schauspielkunst Hallervordens erhofft hatte. Gerade letzter Punkt, jener der Schauspielqualität, sticht als einer der Negativpunkte des Streifens hervor, überzeugte mich Hallervorden doch für keinen einzigen Augenblick eine ernstzunehmende Gefahr für den Geschäftsmann zu sein, der ihn als Anhalter mitnahm.

Aus seinen vielen anderen Filmen weiß ich, dass es Hallervorden besser kann. Seine Schuld allein ist das maue Ergebnis von „Der Springteufel“ aber ohnehin nicht, ist doch der komplette Streifen realitätsfern inszeniert und zu keinem Augenblick nachvollziehbar, packend oder realistisch genug um in die Geschichte mit einzusteigen. Stets bleibt der Film ein Produkt, eine Geschichte die man passiv betrachtet. Nie darf man mit eintauchen. Zwar mag das unrealistische Einkleiden ein gewolltes Stilmittel von Regisseur Heinz Schirk sein, immerhin macht der Streifen an vielen Stellen deutlich eine Groteske sein zu wollen, aber funktionieren will das nicht, zumal „Der Springteufel“ eine erstaunlich schlichte Geschichte erzählt, deren Auflösung vorausschaubar ist.

Mehr noch, die finale Pointe funktioniert nur für einen kurzen Augenblick, bis zu dem Zeitpunkt, wo man sich bewusst macht, dass der Irrtum spätestens in der Nervenheilanstalt wieder aufgedeckt werden wird. Doch auch ohne dieses Makel ist die Pointe keineswegs pfiffig oder zumindest sympathisch, allein schon deshalb, weil Schirk etwa eine Stunde braucht um auf diese hin zu arbeiten. Das hätte noch bei einem Kurzfilm von 20 Minuten funktionieren können, aber bereits die geringe Laufzeit von 54 Minuten überschreitet die Geduld des Zuschauers, zumal das Psychospiel des Anhalters sich selbst dann noch wie albernes Kasperletheater schaut, wenn der freiwillig humoristische Part längst Vergangenheit ist.

Dieser hat es mit Blick von heute dafür in sich, erleben wir doch einen Einstieg in die Geschichte, der einen glauben lässt, man befände sich in einem eingespielten Film aus Hallervordens Erfolgssendung „Nonstop Nonsens“. Der Komiker spielt, sieht aus und betont genau so wie viele seiner Rollen aus besagter Sendung, ja selbst der Stil des Films ist belustigend gemeint, um dann irgendwann aus dem wirren Geplapper einer Quasselstrippe eine Bedrohung für den Autofahrer werden zu lassen.

Von Täuschung könnte man jedoch nur reden, wenn „Der Springteufel“ nach „Nonstop Nonsens“ entstanden wäre, die Comedy-Sendung startete jedoch erst ein Jahr nach der Premiere des hier besprochenen Thrillers. Somit ist der Einstieg kein raffiniertes Spiel mit den Erwartungen des Zuschauers, sondern lediglich ein ungewohntes Stilmittel, bei dem ich mir nicht vorstellen kann, dass es 1974 ohne Kenntnisse der späteren Karriere Hallervordens Wirkung besessen haben könnte.

Aber da mag ich mich nun täuschen, trifft der innere Ton doch zumindest den Zeitgeist des Entstehungsjahres, ein Punkt bei dem zumindest gekonnt mit den Erwartungen des Zuschauers gespielt wird. Darf dieser sich nämlich nun eine gehörige Zeit lang die klassische Diskussion zwischen Arm und Reich anhören, mit den ewig gleichen linksgearteten Vorwürfen, so distanziert sich der Film nach einiger Zeit der Täuschung gekonnt von dieser Grundhaltung und straft sie als halbgebildetes Geschwafel, wohl der Höhepunkt des sonst eher enttäuschenden Streifens.

Das fatale an „Der Springteufel“ ist, dass er psychologisch nicht zu funktionieren weiß. Die Vorlage ist ausländischer Herkunft, ein nennenswerter Fakt, da die Pointe im Heimatland der Printmedie funktionieren mag, in Deutschland, ein Land welches seit langer Zeit bereits Personalausweise mit Lichtbild eingeführt hat, aber nicht glaubwürdig ist. Gleiches gilt allerdings schon für die Grundsituation, auf die alles basiert. Wer selbst schon einmal getrampt ist, der weiß dass allein die Wahrscheinlichkeit, dass ein BMW- oder gar ein Mercedes-Fahrer anhält um einen mitzunehmen, schon sehr gering ist. Den Springteufel nimmt ein reicher Geschäftsmann mit, der einen wesentlich weniger durchschnittlichen Wagen fährt, als die von mir genannten Beispiele.

Kürzlich in einer kleinen Gruppe interessierter Cineasten geguckt, stellte sich recht früh die Frage, warum der Autofahrer den unangenehmen Fahrgast nicht längst rausgeworfen hat. Selbst wenn man bedenkt, dass vor dem Aufkommen der Political Correctness die Mentalität der Streitgesellschaft herrschte (was ein wichtiger Fakt dafür wäre, dass radikal ehrliche Worte, die zwischen Fahrer und Gast hin und her wechseln und die man heute viel zu voreilig als verletzend werten würde, nicht so schnell für eine Trennung führen wie es heutzutage der Fall wäre), versteht man nicht, warum es erst so spät zu einem Rauswurf, bzw. den Versuch dessen, kommt. Die Grenze des Erträglichen wird vom Anhalter auf eine ganz andere Art überschritten, die auch damals schon für einen vorzeitigen Rauswurf genügt hätte: das respektlose Verhalten, so wie das achtlose in Gefahr bringen beider Parteien.

Man sieht also, überall wackelt es gewaltig in diesem Film, der einem weder auf groteske noch auf spannende Art und Weise in seinen Bann zu ziehen vermag, nicht einmal in der abscheulichen Szene, in welcher der Psychopath den Geschäftsmann dazu zwingt recht eklige Lebensmittel zu sich zu nehmen. Dank einer Laufzeit von unter einer Stunde schaltet man nicht frühzeitig ab, und die ungewohnte Erzählweise weiß zumindest in der Theorie phasenweise zu interessieren, aber unterhaltungstechnisch und vom Anspruch her bietet „Der Springteufel“ gar nichts. Das ist schon sehr schade, zumal ich mir von diesem Werk von Heinz Schirk („Die Wannseekonferenz“) das Gegenteil erhoffte.  OFDb

10.01.2013

DER EXPERTE (1988)

KFZ-Mechaniker Willi wird nach einer fatalen Probefahrt von einem Wahlkampfexperten, der bei der Bürgermeister-Wahl helfen soll, im Auto mitgenommen. Es kommt zu einem Unfall, Willi verliert sein Gedächtnis und wird für den anderen gehalten...

Politik wie sie wirklich ist... 
 
In „Der Experte“ darf man Dieter Hallervorden, nach seinem qualitativen Ausrutscher mit „Didi auf vollen Touren“, ein letztes Mal in Hochform erleben. Hallervorden selbst sah in „Der Experte“ einige Zeit seinen besten Film. So weit würde ich nicht gehen, an das Geblödel aus „Didi – Der Doppelgänger“ und „Didi und die Rache der Enterbten“ kommt der Streifen nicht heran, er ist aber immer noch ein gelungener Film geworden.

Im Vorgängerwerk wandte sich Hallervorden bereits dem Bereich der Satire zu. Diese wird im hier besprochenen Film ebenfalls aufgegriffen, die Orientierung in diese Richtung wurde sogar verstärkt. Vom Genre her kann man dennoch nicht wirklich von einer Satire sprechen, dafür wird in Hallervordenart einfach zu viel herumgeblödelt, wäre ja auch schade wenn nicht. Mir persönlich gefällt der kaputte Mix aus ernstem Anliegen und dem Mut zum Klamauk gut. Einen Qualitätsverlust durch das dominante Herumalbern werden nur jene empfinden, die bereits beim Doppelgänger und den Enterbten nicht den Charme und das psychologische Niveau der Figuren entdecken konnten. Man muss schon frei vom Tunnelblick sein, um die versteckten Qualitäten Hallervordens zu entdecken. Leider wird er viel zu oft auf seinen Klamauk reduziert.

In „Der Experte“ werden auch ernste Töne angeschlagen. Das dürfte sicherlich neu sein. Trotz seines ernsten Grundthemas gab es solche Szenen in „Didi auf vollen Touren“ nicht. Hier darf Didi, der diesen Spitznamen eben wegen der Stiländerung bewusst nicht mit in den Kinotitel eingebaut hat, auch mal Gefühle zeigen, zwar keiner Frau gegenüber, dafür aber väterliche Gefühle einem Waisenkind gegenüber. Das wirkt manchmal leider zu aufgesetzt, gerade zu Beginn, entgleist aber nicht immer in unglaubwürdigen Sozialkitsch. Gerade in Szenen, die geradezu nach solchen Ausrutschern schreien, bekommt das Drehbuch immer wieder den Bogen die nötige Würde und Glaubhaftigkeit zu behalten.

Seltsamer Weise findet man besagte Ausrutscher in den eher banalen Szenen (gemeinsames Frühstück, etc.). Ein weiterer kleiner Minuspunkt sind diverse Fehltritte im Humorbereich. Hin und wieder verlaufen sich greise Witze in den Film, z.B. „Warum treten Polizisten immer zu zweit auf?“ – „Weil der eine lesen und der andere schreiben kann.“ Das ist Humor für die Generation meines Großvaters, verkrampft und viel zu unwitzig. Leider behielt Hallervorden dieses Niveau in seiner späteren Satire-TV-Sendung bei und machte ihn dort zum Zentrum seiner Komik, weswegen mir späte Produktionen mit dem einstigen beliebtesten deutschen Komiker persönlich auch nicht mehr gefallen. Zum Glück gibt es Witze dieser Art im Experten nur am Rande, somit ist das hier Beklagte nur ein kleiner Wermutstropfen.

Punkten kann Hallervorden neben der gewohnten Qualitäten (tolles Geblödel, Figuren mit Tiefe und psychologischem Niveau, gute Geschichte, gutes Timing für Gags, gute Vorbereitung auf die Rolle) mit einem sehr ernsten und stillem Schluss, den ich ihm vor Sichtung des Streifens zwar vom Talent her zugetraut hätte (dass Hallervorden auch anders kann sieht man ja auch in „Das Millionenspiel“), in seinen klassischen Filmen aber nie erwartet hätte. So abgedreht seine Filmfiguren auch sind, sie leben in unserer Welt, und Hallervorden ist sich der Polit-Korruption durchaus bewusst. Der Schluss hat Klasse, und dass der Humor dort nicht auftauchen darf ist ausnahmsweise gut zu nennen.

Zudem hat diese Art Ende einen weiteren Vorteil. Verglichen mit den üblichen Filmen des Komikers (mit Ausnahme von „Mein Gott, Willi“) und auch verglichen mit den Mehrteilern in „Nonstop Nonsens“ verzichtet Hallervorden auf die Action. Hallervorden ist ein stolzer Eigenstuntman, lässt sich von Drehbuchautoren unter Mitsprache chaotischste Stunt-Situationen zuschreiben, und vergisst dabei, dass man ihn wegen seiner Komik sehen will. Hallervorden schaffte es, seine großartigsten Filme „Didi – Der Doppelgänger“ und „Didi und die Rache der Enterbten“ mit diesem Heckmeck dank Pausieren der Komik abzubremsen. In „Der Experte“ wird diese Action nun durch Dramatik ersetzt, wieder kommt die Komik im Finale zu kurz. Der Wechsel ins Ernste ist in Hallervordens Politfilm allerdings konsequent zu nennen, während die Stuntszenen in den Vergleichsfilmen völlig unnötig eingebracht sind, scheinbar im Irrglauben, man müsse dem Zuschauer zum Finale hin mehr bieten als zuvor.

Auch wenn Dieter Hallervorden im Mittelpunkt steht, wie in all seinen Kinofilmen ist er nicht der einzige Pluspunkt im Darstellerbereich. Wieder einmal hat der Komiker allerhand talentierte Schauspieler um sich gescharrt, wieder einmal dürfen sie tollste Figuren verkörpern. Zwar fehlen dieses mal so schräge Gestalten wie Theo aus der Tonne oder Herr Langenhagen, die hätten in der etwas ernsteren Thematik von „Der Experte“ aber ohnehin nur bedingt hineingepasst. Mit einem guten Blick auf typische wiederholende Charaktergrundkonstellationen in der deutschen Politik werden uns hier gerade in den beiden Parteien die witzigsten Figuren vorgesetzt.

Neben Hallervorden dürfte der größte Trumpf des Filmes Walo Lüönd sein, der einen solch penetranten, unsensiblen, unehrlichen, karrieregeilen und politisch unkorrekten Kandidaten spielt, dass es eine Freude ist, ihm zuzusehen und viel mehr noch zuzuhören. Er schreit sich unsensibel einen zurecht, dass es eine wahre Freude ist sich von ihm seine Ohren vergewaltigen zu lassen. Aber auch der Gegner aus der anderen Partei, wenn auch mit wenig Auftritten versehen, ist perfekt besetzt und charakterlich perfekt ausgearbeitet. Aber so geht es so ziemlich allen wichtigen Figuren der zwei Parteien.

Die Politkomik wird im breiten Bereich umgesetzt. Ob Wahlkampfreden, private Politiker, Heuchelei, Wahlkampfsprüche/plakate, Konkurrenz, falsche Werte, Manipulation, falsche Freundschaft, fast alles was Politik so unangenehm macht wird mit eingebracht. Lediglich die politische Abhängigkeit durch Firmen und die Kompromisse mit Religion werden nur kurz angedeutet. Nebenbei bekommt noch der Bereich der Nervenheilkunde eins auf den Deckel und wird ein weiteres Mal beim Versuch der Verhaltenskorrektur Fehlgeleiteter als Anwendung von Gehirnwäsche geoutet. Manche Verbrechen geschehen halt auch heute noch vor unseren Augen, sogar mit Einwilligung der Gesellschaft.

Das faszinierende an Hallervordens Werk ist, dass diese Bereiche durch den ebenfalls anwesenden Klamauk nicht ihr Niveau verlieren. Die ernsten Thematiken gehen zwar ein wenig unter, können aber immerhin von dem Zuschauertyp, der sich nicht nur berieseln lassen will, noch immer genügend beachtet werden. Hallervorden verzichtet nicht komplett auf die großen Lacher, verzichtet nicht auf den Klamauk, den man an ihm so schätzt, wagt es aber diese Bereiche herunterzuschrauben, um sein ernstes Anliegen diesmal deutlicher zu machen als in seinem Film zuvor.

Für einige mag dies unausgegoren wirken. Der eine will das Klamaukpotential aus dem Enterbten-Streifen, der andere will eine reine Satire sehen. Wichtig ist allerdings zu beachten, dass trotz beider Komponenten beides nicht seine Wirkung verliert. Und das ist ein Kunststück, dass nicht jeder Filmschaffende hinbekommen hätte. Die Teamarbeit aus Drehbuchautoren, Hallervorden und Regisseur Reinhard Schwabenitzky (der schon „Didi – Der Doppelgänger“ inszenierte) hat in diesem Punkt echte Klasse bewiesen, auch wenn der Unterhaltungswert im direkten Vergleich zum Doppelgänger und den Enterbten etwas reduzierter ist.  OFDb

01.12.2012

MEIN GOTT, WILLI! - DIE SELTSAME KARRIERE DES HERRN GIMMEL (1980)

Willi ist ein erfolgloser Mann. Im mittleren Alter wohnt er noch immer bei seiner dominanten Mutter, im Theater steht er im Sofleur-Kasten statt auf der Bühne. Kurz bevor er unkündbar wird, verliert er auch diesen Job. Doch Willi ergattert sich einen neuen: in einem großen Kaufhaus soll er den Blitzableiter für unzufriedene Kunden mimen, indem er sich für den Leiter der jeweils betroffenen Abteilung ausgibt...

3 0 7, 3 0 7, bitte melden!... 
 
Dieter Hallervorden ist ein Mann, der in der Presse gerne auf seinen Klamauk reduziert wird, so als sei er der geistlose Clown und nur wenig talentiert. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Hallervorden lebt für das Theater, bewies sein Können in unterschiedlichsten Filmen, mal ernst („Das Millionenspiel“), meist komödiantisch („Didi – Der Doppelgänger“), gerne aber auch satirisch („Alles Lüge“). Zur letzteren Thematik hatte er lange Zeit eine erfolgreiche TV-Reihe, ebenso erfolgreich moderierte er ein mal „Verstehen Sie Spaß?“. Er synchronisierte „Die Wombles“ und im Theater, sein heutiger Schwerpunkt, ist er nicht nur in schauspielerischer Hinsicht aktiv.

Hallervorden mimt gerne den kleinen Mann, und dass er den noch unsichtbaren Umbruch der 80er Jahre und ihre neue Mentalität und Ideologie schnell erkannt hat, spiegelt sich in den meisten seiner Filme wieder, wenn nicht sogar in allen. Wer Didi-Komödie als reinen Klamauk betrachtet, hat sie nicht verstanden, und das beweist selbst der TV-Film „Mein Gott, Willi!“, der einige Jahre vor dem Beginn Hallervordens relativ kurzer aber intensiver Kinokarriere entstand.

Zwar hat der Schauspieler fast nie aktiv an einem Drehbuch mitgearbeitet (der hier besprochene Streifen stellt eine Ausnahme da), aber die Stoffe wurden auf ihn zugeschnitten, und seine Rollenauswahl war stets davon geprägt still und versteckt Gesellschaftskritik auszuüben und eben nicht nur der zappelnde Clown zu sein.

Die Geschichte von „Mein Gott, Willi!“ nimmt einige Elemente von Loriots „Ödipussi“ vorweg, wenn auch nicht so feinsinnig umgesetzt. Auf den Aspekt der dominanten Mutter, des devoten Sohnes und dessen erster Liebeserfahrung konnte man hier auch nicht so zentral achten wie im Vergleichsfilm, ging der Hauptaspekt der Geschichte doch um die im Beititel erwähnte Karriere des Protagonisten. Und deren Verlauf, angefangen beim Theater steht für eine simple Aussage: arbeite als Schauspieler nie für die Industrie und den Kommerz, denn es macht Dich unglücklich.

Dies erfährt Willi zunächst in einem erfolgs- statt kunstorientierten Theater, dass einen arroganten Halbtalentierten zum Star eines jeden Stückes erkort. Selbiges erfährt Willi, wenn er für das Kaufhaus tätig ist und gegen statt für den Zuschauer schauspielerisch arbeitet. Das macht Willi selbst unglücklich und zudem psychisch kaputt, denn die Arbeit in der Industrie ist gnadenlos. Willi muss sich vom Kunden viel gefallen lassen, hat kein Ventil für seine eigene Wut, und im späteren Teil der Geschichte erlebt er zudem wie kurz eine Karriere in der Industrie sein kann.

Nach einem kurzen Höhenflug in der neuen Karriere, geht es schnell mit ihm bergab. Die Konkurrenz ist gnadenlos und kämpferisch, schnell wird Willi gegen wen ausgetauscht dem Ethik fremd ist und der die Kunst der Arschkriecherei perfekt beherrscht. Doch dieses Erwachen in der Realität ist das beste was Willi passieren konnte. Er ist kein Mann für den Kommerz, für das kühle, berechnende Geschäft, das dafür da ist Menschen zu täuschen und zu manipulieren. Er ist ein verkannter Schauspieler. Er ist Dieter Hallervorden.

Und der hat sich ebenso wie Loriot und Helge Schneider nie dem Kommerz hingegeben, ist immer nur Projekte angegangen, die ihm am Herzen lagen, und damit steht er nicht nur auf der anderen Seite von niveaulosen TV-Komikern wie Ralf Schmitz, Markus Maria Profitlich, Dirk Bach und Co, sondern leider auch von so talentierten Menschen wie Stefan Raab, Hape Kerkeling und Oliver Pocher. Auch wenn es nicht so scheint, so arbeiten doch all diese TV-Stars gegen statt für das Publikum. Sie arbeiten für die Industrie, den Kommerz, der Manipulation des Kunden, dem Zuschauer, anstatt für ihn, so wie es der Beruf des Schauspielers und Entertainers eigentlich sollte.

Eine gehörige Portion Klamauk und anderweitiger Albernheiten lenken gekonnt von diesem ernsten Grundthema ab, und wer in die Tiefen der Geschichte eines „Mein Gott, Willi“ schielt, erkennt in erster Linie leider meist nur die Konsumkritik im Einkaufsalltag, die unübersehbar angegangen wird und kaum das Niveau der tiefergehenden Thematik besitzt. Deswegen wird der TV-Film auch gerne als in seiner Kritik missglückt bezeichnet, weil er beim Ein- und Verkaufsthema nicht scharfzüngig genug ist und eine gute Ausgangslage an schlichten Humor verschenkt.

Ich bewundere das Talent Hallervordens und ich liebe seine besseren Filme, eben weil er es wagt Tiefsinn und Klamauk zu vereinen. Zu seinen Höhepunkten filmischen Schaffens gehört „Didi – Der Doppelgänger“, „Der Experte“ und „Didi und die Rache der Enterbten“. Ein wenig schlichter geraten, wohl aufgrund der TV-Herkunft, steht „Mein Gott, Willi!“ ein wenig weiter hinten an. Aber auch er ist zu empfehlen.

Ähnlich wie in Loriots Filmen ist die Sketchorientierung noch stark zu spüren, und das braucht nicht zu wundern, wo Hallervorden doch erst vor recht kurzer Zeit vor dem Werk um Herrn Gimmel mit der Sketch-Reihe „Nonstop Nonsens“ große Erfolge feierte. Erfolge, die er später mit der „Didi Show“ noch toppen sollte.

Seine TV-Schlichtheit sieht man dem Film an jeder Stelle an, der Witz ist jedoch, dass es nicht stört oder negativ arbeitet. Das liegt in erster Linie am hervorragenden Casting rund um Hallervorden. Die Mutter reißt fast jede Szene an sich, der Konkurrent auf der Arbeit ist ein häufiger Spielpartner Didis, eines Mannes, der Professionalität in seiner Arbeit schätzt, und deshalb am liebsten Menschen um sich scharrt, denen das jeweilige Projekt ebenso ernst ist wie ihm selbst.

Bis in die kleinste Rolle weiß jeder zu überzeugen, ob es der Psychologe ist, der Theaterstar, die zukünftige Geliebte Willis, bis hin zum maulenden Gaststättengast, der sarkastische Sprüche über Willis Thermoskanne auf den Zuschauer regnen lässt. Auch wer den Schauspieler hinter der Synchronstimme Bud Spencers einmal sehen möchte ist herzlich eingeladen, sich „Mein Gott, Willi!“ einmal anzugucken, einen Film der sicherlich albern, aber auch liebevoll umgesetzt ist.

„Mein Gott, Willi!“ bringt mich trotz seltener Ausrutscher in Peinlichkeiten immer wieder zum lachen. Seine Geschichte ist ebenso interessant wie die Figuren, der Witz treffend, die Besetzung geglückt und der ernste Hintergrund fein versteckt und nicht auf die Nase gedrückt. Kleiner Mann, bleib Deinen Prinzipien treu und verkaufe Dich nicht. Schön dass Hallervorden sich daran großteils gehalten hat und sich somit einen Platz neben den Größen Loriot und Helge Schneider gesichert hat.  OFDb