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30.10.2022

DARK GLASSES - BLINDE ANGST (2022)

Als es hieß, dass Regie-Legende Dario Argento nach 10 Jahren Schaffenspause einen neuen Film abgeliefert hat (und zudem noch einen Giallo), habe ich mich sehr gefreut. Zwar hatte der gute Mann bereits seit 20 Jahren keinen guten Film mehr gedreht, mit Werken wie "Giallo" nur mittelmäßiges Kino abgeliefert und mit "Mother of Tears" ausgerechnet den letzten Teil der "Suspiria"-Trilogie komplett vergeigt, aber viele Künstler entsinnen sich im Alter einer Stärke, die sie eine Zeit lang verloren haben. So erhoffte ich dies auch bei Argento, den ich auch in schwachen Zeiten nichtsdestotrotz respektierte. Warum "Dark Glasses" (Alternativtitel) eine Enttäuschung, anstatt eine Rückkehr zu alten Ufern ist, könnte sich in der privaten Ansprache vermuten lassen, welche der italienische Thriller- und Horror-Regisseur auf dem Mediabook unter den Extras spricht. Hier begegnet uns kein in Würde gealterter, weiser Mann, sondern leider ein seniler. 

Und das passt leider zum vom ihm verfassten Drehbuch zu "Occhiali neri" (Originaltitel), welches mit Fortschreiten einer zunächst interessant klingenden Geschichte immer willkürlicher und unreflektierter wird, keinen durchdachten, tiefer analytisch betrachteten Kurs fährt, und leider auch auf Trivialebene nicht punkten kann, bei den Fehlern die es begeht. Dass eine Blinde mit einem Kind, das Traumatisches erleben musste, zusammen arbeitet, hätte zu vielen Möglichkeiten führen können, mit welchen ein gewitzter Geschichtenerzähler hätte jonglieren können. Abgesehen davon dass unsere Heldin gelegentlich auf der Flucht vor Gegenstände läuft und stolpert, oder alternativ vom Kind als Blindenhund geführt werden muss, fällt Argento leider nichts zu der theoretischen Hetzjagd ein, welche beide auf der Flucht vor einem Serienmörder durchleben müssen. Ebenso gut hätte ein Clown mit einer Schlittschuhläuferin das hier Gezeigte erleben können, es spielt für den analytischen Bereich, ja nicht einmal für die dramaturgische Charaktervertiefung, keine Rolle. Die Figuren akzeptieren schnell wer sie sind und was der andere meint zu brauchen. Sie agieren nie clever und besitzen so wenig Motivation wie der Killer, der die beiden als unbrauchbare Zeugen nicht beseitigen müsste und ohnehin keine unheimliche Ausstrahlung zu versprühen vermag. 

Damit dieser Unsinn im Leerlauf ab der zweiten Hälfte dem weniger anspruchsvollen Zuschauerteil kaum auffällt, oder es ihm egal wird, baut Argento einige reißerische Unnötigkeiten ein, wovon die Attacke von Wasserschlangen zu den unsinnigsten zählt. Das wäre ein schöner, unnötiger Schauwert bei packender Umsetzung, wie die Haiattacke auf einen Zombie bei Fulcis "Woodoo", so wie dargeboten schaut es sich jedoch wie ein Verzweiflungsakt um Individualität, es ist ein Armutszeugnis. Schade ist es um die erste halbe Stunde, die stimmig erzählt ist, wenn auch meist durch die gut funktionierende, absichtlich reißerisch eingebrachte Hintergrundmusik, und durch eine Erwartungshaltung aufgrund der Figurenkonstellation eines unfreiwilligen Personendreiecks. Diese Erwartungshaltung verfliegt jedoch mit willkürlichen Erlebnissen und zu schnellen Tötungen von Nebenfiguren, und das dünne Gerüst, welches nach dem Verlassen der Zuschauermotivation übrig bleibt, mutet zu episodenartig und willkürlich an, als dass es einen packen könnte. Kurz vor dem letzten Drittel dachte ich noch, Argento würde noch einmal den Bogen kriegen, sich das atmosphärische Hoch für das Finale aufsparen und dort doch etwas mehr Tiefsinn durchblitzen lassen. Aber nein, der Schluss befriedigt nicht, wird ohne großen Spannungsbogen abgefrühstückt, und zurück bleibt eine unnötige, nicht wirklich erzählenswerte Geschichte in mauer, manchmal sogar unsinniger Umsetzung. Ich war mehr als enttäuscht von diesem plumpen Thriller.  OFDb

03.10.2019

LAND OF THE DEAD (2005)

Als mit "28 Days Later" und "Dawn of the Dead" eine neue Zombiewelle im Kino losgetreten wurde, da kehrte auch der Schöpfer der Kreaturen, George A. Romero, zurück, besann sich im Gegensatz zu den Konkurrenzprodukten wieder auf die unheimlichen schleichenden Toten und servierte uns mit "Land of the Dead" den vierten Teil von "Die Nacht der lebenden Toten". Wie schon in den Vorgängern, wird das Jahrzehnt der ersten Teile nicht beachtet, man orientiert sich am Jetzt, ansonsten geht Romero wie immer einen Schritt weiter. Erfuhren wir in dem 20 Jahre zurückliegenden "Zombie 2", dass Zombies lernfähig sind, so geht der Schöpfer dieser Reihe nun einen Schritt weiter und lässt die Untoten Werkzeuge benutzen, zeigt uns, dass sie sich durchaus organisieren können und Beobachtetes nachahmen können. Ich weiß noch wie enttäuscht ich beim Erscheinen von "Land of the Dead" war, fand ich ihn doch bereits in seinen ersten Denkansätzen undurchdacht und überhaupt nicht kompatibel mit den Geschehnissen der Vorgänger. Nachdem ich den Film kürzlich erneut gesichtet habe, war ich vollkommen überrascht was für ein tolles Werk Romero noch einmal gelungen ist. Sicherlich ist es nicht frei von Fehlern und meiner Meinung nach auch der schwächste Teil der Reihe, aber mittlerweile empfinde ich ihn als tatsächlich gelungen, vielleicht auch weil ich ihn nicht mehr nur mit Werken der ersten Zombiefilmwelle vergleiche, sondern jetzt auch einen Blick auf das werfen konnte, was danach kam. Da waren immerhin einige Produkte dabei, die einem den Blick erweiterten was innerhalb einer lang andauernden Zombiewelle möglich sein kann, was einem zuvor bei beschränkter Wahrnehmung unmöglich erschien.

Da "Land of the Dead" nie verrät wie lang die Epidemie bereits um sich greift, kommt sein Aufhänger gar nicht so weit hergeholt daher, wie ich ihn einst empfunden habe. Da existiert eine Stadt, die wieder Strom, Benzin, eine Armee und Waffen besitzt, Menschen haben sich organisieren können, um sich gemeinsam vor der grausamen Außenwelt zu schützen, und scheinbar sind seit dem einige Jahre vergangen, denn immer mehr unterschätzt man die Gefahr, die von den Zombies ausgeht. Romero gibt viel von dem vor, an dem sich "The Walking Dead" seit der sechsten Staffel bedient, erneut beweist er innerhalb seines Themas Weitsicht. Zudem zeigt er uns mit dem Zelebrieren scheinbar nebensächlicher Prozesse, dass er noch immer die Detailfreude und den Spannungsmoment eines "Zombie" beherrscht, so wie dort sowohl die Hauptgeschichte betreffend, als auch solch hervorragende Momente, wie jenen an der Brücke. Zudem weiß Romero noch immer gekonnt mit Wendungen und Ekelszenen zu schocken, weiß in welchem Grade das Einbringen Letztgenannter für einen Film förderlich ist und vernachlässigt dort wie anderswo nicht den kreativen Aspekt. "Land of the Dead" ist angereichert mit vielen originellen Ideen, die meist im Hintergrund zu entdecken sind, inklusive einer liebevollen, aber gut versteckten Hommage an "Shaun of the Dead", die ich ohne das Lesen des Abspanns wohl nie entdeckt hätte. Und einer Wiederkehr des von Tom Savini verkörperten Rockers aus Teil 2 gibt es auch ganz nebenbei mitzuerleben.

Natürlich ist nicht alles Gold was glänzt. Die finale Entscheidung die Zombies betreffend ergibt auch in ihrem intelligenteren Zusammenleben keinen Sinn, frisch Verstorbene werden ebenso intelligenter wie jene Zombies, die diesen Zustand schon lange besitzen und bei denen dies dementsprechend Sinn ergibt, und warum in der neu aufgebauten Stadt erneut Geld einen Wert besitzen soll, ist auch nicht wirklich nachvollziehbar. Auch ist der Fortschritt der Intelligentserlangung zu rasant gesetzt, was aber auch daran liegt, dass "Land of the Dead" in nur wenigen Stunden spielt, und so gekonnt wie das Drehbuch uns die restlichen Hintergründe, Ereignisse und Charakterzeichnungen in solch kurzem Zeitraum serviert, verzeiht man dieses Makel gerne. Eine gut besetzte Zuschauerriege, inklusive eines interessanten Staraufgebots mit Dennis Hopper und Asia Argento, machen den eh und je gesellschaftskritischen Umgang dieser Thematik Romeros zu einem glatt laufenden, kurzweiligen und noch immer hintersinnigen Stück Film, der tatsächlich kompatibel mit den drei Vorgängern ist. Manche Fehler in der Logik verzeiht man gern, Klischees ebenso, da sie sich toll in die Geschichte integrieren und "Land of the Dead" mit seinem zwei Schichten-Modell zumindest nicht moralisch daher kommt. Jede Figur, egal in welcher Position, handelt innerhalb des ihr angedichteten Charakters nachvollziehbar, Gut und Böse existiert meist in einer Person, in all diesen Bereichen guckt sich der Streifen überraschend unamerikanisch. Nach dem Erfolg des hier besprochenen Filmes entschied sich Romero mit "Diary of the Dead" keine Fortsetzung zu drehen, sondern einen alternativen Anfang der Epidemie zu Teil 1. Das war sicherlich keine gute Entscheidung, andererseits fröstelt mich die Vorstellung, was er nach den Erkenntnissen von "Land of the Dead" wohl im nächsten Film aus dem Zombies gemacht hätte. Ich glaube es ist somit gut, dass die Reihe chronologisch gesehen mit Teil 4 ihr Ende fand, bevor sie zu unsinnig geworden wäre.  OFDb

05.04.2018

DANCE OF THE DEMONS 2 (1986)

Sehgewohnheiten verändern sich, angebliche Erinnerungen verwundern. So hätte ich darauf schwören können, dass sich Teil 1 und 2 von Lamberto Bavas Dämonenfilmen ziemlich ähnlich schauen, bei leicht variierten Plot. In Wirklichkeit offenbart der hier besprochene Film, der in Deutschland zunächst als "Dämonen" erschien und der Teil 1 auf Video merkwürdiger Weise mit dem Titel "Dämonen 2" nachgeschoben bekam, recht deutlich, warum es der Horrorfilm Ende der 80er Jahre so schwer hatte, an welchen Krankheiten er oftmals zu dieser Zeit litt und warum Werke wie diese nicht mehr ernst genommen werden konnten.

Dabei fängt alles zunächst einmal ursympathisch an, wenn "Dance of the Demons 2" seinen Vorgänger augenzwinkernd, aber nicht humoristisch angereichert, mit dem im Fernsehen laufenden Horrorfilm fortsetzt, anstatt die Geschehnisse von dort der Realität der Fortsetzung zuzuschreiben. Die Epidemie der Fortsetzung wird quasi durch ein fiktives im TV ausgestrahltes Sequel von "Dance of the Demons" ausgelöst. Wer daran und am Zerstören diverser Fernsehmonitore im Finale eine Kritik an der ollen Flimmerkiste sieht, müsste Bava selbiges bezüglich Teil 1 zum Thema Kino vorwerfen, und dies wird wohl kaum der Fall sein, zumal sich "Dance of the Demons 2" an keiner weiteren Stelle irgendeine Form von Gesellschaftskritik erlaubt.

Das soll er auch gar nicht. Wer "Dance of Demons" sah und mochte, der möchte dort Gesehenes verändert noch einmal sichten. Doch auch wenn der Plot und allerlei Parallelen dieses Versprechen einzuhalten scheinen, so finden sich in den Details doch die entscheidenden Unterschiede, die Teil 2 nicht zu solch einer Party werden lassen, die Teil 1 mit ein wenig Wohlwollen im Erwachsenenalter noch fähig war zu entfachen. Das beginnt bei dem weit weniger wirksamen Hauptscore, der wesentlich hektischer ausgefallen ist, das zeigt sich weiter in den Verwandlungen der Menschen in Dämonen, die nicht mehr so eitrig, glibberig und glitschig ausgefallen sind, das zeigt sich im zurückgeschraubten, nicht mehr so detailverliebten, Härtegrad dank weniger Goreeffekte, und dass die Horde Amok laufender Dämonen nun eher wie die belustigende Zombievariante aus "The Return of the Living Dead" wirkt, steht Argentos produziertem zweiten Streich auch nicht gerade gut. Hier fehlt es im Gegensatz zum Vergleichsfilm sowohl am humoristischen Grundton, als auch an den düsteren Stellen, die Humoreinfluss stützen können ohne damit den Spannungsgehalt eines Horrorfilms komplett zu zerstören. Das Verhalten der dort wirksamen Kreaturen hier angewendet wirkt lächerlich und kratzt gewaltig am Vorhandensein einer spürbaren Gefahr.

"Dance of the Demons" war alles andere als ein durchdachter Film. Auch dort schleuderte man sinnlos diverse Ideen durch die Gegend, Logiklücken in Kauf nehmend, aber im Gegenzug dafür für gute Stimmung sorgend. In Teil 2 ist man um Selbiges bemüht. Das Treiben schaut sich gar weniger monoton als im Vorgänger. Trotzdem hat dieser als Gesamtes besser funktioniert, zumal er sich flotter schaut. "Dance of the Demons 2" mangelt es noch mehr an Sympathiecharakteren als in Teil 1, und seine Idiotien kratzen mehr am Unterhaltungswert als all der Unsinn des vorangegangenen Filmes. Die Todesfalle Hochhaus ist in all ihren Extremen (Panzerglas, nicht per Hand zu öffnende Fenster, komplette Elektroniksteuerung) alles andere als glaubwürdig, ein nostalgischer Ort wurde in der Fortsetzung gegen einen kalten, modernen ausgetauscht, mit dem man nicht warm wird. In der Tiefgarage entzündet man ein großes Feuer, um sich die Dämonen vom Hals zu halten, ohne dass der Rauch sich ausbreitet und somit auch für den Menschen gefährlich wird. Es breitet sich zu viel Blauäugigkeit aus, um dem viel zu fehlerhaften Film Wohlwollen entgegen bringen zu können, zumal andere Gymmicks, wie das dämonenbesessene Kind, der mutierte Hund und der Mini-Dämon, der aus dem Kinderdämon herausbricht, ebenfalls nicht wirken wollen. Letztgenannter biedert sich der "Gremlins"-Welle an und schaut aus wie einer von Bands Ghoulies.

Ebenso wie Teil 1 schaut sich Teil 2 vor dem Ausbruch der Dämonenseuche besser als danach, nur dass diesmal nach einem sympathischen Einstieg nicht mehr viel funktionieren möchte. Sicherlich bietet auch die Fortsetzung genügend Tempo und einige sympathische Ausnahmeszenen, aber wenn die wichtigsten Faktoren nicht mehr funktionieren wollen, bleibt das Ergebnis dennoch recht dünn. Nicht einmal die leuchtenden Augen der Dämonen wissen diesmal zu wirken. Wie auch, wenn eine Horde unfreiwillig lächerlich dargestellter Mutanten in einem so gar nicht atmosphärisch düsterem Szenario immer wieder wirkt wie aus einem Cartoon entlaufen? Auch wenn der im TV ausgestrahlte Horrorfilm zu Beginn eher augenzwinkernd gemeint ist, so hätte ich doch lieber ihn weiter geguckt als das eigentliche Werk, schaut er sich doch trashig und atmosphärisch zugleich. Sowohl die Erweckungssequenz des Dämonen dort, als auch die Idee in den Ruinen einer damals dämonenbehausten Stadt unterwegs zu sein, ließ sich trotz naiver Erzählung weitaus stimmiger gucken als die Monsterhatz im Hauptplot, welcher der Partytouch des Erstlings fehlt. In der deutschen Synchronisation gefällt sogar der Off-Kommentar der fiktiven Fortsetzung des Originals innerhalb der Fortsetzung, wird die Stimme doch manch einer meiner Generation von damaligen Kinderhörspielplatten und -kassetten her wiedererkennen.  OFDb

09.07.2015

TRAUMA (1993)

Dass das US-Debüt des italienischen Kult-Regisseurs nicht ganz so düster ausgefallen ist wie die Vorzeige-Werke des Giallo-Experten Dario Argento, stört mich an „Trauma“ nicht wirklich, passt die Grundstimmung doch gut zum Erzählten und ergibt sie im Gesamten doch eine durchgehend konsequente Atmosphäre. Selbst in augenzwinkernden Momenten, wenn man zu belustigter Hintergrundmusik das psychische Leiden eines kleinen Nerds begleiten darf, der neben dem Killer wohnt und dessen Mutter seine Beobachtungen so wenig ernst nimmt, wie den Rest von dem was er tut ebenso, bricht diese Atmosphäre nicht ab. Dieser leichte Anflug von Humor tut dem Streifen sogar gut, auch wenn man das in einem Argento-Film zunächst nicht meinen sollte.

Was mich an „Trauma" stattdessen stört ist die etwas zu holprige inhaltliche Inszenierung. Warum ergibt erst die etwas überkonstruierte und durchs Überagieren im Schauspiel auch etwas enttäuschende Auflösung Sinn darüber, warum Auras Eltern vom Kopfsammler getötet wurden? Warum fügt sich dies nicht bereits in jenem Zusammenhang ein, auf den das zentrale Pärchen bei ihren Ermittlungen stößt, um diesem Todesfall nicht bereits im Vorfeld eine gesonderte Position zu schenken? Und warum fällt niemandem diese gesonderte Position innerhalb der sonstigen Mordopfer auf? Und warum kümmert sich die Handlung um solch wenige Personen, so dass gar nicht erst viele Menschen in Frage kommen der Köpfer zu sein. In anderen Werken Argentos ermittelten Privatpersonen zwar auch parallel zur Polizei, nur durften wir dort auch mehr von den Gesetzeshütern mitbekommen.

Zudem ist es für den Zuschauer nie wirklich nachvollziehbar warum wer glaubt Aura gehöre in die Klinik oder nicht. Warum hilft David, wenn sein Charakter doch nicht naiv gezeichnet ist, es aber keinen Grund gibt den Misshandlungsvorwürfen Auras das Klinikpersonal bezüglich zu glauben? Und warum kommen die Übergänge von Klinik und Freiheit so ruppig daher? Warum ist es so einfach aus einer solchen Klinik zu fliehen, und warum stößt die Polizei erst so spät auf David und Aura, die sich nicht nur arg verdächtig machen, sondern auch Spuren hinterlassen? Und der Zusammenhang zwischen den Opfern ist so leicht zu entdecken, dass die Polizei längst weiter mit ihren Ermittlungen sein müsste, als das junge Pärchen. Warum ist dem nicht so?

Aus dem Medienberuf Davids und dessen Kontakte zu den Mitarbeitern dort wird nichts herausgeholt, was für die Geschichte von Vorteil wäre. Widersprüche werden für den Effekt gerne in Kauf genommen und nach einer Wende der Geschehnisse nicht ins Reine gebracht (wie kamen die Köpfe in den Kofferraum?), und zu allem Überfluss beginnt „Aura - Trauma“ (Alternativtitel) mit einer noch übler getricksten Köpfungsszene als seinerzeit jene in „Fahrstuhl des Grauens“. Noch unnatürlicher konnte der Kopf nicht gestaltet werden, dem man nie glauben würde dass die schwarz aufgepinselte Schicht die Haut sein solle. Und das in einem Film, in welchem Tom Savini für die Spezialeffekte verantwortlich war? Nun ja...

Ärgernisse gibt es zu genüge, und so tut es gut, dass Argento wenigstens die Grundstimmung im Griff hat. So kann man „Aura‘s Enigma“ (Alternativtitel) zumindest trotz aller Unsinnigkeiten interessiert bis zum Schluss hin verfolgen, zumal einen freilich auch des Rätsels Lösung interessiert, welches diesmal jedoch nicht in solch interessantem psychologischem Zusammenhang vergangener Erlebnisse steht wie üblich in Argentos Filmen. Zugute kommt „Trauma“ im übrigen auch die sehr niedliche Besetzung der damals noch recht jungen Asia Argento, die sich hier schauspielerisch schon zu beweisen weiß. Hut ab! Und wenn Papa Argento dem Publikum dann noch eine kleine Nackedei-Szene mit der Teenagerin schenkt, ist zumindest der männliche Zuschauer für einen Augenblick zufrieden gestellt.  OFDb

06.07.2015

THE STENDHAL SYNDROME (1996)

Nach seinem erfolglosen selbstproduzierten Versuch mit „Trauma“ in Amerika Fuß zu fassen, lieferte Dario Argento, Schöpfer solcher Werke wie „Suspiria“ und „Profondo Rosso“, drei Jahre später mit „The Stendhal Syndrome“ sein Folgewerk ab, welches er wieder wie einst in Italien produzierte. Auf Nummer Sicher ging er für seine Rückkehr nicht, lieferte er doch keinen klassischen Giallo ab, jene Gattung Film für die sein Name Pate steht. Stattdessen serviert er uns eine wirre Erzählung, die fast schon solch phantastische Elemente wie „Phenomena“ enthält, auch wenn man sie versucht mit einem Krankheitsbild zu erklären.

Der Film steigt zunächst mit einer Szene ein, in welcher über mehrere Minuten nicht gesprochen wird. Wir werden Zeugen des Stendhal Syndroms. Wir dürfen mit der Protagonistin miterleben wie Bilder in einem Museum sich zu verselbstständigen scheinen, dürfen die Geräuschkulisse während eines solchen Anfalles miterleben, bis es schließlich zum Zusammenbruch unserer Heldin kommt. Die nächste entscheidende Szene, welche dieser folgt, gibt sich noch rätselhafter, wird doch nun ein Gemälde im Hozelzimmer der in Florenz zu Gast agierenden Polizistin zu einem Tor durch welches sie schreitet, woraufhin sie auf den gesuchten Serienkiller trifft, der gerade mit seinem nächsten Opfer beschäftigt ist.

Nun ist dieser Moment jedoch keine Vision wie einer jener vergleichbaren Momente aus Wes Cravens „Shocker“, im Nachhinein erfahren wir dass Anna tatsächlich vor Ort war und auch gleich von dem Serienkiller vergewaltigt wurde. Mag sein dass es daran liegt dass ich nicht die Langfassung des Streifens gesehen habe, aber wirklich gekonnt wird der Zuschauer hier nicht an die Hand genommen, so dass es einer Überraschung gleicht im Laufe der Zeit zu erfahren, dass hier kein Irrtum oder eine traumatische Täuschung vorliegt, sondern dass die Vergewaltigung tatsächlich stattgefunden hat.

Die Erzählung stellt dies glücklicher Weise dennoch zügig klar, was sonst fatal gewesen wäre, so entscheidend begangene Tat für den weiteren Verlauf des Streifens ist. Dieser schaut sich eigentlich wie zwei Filme und erzählt in der ersten Hälfte davon wie die Polizistin von jenem Täter im Griff gehalten wird, den sie eigentlich jagt, bis es schließlich in Gefangenschaft geraten zur Gegenwehr kommt. Die zweite und wesentlich interessantere Hälfte beschäftigt sich nun damit, dass die Bedrohung weiter geht, jedoch nicht klar ist ob der uns bekannte Täter tot ist oder nicht.

Erst in der zweiten, etwas regulärer erzählten, Hälfte, die sich kaum noch für das titelgebende Stendhal Syndrom interessiert, wird der Streifen zum klassischen Giallo und auch ab hier erst so richtig gut, da der Film bis hier hin etwas zu umständlich und teilweise auch zu bemüht erzählt ist. Die Gefangenschaft wirkt wie ein halbherzig angegangener Storyaspekt, ohne den es nun einmal nicht geht. Die Befreiung aus dieser ist zumindest in der von mir gesichteten Kurzfassung nicht nachvollziehbar. Und die phantastisch anmutenden Sequenzen des Bildereintauchens wirken zwar surreal und wissen trotz mancher sich heutzutage erbärmlich anschauender Computersequenzen ein gewisses Interesse zu wecken, aber letztendlich wirken sie doch zu aufgesetzt, so als wolle man der Geschichte viel zu aufgezwängt eine besondere Basis schenken. Die wesentlich idiotischere Idee aus „Phenomena“, dass die Heldin dort mit Insekten kommunizieren konnte, wirkt dort wesentlich stimmiger und für die Geschichte förderlicher eingebracht, als der nachvollziehbarere Aufhänger des hier besprochenen Filmes.

Sehenswert ist die erste Hälfte von „La Sindrome di Stendhal“ (Originaltitel) mit etwas heruntergeschraubten Erwartungen trotzdem allemal, allein schon um den Wandel von Annas Persönlichkeit mitzukriegen, der, und das finde ich eine hervorragende Idee, über andere festgestellt wird, denn die Ur-Anna durften wir als Zuschauer ja nur rein optisch kennen lernen. Damit fällt uns Zuschauern aber auch die Identifikation mit der vergewaltigten Anna leichter, die in großer Gefahr schwebt, während sie gleichzeitig verarbeiten muss was ihr geschehen ist.

In der zweiten, etwas kürzeren Hälfte der Geschichte darf man nun rätseln was es mit der aktuellen Bedrohung auf sich hat. Ist Anna geistig so abgedriftet, dass ihr die Taten selbst zuzutrauen sind? Lebt der Ur-Killer noch? Gibt es jemandem im nahestehenden Umfeld Annas, der als Trittbrettfahrer tätig wird? Hier kämen ein eifersüchtiger Ex-Freund und ein zwielichtig wirkender Psychiater als Idealtäter in Frage. Vielleicht ist es aber auch wer ganz anderes? Es ist zwar etwas schade, dass am Ende die wahrscheinlichste Variante auch die tatsächliche Auflösung ist, aber trotzdem schließt der Film damit sehr gekonnt, auch stilistisch im Übergang, wenn Argento uns in den Abspann entlässt.

Gegen Ende bekommt man ohnehin den Eindruck, dass Argento mit einer offensichtlichen Tatsache spielt, so als wüsste er, dass der Zuschauer die Auflösung weiß. So oder so kann der Schluss überzeugen, und der Restfilm kann es trotz einiger Abstriche auch, auch wenn sich „The Stendhal Syndrome“ nicht so flüssig schaut wie die richtig guten Arbeiten Argentos. Fünf Jahre später, mit dem umstrittenen „Phantom der Oper“ zwischendurch eingereicht, lieferte er mit „Sleepless“ wieder einen klassischen Giallo ab, schlichter in seinen Schwerpunkten, aber auch flüssiger inszeniert und mit besserer Auflösung versehen. Rein vom künstlerischen Aspekt her gesehen ist jedoch „The Stendhal Syndrome“ wesentlich gewitzer ausgefallen als diese Standard-Ware, was sich nicht nur in den eingebildeten Fantasy-Sequenzen zeigt, sondern auch in manchem Schattenspiel, manch blutiger Sequenz und in vielen anderen großartig eingefangenen Aufnahmen.  OFDb

26.12.2012

MOTHER OF TEARS (2007)

Das laute Aussprechen der Innschrift einer kürzlich bei Ausgrabungen entdeckten, antiken Urne erweckt eine Hexe, die sogleich Terror und Gewalt über Rom bringt. Die Tochter einer verstorbenen weißen Hexe soll die Böse aufhalten...

Argentos Esoterik-Kitsch... 
 
Jahre lang haben die Fans auf diesen Film gewartet. Die Erwartungen waren sicherlich ebenso hoch wie die Skepsis. Immerhin liegen 27 Jahre zwischen Teil 3 und Teil 2 von Argentos Mutter-Trilogie. Ich selbst habe bislang nur „Suspiria“ gesehen und kann dementsprechend nur Vergleiche zu diesem ziehen. Insgesamt betrachtete ich „Mother Of Tears“ jedoch unabhängig für sich, eben weil sich das Medium Film in all den Jahren zu sehr verändert hatte und ein Vergleich mit Hochglanzbildern zum gruseligen Stil der 70er Jahre einfach unfair gewesen wäre.

Recht stimmig fängt Argentos dritter Hexenfilm an. Die Musik weiß zu packen, der Vorspann wird begleitet von alten religiösen Bildern, die sich mit dem Bösen befassen. Auch der Abspann bietet einem in diesem Punkt einiges an interessantem Material.

Die Erweckung der Hexe wird in einer diesmal nicht ganz so lange zelebrierten Szene gezeigt, wie die typischen Startsequenzen anderer Argento-Filme, aber er lässt sich für das Entstehungsjahr gesehen dennoch etwas Zeit. Eine gewisse düstere Stimmung kann man dieser Szene auch nicht abstreiten, die plötzliche Anwesenheit Gläubiger, die eine schwarze Messe zelebrieren bringt jedoch den ersten Bruch in der Atmosphäre. Hier ersetzt der Regisseur nun die Grundstimmung mit blutiger Aktion, das enttäuscht ein wenig.

Wieder wett macht es der gute Mann dafür mit einer netten und ungewöhnlichen Verfolgungsjagd durch das Museum. Hier wird unsere Heldin von einem Affen verfolgt, ein Tier, das den kompletten Film lang noch auftauchen und für die Seite des Bösen tätig sein soll. Damit bildet er eine Art Gegenpol zu dem hilfsbereiten Affen aus „Phenomena“, der zwar ebenfalls ein Argento-Film ist, aber keiner der drei Mütter-Trilogie. Dennoch ist dies nicht der einzige Punkt, der einen zu diesem fantasyangehauchten Horrorklassiker schielen lässt. Hier wie dort erhält die Heldin Hilfe von einem im Rollstuhl sitzenden Gelehrten, und auch das Baden in eklig schleimigen Geglibber wird zu einer Parallele mit „Phenomena“.

Das Ende der Affen-Verfolgungsjagd verweist darauf, wie es mit dem Film ungefähr weiter gehen wird, und da tut sich nun eine Enttäuschung auf, die ich bei Argento so nie erwartet hätte. Der italienische Horrorregisseur springt auf den Zug des meist vom weiblichen Publikum konsumierten Esoterik-Kitsches auf und erzählt nun die Geschichte einer weißen Hexe, die nicht weiß dass sie eine ist. O.k., da könnte man etwas draus machen, wenn man das Thema nicht so herzerschmerzend umsetzen würde wie Mr. Argento, der stets die tote Mutter aus dem Jenseits mit der Tochter kommunizieren lässt, so dass inmitten von Kitsch das Gefühl einer echten Bedrohung kaum aufkommt.

Und das ist sehr schade, denn die Geschichte aus zweiter Reihe ist endlich mal das, was ich theoretisch gesehen schon lange Zeit erhofft hatte: Eine Hexe verbreitet Terror, und das nicht nur versteckt oder in einem kleinen Radius. Die Dame der schwarzen Magie infiziert fast ganz Rom. Gewalttaten auf den Straßen werden Alltag, die Menschen rauben und beschimpfen sich, der Hass liegt in der Luft.

Argento weiß dieses Szenario nur in Aktion einzufangen. Er beachtet diesen Punkt einfach zu wenig, als dass der Wandel in Rom atmosphärisch auf den Zuschauer übergreifen könnte. Wie muss es sein während des Wandels in Rom zu hausen? Welche Angst müssen die letzten Normalen durchleben? Fragen die Potential für nervenkitzelnde Momente gehabt hätten, Fragen die Argento komplett ignoriert, eben weil er sich auf andere Schwerpunkte konzentriert.

Das wäre auch okay, sofern diese Schwerpunkte ähnlich Interessantes aufweisen könnten, tun sie aber nicht. Sicherlich ist es nicht ganz verkehrt, bei einer Hexe die öffentlicher tätig wird als ihre Artgenossen anderer Horrorfilme, jemand übernatürlich Begabtes auf die Bedrohung loszulassen. In „Suspiria“ kämpfte eine Durchschnittsperson gegen das Übel, diesmal ist es halt eine weiße Hexe. Sieht man aber dann, durch welche Aktion die Heldin von Teil 3 den Sieg erringt, hätte man sich den kompletten, ohnehin schon nervigen, Esoterik-Kitsch auch sparen können, und doch wen Menschliches auf die Bedrohung loslassen können.

Ohnehin ist die Hexe viel zu leicht zu besiegen. Da mag nun wer gegen halten, in „Suspiria“ wäre es ähnlich gewesen. Dort war es jedoch sinnig, immerhin war es die Hexe dort gewöhnt, dass Menschen auf ihre Manipulation hereinfielen. Die Hexe in „Mother Of Tears“ feiert eine Orgie und ist dabei so abgelenkt, dass sie nicht einmal den Angreifer bemerkt, der ja nun auch nicht gerade 20 cm von ihr entfernt steht, sondern einen gewissen Anlauf benötigte. Ach bitte...!

Stilistisch ist das Finale von Teil 3 zumindest stark an „Suspiria“ orientiert. Das beginnt bereits mit der Taxifahrt zum Hexenhaus, das nicht nur durch den Inhalt, sondern auch durch Optik und Musik an die Szene erinnert, in der die Rolle der Jessica Harper sich auf den Weg zur Ballettschule macht. Das ist eine nette Verbeugung zu Argentos bestem Film, leider aber auch viel zu spät, um nun noch das Wohlwollen des Zuschauers zu erhaschen. Nun ist es zu spät, um gruseln zu wollen. Hier guckt man den Film bereits viel zu theoretisch und viel zu enttäuscht, als dass die an sich recht gute Inszenierung vom Finale noch etwas reißen könnte.

Im Hexenhaus angekommen orientiert man sich weiterhin an „Suspiria“, diesmal am Finale. Schriftzüge auf den Wänden, das innere Unbekannte des Hauses, nicht wissen was man tut wenn man erst einmal dort ist, usw. Jahre später präsentiert uns Argento heftigere Bilder. Sah man in „Suspiria“ noch eine recht harmlose Hexenzeremonie, darf man in „Mother Of Tears“ eine Orgie sichten, die an Perversion kaum zu überbieten sein dürfte und mit wirklich großartig eingefangenen Momenten zu schocken weiß.

Der Tod der Hexe und der Zustand ihrer Behausung nach dem Ableben sind ebenfalls nah an „Suspiria“ orientiert. Den Fehler Argentos dritten Teils diesbezüglich habe ich ja weiter oben erwähnt.

Was soll man sagen? Das war so gar nichts! Falsche Schwerpunkte, übler Kitsch, und selbst die Bedrohung verliert an Wirkung, wenn man die gestilten Junghexen durch die abgründigen Straßen Roms umherziehen sehen darf, wo sie doch mehr wie pubertierende Gören mit halbstarkem Getue wirken, als wie unheimliche Gegner mit düsterer Aura.

Das schlechte Ergebnis ist zudem schade, wenn man Argentos Arbeit außerhalb der Geschichte betrachtet. Der Soundtrack darf als gelungen und unterstützend betrachtet werden, die Bilder bieten wieder einige Überraschungen, halt typisch Argento, und auch sonst ist „Mother Of Tears“ handwerklich vollkommen in Ordnung. Aber weder die Geschichte wusste zu gefallen, noch konnte sie den Zuschauer atmosphärisch anstecken. Dafür waren die guten Teile der Story auch viel zu ruckartig und grobklotzig eingebracht. Wo ist Argentos sensibles Fingerspitzengefühl für Grusel hin, das „Suspiria“ zu einem solch unheimlichen Erlebnis machte?  OFDb