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20.06.2021

EINE FRAGE DER EHRE (1992)

So sehr "Eine Frage der Ehre" auch zwei cineastische Bereiche vereint mit denen ich mich schwer tue, als da wären die Hollywood-Blockbuster-Dramen sowie pro-militärische Blickwinkel, ich liebe diesen Film als Ausnahme von der Regel. Nicht nur dass seine Story weit erzählenswerter ist, als es zunächst den Anschein macht, zudem ist Regisseur Rob Reiner ein guter Geschichtenerzähler, die vielen eingekauften Stars füllen ihre keineswegs sympathischen, aber interessanten Rollen gekonnt aus (freilich mit Ausnahme von Tom Cruise, der zu dieser Zeit mimisch noch gar nichts konnte), und der Dramenbereich kommt weder typisch märchenhaft, noch theatralisch daher. Er ist Hollywood-geschönt, damit alles klassisch erzählenswert bleibt, keine Frage, aber das geht klar bei solch hohem Unterhaltungswert und ist damit gerne verziehen. "A Few Good Men" (Originaltitel) schaut man nicht als authentisches Drama, er soll Kino sein, wenn auch welches, das sich mit nachvollziehbaren Problemen auseinandersetzen soll. 

Die militärische Mentalität wird auf die jeweilige Figur angepasst, Extremisten werden deutlich als solche benannt, die Hauptfigur betrachtet den Militärapparat augenzwinkernd als Aufstiegsmöglichkeit, ohne das Regelwerk dort ernst zu nehmen, kurzum wird weder völlig unkritisch mit dem Thema umgegangen, noch euphorisch, sehr wohl aber förderlich für die zu erzählende Geschichte, die jedweden Blickwinkel nutzt, ohne dass man von Tiefgang oder analytischer Raffinesse reden würde. Wie erwähnt sieht sich "Eine Frage der Ehre" dem Unterhaltungsbereich verpflichtet, und diesem bietet er großartige Momente, wie die finale Befragung vor Gericht, sympathisch freche Einzeiler, packende Dialoge und Schicksale, die fern von heuchlerischer Betroffenheit oder bedeutungsschwangerem Getue präsentiert werden und nur Teil der Gesamtgeschichte sind, nicht der Schwerpunkt. Reiners Drama kommt weder moralisch daher, noch wird er zu einer Werbesendung für das Militär, kurzum fehlen die meisten übelsten Zutaten, die Mainstream üblicher Weise stark schwächen. 

Hochglanzbilder, aufgepuschte Dialoge und selbstdarstellerische Stars sind sehr wohl vorhanden, und doch schaut sich das Ergebnis geradezu brillant, bietet hochkarätiges Kino, wendungsreich von einer hoffnungslosen Situation erzählend, die mit flotten und packenden Dialogen leichtfüßig inszeniert ist, mit Humor aufgelockert ohne dem Dramenaspekt zu schaden, letztgenannten aber ohnehin nicht zu offensichtlich ins Zentrum rückt. Man weiß, dass es weder an einem Happy End fehlen wird, noch bietet "Eine Frage der Ehre" eine Geschichte, deren Fortlauf man nicht erahnen könnte. Es ist die sicher gesetzte, professionelle Umsetzung, die fast makellos und fehlerfrei etwas präsentiert, das in anderen Händen ungenießbar hätte werden können. Den Theaterbereich, aus welchem die Vorlage des Drehbuchs stammt, sieht man dem Film nicht an, auch wenn sich mit dem Wissen darüber mancher Dialog und Monolog erklärt. Es scheint als wäre die Geschichte wie fürs Kino gemacht, und die ungeniert pompös dargebotene Umsetzung mit teurer Besetzung lässt einen nicht daran zweifeln... 

...nun ja... im Vorfeld schon, aber derartige Vorurteile sind schnell über Bord gefegt, wenn einen die Stimmung des Streifens erst einmal gepackt hat. Für mich ist "Eine Frage der Ehre" ein Werk zum Immerwiedergucken, eines das auf eine intensive Art funktioniert, die ich mir nicht wirklich erklären kann. Ich lasse es mittlerweile gut sein, hinterfrage es nicht mehr und genieße einfach, dass er für mich so gut funktioniert - immer wieder.  OFDb

08.03.2020

ENTHÜLLUNG (1994)

Nach "Eine verhängnisvolle Affäre" und "Basic Instinct" ist "Enthüllung" Michael Douglas dritter Pimper-Thriller, der in seiner teilweise plumpen Art zwar nicht das Niveau seiner beiden Vorgänger erreicht, aber packend genug erzählt ist, um dennoch über Durchschnitt zu funktionieren. Tom wird als angenehmer Familienmensch mit Idealen charakterisiert, eine Person der es zunächst an Kampfgeist mangelt, was sich im Laufe der Geschichte ändern wird. Tom wird nicht nur sexuelle Belästigung vorgeworfen, letztendlich will man ihn mit einem Komplott aus der Firma drängen. Nicht jeder gelungene Schachzug verspricht einen Sieg, auf beiden Seiten, und so weiß das Duell zwischen klar getrennter Gut-Böse-Linie gut zu unterhalten in einem Plot um Macht, Machtmissbrauch, Vorurteilen, Klischeedenken und Gleichberechtigung.

"Enthüllung" ist insofern ein wichtiger Film, als dass er den Emanzipationsprozess einmal von der anderen Seite beleuchtet. Neu gemischte Karten in der Gesellschaft betreffen auch stets die andere Seite, und in der Zeit, in welcher der Streifen entstanden ist, stand es noch nicht gut um Männer in Opferrollen zum Thema sexuelle Belästigung. Glücklicher Weise ist "Disclosure" (Originaltitel) trotzdem in einer aufgeklärten Zeit entstanden, in welcher man das Thema ehrlich und vorwurfsfrei thematisieren konnte. Tom zeigt für einen Augenblick Schwäche, wenn er von der attraktiven Frau verführt wird. Und er bekommt den Bogen etwas zu spät, als dass seine Ehefrau nicht das Recht hätte enttäuscht zu sein. Dennoch wird es rational als Schwäche betrachtet und nicht als Mitschuld, geschweige denn als Umfunktionieren vom Opfer zum Täter, wie es im heutigen Schwarz/Weiß-Denken wahrscheinlich stattgefunden hätte. Das Drehbuch ignoriert weder das Fehlverhalten Toms, noch über-dramatisiert es dies. Das macht ein Zurechtfinden mit den im Film geschilderten Ereignissen einfacher, auch wenn "Enthüllung - Sex ist Macht" (Alternativtitel) nicht wirklich ernstzunehmende gesellschaftskritische Denkanstöße liefert. Er ist schlichtweg ein Unterhaltungsfilm. Und als solcher funktioniert er wunderbar.

Das liegt mitunter an der stimmigen Besetzung. Das Spiel Douglas gegen Moore funktioniert wunderbar, so übertrieben schurkisch wie Meredith dargestellt wird. Man liebt es sie zu hassen, so ungeniert wie sie wie gedruckt lügt und keinerlei Anzeichen von Scham zu besitzen scheint. Wie bewusst das den Verantwortlichen des Streifens war, merkt man an der mittlerweile etwas trashig daherkommenden Szene, in welcher Tom sich per virtuelle Realität in die Dateiordner der Firma einklinkt, während eine als Person herein-digitalisierte Meredith geradezu dämonisch Beweisdateien vernichtet. In diesem Moment weht ein leichter Hauch von Science Fiction und Horror durch einen Film, der ansonsten ein lupenreiner Thriller ist. Ein Hauch Erotik und Drama weht ebenso im Gesamtwerk mit, aber hauptsächlich ist es der Überlebenskampf des Büroalltags, der tatsächlich zu wirken weiß, denn letztendlich ist alles etwas arg klischeehaft per Stereotype erzählt, als dass man die Tragik Toms tatsächlich emotional mitempfinden könnte.

Es ist der unfaire Kampf der Geschlechter, der zu gefallen weiß, ebenso das Erwachen des Weicheis zum Kämpfer (ähnlich wie in "Wolf"), und es ist ebenso der hoffnungslose Kampf des kleinen Mannes gegen die herzlose Firma. Damit setzten Drehbuch und Regisseur Barry Levinson auf einfach zu entfachende Motivationen beim Zuschauer, das edle Gewandt, in welchem alles abgefilmt ist, lässt das Ergebnis aber weit weniger plump wirken. Diverse Momente, wie z.B. Merediths Monolog über das Erkämpfen des Rechtes einer Frau auch notgeil sein zu dürfen, oder der Augenblick der Wahrheit, der die Rolle Moores als eine Art Opfer in einem Intrigenspiel mächtiger Männer herauskristallisiert, bereichern den ansonsten eher einfach gestrickten Plot gekonnt, brechen sie doch die klischeehafte Struktur, mit der es sich der Film manchmal zu einfach macht, ein wenig auf. Nimmt man "Enthüllung" nicht zu ernst, so sehr wie er in einer Kinorealität, anstatt in der unseren spielt, weiß die etwas naive Erzählung durch die gekonnte Inszenierung und durch das spielfreudige Agieren der Besetzung weit besser zu gefallen, als man annehmen müsste.  OFDb

24.07.2019

DER GROSSE CRASH (2011)

Durch die wahren Ereignisse der Finanzkrise von 2008 inspiriert, erzählt "Der große Crash" wie es in etwa intern in der Investmentbank New Century Financial Corp. zugegangen sein muss, als man sich der katastrophalen Blase, die man ignorant herauf beschworen hatte, bewusst wurde. Das interessante an diesem Filmprojekt ist der menschliche Faktor, den er als Perspektive wählt. Da wird nichts dämonisiert und mit moralischem Zeigefinger hervorgehoben, da erleben wir lediglich diverse Charaktere, wie diese im Angesicht der Tatsachen agieren und fühlen und wie sie alle, egal für wie vorbereitet sie sich auf alles fühlten, mit der plötzlichen Konfrontation der bevorstehenden Insolvenz umgehen. Mit an Bord sind eher kleine Angestellte ebenso wie der große Firmenboss. Realistisch dargeboten wird uns jeder als glaubwürdige Persönlichkeit vorgestellt, und wo andere Projekte sich in Intrigen und Konkurrenzdenken verrannt hätten, da setzt "Margin Call" (Originaltitel) auf den Mikrokosmos der Firma, einem Ort wo man miteinander vertraut ist, wenn auch auf distanzierte Art, und nun in Endzeitstimmung verfällt.

Über aller Dramaturgie schwebt eine gewisse Lässigkeit, selbst bei jenen Mitarbeitern, deren Karrieren nun enden und die noch nicht wissen wie es für sie weiter geht. Der hier dargebotene Arbeitsplatz ist ein Raum der Kühle, in dem es nicht um Warmherzigkeit im solidarischen Miteinander geht. Allerdings eskaliert die Situation nicht in einem "jeder ist sich selbst der Nächste"-Szenario. Im Hauptteil des Filmes geht es nach überprüfter Analyse des alarmierenden Risikoberichtes darum wer die kommenden Entscheidungen solidarisch mitträgt, auf wen gesetzt werden kann und für was, und was dies für die einzelnen entscheidenden Figuren in dieser einen Nacht, in welcher der Film komplett spielt, bedeutet. Am schockierendsten schaut sich in dem ganzen sachlich vorgetragenen Trubel, wie schnell die Entscheidung zum schnellen Schnitt getroffen wird, Alternativen kaum in Betracht gezogen werden und auf Verlierer der Situation keine Rücksicht genommen werden soll/kann/muss. Ob karrieredurchgemogelte Halbversteher in höherer Position, talentierte Analysten oder spontane Global Player ohne tatsächlichen Zugang zu komplexen Hintergründen, ein jeder versucht so gut wie möglich aus der Situation herauszukommen, in einer Nacht, in welcher man aus seinen Träumen gerissen wurde, dass alles immer so weiter gehen könnte wie bisher, obwohl firmenintere Experten bereits etliche Monate zuvor scharfe Bedenken äußerten.

J.C. Chandor schafft es sein Regiedebüt nüchtern, kühl und dennoch aufregend erzählt herüberkommen zu lassen. Tiefe Einblicke in Gefühlswelten werden geboten, ohne diese zu gefühlvoll darzubieten, somit passend zum beruflichen Umfeld der Protagonisten inszeniert, das Ganze stilistisch sachlich vorgetragen, ohne zu verkopft zu wirken, und einen flotten, geradlinigen Erzählfluss präsentierend, ohne zu langweilen oder zu unterfordern. Der Regisseur trifft den richtigen Ton, das Drehbuch setzt die entscheidenden Schwerpunkte, bzw. widersteht auf kontraproduktive zu setzen, die Vergleichsprodukte zu Schwerpunkten gemacht hätten, und fertig ist ein hoch interessanter Einblick in den Mikrokosmos einer Firma, die mit dem Geld anderer Leute Gott gespielt hat. Dieser Aspekt wird aber nie moralisch hinterfragt, sondern stattdessen auf Augenhöhe mit den Filmcharakteren aus der persönlichen Perspektive der früh Eingeweihten betrachtet, womit man weit mehr preisgibt, als jede vorgefertigte Schuldzuweisung ermöglicht hätte. Jeder Zuschauer kann für sich selbst aus dem Präsentierten ernten was er entdeckt. Manipulationen auf das Denken des Publikums finden nicht im Überfluss statt, sprich nicht mehr als es im Medium Film üblich ist, um funktionieren zu können. Schmackhaft wird einem das Ergebnis zudem über die gute Besetzung gemacht, die Demi Moore in einer interessanten Rolle präsentiert, mit Zachary Quinto, der den Streifen auch mitproduzierte, eine charismatisch besetzte zentrale Figur vorlegt und mit Kevin Spacey mal wieder beweist, wie gut ein jeder Film mit diesem hervorragenden Mimen zu funktionieren weiß. Je nach Filmphase konzentriert sich die Geschichte immer verschieden verstärkt auf seine jeweiligen Figuren. Von einer Hauptfigur kann man eigentlich nicht sprechen.  OFDb

05.11.2017

VALKENVANIA - DIE WUNDERBARE WELT DES WAHNSINNS (1991)

Das Regiedebüt Dan Aykroyds sollte auch gleich seine einzige Regiearbeit bleiben. Basierend auf der Idee eines Verwandten und dem darauf aufbauenden Drehbuch von Aykroyd höchstpersönlich konnte er zwar zwei befreundete Comedystars, Chevy Chase und John Candy, für die Besetzung gewinnen, und zudem die damals schon nicht unbekannte Demi Moore, dem Publikum schien der schrille Monsterspaß Aykroyds jedoch nicht zu schmecken, floppte das Projekt doch an den Kinokassen und ist bereits nach wenigen Jahren in Vergessenheit geraten.

Zugegeben unterliegt Aykroyd auch in „Valkenvania“, wie schon in „Ghostbusters“ und Co, der Versuchung äußerer Schauwerte auf Kosten einer gehaltvolleren Geschichte. Insbesondere die beiden degenerierten Baby-Zwillinge, von denen Aykroyd ebenfalls eins mimt, sind definitiv zu viel des Guten darin Valkenvania und den Hintergründen des Richters einen grotesken Touch zu bescheren. Doch von diesem zu extremen Ausrutscher einmal abgesehen geht die Sache, ebenso wie bei den Geisterjägern, doch noch gut, zumindest wenn man kein großes Komödienhighlight erwartet.

Interessanter Weise ist „Nothing But Trouble“ (Originaltitel) immer dann am besten, wenn die schrägen Momente pausieren, was höchst selten der Fall ist. Die Einführung in die Geschichte bildet somit den besten, wenn auch nicht gerade humorvoll übersprudelnden, Part, was viel am versprühenden Charme von Chevy Chase liegt, der stilvoll seine Rolle ausfüllt und die damals sehr attraktive Demi Moore zur Seite gestellt bekam. Die charakterlichen Eigenarten, auch jene der dicker aufgetragenen Charaktere zweier Brasilianer, trafen viel sicherer mein Humorempfinden als all die grotesken Eigenarten, die Aykroyd uns frei jeder Subtilität um die Augen und Ohren schmeißt, sobald sich die vier Personen auf dem Grundstück des Richters befinden.

Zwar lässt das Niveau und die Treffsicherheit des bis dahin stillen Humors damit schlagartig nach, wer sich jedoch umorientieren kann und in dem ganzen Nonsens nicht nach irgendeinem Sinn sucht, kann Aykroyds lautes Schreckenskabinett trotzdem etwas abgewinnen, sind es doch nicht nur die Stars die genügend Charme versprühen, auch die detailverliebten Settings, ob innen oder außen, wissen zu gefallen, und manch verspielt morbides Gimmick, eine Art Funversion der Einrichtung von Leatherfaces Elternhaus, lassen den erzählerischen Stillstand nie zu dröge wirken. Wenn dann noch John Candy als stumme, ewig albern vor sich hinkichernde Enkelin des Richters auftaucht, und damit seine vorherige Rolle als Sheriff mehr oder weniger ablöst, weiß das teilweise zu gewollte Chaos trotzdem zu belustigen.

Dass es an nötigem Gehalt für einen Mehrwert fehlt, lässt sich jedoch nie übersehen. Und ein angehangener Schlussgag vor der kompletten Zerstörung Valkenvanias erweist sich als so unnötig, wie der tatsächliche Schluss-Gag. Aber bereits das Niederbrennen des Tatortes beweist, wie verzweifelt man war das zum Selbstzweck groteske Treiben zu einem sinnvollen Ende bringen zu können. Aykroyd geht es lediglich ums Feuerwerk, um seine lauten Attraktionen, und dafür sind die zuvor so detailiert eingeführten Charaktere viel zu schade, eigentlich sogar die namhafte Besetzung, der man ebenfalls einen qualitativeren Spielplatz gewünscht hätte, um Aykroyd einen Gefallen zu tun.

Dass ich dennoch so sanft mit „Valkenvania - Die wunderbare Welt des Wahnsinns“ ins Gericht gehe, liegt sicherlich daran, dass dies nicht meine erste Sichtung war und ich somit auf die Ernüchterung nach der Einleitung vorbereitet war. Den Stillstand und das viel zu laute Spektakel skurriler Gimmicks hatte ich als weit weniger funktionierend in Erinnerung. Mit viel Wohlwollen, und nur so bin ich an diese bislang letzte Sichtung heran gegangen, kann man dem sinnlosen Spektakel aber durchaus seine sympathischen Seiten zugestehen, wenn man sich, ähnlich wie bei Aykroyds Frühwerk „Die verrückten Nachbarn“, einfach Szene für Szene auf den wilden Zirkus einlässt, ohne dabei das wackelige Gesamtbild zu beachten. Denn erst mit Blick auf dieses beginnt der ganze Nonsens zu schwächeln.  OFDb

22.07.2012

MR. BROOKS (2007)

Der Geschäftsmann Brooks führt ein Doppelleben und tötet aus einem Trieb heraus Menschen. Bisher konnte man ihm nie etwas nachweisen, aber bei der letzten Tat wurde er von einem Fotografen gesehen, und der möchte beim nächsten Mal mit auf Mörder-Tour gehen...

Die Stimme in mir...
 
Ein Jahr nachdem der Massenmörder „Dexter“ im amerikanischen Fernsehen startete, da erschien im Kino „Mr. Brooks“, der seinem Killerkollegen aus dem TV recht ähnlich war. Zwar steht Brooks schon mitten im Leben und hat im Gegensatz zu Dexter ein Gewissen, aber beide sind triebgesteuerte Soziopathen, die nach außen hin ein braves Scheinleben führen, im inneren Dialog mit einer fiktiven Figur stehen und pingeligst darauf bedacht sind nach einem sicheren Schema vorzugehen um nicht geschnappt zu werden.

Dexter“ beruht auf einer Buchreihe, von der man sich ab Staffel 2 inhaltlich stark distanzierte. Somit nimmt „Mr. Brooks“, so sehr er sich auch an der Serie oder dessen literarischer Vorlage bedient, den späteren Staffeln der Erfolgsserie einiges vorweg. Der Gang zur Therapie mit Gleichsetzung von Drogensucht und Mordtrieb wird ebenso thematisiert, wie der Mitwisser der gelehrt werden möchte. Außerdem wird die Sorge angesprochen der Nachwuchs könne den mörderischen Trieb geerbt haben, ein Nebenerzählstrang der durch das jugendliche Alter der Tochter im hier besprochenen Thriller-Drama noch vielschichtiger angegangen werden kann als in der Vergleichsserie, keimt in Mr. Brooks doch der Verdacht auf, dass der mögliche geerbte Trieb seiner Tochter auch für sein frühzeitiges Ableben sorgen könnte.

„Mr. Brooks“ macht keineswegs den Eindruck seine Geschichte auf realistischer Grundlage erzählen zu wollen. Dafür übertreibt er viel zu sehr in Brooks Perfektion, dem Mischen diverser Handlungselemente und der Zufälligkeit dieser. Dennoch versucht Regisseur Bruce A. Evans in seinem ersten Film nach einer langen Pause nach dem Debut „Kuffs - Ein Kerl zum Schießen“ die Geschichte so konsequent wie möglich zu erzählen. Hierbei ist ihm der innere Konflikt zu Mr. Brooks am wichtigsten, dessen düstere Seite durch einen sehr gut spielenden William Hurt verkörpert wird, irgendwo pendelnd zwischen schlechtem Gewissen und imaginärem Freund.

Aus dieser Idee heraus zieht „Mr. Brooks“ seine Stärken, die für Freunde von Massengeschmack gleichzeitig zu seinen Schwächen werden. Da sich der Film immer auf den inneren Konflikt bezieht, und sich damit vieles nicht nur in der realen Welt, sondern auch innerhalb von Brooks Kopf abspielt, wird keine weitere Figur derart vertieft wie der Killer selbst. Brooks ist Zentrum des Films, und eine Konkurrenz ist nicht einmal im Ansatz vorhanden. Was man als Defizit auslegen könnte macht das Drehbuch jedoch dadurch wieder wett, dass den wichtigsten Rahmenfiguren zum Ausgleich inhaltliche Vielschichtigkeit beschert wird.

Im Falle der von Demi Moore gespielten Polizistin ist es neben der Suche nach Mr. Brooks der Andrang ihrer Tätigkeit (eine wichtige Parallele zu Brooks Antrieb), ein gerade laufender Scheidungsprozess, so wie ein aus dem Gefängnis ausgebrochener Serienkiller, der ihr Rache angedroht hat. Keiner dieser Subplots ist zu viel für den Film, da sie alle psychologische Wichtigkeit besitzen wenn es darum geht den Zuschauer in die Irre zu führen, Parallelen zu Brooks aufzuzeigen und die Figur als solche glaubhaft zu charakterisieren.

Fast spannender ist hingegen der etwas zu vernachlässigte Nebenstrang die Tochter betreffend, da das was wir über sie wissen fast nur im Kopf von Brooks stattfindet, so dass wir nie wissen was es mit ihr tatsächlich auf sich hat.

Was die Besetzung betrifft, so darf man wohl besonders überrascht sein wenn es um die Besetzung von Mr. Brooks selber geht. Der wird von Kevin Costner gespielt, der damit nicht nur eine Rolle verkörpert die geradezu untypisch für den Saubermann ist. Der gute Mann hat den Film gleich mitproduziert, woran man erkennt wie viel Vertrauen er in dieses Projekt hatte. Für jemanden der mir innerhalb meiner Cineastenwelt bislang ziemlich egal war, auch wenn ich „JFK“ sehr geglückt finde, habe ich doch einen gewissen Respekt vor diesem Mann bekommen, der es schafft den Soziopathen mit gekonnter Zurückhaltung glaubhaft zu verkörpern.
Brooks ist nicht nur Identifikationsfigur, er ist auch der Sympathisant des Films. Das sorgt für eine gewollte Irritation beim Zuschauer und ist durch den simplen Kniff geglückt, dass Brooks des Mordens müde ist, durch seinen Trieb nicht anders kann, und, wenn er nicht gerade seiner dunklen Seite folgt, ein liebenswerter Familienmensch ist, der es weiß selbstlos zu handeln und der Ehrgeiz und Engagement besitzt was seine berufliche Karriere betrifft. Zwiespältig wird es beim Thema Ehrlichkeit. Zwar kann er nicht über seine Taten sprechen, mehr noch, er muss sein Umfeld, welches ihm am Herzen liegt, pausenlos belügen, um sein wahres Ich zu verdecken, aber auch hier gilt was für den Rest von Brooks Leben gilt: von den mit seiner dunklen Seite einhergehenden Bereichen einmal abgesehen ist er eine ehrliche Seele von Mensch.

Diese innere Zerrissenheit vom Zuschauer und die der Hauptfigur sind der Antriebsmotor über den der komplette Film zu funktionieren vermag. Weder die Rolle der Demi Moore, noch jene des Erpressers sind eine wirkliche Bedrohung für den Perfektionisten, von dem wir die ganze Zeit wissen, dass er dies auch ist. Es entstehen keine Momente wahrer Bedrohung die düstere Existenz könne auffliegen, ein Spannungsgehalt den die zweite Staffel von „Dexter“ zu einem solch hohen Unterhaltungsniveau verhalf. „Mr. Brooks" bekommt diesen ganz im Gegenteil durch das kühl kalkulierende Tun und Denken der Hauptfigur, und da Brooks kultiviert und intelligent ist, hat das einfach Stil. So mischen sich schwarzhumorige Augenzwinkerei mit Thrill und Dramatik, ohne dass eine dieser Komponenten sonderlich dominiert.

Das könnte manch einem zu theoretisch erscheinen, in einem solchen Fall wird jener „Mr. Brooks“ auch zu dialoglastig empfinden, aber Evans zweite Regiearbeit ist nun einmal kein Popkorn-Unterhaltungskino, sondern ist sich seines Niveaus durchaus bewusst, und dessen sollte sich auch der Zuschauer bewusst sein, von dem trotz diverser Actionszenen ein gewisser Grad Konzentration erfordert wird. Dafür wird man mit einem Film belohnt der weiß was er will und weiß wie er sein Ziel erreicht. Sollen Dialogmuffel und Psychologie-Verweigerer ruhig maulen. Mir hat der Ausflug in Brooks Kopf jede Menge Spaß bereitet. Schön dass es noch Thriller zu sehen gibt die Köpfchen besitzen.  OFDb