Posts mit dem Label Heinz Rühmann werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Heinz Rühmann werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

19.10.2014

EIN MANN GEHT DURCH DIE WAND (1959)

Heinz Rühmann sieht man eigentlich nie in übernatürlichen Stoffen agieren. Der Fantasy-Gedanke jemand könne durch Wände gehen wirkt mit ihm in der Hauptrolle fremd. Das verrückteste jenseits der möglichen Realität in einem seiner sonstigen Filme dürften die Träumereien seiner Filmtochter in „Der Lügner“ gewesen sein, wenn er einen Astronaut im All spielt oder den Chef des Weltrates. Die Geschichten in denen er mitspielt sind immer bodenständiger Natur. Und so wundert es nicht, dass es „Ein Mann geht durch die Wand“ trotz des fantastischen Elements im Zentrum vom Grundton her ebenfalls ist.

Zwar testet Buchsbaum seine Grenzen, tut verrückte Sachen und versucht mit seinem neuen Talent die Frau seines Herzens zu erobern, alles so wie es ein Bill Murray in „Und täglich grüßt das Murmeltier“ getan hat, die Taten einer Rühmann-Figur werden jedoch nie wirklich ausgeflippt und arbeiten innerhalb der braven, konservativen Welt eines jeden Rühmann-Filmes, eine Welt mit einer Ur-Moral ohne Alternativen, der Welt des ehrlichen Durchschnittsbürgers, einer Welt der Tugend und Aufrichtigkeit. Die Orientierung seiner Figur ist die eines fast jeden Filmes mit ihm. Und wie so oft wird sie der fehlerhaften Welt gegenüber gestellt, die nicht so läuft wie sie es ethisch sollte.

Und in dieser Welt voller Normen und Bodenständigkeit wird selbst das durch die Wand laufen innerhalb seiner wahnsinnigen Idee in Grenzen gehalten. Aus dem sinnbildlichen Rat des durch die Wand schreiten sollens, wird das tatsächliche Können dieser Sache in der Realität. Anfangs ungern gesehen, später gerne genutzt, viel später als Unnötigkeit angesehen, meistert Buchsbaum mit dieser Fähigkeit eine Art Midlife Crisis, nur dass er sich keine bunten Hosen anzieht und junge Damen aufreißt, sondern sich zur Wehr setzt und seinen Mann steht.

Nachdem mit der neuen Fähigkeit in der Arbeitswelt für Gerechtigkeit gesorgt wird, erreicht „Ein Mann geht durch die Wand“ den obligatorischen Romantik-Bereich, in welchem wieder mal die soziale Ader Rühmanns zelebriert wird, die fast wichtiger erscheint als die Gefühle zu der Dame selbst. Aber so ist sie, die Welt der Rühmann-Filme, und so muss sie auch sein, schließlich erwartet man diese beim Einschalten eines seiner Werke. Mir würde sein moralisches Tun fehlen, zumal er es immer mit einem schelmischen Schmunzeln anreichert, was solche Filme schließlich rettet.

Neben typischer zwischenmenschlicher Schelmereien geht man diesmal, weil die Geschichte es auch erstmals zulässt, ebenso amüsiert mit der Grundthematik um. Man spielt mit dem Umgehen von Spezialeffekten, sich scheinbar darüber bewusst sein, dass die angewendeten nicht wirklich Gold wert sind, und man spielt mit den Tücken der Fähigkeit durch die Wand zu gehen, z.B. wenn ein Bild ungünstig hängt, oder die bequeme Pose des sich an die Wand Anlehnens nicht mehr angewandt werden kann.

Somit versprüht „Ein Mann geht durch die Wand“ auf verschiedenen Ebenen Komik, angereichert mit einem kleinen Hauch Dramatik, was zur Dosis Fantasy passt, die aufgrund der Thematik geringer ausgefallen ist, als man vermuten würde. Wie typisch für diese Art Film wird der Hintergrund der neu erlangten Fähigkeit nicht erörtert, auch wenn zumindest kurz darüber spekuliert wird, was zeitgemäß auf religiöser Ebene stattfindet. Und ähnlich wie in Murrays Vergleichsfilm wird das Fantastische der Geschichte wie ein Fluch behandelt, der nach der Läuterung des Betroffenen beendet ist.

„Ein Mann geht durch die Wand“ ist ruhig erzählt, zahm ausgefallen wie so ziemlich jede Rühmann-Komödie, und so wird sich jener heimisch fühlen, der die Werke des beliebten Schauspielers regelmäßig aufsucht. Freunde fantastischer Stoffe wird das ganze eventuell zu lahm oder brav vorkommen, aber auch die können, vorausgesetzt sie finden gefallen an der Nostalgie alter Filme, nett unterhalten werden.

Vajdas Film ist schließlich ein sympathisches Stück Kurzweile geworden, in welcher der Mensch im Zentrum steht mit all seinen Pros und Kontras, und dies im Retro-Gewandt schaut sich sehr angenehm, gerade mit Rühmann in der Hauptrolle. In gewisser Weise tut es gut zu erkennen, dass all dies was wir heute verfluchen schon damals Alltag war. Die Welt der Ethik und des Wettbewerbs ändert sich nicht, und sie wird sich nie ändern. Da wirkt „Ein Mann geht durch die Wand“ wie ein seelisches Trostpflaster - auch wenn er fälschlicher Weise an das Gute im Menschen glaubt und sich damit einer Träumerei hingibt.  OFDb

23.11.2012

WENN DER VATER MIT DEM SOHNE (1955)

Teddy betreibt ein Geschäft für Scherzartikel, seit sein Sohn verstarb, mit dem er damals als Clown im Zirkus aufgetreten ist. Neuen Lebensmut bekommt er erst durch das Pflegekind seiner Wirtin, das für ihn in all den Jahren wie ein eigener Sohn wird. Gerade als die beiden gemeinsam beginnen für Clownauftritte zu proben, erscheint die wahre Verwandtschaft des Jungen, um ihn zu seiner Mutter zu bringen. Da flüchtet Teddy mit Teddy, Jr. ins Ausland...

Mein Vater, der Clown...
 
Heinz Rühmann war meist auf Komödien abonniert, weshalb manch einer diesem Drama zumindest den tragikomischen Stempel aufdrücken möchte. Der ist in meinen Augen jedoch unpassend, entsteht doch die einzige Komik aus Alltäglichkeiten wie der Fröhlichkeit des Vaterseins und den gelegentlichen Sprüchen eines Dreikäsehochs. Nimmt man nun noch den Beruf des Clowns dazu, meiner Meinung nach eine der niedrigsten Formen von Komik, dann hat man die Summe an Humor bereits zusammen. Okay, da gibt es noch die lustig orientierte Rolle der Wirtin, also kann man beim Begriff Tragikomödie nachgeben und sich einigen, dass der Schwerpunkt im Dramenbereich liegt. Das ist ein Bereich der Rühmann nicht fremd ist. Und so hat meine geringe Sympathie mit dem hier besprochenen Film nichts damit zu tun, dass ich mir eine Komödie erhoffte. Was mich an „Wenn der Vater mit dem Sohne“ stört ist seine schmierige und verkrampfte Art, die ihn nicht ehrlich wirken lässt. Da waren Filme wie „Mein Schulfreund“ und „Der Pauker“ schon wesentlich angenehmer zu gucken. 

Auch tragische Momente aus dem themenähnlichen „Vater sein dagegen sehr“ wirken ehrlicher gemeint, als dieses Plädoyer für Fröhlichkeit und Nächstenliebe. Nicht so naiv aufgedrückt, wäre es ein sympathisches Vorhaben des Filmes dafür zu stehen. Bieder könnte man aufgrund seiner Entstehungszeit verzeihen, die manipulative, fast verdummende Art mit der man hier vorgeht jedoch nicht. So schaute ich den Film eher gelangweilt und verärgert. Manches mal belustigte mich unfreiwillige Komik, wie die groß herausgearbeitete Erwartungshaltung Teddys vergangenes Talent gegenüber. Sichtet man ihn später endlich als Clown, könnte seine Show nicht routinierter und banaler sein, wie die eines jeden Clowns. Zumindest enttäuschen die Schauspieler nicht, und auch der kleine Junge weiß seine Rolle glaubhaft zu verkörpern. Die paar wenig enthaltenden Lieder wissen auch zu gefallen, vorneweg das berühmte „La Le Lu“-Lied. Schön anzusehen ist auch der unverkrampfte Umgang mit Kindernacktheit, der in heutigen Zeiten leider kaum noch denkbar ist. Da sich aber auch dieser Pluspunkt in den besseren Rühmann-Filmen finden lässt, gibt es eigentlich keinen Grund, dieses maue Stück Durchschnitt zu sichten. Merkwürdig, dass gerade dieser Film zu den berühmtesten Werken Rühmanns zählt.  OFDb 

16.11.2012

BRIEFTRÄGER MÜLLER (1953)

Briefträger Müller ist ein einfacher Mann, bis er über eine Erbschaft über viel Geld verfügen darf...

Briefträger anstatt Tellerwäscher...
 
„Briefträger Müller“ ist sicherlich ein guckbarer Film für Rühmann-Bewunderer und bedingt auch für andere unterhaltsam, er hat aber Schwachpunkte, die vergleichbare Werke nicht aufweisen. Und die fangen zur großen Verwunderung diesmal bei Rühmann selbst an. Zumindest bedingt, der Star selbst spielt wieder toll, aber Drehbuch und Maske arbeiten gegen ihn. Die Maske lässt ihn nicht so sympathisch wirken wie sonst, und das Drehbuch gestaltet seinen Charakter zu wackelig.

Zunächst ist Müller in seinem Denken in der Nähe zum Idealisten, in der späteren Phase des Films ist sein Charakter vom Geld komplett verdorben. Nicht nur dass ein solcher Quantensprung des Idealewechsels höchst unrealistisch ist, das Drehbuch enttäuscht ganz extrem im Wechsel von der einen zur anderen Seite. Wir erleben keine Graustufen, stattdessen aber einen nicht genannten, aber relativ kurzen, Zeitsprung, in dem aus dem ehemaligen Briefträger mit guten Absichten und Einstellungen ein egomanischer Neureicher geworden ist. Man erkennt Müller nicht wieder, der sich über Nacht komplett gewandelt hat, ohne den Zuschauer dabei an die Hand zu nehmen.

Enttäuschend ist auch die vom Drehbuch vorgegebene Frauenrolle. Die ersten Eskapaden noch erduldend und dem Ehemann auch Kontra geben, wenn der Sohnemann ohne Grund eine Strafe auferlegt bekommt, alles nachvollziehbare Verhaltensweisen, am Ende aber zum Ehemann zurückkriechen ohne das Wissen des Zuschauers zu haben, dass Müller kein Fremdgänger war. Damit wird die an sich gelungen verkörperte Frauenrolle würdelos, und steht in diesem Punkt dem Müllercharakter in nichts mehr nach. Hinzu kommt, dass das Ablehnen einer Hochzeit und das Nichterscheinen bei dieser sicherlich weniger leicht entschuldbar ist, als im Film dargestellt. Auch wenn die Zeiten anders waren, wird das miese Verhalten Müllers viel zu schnell und ohne große Worte entschuldigt.

Auf der Gegenseite gibt es aber auch durchaus gelungene Momente. Die reiche Tante, von der Müller später erben wird, wird herrlich herablassend verkörpert. Die Art wie sie eventuelle Erben abwimmelt ist überheblich und menschenverachtend und damit einfach komisch. Nett ist in der ersten Hälfte auch die Verkörperung der Liebe des Ehepaares Müllers. Dies strahlt eine solche Authentizität aus, wie man sie heute in Filmen nur selten zu Gesicht bekommt. Was ich vermisste war die große Spielfreude Rühmanns. Sie schimmert nur selten durch, ist in einer Szene dafür aber ganz deutlich erkennbar, wenn der Neureiche Müller versehentlich auf die Bühne einer Tanznummer geschoben wird und dort dann laienhaft mittanzt. Mehr solcher Momente wären wünschenswert gewesen.

Stattdessen gibt es Szenen, die manchmal arg deutlich an biedere Heimatfilme erinnern, oder solche, in denen der sonst so bauernschlaue Müller sich von Politikern plump an der Nase herumführen lässt, wenn auch im angetrunkenen Zustand. Überraschend positiv wirkt hingegen das Ende (vom Verhalten der Ehrfrau einmal abgesehen).

Eine kurze Erwähnung verdient noch der Diener. Hier haben Maske, Drehbuch und natürlich der Schauspieler selber tolle Arbeit geleistet. Seine Figur hat Witz, wirkt in seiner Extreme schön skurril, ist für den Zuschauer zunächst schwer einzuordnen und erlebt einen Schluss, wie er ihn verdient hat.

„Briefträger Müller“ hat nicht die Sympathie eines „Max der Taschendieb“, „Der Lügner“ oder „Das schwarze Schaf“, weiß mit weniger Erwartungen aber auch noch als Durchschnitt zu gefallen. Trotzdem gibt es zu viele Wermutstropfen, und der eine, dass Müllers Wandel zu abrupt kommt, ist unverzeihlich.  OFDb

15.11.2012

DAS SONNTAGSKIND (1956)

Im Nachkriegs-Deutschland freundet sich Schneider Wibbel mit dem schottischen Soldaten Bosty an. Gemeinsam gehen sie Karneval feiern. Wibbel geht in der Uniform von Bosty. Deswegen muss der Schneider für drei Wochen ins Gefängnis gehen, überredet jedoch einen Mitarbeiter dies für ihn zu tun. Dummerweise stirbt der während „seiner“ Haft, und von nun an gilt Schneider Wibbel als tot...

Ein Schneider im Schottenrock...
 
„Schneider Wibbel“ (Alternativtitel) ist schon über ein halbes Dutzend mal verfilmt worden, nur das eine Mal mit Heinz Rühmann unter einem anderen Titel, nämlich „Das Sonntagskind“. Die Geschichte ist gar nicht mal uninteressant, deswegen denke ich dass die ein oder andere Verfilmung etwas taugen mag. Ich kenne nur diese, und die hat die charmante Idee in den Sand gesetzt.

Über Gesang in einer Komödie kann man streiten. Ich sehe dies nicht so gerne, es macht mir einen guten Film aber auch nicht kaputt. „Das Sonntagskind“ weist leider auch an anderer Stelle deutliche Schwächen auf, diesmal auch im sonst so guten Spiel des Schauspielers Rühmann, der seine Figur mit seiner deutschen Fröhlichkeit viel zu überzeichnet. Wibbel ist ein derart fröhlicher Mensch, dass es nervt. Selbst die kritischen, politischen Sprüche, welche die Handschrift eines Ekel Alfred hätten haben können, werden mit solcher Fröhlichkeit ausgesprochen, dass es fast wundert, dass die Frohnatur später daheim eingesperrt und für tot gehalten mürrisch und depressiv wird. Aber selbst diese Phase weiß Rühmann nicht überzeugend darzustellen, macht sein Spiel doch viel mehr den Eindruck eines beleidigten Schulkindes, als den eines aus der Bahn geratenen Erwachsenen.

Auf die Frage was man mit einem für tot geglaubten Leben anfangen kann, weiß die Geschichte keine wirklich interessante Antwort zu geben. Umziehen ist nicht drin, zunächst muss der Tote einen selbstauferlegten Stubenarrest absitzen. Später gibt er sich als sein eigener Zwillingsbruder aus mit einem Lügenmeer, das selbst in einer locker flockig gemeinten Komödie viel zu naiv wirkt, als dass wer glaubhaft darauf hereinfallen kann. Im Film selbst bedarf es aber erst eines gewieften Polizisten hinter die Wahrheit zu kommen, auf die selbst engste Bekannte nicht gestoßen sind.

Wibbels Freunde und Bekannte sind viel mehr damit beschäftigt die Witwe zu umwerben, bevor die Dame den angeblichen Bruder heiratet. In all dem Trubel ist die kurze Trauer um den wirklich umgekommenen Arbeitskollegen Wibbels schnell vergessen, was in enormen Widerspruch steht zur restlichen Figurenzeichnung, die bemüht ist Wibbel als angenehmen Menschen darzustellen, der wegen eines kleinen Verstoßes in ein für ihn untypisches Lügenmeer geraten ist. Immerhin könnte sich dadurch der simple Kern seiner Lügen erklären lassen. Der Mann hat einfach keine Übung darin.

Dennoch hagelt es Widersprüche in magerer Umsetzung. Ein Rühmann-Tipp ist „Das Sonntagskind“ bei weitem nicht. Vor seinem Totalabsturz wird der Film lediglich durch kleine Elemente gerettet, wie der verfressenen Rolle seines zwielichtigen Untergebenen und kleinen Momenten, wie der Gerichtsverhandlung, die zu besagtem Gefängnisaufenthalt führt. Das ist für eine an sich nette Grundidee relativ wenig. Ob man die Schluss-Pointe zu den positiven Dingen zählen kann, ist schwer zu beurteilen. Wirklich geglückt fand ich diese Überraschung nicht.

Wer Rühmann in Uniform sehen will, sollte lieber zu seinem berühmten Klassiker „Der Hauptmann von Köpenik“ greifen, der meiner Meinung nach zwar auch nicht zu seinen Sternstunden zählt, aber unterhaltsamer ist als diese x-te Verfilmung eines bekannten Stoffes. Wer Rühmann in ähnlicher Situation erleben will wie hier, dem sei zu „Mein Schulfreund“ geraten, einer Tragikomödie mit Schwerpunkt Drama, die davon erzählt, wie ein durch einen Trick für geistig behindert erklärter Mann diese Notlüge aus Kriegszeiten nicht mehr los wird.  OFDb

27.10.2012

GEFUNDENES FRESSEN (1977)

Der auf der Straße lebende Alfred ist nicht nur ein gesellschaftlicher Außenseiter, sondern auch einer unter den Obdachlosen. Seit Jahren spart er heimlich Geld um irgendwann ins Ausland zu ziehen, bis dahin lebt er vom Allernötigsten und von Kleinstgaunereien. Auf diesen Weg lernt er den Polizisten Erwin kennen, der von seinem Alltag so gefrustet ist, dass er Gefallen an der Aussteigeridee Alfreds findet...

Maskenball der Seelen...
 
Vordergründig handelt Michael Verhoevens „Gefundenes Fressen“ von einer ungewöhnlichen Freundschaft zwischen Obdachlosem und Polizist, zwei Angehörigen verschiedener Gruppen, die in der Regel auf Kriegsfuß stehen. Hintergründig erzählt der Film jedoch von der verzweifelten Suche nach Individualität in einer zu gleich geschalteten Gesellschaft, die einem nur Platz für Alternativen lässt, so lange man sich an die Spielregeln hält.

Der auf der Straße lebende Alfred steht für sich, kommt weder mit den Bürgern noch mit den Obdachlosen richtig klar und sehnt sich nach einem Wonneleben im sonnigen Ausland. Genau das könnte auch Polizist Erwin vertragen, der sich missverstanden fühlt, das Dasein als Polizist satt hat und davon träumt ebenfalls auszusteigen. Bis es bei ihm so weit ist, will er wenigstens Alfred helfen, einer Person zu der er sich verbunden fühlt, was jedoch nur bedingt auf Gegenseitigkeit beruht.

„Gefundenes Fressen“ erzählt seine Geschichte fast ausschließlich über die Charaktere. Was beide im einzelnen erleben, häufig in voneinander unabhängigen Erzählsträngen, erscheint nichtig. Für den Konsumenten, der lediglich nach Unterhaltung lechzt, wirkt der Film dadurch eher wie ein konsequentes Langstrecken einer nicht vorhandenen Geschichte. Aber sie ist anwesend und kristallisiert sich nach und nach heraus und wartet nur darauf entdeckt zu werden.

Interessant ist, dass Verhoeven wahrlich nicht mit Sympathiefiguren spielt. Sowohl Alfreds als auch Erwins Dasein dient als Tarnung, als Mittel zum Zweck um nicht aufzufallen. Erwin spielt die Rolle als Polizist ebenso, wie Alfred eigentlich charakterlich gar nicht zu den Obdachlosen gehört. Alfred mag schrullig wirken, aber er ist kein Team-Player, zieht lediglich sein Ding durch und vertraut aus anderen Gründen niemandem, als es der Durchschnitts-Obdachlose tut. Polizist Erwin ist noch unsympathischerer Natur. Er ist ein Egomane, der ein Traumbild von sich und seinen Fähigkeiten entworfen hat, und nun frustriert ist, dass andere sein Selbstbild nicht teilen. Das entfremdet ihn von seiner Rolle im Beruf ebenso wie von seiner Familie. Doch darüber trauert er nicht. Er sieht sich im Recht und alle anderen liegen falsch.

Kurzum, beides sind Egomanen, und ein solcher muss man wohl auch sein, wenn man um sein Recht auf Individualität und dessen Platz und Anerkennung in unserer Gesellschaft kämpft. „Gefundenes Fressen“ zeigt uns eine Person, die meist begründet egoistisch handelt und eine Person, die den Wunsch nach Ausstieg viel eher als Rechtfertigung für seine egoistische Haltung nimmt. Dies trennt beide Charaktere, und vielleicht wird dies Alfred in der finalen Szene klar. Vielleicht tritt er den von ihm gewünschten Weg nicht an, weil er Hilfe von etwas bekam, für das er nicht steht. Vielleicht war auch nur der Zeitpunkt zu spät. Den Schluss soll jeder für sich selber deuten.

Rühmann, der eigentlich eher auf leichte Stoffe abonniert ist, lebt in der Rolle des Alfred in schauspielerischer Hinsicht regelrecht auf. Eine ernstzunehmende Rolle in einem Drama kleidet ihn sichtlich gut, was optisch freilich auch der guten Maske zu verdanken ist. Hier wirkt Rühmann nicht mehr so unterfordert wie in seinen meist sympathischen Komödien.

Komplett ohne Humor kommt auch „Gefundenes Fressen“ nicht aus, und der zeigt sich meist im Stile eines „Max, der Taschendieb“, sprich über die gewitzten illegalen Aktionen der Hauptfigur. Der Witz wird dabei jedoch so stark zurückgeschraubt, das man nicht einmal mehr von einer Tragikomödie sprechen kann. Trotz solcher Szenen bleibt Verhoevens Werk recht deutlich ein Drama.

„Gefundenes Fressen“ ist ein Liebhaberstück, ein Film für Cineasten, ein anspruchsvolles Werk, das jedoch nicht von zu hohem Anspruch und zu viel Symbolik erstickt wird, sondern noch den Bogen zur kurzweiligen Unterhaltung findet, ohne den Bereich des Popkorn-Kinos zu streifen. Verhoevens Film ist ein interessantes Werk, das seine minimalistische Geschichte auf versteckt psychologischer Basis konsequent und glaubhaft durchzieht, so dass der Film mehr bietet als die bloße traurige Geschichte eines Obdachlosen, der es gerne besser hätte und eines Polizisten, der sein Mitleid für den armen Mann entdeckt. Dies wäre Grundlage für eine Trivialunterhaltung, einen Filmbereich, von dem sich „Gefundenes Fressen“ sehr deutlich distanziert - freilich nur dann, wenn man es auch selbst entdeckt hat.  OFDb

20.10.2012

MEIN SCHULFREUND (1960)

In den schwarzen Stunden des Krieges entsinnt sich Ludwig Fuchs seiner Schulfreundschaft zu Göring und schreibt ihm einen Brief, in welchem er bittet den Krieg zu beenden. Ein Mitarbeiter Görings öffnet den Brief und lässt Ludwig festnehmen. Göring kann aus alter Freundschaft nicht mehr tun, als ihn für verrückt zu erklären, damit er nicht ins Gefängnis muss. Für den ersten Moment ist der gute Mann gerettet, aber nach Kriegsende erweist es sich als schwer die Diagnose rückgängig zu machen...

Kritik am Rande...
 
Die Geschichte ist schlicht aber interessant. Das Leben im 2. Weltkrieg und im Nachkriegsdeutschland sind Nebensache. Im Mittelpunkt steht das persönliche Problem eines kleinen Mannes, der meist das richtige tat und für das richtige stand. Dass gerade einem solchen Bürger nach Kriegsende kaum gutes widerfährt ist Teil der gesellschaftskritischen Haltung von „Mein Schulfreund“. Denn aus den eigentlichen gerade erwähnten Nebensächlichkeiten wird im Vorbeigehen allerhand herausgeholt, mehr als in moderneren Produktionen, ob Film oder Dokumentation, die sich der Thematik als Hauptziel annehmen. Das macht den Rühmann-Film so sehenswert.

Ganz nebenbei darf man erfahren, dass einer der etwas höheren Nazis nicht nur mittlerweile ein gutes Leben führt und erfolgreicher Geschäftsmann geworden ist, „Mein Schulfreund“ serviert uns die Pille mit nur einem Nebensatz noch bitterer als ohnehin, indem erwähnt wird, dass eines der laufenden Geschäfte ein Spielzeug-Laden für Kinder ist. Goldrichtig debattieren Rühmann und sein ehemaliger Gefängniswärter über die Gewichtung verschiedener Gefangenen-Typen während und nach dem Krieg und kommen zu einem ernüchterndem Ergebnis. Viele die einst Macht hatten haben sie nun immer noch. Macht lässt einen so schnell nicht los, schlussfolgert Fuchs treffend.

Diese Themen stehen wie erwähnt nie im Mittelpunkt, wirken dadurch aber auch nie aufdringlich oder zu gewollt, oder gar an den Haaren herbeigezogen, wie manch bemühtes, aber talentloses Werk der Neuzeit. Vielleicht liegt es auch daran, dass „Mein Schulfreund“ mit 15 Jahren noch im Radius liegt, den man als „nah am Kriegsende“ bezeichnen könnte und man somit noch weiß wovon man redet. Selbst in dieser ersten Zeit der Vergangenheitsbewältigung dürfte der Film einige unangenehme Themen angesprochen haben, und dies trotz der erfundenen Geschichte relativ authentisch.

In dieser Grundhaltung bildet der Film einen starken Gegenpol zu Themen-ähnlichen Werken unserer Zeit. Diese kauern nur das wieder, was von Schulzeiten an gelernt und nur durch Dritte erfahren wurde, reden dem Volk nach dem Mund, anstatt selbe Aufklärungsarbeit wie seinerzeit „Mein Schulfreund“ zu leisten, in dem man die mit Faschismus vergleichbaren Missstände der eigenen jüngsten Zeit darstellt. Hitler-Reportagen und Filme wie „Die Welle“, und mögen sie auch noch so gut sein, sind Opium fürs Volk statt Aufklärung und dienen nur dazu von heutigen Ungerechtigkeiten abzulenken.

Der Rahmen von „Mein Schulfreund“ ist der Schwerpunkt, das Hauptaugenmerk ist Nebensache. Das ist schon paradox, wirkt aber gewollt. Rühmann ist ohnehin Meister darin, sich durch Zurückhaltung unaufdringlich in den Mittelpunkt zu spielen, es klingt widersprüchlich, passt aber zur Gesamthaltung des Filmes.

Ab und an badet aber auch dieser sympathische Streifen im Klischee, beispielsweise in der Szene kurz vor Kriegsende, wenn ein alter Peiniger Hilfe erbittet. Die Grundaussage stimmt, die Szene selbst wirkt zu gewollt, wenn auch vom ganz groben Scheitern abgedämpft durch passende Kommentare wie „Und vor Ihnen hatte ich Angst.“

Die Aussagen am Rande geben einem zu denken, sie sind gut herausgearbeitet und wissen auch beim Cineasten anzukommen. Das macht aus „Mein Schulfreund“ aber noch keinen guten Film. Das Werk selbst ist, wie so häufig unter Rühmanns Beteiligung, lediglich seichte Unterhaltung, nie langweilig aber relativ belanglos in Szene gesetzt. Wieder einmal liegt es an Rühmann das Schiff nicht untergehen zu lassen, auch wenn er diesmal dank der politischen Haltung nicht ganz allein für das Positive stehen muss.

Die Nebendarsteller schwanken zwischen gut, passabel und unglaubwürdig. Erstere rücken nie zu sehr in den Vordergrund um sonderlich bedeutend herauszuragen oder Rühmann gar auf längere Zeit zu unterstützen. Gerade neutrale Besetzungen, wie jene in der Figur des Rechtsanwaltes, gehören zu den, von der Größe der Spielzeit aus gesehen, bedeutenderen Rollen.

Somit plätschert der Film vor sich hin, bietet den ein oder anderen Höhepunkt, überrascht mit der ein oder anderen Story-Wendung (z.B. dass Fuchs beginnt seine Macht als Irrer in Nazi-Deutschland auszunutzen), lahmt im letzten Drittel jedoch ein wenig. Hier passiert inhaltlich nichts aufregendes. Man stützt sich lediglich auf die Tragik des Protagonisten. Das ist wenig, liegt aber immerhin in der Hand Rühmanns, der aus dieser Miesere etwas brauchbares macht.

Erst kurz vor Schluss bekommt „Mein Schulfreund“ noch einmal einen zusätzlichen Schub, wenn Fuchs mit einer kleinen List zu seinem Recht kommt. Ein böses Ende war dem Zuschauer von damals zu dieser Thematik wohl nicht zuzumuten. Ein echtes Happy End ist es allerdings auch nicht geworden, das macht das Ergebnis wieder angenehmer. Eine Cineasten-Pflicht ist der Film sicherlich nicht geworden. Er ist aber seichte Unterhaltung für zwischendurch, mit dem Nebeneffekt Geschichtsaufarbeitung noch aus erster Quelle und auf die richtige Art zu erfahren.  OFDb

14.10.2012

DER LÜGNER (1961)

Sebastian lügt seiner Tochter Nicky das Leben schön. Das Lügenmeer sorgt für allerhand Probleme, und auch das Jugendamt wird auf den Alleinerziehenden aufmerksam, allein schon deshalb, weil das Mädchen den ganzen Tag im Park spielt...

Von einer fröhlichen Welt in Schwarzweiß...
 
Heinz Rühmann drehte hauptsächlich eher leichte Kost, und so verwundert es auch gar nicht, dass ein Thema, wie jenes von dem der Film handelt, eher humoristisch erzählt wird. Denkbar wäre bei dieser Tragikomödie eine Gewichtung in beide Genre-Richtungen, doch nach Sichten weiß man, dass das Drama nicht so dominant vorhanden ist, wie die Komödie.

Ich persönlich bin da auch gar nicht böse drum, ich gucke Rühmann ohnehin am liebsten in Komödien, so wie es sicherlich den meisten geht. Natürlich ist der berühmte Schauspieler auch in „Der Lügner“ wieder Haupttrumpf. Er darf zwischen fröhlich und depressiv spielen, hin und wieder auch mal in kleineren Graustufen, meist aber schwankt sein Charakter zwischen beiden Extremen. Von schwarz auf weiß umzusatteln ist sicherlich keine echte Herausforderung für jemand so Erfahrenes, den Spaß an der Freude sieht man Rühmann dennoch recht deutlich an, dafür ist das Drehbuch einfach zu gelungen und schenkt ihm jede Menge tolle Szenen.

Ganz vorne an stehen dabei die Tagtraum-Sequenzen der Tochter, in denen Rühmann spielen darf, wie es einem Schauspieler in der Regel sonst nicht gestattet ist. In diesen Szenen wird der Hauptdarsteller zur reinen Comicfigur, meistert als Boxer, Polithelfer und in anderen Rollen jegliche Situationen, in einer Übertreibung, wie sie nur die Ausgeburt kindlicher Sichtweise sein kann. Wenn der schmächtige Sebastian um einen Boxer herumtänzelt, diesen damit überfordert und in der Rundenpause gemütlich Zeitung liest, während der muskulöse Profi verschwitzt Ruhe benötigt, dann sieht man Rühmann auch an, wie viel Spaß ihm das Verkörpern reinen Blödsinns macht. Sicherlich auch, weil seine Auftritte niemals würdelos oder klamaukig wirken.

Auch außerhalb der Kinder-Tagträume bescherte der Drehbuchautor Rühmann herrlich schrullige Szenen, beispielsweise wenn er Sebastian dessen Kind Stadtluft basteln lässt. Natürlich zählen zu diesen Momenten auch jene, in denen die Hauptfigur seiner Tochter das Blaue vom Himmel vorlügt, auf eine so plumpe aber auch phantasiereiche Art, wie es am Ende auch nur ein naives Kind glauben kann.

Komödien aus dieser Zeit gaukeln einem meist die heile Welt vor, und trotz der Thematik eines Mannes, der gesellschaftlich am Ende ist, ist dies auch in „Der Lügner“ der Fall. So wäre z.B. die Art zu kritisieren, wie es zum pflichtmäßigen Happy End kommt. Es stößt arg naiv auf, wie die Frau in die Geschichte gestoßen wird und wie unrealistisch, dauerhaft hilfsbereit sie in jeder Situation zu dem wesentlich älteren Sebastian hält, ihm bei Seite steht, trotz der dünnen Bekanntschaft und seiner recht unhöflichen Art. Und natürlich muss man auch bei dieser Aufzählung jene Szene erwähnen, in der ein Polizist aus reiner Nettigkeit den Chauffeur für unseren Helden spielt, nur damit dieser seiner Tochter vorgaukeln kann, er besäße ein Auto.

Das ist etwas viel heile Welt für unsere recht pessimistische Zeit. Und doch tut diese Naivität, sofern man sich auf sie einstellen kann, zur Abwechslung auch mal gut. Ich fände es grausam, wenn einem dauerhaft solche Fröhlichkeit vorgesetzt würde, aber in der Ausnahme macht es mal Spaß sich mit leichter Kost das Leben schön zu lügen. Bei so vielen guten Ideen, Witzen und bei solcher Spielfreude lasse ich mich gerne einmal auf solche Trivialst-Unterhaltung ein.
 
Dass die Geschichte trotz alledem richtig, sprich nicht nur augenzwinkernd, funktioniert, liegt allerdings auch daran, dass man die Dramatik nicht vollkommen wegblendete. Wie erwähnt spielt sie nicht auf gleicher Stufe wie der Humor, aber für ein kleines 60er Jahre Lustspiel gibt es doch einige bittere Momente, die sowohl situativ, als auch in der Mimik des Hauptdarstellers, nahe gehen und einen doch leicht zweifeln lassen, ob man hier nicht doch ein Ausnahmewerk ohne guten Ausgang vorgesetzt bekommt. Gerade im letzten Drittel bekommen wir häufiger ernste Szenen präsentiert, die es schaffen, den Humor zurückzusetzen, allerdings ohne ihm deshalb gleich die Wirkung zu nehmen.

Über die Besetzung an sich kann man nicht klagen. Das Mädchen spielt natürlich, die gut verkörperte Nachbarin erinnert an Frau Prusselise aus den „Pippi Langstrumpf“-Filmen (ihre Rolle betreffend hat der Film sogar einige sozialkritische Untertöne, auch zwischen den Zeilen), und die weibliche Hauptrolle ist sicherlich nicht herausragend gespielt, aber so besetzt, dass es keinen Grund zu meckern gibt. In dieser Rolle liegt keinerlei Herausforderung, von daher kann man sich glücklich schätzen, dass die Frau, die sie verkörpern musste, sie nicht lustlos runterspielte.

Im Gegenzug zu meiner ins negativ schwankenden Kritik über das Heile Welt-Verfahren der 60er, möchte ich aus dieser Schaffenszeit auch einmal etwas hervorheben, das ich als sehr angenehm empfand, gerade im Vergleich zu heutigen Filmen: das war der Umgang mit der Mädchenrolle. In „Der Lügner“ sind einige Szenen zu sehen, die heute dank politischer Korrektheit nicht mehr so auftauchen würden/dürften/sollten. Dabei ist es schön zu sehen, wie unverkrampft hier diverse Szenen gezeigt werden. Ja, da wäscht der Vater halt mal seine Tochter, die oben herum nackt ist. Ja da nimmt die Tochter dem Herrn Papa im Park ein heruntergefallenes Blatt vom Schritt weg, weil es dort nicht hingehört. Und ja, die Kamera achtet bei unserer Rockträgerin nicht fortlaufend darauf, bloß nie die Unterwäsche einzufangen. In Zeiten pädophiler Panikmache sind solche Szenen praktisch nicht mehr erlaubt. Es gibt kein Gesetz dagegen, aber keiner würde es sich mehr trauen, diese beschriebenen Situationen in Werken für die breite Masse so natürlich zu zeigen, wie wir es in den 60ern noch erleben durften.

„Der Lügner“ ist ein rundum gelungener Film, der wegen seiner Heilen Welt-Stimmung aus heutiger Sicht ein etwas naives Produkt geworden ist. Aber Cineasten, die auch gerne einmal auf solch leichte Kost zurückgreifen, kann ich ganz klar eine Empfehlung aussprechen.  OFDb

13.10.2012

VATER SEIN DAGEGEN SEHR (1957)

Lutz Ventura lebt alternativ. Er wohnt in einem Turm, ist Schriftsteller mit unregelmäßigem Einkommen und führt ein eheloses Liebesleben mit Margot. Nach drei Jahren verlobt er sich doch mit ihr, just am selben Tag erhält Lutz ein Telegramm über den Tod seiner Schwester. Diese lässt zwei Kinder zurück, die Lutz bei sich aufnimmt, solange der Vormund, Lockführer Röckel, mit seiner Frau in Urlaub ist. Frau Röckel ist alles andere als kinderfreundlich, und so versuchen die Kleinen alles, um bei Lutz zu bleiben. Doch der ist sich mit Margot einig: dies bleibt nur ein Ferienaufenthalt...

Der Urlaubs-Daddy...
 
„Vater sein dagegen sehr“ ist ein Protest gegen Spießertum. Ein solcher sah in Zeiten vor demokratischer Kindererziehung, bevor ein Pfarrer nur ein Stadtbewohner unter vielen wurde und bevor die Deutschen sich von der Strenge eines Knigge lösten, jedoch sehr anders aus, als man es sich heute vorstellen würde. Venturas Art zu leben war in den Tiefen 50er Jahren zur Adenauerzeit eine reine Provokation: kein festes Einkommen, kein Frauenhaushalt, alles Dinge, die zu Problemen werden, wenn Ventura sich im letzten Drittel überlegt die Kinder zu sich zu nehmen.

Margot, die noch jeden Skandal mitgemacht hat, inklusive wilder Ehe, zieht hier jedoch den Schluss-Strich. Eine junge Frau mit zwei Kindern, von denen eins bereits fast erwachsen ist, das ist nicht denkbar. Dass wir uns in einem Heinz Rühmann-Film befinden, der heilen Welt eines Mannes mit schelmischem Grinsen, verrät bereits, dass es zu einem Happy End kommen wird. Und das kommt nicht ohne Hilfe des Pfarrers, einem guten Freund von Lutz, was man sicherlich auch als Provokation sehen kann. Der Pfarrer heißt Venturas Treiben nicht gut, aber er akzeptiert es, beeinflusst den Mann nicht durch Strenge, sondern durch Freundlichkeit und Hilfe. Würde der Mann Gottes zur Entstehungszeit nicht im Widerspruch stehen zu dem, was ein Pfarrer sein sollte und durfte, man könnte seinen Part als Werbevideo der katholischen Kirche sehen.

Mit heutigen Augen ist Kurt Meisels Werk ein merkwürdiger Film. Da ist dieses moderne Paar, das sich nicht um die Meinung der anderen kümmert und sein alternatives Leben genießt (er noch mehr als sie), und dennoch gibt es diesen Kommandoton den Kindern gegenüber. Liebevolle Strenge, so könnte man Lutz’ Stil bezeichnen, und die Kinder mögen ihn dafür.

Nicht nur in solchen Szenen erkennt man die völlig andere Moral. Auch wenn Herr Röckel dem eher unbekannten Lutz erzählt, er habe erstmals seine Frau geschlagen, so erntet er nur damit die fröhliche Reaktion des Schriftstellers: „Und, hat’s was genützt?“ Wenn man nun noch zusehen darf, wie der kleine Gastsohn nackend in das Bett seiner jugendlichen Schwester steigt, das sich beide im Urlaub teilen, dann wirkt das alles heute fremd. Erstaunlich wie unfrei und frei man damals zugleich war, genau wie heute, nur mit anderer Verteilung der Zwänge und Freiheiten.

Kurt Meisels Inszenierung kommt leicht daher. „Vater sein dagegen sehr“ guckt sich angenehm kurzweilig. Kleine Gesangseinlagen verderben einem nicht den Spaß, sondern unterstreichen den Stil des Films. Bereits ein Jahr zuvor arbeitete Rühmann mit Meisel zusammen. Damals realisierten sie die mehrfach verfilmte Geschichte um Schneider Wibbel, der als „Das Sonntagskind“ veröffentlicht wurde. Der war ein recht schwacher Film, um so schöner, dass die zweite gemeinsame Arbeit gleich viel sympathischer ausgefallen ist.

Zu den großen Würfen Rühmanns Schaffens hat es aber auch diese Komödie nicht geschafft. Ich bin insgesamt zwar sehr angetan von der netten Geschichte, in welcher der große Schauspieler wieder mit seinem Charme trumpfen darf und die uns für 90 Minuten in eine heile Welt eines immergrünen Deutschlands entführt. Zur kompletten Abrundung eines guten Filmes fehlte mir jedoch eine sympathische Kinderbesetzung.
Die jugendliche Tochter steckt nun mal in der Zeit der späten 50er Jahre fest, die kann nichts dafür, dass sie heute so unsympathisch wirkt. Aber der Bengel, der ständig bayrisch brabbelt und dabei nie etwas nettes oder Sympathie förderndes sagt, der ist nun komplett fehlbesetzt, viel mehr noch jedoch charakterlich schlecht gezeichnet. So sehr sich der Film bemüht das Angenehme des Vaterseins hervorzuheben, speziell die hier gezeigten Kinder betreffend schwappt dieses Gefühl nie auf den Zuschauer über. Und das schadet dem sonst so netten Streifen schon enorm.

Letztendlich ist „Vater sein dagegen sehr“ aber ohnehin nur ein alter Schinken, der sich sehr verstaubt guckt. Und der entführt einen eher in eine andere Zeit, als in eine Geschichte zum persönlich mit Eintauchen. Die Ansichten sind überholt, die Manipulation zur Erziehung des Filmkonsumenten zu einem gesetzestreuen Bürger findet nicht mehr Gehör, und die Auflehnung bestehender Ungerechtigkeiten ist überholt. Aber gerade deshalb macht ein solches Original dieser Zeit so viel Spaß. Auch wenn einem hier nur heile Welt präsentiert wird, so ist es doch fast abenteuerlich einmal wieder in eine vergangene Zeit einzutauchen, eine, die einem nicht rückblickend zurück entworfen wird, sondern durch ihr Entstehungsjahr filmisch betrachtet authentisch ist.

Übrigens: wer gerne einmal sehen möchte, wie die deutsche Stimme der Margaret „Miss Marple“ Rutherford ausschaut: die hat eine kleine Gastrolle gegen Ende und darf die strenge Dame des Jugendamtes verkörpern.  OFDb

04.10.2012

DR. MED. HIOB PRÄTORIUS (1965)

Der fähige Arzt Prätorius geht seiner Arbeit nach dem Prinzip nach, dass Humor die beste Medizin ist. Damit kommt er bei den Patienten sehr gut an, die reizende Violetta verliebt sich gar in den älteren Mann und beide heiraten. Prätorius’ Erfolg bringt leider auch Neider auf den Plan. Der völlig humorlose Dr. Speiter wühlt in der Vergangenheit des guten Mannes und scheint etwas entdeckt zu haben, womit er die Karriere seines verhassten Kollegen beenden kann…

Ein Dr. Fröhlich vor Roy Black…
 
„Dr. med. Hiob Prätorius“ ist die dritte Verfilmung des selben Stoffes, der zunächst 1950 als „Frauenarzt Dr. Prätorius“ und ein Jahr später in der US-Variante „People Will Talk“ verfilmt wurde. Die Vorgänger kenne ich nicht. Aus dem Frauenarzt ist jedoch mittlerweile ein Allgemein-Mediziner geworden. Mag sein dass die exakte Branche aus biederen Gründen gewechselt wurde, das würde nämlich zum Gesamtbild passen.

Kurt Hoffmanns Film ist bieder. Und das ist ein Adjektiv, das man nach heutigen Sehgewohnheiten wohl für viele Rühmann-Filme benutzen könnte. Allerdings hat mir dieser Zustand bislang nie einen Rühmann-Film vermiest. Meist hat es mich nicht gestört, manchmal stimme ich der versteiftenund überholten Art mit ihren Ansichten zu. Diesmal fühlte ich mich unwohl, so verkrampft begegnete mir der Film. Mehr noch, seine biedere Art ließ ihn mehr wie einen Heimatfilm gucken, weniger wie eine Komödie.

Ein wenig schade ist dieses magere Ergebnis schon, denn die etwas arg dick aufgetragene Propaganda „Humor gegen Dummheit“ ist noch heute aktuell, auch wenn sie in heutiger Zeit bekämpft wird mit „Humor für die Dummheit“. Die Botschaft von „Dr. med. Hiob Prätorius“ (womit ich sowohl Film als auch zentrale Figur meine) ist eine herzensgute und eine logische noch dazu. Obwohl sie auf Pessimismus baut strahlt das Werk einen Optimismus aus, der fast nicht mehr zu ertragen ist.

Das ist ebenfalls nicht neu für einen Heinz Rühmann-Film, jedoch wirkt der übertriebene Optimismus in übertrieben biederer Umsetzung im Gewand eines Heimatfilms besonders brutal. Erst recht wenn man bedenkt, dass der komplette Film fast gar keine Geschichte erzählt. Der Charakter des Arztes bleibt zu oberflächlich um allein auf ihn zu bauen. Die Geschichte um ihn herum ist seidendünn, kommt sogar dann erst in Fahrt, wenn die Hauptfigur sich den anderen Ärzten aufgrund Vorwürfen aus der Vergangenheit stellen muss, was jedoch ebenfalls ein wenig ins Leere läuft. Zumindest hat man am Ende den Eindruck, dass man sich den ganzen Zirkus auch hätte sparen können.

Hoffmanns Film wird nicht langweilig, er ist nur so unglaublich belanglos. Was nutzt da noch das Engagement Rühmanns jede Rolle mit Vollblut zu spielen und sein Markenzeichen, die markante Stimme? „Dr. med. Hiob Prätorius“ ist ein guckbarer Film, aber alles andere als eine Empfehlung.  OFDb

02.10.2012

DER KAPITÄN (1971)

Ein alter, brummiger Seebär muss gegen seinen Willen ein Kreuzfahrtschiff von A nach B steuern. Während dieses aufgedrückten Auftrages muss er sich in Höflichkeit und falschen Charme üben, was ihm überhaupt nicht schmeckt. Mit seiner robusten Art eckt er immer wieder bei den Gästen an, insbesondere bei einem Mann, der als Teilverantwortlicher der Kreuzfahrt den neuen Kapitän beobachtet und kontrolliert und es kaum erwarten kann sein Scheitern zu melden. Nur wenige Gäste und Crewmitglieder sympathisieren mit dem Kapitän, doch im Laufe der Fahrt wird sich dies noch ändern...

Auf seichter See geht man nicht unter...
 
„Der Kapitän“ schippert seicht vor sich hin und unterhält ohne große Einbrüche zu verzeichnen. Auf der Gegenseite bietet er allerdings auch keine Höhepunkte. Letztendlich orientiert sich der Zuschauer an der sympathischen Rolle Heinz Rühmanns, durchlebt mit ihr Hochs und Tiefs (wobei die Tiefs nie tragisch genug für die Betitelung Tragikomödie wären), und irgendwann ist der Film vorbei.

Die Grundsituation, dass ein alter Seebär sich plötzlich mit Gästen eines Luxuskreuzfahrtschiffes konfrontiert sieht, ist eigentlich eine recht nette. Dadurch hätte es eigentlich auch die Möglichkeit gegeben mehr als nur eine Hand voll interessanter Figuren einzubauen. Die paar die da sind können den Film dafür aber immerhin tragen. Neben Rühmann weiß Horst Tappert zu überzeugen, der einen comicartigen Charakter spielen darf, diesen aber nie all zu verdreht verkörpert, als dass der Begriff komplett ins Schwarze treffen würde. Mit herrlichem Dialekt, grausamen Bart und wundervollen Dialogen bekommt er eine Rolle beschert, wie er sie wahrscheinlich viel zu selten spielen durfte. Irgendwo schippert auch Günter Pfitzmann mit, allerdings in einer sehr belanglosen Rolle.

Wie so häufig in Rühmann-Filmen geht es auch hin und wieder recht bieder zu, aber das geht schon in Ordnung. Letztendlich orientiert sich der Film am Charakter des Kapitäns, und der ist nun einmal ein älterer Jahrgang mit anderen Ansichten.

Rühmann selbst gibt dem Kapitän mehr als nur ein Gesicht, er weiß ihn in seiner Schlichtheit und den ebenso schlichten Situationen gekonnt zu verkörpern. Man ist stets nah an seinem Empfinden dran. Rühmann spielt ihn so menschlich, dass selbst ein olles betrunken sein einfach zu Herzen geht.

Die Inszenierung fällt eigentlich durch nichts großartig auf. Kamera, Schnitt, ja selbst die Musik, bleiben unauffällig schlicht. Das Drehbuch bietet wie erwähnt keinen nennenswerten Höhepunkt, wie es endet ahnt man freilich von selbst. Letztendlich überließ man alles den zwischenmenschlichen Situationen und einigen wenigen, drolligen Dialogen. Jede Menge Figuren stoßen in verschiedenen Konstellationen Szenenweise aufeinander. Nur selten verstrickt sich dabei ein Handlungsstrang zu einem größeren, der auch noch 20 Minuten später relevant wäre.

Aber einige wenige Charaktere begleitet man nur all zu gerne durch diesen Plot aus Nichtigkeiten, einfach rein der Sympathie wegen, und auch weil es letztendlich nie zu langweilig wird um dies nicht zu wollen. Bewunderer Rühmanns liegen mit der Wahl dieses Filmes nicht falsch, Komödienliebhaber sollten wissen, dass hier keine großen Lacher zu erwarten sind. „Der Kapitän“ ist schon fast ein Lehrstück darüber, wie man einzig mit sympathischen Charakteren einen kompletten Film tragen kann.  OFDb

19.09.2012

DER JUGENDRICHTER (1960)

Jugendrichter Bluhme geht mit jungen Straftätern verständnisvoll um. Statt Härte setzt er auf sozialfördernde Urteilssprüche. Bei der uneinsichtigen Inge Schumann bleibt ihm jedoch nichts anderes übrig als Jugendhaft zu verhängen. Die als Lockvogel einer Erpressung behilfliche junge Dame nimmt nach dem Urteilsspruch reißaus und droht aus dem Fenster in die Tiefe zu springen. Damit sie es nicht tut, gibt Bluhme ihr sein Ehrenwort, dass sie frei kommt. Damit sie trotzdem aus dem kriminiellen Umfeld herauskommt und Bluhme einen Blick auf sie hat, wird die Strafe umgeändert. Inge muss im Gasthaus, in welchem Bluhme wohnt, als Dienstmädchen arbeiten. Sein Vertrauen in die guten Seiten Inges wird auf harte Proben gestellt, denn das Mädchen hat es faustdick hinter den Ohren...

Richter haben immer Recht...
 
Ein wenig erinnert der Film an den zwei Jahre zuvor erschienenen „Der Pauker“, in welchem Heinz Rühmann als strenger Lehrer den Draht zu seinen rebellischen Schülern findet, um sie auf den rechten Weg zu geleiten. In diesem machte allerdings auch die Erwachsenenrolle eine Wandel durch. „Der Jugendrichter“ ist in diesem Punkt anders, sogar schlichter gestrickt. Richter Bluhme ist der weise Mann, die jugendlichen Rebellen aufmüpfig, und da der Richter immer recht hat, sehen es später selbst die faulsten Äpfel ein.

Jugendkriminalität sah in den 50er und 60erJahren, zumindest wenn man den Medien glauben darf, noch ein klein wenig anders aus. Schüler stachen sich noch nicht gegenseitig nieder, Rebell war man, wenn man mit Lederjacke popelige Motorräder fuhr und mit Diebstählen sein Leben aufregender gestaltete. Scheinbar war die Mentalität angehender Krimineller noch eine Spur sensibler, denn mit welchen Methoden der Richter am Ende selbst die härtesten Brocken überzeugt, würde heute keinen 12jährigen mehr jucken.

Die Jugend ist halt immer ein Spiegelbild der Gesellschaft, auf der anderen Seite ist das Medium Film aber seit je her Zweck für Propaganda gewesen, gestern wie heute, in Amerika wie in Deutschland. Interessant ist zumindest der Ansatz der Erklärung der Kriminellen gegen Ende des Filmes, der erstaunliche Parallelen zum heutigen Denken vieler Leute aufweist, heute oftmals von Nichtkriminellen geäußert. In diesem Punkt geht der Film nicht so blauäugig vor, wie der Rest des Streifens und dies auch in Bezug auf den Richter, der den Straftätern nicht ganz Unrecht gibt. Seinen klagenden, predigenden Worten kann man dennoch nicht widersprechen.

Aber dies geschieht alles erst am Ende, zuvor darf man einen typischen Heinz Rühmann-Film sichten, wenn auch diesmal nicht aus dem Bereich der Komödie. Humor funkelt nur ein klein wenig durch, meist durch das schelmische Verhalten des Richters, der z.B. mit Tricks die Besitzerin der Pension in welcher er wohnt bei Laune hält. Selbst die kriminelle Inge schwätzt er ihr auf, was ihm mehr Probleme bringt als der Frau selbst. Das schaukelt sich für einen kurzen Moment so weit hoch, dass selbst die Karriere Bluhms auf dem Spiel stehen mag. Doch bis dahin hat sich die naive Geschichte schon so weit entwickelt, und Bluhmes weise Taten derart auf Inge abgefärbt, dass der Krisenmoment schnell verflogen ist, und die heile Welt sich weiter drehen kann.

Außer der eben erwähnten Ausnahme gibt es noch einen weiteren Moment, in welchem die Welt in „Der Jugendrichter“ nicht so lieblich und nett wirkt, wie im Rest des Films. Junge Diebe auf Motorrädern werden von Polizisten im VW-Käfer verfolgt. Die Gesetzeshüter schießen auf die Flüchtigen, einer findet im weiteren Verlauf den Tod. Das sind harte Bilder in einem sonst so seichten Film, der sein Thema, das zu mehr gereicht hätte, lediglich dafür verarbeitet 90 Minuten das Gefühl von Sicherheit und Wohlbefinden beim Zuschauer entstehen zu lassen. Die Welt ist gut wie sie ist, schau nicht aus dem Fenster um Dich eines besseren belehren zu lassen.

„Der Jugendrichter“ ist stockbieder, sein heile Welt-Bild manipulativ und seine Aussagen naiv. Dennoch ist der Streifen nicht uncharmant zu nennen. Mag sein dass es an der langen Zeit zwischen meiner Sichtung und dem Entstehungsjahr liegt. Heute wirkt der Film nur noch nostalgisch, sympathisch naiv, da aus einer völlig anderen Zeit stammend. Betroffen ist man von der dort angewandten Propaganda nicht mehr, rückblickend ist man immer schlauer.

Außerdem weiß mich Heinz Rühmann mit seinen sympathischen Darstellungen fast immer zu begeistern. Und der konservative Spießer in mir, der hoffentlich nie vollends ausbricht, träumt heimlich davon, dass die Welt doch so schlicht und einfach wäre, dass alte Tugenden und strenge Moral des Rätsels Lösung wären. Leider weiß der Realist in mir, dass die wahren Straftäter viel mächtiger sind, als es alle Ladendiebe und Internetkriminellen zusammen je sein könnten.  OFDb

17.09.2012

DIE ABENTEUER DES KARDINAL BRAUN (1967)

Trottelige Gauner planen einen großen Coup im Vatikan...

Auch Filme können ein Verbrechen sein...
 
Nach zwei wundervollen Pater Brown-Verfilmungen mit Heinz Rühmann, folgte diese angebliche zweite Fortsetzung. Aber was uns hier geboten wird ist eine bewusste Zuschauertäuschung, die wirklich so grottenübel umgesetzt wurde, dass schwer nachvollziehbar ist, was Rühmann bewegt haben soll mitzuspielen.

Nach dem Vorspann, begleitet von grässlicher Musik, ist man zunächst einmal verdutzt einen italienischen Namen zu sichten. Lucio Fulci übernahm die Regie, jener durch seine drastischen Horrorfilme bekannt gewordene Mann, einer der stets geteilte Meinungen entfacht. Mit „Die Abenteuer des Kardinal Braun“ beweist er zumindest, dass Komödien ihm scheinbar gar nicht liegen. Dabei klingt die Grundlage doch zunächst einmal interessant, dass unser, durch zwei Filme liebgewonnene, Brown nun einen Kriminalfall im Vatikan lösen darf. Das wäre wirklich eine schöne Idee gewesen, vorausgesetzt der Erzählstil wäre der selbe geblieben. Nun ist aber nicht nur dieser anders, das hier besprochene Werk ist eigentlich kein Pater Brown-Film, der deutsche Titel ist somit Betrug. Nach zwei zurückhaltend klingenden Titeln entpuppt sich ausgerechnet jener an Pater Brown eng angelehnte angebliche dritte Titel als Lüge. 40 Minuten dauert es bis Rühmann auf der Bildfläche erscheint. Das ist alles andere als eine Hauptrolle. Und wenn er endlich einmal auftaucht, kommt er dennoch zu kurz. Das Hauptaugenmerk legte Fulci auf die Gegenseite, die zeigt wie eine Bande dummer Ganoven versucht einem erfolgreichen Verbrechen nachzugehen.

Löst man sich von dem Gedanken eine Fortsetzung von „Er kann's nicht lassen“ zu sichten, sollte man meinen dass ein netter Film trotzdem möglich wäre. Wie der Name in der Regie allerdings bereits verrät, haben wir hier eine Co-Produktion mit Italien. Vom deutschen Einfluss ist so gut wie nichts mehr zu spüren, eigentlich gar nichts mehr, lediglich ein Hauch Besetzung verweist auf die Beteiligung Deutschlands. Und italienische Komödien, und dazu auch noch aus dieser Schaffenszeit, gehören in meinen Augen ohnehin nicht zu den italienischen Perlen. Typische Peinlichkeiten, wie beispielsweise aus der grottigen „Flotte Teens“-Reihe bekannt, sind auch hier zu sichten. Gute Witze gibt es gar nicht, nicht einen einzigen. Ein großer Teil des Klamauks baut wieder, wie so oft in Italien, auf den Sexualtrieb der Idioten und ihr Zusammentreffen auf verführerische Frauen auf, die ihre Reize für ihre Zwecke nutzen und sie gleichzeitig jedem Unattraktiven hinterher schmeißen.

Das zotige Etwas ist gähnend langweilig, in jedem Punkt überzogen gespielt und zudem auch noch schlecht besetzt. Dies ist weder eine Pater Brown-Fortsetzung noch ein deutscher Film. „Die Abenteuer des Kardinal Braun“ ist unerträglicher Italien-Nonsens zum Abgewöhnen und der absichtliche Täuschungsversuch, dem Kinozuschauer unseres Landes Geld aus den Taschen zu stehlen.  OFDb

ER KANNS NICHT LASSEN (1962)

Pater Brown wird versetzt, weil er sich mehr um Kriminalfälle als um seine Gemeinde kümmerte. Brown gibt sich alle Mühe die Oberen nicht zu enttäuschen, doch eine Mordserie weckt dann doch wieder sein Bedürfnis auf eigene Faust zu ermitteln...

Blaupause ohne Qualitätsverlust...
 
Was unterscheidet die Fortsetzung von dem Original „Das schwarze Schaf“? Herzlich wenig! Das wundert auch nicht, wurde das Sequel doch bereits am Ende von Teil 1 samt Titel angekündigt. Und Freunde des Erstlings werden sicherlich nicht schimpfen, dass Teil 2 dem Vorgänger ähnelt. Dies strenggenommen auch nur bedingt: der Erzählstil ist der selbe, der Mordfall selbst ist allerdings sehr anders gestrickt.

Dass die Filme bereits im Doppelpack geplant waren, löst mit Blick auf die Besetzung etwas Verwunderung aus. Sowohl der Kommissar, als auch Browns Vorgesetzter wurden anders besetzt. Ihre Figuren wurden  durch andere ausgetauscht. Warum? Pflicht der Vorlage? Keine Ahnung! Was soll's, letztendlich soll es uns egal sein. Die Neuen treten wunderbar in die Fußstapfen ihrer Vorgänger, sowohl schauspielerisch als auch von ihrem Sympathiepegel her, und die wichtigsten Rollen, der Pater und seine Haushälterin, werden glücklicher Weise ohnehin wieder von den aus Teil 1 bekannten Gesichtern gespielt.

Dem ein oder anderen wird es bestimmt gefallen Horst Tappert hier einmal in der Rolle eines Bösewichts zu sichten. Allerdings sollte man sich davon auch nicht zu viel erhoffen, sein Part ist sehr klein geraten. Wer Horst Tappert als Verbrecher sehen will, sollte dementsprechend lieber zu dem Wallace-Krimi „Der Hund von Blackwood Castle“ greifen. Trotzdem bleibt Tappert auch in geringem Maße stets ein Vorteil für einen Film.

Wie erwähnt erwartet einem bei „Er kanns nicht lassen“ der selbe Spaß wie in „Das schwarze Schaf“. Wer Teil 1 mochte, wird nichts zu maulen haben. Es ist einfach schön, dass man seinerzeit Qualität erkannte und es nicht als mangelnden Anspruch ansah, wenn Fortsetzungen ihrem Original zu sehr ähnelten (siehe auch diesbezüglich die 60er Jahre Miss Marple-Reihe). Hier wird geboten was der Zuschauer sehen will, und diesem Wunsch wurde nachgegangen, ohne dass er aus Cineastensicht scheitert.

Schon Teil 1 war kein Juwel am Krimikomödien-Himmel, aber er war ein sympathischer, kleiner Klassiker zum Immerwiedergucken, und dem steht die Fortsetzung in nichts nach. Auch das Mörderraten darf wieder stattfinden, und die Frechheiten eines Vorgesetzten gegenüber erleben in Teil 2 einen neuen Höhepunkt, vielleicht sogar einen, der selbst für den schelmischen Pater Brown etwas zu viel des Guten ist. Teil 3 wird diesmal nicht zuvor angekündigt, und wer die 2. Fortsetzung gesichtet hat wird auch wissen warum.  OFDb

10.09.2012

DAS SCHWARZE SCHAF (1960)

Ein Mann stirbt, sein Tod wird für einen Unfalltod gehalten. Pater Brown sieht das anders. Er vermutet einen Mord und sucht den Täter, sehr zum Ärger seiner Vorgesetzten...

Ein Pfaffe für jeden Mord...
 
Pater Brown ist ein sehr neugieriger Mensch. Diese Eigenschaft kommt ihm für seine private Leidenschaft sehr gelegen, denn er liebt Kriminalromane, und wenn es etwas herauszufinden gibt, ob Diebstahl oder Mord, dann beweist Brown ein Näschen für das Verfolgen der richtigen Spuren und weiß solche Fälle stets zu lösen. Seinen Vorgesetzten passt dies gar nicht, und eine Strafversetzung soll verhindern, dass der Gottesmann weiterhin Polizeiarbeit verrichtet.

Aber ähnlich wie bei Miss Marple ist es weniger der Hobbydetektiv, der die Kriminalfälle sucht, vielmehr scheint es, dass Verbrechen Pater Brown suchen. Das wäre nicht die einzige Ähnlichkeit, die dieser Film mit der 60er Jahre-Miss Marple-Reihe gemein hat. Auffällig ist beispielsweise das Zusammenspiel mit der Polizei, die zwar ständig auf Fremdhilfe angewiesen ist, es aber dennoch nicht gerne sieht, dass da wer mitmischt, immer anderer Meinung ist und hinterher auch noch Recht behält. Zudem ist Brown nicht auf den Mund gefallen und verschafft sich mit giftigen Sprüchen, einem Schuss Egoismus und jeder Menge Neugierde die nötigen Beweise. Durch seinen Beruf kann er Marple gegenüber einen Vorteil aufweisen, öffnet ihm das Pfarrersein doch auch die ein oder andere Türe.

Die Verfilmung selbst unterscheidet sich vom Stil her ebenso von den Abenteuern der von Margaret Rutherford so wunderbar schrullig gespielten alten Dame, denn wo die vier Filme um Miss Marple Krimikomödien mit Schwerpunkt Krimi waren, sind die Abenteuer um Pater Brown mit dem Schwerpunkt Komödie umgesetzt. Das merkt man allein schon daran, dass die spannenden, fast gruseligen Ermittlungsmomente aus der Seniorenreihe hier komplett fehlen. Wenn Pater Brown in Gefahr gerät, was äußerst selten passiert, dann kann von Spannung nicht die Rede sein. Muss es aber auch nicht. „Das schwarze Schaf“ weiß auf eigene Art zu punkten, lebt einfach durch seine locker flockige Art, und natürlich trumpft auch Heinz Rühmann Darstellung seiner Rolle.

Seinem Spiel und den flotten Dialogen des Drehbuchautors haben wir es zu verdanken, dass aus dem Film kein Krimi mit einem unsympathischen Pfarrer geworden ist. Wo die Unehrlichkeit seines Berufes ab und an aufblitzt, wird sie wieder wett gemacht durch kleine Schmunzler. Obwohl Brown ein Mann der Religion ist, beginnt man sogar ihn zu mögen. Gerade deswegen funktioniert „Das schwarze Schaf“ allerdings auch nur auf naiver Ebene. Man muss sich die Welt schön lügen und für 90 Minuten einmal glauben, einem Pfarrer ginge es nur um das Wohl seiner Gemeinde. Wenn man dies schafft, wird man wunderbar unterhalten, mitunter auch deshalb, weil mit geraten werden darf wer der Täter ist.

„Das schwarze Schaf“ ist flotte Komödienunterhaltung mit einem Kriminalfall zum mit raten. Er ist leichte Kost, und er eignet sich wunderbar zum öfter gucken. Seinerzeit dürfte er genau die richtige Alternative gewesen sein, zu den etwas düsteren Wallace- Krimis und den "Miss Marple"-Filmen, die irgendwo dazwischen anzusiedeln wären. Eines haben alle drei Reihen auf jeden Fall gemein: sie spielen in England, das hat den deutschen Zuschauer von einst damals scheinbar gereizt. Der Film um Pater Brown ist ein kleiner Klassiker, der auf naive Art wunderbar die Zeit vertreibt.  OFDb

08.09.2012

SCHÄM DICH, BRIGITTE! (1952)

Als der Mathematiklehrer Stieglitz einen amourösen Liebesbrief bei seiner Schülerin Brigitte entdeckt und deren Eltern über dieses unmoralische Verhalten informieren will, tritt dieser damit eine Lawine an Ereignissen ins Rollen, die Brigittes Vater Felix in eheliche Schwierigkeiten bringen. Dessen Versuche mit kleinen Tricks und der Hilfe seines alten Schulfreundes Paul aus der unverschuldeten Sache herauszukommen, verschlimmern die Situation nur noch mehr...

Die Macht des geschriebenen Wortes...
 
Wo Heinz Rühmann drauf steht, da steckt meist die leichte Unterhaltung drin. Und so weiß auch das auf einem Theaterstück basierende Lustspiel „Schäm Dich, Brigitte“ dieses Ruf auf ein neues zu beweisen. Wie so oft zu dieser Zeit geht es in der Komödie um einen Irrtum, der derartige Wellen schlägt, dass daraus ein heilloses Durcheinander entsteht. Bis es zum obligatorischen Happy End kommt, schlagen die Wellen immer höher und wird die Zahl der betroffenen Personen immer größer. Am Höhepunkt des Desasters angekommen, stehen in E.W. Emos 78. Regiearbeit drei Ehen auf dem Spiel, eingeschlossen jene des Lehrers Stieglitz, der die ganze Situation überhaupt erst ins Rollen brachte.

„Wir werden das Kind schon schaukeln“ (Alternativtitel) steckt fest in seiner Zeit fest, beweist aber hin und wieder Mut durch Provokationen gegen Prüderie, was zu allerletzt die Auflösung der Herkunft des Chaos stiftenden Liebesbriefes beweist. Selbst zwar aufgrund seines Herstellungsjahres mit Blick von heute äußerst bieder geraten, entpuppt sich der Film als frech und gewagt, wenn auch immer nur für kurze Momente, um dem Zuschauer ansonsten zu bieten, was allgemein im Genre der Trivial-Komödie seinerzeit erwünscht war. Emos schwebte schließlich kein Skandalfilm vor, und die lange Nase, die er hin und wieder der strengen Moral und Prüderie entgegen streckt, ist nur ein Bereich vieler Seitenhiebe, die er nach allen Seiten hin ausschlägt.

So darf im umgekehrten Falle auch die lockere Moral und Oberflächlichkeiten ihr Fett abbekommen, was hauptsächlich in der Arztpraxis der Hauptfigur Felix thematisiert wird, ist dieser doch in der Schönheits-Chirurgie tätig und muss neben den alltäglichen Operationen auch immer wieder lästige Konversationen mit Patienten führen. Einzig die mit solchen Werken einhergehende lockere Moral des Helden erfährt keinen Kritikpunkt, und das obwohl Felix an der Extreme der Missverständnisse mitbeteiligt ist.

So zieht er, um seine Unschuld zu beweisen in einer Situation für die er nichts kann, mit seinem besten Freund und einem weiteren aus der Not heraus hinzugezogenen Gehilfen ein Schauspiel ab, sprich er bekämpft Lüge mit Lüge, was ihm und seinen Kumpanen nach Richtigstellung der Gesamtsituation freilich verziehen wird. Am Ende sind alle so erleichtert davon Opfer eines Missverständnisses geworden zu sein und damit einhergehend drei scheinbar in Scherben liegende Ehen gerettet sind, dass die weiblichen Rollen des Lustspiels die linken Wege, bzw. im Falle des Lehrkörpers die arroganten Wege, ihrer Ehegatten ignorieren, obwohl sie für dieses Verhalten Schelte verdient hätten.

Aber so ist sie, die Leichtigkeit dieser heute so antiquiert scheinenden Komödien aus dem deutschsprachigen Raum, und in einer Welt in welcher der Schelm zur Sympathiefigur wird ist dies nicht einmal eine Unlogik, geschweige denn ein Filmfehler. Hineinsteigern würde ich mich in einen solchen Punkt ohnehin nicht, und ähnlich wie bei Filmen mit Peter Alexander, so macht es auch beim verschmitzt immer grinsend aussehenden Heinz Rühmann auch immer wieder Spaß dem simplen Treiben zu folgen, diesmal um so mehr, da Rühmann Theo Lingen zur Seite steht, der die Sympathie des Publikums ebenso gewinnt wie sein Kumpan.

„Schäm Dich, Brigitte“ lebt jedoch nicht nur vom sehenswerten Spiel der beiden Schauspielern mit ihren unverkennbaren Stimmen und der wunderbar übertriebenen biederen Performance Hans Mosers, auch das Buch selbst weiß zu gefallen, behält es innerhalb vieler amüsanter Verwirrungen doch immer wieder den Überblick und weiß es doch, wohl der wichtigste Punkt, all das Wirrwarr im Laufe der Geschichte glaubhaft zu entknoten ohne mit faulen Ausreden oder unter den Tisch fallenden Auseinandersetzungen zu arbeiten. Emos Werk ist eine Verwechslungskomödie wie sie sein soll, auch wenn sie sich in der ersten Filmhälfte eine Spur schwungvoller schaut als in der zweiten.  OFDb