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22.03.2024

X (2022)

Eine Gruppe von Filmemachern hat die Räumlichkeiten einer Farm angemietet, um dort einen Pornofilm für den frisch aufkommenden Videomarkt zu drehen. Die Farm gehört einem sehr alten Ehepaar, das nichts von den Plänen der Gruppe ahnt. Letztendlich ahnt die Crew aber auch nicht, was ihr an diesem unseligen Ort widerfahren wird...
 
Was man hat, was man hatte und was man will... 
 
Ti West verneigt sich wieder einmal vor vergangenen Horrorzeiten und macht mit seinen Retroaufnahmen, die Stimmung und künstlerisches Vermögen gleichermaßen einzufangen wissen, mit Bildzitaten deutlich welche Vorlagen er ehrt. Zwar geht die Geschichte dabei zu geradeaus auf Slasher-Kurs, aber sie lässt sich hierfür jede Menge Zeit mit einer wundervoll bedrohlichen Atmosphäre in der langen Vorbereitungsphase. Hier steht nicht nur Figurenvertiefung auf dem Plan, sondern auch die Identifikation mit dem Zeitgeist der 70er Jahre, sowie der Branche, für die man produziert, und die Parallele, sowie die Gemeinsamkeiten zweier unterschiedlicher Generationen und Mentalitäten. Ti West nutzt manch anderen inhaltlichen Ansatz, als im Genre üblich, überrascht mit dem Aggressor, der gegen die Sehgewohnheiten ausgesucht ist und recht früh als solcher zu erkennen ist. "X", der Teil 1 einer Trilogie werden soll, die bislang mit "Pearl" eine erste Fortsetzung per Vorgeschichte erfuhr, knüpft an M. Night Shyamalans Idee aus "The Visit" an, alte Menschen zum Bösen eines Horrorfilms zu erklären. Die waren bislang entweder besessen wie in "Mom" und "Evil Date", bekamen Unterstützung von jungen Menschen, wie recht früh im modernen Horror in "Muttertag" geschehen, oder wurden eher humoristisch in grotesker Wirkung a la "Rabid Grannies" eingesetzt. 
 
"Die Nacht des Todes" wäre eventuell noch zu nennen, als Ausnahme von der Regel, aber in Form eines waschechten Slashers dürfte Ti West wohl der erste sein, der sehr alte Menschen in die Position der Mörder setzt. Außerdem erfährt "X" zusätzlichen frischen Wind mit dem Tabubruch von Altersnacktheit und Sexualität im Alter und setzt den freizügigen Szenen in der ersten Hälfte, in welcher es u.a. um einen Pornofilmdreh geht, als eine Art Legitimierung der dort gezeigten Details selbiges mit alten Körpern im letzten Drittel entgegen. Manch einer erfährt es erst im Abspann, aber ebenso wie im 2018er "Suspiria" steckt ein junger Mensch per Doppelrolle im Kostüm eines alten Menschen, und cleverer Weise war dies für besagte Spiegelung der Geschehnisse, der junge Pornostar im Mittelpunkt, der nicht zufällig ebenso wie der Fernsehprediger redet. Beide Rollen werden von Mia Goth hervorragend dargeboten, wenn der alte Part auch von einem überzeugenden Körperkostüm unterstützt wird. Und ihr Mut derart offen mit Reizen und recht hemmungslos vor der Kamera als Porno-Newcomerin zu agieren, gebührt Respekt, eben weil sie professionell spielt, und nicht nur hübsch besetzt wurde. Das guckt sich alles überzeugend, in dieser neuen und gleichzeitig traditionellen Art, die sich nicht einzig mit dem Abliefern von Retro-Atmosphäre ausruht, zumal der Stoff geistreich mit dem Gefühlsleben diverser Figuren umgeht und offen über schwierige Themen debattiert. Manch heftige Tötungsmethode, inklusive zwei Leckerbissenszenen für Tier-Horror-Liebhaber, sind ebenso enthalten. 
 
Man benötigt jedoch die rechte Muße für solch ein langsam angegangenes Werk, um den großen Wurf in ihm zu erkennen, was bei mir erst bei der zweiten Sichtung funktioniert hat, was ich im Nachhinein kaum glauben kann, so sensibel und provokativ dieser faszinierende Film zugleich angegangen ist. Sicherlich fehlt ihm der heftige Nervenkitzel mancher vergleichbarer Werke, "X" funktioniert auf recht nüchterne und intellektuelle Art, während er nach Außen den plumpen Reißer der quantitativen Schauwerte vorgaukelt. Trotz der sehr ruhigen Art schafft es Autor, Produzent, Cutter und Regisseur Ti West trotzdem, dass man mit den Figuren mitfiebert, und dies nicht zufällig, ein gewisser Grad Empathie, trotz gewollter Tabubrüche in so ziemlich jedem Charakter, ist ihm dabei wichtig, egal um welche aktiv agierende Person es gerade geht. Und in einer Art Verstehen der Motivation der Täter, liegt mit dieser Empathie eines der Geheimnisse zum Funktionieren von "X", zumal er trotz einiger Nacktheiten maximal einen Hauch Erotik erntet, da es dem guten Mann um Sex in der Handlung geht, und nicht hauptsächlich um das Einfangen anregender Bilder. Eine Ausnahme bildet Mia Goth, die erste Person in meinem Leben, die es schaffte mich gekleidet in einer Latzhose scharf zu machen. Wer sich durch die Anwesenheit der durch "Wednesday" und "Scream 5" mittlerweile populär gewordenen Jenna Ortega Nacktheit auch von dieser Seite erhofft, wird sich jedoch mit Unterwäscheszenen zufrieden geben müssen, die trotzdem nicht frei von Provokation sind. Viel interessanter finde ich an ihrer Anwesenheit jedoch, dass mich diese junge Schauspielerin, die ich meist nur bedingt überzeugend finde, in "X" eine gute Leistung abliefert.  Wiki

04.08.2023

SCREAM 6 (2023)

Ja, "Scream 6" ist etwas anders ausgefallen als der Rest der Reihe, da haben die Leute vom Marketing nicht gelogen, und er ist in aufregenden Dingen anders. Die ersten beiden Kills werfen bereits allerhand Fragen auf, so dass die Geschichte rätselhafter wirkt, als sie eigentlich ist. Und der Killer geht selbstbewusster und härter vor als bislang und macht auch nicht vor Bluttaten in der Öffentlichkeit vor Zeugen Halt. Das kommt so krass herüber wie es klingt, sorgt für bedrohliche Situationen, die wiederum dem Spannungsgehalt des Streifens gut tun. Zudem mordet der Killer nicht zimperlich, da wird x-fach zugestochen und auch sonst ziemlich pervers gemordet. Das wiederum führt zu den Negativpunkten des Streifens, denn da wo besonders hart gekillt wird, da sind Wunden zu extrem, um mal eben am Ende als "hat doch überlebt" aus dem Zauberhut gezogen zu werden. Das nervte bereits im Vorgänger beim ersten Opfer in seiner (selbst für diese Art Film) Unglaubwürdigkeit, und das geschieht diesmal inflationär, kaum ein Sympathiecharakter der nicht überleben darf, egal wie hart er attackiert wurde. Blutige Szenen dürfen extrem sein, aber das Seelenleben des Zuschauers darf dann doch nicht leiden und wird in Watte gepackt, schade. 

Ohnehin ist der sechste Teil der von Wes Craven begonnenen "Scream"-Reihe psychologisch schlecht umgesetzt. Die Auflösung ist zu geschwätziger Art, bedient sich am schlechten Beispiel des ansonsten geglückten "Scream 2", und bietet uns zudem würdelose Weichei-Killer, von denen man keinem die hart ausgeführten Auftritte, wie jene im Supermarkt, zutrauen würde. Die Mörder passen nicht zu dem vorher Gesehenen, die Auflösung enttäuscht somit in mehrfacher Hinsicht. Das könnte wie bei Teil 2 großzügig akzeptiert werden, wenn der Rest so gut ausgefallen wäre wie die Positivbeispiele zu Beginn der Besprechung, aber was außerdem enorm an Teil 6 nervt ist der bereits in "Scream 5" von den beiden Hauptdarstellerinnen blass gespielte und wie vorgelesen klingende Seifenopern-Part der Geschichte. Jeglicher Gefühlsmoment in Form von Dialogen und Monologen schaut sich stumpf, empathielos, einfach nur theatralisch vorgetragen, anstatt zu berühren. Und diesmal gibt es derartiger Momente mehr als im Vorgänger, so dass das interessante und packend erzählte Treiben rund ums Überleben immer wieder verwässert wird. 

Leider betrifft dies auch Szenarien wie der erste Auftritt von Gale Weathers und die völlig unsinnig anmutende Versöhnung mit ihr (die aber zumindest zur Naivität und Dummheit der beiden Protagonistinnen passt). Derartige Szenen wirken unglaubwürdig. Schade, denn die Idee dass Gale doch noch ein Buch schrieb und alles auslöste, ist eine tolle, ebenso wie die Internetpropaganda, die Heldin des Streifens sei der wahre Mörder des vorangegangenen Abenteuers. Die anderen jugendlichen Randfiguren wirken da schon mehr als die Heldinnen, sind bis auf den Stillen, der ewig von der Filmerfahrenen verdächtigt wird, auch gut besetzt. Ihr weit weniger aufdringliches, da besser gespieltes und als Randfigur freilich reduzierteres, zwischenmenschliches Szenario nervt nicht, bereichert sogar manchmal das Geschehen. Die Wiederkehr einer Figur aus "Scream 4", die keiner je vermisste, weiß zu gefallen, eben weil sie dort der einzig sympathische Teenager war, jedoch verschenkt man ihr Potential meiner Meinung nach, da hätte ich mir mehr erhofft. So schlecht sich das alles liest, die spannenden Szenen (wie jene mit der Leiter) sind herausragend umgesetzt und kitzeln gekonnt die Nerven. Die Auftritte des Killers erstaunen und werden immer wieder reizvoll eingesetzt, ganz besonders in der aus dem Trailer angedeuteten U-Bahn-Sequenz. 

Insgesamt ist "The Last Scream" (unsinniger Alternativtitel, da Teil 7 als Schluss einer neuen Trilogie bereits eingeplant war) zwar kein überzeugender Film, aber zumindest ein dümmlicher, unterhaltsamer, der somit etwas besser ausgefallen ist als der Tiefpunkt "Scream 3". Nach dem schlicht angenehmen Teil 5 ist man aber vielleicht auch einfach großzügiger, als nach den ersten beiden Vorzeige-Horrors, mag sein dass der Vergleich unfairer Natur ist. Aufgrund der großartigen Szenen freue ich mich trotzdem auf "Scream 7", auch wenn die beiden Heldinnen freilich nach wie vor keine brauchbaren Zugpferde sein werden. Aber da eine von beiden durch "Wednesday" nun ohnehin ein Star ist, braucht man nicht drauf zu hoffen, dass sie nicht noch einmal in den Vordergrund rücken werden. Zumindest kehrt im nächsten Teil Sidney zurück, die hier erstmals pausierte.  Wiki

14.03.2023

WEDNESDAY - STAFFEL 1 (2022)

Über die Besetzung von "Wednesday" kann ich nicht klagen, sowohl die Erwachsenen, als auch die Kinder sind alle überzeugend besetzt. Aber "Addams Family" ist das hier präsentierte nicht, schade. In einem unpassenden Mix aus "Harry Potter", Kinder-Krimi und einem Hauch "Addams Family" wird uns eine Serie für Teenager vorgesetzt, die Erwachsene fast komplett als Zuschauer ausblendet. Damit könnte ich noch leben, wenn die Mentalität der Addams sich in Wednesday wiederspiegeln würde, könnte sie doch ein Vorbild für das Zielpublikum in Sachen Andersartigkeit sein, wichtiger denn je in einer gleichgeschalteten Gesellschaft, die immer nur Vielfältigkeit vorheuchelt. Aber nein, Wednesday ist nicht das Mädchen, das wir in den 90er Jahren per Kinofilme besser kennen lernen durften, nachdem sie in der 60er Jahre Serie zu sehr unterging. Andersartigkeit dient hier lediglich als Rohdiamant der geschliffen werden muss, um am Ende wieder angepasst zu sein. Das ist eine traurige Mentalität, und der Weg dorthin ist derart unangenehm an die Addams angelehnt, dass er sich nie genug von dem Vergleich lösen kann. 

Selbst wenn dies kurzfristig gelingt, bleibt "Wednesday" im ersten Jahr zu infantil und vorhersehbar, wird trotz intensiver Beteiligung von Tim Burton auch nie morbide genug, gerade was den romantischen Aspekt betrifft. Nette Ideen, wie der Skorpion als Haustier, der Kosename kleine Regenwolke, das Elternbild vom eiskalten Händchen und ähnliches, werden überschattet von dämlichen Summsumms, einer Schule in welcher die Art der Addams zum Mainstream unter vielen wird, einem Onkel Fester, der statt Mörder und Leichenfledderer nur noch Bankräuber sein darf, dem im Internet mittlerweile zum Kult erklärten Wednesday-Tanz, der konstruierter kaum ausfallen könnte und vielen anderen unangenehmen Zutaten. Zumindest die Freundschaft mit der fröhlichen Mitbewohnerin hat mir ganz gut gefallen, auch in der Raumaufteilung, ja sogar in der gegenseitigen Annäherung. Warum man bei derartiger Distanz zum Comicvorbild für eine derartige Teenagerserie nicht auf neue Charaktere gesetzt hat, oder auf ein passenderes Franchise, will sich mir nicht erschließen. Zumindest ist Disneys Videothektenfilm "Die Addams Family und die lieben Verwandten" nun nicht mehr das einzig maue Realfilm-Projekt, das aus dem Vorbild gewonnen wurde.  OFDb

03.09.2022

SCREAM (2022)

Wieso "Scream" und nicht "Scream 5"? Das beantwortet sich im Laufe des Films und dies humoristisch treffsicher und reflektiert. Und da, trotz ansonsten spürbar ernsterer Herangehensweise, auch die anderen Bereiche mit letztgenannter Eigenschaft trumpfen, kann man den Verantwortlichen ruhig zugestehen verstanden zu haben, was der mittlerweile verstorbene Vater der Reihe, Wes Craven, mit seinem Werk gemeint hat, so dass dieses im Geiste respektvoll fortgesetzt wird. Freilich erreicht man nicht ganz das Niveau der guten Teile der Reihe (und den genialen Teil 1 ohnehin nicht), aber großteils weiß es zu gefallen, was man hier geboten bekommt, und somit ist der fünfte Teil besser ausgefallen als der magere "Scream 3". Die Altstars der Reihe werden zurückhaltend, aber mit genügend Präsenz ins pseudo-frische Geschehen gesetzt. Zwar gefiel mir die Positionierung der beiden ursprünglichen Hauptfrauen im Finale nicht, da fragt man sich zurecht wo ihre Natürlichkeit geblieben ist bei derart viel Kampfbitch-Mentalität, aber das ist die Ausnahme von der Regel, dass ansonsten gut abgeguckt von den Vorgängern vorgegangen wird. 

Das brauchbare Ergebnis ist jedoch nicht nur erzielt durch das Abgucken von Vorgegebenen, eigene Ideen bereichern den Plot ebenso. Da man zudem zum Mördermitraten eingeladen wird, es an spannenden Szenen nicht mangelt und die Grundatmosphäre des Streifens ebenso zu gefallen weiß, wird man zumindest unterhaltungstechnisch befriedigend bedient. Zudem weiß der Kniff zu gefallen, dass "Scream" sich nicht nur an uns bekannten Filmen orientiert, wenn über das Horror-Genre diskutiert wird, sondern sich zu einem guten Teil auch an der seit "Scream 2" in der "Scream"-eigenen Welt existierenden fiktiven "Stab"-Reihe bedient. Immerhin leben die Figuren des Streifens in einer Welt, in welcher "Stab" zur Endlosreihe herangewachsen ist, mit all den Krankheiten die eine solche befallen kann. Und das wird nicht einzig der augenzwinkernden Spielerei wegen genutzt, es wird zu einem wichtigen Eckpunkt der Ereignisse. Manch psychologisch gewolltes Spiel fällt hingegen weniger raffiniert aus, als von den Autoren scheinbar vermutet. So verdächtigt man beispielsweise nie das erste Opfer Täter zu sein, eben weil man mit ihr die Eingangssequenz aus dem Original variierte und sie es somit nicht sein kann. 

An derartigen Stellen baut man wahrscheinlich auf die Vergesslichkeit einer sich nicht mehr sonderlich gut konzentrierenden Generation, denn diese ist im Gegensatz zu "Scream 4" Zielpublikum, anstatt der Stammzuschauer, aber selbst der wird mit nicht all zu hohem Anspruch solide unterhalten. Ja, "Scream 5" (Alternativtitel) ist nicht der Leckerbissen, den man sich nach dem überraschten geglückten vierten Teil elf Jahre später gewünscht hat, und die Fortsetzungsart, welcher er sich diesmal annimmt, ist so konstruiert wie jene aus Teil 3, so dass nur extreme Filmfreunde darin tatsächlich eine eigene Art Fortsetzung erkennen werden (jene, für die "Creed" kein "Rocky 7" ist), aber darüber zu stolpern und sich davon den Sehspaß verderben lassen, wäre nicht minder engstirnig. Da man zudem Gefallen an den neuen Figuren finden kann und auch die Dramaturgie nicht vernachlässigt wurde (die in zwei Szenen allerdings kurzfristig aufgrund ihrer Theatralik eher wie eine Seifenoper anmutet), kann man auch als älteres Semester zu Genüge mitempfinden und sich für die Geschehnisse interessieren, anstatt das Ganze nur theoretisch mitverfolgen zu können. 

Gerne kann es so weiter gehen, das vorhandene Niveau reicht mir für kommende Fortsetzungen. Hauptsache sie fühlen sich weiterhin als Teil des Ganzen an, so wie es "Scream 5" geschafft hat. Im Gegensatz zu den Teilen 2 und 3 weiß zudem die Mörderauflösung zu gefallen, auch in ihrer (überraschend nicht störend geschwätzigen) Begründung.  OFDb

26.12.2015

INSIDIOUS 2 (2013)

Es wäre naiv darauf zu hoffen, dass die Fortsetzung eines gelungenen Spuk-Horrors einem ebenfalls das Gruseln lehren könnte. Zu inflationär wird das Genre um weitere Werke bereichert, zu sehr wiederholen sich immergleiche Szenarien und Schreckversuche, und das Beleuchten von Hintergründen, eine typische Fortsetzungsmotivation, nimmt dem Grauen in der Regel seine Faszination und das Unheimliche. Das Dunkle ist gruseliger als das Licht. Und dies wird nun im Wissensbereich überall angeknippst. Der Spuk bekommt ein Gesicht, das Gesicht bekommt Persönlichkeit, die Persönlichkeit ein eigenes Drama, das Drama beschert Mitgefühl, Mitgefühl zerstört die Angst.

Interessanter Weise funktioniert „Insidious 2“ trotzdem ganz gut. Er ist recht spannend erzählt ohne wirklich zu gruseln, und verändert weder die Charaktere noch die Geschehnisse des Vorgängers. Damit vereinen sich Teil 1 und Teil 2 gekonnt zu einer Einheit, zumal Wan auf tatsächlich in Teil 1 ungeklärte Momente zurückgreift, denen er nun in einem Plot um diverse Zeitebenen einen Sinn gibt. Damit wird das Ärgernis des Geheimnisselüftens zumindest für eine interessante Idee genutzt, die neue Perspektiven ermöglicht. Freilich wird nichts aufgedeckt, was man als Zuschauer aufgedeckt haben wollte, und das Geheimnis um den Vater hat bereits der Schluss von „Insidious“ verraten, keine Ahnung warum man da wieder ein Mysterium drum spinnen möchte. Aber als gruselfreier Popkornfilm des Horrorbereiches reicht das alles um routiniert nett unterhalten zu werden.

Ärgerlich wird es erst gegen Ende, wenn sich die Ereignisse überschlagen und Wan verkrampft auf ein Ende lenken muss. Dann verhält sich der Besessene so geisteskrank, dass es unglaubwürdig wird, dass er sich überhaupt so lange als normal tarnen konnte. Der eher passive Sohn, der bei seinen Reisen einst verloren ging, wird urplötzlich zum raffinierten Problemlöser, der selbst in einer lebensgefährlichen Situation auf Kommando einschlafen und ganz bewusst seinen Körper verlassen kann. Und das Jenseits ist ein Ort alter Bekannter, an dem sich zwar auch viele Schreckgespenster aufhalten, der aber längst kein solch unheimlicher Ort mehr ist, wie es uns im Vorgänger suggeriert wurde.

Und wieso ist es für den Familienvater so leicht den parasitären Geist aus seinem Körper zu locken und in ihn zurück zu kehren, wenn selbst ein mächtiger Dämon in Teil 1 so lange Zeit benötigte um die leere Hülle zu betreten? Wo zuvor keine Widersprüche sind, da sprudeln die Unsinnigkeiten im Finale nur so hervor, was an einem ärgerlichen Drehbuch liegt, dessen Autoren wohl dachten dass inmitten vieler Parallelereignisse der Zuschauer das chaotische Treiben wohl nicht mehr mit dem Kopf mitverfolgen würde, was einer Beleidigung gleicht.

All zu streng sollte man mit „Insidious 2“ trotzdem nicht umgehen, ist er auf simpler Unterhaltungsebene doch interessant genug ausgefallen um sich nie zu langweilen, zumal er sich selbst in den ruhigeren Passagen nie zu langatmig guckt. Die Rückkehr aller bekannten Gesichter und die tatsächliche Fortführung von Geschehnissen aus Teil 1 sorgen zudem dafür, dass sich „Insidious 2“ auch wirklich wie eine Fortsetzung anfühlt und nicht nur wie ein schnell nachgedrehtes Stück Geldkuhmelken. Das Anknüpfen an Teil 1 läuft teilweise sogar so rund, dass man sich ernsthaft fragt, ob all das in Teil 2 erzählte in Teil 1 schon immer so gedacht war. Falls ja darf es verwundern, dass die Fortsetzung drei Jahre auf sich warten ließ, in Zeiten in denen schnell abzudrehende Werke jährlich aufs Publikum losgelassen werden.  OFDb