Posts mit dem Label James Caan werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label James Caan werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

25.10.2020

DOGVILLE (2003)

Welch bitterböse Idee: eine verfolgte Frau darf sich über längere Zeit mit Einverständnis der Bewohner in einem kleinen Dorf verstecken und hilft als Gegenleistung jedem vor Ort bei diversen Tätigkeiten. Als nach einigen Wochen klar wird, dass sie von der Polizei gesucht wird, reichen die bisherigen Dienstleistungen nicht aus. Die Forderungen an die Versteckte werden immer größer und unerträglicher, sodass sie nach und nach in die Position einer Gefangenen rückt. Diese Geschichte ist äußerst reizvoller Natur und lässt einen vermuten, dass die Abrechnung mit den ach so braven Spießbürgern in einer düsteren, spannungsgeladenen Thriller-Variante daher kommt. Doch letztendlich lässt sich diese Satire gar nicht so leicht in ein Genre stecken. Die oftmals sehr dramatisch dargebotene Geschichte kommt schwarzhumorig, verspielt und bitter gleichermaßen daher, besitzt definitiv einen Spannungsbogen, der jedoch keineswegs auf Thrillerbasis daher kommt, sondern aufgrund der sich zuspitzenden Geschichte für Anspannung sorgt. Mit Nervenkitzel hat diese Art der Spannungserzeugnis im üblichen Sinne nichts zu tun. Zudem weht ein gewisser Märchen-Touch über den Dingen, ein Gefühl das stark dadurch beeinflusst wird, dass "Dogville" im Stile eines "Die fabelhafte Welt der Amelie" über die komplette Laufzeit von der sanften Stimme eines Geschichtenerzählers im Off begleitet wird, dessen ruhige, friedliche Stimme und Betonung selbst dann keinen Wandel erhält, wenn die Zustände, unter denen die Hauptfigur leidet, immer düsterer und leidender Natur werden. 

Zu diesem ungewöhnlichen Umgangston der Erzählung gesellt sich nun noch die experimentelle Optik des Streifens, spielt "Dogville" über seine kompletten 170 Minuten doch in einer großen Halle, auf deren Boden die Straßen(namen), die Häuser und die Namen ihrer Bewohner auf den Boden ge(kenn)zeichnet sind und die professionellen Schauspieler innerhalb dieser Markierungen agieren. Dieser Minimalismus funktioniert überraschend gut und kommt keineswegs so pseudo-intellektuell daher, wie diese ungewöhnliche Herangehensweise zunächst anmuten mag. Das liegt aber auch daran, dass man dieses Set als selbstverständlich einsetzt und ganz für sich, ohne Zusatzeinfluss, wirken lässt. Zudem ist "Dogville" geistreich, reflektiert, kritisch und kompromisslos erzählt. Lars von Trier, der auch für das Drehbuch verantwortlich ist, präsentiert einen Film für mündige Cineasten und konfrontiert sie mit der Natur des Menschen. Der Blick auf diese mag pessimistischer Natur sein, doch ganz so falsch wird der gute Mann nicht liegen, wenn es darum geht wie Menschen, frei von Kontrolle, immer hemmungsloser Macht ausüben. Dabei geht es der Geschichte nicht einzig um den dramatischen Aspekt der im Zentrum stehenden Frau und den Taten ihrer Peiniger, sowie nicht nur um den Wandel der braven Bürger zu unterdrückenden Wesen, es geht auch um die Rechtfertigung der Täter, um ihren Blickwinkel, aus dem sie sich noch immer für normale Bürger halten, und bei dem seltenen Fall der Einsicht einer Fehltat maximal Schuldzuweisungen auf Seiten des Opfers suchen, anstatt Reue zu zeigen. 

Unter Einfluss all dieser Faktoren schaukelt sich das Geschehen immer weiter hoch, während sich am äußeren und inneren Stil des Streifens nichts ändert. Das weiß den Zuschauer gekonnt zu verstören. Ob man den Kniff wie alles endet ebenfalls als derart gekonnt wie den Rest ansieht, liegt sicher im Auge des Betrachters. So gewitzt auch hier auf anderer Ebene die Natur des Menschen und seine Rechtfertigungen thematisiert werden, ich wurde den Eindruck nicht los, dass der Film diese Rechtfertigung als Gerechtigkeit gut heißt, und das hinterlässt einen recht fragwürdigen Eindruck. Es ist aber eben nur ein solcher, wer anders mag das anders interpretieren und sagen, dass von Trier keineswegs Stellung bezieht und hier ebenso objektiv lediglich berichtet, wie er es zuvor tat. Der Wandel der in den letzten Szenen des Films in der Luft liegt, ist jedoch bemerkbar. Eine andere Tonart bricht an, eine Debatte über Recht und Unrecht wird offiziell geführt, anstatt wie bisher mal mehr, mal weniger subtil im Hintergrund mitzuschwingen. Generationenkonflikte werden zu einem wichtigen Element, ebenso das Überprüfen der eigenen Persönlichkeit, die Korrektur daran, der Einfluss von Familie und eigenem Willen wird als wichtiger Fakt mit herangezogen, und inmitten all dieser Methodik empfand ich das dort gezeigte Bereinigen der Ereignisse durchaus als vom Film gerechtfertigte Revanche, während ich selbst hingegen dachte, dass sich hier keiner in irgendetwas nachsteht. 

Mit Gerechtigkeit hat das nichts zu tun, nicht einmal mit der klassischen Entladung nach einer Extremsituation. Ich kann aber wie gesagt nicht wirklich einschätzen, wie sehr der Autor und Regisseur hinter den finalen Taten steht, sprich wie sehr es ein Zugeständnis an die eigene Natur ist, derartiges Handeln als Gerechtigkeit zu empfinden, quasi als angewandte Reflexion dessen was zuvor über Fremdpersonen analysiert würde an sich selbst, sowie als Spiegel für den Zuschauer, um sich ebenfalls als Mittäter zu fühlen, als jemand der mit im Boot sitzt, eben weil in ihm ebenso die Natur des Menschen schlummert. Im umgekehrten Fall wäre es zumindest ernüchternd, dass dieser Schluss auch stumpf gemeint sein kann. Wie auch immer man zu diesem ungewöhnlichen Stilwechsel steht und ihn definiert, auch hier weiß "Dogville" so oder so definitiv zu beeindrucken, mitunter weil er wie erwähnt seinem ruhigen, märchenhaften Erzählstil treu bleibt, selbst wenn über Dogville gerade die Hölle hereinbricht. Aus dem ruhigen Geschehen wird frei von Spezialeffekten ein lautes, ereignisreiches Szenario, das ebenfalls von Taten, deren Drang bislang unterdrückt wurde, handelt. Selbst in dieser Phase bleibt von Triers Darstellung der Ereignisse, des Umfelds und der Akteure stets symbolisch. 

Kalt dürfte "Dogville" nur jene lassen, die sich nicht auf die Entfremdung, durch welche die Symbolik zum Zentrum des Filmstils wird, einlassen können. Dialoge, Schauspiel und Handlungsverlauf sind derart packend dargeboten, dass man sich eigentlich wunderbar auf "Dogville" einlassen und von dessen Ereignissen mitgerissen werden kann. Einem Publikum mit vielseitigem Filminteresse und Anspruch müsste das Ergebnis eigentlich schmecken. Hier maulen lediglich die Gewohnheitszuschauer, die nur ungern aus ihrer Wohlfühlzone geholt werden und das Hobby des Filmeschauens schlichtweg auf das Filmeschauen reduzieren.  OFDb

25.03.2017

DICK TRACY (1990)

„Dick Tracy“ gehört zu den heftigsten Kino-Flops seiner Zeit. Im Gegensatz zu Werken gleichem Schicksals, so wie „Waterworld“ oder „Howard - Ein tierischer Held“, von denen man im Vorfeld hätte wissen müssen, dass solch ein schundiges Vorhaben nur untergehen kann, hat der von Warren Beatty inszenierte Film sein Schicksal nicht verdient, schafft er es doch tatsächlich den zu Grunde liegenden Comic Fleisch werden zu lassen mittels kunterbunter Kostüme, den am Comic orientierten Masken, überdrehten Kulissen und dem Mut das Abenteuer nicht in die Gegenwart zu transferieren, sondern es wie gehabt in einer alternativen Realität der 20er bis 40er Jahre spielen zu lassen.

Vielleicht ist dies der Grund dafür, warum das Publikum Probleme mit dem Film hatte, vielleicht ist es auch die an „Derrick“ erinnernde zurückhaltende, fast charakterlose Art des Titelhelden. So oder so schaut sich „Dick Tracy“ keineswegs massentauglich, ein Liebhaberstück für ein Randpublikum ist er aber sehr wohl geworden, das hätte man von Produzentenseite aus vielleicht von Anfang an anvisieren sollen, um finanziell nicht derart unterzugehen. Der Stoff, der schon in den 30er, 40er und 50er Jahren mal in Spielfilmform und mal im Seriengewandt umgesetzt wurde und in den 60er Jahren zudem eine Zeichentrickserie erfuhr, ist recht skurril ausgefallen, bietet bis auf seine schrulligen Figuren keine weiteren Humorelemente und steuert ansonsten lediglich eine klassische Kriminalgeschichte gegen eine Mafiaorganisation an.

Es ist nicht nur den Kostümen und Settings zu verdanken, dass der Film trotz dieser gut versteckten, simplen Krimi-Geschichte zu gefallen weiß. Es ist der Mangel an Modernisierung, der „Dick Tracy“ innerhalb dieser Rezeptur so stimmig werden lässt, wird an dem klassischen Gut-Böse-Schema von einst doch nicht herumgeschraubt. Tracy ist loyal, unbestechlich und immer auf der Seite der Guten. Dass er das Gesetz selbst öfter bricht anstatt es lediglich zu dehnen, wird nicht kritisch hinterfragt, dient es doch dem guten Zweck. Ebenso werden männliche Fehltritte von Seiten der Frauen aus verziehen, ohne dass von Männerseite aus Worte der Entschuldigung nötig wären. Willkommen in den 40er Jahren!

Namhafte Stars konnten für das Projekt gewonnen werden. Urgesteine wie James Caan sind ebenso mit an Bord wie aktuelle Stars wie Al Pacino und Dustin Hoffman. Und für die zwielichtige, weibliche, große Nebenrolle konnte Sängerin Madonna gewonnen werden, die erst gar nicht zu schauspielern braucht, ist sie doch mit dabei um zu singen und den Tracy zu verführen, so dass sie quasi das machen muss, womit sie berühmt wurde: sexy sein und Lieder trällern. Letzteres weiß sie gekonnt zu meistern, ersteres haut bei ihrem hübschen Aussehen meistens hin, wirkt manches Mal aber auch zu bemüht und würdelos, billig darauf abzielend Männer könnten den Verführungskünsten dieser Frau nicht widerstehen.

Im Film wird es so dargestellt, als ob es eine Art Superkraft Tracys wäre ihr zu widerstehen, das ist dann aber auch der einzig unfreiwillig komische Aspekt einer Geschichte, die ansonsten abenteuerlich und faszinierend zu verfolgen ist. Wer keine Kinder in solchen Filmen mag, wird Probleme mit „Dick Tracy“ haben, spielt ein Knabe hier doch nicht nur eine größere Rolle, er soll zudem je nach Szene absichtlich nerven, so dass er dieses Ziel sicher auch bei so manchem Zuschauer erreicht. Ich empfand ihn manchmal als grenzwertig, manchmal als bereichernd, ein wirklicher Gewinn für die Geschichte ist der Junge jedoch nicht.

Viel wichtiger hingegen ist jedoch die im Raum schwebende Love Story, da sie der einzige Aspekt ist, der Dick Tracy Leben einhaucht. Erst die Liebe zur Frau macht ihn zum Menschen, wärend er ansonsten der charakterlose, stets zu Diensten agierende Kriminalist ist, der weder Gefühlsregungen, noch persönliche Interessen in seine Arbeit einfließen lässt. Dass die Arbeit sein Leben ist, wird zum Konflikt zwischen ihm und seiner Angebeteten, so dass die klassische Heldentragik, wie wir sie auch aus „Spider-Man“ und Co kennen, Früchte tragen kann. Der bewegendste Moment ist meiner Meinung nach ein stiller, für die meisten Menschen unbedeutender. Selten klang ein „Danke“ so gefühlvoll, ehrlich und bewegend wie in jener Szene, in welcher Tracy es zur Femme Fatale Madonna sagt, kurz nachdem sie ihm einen Hinweis gab wo sich die entführte Geliebte des Polizisten befindet.

Warren Beatty entfacht an vielen Stellen des Filmes ein wahres Actionfeuerwerk, ein Element welches ich in diesem Film gar nicht so stark vertreten vermutet hätte, so klassisch wie hier Krimi und Comic zelebriert werden. Aber es weiß zu wirken, zumal besagte Szenen nicht dominieren und stets den Zweck des Mehrwertes erfüllen, um die Geschichte voran zu treiben. Es mag „Dick Tracy“ der letzte Schliff zum wahrlich großen Filmerlebnis fehlen, aber ein gelungenes Stück andersartige Comicverfilmung ist er definitiv geworden, so dass er damit gerade in heutigen Zeiten ewig wiederkehrender Superhelden in sich ähnelnden Filmen eine Wiederentdeckung wert ist. Im Gegensatz zu manch anderen verkannten Werken ihrer Zeit, ist „Dick Tracy“ leider auch im Nachhinein auf VHS und DVD kein erfolgreicher Geheim-Tipp geworden.  OFDb

15.07.2016

DER CHAOS-DAD (2012)

Einen Innovationspreis wird „Der Chaos-Dad“, wie „That‘s My Boy“ unangenehmer Weise im Deutschen heißt, sicherlich nicht gewinnen, ist er in seiner kompletten Art doch eine typische Adam Sandler-Komödie, für die man den Komiker entweder liebt oder hasst, oder wie ich die Schultern zuckt und weiter in seinem Repertoir stöbert. Die Geschichte folgt dem ganz typischen Muster eines Handlungsablaufs aus dem Lehrbuch, und Sandler-typisch wird dabei das konservative Weltbild welches der Komiker zelebriert mit gesellschaftlichen Provokationen gemischt, freilich nur um das Individuum zu preisen und gegen Angepasstheit zu wettern. Dass Sandlers Weltbild die Angepasstheit 2.0 ist, quasi der alternative Mainstream, scheint ihm nicht klar zu sein, ist aber eigentlich auch egal, denn sein Blick auf die Welt ist lieb gemeint, und von einem Sozialromantiker kann man nicht zwingend eine psychologisch greifbare Empathie erwarten.

Genau die steht dem Gelingen von „Der Chaos-Dad“, wie so oft bei Sandler-Filmen, im Weg. Die Moral steht stets im Widerspruch zu den provokativen bis ekligen und peinlichen Lebenseinstellungen des Anti-Helden. Wie schon in „Leg Dich nicht mit Zohan an“ soll man mit einem Mann sympathisieren, der mit jedem fickt, egal wie greis diese Person ist. Da es diesmal nicht um eine Love Story geht, kann man dies als nett gemeinten, aber übel mitzuerlebenden, Ausrutscher abbuchen, schließlich soll diesmal nur der Sohn von seinem Stock im Arsch befreit werden. Und die Sandler-Therapie dorthin wird wie üblich mit dem Holzhammer präsentiert.

Freilich weiß Donny gar nicht so genau was er da tut, vertraut nur auf seinen Instinkt und seine Überzeugungen. Das weiß Sandler gut in sein Spiel einzubauen. Ohnehin hat er der Schauspieler den Dreh raus seiner Rolle den richtigen Mix aus Versager, ehemaliger Held und Typ mit gutem Herzen zu verleihen. Und all zu streng geht mit „Donny‘s Boy“ (Alternativtitel) nur jener um, der die wild zusammengewürfelte Story, die fast keine ist, auch nur halbwegs ernst nehmen kann. Die Geschehnisse werden fast bis zur Groteske hochgeschaukelt, was Sean Anders Regie-Arbeit nun kein verstecktes Niveau beschert, dafür bleibt der Streifen zu sehr geistfreier Mainstream, aber er sorgt für die nötige Distanz das Geschehen samt seiner lustigen Ideen einfach geistfrei auf sich wirken zu lassen.

Selten wie hier konnte man in einer Sandler-Komödie die fehlerhafte Psychologie und das etwas fragwürdige Weltbild des Komikers derart ignorieren wie hier. Denn hier zählen nur die einzelnen Momente und nicht die Gesamtstory, und neben allerlei grenzwertigen Situationen und Ideen, die besser nie den Weg auf die Leinwand gefunden hätten, gibt es auch allerhand lustige, charmante und amüsante Sachen zu erleben. Was das im einzelnen ist, wird jeder anders sehen, da hat jeder seine ganz individuellen Grenzen in Sachen Humor und Scham. Für viele wird sicherlich Vanilla Ice zu den positiven Elementen zählen. Der beweist, dass er über sich selber lachen kann (oder mittlerweile einfach alles für Geld macht, keine Ahnung), hält aber meist für die infantilsten Witze her, weswegen er für mich persönlich nicht dazu zählt.

Interessant ist es, dass es Regisseur Anders, der auch für „Spritztour“ und „Kill the Boss 2“ verantwortlich war, es schafft trotz all der Tritte in die Eier der Wohlfühlzone des Zuschauers eine Komödie zu schaffen, deren emotionale Momente meist sogar zu wirken wissen, wenn auch häufig in Kitsch badend. Zwar erweist sich das Drehbuch, wie typisch für einen Sandler-Film, als absolut unsensibel wenn es um den charakterlichen Wandel von Personen geht, da wird der Schalter gern urplötzlich von Schwarz auf Weiß geschaltet, ohne dass der Zuschauer weiß wie ihm geschieht, aber der Film weiß, auch durch die stets vorhandene Rest-Sympathie Sandlers, das Herz am rechten Fleck zu vermitteln, uns an emotionalen Situationen teilhaben zu lassen, und gerade die Momente, in denen Donnys Sohn tatsächlich einmal anfängt unverkrampft zu leben, auch als großartig und lebensbejahend zu vermitteln, so dass man am liebsten gleich mit in das Partygeschehen einsteigen würde.

Durch die gnadenlose Übertreibung des Sandler-Humors bleiben freilich alle Darsteller unter ihrem Niveau. So tut es fast schon weh Schauspiel-Legende James Caan in solch infantilem Klamauk zu erleben. Aber irgendwie verzeiht man Sandler meist ja doch wieder, zumindest wenn man keiner dieser festgepolten Sandler-Hasser ist, die es allerhand zu geben scheint. Sicherlich kann ich verstehen was es an diesem Mann nicht zu mögen gibt, aber vollkommen in die Kacke wie bei „Kindsköpfe“ und „Billy Madison“ haut er eigentlich selten. Meist sind seine Werke ja doch noch akzeptables Mittelmaß oder sogar unterhaltsame Routine. Und „I Hate You, Dad“ (Alternativtitel) schafft es wie durch ein Wunder gerade noch in letztgenannte Kategorie zu rutschen. Aber das war mal wieder haarscharf.  OFDb

24.04.2016

DETACHMENT (2011)

Mit seinem Spielfilm-Debüt „American History X“ hatte Regisseur Tony Kaye Ende der 90er Jahre einen erfolgreichen und gelungenen Film abgeliefert, der die dort herrschenden Problematik nicht nur gut einfing, sondern auch Lösungsideen anbot. „Detachment“ zeigt sich da schon viel hoffnungsloser, erkennt in seiner Problematik dass jemand da sein muss um zu helfen, gibt sich aber nicht der Illusion hin dass die eigentlichen grundlegenden Probleme, die in einer Ghettoschule Alltag sind, sich mal eben mit ein wenig pädagogischem Engagement beheben lassen würden.

Wo Kayes Erstling trotz der ernst genommenen Problemthematik im Herzen noch Spielfilm ist, da wirkt „Detachment“ authentischer, fast schon dokumentarisch. Düster wird er aus einem hoffnungslosen Blick erzählt, eben so wie man an jenen Tagen drauf ist, wenn es einem nicht gut geht. Da kommen bessere Tage, optimistischere Tage, Tage an denen man wieder motivierter ist. Das ist auch bei „Detachment“ der Fall. Allerdings macht der Film trotz dieses hoffnungsorientiert scheinenden Endes kein Geheimnis daraus, dass man sich damit etwas vormacht. Das Schöne ist die Ausnahme in einer konsistent traurigen Welt, erst recht wenn sie so radikal vor die Hunde geht wie im Ghetto.

„Detachment“ ist somit nicht ganz frei von Hoffnung, ist aber alles andere als ein lebensbejahender Film. Er ist auch nie das Gegenteil, gibt sich nicht dem Wunsch nach Suizid hin, sondern sieht in ihm etwas sehr Trauriges. Aber „Detachment“ ist ein pessimistischer Film, und damit ehrlich ohne damit objektiv realistisch zu sein. Er ist ein subjektiv realistischer Film. Die Welt ist so wie sie Henry in seiner Gefühlslage wahrnimmt und interpretiert.

Der Wandel von einem zwar engagierten, aber auf Nummer Sicher gehenden Lehrer, der gerne den Rückzug antritt, zu einem Mann der wirklich Verantwortung übernimmt, ist nachvollziehbar erzählt, sicherlich nicht immer frei von Klischees, was in einer Geschichte um eine Ghettoschule auch so gut wie unmöglich ist, fühlt sich aber trotzdem echt an, weil die Probleme bei Henry wie bei den Schülern oder seinen Kollegen real existierende sind, und weil es diese düsteren Tage gibt, in denen man diesen Blick auf die Welt hat, wie „Detachment“ sie uns zeigt. Nur gibt es viel zu selten Filme, die konsequent aus dieser Perspektive erzählt sind, und da ist es um so angenehmer, dass es Werke wie das hier besprochene gibt, die eine solche Lücke füllen.

Der Wandel vom Rückzieher zum festen Fels klingt nach einer formelhaft erzählten Geschichte, wie sie geradezu typisch für den Dramenbereich amerikanischem Kinos ist. Aber „Detachment“ gibt sich keinem typischen Erzählfluss hin, komponiert keinen Kitsch um einen gewandelten Mann, sondern geht mit seiner nah ans Dokumentarische grenzenden Art recht unkonventionell an das Thema heran.

Wir lernen die Figuren des Films gut kennen, Henry freilich am besten. Empathisch lässt Kaye uns eintauchen ein in eine Seele, die der Film nicht verurteilt, denn der Aushilfslehrer ist nicht Schwarz/Weiß-gezeichnet und bereits vor seinem Wandel ein hilfsbereiter Mensch. Und es ist die Nähe zu der Figur, die dafür sorgt dass das Erzählte so glaubwürdig bleibt. „Detachment“ will keinen allgemeingültigen Blick auf Ghettoschulen in Amerika werfen. Er tut es aus der höchst persönlichen Perspektive eines seelisch leidenden Mannes. Und in jeder Verschlimmerung oder Heilung seines Zustandes ist der Zuschauer involviert. Und da wirkt so ziemlich jede Charakterentwicklung höchst glaubwürdig.

„Detachment“ lebt von seiner gewagt pessimistischen Art, von seiner fotografisch toll eingefangenen tristen und düsteren Optik und von seinen guten Schauspielern. Auch wenn mit dem aus „Breaking Bad“ bekannten Bryan Cranston auf dem Cover geworben wird, so zähle ich ihn trotz seines großen Talentes in diesem Falle nicht dazu, taucht er doch nur in kurzen Augenblicken als der Mann der Direktorin auf, und sind diese wenigen Szenen doch keine besonderen Momente, weder für die Geschichte noch als Anforderung an Cranston.

Zu den hervorgehoben nennenswerten Leistungen zählen hingegen Adrien Brody in der Hauptrolle des Henry, Sami Gayle in der Rolle der Prostituierten und James Caan als zwar Antidepressiva-schluckender Kollege, aber auch als eine gewisse Komik versprühender Mensch. Damit wird er einer der wenigen auflockernden Lichtblicke, während er trotzdem zugleich Teil der traurigen Welt bleibt. „Detachment“ bleibt sich da treu, gibt sich keinen Illusionen hin, fordert aber auch nicht zur Aufgabe auf, ganz im Gegenteil.  OFDb

12.06.2012

ROLLERBALL (1975)

Konzerne haben die Macht übernommen. Individualität ist unerwünscht. Der brutale Sport Rollerball wird medial genutzt, um die Bevölkerung mit Nichtigkeiten ruhig zu stellen. Da passt es den Regierenden gar nicht, dass diese beliebte Sportart den Star Jonathan hervorbringt. Da er nicht freiwillig abtreten will, versuchen sie ihn mit radikalen Regeländerungen außer Gefecht zu setzen. Das Spielfeld wird zum Kriegsschauplatz...

Anonymes Opium zum Selbsterhalt bevorzugt...
 
„Rollerball“ gehört zu den Größen des US-Science Fiction-Kinos der 70er Jahre und verkörpert alles wofür dieses stand: Gesellschaftskritik, eine interessante Geschichte, anspruchsvolle und gleichzeitig kurzweilige Unterhaltung, Tiefgang und die Beteiligung von Fachkräften ihres jeweiligen Bereiches. Das fängt bei Hauptdarsteller James Caan an, der nicht nur gut schauspielert sondern auch weiß mit Rollschuhen umzugehen. Das geht weiter hin zu einer Regie, die alles im Überblick behält und die Herausforderung meistert das chaotische und fiktive Spiel Rollerball dem Zuschauer so nahe zu bringen, dass er später glaubt das Spiel zu kennen.

Das größte Talent dürfte jedoch im Schreiben des Drehbuchs gelegen haben, welches vor kleinen Randideen nur so sprüht (ein flüssiger Computer, Bäume verbrennen zum Freizeitvertreib einer dekadenten Gesellschaft) und es versteht ein glaubwürdiges Zukunftsbild zu erstellen, u.a. deshalb weil es glaubwürdige Charaktere dieser Zeit hervorbringt und es gar wagt selbst die Hauptrolle unsympathisch erscheinen zu lassen. Besonders hervorheben sollte man jedoch den durchdachten, fiktiven Sport, den man nicht nur praktisch erlebt, sondern der auch durch genannte und angewandte Strategien geradezu echt wirkt und den Zuschauer Teil des Publikums werden lässt, da dieses besagte Strategien mit der Zeit einzuordnen weiß, um dem Spielverlauf nicht nur theoretisch zu folgen.

Der Film handelt von einer Gesellschaft die freiwillig auf Freiheiten verzichtet, um stattdessen den Luxus genießen zu können. Allerdings zeigt „Rollerball“ uns nur die privilegierte Gesellschaft. Wie es dem einfachen Volk geht erfährt man nicht, was schlichtweg daran liegt dass es für die Geschichte irrelevant ist.

Die Geschichte steht über allem, so dass die Action nie zu sehr in reißerische Momente überschwappt und immer nur Motor der Dramatik ist. Das erfreut allein schon deswegen, weil „Rollerball“ für seine Zeit schon recht brutale Bilder zeigt und damit schnell nur das hätte werden können, was er selbst kritisiert. Hier lohnt ein Blick auf „Running Man“, der thematisch gerne ein zweiter „Rollerball" geworden wäre, den man aber nur als Party-Spaß genießen kann, da er voyeuristisch Gewalt zum Selbstzweck präsentiert. Außerdem ist er das ideale Gegenbeispiel zum eben angerissenen Thema ein fiktives Spiel zu durchdenken. In dem Schwarzenegger-Film kapiert der Zuschauer nie den Sinn des Spiels bzw. einzelner Spielphasen. Nicht weil er zu dumm oder die Inszenierung zu unorientiert wäre, sondern weil sich einfach keiner die Mühe gemacht hat zunächst das Spiel zu erfinden, um dann einen Film drumherum zu basteln.

„Rollerball" spart psychologisch richtig angewandt mit Musikuntermalung und lässt zwischendurch wie zu Beginn und am Ende meist nur das berühmte, klassische Orgellied „Toccata“ von Bach erklingen. Damit ist ein Gegenpol gesetzt zur im Film gezeigten oberflächlichen Gesellschaft, der Kultur und Bildung nichts mehr bedeutet, während durch die Wahl des Liedes die Monotonie der Zukunftswelt und des mangelnden, kühlen Seelenlebens der Privilegierten unterstrichen wird.

Mit einer Laufzeit von zwei Stunden ist „Rollerball“ selbst diesbezüglich eine Ausnahme seiner Zeit geworden, zumindest für einen Film der als Großevent fürs Kino produziert wurde. Regie führte Norman Jewison, der im Laufe seiner Karriere so unterschiedliche Filme wie „Was diese Frau so alles treibt“ mit Doris Day, „Thomas Crown ist nicht zu fassen“ mit Steve McQueen oder „Bogus“ mit Gérard Depardieu schuf. Sein Folgewerk zu „Rollerball“ war „F.I.S.T. - Ein Mann geht seinen Weg“, jener Film den manche Kritiker mal hätten schauen sollen, bevor sie erst in „Cop Land“ erstaunt darüber berichteten, dass Stallone schauspielern könne. Wo, wenn nicht hier, hat er das je besser bewiesen?

Die Geschichte selbst schaut sich flüssig und wird selbst zu Beginn nie langweilig, wo man 15 Minuten lang einem Sport folgen darf den man nicht kennt. Während einem der Hintergrund der Gesellschaft und wie diese aufgebaut ist, etwas schlicht aufgedrückt in Dialogen nahe gebracht wird, nimmt das Drehbuch einem im Gegenzug nicht an die Hand, wenn es darum geht zu erkennen warum die Regeländerungen vollzogen werden, wo das Problem liegt, dass Jonathan ein Star ist und warum dieser nicht abtreten will. Hierfür hat man die Geschichte entweder begriffen oder eben nicht.

Gerade die Figur des Jonathan ist einen direkteren Blick wert, ist sie doch nicht der Gegner eines bösen Regierungs-Zukunftsmodells, wie in so vielen anderen Filmen wie „Flucht ins 23. Jahrhundert“, „Equilibrium“, „Fahrenheit 451“, sondern jemand der von diesem System profitiert und nur aus reinem Egoismus zum Störfaktor wird. Selbst die leicht vorhandene Gefühlstiefe seines Charakters nährt sich nur aus Egoismus, wurde ihm doch seinerzeit die Frau weggenommen, weil eine höher stehende Person sie anforderte. Den einzigen Menschen, den er je liebte, will er zurück haben, obwohl besagte Frau nie wirklich glücklich war in dieser Partnerschaft. Den Egomanen Jonathan interessiert das trotz aller Liebe nicht. Eine weitere Charakterschwäche offenbart er dann, wenn er aus verletzten Gefühlen heraus jegliche Erinnerung an seine Verflossene löscht.

Man ist, wie in den anderen Bereichen, auch hier konsequent in der Umsetzung und orientiert sich am wichtigsten, an der Geschichte und dem kreierten Hintergrundbild dieser. Jonathan ist inmitten einer uns hier präsentierten Gesellschaft wahrscheinlich das Tiefsinnigste und Mitfühlendste, was diese hervorbringen könnte, so gefühlsmäßig tot, intellektuell desinteressiert und verwöhnt dekadent wie sie ist. „Rollerball“ entstand glücklicher Weise in einer Zeit, in welcher die Köpfe hinter solchen Projekten noch die Psychologie des Stoffes verstanden, etwas das heute im amerikanischen Massenkino nicht mehr vorzufinden ist und nur noch in kleineren Projekten berücksichtigt wird.

Allein aus diesem Grund kann man schon mit dem Finger auf das „Rollerball“-Remake von 2002 zeigen, welches dümmlicher kaum hätte umgesetzt sein können und inhaltlich allein schon falsch ansetzt, da es von dem Beginn der Rollerball-Ära erzählen möchte. Das mag für eine Neuverfilmung lobenswert klingen, da man scheinbar das Original nicht nur nachkauen wollte. Jedoch steht diese Phase nicht für wirklich erzählenswerten Stoff. Der 2002er „Rollerball“ enttäuscht jedoch noch weitaus mehr als in seiner zu plumpen Umsetzung. Er ist inhaltlich das Gegenteil des Erstlings geworden, indem er ein fragwürdiges Wirtschaftssystem und eine faschistoide Gesellschaft nicht kritisch hinterfragt, etwas das die Köpfe hinter dem Original abgeschreckt hätte. Schließlich stand Jewisons Werk für das komplette Gegenteil, so dass das Remake nicht nur menschlich enttäuscht und Fremdschämen verursacht, sondern auch noch zu einer Beleidigung des Originals wird. Aufgrund seiner hohen Qualität hat der 70er Jahre "Rollerball" ein solch respektloses, rein finanzorientiertes Verhalten nicht verdient.  OFDb