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11.12.2020

THE KILLING OF A SACRED DEER (2017)

Mit seinem Folgefilm nach "The Lobster" wandert der Ton wieder zurück in die deutlich nüchternere Erzählrichtung von Yorgos Lanthimos brillanten "Dogtooth", die weit weniger offensichtlich humoristisch angereichert ist, sondern eher in bitterbösen Winkeln versteckt lauert, ebenso wie der gesellschaftssatirische Ansatz. Der Trumpf des Sehwerts und der von Lanthimos geschaffenen Atmosphäre, die surreale Wirkung alltäglich scheinender Abläufe, wird zugleich zu einem wichtigen inhaltlichen Element zur Mitte hin, wenn die von Martin geäußerten Regeln nach erstem Misstrauen für geradezu selbstverständlich angenommen werden, trotz ihres übernatürlich scheinenden Ursprungs. Aufgrund der surrealen Vorarbeit und der Abgeklärtheit der hier aufgezeigten Gesellschaft, nimmt man dies als Zuschauer an, findet einen derartigen Umgang mit der Materie zwar weiterhin bizarr, entdeckt aber, dass mit dem Akzeptieren von etwas, das man eigentlich nicht so schnell als Wahrheit akzeptieren würde, genau die interessanten zwischenmenschlichen Aspekte ins Laufen kommen, die "The Killing of a Sacred Deer" in dieser Phase die meisten Pluspunkte bescheren. So kommt es, weiterhin im zurückgeschraubten, nüchternen Grundton gehalten, zu einem Wettbewerb unter den Familienmitgliedern, zu Verzweiflungstaten und Gefühlsausbrüchen eines Mannes, der sich sonst stets unter Kontrolle hat und zu einer finalen Tat, die unabwendbar ist. Dass sie dies ist, wird einem als Zuschauer mit der Zeit bewusst, erst recht wenn man andere Werke des Regisseurs und Mitautors kennt, die stets seine spezielle Handschrift tragen und dem Zuschauer niemals eine Erlösung oder einen sanften Umgang schenken, um mit dem vorgesetzten Szenario leichter umgehen zu können.

Was an dem hier besprochenem, nur schwer in Genres einzuordnenden, Film so beeindruckt, ist dass er das surreale Element mit simplen Mitteln geschaffen bekommt und auf widersprüchlich scheinende Art. Die Geschichte ist rätselhaft, obwohl jeder, mit gelegentlichen Ausnahmen der Hauptfigur Steven, stets offen die Wahrheit sagt und stets mitteilt was er gerade denkt. Die Dialoge sind direkter und aufgeklärter Art, aber wie in Trance gesprochen. Trotz Wahrheiten kommt es zu Misstrauen, trotz offen gespielter Karten wirkt die Geschichte rätselhaft und mysteriös, trotz der damit geschaffenen Personennähe, betrachtet man die Figuren distanziert, in einer alternativen, ernüchterten Welt lebend, in welcher es keine positive Lebensenergie zu geben scheint. Alles wird als selbstverständlich angenommen, trotz heruntergefahrener Emotionen und nicht vorhandener Gefühlsregungen erkennt man die Herzlichkeit untereinander, das Mitgefühl, die Liebe und damit einhergehend das emotionale Dilemma, das Steven quält, aufgrund der von ihm erwarteten Entscheidung. Lanthimos schafft die entrückte Wirkung der hier geschaffenen Wirklichkeit mit solch simplen Mitteln, wie der Idee die Leute trotz vorhandenem Intellekt stets nur in kurzen Sätzen miteinander reden zu lassen. Nur selten kommt es zu einem Nebensatz. Dies gekleidet in besagter Sachlichkeit, fehlenden Emotionen und in Trance gesprochener Tonlage gibt dem Szenario bereits dann einen packenden Effekt, wenn man noch nichts vom Aufhänger, welcher die eigentliche Geschichte in Bewegung bringt, ahnt. 

Der Widerspruch in natürlichem und surrealen Verhalten zeigt sich auch wunderbar im absichtlich steifen Spiel der brillant besetzten Schauspieler. Wieder hat es Nicole Kidman nach "Birth" und "Dogville" geschafft überzeugend in einem außergewöhnlichen Stoff mitzuspielen, Colin Farrell überrascht wie eh und je, die Filmtochter wirkt allein schon dadurch, dass sie als der natürlichst und emotionalst agierende Mensch in dieser Welt etwas aus dem Muster herausragt, und der Darsteller des Martin spielt in einer Unschuld, die ihm einen unheimlichen Touch beschert, oder zumindest einen mysteriösen. Man versteht nie ob er Strippenzieher ist, oder einfach eine Regelmäßigkeit bemerkt hat und benennt, die anderen nie auffiel und über die er selbst keine Kontrolle hat, vielleicht nicht einmal ihr Verursacher ist. Er wirkt auch inmitten des entfremdeten Verhalten der anderen geistig leicht entrückt. Das wird innerhalb der Geschichte sogar benannt, wird also auch in der uns lethargisch scheinenden Gesellschaft, die uns hier präsentiert wird, dementsprechend empfunden. Letztendlich sind es aber nur sanfte Graustufen, die Martin diesbezüglich von den anderen Figuren im Film trennen. "The Killing of a Sacred Deer" ist stilistisch, inhaltlich und erzählerisch ein brillanter Stoff für Freunde andersartigem, abseitigen Kinos und somit definitiv zu empfehlen. Die Gedankenspiele sind ebenso faszinierend, wie die verstörende Wirkung des Streifens an sich. Die nüchterne Erzählweise erlangt eine eigene Energie und Dynamik, die den auf immerhin fast zwei Stunden laufenden Film nie ausbremst. Kurzum gefällt mir diese satirische Groteske Lanthimos' wieder eine Spur besser als der (auch nicht uninteressante) Vorgänger.  OFDb

25.10.2020

DOGVILLE (2003)

Welch bitterböse Idee: eine verfolgte Frau darf sich über längere Zeit mit Einverständnis der Bewohner in einem kleinen Dorf verstecken und hilft als Gegenleistung jedem vor Ort bei diversen Tätigkeiten. Als nach einigen Wochen klar wird, dass sie von der Polizei gesucht wird, reichen die bisherigen Dienstleistungen nicht aus. Die Forderungen an die Versteckte werden immer größer und unerträglicher, sodass sie nach und nach in die Position einer Gefangenen rückt. Diese Geschichte ist äußerst reizvoller Natur und lässt einen vermuten, dass die Abrechnung mit den ach so braven Spießbürgern in einer düsteren, spannungsgeladenen Thriller-Variante daher kommt. Doch letztendlich lässt sich diese Satire gar nicht so leicht in ein Genre stecken. Die oftmals sehr dramatisch dargebotene Geschichte kommt schwarzhumorig, verspielt und bitter gleichermaßen daher, besitzt definitiv einen Spannungsbogen, der jedoch keineswegs auf Thrillerbasis daher kommt, sondern aufgrund der sich zuspitzenden Geschichte für Anspannung sorgt. Mit Nervenkitzel hat diese Art der Spannungserzeugnis im üblichen Sinne nichts zu tun. Zudem weht ein gewisser Märchen-Touch über den Dingen, ein Gefühl das stark dadurch beeinflusst wird, dass "Dogville" im Stile eines "Die fabelhafte Welt der Amelie" über die komplette Laufzeit von der sanften Stimme eines Geschichtenerzählers im Off begleitet wird, dessen ruhige, friedliche Stimme und Betonung selbst dann keinen Wandel erhält, wenn die Zustände, unter denen die Hauptfigur leidet, immer düsterer und leidender Natur werden. 

Zu diesem ungewöhnlichen Umgangston der Erzählung gesellt sich nun noch die experimentelle Optik des Streifens, spielt "Dogville" über seine kompletten 170 Minuten doch in einer großen Halle, auf deren Boden die Straßen(namen), die Häuser und die Namen ihrer Bewohner auf den Boden ge(kenn)zeichnet sind und die professionellen Schauspieler innerhalb dieser Markierungen agieren. Dieser Minimalismus funktioniert überraschend gut und kommt keineswegs so pseudo-intellektuell daher, wie diese ungewöhnliche Herangehensweise zunächst anmuten mag. Das liegt aber auch daran, dass man dieses Set als selbstverständlich einsetzt und ganz für sich, ohne Zusatzeinfluss, wirken lässt. Zudem ist "Dogville" geistreich, reflektiert, kritisch und kompromisslos erzählt. Lars von Trier, der auch für das Drehbuch verantwortlich ist, präsentiert einen Film für mündige Cineasten und konfrontiert sie mit der Natur des Menschen. Der Blick auf diese mag pessimistischer Natur sein, doch ganz so falsch wird der gute Mann nicht liegen, wenn es darum geht wie Menschen, frei von Kontrolle, immer hemmungsloser Macht ausüben. Dabei geht es der Geschichte nicht einzig um den dramatischen Aspekt der im Zentrum stehenden Frau und den Taten ihrer Peiniger, sowie nicht nur um den Wandel der braven Bürger zu unterdrückenden Wesen, es geht auch um die Rechtfertigung der Täter, um ihren Blickwinkel, aus dem sie sich noch immer für normale Bürger halten, und bei dem seltenen Fall der Einsicht einer Fehltat maximal Schuldzuweisungen auf Seiten des Opfers suchen, anstatt Reue zu zeigen. 

Unter Einfluss all dieser Faktoren schaukelt sich das Geschehen immer weiter hoch, während sich am äußeren und inneren Stil des Streifens nichts ändert. Das weiß den Zuschauer gekonnt zu verstören. Ob man den Kniff wie alles endet ebenfalls als derart gekonnt wie den Rest ansieht, liegt sicher im Auge des Betrachters. So gewitzt auch hier auf anderer Ebene die Natur des Menschen und seine Rechtfertigungen thematisiert werden, ich wurde den Eindruck nicht los, dass der Film diese Rechtfertigung als Gerechtigkeit gut heißt, und das hinterlässt einen recht fragwürdigen Eindruck. Es ist aber eben nur ein solcher, wer anders mag das anders interpretieren und sagen, dass von Trier keineswegs Stellung bezieht und hier ebenso objektiv lediglich berichtet, wie er es zuvor tat. Der Wandel der in den letzten Szenen des Films in der Luft liegt, ist jedoch bemerkbar. Eine andere Tonart bricht an, eine Debatte über Recht und Unrecht wird offiziell geführt, anstatt wie bisher mal mehr, mal weniger subtil im Hintergrund mitzuschwingen. Generationenkonflikte werden zu einem wichtigen Element, ebenso das Überprüfen der eigenen Persönlichkeit, die Korrektur daran, der Einfluss von Familie und eigenem Willen wird als wichtiger Fakt mit herangezogen, und inmitten all dieser Methodik empfand ich das dort gezeigte Bereinigen der Ereignisse durchaus als vom Film gerechtfertigte Revanche, während ich selbst hingegen dachte, dass sich hier keiner in irgendetwas nachsteht. 

Mit Gerechtigkeit hat das nichts zu tun, nicht einmal mit der klassischen Entladung nach einer Extremsituation. Ich kann aber wie gesagt nicht wirklich einschätzen, wie sehr der Autor und Regisseur hinter den finalen Taten steht, sprich wie sehr es ein Zugeständnis an die eigene Natur ist, derartiges Handeln als Gerechtigkeit zu empfinden, quasi als angewandte Reflexion dessen was zuvor über Fremdpersonen analysiert würde an sich selbst, sowie als Spiegel für den Zuschauer, um sich ebenfalls als Mittäter zu fühlen, als jemand der mit im Boot sitzt, eben weil in ihm ebenso die Natur des Menschen schlummert. Im umgekehrten Fall wäre es zumindest ernüchternd, dass dieser Schluss auch stumpf gemeint sein kann. Wie auch immer man zu diesem ungewöhnlichen Stilwechsel steht und ihn definiert, auch hier weiß "Dogville" so oder so definitiv zu beeindrucken, mitunter weil er wie erwähnt seinem ruhigen, märchenhaften Erzählstil treu bleibt, selbst wenn über Dogville gerade die Hölle hereinbricht. Aus dem ruhigen Geschehen wird frei von Spezialeffekten ein lautes, ereignisreiches Szenario, das ebenfalls von Taten, deren Drang bislang unterdrückt wurde, handelt. Selbst in dieser Phase bleibt von Triers Darstellung der Ereignisse, des Umfelds und der Akteure stets symbolisch. 

Kalt dürfte "Dogville" nur jene lassen, die sich nicht auf die Entfremdung, durch welche die Symbolik zum Zentrum des Filmstils wird, einlassen können. Dialoge, Schauspiel und Handlungsverlauf sind derart packend dargeboten, dass man sich eigentlich wunderbar auf "Dogville" einlassen und von dessen Ereignissen mitgerissen werden kann. Einem Publikum mit vielseitigem Filminteresse und Anspruch müsste das Ergebnis eigentlich schmecken. Hier maulen lediglich die Gewohnheitszuschauer, die nur ungern aus ihrer Wohlfühlzone geholt werden und das Hobby des Filmeschauens schlichtweg auf das Filmeschauen reduzieren.  OFDb

17.05.2020

BATMAN FOREVER (1995)

Nach dem düsteren Fetisch-Film "Batmans Rückkehr" wendet sich Folge-Regisseur Joel Schumacher von der Vision Tim Burtons ab und steuert die Reihe wieder mehr in Richtung der 60er Jahre Serie "Batman", welche die Comicvorlage nicht all zu ernst nahm. Es mag zwar keine Geräusche-Sprechblasen mit Piff und Puff geben, und eine gewisse Ernsthaftigkeit liegt noch immer in der Luft, gerade in den Szenen des Titelhelden, aber "Batman Forever" ist sehr bunt und schrill ausgefallen und räumt viel Platz für Humor und Budenzauber ein. Das passt zur Zirkusherkunft Robins, der mit diesem Teil eingeführt wird, und da er zu einer der, meiner Meinung nach, naivsten Ideen des Batman-Universums gehört, ist es wohl besser so den im Vergleich etwas erwachseneren Weg der Vorgänger hinter sich zu lassen. Die Zusammenkunft der beiden Partner wird überraschend glaubwürdig innerhalb eines fantastischen Popkorn-Kino-Szenarios umgesetzt, sie weiß sogar die Geschichte interessant zu halten und wird somit keine der Schwächen innerhalb des mit Val Kilmer in der Hauptrolle überzeugend besetzten Streifens.

Interessanter Weise zeigen sich die Schwächen eher im zu extremen Überagieren der beiden Bösewichter. Jim Carrey gehört zu meinen liebsten Mimen, aber hier geht er selbst mir auf den Senkel, so wie er hier frei jeder Mystik einen meiner Lieblingsgegner Batmans verkörpert. Doch damit nicht genug, selbst Tommy Lee Jones, der Mann mit der eisernen Mine, spielt ausgerechnet hier gegen den Strich ebenfalls auf zu schrille Art. Eine alles überblickende Umsetzung, ein wunderbares Popkorn-Comic-Feeling und eine nicht an erzählenswerten Elementen mangelnde Geschichte lassen den Film, an dessen Stil man sich nach den beiden Vorgängern erst einmal gewöhnen muss, dennoch zu einem amüsanten, kurzweiligen Erlebnis werden, ohne dabei jenes große Kino zu sein, das die Produzenten scheinbar anstrebten. Damit ist "Forever" (Alternativtitel) zumindest noch keine Katastrophe geworden, wie sein Nachzügler "Batman und Robin", der das Franchise einige Zeit, bezogen auf die große Leinwand, auf Eis legte (welche Ironie beim gewählten Gegner Mr. Freeze). Eine unnötige Liebesgeschichte fällt im großen Wirrwarr der Geschichte kaum negativ auf, tolle Spezialeffekte gibt es zu sichten, und ein Schluss-Gag in der Irrenanstalt weiß als beste Carrey-Szene innerhalb des Streifens zumindest mit dem Schauspieler zu versöhnen.  OFDb

09.02.2019

ICH.DARF.NICHT.SCHLAFEN. (2014)

Wer denkt bei der Ausgangsidee nicht automatisch an die Adam Sandler-Komödie "50 erste Dates", in welchem selbige Handlung humoristisch aufbereitet wurde? Die Ideen bezüglich des Umgangs mit besagter Erkrankung entwickeln sich dort erst im Laufe der Zeit, in Rowan Joffes Film, der auf einem Erfolgsroman basiert, von dem ich nicht weiß ob er vor der Sandler-Komödie geschrieben wurde oder sich dort dreist bedient, sind sie die Grundlage mit welcher die Geschichte beginnt. Geklaut hin oder her, aber der Aufhänger klingt für das Genre des Thrillers reizvoll, also habe ich den Film kurz nach dem Kaufen recht schnell gesichtet. Aber wie so oft, so hält auch hier das Ergebnis nicht das was die Erwartungshaltung verspricht. Wie man aus einer derart mit Potential angereicherten Grundidee Durchschnitt abliefern kann, will sich mir einfach nicht erschließen, begnügt sich der Autor doch mit den 08/15-Elementen eines jeden Thrillers, in welchem Menschen nicht wissen wem sie trauen können, und so nett sich das bis zum Schluss auch schauen mag, so ist der Film doch verglichen mit dem was möglich gewesen wäre recht mager ausgefallen.

Wie man herausliest funktioniert "Ich darf nicht schlafen" (Alternativtitel) als Zwischendurchverzehr ganz gut, aber zum wirklichen Tipp wird er nicht. Das liegt u.a. daran, dass Joffes Film lediglich zwei Verdächtige bietet und der erfahrene Zuschauer ziemlich schnell erkennt, dass es einer von beiden nicht sein kann, der ein Spiel mit Christine spielt. Zwar sind einem die Beweggründe nicht bekannt, die bei Offenbarung dieser tatsächlich überraschend auf den Zuschauer niederregnen (obwohl selbst diese Wendung nichts neues im Genre ist), aber der sich bestätigende Verdacht ist nun einmal längst ausgelutscht im Thriller-Bereich und reißt in der 1000. Variante keinen mehr vom Hocker. Glücklicher Weise agieren die Schauspieler solide, auch wenn ich Nicole Kidmans Engagement in "The Others" und "Birth" wesentlich motivierter fand. Aber wer will es ihr verübeln bei solchem Durchschnitt im interessanten Gewandt?

Eine schöne Idee des Streifens ist es hingegen, ähnlich wie in "Memento" mit der Thematik zu arbeiten, dass nicht jeder Information in den Videotagebuchaufzeichnungen zu trauen ist. So hört Christine im Gegensatz zum Zuschauer ahnungslos manche fehleingeschätzte Aussage von den Vortagen und vertraut diesen freilich, ohne zu hinterfragen ob sie sich damals eventuell geirrt haben könnte. Nebensächlichkeiten werden zu Verdachtsmomenten, fehlende Empathie aufgrund der gravierenden Situation, in welcher man sich erst einmal mit sich selbst beschäftigen muss, sorgt für Misstrauen und Trugschlüssen. Wenn der Zuschauer in die Auflösung eingeweiht wird, kommt diese recht wirksam mit einem Paukenschlag daher, besagter Moment weiß tatsächlich gut zu wirken, danach herrscht jedoch wieder Routine, wenn auch von dem Pluspunkt zehrend, dass sich Christine am nächsten Tag nicht mehr erinnert, wohingegen der Zuschauer die Maus in der Falle beobachten darf.

Gerade der Aspekt des Vergessens hätte Potential für einen bösartigen Schluss geboten. Leider entschied man sich für das extreme Gegenteil. So wird "Ich.Darf.Nicht.Schlafen." nicht nur ein Happy End beschert, es fällt zudem extremst kitschig aus, verschärft unrealistisch wirkend durch die zu sehr auf Modell getrimmten Darsteller der Schlussszene. Nach einem eher durchschnittlichen Film, von dem man sich wesentlich mehr erhofft hat, ist dies ein extrem ärgerlicher Schluss-Bonus. Aber ohnehin weichte bereits neben der zu vorhersehbaren Geschichte die Inkonsequenz des Autors das Gesamtergebnis auf. Erneut mit Blick auf den Sandler-Film fand ich dort die Entscheidung gut, dass das Erinnerungsvermögen nie zurück kehrt, wohingegen Christine sich nach und nach erinnert, warum auch immer jetzt erst. Bezogen auf den Auslöser Videotagebuch wirkt die Rückkehr einzelner Fragmente der Vergangenheit nicht glaubwürdig. Zumindest werden aber auch diese genutzt, um die Wahrnehmung der Hauptfigur zu täuschen. Aufgrund der auch dort bereits aus dem Genre bestens bekannten Mechanismen zum in die Irre führen, wird der erfahrene Cineast jedoch nicht vom Autor getäuscht. Aber das dürfte nach allem was ich über "Before I Go to Sleep" (Originaltitel) berichtete nun auch keinen mehr verwundern.  OFDb

27.10.2012

BIRTH (2004)

Anna kam nur schwer über den Tod ihres Mannes hinweg. Nun, Jahre später, glaubt sie es überwunden zu haben und möchte erneut heiraten. Plötzlich kontaktiert sie ein 10 jähriger Junge, der steif und fest behauptet ihr verstorbener Mann zu sein. Könnte an der irren Idee etwas dran sein? Immerhin weiß der Knabe Dinge, die er nicht wissen dürfte...

Beischlaf oder Arsch versohlen? - Eine Zwickmühle
 
Seine wirklich gute Idee kann man „Birth“ nicht absprechen. Ich war mehr als neugierig auf den Film, und seit „The Others“ konnte mich auch Nicole Kidman von ihrem Talent überzeugen, deswegen fand ich die Besetzung ebenfalls sehr reizvoll.

Kidman spielt auch wieder wirklich gut, und über die anderen Schauspieler kann man ebenfalls nicht klagen. Ein Film wie „Birth“ steht und fällt allerdings nicht allein mit der Überzeugung seiner Darsteller, Buch und Inszenierung sind auch ungeheuer wichtig, und hier schwankt der fertige Streifen nun ein wenig. Grundlegend kann man von einem gelungenem Werk sprechen, allerdings hat er einige Schönheitsfehler, die ihn von echten filmischen Größen trennen.

Völlig überraschend, im Hinblick auf das Entstehungsland, sind die Grenzen, die hier eingerissen werden. In Europa umgesetzt, wären diese zwar sicherlich noch extremer gewesen, aber ich stellte mich auf ein US-amerikanisches Werk ein, und da hat mich das gewagte Drehbuch doch hin und wieder überrannt. Spätestens in der Phase, in der die Rolle Kidmans von der Reinkarnation ihres Mannes überzeugt ist, darf man einige gesellschaftliche Provokationen sichten, die an die Nieren gehen.

Das ist zwar alles sehr ruhig erzählt, aber an allen Ecken und Enden brodelt es. Der Zuschauer spürt das Unbehagen (entweder ist Anna auf eine Lüge hereingefallen, was ihr Herz brechen und ihren Verstand völlig auflösen wird, oder sie liebt ein Kind und kann mit Knast oder einem fragwürdigen Leben in Flucht rechnen. Die Mutter des 10 jährigen weiß nicht was sie glauben soll, die Mutter Annas kann und will ihre Tochter nicht vor alles und jedem schützen. Einige Bekannte und Verwandte sind schockiert und wenden sich ab, und Annas Lebenspartner sieht seine Verlobte nun mit völlig anderen Augen. Die Situation in diesem letztgenannten Sub-Plot wird derart kompliziert, dass man sich als Zuschauer fragt, ob es überhaupt ein Zurück für das zukünftige Brautpaar geben könnte, wenn nun alles eine Lüge sein sollte. Wollen beide wenn überhaupt noch?

Überall kocht es emotional, oft gut eingefangen, manchmal zu konstruiert. Ein Manko, das die Grundgeschichte kaum kennt. Dabei sollte man genau dies meinen. Aber die Art und Weise wie der Junge sich Anna offenbart, der schleichende Weg wie Anna dem Kind verfällt, das ist alles, trotz der abgehobenen Idee, realistisch erzählt. Vielleicht wird sich zu Beginn etwas zu viel Mühe gegeben das Kind als Lügner zu entlarven (wahrscheinlicher wäre es gewesen den Jungen schlichtweg zu ignorieren), aber ansonsten erweist sich das Drehbuch als sehr sensibel. Es grast allerlei Graustufen ab, nimmt sich Zeit für die Charaktere und will zudem doppelbödig sein.

Hier übernimmt sich der Autor allerdings. So ist beispielsweise die erste Szene schon viel zu verräterisch, als dass sie in der finalen Auflösung nun plötzlich in einem anderen Licht dastehen könnte. Die Geschichte an sich folgt einer klaren Linie, es gibt keine parallelen, zusätzlichen Handlungsstränge und keine wirklich klugen Ideen, die aus dem Film ein analytisch dichtes Werk zaubern. Dafür lässt immerhin der Schluss ein Hintertürchen auf. Denn die Auflösung ist ähnlich wackelig, wie jene aus „Paul is Dead“, und in beiden Werken ist dies so gewollt. Was uns hier als Auflösung präsentiert wird, lässt noch einige Fragen offen. So ist beispielsweise anzuprangern, ob der Grund der Auflösung alles abdecken kann, was zuvor passierte. Das macht den Schluss besser als es zunächst scheint, da man sich erst von der genannten Auflösung blenden lässt, bevor man ins Grübeln kommt.

Regisseur Jonathan Glazer blendet mit einer betrügerischen Auflösung, lässt die offenen Fragen nur den aufmerksamen Zuschauer entdecken und lässt den Zuschauer von da an allein. Eine gute Entscheidung, denn so macht es viel mehr Spaß sich mit dem Werk auseinander zu setzen. Dass auch Psychotherapien in seinem Film versteckt kritisiert werden, wird nur der Zuschauerteil bemerken, der Nicht-Gezeigtes weiter denkt.

Der finale Brief erinnert in seiner Art etwas an jenen aus dem französischen Drama „Lärm und Wut“ und erweist sich in beiden Fällen als tolles Stilmittel, den Zuschauer zum Ende hin Kitsch-frei emotional zu berühren. Dies funktionierte in beiden Werken auch deshalb so prima, weil das Szenario an sich während der gesamten Laufzeit relativ nüchtern gezeigt wird. Vielleicht liest man deshalb so viel Negatives über Gazers Film, vielleicht ist „Birth“ den meisten nicht emotional genug. Ich finde allerdings, dass er in seiner nüchternen Art gerade seine Stärke findet und damit einen Hauch europäisch wirkt.

„Birth“ ist stimmig inszeniert, gut besetzt, überrascht mit dem Einreißen einiger Grenzen und hat einen interessanten Schluss. Auf der Gegenseite erweist sich die Anfangssequenz als störend und die Logik, insbesondere im Verhalten der Figuren, funktioniert erst, wenn man ein wenig Unsinn ignoriert. Zudem erscheint mir die Zusammenführung zweier wichtiger Personen am Ende zu einfach gestrickt. Diese Punkte machen den Film zu einer etwas wackeligen Angelegenheit, die aber dennoch eine interessante Ausnahme-Kost geworden ist.  OFDb

18.08.2012

DIE FRAUEN VON STEPFORD (2004)

Joanna und ihr Mann Walter ziehen in das malerische Städtchen Stepford. Der auf dem ersten Blick so sympathische Ort wirkt beim näheren Hinsehen jedoch weniger gemütlich: die Herren verbringen die meiste Zeit in einem Männerclub, und die Frauen von Stepford benehmen sich alle wie glückliche Hausfrauen aus der Fernsehwerbung...

Ein Kult zerbricht...
 
Eine Neuverfilmung von „Die Frauen von Stepford“ war eigentlich gar nicht nötig. Das Original ist immerhin ein gut gespielter, intelligenter Science Fiction-Klassiker, der nur durch seine langsame Erzählung in jungen Köpfen verstaubt wirken könnte. Gedreht wurde das Remake dennoch, und was dabei herauskam war eine kunterbunte Komödie anstatt einer anspruchsvollen Satire.
 
Etwas Tiefsinnigkeit, die mit dem Thema zwangsweise einhergeht, blitzt (ob gewollt oder nicht) hin und wieder auf. Aber echte Gesellschaftskritik war nicht das Ziel der hinter der Kamera beteiligten Personen, und das obwohl die Zeit dafür günstig stand, heutzutage wo Emanzipation wieder einige Schritte zurück erfährt. Die oberflächliche Unterhaltung schien den Produzenten wichtiger zu sein.

Schraubt man den Anspruch nun gewaltig zurück, um sich lediglich 90 Minuten lang unterhalten zu lassen, kann „Die Frauen von Stepford“ in der Zweitversion halbwegs überzeugen, aber nicht ganz. Denn das Weglassen des anspruchsvollen Gehaltes der Geschichte war nicht der einzige Fehler. Gerade wenn man andere Werke von Frank Oz kennt, wundert man sich, dass aus dem Remake nicht mehr als magerer Durchschnitt geworden ist. Erst recht im Komödienbereich schuf er tolle Werke wie „Der kleine Horrorladen“, „Bowfingers große Nummer“, „In und out“, „Zwei hinreißend verdorbene Schurken“ und das grandiose Meisterwerk „Was ist mit Bob?“.

Wenn man nun noch bedenkt, dass er Nicole Kidman an Bord hatte, eine Frau auf die ich nach ihrer Glanzleistung in „The Others“ ein Cineastenauge halte, versteht man um so weniger, warum das Ergebnis so eine routinierte Komödie wurde.

Matthew Broderick an Bord verweist da schon eher in die Richtung des Misslingens. Er spielt müde wie so oft und wirkt dabei blass, wie fast immer. Ohnehin ist er viel zu soft um zu einem typischen Stepford-Fiesling zu werden. Aber im Remake haben die Männer ohnehin einen etwas anderen Beweggrund als im Original, somit passt Brodericks lahme Art zur Begründung, verhindert aber dennoch nicht seine blasse Wirkung.

Erstaunlich ist auch, dass das Nebenpärchen wesentlich interessanter wirkt als das Hauptpärchen. Lovitz spielt wie gewohnt das Arschloch und verkörpert es auch hier erneut gelungen, und seine Frau, dargestellt von Bette Midler, ist die interessanteste weibliche Rolle. Midler spielt hervorragend und dabei Kidman locker an die Wand. Eigentlich hätte man sie gerne in der Hauptrolle gesehen, die Nebenrolle hatte aber wahrscheinlich mehr Reiz, immerhin darf sie im letzten Drittel zu einer Stepford-Frau mutieren.

Die allerbeste schauspielerische Leistung darf allerdings Christopher Walken verkörpern. Es ist dabei weniger seine Rolle als viel mehr die typische Walken-Wirkung, die mal wieder sehr immens ist. Dieser Mann hat einfach eine besondere Ausstrahlung, und jeder der mit ihm im Bild ist hat es automatisch schwer, egal in welchem Film wir uns befinden.

Der Einstieg in die Geschichte gehört zu den Höhepunkten des Films, und auch dieser wäre eine tolle Grundlage gewesen um echte Gesellschaftskritik auszuüben: Firmen lieben dich so lange du Geld bringst, und egal ob du lange erfolgreich warst oder nicht: Firmen schmeißen dich schneller auf die Straße als du piep sagen kannst. Seit Firmen in dem Irrglauben leben man müsste statt Gewinne maximale Gewinne erzielen, steht es schlecht um feste Arbeitsplätze und das Wohlfühlen auf solchen. Und die Rolle der Kidman darf ersteres auf herrlich brutale Art in Rekordtempo erfahren.

Leider schlafft der Film nach Ankunft in Stepford bereits etwas ab, so dass man schnell merkt, dass hier nicht mehr zu holen ist als belanglose Unterhaltung. Darauf lässt man sich schließlich kompromissbereit ein, so dass es auf routinierter Ebene durchaus fröhlich zur Sache geht. Aber je mehr sich „Die Frauen von Stepford“ dem Ende neigt, desto ärgerlicher wird das Gesehene.

Zunächst einmal weiß man nicht ob Oz der Überblick fehlte, oder ob das mögliche Einmischen der Produzenten für ein Wirrwarr sorgte, wenn es um die Manipulation an den Stepford-Frauen geht. Manchmal wirken sie wie Roboter, dann sind sie lediglich im Gehirn umprogrammiert. Wenn man sich im Finale deutlich für eine Variante entscheidet, steht diese im Widerspruch zu mindestens einer zuvor gezeigten Szene. So etwas ist ärgerlich.

Die erste finale Wendung ist nicht wirklich glaubhaft, da es unwahrscheinlich ist, dass ein Mann wie die Rolle Walkens seine Arbeit nicht persönlich überprüft. Die zweite Wendung, in der wir erfahren wer wirklich hinter den Geschehnissen von Stepford steckt, ist dann allerdings ein gravierendes Ärgernis. Die Erklärung ist bescheuert und bedarf zu viel Laufzeit. Ein Storyumschwung, der von „Terror in New York“ abgeguckt wurde (der Fortsetzung des Originals) wirkt allein schon dadurch unsinnig, dass die Opfer in Ruhe Erklärungen lauschen, anstatt Rache zu üben.

Das Verhalten der einzelnen Leute passt hinten und vorne nicht: Joanna verzeiht ihrem Mann, der nun wirklich deutlich in Versuchung war auf fieseste Art seine Frau zu entmündigen. Wie kann man mit so jemandem noch zusammenleben wollen? Sein Denken war neben dem kriminellen Element extremstes Kindergartenniveau. Wie soll man so jemanden jemals wieder vertrauen und ernst nehmen können?

Natürlich gäbe es an den Stepford-Filmen allgemein noch die übliche Naivität zu kritisieren, dass eine Stadt fast schlumpfendorfgleich so unauffällig seinem Treiben nachgehen kann. Im Remake noch mehr als im Original-Vierteiler, denn in der Neuverfilmung erfahren wir gegen Ende schließlich was für bedeutende, weibliche Persönlichkeiten Stepfords Frauen einst waren. Wurden diese denn von niemandem vermisst? Hätte da nicht wer früher den Braten riechen müssen?

Aber wenn man mit diesem Punkt ein Problem hat, wird man ohnehin mit keinem der mittlerweile 5 Stepford-Filmen warm werden. Das ist ein Punkt bei dem man ein Auge zudrücken sollte. Allerdings kommen beim Remake die vielen anderen ärgerlichen Punkte hinzu, so dass es bei diesem schwerer fällt über alles hinwegzusehen. Außerdem: Wieso sollte man dies überhaupt tun? Der Zuschauer muss sich schließlich keinem Film anbiedern. Er hat Geld dafür bezahlt um den Streifen zu sehen und damit ein Recht darauf zu schimpfen, dass er von den Verantwortlichen dieses Streifens für dumm gehalten wird.

Betrachtet man die Möglichkeiten die gegeben waren, durch die tolle Geschichte, die Vielzahl an Ansätzen zur gesellschaftskritischen Herangehensweise, dem talentierten Regisseur und dem gut gewählten Cast, wirkt das Ergebnis trotz seiner Kurzweile doch arg fade. Es gibt zwar kleine Lacher, keine Langeweile und einige interessante Neuerungen durch die 3 Jahrzehnte zwischen Original und Remake, aber mit dem Wissen der gegebenen Möglichkeiten im Hinterkopf kann ich dennoch über die Oberflächlichkeit und die Unlogik nur enttäuscht mit dem Kopf schütteln. Allerspätestens das hanebüchene Finale lässt einen verärgert zurück.  OFDb