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Samstag, 11. Februar 2017

DIRTY GIRL (2010 Abe Sylvia)


Die Schulschlampe Danielle wird in die Förderklasse gesteckt, wo sie ein gemeinsames Projekt mit dem schwulen Sonderling Clarke angehen muss. Als könnte es nicht noch schlimmer kommen teilt ihr ihre Mutter mit, dass sie bald wieder heiraten wird. Danielle macht sich mit Clarke gemeinsam von Oklahoma auf nach Californien, um ihren echten Vater aufzusuchen, dessen Identität sie erst kürzlich in Erfahrung gebracht hat. Die besorgten Mütter und Clarkes prügelfreudiger Vater sind ihnen auf den Fersen...


Der emotionale Mehlsack...

„Dirty Girl“ ist sehr bemüht darin ein zweiter „Juno“ zu sein. Recht modern gibt er seiner Hauptfigur Charaktereigenschaften, die zwiespältig aufgefangen werden, mit denen sie trotzdem emanzipiert wirkt, und die freilich einen emotionalen Hintergrund besitzen, den Danielle ohne es zu wissen herausfinden muss, um sich aus ihren Problemen herauswinden zu können. Auch „Dirty Girl“ soll frech, lebensbejahend, emotional und tiefgründig sein. Auch er will seine Protagonisten ernst nehmen und den Zuschauer in ein emotionales Wechselbad entführen. Trotz einer sympathischen Besetzung und einer recht kurzweilig erzählten Geschichte will das hoch anvisierte Ziel jedoch nicht funktionieren.

Das liegt aber auch an der Mentalität die der Film vermittelt. Zwar überrascht er mit einem angenehm ernüchternden Zusammentreffen mit Danielles Vater, damit die kommende Ehe der Mutter nicht weiter zu hinterfragen, obwohl der Neue ein religiöser Sonderling ist, und auch sonst werden Klischees umschifft, die regelrecht auf ihren Einsatz gewartet hätten. Dafür badet „Dirty Girl“ jedoch in manch anderen, gerade immer dann wenn er bemüht darin ist das Thema der Homosexualität Clarkes gefühlvoll umzusetzen. Auch die moralische Peitsche am Schluss, wenn die Schulschlampe zum geläuterten Vorzeige-Teenie wird, will sich nicht mit der so gern gewollten modernen Mentalität der ersten Hälfte decken, die sich im Nachhinein eher wie eine Täuschung als wie ein wirkliches Anliegen der Verantwortlichen des Stoffes anfühlt.

Innerhalb eines viel zu kurzen Zeitraumes mit viel zu wenig einschneidenden Erlebnissen wird aus einer verhassten Mutter eine Freundin für die Tochter, aus einer Rebellin eine einsichtige, erwachsene, junge Frau und aus einem aus schulischem Zwang verbundenem Freak-Paar eine Freundschaft für die Ewigkeit. Während trotz mancher Makel der trockene, unkitschige Blick auf das Gefühlsleben der beiden zentralen Figuren halbwegs modern und unaufgeregt nahe gebracht wird, womit man dem Ziel „Juno“ ansatzweise gerecht wird, steht das Finale im absoluten Gegensatz dazu und wird zu einer Revue des verträumten, realitätsfernen Kinos, wenn Clarke im entscheidenden Moment mitten in einem von Danielle auf der Schulbühne vorgetragenen Lied auftaucht, in den Song mit einstimmt, damit sich die beiden am Ende besagten Liedes schließlich im Kreis drehend umarmen dürfen, so als würde man sich in Filmen a la „High School Musical“ befinden. Anvisiert war wahrscheinlich der ähnlich gelagerte emotionale Höhepunkt von „About a Boy“, doch was diesen ausgemacht hat, hat man hier nicht verstanden.

Die glitzernde The End-Schrift, die dieser Schluss-Szene folgt, soll wahrscheinlich auf Clarkes homosexuelle Neigung hinweisen, um zu erklären warum „Dirty Girl“ mit einem Mal so theatralisch und schmalzig endet. Aber das beweist um einen Punkt mehr wie schwer man sich damit tut Clarkes Situation ehrlich und lebensnah zu beleuchten. Vor dieser Entgleisung war das Langfilm-Debut von Regisseur Abe Sylvia emotional eher nüchtern umgesetzt, eigentlich sogar eine Spur zu zurückhaltend diesbezüglich. Kurz vor dem Desaster bekam er die Kurve und zeigte uns mit dem Treffen des Vaters („My Girl 2“ lässt grüßen) und mit der helfenden Hand der Mutter wahrlich rührende Momente. Das macht das unerträgliche Kitschfinale freilich um so ärgerlicher.

„Dirty Girl“ lässt sich nicht in eine Schublade stecken. Dies nicht weil er so innovativ und lebensnah ist, sondern weil er nie genau weiß welchen Grundsätzen und welcher Mentalität er eigentlich folgen will. Bemüht in Realismus, Emanzipation und Moderne, aber badend in Klischees und erzkonservativem Denken, so als habe ein (im Film nicht) geläuterter Vater Clarkes versucht ein empathisches Drehbuch über zwei Verhaltensweisen zu schreiben, die er nicht versteht. Es ist erstaunlich dass der Film bei all diesen groben Fehlern als routinierte Tragikomödie trotzdem zu funktionieren weiß, was aber hauptsächlich an den sympathischen Jungstars liegt und daran, dass man aufgrund der fehlenden Natürlichkeit der Figuren schnell merkt, dass „Dirty Girl“ lediglich Kino ist, so sehr er auch bemüht darin ist es nicht zu sein.


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