Dienstag, 24. Juli 2012

SHOPPING-CENTER KING (2009 Jody Hill)



Ronnie ist der oberste Sicherheitsbeamte des örtlichen Einkaufszentrums und nimmt diesen Job sehr ernst. Da passt es ihm gar nicht, dass die echte Polizei dazwischen funkt, als es tatsächlich einen Fall zu lösen gibt: ein Exhibitionist verängstigt weibliche Kunden und Angestellte...


Ich - Das Zentrum der Welt...

Der kleine Mann, der seinen kleinen Beruf sehr ernst nimmt, der gerne mehr geworden wäre, da er glaubt es stecke mehr in ihm drin, der kleine Mann, der es dann doch wagt und die böse Konkurrenz von oben zu überraschen weiß, der kleine Mann, der über sich hinauswachsen muss um das Herz seiner Holden zu erobern, und so weiter und so fort! Diesen Plot kennt man, und er ist nicht neu. Schon der im selben Jahr erschienende, titelähnliche „Kaufhaus Cop“ erzählte diese altbackene Geschichte, die er nur mit leichter Abwandlung zu einem passablen Ergebnis führen konnte. So ziemlich jede drittklassige Komödie von oder mit Adam Sandler geht selbige Wege, was soll man sich da „Shopping-Center King“ anschauen? Die Antwort ist einfach: „Shopping-Center King“ ist anders.

Zwar hält er sich für meinen Geschmack viel zu eng an das klassische Muster von Storyablauf her, dieses erfährt aber eine leichte Änderung durch einen kleinen Aspekt in der Charakterzeichnung der Hauptrolle. Seth Rogen spielt einen soziopathischen Egomanen, der nur kurz davor steht eine Gefahr für sich und für andere zu sein (Zitat aus dem Ergebnis seiner Bewerbung für die Polizeischule). Und wo andere Filme einem solchen Außenseiter eine Chance geben, in dem er geläutert wird, in dem er sich zum besseren Menschen bessert, passiert in „Shopping-Center King“ diesbezüglich nichts!

Und keine Frage: das ist herrlich zu beobachten! Was hat es Spaß gemacht diesen provokativ aufpolierten Streifen zu schauen und festzustellen: die sind konsequent! Die lassen ein Arschloch Arschloch sein, und daran wird sich auch nichts ändern. Nicht einmal die Begründung der psychologischen Krankheit des Helden dient als Schutz, Ausrede oder Alibi. Es ist schlichtweg eine Begründung unter mehreren angedeuteten, warum Ronnie so ist wie er ist.

Und da er selbst das wichtigste in seinem Leben ist, das Zentrum der Welt, der Mittelpunkt aller Wichtigkeit und in diesem Zustand freilich auch vor Selbstbewusstsein nur so glüht, glaubt er auch in allem recht zu haben, selbst wenn alles um ihn herum für das Gegenteil steht. Sein Urteilsvermögen ist aus dieser Egosicht getrübt, gerät aber lange Zeit nicht ins Wanken, und wenn dies dann doch einmal passiert, ist hinterher alles wie vorher. Gegen Ende nimmt Ronnie wieder seine Tabletten. Das hat aber weniger die Bedeutung des sich bessern Wollens, a la „Besser geht‘s nicht“, sondern ist nur wieder das Geraderücken einer Verschiebung der Norm für Humorzwecke. Denn wenn man mitten im größten Chaos irgendwann erfährt, dass Ronnie auf Eigeninitiative seine Medizin weglässt, da es ihm so gut ginge, ist das nur eine von wirklich vielen gut gesetzten Pointen.

Dadurch sich dem charakterlichen Wandlungsmuster gängiger amerikanischer Komödien zu verweigern, kommt „Shopping-Center King“ wesentlich unverkrampfter daher als all das was in den letzten Jahren aus diesem Land humoristisch in unsere Kinos sprudelte. Dementsprechend locker geht der Streifen auch mit Tabuthemen um, wie dem Thema Nacktheit, welches in der Art eines „American Pie“, aber noch mehr eines „Scary Movie“ in den 90er und 00er Jahren doch recht gewollt provoziert wurde. Keine Frage, das waren wichtige Schritte in der Befreiung aus bislang gekannten Prüderie Hollywoods. Es ist aber genau so wichtig, dass die Amis in ihrem liebstem Medium neben dem TV auch endlich dahin gelangen, was „Shopping-Center King“ ihnen vor macht: die lässige Variante mit dem Tabuthema Nacktheit umzugehen. Und anbei auch das unverkrampfte Spiel mit dem Anbiederungen umgehenden Verarbeiten von Themenbereichen wie die Krankheit Ronnies oder dem Alkoholismus seiner Mutter.

Bleiben wir aber beim Thema Nacktheit, welches trotz des für kurze Zeit ins Zentrum rückenden Exhibitionisten zunächst keine Rolle spielt. Kaum zu glauben, aber das Umherlaufen eines nackten Mannes kann zur lustigsten Szene einer Komödie werden, wenn das ganze als eine Verfolgungsjagd durch ein gut besuchtes Einkaufszentrum inszeniert wird, in Zeitlupe ein hin und her zuppelnder Pillemann nicht zensiert wird und dieses Szenario mit dem Lied „Where Is My Mind“ untermalt wird. Zwar gab es mal eine vergleichbar mutige Szene 10 Jahre zuvor in „Terror Firmer“, aber die badete inmitten eines klamaukigen Provokationsfilmes, der seinerzeit auf ganz eigene Art all jenem den Stinkefinger zeigte, was Kommerzkino zu bieten hatte. „Shopping-Center King“ ist jedoch kein Gegenstück zum Mainstream-Kino. Er zeigt wie es innerhalb diesem anders geht. Ein gewisser Grad Mainstream bleibt er dennoch.

Zu schade, dass die eigentliche Geschichte viel zu routiniert abläuft. Der sture, unveränderbare Charakter des Egomanen kann schon viel vom üblichen Klischeeablauf abwenden, letztendlich verfällt der Streifen dennoch viel zu sehr ins gängige Muster. Zumindest tut er dies mehr als es nötig gewesen wäre in einem sonst so konsequent modern erzählten Streifen! Da tut es der Komödie sichtlich gut passend besetzt zu sein. Seth Rogen passt super in die Rolle des Ronnie und gefiel mir dort auch besser als in „Superbad“ oder „Beim ersten Mal“, wo ich seine Leistungen auch schon beeindruckend fand. Als Gegenspieler ist auch Ray Liotta gekonnt besetzt. Und Anna Faris, die diesmal keinen Sympathiecharakter spielen darf, tobt sich erneut aus, so wie sie es gerne tut. Müde Ausrutscher wie der ein Jahr zuvor erschienende „House Bunny“ scheinen der Vergangenheit anzugehören.

So bleibt mir nur all jenen, die beim Lesen jeglicher Inhaltsangaben und beim Titel ebenso mit den Schultern zucken mussten wie ich, zu sagen, dass „Shopping-Center King“ einfach mal anders ausgefallen ist als all das im scheinbar selben Fahrwasser erschienende. Trotz des noch immer vorhandenen Streifens des Mainstream-Bereichs ist der Film aber immerhin noch weit von den gängigen 08-15-Adam Sandler-Komödien entfernt. Denn einem Hauptrezept von diesen verweigert sich „Shopping-Center King“ komplett: den der biederen Moral.


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