Sonntag, 23. September 2012

DER MANN MIT ZWEI GEHIRNEN (The Man With Two Brains 1983 Carl Reiner)


Dr. Hfuhruhurr ist der größte Hirnchirurg im ganzen Land. Während eines Interviews überfährt der Witwer versehentlich die hinterhältige Dolores, in die er sich sogleich verliebt. Er rettet ihr mit einer Gehirnoperation das Leben und heiratet sie noch im Krankenhaus. In ihren Flitterwochen in Wien lernt Dr. Hfuhruhurr den Kollegen Dr. Nötigenfalls kennen, der völlig neue Erkenntnisse in der Hirnforschung liefert. Er schafft es u.a. Gehirne in Einmachgläsern losgelöst vom Körper am Leben zu halten. Mit einem solchen in telepathischen Kontakt stehend, verliebt sich Hfuhruhurr erstmals in einen Charakter anstatt in einen scharfen Körper...


Gripsreicher Nonsens...

Steve Martin fällt heutzutage eher durch Hauptrollen in mittelmäßigen Produktionen wie „Haus über Kopf“, „Im Dutzend billiger“ und „Der rosarote Panther“ auf. Dass er in den 80er Jahren einer der erfolgreichsten Komiker Amerikas war, ist heute kaum noch zu bemerken, drehte er im besagten Jahrzehnt doch Filme, die seinem Talent wesentlich gerechter wurden. Martin spielte neben Hits wie „Roxanne“ und „L.A. Story“ nach eigenen Drehbüchern auch in solch gelungenen Werken mit wie „Ein Ticket für zwei“ und „Zwei hinreißend verdorbene Schurken“. Mit Filmen wie „Eine Wahnsinnsfamilie“ und „Grand Canyon“ bewies er sich außerdem auch als ernsterer Mime.

Internationalen Durchbruch erlangte er durch die Komödie „Solo für Zwei“, die seine vierte und letzte Zusammenarbeit mit Regisseur Carl Reiner darstellte, ein fruchtsames Gespann. Die beiden drehten zusammen „Reichtum ist keine Schande“, „Tote tragen keine Karos“ und den hier besprochenen „Der Mann mit zwei Gehirnen“, mit Ausnahme von „Solo für Zwei“ alles Filme nach Drehbüchern von Steve Martin, teilweise unter Mitwirkung von Carl Reiner geschrieben.

„Der Mann mit zwei Gehirnen“ ist meiner Meinung nach Steve Martins bester Film, vereint er doch ebenso wie seine etwas poetischeren Werke „L.A. Story“ und „Roxanne“ hemmungsloses Herumgealber mit Köpfchen, wirkt im Gegensatz zu diesen jedoch noch eine Spur mutiger, vielleicht da losgelöst vom Zwang durch Berühmtheit einem Publikum gefallen zu müssen. Das Drehbuch von Martin und Reiner wirkt von Zwängen losgelöst, so als hätten die beiden einfach das geschrieben, was sie schon immer mal drehen und sehen wollten.

Pointenreich wird eine völlig durchgeknallte Geschichte erzählt, die mit heutigen Sehgewohnheiten auf einen etwas langsamer wirkt als moderne Werke gleichen Kalibers a la „Zoolander“. Dennoch gibt es gelungene Witze im Sekundentakt, gerade wenn man auch auf mimische oder versteckteLustigkeiten achtet.

Im Vordergrund steht allerdings hemmungsloses Herumgealber, bei dem man sich teilweise, ebenso wie bei der Geschichte selbst, sicherlich zu recht fragen darf, ob das Drehbuch ohne Einnahme von Drogen erarbeitet wurde. Da dienen mit Spucke beschmierte Hände als Saugeffekt an einer Häuserwand zur Errettung der Geliebten in einem hohen Stockwerk. Da wird mit einem Gehirn herumgeknutscht, dem man Wachslippen auf sein Einmachglas geklebt hat. Eine Fensterscheibe wird mit einem erregten Penis zerstört, wahnwitzige Alkoholtests werden durchgeführt, eine Zahl wird zerkocht, und in einem Mietshaus wird eine Oma um ihren immer bereitstehenden Rammbock gebracht.

Völlig bescheuerte Ideen wie angeklebte Hasenohren an der Kopfbekleidung eines Chirurgen sind ebenso vorhanden wie pfiffige Momente, die sich ganz besonders im letzten Drittel herauskristallisieren, wenn „Der Mann mit zwei Gehirnen“ sich zur Horror-Parodie wandelt. Bis auf „Frankenstein“ wird in dieser Phase so gut wie nichts direkt parodiert, aber man erkennt dass die beiden Köpfe hinter dem Projekt das Szenario und die Klischees von Gruselklassikern kennen und damit das Händchen dies in Witzigkeit umzudrehen beherrschen.

Dennoch wird der Film niemals zur echten Horror-Komödie, er spielt lediglich mit Elementen aus dem unheimlichen Genre, was sich u.a. auch im Titel „Der Mann mit zwei Gehirnen“ zeigt. Dort sind deutliche Anlehnungen an tatsächlich existierende Horrorfilm-Titel wie „Der Mann, der sein Gehirn austauschte“ und „Der Mann mit zwei Köpfen“ zu erkennen, nur ein weiterer Hinweis, dass Martin und Reiner sehr wohl bewusst war, was sie da schreiben.

Dass es nicht nur wegen der inhaltlichen zwei Gehirne dabei nicht geistlos zur Sache geht, zeigen zwischendurch immer wieder Teilbereiche der Geschichte, die bewusst die Tiefe einer solchen Handlung anklingen lassen, freilich nur um sie provokativ wieder fallen zu lassen. Da werden philosophische Gedanken aufgegriffen, faszinierende Visionen einer wissenschaftlichen Zukunft geäußert, gekonnt mit der Psychologie von Mann und Frau gearbeitet und mit Herzenslust mit den Sehgewohnheiten des Publikums gespielt, das des öfteren vor den Kopf geschlagen wird, und sei es nur, wenn man in die Kunst von Film-Dekoschwindel eingeführt wird.

„Der Mann mit zwei Gehirnen“ schaut sich genial, lustig und mutig, kann jedoch nicht ganz verstecken, dass er trotzdem ein Kind seiner Zeit ist. Ständige Sexualprovokationen, gerade im ersten Drittel, spiegeln deutlich den Zeitgeist wieder. Allerdings sind selbst die Ausrutscher in diesen Bereich nur selten unwitzig und bei weitem nicht so plump wie Sexwitzchen im heutigen Teenfilm-Bereich. Innerhalb von vulgären Momenten, aber auch in kindlichen Albernheiten und geistlos scheinendem Nonsens, verliert der Film nie sein Niveau, das sich deutlich im Erkennen und Verstehen von Situationen, Psychologie und Zusammenhängen äußert.

Wer die Arbeiten Steve Martins mag und noch nicht „Der Mann mit zwei Gehirnen“ angeschaut hat, sollte keine Zeit damit vergeuden sich zu recht zu schämen. Nein, der sollte so schnell wie möglich diese wundervolle Komödie auftreiben und konsumieren. Beim einmal Gucken wird es sicherlich nicht bleiben.


Trailer,   OFDb

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