Montag, 19. November 2012

FRANKENSTEIN (1910 J. Searle Dawley)


Ein Wissenschaftler reanimiert den Körper eines Toten. Gewissensbisse plagen ihn derart am Heiligtum des Lebens herumgepfuscht zu haben. Er will sich bessern und heiratet seine Verlobte, die er bisher hat warten lassen. In der Hochzeitsnacht wird die Braut von dem Untoten attackiert. Als dem Forscher seine Kreatur allerdings im Spiegel als sein Ebenbild erscheint, scheint alles anders zu sein als zunächst vermutet...


20 Jahre vor Karloff...

Da hat der Film nun 100 Jahre auf dem Buckel, und er kommt immer noch mit einer sehr schönen Bildqualität daher. Die Musik untermalt den Kurzfilm sanft und ist somit weder aufdringlich noch nervig wie in manch anderem Werk der filmischen Frühgeschichte.

Dass man in 13 Minuten inhaltlich einige Sprünge machen muss, dürfte jedem klar sein. Und so konzentriert man sich nur auf das nötigste. Die Erschaffung der Kreatur ist mitunter das interessanteste an dieser Verfilmung. Hier gibt es keinen Blitzschlag oder ähnliches. Nicht weil dies zu schwer zu realisieren gewesen wäre, nein, denn die Erschaffung des Untoten, wie wir sie in diesem Film erleben, entpuppt sich als zu seiner Zeit wesentlich schwieriger zu tricksen, und so ist es ein wahrer Augenschmaus der toten Kreatur dabei zuzusehen, wie sie aus dem scheinbaren Nichts entsteht.

Die Kreatur an sich erinnert optisch etwas an die typischen Leutchen auf Rock am Ring in ähnlich lumpigen Klamotten wie sie „Pippi Langstrumpf“ später tragen sollte und mit einer hohen Stirn, wie wir sie später auch an Karloff in der Rolle des Monsters von „Frankenstein“ erleben dürfen. In seiner Gesamtheit wirkt das Monster eher wie ein Mr. Hyde oder vielleicht noch wie eine sanfte, fast haarlose, Werwolfvariante.

Der Film hat so seine Sprünge, und so ist es etwas verwunderlich, wie sich das Monster zwischen den verschiedenen räumlich getrennten Szenarien fortbewegt ohne von irgendwem erkannt zu werden. Aber wie erwähnt sind solche Lücken nicht wirklich schlimm, und außerdem beantwortet sich dies von selbst in der etwas verschlüsselten Auflösung des Films. Wenn das Monster nach Sichtung seiner Selbst im Spiegel zum Nichts zerfällt, könnte man meinen es habe sich selbst zerstört, aus Verzweiflung und/oder der eiskalten Isolierung unserer Gesellschaft.

Wenn dem so wäre, gäbe es jedoch eine Lücke in der Logik: das Monster bleibt im Spiegelbild erhalten, dann betritt Frankenstein das Zimmer, guckt in den Spiegel, und das Monster darin verwandelt sich zum Ebenbild Frankensteins. Dieser Sachverhalt lässt viel eher vermuten, dass die Erschaffung der Kreatur eine geistige Krankheit war, eine Einbildung, was auch erklären würde warum nur Frankenstein den Untoten je sah.

Leider kenne ich weder das Buch noch die Hintergründe dieses Kurzfilmes. In den späteren Filmen erweckt Frankenstein ganz klar eine Kreatur. Nun wird aber nicht jeder Film gleich interpretiert, wie auch der Vergleich „Der Zauberer von Oz“ von 1925 zu „Das zauberhafte Land“ zeigt. Film und Buch gehen ebenso häufig getrennte Wege. Mit seiner Idee nimmt Regisseur Dawley den Clou von "Das Cabinet des Dr. Caligari" vorweg, der fast ein Jahrzehnt später entstand.

“Frankenstein“ von 1910 ist kurz, dadurch niemals langweilig, interessant erzählt, typisch für seine Zeit gespielt, und ähnlich wie im Theater gibt es pro Szene nur eine Einstellung. Die Kamera ruht und Schnitte gibt es erst im Szenenwechsel. Der Schriftzug zwischen den Sequenzen ist keine Übersetzung der gefallenen stummen Worte wie in vielen anderen Frühwerken, sondern der Lückenfüller der in dieser kurzen Laufzeit nicht möglichen Szenen (die Erwähnung eines 2-Jahre-Zeitsprungs, räumliche Veränderungen,...). Die Texttafeln nehmen dabei auch das ein oder andere Mal etwas von der Szene vorweg, beispielsweise in der ersten Spiegelszene der Kreatur.

Dawleys Werk ist filmhistorisch interessant und mit Sicherheit auch ein wertvolles Stück Zeitgeschichte durch die Herangehensweise an den Stoff (erst recht dank der Vergleichsmöglichkeiten zu den x anderen Verfilmungen).


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