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Freitag, 10. Juli 2015

GIER (2010 Dieter Wedel)


Millionäre schwören auf Glanz‘ Investmentmöglichkeiten, und auch der mittelmäßig verdienende Schroth möchte etwas vom Kuchen abhaben. Ganze 500 - 1300% Gewinn verspricht Glanz den Anlegern, doch der Tag der angeblichen Auszahlung verschiebt sich immer mehr. Als das Finanzamt auf den Täuscher aufmerksam wird, seilt Glanz sich nach Afrika ab. Die Regierung dort liefert nicht wegen Steuerdelikten aus. Und um Glanz wegen Betrugs festzunehmen bedarf es eines Klägers. Aber egal wie sehr sich die Auszahlung des angeblichen Riesengewinns auch hinauszögert und so sehr die enge Finanzlage auch Notsituationen schafft, dank seiner vertrauenswürdigen Art glauben die Anleger, die sich mittlerweile bei Glanz in Afrika aufhalten, noch immer an das abgeschlossene Geschäft und wollen der Realität nicht ins Auge sehen...


Glanz oder gar nicht...

Wir leben in einer Finanzwelt. Gesetze werden für die Wirtschaft anstatt für den Menschen gemacht, die sozialen Umstände werden immer ungerechter. Und so braucht es nicht wundern dass manch einer vom großen Geld träumt, selbst wenn ihm solch ein Irrsinn von über 500% Gewinn versprochen wird. In der Regel spricht man schon bei einem Versprechen von 30% Gewinn von einem höchst zweifehalftem Geschäft. Die Gier ist zentrales Thema und Titel des hier besprochenen Filmes von Regisseur Dieter Wedel, der mit den TV-Mehrteilern „Der König von St.Pauli“ und „Der große Bellheim“ berühmt wurde.

„Gier“ war nicht mehr ganz so viel Erfolg beschert wie den Hits des Mannes, dabei kann sich der 180minütige Zweiteiler durchaus sehen lassen. Allein die Besetzung weiß zu gefallen. Devid Striesow, der für mich immer so etwas von einem Hape Kerkeling-Double hat, spielt in der Rolle des Schroth wunderbar leichtgläubig und dümmlich und damit glaubwürdig, und sein Gegenspieler Ulrich Tukur als Glanz hat trotz Negativcharakter die komplette Sympathie hinter sich. Prominent dabei sind Kai Wiesinger, der es schafft rückgratlos naiv zu spielen und sich selbst dann noch über den kommenden Riesengewinn wie ein Kleinkind zu freuen, wenn er schon so pleite ist, dass er sein Geschäft, welches seit Generationen in Familienbesitz ist, aufgeben muss. Ganz oben an der Spitze muss man aber, und das soll man gar nicht glauben, Uwe Ochsenknecht erwähnen, der solch einen wunderbaren Proleten von Anleger spielt, dass es eine wahre Freude ist mit anzusehen, wie dieser auf seine einfache Art im Gegensatz zu den restlichen Anlegern ungeduldig und roh wird.

Das interessante an „Gier - Mit Glanz und Gloria“ (Alternativtitel) ist, dass er fast seine komplette überlange Zeit lediglich davon handelt wie Glanz die Anleger im Glauben lässt es käme noch zur versprochenen Auszahlung. Monate um Monate vergehen, und der rhetorisch begabte Mann weiß den immer wieder aufkeimenden Missmut der Betrogenen immer wieder glattzubügeln. Erst kurz vor Schluss, wenn auch der letzte Anleger begriffen hat das er sich von Glanz aufs Glatteis hat führen lassen, wendet sich das Blatt, scheint das Drehbuch in Comic-hafter Übertreibung auszurutschen, aber selbst dann bleibt Wedel, der die Geschichte geschrieben hat, den Figuren treu und sorgt dafür, dass alles doch noch glaubwürdig endet.

Zugegeben, für eine Satire kommt „Gier“ recht zahm daher und seine Umsetzung ist in seiner ruhigen, geradezu trockenen Art Old School, was aufgrund der auf der Stelle zu tretenden Handlung manch einen Zuschauer überfordern wird. Für mich lag aber gerade der Reiz in der scheinbar festgefahrenen Handlung. Die Anleger dabei zu beobachten wie sie immer wieder den neuen Versprechungen von Glanz Glauben schenken, zu sehen wie sie von tiefster Depression doch immer wieder zu ihrem Lächeln mit den Dollarzeichen in den Augen zurück finden, ist ein Spaß der auch auf 180 Minuten zu funktionieren weiß, eben da für den Zuschauer von Anfang an feststeht, dass Glanz ein Hochstapler ist.

Und entgegen dem was man von der Geschichte erwartet, und im Gegensatz zu dem was der Cliffhanger am Ende von Teil 1 andeutet, bekommt Schroth nie jene Rolle als Finanzverräter zugeordnet, von der man aufgrund der vorgemischten Karten ausgeht. Wedel weiß genau wie er welchen Charakter schreibt, und so bleibt Schroth stets so unentschlossen und halbherzig, wie seine Figurenzeichnung nun einmal angelegt ist. Der laute Protest kommt von ganz anderer Seite, und Schroth liefert nur einen kleinen Anteil dessen, was zum Niedergang von Glanz Imperium führt.

Orientieren darf sich der Zuschauer interessanter Weise an beiden Hauptfiguren. Den familiären und finanziellen Niedergang Schroths erleben wir ebenso in der ersten Reihe, wie die neuen Herausforderungen Glanz‘ die Situation zu meistern, damit die Mannschaft nicht das imaginäre Schiff kentert, auf welchem er als Kaptain die Strippen zieht. Stößt Glanz etwas zu, ist es vorbei mit der Auszahlung, und damit überwacht jeder den anderen nichts Dummes zu tun - sprich eigentlich das einzig Schlaue nicht zu tun.

Ich verstehe wenn das manch einem nicht genug Stoff für 180 Minuten bietet. Kann man aber, so wie ich, etwas mit den Charakteren anfangen und mit dem wahren Kernpunkt des Erzählten, wird man gut unterhalten, zumal man dann erkennt, dass es nicht wichtig ist die Hebel hinter all dem Ganzen zu zeigen, egal ob das nun das tiefere Interesse von Glanz ist oder die staatlichen Hintergründe. Auch wer glaubt der Aufstieg des Betrügers wäre die interessantere Geschichte gewesen, der irrt meiner Meinung nach. Denn im schlichten Bereich liegt hier der Mehrwert. Das Beobachten der scheinbaren Nichtigkeiten, welche die einzelnen Charaktere in ihrer Gier und Naivität entlarven, ist der wahre Kick der Geschichte. Wer zu gierig auf mehr Handlung ist, hat mit „Mit Glanz und Gloria“ (Alternativtitel) keinen Spaß.


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